Gestern abend startete das Colloquium Fundamentale der Uni Karlsruhe, das sich in diesem Semester mit Darwins Auswirkungen auf Wissenschaft und Gesellschaft auseinandersetzt. Unter dem Titel “Erschöpfte Schöpfung? Charles Darwin und seine Wirkung” werden in den nächsten Wochen Vorträge und Diskussionen zu diesen Aspekten stattfinden [1].
Zum ersten Termin war Ulrich Kutschera geladen, Professor für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie der Uni Kassel und der Carnegie Institution of Science der Standford University. Er ist wahrscheinlich auch Leuten ohne biologischen Hintergrund bekannt, weil er sich auch in den Medien (nicht unumstritten) für das Verständnis von Evolution ein- und mit Kreationisten auseinandersetzt. Sein aktuelles Buch “Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte.” war auch Thema seines Vortrags, darum orientierte sich dieser an Aufbau und Inhalt des Buches.

Der Vortrag an sich enthielt zumindest für mich keine weltbewegenden Neuigkeiten. Diskussionen über die Anwendbarkeit des Begriffes Tatsache bei einer Wissenschaft mal außen vorgelassen, stellte Kutschera verschiedene Aspekte des Wissensstandes Darwins vor, belegt auch mit Auszügen aus seinen Schriften, und erklärte dann wie in der Zeit nach Darwins Tod nach und nach unser Wissen über Vererbung, DNA, Geologie und Fossilien wuchs. Ich fand es vor allem überraschend, dass vieles davon zumindest in Grundzügen schon relativ kurz nachdem Darwin gestorben war gefunden wurde.
Eine nette Erklärung ist bei mir aber hängen geblieben, und ich möchte sie kurz wiedergeben. Dabei ging es um den oft missverstandenen Ausdruck des struggle for life, der von einem Deutschen mit “Kampf ums Überleben” übersetzt wurde und auch heute noch die Evolution in ein negatives, unmoralisches Licht rückt. Darwin meinte jedoch etwas anderes damit; Konflikte sind zwar ein Teil dieses Gedankens, aber auch Kooperation gehört unbedingt dazu. Der Begriff Fitness wird aufgrund dieser Fehlinterpretation nun sehr oft als eine körperliche Fitness, die zum Kampf befähigt, falsch gedeutet.
Was mit Fitness wirklich gemeint ist, konnte Kutschera sehr schön und anschaulich zeigen: Ernst Haeckel, ein Zeitgenosse und Kollege Darwins, war ein sehr großer und kräftiger Mann, Charles Darwin jedoch war sein gesamtes Leben über sehr oft krank, eventuell sogar ein Hypochonder. Hätten diese beiden Männer einen Boxkampf ausgetragen, wäre Darwin wohl schon in der ersten Runde KO gegangen. Allerding geht es in der Darwinschen Fitness um die Anzahl der Nachkommen, ganz unabhängig wie diese Zahl erreicht wird. Und hier schläg Darwin dann Haeckel um Längen: Er hatte 10 Kinder, Ernst Haeckel nur 3. ;-)

Kleinere Kritikpunkte an dem Vortrag fand ich natürlich auch. Das liegt aber meiner Meinung nach vor allem daran, dass Kutscheras Vortrag nicht (ausschließlich) an ein Fachpublikum gerichtet war, und er sich auch für interessierte Laien verständlich ausdrücken musste. So präsentierte er beispielsweise nur die natürliche Selektion als Mechanismus der Evolution, Dinge wie etwa die genetische Drift erwähnte er nicht. Das könnte jetzt bedeuten, dass Kutschera in die Gruppe der Adaptionisten fällt, also die Evolutionsbiologen, die nur die natürliche Selektion als funktionierenden Mechanismus ansehen. Dazu kenne ich seine Einstellung allerdings nicht gut genug, um das einschätzen zu können. Mein Eindruck war eher, dass er aus Zeit- und Verstädnisgründen lieber einen einzigen Mechanismus klar erklären wollte.

