Bedingungsloses Grundeinkommen. Über die Zukunft der Wissenschaftskommunikation.
Bedingungsloses Grundeinkommen. Über die Zukunft der Wissenschaftskommunikation.

10 Jahre ScienceBlogs. 10 Jahre Schreiben für die Wissenschaft. Für mich ein Anlass für einen kleinen Exkurs: Heute schreibe ich nicht über Bioinformatik, heute schreibe ich über ein sozialpolitisches Finanztransferkonzept: das bedingungslose Grundeinkommen.

Gleich vorweg: Ich will mir nicht anmaßen, die sozialpolitische Tragweite des bedingungslosen Grundeinkommens abschätzen zu können. Es gibt genug Befürworter und ebenso genug Gegner. An der Idee ist also anscheinend etwas dran, aber sie ist wohl auch nicht die Nonplusultralösung, die alle unsere sozialpolitischen Probleme aus dem Weg schafft. Ich möchte hier auch gar nicht die Für und Wider des Grundeinkommens gegeneinander abwägen — das ist einfach nicht mein Fachgebiet (ihr dürft aber natürlich gerne in den Kommentaren darüber diskutieren). Stattdessen möchte ich euch erzählen, warum ich diese Idee interessant finde. Und das hat etwas mit meinem ganz eigenen beruflichen Interesse zu tun.

Ich habe das Glück, eine Fachrichtung studiert zu haben, die ich bis heute spannend und interessant finde. Und trotzdem finde ich es schwer, beruflich auf die Art und Weise Fuß zu fassen, die mich wirklich zufrieden stellen würde. Im Laufe meiner Promotion haben sich meine Interessen mehr und mehr herauskristallisiert; auch habe ich verschiedene Berufsbilder — vom Professor bis zum Geschäftsführer — genau unter die Lupe genommen. Und festgestellt: mit keinem kann ich mich ernsthaft identifizieren. Was ich wirklich machen möchte? Über Wissenschaft reden. Meine Faszination an der Bioinformatik weitergeben. Vom Schüler bis zum Rentner.

Es wird viel zu wenig über Wissenschaft gesprochen. Nur ein Beispiel: Schulunterricht. Klar, zuerst einmal müssen Schüler die Grundlagen (zum Beispiel der Biologie) lernen. Ohne diese Grundlagen ist es schwierig, über Wissenschaft zu reden. Aber eben doch nicht unmöglich. Auch klar: Lehrer haben kaum die zeitlichen Möglichkeiten immer auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand ihres Unterrichtsfaches zu stehen. Müssen sie aber auch gar nicht. Viel mehr müssten Wissenschaftler in die Schulen kommen und wie Feuer und Flamme über ihr eigenes Forschungsgebiet erzählen.

Hier stehen wir vor dem nächsten Problem: Welcher Wissenschaftler hat dafür Zeit? Welcher Wissenschaftler hat überhaupt Zeit, außerhalb der eigenen Community über die eigene Forschung zu reden? Viel zu viel Zeit geht dafür drauf, Forschungsgeldern hinterherzujagen (vielleicht ist auch das ein Schwerpunkt, der sich mit dem bedingungslosen Grundeinkommen ein wenig verschieben würde — aber darauf will ich eigentlich gar nicht hinaus). Und nicht jeder Forscher ist dazu in der Lage, seine Inhalte so aufzuarbeiten, dass auch noch der Opi von nebenan versteht, warum das spannend und wichtig ist. Und das müssen sie auch gar nicht sein. Lassen wir doch die begnadeten Forscher einfach ihre Arbeit tun; dann kommen Leute wie ich und wir können die Kommunikation übernehmen.

