Bahn des Asteroiden 2018 LA mit Zeitmarken (UT = MESZ-2h) bis zum Einschlag. Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Tomruen.

Am vergangenen Samstag Vormittag, 2. Juni 2018 gegen 10:22 deutscher Zeit / 01:22 Ortszeit entdeckte das Mount Lemon Survey (MLS) Teleskop, ein 1,52 m durchmessendes automatisches Spiegelteleskop auf dem Mount Lemon in Arizona, das bereits 50.000 Asteroiden aufgespürt hat, ein Objekt 18. Größenklasse, welches sich mit großer Geschwindigkeit vor den Hintergrundsternen bewegte. Nach 15 Minuten ging eine Meldung an das Minor Planet Center, die weltweite Anlaufstelle für Asteroiden- und Kometenbeobachtungen. Das Objekt erhielt die vorläufige Katalognummer ZLAF9B2.

Entdeckungsaufnahmen von ZLAF9B2 des Mount Lemon Survey. Bild: Mount Lemon Survey, CSS.

Entdeckungsaufnahmen von ZLAF9B2 des Mount Lemon Survey Teleskops. Bild: NASA/JPL, Credit: Mount Lemon Survey, CSS; gemeinfrei.

Das Jet Propulsion Laboratory der NASA vemeldete aufgrund der nur kurzen beobachteten Bahnkurve alsbald eine 30-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass das Objekt mit der Erde kollidieren könnte. Ein Mitarbeiter vom Catalina-Sky-Survey-Beobachtungsprogramm, an dem das Mount Lemon Teleskop beteiligt ist, konnte noch eine frühere, noch nicht vermessene Aufnahme im Datenarchiv finden, und mit dieser Zusatzinformation konnte der Amateur Bill Gray, der auf seiner Webseite einen Online-Orbitrechner hostet (und ein Orbitberechnungsprogramm für Windows und Linux zum Download anbietet), eine Einschlagswahrscheinlichkeit von 85% inklusive Eintrittsort über Südafrika nahe der Grenze zu Botswana gegen 16:44 UT / 18:44 MESZ am 2. Juni 2018 voraussagen. Das JPL blieb jedoch zunächst bei seiner Vorhersage.

Dies wäre damit der erst dritte Asteroid oder Meteoroid, dessen Kollision mit der Erde vorhergesagt werden konnte. Bereits 2008 und 2014 war es gelungen, kleinere Asteroiden von mehreren Metern Größe wenige Stunden vor dem Eintritt in die Atmosphäre aufzuspüren und ihren Einschlag vorauszuberechnen. Solch kleine Objekte sind sehr lichtschwach und daher nur in großer Nähe zur Erde aufspürbar, können aber bei einem Einschlag praktisch keinen Schaden anrichten, weil sie hoch in der Luft zerplatzen und größtenteils verglühen. Bestenfalls kleinere Bruchstücke können auf den Erdboden fallen. Beim Einschlag 2008 fand man in der Nubischen Wüste Splitter des ursprünglich 3-4 Meter großen Objekts, da man dank des vorausberechneten Eintrittsorts ziemlich genau wusste, wo man suchen musste.

ZLAF9B2 ging jedoch zunächst einmal für ca. 8h verloren, bevor dann um 18:44 MESZ am 2. Juni Meldungen aus Botswana über einen sehr hellen Boliden bei der American Meteor Society einliefen. Es konnte später (am Morgen des 3. Juni, 10 Stunden nach dem Einschlag) vom ATLAS-Überwachungssystem auf Hawaii bestätigt werden, dass das Objekt im südlichen Afrika eingeschlagen sein musste. Eine Messstation in Südafrika registrierte einen Infraschall-Knall, aus dem eine Einschlagsenergie von 400 Tonnen TNT-Äquivalent gefolgert wurde. Man geht daher davon aus, dass das Objekt 2-3 Meter Durchmesser gehabt haben und mit 17 km/s in die Atmosphäre eingetreten sein muss. Es gibt 2 gute Videos des Boliden:

Die Aufnahmen erwecken den Eindruck, dass man tatsächlich den Einschlag als Aufblitzen erkennen könne, aber sie entstanden aus mehr als 200 km Entfernung. Tatsächlich wird er hinter dem Horizont viele Kilometer über dem Erdboden mit einem letzten Aufleuchten zerplatzt sein.