Ich fand die anschließende Diskussion dann allerdings sehr spannend. Hier meldeten sich auch ein paar Kreationisten zu Wort, die versuchten Kutschera und Evolution indirekt über “geschickt” formulierte Fragen bloßzustellen [2]. Wer allerdings bisher nur ein klein wenig Zeit mit deren Argumenten zugebracht hat, entdeckt schnell die altbekannten Phrasen von “keine Übergangsfossilien” und “irreducible complexity” (tatsächlich sogar mit dem Auge, von allen möglichen Beispielen). Kutscheras Umgang mit diesen Fragen fand ich sehr spannend: Er nahm den Kreationisten den Wind aus den Segeln, antwortete aber gleichzeitig so souverän, dass die Zuhörer ohne festsitzender Meinung etwas lernten.
Ein kurzes Beispiel: Ein Fragesteller war der Meinung, natürliche Selektion wäre ein großes Problem für die Evolution, weil sie jegliche Änderung unterdrücken würde. Ulrich Kutschera sagte, er halte das für eine sehr wichtige Frage, und erklärte daran den wichtigen Einfluss der Umwelt: Bei gleichbleibenden Umweltbedingungen wird die natürliche Selektion tatächlich Änderungen einer Art unterdrücken. Sieht sich diese Art jedoch veränderten Umweltbedingungen ausgesetzt, dann werden aus den leicht unterschiedlichen Nachkommen die an die neue Situation bestangepasst überleben. Mit dieser positiven formulierten Beantwortung der Frage gab es für den Kreationisten nun keine Möglichkeit mehr, weiter groß zu diskutieren. Die meisten Zuhörer hatten noch nicht mal bemerkt, dass ein Kreationist eine Frage gestellt hat.

[1] Zumindest während ich das schreibe scheint der nächste Referent, Prof. Dr. Dr. Peter Meyer, ein eineiiger Zwilling oder Klon von Ulrich Kutschera zu sein. Auf der Seite zum Colloquium Fundamentale sehen sich die beiden jedenfalls zum Verwechseln ähnlich ;-)
[2] Ich bin immer noch leicht geschockt, dass diese Leute an einer Uni einem wissenschaftlichen Studium nachgehen.

Kommentare

  1. #1 walim
    Mai 8, 2009

    Kutscheras Buch war für mich bisher der überraschendste Ertrag des Evolutionsjubiläums auf dem deutschen Buchmarkt, auch wenn es an manchen Stellen (das bizarre Herumreiten auf den Mozartverweis z.B.) ein bisschen schräg daherkommt. Sehr schön ist übrigens sein Argument, das unintelligente Design an den Elefantenmahlzähnen zu demonstrieren und ganz neu und ein bisschen bestürzend empfand ich den dargelegten Abriß der Geschichte der Endosymbiontentheorie.

  2. #2 Alexander Knoll
    Mai 10, 2009

    @walim:
    Das Buch von Kutschera hab ich noch nicht gelesen, aber die zwei Punkte fand ich im Vortrag auch gut. Dass die Endosymbiontentheorie ursprünglich mal als Gegenposition zu Darwin angefangen hat war echt überraschend. Vor allem, da wir heute keinen Widerspruch zwischen beidem sehen.

  3. #3 walim
    Mai 11, 2009

    Wenn ich mich nicht irre, war auch Mendels Ansatz eine Gegenposition zu Darwin. Und Darwin selber tendierte, wie ich zu meiner Überraschung lese, eher zu einer Vererbung erworbener Eigenschaften. Kein Wunder beim damaligen Kenntnisstand. Da waren diese Gegenpositionen eine Bereicherung von Darwins Theorie, in der es ja auch primär um was anderes ging.
    Was mich seltsam berührt hat war auch die menschliche Geschichte hinter der Geschichte der Theorie. Mereschkowski scheint eine Gestalt gewesen zu sein, dem man nur widerwillig und aus eher prinzipiellen Erwägungen die ihm zukommenden Ehren zugestehen möchte und Frau Margulis (deren Bücher mich für die Evolutionsbiologie begeistert haben) hat seine Arbeiten durchaus gekannt, aber aus sehr menschlichen, aber nicht besonders guten Gründen, erst einmal unerwähnt gelassen, was wiederum Kutschera ausdrücklich als Fehlverhalten benennt – während er sich ausserdem immer wieder mal mit der Widerlegung ihrer weitergehenden Spekulationen befasst.
    Lauter so Geschichten, die davon handeln, das Wissenschaftler eben auch Menschen sind.

  4. #4 Matthias Berghammer
    August 1, 2009

    Das Elefanten (= Unvollkommenheitsargument) ist weder neu, noch stichhaltig. Das haben auch einige Leser von Kutscheras Buch festgestellt:

    http://www.kritische-naturgeschichte.de/Seiten/uebergroessen.html#elefanten
    http://www.theismus.de/upload/TatsacheEvolution.pdf
    http://www.wla-online.de/artikel-detail.php?artikelid=625

  5. #5 Alexander
    August 1, 2009

    @Matthias Berghammer:
    Nun, dann sind da aber noch genug andere Beispiele – Parasiten machen schließlich etwa 50% der Lebewesen auf der Erde aus.

    Davon abgesehen ist das aber ziemlich einfach, die Sache hat mit Wahrscheinlichkeiten und Beweisen zu tun. Und da gewinnt die Evolution mit großem Abstand…