China ist derzeit die einzige Nation, die in der Lage ist, Menschen in den Weltraum zu schießen. Nach der Notlandung der Sojus MS-10, die eigentlich die beiden Mitglieder der ISS Expedition 57 zur Internationalen Raumstation bringen sollte, sind bis auf Weiteres alle Sojus-Starts ausgesetzt. Seit die NASA die Shuttle-Flotte stillgelegt hat, ist sie auf die russische Sojus angewiesen, um ihre Astronauten zur ISS befördern zu lassen, während sie darauf wartet, dass Space-X und Boeing ihre Raumkapseln fertig stellen – deren erste bemannte Flüge sollten eigentlich noch in diesem Jahr stattfinden, sind nun aber für kommenden Sommer terminiert. Die Europäer haben sich gegen die Weiterentwicklung ihres unbemannten ATV-Transporters zur bemannten Kapsel entschieden. Was die Chinesen im Augenblick zu einsamen Champions macht.

 

Das sichere Arbeitspferd

Die Sojus-Rakete (sowohl das Raumschiff als auch die Rakete heißen Sojus, zu deutsch “Union”, als Hommage an die frühere “Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken”) war lange eines der verlässlichsten Raumfahrzeuge. Die seit 1966 in Betrieb befindlichen und stetig weiter entwickelten Raketen verbuchen über 1700 Flüge (bemannt und unbemannt). Seit dem Jahr 2002 gab es zwar eine Reihe von Fehlstarts unbemannter Sojus-Versionen, aber die bemannte Raumfahrt schien davon verschont zu bleiben. Der letzte Fehlschlag fand am 26. September 1983 statt, als Sojus T-10a vor dem Start wegen einer leckgeschlagenen Treibstoffzuleitung Feuer fing und die Besatzung mit dem Raumschiff durch Funk-Fernauslösung des Rettungssystems noch rechtzeitig vor der Explosion von der Rakete weg geschossen werden konnte. Im Jahr 1975 war das Rettungssystem zuletzt während des Aufstiegs von Sojus 18a eingesetzt worden und rettete 3 Kosmonauten, als sich die zweite und dritte Stufe nicht trennten. Und nun Sojus MS-10.

Die Sojus-FG-Rakete mit dem Raumschiff Sojus MS-10 wird per Eisenbahn zur Startrampe gefahren. Ein wenig merkt man noch, dass sie von einer Interkontinental-Atomrakete abstammt. Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

Die Sojus-FG-Rakete mit dem Raumschiff Sojus MS-10 wird per Eisenbahn zur Startrampe gefahren. Ein wenig merkt man noch, dass sie von einer Interkontinental-Atomrakete abstammt. Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

Sojus MS-10

Normalerweise besteht die Besatzung einer Sojus-Kapsel aus 3 Raumfahrern. Diesmal waren nur der russische Kosmonaut Alexej Owtschinin (der seinen 2. Raumflug absolvieren wollte) und der amerikanische Astronaut Tyler “Nick” Hague (für den es der erste Raumflug hätte werden sollen) an Bord. Der dritte Platz blieb frei – der ursprünglich als dritter Mann vorgesehene Nikolai Tichonow war im April von der Besatzungsliste gestrichen worden, da das russische ISS Nauka-Modul aufgrund von Verzögerungen immer noch nicht gestartet worden war, in welchem er hätte arbeiten sollen. Die Idee, einen Weltraumtouristen mitzunehmen, verwarf man zugunsten von 62 kg zusätzlicher Nutzlast in Form von Proviant und einem 3D-Bio-Drucker. Der Sitz war allerdings für die Rückkehr eines Weltraumtouristen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten vorgesehen, der mit dem nächsten Flug zur ISS starten sollte und nach einer Woche Aufenthalt auf der ISS wieder mit der MS-10-Kapsel hätte landen sollen.

Die beiden Kosmonauten würden zu Alexander Gersts Crew stoßen. Nick Hague sollte mit Astro-Alex noch im Oktober zwei Weltraum-Außenbordeinsätze durchführen, um Batterien an den Solarzellen der ISS auszutauschen.

Nick Hague (oben) und Alexei Owtschinin verabschieden sich am Fuß der Startrampe. Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

Nick Hague (oben) und Alexei Owtschinin verabschieden sich vor dem Start am Fuß der Startrampe. Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

Startablauf

Der Start (T+0:00) erfolgte am 11. Oktober 2018 pünktlich um 10:40:15 MESZ von der Gagarin-Rampe in Baikonur, übrigens im Beisein des neuen, von Donald Trump eingesetzten NASA-Administrators Jim Bridenstine und Roskosmos-Chef Dmtri Rogosin. Die Rakete stieg zunächst wie gewohnt auf ihrem Feuerstrahl auf.

 

Die Sojus hebt ab. Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

Die Sojus hebt ab. Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

 

Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

 

Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

1m54s nach dem Start (T+1:54) wurde das Feststoff-Rettungssystem an der Spitze der Rakete planmäßig abgesprengt, das für den Einsatz bei niedrigen Flughöhen oder auf der Startrampe vorgesehen ist. 4 Sekunden später (T+1:58) war Brennschluss der vier sogenannten “Booster”, angekoppelten zusätzlichen Flüssigtreibstoffraketen, die daraufhin abgeworfen wurden. Die Booster (üblicherweise mit Block B, V, G und D bezeichnet, weil das die latinisierten ersten kyrillischen Buchstaben nach dem A sind) bilden die erste Stufe der Rakete, die Kernstufe (Block A) zählt als zweite Stufe (siehe folgendes Bild).