Die aus den Beobachtungen von MLS und ATLAS rekonstruierte Bahn ordnet den Asteroiden, der mittlerweile die Bezeichnung 2018 LA zugewiesen bekommen hat, den Apollo-Asteroiden zu – genau wie die beiden anderen Objekte von 2008 und 2014, und auch der Tschaljabinsk-Asteroid. Apollo-Asteroiden, benannt nach dem Prototypen 1862 Apollo, gehören zu den erdnahen Asteroiden (Near Earth Asteroids, NEO) und haben Umlaufbahnen um die Sonne, deren Perihel (sonnennächster Punkt) näher an der Sonne liegt als 1,017 AE, dem Aphel (sonnenfernsten Abstand) der Erde, und deren große Bahnhalbachse, also der längere Halbmesser der Bahnellipse, größer als 1 AE ist. Solche Objekte kreuzen folglich meist die Erdbahn, müssen der Erde aber je nach der Neigung und Ausrichtung der Bahnebene nicht unbedingt nahe kommen. Im Fall des kleinen 2018 LA war dies jedoch der Fall und bedeutete sein Ende. Menschen oder Tiere kamen hingegen anscheinend nicht zu Schaden.

Einschläge dieser Größenordnung treten mehrmals pro Jahr auf und werden so gut wie nie vorhergesagt; die meisten werden irgendwo über menschenleeren Ozeanen oder Wüsten von der Öffentlichkeit noch nicht einmal bemerkt.

Zuletzt noch ein Bild des Orbits:

Orbit des Asteroiden 2018 LA, nachträglich rekonstruiert aufgrund der Messungen des MLS und von ATLAS. Bild: Autor, generiert mit dem JPL Orbit Viewer.

Orbit des Asteroiden 2018 LA, nachträglich rekonstruiert aufgrund der Messungen des MLS und von ATLAS. Bild: Autor, generiert mit dem JPL Orbit Viewer. NASA/JPL-Caltech, gemeinfrei.

Referenzen / weitere Infos

Kommentare (26)

  1. #1 Mars
    5. Juni 2018

    hallo @FF

    gibt es einen zusammenhang zwischen der grösse und des materials,
    dass der ‘brocken’ verglüht, zerplatzt oder als ganzes herunterkommt?

    bei den ersteren hat man ja nicht immer material um sowas festzustellen
    oder ist das totaler zufall aus bahn und geschwindigkeit?
    grüssle

  2. #2 Mars
    5. Juni 2018

    quatsch, natürlich @Alderamin

    bin noch auf dem einen auge am schlafen
    und alles was so fliegend richtung erde kommt war ja bisher immer @FF’s thema – sooooorry

  3. #3 noch'n Flo
    Schoggiland
    5. Juni 2018

    Sehr beeindruckende Bilder!

  4. #4 Alderamin
    5. Juni 2018

    Sicher, je größer, desto länger dauert es, bis sich das Objekt zerlegt, und ab 20-50 m (je nach Einschlagswinkel) kommt ein größeres Stück auf dem Boden an und macht ein ordentliches Loch. Tscheljabinsk war knapp 20m und hätte es bei steilerem Einschlag bis zum Erdboden schaffen können.

    Außerdem sind Eisen-Nickel-Meteoroiden (ja, Meteoroiden; Meteoriten heißen die Bruchstücke, die man später auf dem Boden aufsammeln kann) wesentlich stabiler als Steinmeteoroiden oder “kohlige Chondrite”. Letztere sind im wesentlichen noch Urmaterial aus dem solaren Nebel, das nur lose zusammenpappt. Die Eisen-Meteoroiden stammen hingegen aus dem Kern großer Asteroiden, in denen sich das Material durch Aufschmelzen schon differenzieren konnte, Metalle sanken nach innen, Gestein schwamm oben auf; die hat es dann bei Kollisionen untereinander wieder zertrümmert. Eisenmeteoriten schaffen es wohl in fast jeder Größe bis auf den Erdboden (müsste ich aber nochmal recherchieren), aber sie sind verhältnismäßig selten (der vom Barringer Crater in Arizona war aber so einer, ca. 45 m Durchmesser, davon ist ein Bruchstück im Besucherzentrum ausgestellt).

    Ich kann mich da mal schlau machen und einen eigenen Artikel zu schreiben, scheint interessant zu sein. Ich dachte, ein 2m-Asteroid sei nicht so spannend, aber siehe da, selten [Edit] noch nie(!) [/Edit] so viele Leser an einem Tag gehabt.

  5. #5 Alderamin
    5. Juni 2018

    Fühle mich geehrt, mit dem Meister verwechselt worden zu sein. 🙂
    Vielleicht solltest Du Dich eher bei ihm entschuldigen… 😉 😉 😉

  6. #6 stone1
    5. Juni 2018

    Wow, sieht in den Clips wirklich so aus als wäre ZLAF9B2 mit großem Krawumms eingeschlagen. Die Gegend wimmelt wahrscheinlich inzwischen vor Asteroidenfragmentsuchern.