Jetzt könnte man wiederum sagen, diese Leute gibt es doch längst, man nennt sie Journalisten. Klar ohne Frage, ohne die geht es nicht. Sie haben das Schreiben gelernt und wissen, wie sie die Leser mitreißen können. ABER (war ja klar, dass eins kommt) hier stellt sich mir oft die Frage: Was ist für gute Wissenschaftskommunikation wichtiger: das Handwerk des Schreibens professionell zu erlernen und sich nebenbei das wissenschaftliche Hintergrundwissen anzueignen oder doch eher die Wissenschaft professionell zu erlernen und sich den Werkzeugkasten des Schreibens selbst beizubringen? Sicher braucht man in beiden Bereichen eine gewisse Portion an Talent und Interesse, damit am Ende eine gute Mischung rauskommt. Was letztlich die bessere Variante ist, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß aber, dass ich als Bioinformatikerin immer mit mehr Enthusiasmus über bioinformatische Themen reden werde, als ein Journalist, der ein solches Thema zugeteilt bekommen hat.

Nun könnte ich ja einfach meinen Interessen nachgehen und über Wissenschaft schreiben. Wer sollte mich davon abhalten? Keiner. Deswegen habe ich ja auch voller Elan meinen eigenen Blog gestartet und mich in die Arbeit gestürzt — um nach einem Jahr und knapp 40 Beiträgen festzustellen: Wissenschaftskommunikation kostet verdammt viel Zeit. Zeit, die mir keiner vergütet. Denn auch wenn ich von allen Seiten höre, wie toll und wichtig es ist, was ich tue: bezahlen kann es mir keiner. So kam zu meiner 40h Arbeitswoche nun auch noch stundenlange Recherche in den Abendstunden und am Wochenende hinzu. Ich gestehe, sowohl meine Arbeit als auch das Bloggen machen mir verdammt viel Spaß, deswegen empfinde ich Arbeit wohl viel weniger als Arbeit als manch anderer. Und trotzdem brauche auch ich meine Freizeit: für Sport, für Freunde und neuerdings an Position Nr. 1: für meine Familie!

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Kommentare (25)

  1. #1 Tim
    10. Januar 2018

    Ein Kritikpunkt der oft im Zusammenhang mit dem bedingungslosen Grundeinkommen aufkommt: die Leute werden faul. Ein typisch deutsches Argument, wenn ihr mich fragt

    Ja, es ist ein deutsches Argument, weil wir in Deutschland lange Zeit eine Art BGE hatten und die Wirkungen studieren konnte. Ich spreche von der alten Arbeitslosenhilfe, die dauerhaft gewährt wurde, sobald man erst mal anspruchsberechtigt war. Die Folge war, dass die Sockelarbeitslosigkeit in Deutschland bis 2005 permanent stieg. Die Arbeitslosenhilfe war für einen Teil der Bevölkerung so ausreichend, dass sich viele Menschen nach und nach aus dem Arbeitsleben verabschiedet haben.

    Ich kenne weltweit kein anderes Langzeitexperiment zum BGE, das auch nur annähernd an die Aussagekraft der alten Arbeitslosenhilfe heranreicht. Sie war natürlich streng genommen nicht wirklich “bedingungslos”, aber die Bedingungen waren für jeden sehr leicht zu erfüllen.

    Aus meiner Sicht ist ein BGE keine Lösung künftiger Probleme.

  2. #2 Siskin
    10. Januar 2018

    @Tim:
    Wenn als Vorausssetzung dafür – konstante Zahlung zu erhalten – der Ausstieg aus dem Arbeitsleben ist (wie bei Arbeitslosenhilfe) … dann ist zu erwarten, dass Menschen aufhören ihnen unangenehme Berufe auszuüben, wenn sie genausoviel dafür bekommen, es nicht zu tun.
    In unserer Gesellschaft gibt es viele Menschen, die ihnen unangenehme Berufe ausüben, nur um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. All jene würden lieber etwas anderes tun, als für ein Taschengeld sich “den A… aufzureißen” …
    Firmen zahlen den Mitarbeitern immer weniger im Verhältnis zu dem, was die Mitarbeiter für die Firmen leisten müssen. Wenn Mitarbeiter “zu teuer” werden, werden sie gekündigt und durch “billigere” ersetzt.
    Durch Reduzierung der Sozialleistungen zwingt der Staat Menschen dazu, Jobs anzunehmen, die schlecht bezahlt und unangenehm sind. Damit unterstützt der Staat eine Firmenpolitik, die Druck auf die Gehälter und Arbeitsqualität ausübt. Denn je mehr Menschen gezwungen sind, für Geld zu arbeiten, desto mehr finden sich auch, die für weniger Geld dasselbe leisten.
    Dieser Druck würde durch Bedingungsloses Grundendgelt wegfallen.
    allerdings – die Finanzierung ist in einem global vernetzten Wirtschaftssystem nur schwer zu gewährleisten. Wenn Staaten nicht genauso zu “global Player” werden wie Firmen, werden Firmen immer den längeren Hebel haben.