Explosionszeichnung der Sojus-Rakete. Unten die 4 Booster (Block B, C, D, E), welche die erste Stufe der Rakete bilden. Dazwischen der Kern Block A, der die erste Stufe bildet. Darüber die Dritte Stufe (Block F), auf der das hier in drei Teile zerlegte Sojus-Raumschiff sitzt. Während des Starts ist es hinter der Nutzlastverkleidung vor den Aerodynamischen Kräften der Atmosphäre geschützt. Ganz oben eine kleine weiße Rettungsrakete, mit der das Sojus-Raumschiff ikm Falle eines Unfalls mit 13-17g von der Rakete wegbeschleunigt werden kann. Bild: Wikimedia Commons, AstroBidules, CC BY-SA 4.0.

Explosionszeichnung der Sojus-Rakete. Unten die vier Booster, welche die erste Stufe der Rakete bilden. Dazwischen die Kernstufe Block A, der die zweite Stufe bildet. Darüber die dritte Stufe, auf der das hier in drei Teile zerlegte Sojus-Raumschiff sitzt. Während des Starts ist es hinter der Nutzlastverkleidung vor den Aerodynamischen Kräften der Atmosphäre geschützt. Ganz oben eine kleine weiße Rettungsrakete, mit der das Sojus-Raumschiff ikm Falle eines Unfalls mit 13-17g von der Rakete wegbeschleunigt werden kann. Bild: Wikimedia Commons, AstroBidules, CC BY-SA 4.0.

 

Die Rakete war nun in ca. 50 km Höhe an der Grenze zur Mesosphäre. Den Beobachtern fiel auf, dass die Booster nicht das sonst übliche, symmetrische “Korolew-Kreuz” bildeten (benannt nach Sergej Korolew, dem Entwickler der R-7, einer Interkontinental-Atomrakete, aus der die Sojus hervorgegangen war). Hier ein Video, das zeigt, wie das eigentlich hätte aussehen sollen:

Statt dessen sah die Abtrennung so aus:

Leider fehlt in diesem von NASA-TV ausgestrahlten Video der entscheidende Moment, weil just zu diesem Zeitpunkt gerade die Besatzung in der Kapsel gezeigt wird, die heftig durchgeschüttelt wurde; man sieht aber nach der Umschaltung auf das Außenbild noch das asymmetrische Korolev-Kreuz. Die ganze Szene sieht man auf dem Video auf dieser Seite (welches mich Vimeo leider nicht hier einbinden ließ), und zwar ab 2m35. Bei 2m38s sieht man, wie die Rettungsrakete abgeworfen wird und nach unten fällt, dann folgt zum Brennschluss der Ausstoß einer kleinen Wolke, die man auch in dem ersten Video oben sieht, und kurz danach sehr viel Dampf oder Rauch, es sieht aus wie eine kleine Explosion, aus deren Wolke die Booster herausfallen, die nicht im Gleichtakt rotieren, sondern versetzt.

Wenn man genau hinschaut, sieht man ab 2m47 einen kleinen Punkt, der sich rasch nach links oben entfernt. Dabei dürfte es sich um die Sojuskapsel handeln. Das Sojus-Raumschiff wurde nämlich 4 Sekunden nach dem Abtrennen der Booster (T+2:02) durch vier Feststoffraketen in der Nutzlastverkleidung automatisch von der Rakete abgetrennt und weg beschleunigt.

Hier ein Standbild des Abwurfs, als sich die Wolke gerade auflöst. Man sieht rechts unten die dampfende Rakete, drumherum die vier Booster und mögliche Trümmerteile oder wegfliegende Teile der unteren Nutzlastverkleidung, und ganz links als kleinen Punkt das sich entfernende Sojus-Raumschiff:

Die abgesprengten Booster neben der Rakete und darüber die Reste der an eine Explosion erinnernde Wolke, die bei der Abtrennung entstand. Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

Die abgesprengten Booster neben der Rakete und darüber die Reste der an eine Explosion erinnernden Wolke, die bei der Abtrennung entstand. Der kleine Punkt ganz links ist das kurz zuvor abgesprengte Sojus-Raumschiff. Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

Das Sojus-Raumschiff besteht aus drei Teilen, dem runden Orbitalmodul auf der Spitze mit dem Andock-Anschluss für die Raumstation, die vor dem Wiedereintritt abgetrennt wird und verglüht, darunter das konische Abstiegsmodul, in dem sich die Kosmonauten bei Start und Landung befinden, und zuunterst das Instrumenten- und Service-Modul mit Antrieb und Energieversorgung. Die Abtrennung von der Rakete im Notfall erfolgt zwischen dem Abstiegsmodul und dem Service-Modul, das mit der dritten Raketenstufe verbunden bleibt.

Bestandteile eines Sojus-TMA-Raumschiffs: oben das Orbitalmodul, das nicht zur Erde zurückkehrt, darunter das Abstiegsmodul, in dem die Kosmonauten bei Start und Landung sitzen, und unten das Instrumenten- und Service-Modul mit Antrieb und Energieversorgung (unter anderem über Solarzellen). Bild: Wikimedia Commons, NASA, gemeinfrei.

Bestandteile eines Sojus-TMA-Raumschiffs: oben das Orbitalmodul, das nicht zur Erde zurückkehrt, darunter das Abstiegsmodul, in dem die Kosmonauten bei Start und Landung sitzen, und unten das Instrumenten- und Service-Modul mit Antrieb und Energieversorgung (unter anderem über Solarzellen). Bild: Wikimedia Commons, NASA, gemeinfrei.