  7. #7 Mars
    5. Juni 2018

    @Alderamin

    … mitnichten, das muss @FF nicht jucken.
    das, was du hier in den letzten wochen geschrieben hast
    ist seiner schon würdig genug.

    wenn man sofort in den artikel springt, den gut findet
    und erst hinterher merkt – upps
    dann ist das dein verdienst – dabei bleib ich

    ehre wem ehre gebührt
    wenn ich bei @Florian begeistert bin, lass ich ihn das auch wissen
    der faszinierende inhalt eines artikel soll es doch sein, der einen reinzieht,
    nicht wer ihn schreibt

    grüssle

  8. #8 Alderamin
    5. Juni 2018

    So ein Objekt zerreisst durch den Luftwiderstand, der proportional zur Oberfläche ist, dadurch vergrößert sich die Oberfläche noch mehr, die Kräfte nehmen zu, die Bruchstücke werden noch kleiner, noch mehr Oberfläche usw. bis die zahlreichen kleinen Trümmer mit einem großen Blitz verglühen.

    Es ist hingegen unplausibel, dass ein so kleines Objekt mit einem solchen Blitz auf dem Boden aufschlagen soll. Hätte dann mit Sicherheit auch ein kleines Beben verursacht, das irgendwer gemessen hätte. Daher gehe ich ziemlich sicher von einem Airburst aus.

  9. #9 Alderamin
    5. Juni 2018

    Danke für die lieben Worte. 🙂

  10. #10 UMa
    5. Juni 2018

    Danke. Das ging aber schnell. Oder war der Artikel schon in Arbeit?

    Die Besonderheit hier liegt natürlich darin, dass er schon vor seinem Eintritt in der Atmosphäre beobachtet wurde. Das ist erst zum 3. mal passiert.

    Hier ist eine Übersicht über Feuerbälle der letzten Jahre. Der aktuelle Fall ist noch nicht darunter. Stand ist der 12. Mai.
    https://cneos.jpl.nasa.gov/fireballs/

  11. #11 UMa
    5. Juni 2018

    @stone1: Man muss die Geschwindigkeit berücksichtigen. Am Anfang waren es 17 km/s.

    Wenn man sieht, wie langsam es sich bewegt, wie wenig Bogen in einer Sekunde am Himmel zurückgelegt wurde, muss es vom Aufnahmeort der Videos sehr weit entfernt sein. Und wegen der Erdkrümmung auch ziemlich hoch.

  12. #12 Alderamin
    5. Juni 2018

    Habe ich gestern Abend zwischen 22:00 und 00:00 nach Deiner Anregung geschrieben. Wie gesagt hatte ich das Thema eigentlich für langweilig gehalten, was für eine Fehleinschätzung…! Danke für den Tipp. Praktisch war der Wikipedia-Artikel, in dem die wichtigsten Daten schon zusammengefasst waren. Den bei Abenteuer Astronomie kannte ich schon. Noch ein bisschen Recherche in der Yahoo-Gruppe… war nicht so viel Aufwand (ganz im Gegensatz zu den Gaia-Artikeln).

  13. #13 Alderamin
    5. Juni 2018

    P.S.: Schöne Boliden-Seite, habe ich oben gleich mitverlinkt.

  14. #14 leo
    Hat das schon mal jemand ausgerechnet ?
    5. Juni 2018

    Wenn es das Ding auch komplett zerlegt hat könnte man vielleicht doch
    Mikrometeorite finden/sammeln und dem Asteroid zuorden.

    Es rieseln ja jeden Tag eine Menge Mikrometeorite herunter.

    Gehen da die Brösel dieses Asteroiden unter oder
    kann man da ein deutliches Signal erkennen ?

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/meteoriten-so-finden-sie-ein-exemplar-in-ihrer-stadt-a-1133675.html
    https://de.wikipedia.org/wiki/Mikrometeorit

  15. #15 Alderamin
    5. Juni 2018

    Wenn man an entsprechender Stelle sucht, wird man auch größere Stücke (Kieselsteingröße) auffinden. Die fallen im Streufeld des Asteroiden herunter, in der Verlängerung der Flugbahn nach dem Airburst. Kommt natürlich auf das Gelände an, in der Wüste ist es leicht, im Dschungel ziemlich hoffnungslos (bin gerade nicht im Bilde, wie das Klima in Botswana ist; in Namibia nicht weit entfernt ist jedenfalls die trockenste Wüste der Welt).