  3. #3 Aufgewachter
    Arnsberg
    10. Januar 2018

    Wenn alle Unternehmer es geschafft haben die menschliche Arbeitskraft durch Roboter aus ihren Unternehmen zu drängen, woher bekommen die Menschen dann das Geld, um sich diese Produkte kaufen zu können? Ohne ein Bedingungsloses Grundeinkommen werden alle Unternehmer auf ihren Waren sitzen bleiben müssen.

    Die Einführung eines euroweiten BGE kann die EZB übernehmen und zwar per Giralgeldschöpfung per Mausklick.

    Endlich arbeitslos!

    Wir freuen uns, wenn ein Politiker sagt, er verspricht uns Arbeitsplätze. Als ob die Arbeitsplätze das Größte wäre, was wir haben könnten. Ich kenn´eigentlich Leute, die am liebsten frei haben … Das Hauptproblem liegt in dem Dogma, daß die Leute glauben wir müssen arbeiten, um Geld zu verdienen, weil die bringen Arbeit und Einkommen immer untrennbar miteinander in Verbindung, wobei die Meisten ja arbeitslos sind.

    Vor dem Tor zur Fabrik hält der Arbeiter plötzlich an
    das schöne Wetter hat ihn am Rock gezupft
    und als er sich umwendet die Sonne betrachtet
    die rot leuchtet und beendet lächelt im bleigrauen Himmel
    zwinkert er ihr vertraulich zu, sag Kamerad Sonne
    meinst Du nicht auch man sollte verdammt bedenken
    einen solchen Tag dem Chef zu schenken?

    Jacques Prévert, französischer Lyriker, aus „Die verlorene Zeit“

  4. #4 MartinB
    10. Januar 2018

    KLar ist man trotz BGE motiviert, den eigenen Blog zu schreiben oder Vorträge zu halten. Aber an der Supermarktkasse sitzen, Nachtschichten im Pflegeheim schieben oder Morgens um 5 Uhr Büros putzen würde vermutlich kaum jemand freiwillig tun.
    Wir müssten uns also fragen, wer dann all diese für die Gesellschaft notwendigen Jobs machen sollte.

  5. #5 Tim
    10. Januar 2018

    Was ich wirklich nicht verstehe: Warum gründen Leute, die ein BGE toll finden, nicht einfach eine BGE-Genossenschaft? Das wäre doch nun wirklich problemlos möglich, die Rechtsform der Genossenschaft wäre dafür ideal. Warum muss das nun wieder mit staatlichem Zwang für alle angeordnet werden?

  6. #6 Aufgewachter
    Arnsberg
    10. Januar 2018

    Wovon will der BGE-Gegner Christoph Butterwegge leben, wenn alle Unternehmer die menschliche Arbeitskraft durch Roboter ersetzt haben?

    a) keine Ahnung
    b) ist mir egal
    c) dann muß er weiter von den Honoraren seiner Science-Fiction-Romane leben
    d) dann muß der verwirrte Professor vom BGE leben

  7. #7 Alderamin
    10. Januar 2018

    @MartinB

    Die Frage ist aber auch, wenn durch die Automatisierung und KI immer mehr Jobs einfacherer Qualifikation wegfallen (z.B. Kassierer, Industriearbeiter, LKW-Fahrer, Lokführer, Pilot), wie bringt man die Leute, die keine Experten sind, in Jobs unter? Angenommen, irgendwann können die Maschinen alles besser als wir, selbst komplexe Entscheidungen treffen und jegliche Dienstleistung, was bleibt uns dann noch zu tun?