Bei T+2:40 erhielten die Kosmonauten die Anweisung, das Abstiegsmodul vom Orbitalmodul und dessen Nutzlastverkleidung abzutrennen. Die Kosmonauten berichteten über Funk von Schwerelosigkeit. Sie befanden sich nun im freien Fall. Durch die Geschwindigkeit der Kapsel stiegen sie noch weiter auf, vermutlich bis auf 70-95 km, und fielen von dort aus wieder zurück zur Erde. Dort oben ist kaum Atmosphäre vorhanden und der Sturz ist ziemlich steil, verglichen mit einem normalen Wiedereintritt. Deswegen gewinnt die Kapsel eine hohe Geschwindigkeit und trifft dann recht abrupt auf dichtere Luftschichten, was für eine stärkere Verzögerung sorgt als beim regulären, viel flacher verlaufenden Wiedereintritt aus der Umlaufbahn, der ungefähr 3-4 g verursacht (es wirkt also das drei- bis vierfache Eigengewicht auf die Kosmonauten); die 1975 aus noch größerer Höhe geretteten Insassen der Sojus 18a mussten bis zu 21g (!) ertragen, was bei mindestens einem Kosmonauten zu inneren Verletzungen und bleibenden Schäden führte, die ihm keinen späteren Raumflug mehr erlaubten. Die Sojus-MS-10-Besatzung hatte aus geringerer Höhe mehr Glück und nur 6,7 g beim Wiedereintritt auszuhalten. Danach öffneten sich die Fallschirme und 34 Minuten nach dem Start landete die Kapsel sicher 25-30 km östlich der kasachischen Stadt Schesqasghan in der Steppe, rund 400 km von Baikonur entfernt.

Die Besatzung blieb unverletzt und wurde nach ca. 1h von einem Flugzeug mit Fallschirmspringern aufgespürt. Hubschrauber und Bergungsfahrzeuge folgten. Ein Hubschrauber flog die beiden Raumfahrer dann nach Schesqasghan und dort stiegen sie in ein Flugzeug um, dass sie zurück nach Baikonur brachte, wo sie ihre Angehörigen in die Arme schlossen. Sie blieben noch bis zum Abend für medizinische Untersuchungen im Kosmodrom und wurden am nächsten Tag nach Moskau geflogen.

Die Crew ist zurück in Baikonur. Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

Die Crew ist zurück in Baikonur. Bild: Flickr, NASA/Bill Ingalls, CC BY-NC-ND 2.0.

Alexander Gerst gelang übrigens ein Foto des Aufstiegs von der ISS aus gesehen:

Start der Sojus MS-10 von der ISS aus gesehen zum Zeitpunkt des Unfalls. Bild: Flickr, ESA/NASA-A.Gerst, CC BY-NC-SA 2.0

Start der Sojus MS-10 von der ISS aus gesehen zum Zeitpunkt des Unfalls, aufgenommen von Alexander Gerst. Bild: Flickr, ESA/NASA-A.Gerst, CC BY-NC-SA 2.0

Untersuchung der Unfallursache

Natürlich ist der misslungene Start ein großer Fehlschlag für die russische Raumfahrt, weitere Flüge der Rakete (auch unbemannte) wurden bis auf weiteres ausgesetzt, solange die Fehlerursache noch nicht gefunden ist. Auf der anderen Seite gab es auch viel Lob für das Rettungssystem, das wieder einmal funktioniert hatte. Es gibt vom Start bis zum Erreichen des Orbits eigentlich keinen Augenblick, in dem kein wirksames Rettungssystem für den Fall einer katastrophalen Fehlfunktion vorhanden ist; dazu müsste das Rettungssystem schon selbst unmittelbar betroffen und beschädigt sein. Im Gegensatz dazu gab es beim Space Shuttle überhaupt kein Rettungssystem für den Fall, dass der Orbiter nicht intakt war; man konnte bestenfalls beim Ausfall der Haupttriebwerke eine Notfalllandung durchführen (beim Flug STS-51 der Challenger war eines der Triebwerke im Aufstieg ausgefallen, aber man konnte mit den restlichen unter erhöhtem Schub und längerer Brenndauer noch den Orbit erreichen, ein sogenannter Abort to Orbit). Daher sind Raketen mit absprengbaren Kapseln die sicherere Wahl für den Flug in den Orbit und möglicherweise einer der Gründe, warum die NASA das Konzept des Raumgleiters Dream Chaser der Firma Sierra Nevada Corporation zugunsten der Kapseln von Space-X und Boeing ablehnte, während ein verkleinerter Dream Chaser für unbemannte Flüge weiter gefördert wird.

Der Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos Dmitri Rogosin ordnete noch am Tag des Unfalls eine Untersuchung an. Dabei könnte das beim MS-10-Flug erstmals eingebaute neue ASTRA-Avionik-System wertvolle Dienste leisten, das zahlreiche Parameter der Rakete in Echtzeit zum Boden überträgt. Am 12. Oktober wurden Trümmerteile aller Stufen und des Rettungssystems der Sojus-Rakete in der kasachischen Karaganda-Region in einem 40-km-Umkreis beim Dorf Talap geortet, geborgen und zu Roskosmos transportiert. Bis zum 14. Oktober sollen sie beim Sojus-Hersteller RKT in Samara eintreffen, wo ihre Untersuchung stattfinden wird. Laut der russischen Nachrichtenagentur TASS soll die Untersuchungskommission am 25. Oktober ihre Analyse vorlegen. Man will bereits im Dezember die nächste Besatzung zur ISS bringen (allerdings nicht die beiden Raumfahrer der MS-10, die erst im nächsten Frühjahr wieder starten sollen). Die NASA verlautbarte ebenfalls optimistisch, dass Alexander Gerst mit seiner Crew wie geplant im Dezember zur Erde zurückkehren würde. Die geplanten Außenbordeinsätze sind indes gestrichen worden. Dies gilt auch für einen von Roskosmos geplanten Einsatz zur externen Begutachtung eines Lochs in der MS-09.