    Was Mikrometeoriten betrifft, die rieseln schon in dieser Größe auf die Erde und werden relativ früh und sanft von der Atmosphäre gebremst. Die kann man wohl keinem bestimmten Objekt zuordnen. Stammen hauptsächlich aus den Schweifen von Kometen.

  16. #16 Alderamin
    5. Juni 2018

    Der Wahnsinn… mein Artikel über die Ariane 5 VA241 hat sich in 3 Monaten mühsam 3152 Klicks erarbeitet, der meistgelesene Artikel auf Alpha-Cephei bisher. Bisher. Der Artikel oben hat 17,5 Stunden nach Veröffentlichung schon 3500 Klicks…!

    Noch Fragen, warum gewisse Online-Magazine mit Katastrophen-Schlagzeilen aufmachen?

    Freut mich jedenfalls, mal ein populäres Thema erwischt zu haben. An meinem Themengespür muss ich wohl noch arbeiten.

  17. #17 Yeti
    5. Juni 2018

    @Alderamin:
    Bitte fange nicht an, Deine Themenauswahl (oder gar Deinen Stil) anhand irgendwelcher Clickzahlen zu verändern.
    “Blog as if no one was reading it!”

  18. #18 Spritkopf
    5. Juni 2018

    Freut mich jedenfalls, mal ein populäres Thema erwischt zu haben.

    Ich habe überhaupt erst mit viel Verspätung mitbekommen, dass du unter die Scienceblogger gegangen bist. Was ich super finde, da du einer der besten Erklärer hier auf den Scienceblogs bist.

    Bookmark ist gesetzt.

  19. #19 Alderamin
    5. Juni 2018

    @Yeti

    Ich werde versuchen, etwas kürzere Artikel zu bringen und die Themen etwas mehr variieren lassen. Gaia- und vergleichbare Artikel wird es weiterhin geben, im gleichen Stil, aber ich muss ja nicht 6 Paper in einem Artikel zusammen fassen. Ist viel Arbeit für einen Artikel. Wenn den dann nur 500 Leute lesen, ist das etwas enttäuschend. Der Artikel heute hatte mehr als 6500 Klicks, dafür brauche ich sonst einen halben Monat. Ist halt auch mal schön, wenn ein Artikel so gut ankommt.

  20. #20 Alderamin
    5. Juni 2018

    @Spriti

    Danke! Willkommen auf Alpha Cephei. Wenn man nicht über die Scienceblogs-Startseite geht, bekommt man Veränderungen im Angebot kaum mit. Ist aber alles noch da, vom Anfang im Februar bis jetzt. Viel Spaß beim Aufholen (schwere Aufgabe bei mir alten Labertasche 😉 )

  21. #21 stone1
    6. Juni 2018

    Ich glaub mein #6 wurde falsch interpretiert, ich wollte gar nicht bezweifeln, dass es den Asteroiden in einem Airburst zerrissen hat, nur dass es in den Clips nach einem Einschlag aussieht.

  22. #22 Timeout
    Ruhrpott
    6. Juni 2018

    @Alderamin
    Ich bin schon länger begeisterter Leser der Scienceblogs und schätze Dich als kompetenten Kommentator und einen der besten Erklärer hier auf den Scienceblogs (um mal bei Spritkopf zu klauen). Deinen Blog habe ich auch erst spät entdeckt. Meinen Glückwunsch hierzu. Und deine Gaia-Serie ist hervorragend. Danke dafür.

  23. #23 Alderamin
    6. Juni 2018

    Danke 🙂

  24. #24 UMa
    7. Juni 2018

    Der Feuerball über dem südlichen Afrika ist jetzt auf der Nasa-Seite. Allerdings mit 980 Tonnen statt 400 Tonnen TNT Impakt-Energie. Damit ist es nicht nur der 6. sondern der 2. größte Feuerball diesen Jahres.

    Astronews hat auch einen Artikel:
    http://www.astronews.com/news/artikel/2018/06/1806-004.shtml

  25. #25 Alderamin
    7. Juni 2018

    @UMa

    Ich kann mich auch erinnern, die 0,98 kt heute morgen auf einer JPL-Seite gelesen zu haben, finde sie aber nicht mehr; hast Du die Adresse noch? Oder wurde der Text geändert?

  26. #26 UMa
    7. Juni 2018

    Meine Quelle ist die gleiche wie oben:
    https://cneos.jpl.nasa.gov/fireballs/