    Neulich meinte jemand, ich glaube es war David Precht, dass die Menschheit erst seit 200 Jahren von Lohn und Gehalt lebt und das dies sich als ein nicht optimales Modell herausgestellt habe. Die Frage ist, wie ein alternatives Modell aussehen kann, und auf welche Weise man in welchem Zeitraum dahin kommt. Und da wäre das BGE + Maschinensteuer für die ersetzten Arbeitskräfte ein möglicher Schritt. Vielleicht noch zu früh, aber man sollte bald mal darüber nachdenken, wegen Moore’s Law und so…

  8. #8 Tim
    10. Januar 2018

    @ Alderamin

    ich glaube es war David Precht, dass die Menschheit erst seit 200 Jahren von Lohn und Gehalt lebt und das dies sich als ein nicht optimales Modell herausgestellt habe

    Zumindest besser als alles, was vorher da war. Oder ist hier jemand Feudalismus-Fan? :-)

    Richard David Precht genießt meiner Meinung nach übrigens zu unrecht so hohes Ansehen in allen möglichen Bereichen. Am besten war er tatsächlich, als er Anfänger in Philosophie einführte.

  9. #9 Hobbes
    10. Januar 2018

    @Alderamin:
    Die These “Jobs sterben aus” gibt es schon seit der industiellen Revolution und die war noch nie wahr, da Menschen einfach andere Betätigungen finden die andere Menschen haben wollen. In dem fall war es einen Ausbau des Dienstleistungssektor. Solange Menschen sich beschäftigen können gibt es Dinge die einige lieber machen und einige die sie weniger gerne machen. Daraus ergeben sich sofort wieder neue Jobs. Eine Welt in der keine menschliche Arbeit notwendig wäre wäre eine in der Menschen nichts mehr zu tun hätten. Es wäre eine Welt voller gelangweilter “Milliardärssohne.”

  10. #10 Franziska Hufsky
    10. Januar 2018

    @MartinB Vielleicht werden dann die notwendigen Jobs endlich besser bezahlt. Das wäre zumindest meine Hoffnung.

  11. #11 Aufgewachter
    Arnsberg
    10. Januar 2018

    „Ja, ich entsinne mich vom Ende der Lohnarbeit auf der Sternenflotten-Akademie gelesen zu haben. Die Lohnarbeit fand Mitte des 21. Jahrhunderts durch die schuldgeldbedingte und verzinste hohe Produktivität, weil niemand mehr all den unnützen Plunder konsumieren wollte, ein schnelles Ende und wurde durch das Bedingungslose Grundeinkommen vollständig ersetzt – bevor man später gar kein Geld mehr benötigte“

    Jean-Luc Picard, Captain auf dem Raumschiff Enterprise im 24. Jahrhundert

  12. #12 Hobbes
    10. Januar 2018

    Ich sehe es hier wie Martin B
    Die Befürworter des BGEs sind fast immer menschen die Ihren Job lieben oder die etwas machen wofür sie nicht bezahlt werden es aber gerne würden.
    Der meiner Meinung nach größte Nachteil am BGE ist das bedürftigen Geld vorenthalten wird. Wenn man davon ausgeht, dass es nur eine bestimmte Menge an Geld zum Umverteilen gibt (Ohne massive wirtschaftliche Schäden zu produzieren) muss dies zu lasten bedürftiger gehen. Allein ein BGE von 1000€ Würde zu einer Billionen an Kosten in Deutschland führen. Also dem Doppelten des Staatshaushaltes. Wenn also eine Verdreifachung unserer Staatseinnahmen möglich wäre ohne schwere witschaftsschäden anzurichten dann sollte man sich überlegen ob das Geld nicht trotzdem besser Zielgerichtet eingesetzt werden sollte. Also mir wäre eine Verdreifachung sämtlicher Foschungs und Bildungsgelder alleine schon ein größeres Anliegen als das BGE und das obwohl es gerade mal 5% vom Haushalt ist. Man könnte es also 60 mal machen bevor man einmal BGE einführt.