Deutsche Medien hatten darüber spekuliert, dass Gerst und die beiden anderen Raumfahrer noch wesentlich länger oben bleiben müssten, bis Februar oder gar April. Ihr Sojus-Raumschiff darf den Vorschriften gemäß allerdings höchstens bis Ende Januar im Weltraum bleiben und dass man ihnen ein leeres, frisches Raumschiff hinauf schickt, scheint doch angesichts der immensen Kosten eher unwahrscheinlich; die ISS kann auch eine Weile ohne Besatzung betrieben werden, das hat bei der Mir auch schon einmal funktioniert.

Sojus-Booster. Oben bei der Nummer 3 das Entlüftungsventil des Sauerstofftanks, das beim Abtrennen geöffnet wird und einen Rückstoß erzeugt, der den Booster von der Rakete wegrotiert. Bild: Wikimedia Commons, AstroBidules, CC BY-SA 4.0; Ausschnitt.

Sojus-Booster. Oben bei der Nummer 3 das Entlüftungsventil des Sauerstofftanks, das beim Abtrennen geöffnet wird und einen Rückstoß erzeugt, der den Booster von der Rakete wegrotiert. Bild: Wikimedia Commons, AstroBidules, CC BY-SA 4.0; Ausschnitt.

Erste Mutmaßungen über die Unfallursache verlautete die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti unter Berufung auf Industriequellen bereits wenige Stunden nach dem Unfall. Die Telemetriedaten wiesen demnach darauf hin, dass die Trennung zwischen Booster D und Block A nicht wie vorgesehen funktioniert habe.

Der Abwurfmechanismus funktioniert folgendermaßen: die Booster stecken mit Kugelköpfen von unten in außen an der Kernstufe befindlichen Kerben. An der Unterseite sind sie mit Stützstangen befestigt, die ein seitliches Wegkippen verhindern, die aber dem Schub alleine nicht standhalten können; das Kugelgelenk vermittelt die Kräfte des Boosters auf den Kern der Rakete. Da die Booster mehr Schub haben, als die Kernstufe, schieben sie diese vor sich her. Kurz vor Brennschluss wird der Schub der Booster zurückgenommen und die Stangen unten werden pyrotechnisch gekappt. Da nun die Kernstufe mehr Schub als die Booster hat, fallen diese nach unten weg. Dabei wird das oben seitlich befindliche Entlüftungsventil des Sauerstofftanks DPKO (im Bild die Nr. 3) aufgesprengt, in dem sich noch unter Druck stehendes Gas befindet, das beim Entweichen einen Rückstoß erzeugt, der die Oberseite des Boosters von der Kernstufe weg rotiert. Wenn alles schön synchron abläuft, ergibt sich das oben gesehene Ballet der Booster (im ersten Video oben sieht man das Gas oben aus den Boostern entweichen).

Eine Theorie von zwei französischen Experten (die Fracht-Sojus startet ja auch für die ESA von Kourou/Frz.-Guyana aus) besagt, dass das Aufsprengen des DPKO-Ventils bei einem Booster möglicherweise nicht funktionierte und er dann mit der Kernstufe kollidierte.

Die russische Nachrichtenagentur Interfax bestätigt dies mit der Aussage, dass ein Booster mit der Kernstufe kollidierte und einen Treibstofftank derselben aufriss, so dass die Stufe ihre Lageregelung verlor. Dies löste aufgrund einer Abweichung von mehr als 7° der zweiten Stufe den automatischen Rettungsmechanismus aus, der nach dem Abtrennen der Booster eine 6-sekündige Pause einhält, damit die Kernstufe nach dem Abwurf noch Zeit hat, die Rakete gegebenenfalls wieder zu stabilisieren. Eine Videoaufzeichnung von Kameras an der Rakete zeige außerdem ein abnormes Abtrennverhalten von Booster D aufgrund eines defekten DPKO-Ventils.

Nun kommt es darauf an, die eigentliche Ursache für das Versagen des DPKO-Ventils ausfindig zu machen und den Fehler zukünftig abzustellen. Viele Ursachen sind denkbar, von einem Materialfehler über fehlerhaft durchgeführte Arbeiten bis hin zur Sabotage. Man denke an das in der Sojus MS-09 gefundene Loch, das laut Aussage von Rogosin höchstwahrscheinlich absichtlich gebohrt und dann mit Klebstoff “repariert” worden war. Es gab auch schon einmal einen Fall, in dem einer Rakete versagte, weil ein Lappen in einer Treibstoffleitung vergessen worden war (Nr. 10 in der Liste). Die Russen sind flott in der Reaktion auf Fehlschläge. Nur 6 Wochen nach dem Sojus-18a-Notfall 1975 flog die nächste Besatzung mit einer Sojus ins All.

Hoffen wir, dass das alte Arbeitspferd auch diesmal wieder schnell eingespannt werden kann. Und nächstes Jahr mit den amerikanischen privaten Raketen genug Ersatz vorhanden ist, dass es bei einem Versagen eines Trägers keine erneute Unterbrechung in der Erreichbarkeit der ISS gibt.

 

Referenzen

Kommentare (32)

  1. #1 rolak
    14. Oktober 2018

    Schöner Bericht!

    welches mich Vimeo leider nicht hier einbinden ließ

    Mit Dir hat es wohl weniger zu tun, Alderamin, und inwieweit vimeo der Bremsklotz ist, sei mal dahingestellt: beim normalen Start über die clip-url erscheint ‘Aufgund seiner eigenen Datenschutzeinstellungen kann dieses Video nicht hier gespielt werden’, via US-proxy gibts ein 403/forbidden.

