Screenshot vom ersten WeiterGen Post bei den ScienceBlogs
Screenshot vom ersten WeiterGen Post bei den ScienceBlogs

Wenn Juristen, Philosophen und Theologen im Ethikrat über die Zukunft meiner Forschungsdisziplin entscheiden wollen und dabei jegliche Pragmatik vermissen lassen. Wenn Journalisten vor lauter neutralem einerseits – andererseits den ihnen bequemen Meinungen soviel Gewicht einräumen wie fundierten wissenschaftlichen Ergebnissen, dann macht mich das wütend.

Als Ende 2007 so über die Zukunft der Stammzellforschung in Deutschland diskutiert wurde, machte mich das so wütend, dass ich entschied, mich nicht nur über Artikel in Zeitungen zu ärgern, sondern meinem Ärger Luft zu verschaffen und in Form eines Blogs dagegen anzuschreiben. Ironisch, manchmal zynisch, aber immer aus der Sicht eines tatsächlich forschenden Wissenschaftlers.

Ich traf mit meinen ersten Schreibversuchen offenbar Ton und Thema und drei Monate später zog mein noch junges Blog zu den ScienceBlogs um und WeiterGen war geboren. Rekrutiert worden bin ich damals übrigens von Beatrice Lugger. Die damalige Chefredakteurin der ScienceBlogs ist eine der Ausnahmefiguren in der deutschsprachigen Wissenschaftskommunikationszene – und das schreibe ich nicht, weil sie akutell als Direktorin am NaWik meine direkte Vorgesetze ist (mehr davon später).

Es folgten Jahre produktivsten Schaffens. Tags wurde im Labor geforscht und abends, oft bis spät in die Nacht, wurde für WeiterGen recherchiert, geschrieben, kommentiert und publiziert.

Der Mischung der Frustrationen aus nicht funktionierenden Experimenten im Labor, abgelehnten wissenschaftlichen Veröffentlichungen und die meinen Wissenschaftsalltag charakterisierende fehlende Unterstützung durch Vorgesetze, stand etwas Positives gegenüber: Ich bekam meine regelmäßige Dosis Glückshormone durch die Publikation meiner Artikel im Blog, durch die lebhaften Diskussionen in den Kommentarspalten und durch den täglichen Blick auf meine Leserzahlen in Google Analytics.

Meine Texte wurden durch viel üben besser, ich wurde als Blogger zu Konferenzen eingeladen: Dem EMBO-Meeting und – auch wieder katalysiert durch Kontakte von Beatrice Lugger – zu mehreren Lindau Nobel Laureate Meetings; und ich bekam ein Angebot, bei einem renommierten Verlag ein populärwissenschaftliches Buch zu veröffentlichen.

Zu letzterem sollte es nie kommen. Der Buchvertrag und der Wunsch, mehr Blogartikel zu schreiben, fiel meiner damaligen Entscheidung zum Opfer, mich auf meine akademische Laufbahn zu konzentrieren. Eine Fehlentscheidung, wie sich herausstellen sollte. Zwei Jahre später, mit neun Papers aus dem Postdoc, und nach Bewerbungen an Unis und Instituten weltweit, hatte ich immer noch keine Stelle als unabhängiger Forschungsgruppenleiter.

Ich entschied mich für einen Richtungswechsel. Mein trotziger Gedanke war: Wenn ich nach zehn Jahren Wissenschaft, also vier Jahren Doktorarbeit und fast sechs Jahren Postdoc, den nächsten Schritt nicht komfortabel gehen kann, dann mache ich eben etwas anderes.

Ich hatte Angst vor dem Schritt ins Ungewisse, aber ich hatte ein Leitmotiv: Durch meine Erfahrung mit dem Bloggen wusste ich: Es wird irgendwas mit Wissenschaftskommunikation.

Ich gründete ein Software-Startup, mit dem wir Wissenschaftler halfen, mit der aktuellen und jeweils relevanten Fachliteratur auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Ich gründete eine Agentur für Wissenschaftskommunikation mit Spezialisierung auf Kommunikation für große, internationale Forschungsprojekte. Ich fing an, Workshops für Wissenschaftler zu geben. Und ich nahm vor knapp drei Jahren das Angebot an, am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) in Karlsruhe zu arbeiten.

Aus meiner Leidenschaft ist also in den letzten zehn Jahren mein Beruf geworden, und aus Beatrice Lugger, der Person, die mich damals zu den ScienceBlogs geholt hat, ist meine Vorgesetzte und Mentorin geworden. Ohne WeiterGen wäre ich nie da gelandet wo ich jetzt bin.

Ich sollte ScienceBlogs dankbarer sein und wieder mehr Artikel schreiben. An möglichen Themen mangelt es wahrlich nicht. Ich mache mich auf die Suche nach der Zeit, die ich vor zehn Jahren dafür gefunden habe.

Kommentare (6)

  1. #1 roel
    http://scienceblogs.de/10jahrescienceblogs/author/roel/
    12. Januar 2018

    @Tobias Maier Toll geschrieben, und man kann einen roten Faden erkennen. Interessante Geschichte!

  2. #2 Alderamin
    12. Januar 2018

    Danke für den tollen Artikel und ich hoffe, Du mögest die Zeit bald wiederfinden 😉

  3. #3 RPGNo1
    12. Januar 2018

    Ich sekundiere roel und Alderamin. WeiterSo! 😉

  4. #4 rolak
    12. Januar 2018

    roel und Alderamin

    Ein Dritter sekundiert? Ab zu MathLog!!
    ~·~·~·~·~
    Eine sehr hübsche Geschichte über die Irrungen und Wirrungen, die das Leben zwar nicht unbedingt leichter, doch auf jeden Fall interessanter machen.
    Und spätestens im Nachhinein mehr zum Erzählen bieten…

  5. #5 Tobias Maier
    13. Januar 2018

    Danke für die netten Worte!

  6. #6 Thomas
    13. Januar 2018

    Viel Glück für die Zukunft! Hier in Frankreich haben die meisten Wissenschafter alle Versuche der Wissenschaftskommunikation frustriert aufgegeben; von den Medien gehört und hofiert werden immer nur die gleichen Aktivisten und Scharlatane wie Séralini, Velot und Robin, egal was man als Wissenschafter zu sagen hätte, es wird von den Medien ignoriert.