  13. #13 Aufgewachter
    Arnsberg
    10. Januar 2018

    Arbeitsverhütungsvorschrift nötig

    „Wer unnötige Arbeit oder sinnlose Arbeit entgegen dem gesunden Verstand im sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis als Arbeitgeber anbietet, wird mit Zuchthaus nicht unter zehn Jahren bestraft. Wer sinnvolle Produkte erfindet, gewerbsmäßig produziert und/oder in den Verkehr bringt, die weniger als 25 Jahre halten und/oder über dem Bedarf liegen, wird mit dem Tode durch Giftspritze bestraft.“

    -Die Planetenverwaltung-

  14. #14 Alderamin
    10. Januar 2018

    @Hobbes

    Die These “Jobs sterben aus” gibt es schon seit der industiellen Revolution und die war noch nie wahr, da Menschen einfach andere Betätigungen finden die andere Menschen haben wollen

    Das weiß ich wohl, aber der Mensch konnte das, was ihm an Muskelkraft abgenommen wurde, immer durch Tätigkeiten kompensieren, die den Intellekt fordern (eine Dienstleistung ist ja oft ein Kommunikationsprozess mit einem anderen Menschen). Wenn nun Maschinen irgendwann auch solche Aufgaben übernehmen können, welche Nische bleibt dann noch? Ob etwa ein Restaurant einen Kellner einstellt oder ein Roboter bzw. ein automatisches Buchungssystem die Aufgabe übernehmen, ist dann am Ende nur noch eine Frage der Kosten. Das drückt entweder auf die Löhne oder macht Mitarbeiter ganz überflüssig.

    Solange Menschen sich beschäftigen können gibt es Dinge die einige lieber machen und einige die sie weniger gerne machen.

    Die Zeit rumzukriegen mit interessanten Tätigkeiten ist nicht das Problem. Das Problem ist, damit so viel Gewinn zu erzielen, dass man davon leben kann. Das Prinzip in der Industriegesellschaft ist, dass sich mit wenig Arbeit große Stückzahlen produzieren lassen, die entsprechend viel Gewinn erwirschaften, und aus denen sich Löhne finanzieren lassen. Die Löhne sorgen dafür, dass die Leute dann Dinge, aber auch Dienstleistungen in ausreichender Menge kaufen können, so dass auch Dienstleister, die nur ihre Arbeitszeit verkaufen können (nicht vervielfältigbar) davon leben können. Wenn zunehmend weniger Leute in der Produktion arbeiten, wird auch weniger Geld im Umlauf sein, das ausgegeben werden kann, und dann leiden auch die Dienstleister darunter.

    Wenn gar kein Geld mehr durch Produktion bei den Menschen ankommt, woher kommt dann das Geld, um die Dienstleistungen zu bezahlen? Verkauft dann jeder seine Arbeitszeit an jemand anderen und kann man davon noch leben? Und steht er dabei nicht in Konkurrenz zu Maschinen, die auch das billiger erledigen können? Wenn er kein Geld hat, holt er sich seine Dienstleistungen dann nicht erst recht bei den Maschinen?

  15. #15 Tim
    10. Januar 2018

    @ Alderamin

    Wenn gar kein Geld mehr durch Produktion bei den Menschen ankommt, woher kommt dann das Geld, um die Dienstleistungen zu bezahlen?

    Wobei reine Produktion schon heute keine große Bedeutung mehr hat, in keinem Industriesektor. Die meisten Menschen in sogenannten Industrieunternehmen arbeiten heute in Dienstleistungsberufen.

    Natürlich wird die Produktion durch bessere Robotik auch künftig noch optimiert werden, aber das ist eine Beschäftigenreduzierung auf niedrigem Niveau. Davor muss niemand Angst haben.