  2. #2 Karl Mistelberger
    14. Oktober 2018

    Es muss einmal deutlich gesagt werden: So informativ und gut leserlich, einschließlich der Referenzen, würde man sich alle Artikel auf Scienceblogs wünschen. 😉

  3. #3 Сhemіkеr
    14. Oktober 2018

    #2 (Karl Mistelberger)
    ++

  4. #4 Mars
    14. Oktober 2018

    ja, absolut klasse

    toll finde ich das bild aus der ISS, die ja gute 500 km weit weg war, und man das alles dennoch so gut sieht

  5. #5 Michael
    14. Oktober 2018

    “… Die Besatzung blieb unverletzt …”

    Es ist immer wieder erhebend, wie die bemannte Raumfahrt Probleme löst, die es ohne die bemannte Raumfahrt nicht gäbe.

    Wäre es nicht an der Zeit über den enormen Aufwand der bemannten Raumfahrt zu diskutieren? Diese Verschwendung von Ressourcen sollten die, die gezwungen sind das zu bezahlen ohne einen Nutzen*1 zu haben, nicht länger hinnehmen.

    [1] von der gern ins Feld geführten Teflonpfanne abgesehen

  6. #6 Karl-Heinz
    14. Oktober 2018

    @Michael

    … Diese Verschwendung von Ressourcen sollten die, die gezwungen sind das zu bezahlen ohne einen Nutzen*1 zu haben, nicht länger hinnehmen.

    [1] von der gern ins Feld geführten Teflonpfanne abgesehen

    Oh je Michael. Es scheint so, dass du nicht wirklich viel Ahnung von der Raumfahrt hast. Zunächst hat Teflon mal nicht’s mit der Raumfahrt zu tun.
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Polytetrafluorethylen

    Auf der ISS die Erde zu umkreisen, ist nicht nur Vergnügen. Die Raumfahrer haben zahlreiche Experimente geplant, von denen viele auf der Erde nicht durchführbar sind.
    https://www.dw.com/de/experimente-in-der-schwerelosigkeit-woran-gerst-und-co-auf-der-iss-forschen/a-44045817

  7. #7 Alderamin
    14. Oktober 2018

    @Michael

    Über 2€/Kopf pro Jahr für die bemannte Raumfahrt kommen wir schon weg, denke ich.

    Die mit der bemannten Raumfahrt einher gehende Inspiration junger Menschen für techische Berufe ist ohnehin mit Geld nicht zu bezahlen. Aber das hatten wir ja neulich schon mal.

  8. #8 Kai
    14. Oktober 2018

    @Michael: Das alberne an dem Argument ist meiner Meinung nach auch immer, dass man diese Kosten nicht einfach gegenrechnen kann. Es gibt nicht plötzlich millionen hungernde Kinder weniger auf der Welt, wenn man keine Raumfahrt betreibt. Warum wir gigantische Unsummen für das Militär ausgeben, die Raumfahrt aber eine Geldverschwendung ist, erschließt sich mir auch nicht. Oh, und wie viele Unsummen verschlingen wir täglich, weil wir uns neue Kleidung kaufen obwohl noch genügend brauchbare im Schrank ist, oder ein neues Handy, weil unser bisheriges ja schon ein Jahr alt ist? Es ist ja nicht so, dass der einzelne Steuerzahler in irgendeiner Weise besser mit seinem Geld haushalten kann, als das der Staat tut.

  9. #9 tomtoo
    14. Oktober 2018

    @Alderamin
    Super Artikel!

  10. #10 Karl-Heinz
    14. Oktober 2018

    @tomtoo

    Wovor muss ein Astronaut Angst haben?

    • Fatale mechanische Defekte während des Raketenstarts.
    • Bei einem Ausseneinsatz in die Weite des
    Alls davonzuschweben.
    • Feuer an Bord, schwere Krankheit oder Tod eines Kollegen während des Aufenthaltes im Orbit.
    • Der Verlust der Kommunikation mit der
    Bodenstation.
    • Ein verheerendes Ereignis auf der Erde,
    während man im All festsitzt.
    • Gefahr, beim Wiedereintritt in die Atmosphäre
    zu verbrennen.
    • usw. 😉

  11. #11 tomtoo
    14. Oktober 2018

    @K-H
    Deswegen habe ich ja meinen ehemaligen Berufswunsch Astronaut zu werden ja auch geändert. NUR deswegen! ; )

  12. #12 Karl-Heinz
    14. Oktober 2018

    @tomtoo

    Und auf einmal gibt’s auch noch Trolle, die Löcher bohren und diesen mit einem Kleber versiegeln. 😉

  13. #13 Captain E.
    15. Oktober 2018

    Der Verweis auf die Chinesen als einziger Nation, die im Augenblick noch in der Lage sei, bemannte Raumfahrt zu betreiben, kann ja nur sarkastisch gemeint sein. Man könnte ja genausogut behaupten, dass die Chinesen sich (wie die Amerikaner) in einer “Gap” befinden, die nun schon fast zwei Jahre andauert. Die letzte Landung hat am 18. November 2016 stattgefunden. Die letzte US-Landung erfolgte natürlich bereits am 21. Juli 2011. Also ja, theoretisch können die Chinesen Raumflug betreiben. Praktisch tun sie es aber zurzeit nicht.

    Was die Implikationen auf die ISS-Expedition 57 angeht, so wird man sehen müssen. Ich gehe eigentlich schon davon aus, dass man den Aufenthalt der drei ISS-Crewmen ausdehnen wird, und wenn eben nur um einen Monat bis in den Januar. Was einen möglichen unbemannten Start einer Sojus-Kapsel angeht, so wäre der nicht ganz so teuer wie man meinen möchte. Klar kostet so ein Start immer eine Menge Rubel, aber man würde die Sojus natürlich ohne Sitze hochschießen, aber dafür vollgestopft mit jeder Menge Fracht. Bei Sojus MS-10 war der “freie Sitz” ja auch dafür genutzt worden. In diesem Falle müsse die ISS-Crew die Fracht ausladen, die Konturensitze von der einen (MS-09) in die andere Sojus (MS-1x) verlegen und möglichst viel an Rückkehrfracht in das Landemodul stecken. Das wäre ja auch eine Chance, da eine bemannte Sojus nur sehr wenig Fracht zur Erde bringen kann. (Und ja, die Dragons können regelmäßig mehr transportieren!)

    Die Abwägung von Roskosmos und NASA (und der übrigen Agenturen) würde also die Sicherheit der Raumfahrer wie auch der ISS und ihrer zukünftigen Besatzungen plus den Kosten beinhalten.

  14. #14 Alderamin
    15. Oktober 2018

    @Captain

    Der Verweis auf die Chinesen als einziger Nation, die im Augenblick noch in der Lage sei, bemannte Raumfahrt zu betreiben, kann ja nur sarkastisch gemeint sein. Man könnte ja genausogut behaupten, dass die Chinesen sich (wie die Amerikaner) in einer “Gap” befinden, die nun schon fast zwei Jahre andauert.

    Das war ein kleiner ironischer Seitenhieb als Aufmacher. Tatsache ist, die Russen haben derzeit ein technisches Problem, das vor dem nächsten Start abgestellt werden muss. Die Amerikaner wollten 2017 schon wieder aus eigener Kraft zur ISS, und können es nicht. Der Vertrag mit den Russen läuft 2019 aus und eine Verlängerung ist nicht ohne Weiteres möglich; die Sitzplätze in der Sojus kosten nun schon das Doppelte dessen, was sie während der Shuttle-Zeit kosteten. Und gestern las ich, dass die Ingenieure der NASA ein Redesign des Fallschirm-Systems der Dragon-Kapsel verlangen, weil es ihnen nicht sicher genug erscheint, während die Dragon V2 für den unbemannten Test schon am Cape ist und für einen Start im Januar vorbereitet wird. Ob dann wie geplant im Juni die ersten Astronauten mit einer Dragon zur ISS fliegen werden, ist dann doch zweifelhaft.

    Die Chinesen sind eine Weile nicht geflogen und basteln gerade an ihrer nächsten Raumstation. Genaues über ihre Pläne weiß man nicht, aber eine Fehlfunktion hat es anscheinend auch nicht gegeben. SIe haben jedenfalls ein funktionierendes Raumfahrzeug, das sie einsetzen können, wann sie wollen. Die anderen haben das im Augenblick nicht. Das fand ich kurios genug, es an den Anfang zu stellen. Natürlich gehe ich davon aus, dass die Russen schnell wieder einsatzfähig sind und vor dem nächsten Taikonauten wieder im All sein werden.

    Was die Implikationen auf die ISS-Expedition 57 angeht, so wird man sehen müssen. Ich gehe eigentlich schon davon aus, dass man den Aufenthalt der drei ISS-Crewmen ausdehnen wird, und wenn eben nur um einen Monat bis in den Januar.

    Ich bin eigentlich optimistisch, dass das Problem schnell gelöst wird und man wirklich im Dezember oder Januar schon wieder fliegen kann, denn Sojus-Raketen fliegen ja schon sehr lange sehr erfolgreich, an der Konstruktion kann’s nicht liegen, eher an Problemen der Qualitätskontrolle oder gar Sabotage. Man muss den Fehler im System finden und abstellen. Ganz ähnlich wie beim letzten missglückten Start der Ariane V, die auch ohne große Verzögerung wieder startete.

  15. #15 Alex
    Lev
    15. Oktober 2018

    Super Artikel, vielen Dank.

  16. #16 Captain E.
    15. Oktober 2018

    @Alderamin:

    Das war ein kleiner ironischer Seitenhieb als Aufmacher. Tatsache ist, die Russen haben derzeit ein technisches Problem, das vor dem nächsten Start abgestellt werden muss. Die Amerikaner wollten 2017 schon wieder aus eigener Kraft zur ISS, und können es nicht. Der Vertrag mit den Russen läuft 2019 aus und eine Verlängerung ist nicht ohne Weiteres möglich; die Sitzplätze in der Sojus kosten nun schon das Doppelte dessen, was sie während der Shuttle-Zeit kosteten. Und gestern las ich, dass die Ingenieure der NASA ein Redesign des Fallschirm-Systems der Dragon-Kapsel verlangen, weil es ihnen nicht sicher genug erscheint, während die Dragon V2 für den unbemannten Test schon am Cape ist und für einen Start im Januar vorbereitet wird. Ob dann wie geplant im Juni die ersten Astronauten mit einer Dragon zur ISS fliegen werden, ist dann doch zweifelhaft.

    Ich hatte den Einstieg ja sogar “sarkastisch” genannt – noch einmal ein wenig mehr.

    In den USA ärgern sich aber bestimmt gerade einige, dass ihre neuen Flugkörper noch nicht einsatzbereit sind. Nach dem “Trampolinvergleich” der Russen vor einigen Jahren hätte man deren derzeitige Lage so richtig auskosten können.

    Die Chinesen sind eine Weile nicht geflogen und basteln gerade an ihrer nächsten Raumstation. Genaues über ihre Pläne weiß man nicht, aber eine Fehlfunktion hat es anscheinend auch nicht gegeben. SIe haben jedenfalls ein funktionierendes Raumfahrzeug, das sie einsetzen können, wann sie wollen. Die anderen haben das im Augenblick nicht. Das fand ich kurios genug, es an den Anfang zu stellen. Natürlich gehe ich davon aus, dass die Russen schnell wieder einsatzfähig sind und vor dem nächsten Taikonauten wieder im All sein werden.

    Das ist genau die gute Frage: Haben sie noch ein funktionsfähiges Raumschiff oder nicht? Wenn sie zu lange warten, können sie den ganzen industriellen Prozess zum Bau eines derartigen Gefährt komplett neu aufsetzen. Womöglich ist das bereits der Fall. Die ESA kann ja auch kein ATV mehr bauen.