  16. #16 Hobbes
    10. Januar 2018

    Ich habe mir auch schon mehrere Gedanken zum BGE gemacht. Zum einen erkenne ich durchaus das Problem an, dass sich in Zukunft immer mehr Kapital akkumulieren wird. Je mehr Arbeit von Maschinen erledigt wird desto mehr werden Maschinenbesitzer reich werden und noch mehr Maschienen leisten können.

    Mein Lösungsvorschlag wäre da ein etwas anderer. Ich bin ein großer Fan davon wenn Arbeitern ihre “eigene” Firma gehört. Für Firmen ist der Streubesitz von Aktien innerhalb der eigenen Mitarbeiter hervorragend, weil neben den motivierenden Effekt diese extrem Träge sind und somit die Volantilität der Aktie reduzieren feindliche Übernahmen erschweren und keinen Einfluss auf Aktionärsebene ausüben. Auf Seite der Besitzenden sind Aktien eine direkte Art um von der Wirtschaft zu profitieren.
    Mein Vorschlag wäre: Jeder Deutsche Staatsbürger erhält in jedem Jahr das er unter 25 in Deutschland verbringt jeden Monat Aktien im Wert von 300€ von denen 150€ von den Firmen kommt und 150€ vom Staat. Was bei 15 Mio Menschen Kosten in Höhe von 27Mrd pro Jahr verursachen würde. Dieses Aktienpaket (Könnte man auch in Form eines “StaatsFTS” Machen) Kann diese Person erst anrühren wenn sie 25 ist. (Hier wirds Legal schwierig, insbesondere für Personen die sich unter 25 verschulden).
    Wenn wir die Typische Aktienentwicklung zuzüglich der typischen Dividende nehmen und noch einiges abziehen um unsere Rechnung sicher zu machen können wir 5% Gewinnsteigerung im Mittel annehmen (Dividende wird natürlich in Aktien reinvestiert)
    Damit Wäre das Paket nach 25 Jahren etwa 200.000€ Wert (Hätte man das wirklich seit 1993 gemacht wäre es sogar eine Millionen. Wobei ich die nur überschlage)

    Dieses Paket wäre dann ein Einstiegsgeschenk ins Leben. Und würde dann entweder pro Jahr Dividende erwirtschaften (Schätzen wir mal 2%) Also 4000 Pro Jahr auszahlen oder kann für andere Investitionen benutzt werden (Hauskauf etc.).
    Hätte man dies schon seit 1993 gemacht würde jeder danach hier geborene eine art BGE von 28.000€ im Jahr erhalten und wäre obendrein Millionär. (Dieses Jahr war die Druchschittsdividende im DAX bei 2,8%)
    Sicherlich wäre damit nicht die Absicherung gegeben die BGE für gesunde Leute bereit hält. In einem Kriesenjahr reicht die Dividende nicht zum Leben. Aber es würde die Bevölkerung an der Wirtschaft Teilhaben lassen. Und das für nur 27 Mrd im Jahr und nicht 1000Mrd.
    Einige Probleme damit sehe ich zwar auch aber ich würde mal gerne eure Meinung dazu wissen.

  17. #17 Tim
    10. Januar 2018

    @ Hobbes

    Ich bin ein großer Fan davon wenn Arbeitern ihre “eigene” Firma gehört.

    Ja, das ist seit Mitte der 50er Jahre immer wieder vorgeschlagen worden. Und leider immer wieder nicht durchgesetzt worden, weil die Gewerkschaften entschiedenen Widerstand leisteten. Mit Deiner Idee würde ja der uralte Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit aufgehoben, das passt so manchem Klassenkämpfer gar nicht in den Kram. :-)

  18. #18 Aufgewachter
    Arnsberg
    10. Januar 2018

    Wem nützt schon die “eigene Firma” mit Mitbestimmung und Eigentumsbeteiligung, wenn man die Produkte, welche diese Firma herstellt gar nicht braucht?

  19. #19 Aufgewachter
    Arnsberg
    10. Januar 2018

    Teilt man nun die Summe der europäischen Bruttoinlandprodukte durch die Anzahl der Menschen, die in der Europäischen Union leben, dann hätte jeder einzelne Mensch in der Europäischen Union einen gerechten Anteil von 2.087 Euro netto im Monat bekommen müssen. Und, hat er?