    Von daher könnte es durchaus sein, dass die Amerikaner früher mit eigenem Gerät starten als die Chinesen.

    Ich bin eigentlich optimistisch, dass das Problem schnell gelöst wird und man wirklich im Dezember oder Januar schon wieder fliegen kann, denn Sojus-Raketen fliegen ja schon sehr lange sehr erfolgreich, an der Konstruktion kann’s nicht liegen, eher an Problemen der Qualitätskontrolle oder gar Sabotage. Man muss den Fehler im System finden und abstellen. Ganz ähnlich wie beim letzten missglückten Start der Ariane V, die auch ohne große Verzögerung wieder startete.

    Fälschlicherweise wurde übrigens in einigen Medien vermeldet, dass die Sojus-Rakete schon seit Jahrzehnten keinen Fehlstart gehabt hätte. Gemeint waren wohl Starts mit der gleichnamigen Kapsel, denn dies ist die Bilanz des Schreckens (erfolgreiche Starts gab es natürlich viel mehr):

    28. November 2017 – Meteor M2-1
    1. Dezember 2016 – Progress MS-04
    5. Dezember 2015 – Kanopus ST
    28. April 2015 – Progress M-27M
    22. August 2014 – Galileo FOC M1-5 & M1-6
    23. Dezember 2011 – Meridian 5
    24. August 2011 – Progress M-12M

  17. #17 leo
    Interessantes Posting , ist aber nicht neu
    15. Oktober 2018

    Michael 14. Oktober 2018
    “… Die Besatzung blieb unverletzt …”
    Es ist immer wieder erhebend, wie die bemannte Raumfahrt Probleme löst, die es ohne die bemannte Raumfahrt nicht gäbe.
    Wäre es nicht an der Zeit über den enormen Aufwand der bemannten Raumfahrt zu diskutieren? Diese Verschwendung von Ressourcen sollten die, die gezwungen sind das zu bezahlen ohne einen Nutzen*1 zu haben, nicht länger hinnehmen.
    [1] von der gern ins Feld geführten Teflonpfanne abgesehen

    Dieses Argument kommt jetzt seit der Mondlandung 1969 mindestens zweimal monatlich.

    Aber hat nicht jeder Mensch so seine Prioritäten.

    Mir doch egal wenns dir nicht gefällt !

  18. #18 Till
    15. Oktober 2018

    Klasse Artikel mit wertvollen Hintergrundinformationen sehr schön aufbereitet – vielen Dank!

  19. #19 Alderamin
    15. Oktober 2018

    @Captain E.

    Das ist genau die gute Frage: Haben sie noch ein funktionsfähiges Raumschiff oder nicht? Wenn sie zu lange warten, können sie den ganzen industriellen Prozess zum Bau eines derartigen Gefährt komplett neu aufsetzen. Womöglich ist das bereits der Fall.

    Na, aber die Chinesen wollen doch demnächst bemannt zu ihrem neuen Himmelspalast, da wird man das Gefährt ja nicht outphasen, wie das Space-Shuttle oder ATV. In der Vergangenheit lagen auch oft Jahre zwischen den Flügen. Man führt keine Wettlauf durch (mit wem auch? Indien ist noch lange nicht so weit).

    Die ESA kann ja auch kein ATV mehr bauen.

    Kann sie nicht? Wird doch von Airbus gebaut. Die bauen auf der gleichen Basis doch das Servicemodul für die Orionkapsel (das kürzlich zum Cape transportiert wurde, wenn ich mich recht entsinne). Wenn die müssten, dann sollten die das eigentlich mit vertretbarem Aufwand auch wieder hin bekommen.

  20. #20 Karl-Heinz
    15. Oktober 2018

    ATV … Automated Transfer Vehicle (automatisches Transferfahrzeug)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Automated_Transfer_Vehicle

  21. #21 Captain E.
    16. Oktober 2018

    @Alderamin:

    Na, aber die Chinesen wollen doch demnächst bemannt zu ihrem neuen Himmelspalast, da wird man das Gefährt ja nicht outphasen, wie das Space-Shuttle oder ATV. In der Vergangenheit lagen auch oft Jahre zwischen den Flügen. Man führt keine Wettlauf durch (mit wem auch? Indien ist noch lange nicht so weit).

    Nun ja, das grundsätzliche Problem bleibt auch in China dasselbe. Raumflugkörper, die nicht starten, müssen nicht gebaut werden. Was tun also die Experten, die die Dinger bauen können, in der Zwischenzeit? Und was ist mit den Zulieferern? Wenn man zu lange wartet, bekommt man die Bauteile nicht mehr, die man in sein Gerät einbauen will, weil die Zulieferfirma die Produktion mangels Nachfrage bereits längst eingestellt hat. Wenn so etwas passiert, muss man zurück an das (mittlerweile elektronische) Reißbrett und die Konstruktionspläne überarbeiten. Und so etwas kostet dann. China mag natürlich eine Reihe von flugtauglichen Kapseln im Lager haben, aber dann verschiebt sich die Problematik lediglich weiter in die Zukunft. Und die Frage wäre zu klären, wie lange man sie flugtauglich halten könnte.

    Kann sie nicht? Wird doch von Airbus gebaut. Die bauen auf der gleichen Basis doch das Servicemodul für die Orionkapsel (das kürzlich zum Cape transportiert wurde, wenn ich mich recht entsinne). Wenn die müssten, dann sollten die das eigentlich mit vertretbarem Aufwand auch wieder hin bekommen.