    Teilt man nur das deutsche Bruttoinlandprodukt durch die Einwohner der BRD kommt man sogar auf 2.727 Euro netto im Monat.

    Europ. Bruttoinlandprodukt = 17,266941 Billionen US Dollar (Jahr 2013)
    Bevölkerung in der EU = 505,73 Millionen Menschen (Jahr 2013)
    Bruttoinlandprodukt BRD = 3,593238 Billionen US Dollar (Jahr 2013)
    Bevölkerung in der BRD = 80,586 Millionen Menschen (Jahr 2013)
    1 Euro = 1,3628 US Dollar (Kurs vom 16.01.2014 09:15 Uhr MEZ)

  20. #20 Intensivpfleger
    10. Januar 2018

    “Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr euch schon einmal die Frage gestellt, wie sich euer Leben durch das bedingungslose Grundeinkommen ändern würde?”

    Ich arbeite in so einem “gesellschaftlich notwendigen” Job (siehe nick).
    Was würde sich für mich mit zusätzlichen 1000 Euro/Monat ändern?
    Ich würde meine Arbeitszeit sicherlich nicht reduzieren, sondern das Geld dazu verwenden, endlich mal ein bißchen was anzusparen, hätte somit also nicht mehr Zeit zur Verfügung, die ich mit anderen Dingen füllen könnte (Ehrenamt, …).

    Als wichtigere sozialpolitische Massnahme (und evtl. auch schneller und einfacher umzusetzen) sehe ich die Bereitstellung/Sicherstellung von günstigem Wohnraum. Spekulation mit Immobilien gehört meiner Meinung nach verboten. Denn lange bevor die Maschinen die Menschen aus ihren Jobs verdrängt haben, werden die Spekulanten die Menschen aus ihren Wohnungen verdrängt haben.

    Gruß vom
    Intensivpfleger

  21. #21 DH
    10. Januar 2018

    Der vorletzte Absatz des Artikels deutet zwei wesentliche Fragen an.
    Wie gerecht ist es eigentlich, die große Mehrheit der Arbeitswilligen mit schlechten Bedingungen zu strafen, weil ein kleiner Prozentsatz nicht arbeiten will?
    Und gibt es überhaupt ein moralisches Arbeitsgebot, oder ist das eine gefährliche Erfindung der Neuzeit?

    @Tim
    Gerade das “Langzeitexperiment” der A-Hilfe wäre ein Argument für und nicht gegen ein BGE.
    Würde das Argument der Faulheit stimmen, hätten sich Heerscharen und zweistellige Millionenzahlen von Arbeitnehmern in die Arbeitslosigkeit begeben müssen, die dreimonatige Sperrfrist hätten die meisten schon überstanden.
    Nichts von alledem ist geschehen, keine Spur von kollektiver Arbeitsverweigerung.

  22. #22 DH
    10. Januar 2018

    @Martin B.
    Wie stehts denn mit der eigenen Bereitschaft, “gesellschaftlich notwendige Jobs” zu den aktuellen Bedingungen zu machen?
    Es ist die Pflicht der Arbeitgeber, die Bedingungen zu verbessern, wenn es zu wenig Nachfrage nach schlechten Jobs gibt, das nennt man Marktwirtschaft.

    Der Mißbrauch des Staats über Hartz4 entbindet die Arbeitgeber von ihrer Pflicht, an einem freien Arbeitsmarkt teilzunehmen, wenn sie Arbeitskräfte suchen, und genau das ist auch der Zweck der Übung.
    Hat eher was mit Plan- als mit Marktwirtschaft zu tun.

  23. #23 Aufgewachter
    Arnsberg
    10. Januar 2018

    Zumutbare Arbeitslosigkeit in die Rechtsfolgenbelehrungen der Jobcenter anstatt zumutbare Arbeit.

  24. #24 Aufgewachter
    Arnsberg
    11. Januar 2018

    Sanktion bei Verstößen gegen zumutbare Arbeitslosigkeit

    §31 SGB II sieht bei Verstößen gegen die in der Ausgliederungsvereinbarung festgelegten Pflichten, wie eine zumutbare Arbeitslosigkeit anzunehmen, Leistungskürzungen des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) vor. Das monatliche BGE in Höhe von 2.087 Euro kann dann – auch mehrfach nacheinander – gekürzt werden oder vollständig entfallen.

    Wenn Sie erstmals gegen die mit Ihnen vereinbarten Ausgliederungsbemühungen verstoßen, wird das Ihnen zustehende Bedingungslose Grundeinkommen um einen Betrag in Höhe von 30% abgesenkt. Vorsorglich wird darauf hingewiesen, dass bei einem wiederholten Verstoß das Ihnen zustehende BGE um einen Betrag in der Höhe von 60% abgesenkt wird. Bei weiteren wiederholten Pflichtverstößen, wie Aufnahme einer Arbeit zur persönlichen Bereicherung, welche über das soziokulturelle Existenzminimum hinaus gehen, entfällt das Ihnen zustehende BGE vollständig.

    Absenkung und Wegfall dauern jeweils drei Monate. Sanktionszeiträume können sich überschneiden. In den Überschneidungsmonaten werden die Minderungsbeiträge addiert. Dabei kann das Bedingungslose Grundeinkommen vollständig entfallen. Den vereinbarten Ausgliederungsbemühungen müssen Sie auch während eines Sanktionszeitraumes zum Schutz der Ressourcen des Planeten nachkommen, auch wenn Ihr Bedingungsloses Grundeinkommen wegen eines Pflichtverstoßes vollständig weggefallen ist.

    Nach Ablauf der Sanktionszeiträume steht Ihnen das Bedingungslose Grundeinkommen über die Giralgeldschöpfung durch die EZB wieder in voller Höhe zur Verfügung. Ziel dieser Maßnahme ist es den Menschen aus dem Arbeitsprozess herauszulösen und durch hochqualitative Maschinenarbeit, welche sinnvolle und nachhaltige Güter für alle Menschen produziert, zu ersetzen. Der verantwortungsvolle ressourcenschonende Umgang mit Mensch, Tier und Natur hat von nun an die allerhöchste Priorität.

  25. #25 cero
    12. Januar 2018

    Ich habe mich in letzter Zeit viel mit dem BGE beschäftigt (Ich arbeite gerade das Thema für die Partei der Humanisten aus) und ich lese hier wieder eine ganze Reihe typische Irrtümer über das BGE, ich versuche mal kurz und knapp die zwei wichtigsten davon zu entkräften:

    1. BGE = für alle 1000€ mehr im Monat
    Das ist falsch. Das BGE muss schließlich irgendwie finanziert werden. Und bei einem gerechten Finanzierungsmodell werden Gutverdiener mehr an zusätzlichen Steuern zahlen müssen, als sie durch das BGE zurück kriegen.
    Ich habe beispielsweise mal das Modell der negativen Einkommenssteuer mit einem BGE von 750€ durchgerechnet. Die Grenze an der man mit BGE mehr Geld hat als vorher liegt ca. bei 24.000€ Brutto. Alle darüber haben danach weniger(!) Geld zur Verfügung.

    2. Mit BGE braucht man nicht mehr arbeiten gehen.
    Ebenfalls falsch. Wenn es ein BGE geben wird, liegt das in etwa bei dem heutigen Hartz IV Satz. Auch heute kann man schon davon leben, macht aber fast keiner, weil man ein besseres Leben für sich selbst und seine Familie haben will (und man im Zweifel neidisch auf den Nachbarn ist).
    Im Gegenteil, sinnvolle BGE-Modelle entfernen sogar Hürden, die heutzutage vorhanden sind, da das BGE nicht (direkt) auf das Einkommen angerechnet wird. Heutzutage lohnt es sich nicht aus der Arbeitslosigkeit heraus einen 1000€-Job anzunehmen, da man dann gerade mal 200-300€ mehr im Monat hat, als vorher.