    Der Aufwand mag vertretbar sein (wird er aber gerade nicht von den verantwortlichen Politikern und Agenturbossen), aber er wäre nicht unerheblich. Die Leute, die das Frachtmodul entworfen und gebaut haben, sind verstorben, in Rente oder mit anderen Projekten beschäftigt. Die ATV-spezifischen Komponenten werden von den Zulieferern nicht mehr gebaut, und selbst manche Halbfertigprodukte (und seien es Schrauben) werden möglicherweise nicht mehr hergestellt. Will man also ein neues Modul bauen, müsste man die industriellen Prozesse zu einem Großteil von Grund auf neu aufsetzen.

    Beim Servicemodul sieht die Sache in der Tat ein wenig anders aus, da es dafür im Rahmen der Kooperation ESA-NASA zu einer Weitentwicklung als Orion-Servicemodul gekommen ist. Aber selbst da ging es zunächst nur um zwei Module ohne Festlegung auf einen weiteren Einsatz für Orion. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob die Einigung inzwischen um weitere Servicemodule erweitert wurde.

  22. #22 Laie
    21. Oktober 2018

    Damit die Rakete bis zum Brennschluß steuerbar bleibt, darf man ja die Treibstofftanks einer Rakete nie ganz leerfliegen. Was passiert, wenn der Sauerstofftank im Block D trotzdem leer war ? Kann bei einem leeren Sauerstofftank das Druckgas entweichen ? So, daß beim Aufsprengen des DPKO-Ventils gar kein Druckgas mehr vorhanden ist, was entweichen kann.

  23. #23 Alderamin
    21. Oktober 2018

    @Laie

    Weiß ich nicht genau; bei der Space-X Falcon-9 sind jedenfalls noch Heliumtanks in den Sauerstofftanks enthalten, um den Sauerstoff unter Druck zu halten, wenn er zur Neige geht. Dass die Pyrotechnik versagt hat, erscheint mir bei der Sojus wahrscheinlicher als ein vorzeitiges Aufbrauchen des Sauerstoffs.

    Der Untersuchungsbericht soll am 30. Oktober vorgestellt werden. Warten wir mal ab, was drin steht.

    Außerdem hieß es, bevor die nächste bemannte Mission startet, sollen erst drei unbemannte Sojus-Raketen gestartet werden.

  24. #24 Karl-Heinz
    22. Oktober 2018

    Laut einer Sputnik-Quelle in der Raumfahrtindustrie war die Ursache der Panne ein Montagefehler. Beim Zusammensetzen des Seitenblocks mit dem Zentralblock seien eine Verschlussecke verbogen und Schmierungsmittel auf die Innenseite geraten.

  25. #25 Captain E.
    22. Oktober 2018

    Und da wundern sich manche Leute noch, wieso bei Arbeiten an und mit Raumfahrttechnik jeder Handgriff penibel potokolliert wird.

    Wobei es schon peinlich wäre, wenn auch der Fehler ordnungsgemäß protokolliert worden wäre, aber erst nach dem Absturz wieder gelesen wurde. Gut, es entsteht andererseits ein ziemlicher Wust an Dokumenten. Das alles gegenzulesen wäre natürlich ein gewaltiger Aufwand.

    Oder andersherum: Wie sonst könnte man sonst zu dieser Vermutung des Montagefehlers kommen?

  26. #26 Alderamin
    22. Oktober 2018

    @Captain E.

    Wie sonst könnte man sonst zu dieser Vermutung des Montagefehlers kommen?

    – Analyse der gefundenen Trümmer?
    – Videoaufnahmen an der Rakete?
    – Aussagen von Mitarbeitern?

  27. #27 Alderamin
    22. Oktober 2018

    Ich hab’ was im NASA Spaceflight-Forum gefunden. Man hat die Trümmer analysiert und im Bericht steht, dass beim Montieren des Boosters zu viel Gewalt eingewirkt habe, was eine Lasche an der oberen Halterung verbogen habe. Zwar habe die Pyrotechnik beim Abtrennen funktioniert, aber die verbogene Lasche habe dann das Wegkippen des Boosters behindert.

    Es waren sicherlich ein paar Leute an der Montage beteiligt, die darüber aussagen können. Der eine oder andere Mitarbeiter wird wohl Konsequenzen zu tragen haben.

    Die gute Nachricht ist, man kann eigentlich gleich weiterfliegen, es war kein Fertigungsfehler. Die schlechte ist, dass die Qualitätsprobleme nun auch die bemannte russische Raumfahrt erreicht haben und man anscheinend nicht in der Lage ist, sie in den Griff zu bekommen.

  28. #28 Captain E.
    22. Oktober 2018

    @Alderamin:

    Dann ging das schnell mit dem Untersuchen der Trümmer, denn meistens dauert so etwas doch erheblich länger oder bleibt gänzlich ohne Resultat. Beispielsweise konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden, wieso der Tiger in Mali so urplötzlich abgeschmiert ist – trotz geborgener Trümmer und Augenzeugen in der zweiten Maschine.

    Was dazu wohl im Montageprokoll des Unglücksblocks steht?

  29. #29 Karl Mistelberger
    22. Oktober 2018

    Mit Sojus (die Firefox Rechtschreibprüfung schlägt “Jusos” vor) zur ISS fliegen ist Kinderkram.

    Spannend wird es hier:

    “Webb should continue based on its extraordinary scientific potential and critical role in maintaining U.S. leadership in astronomy and astrophysics,” said Tom Young, the chair of the review board. “Ensuring every element of Webb functions properly before it gets to space is critical to its success.”

    https://www.nasa.gov/sites/default/files/atoms/files/webb_irb_report_and_response_0.pdf

    The telescope’s new total lifecycle cost, to support the revised launch date, is estimated at $9.66 billion; its new development cost estimate is $8.8 billion.

  30. #30 Alderamin
    22. Oktober 2018

    @Karl

    Webb ist so ein BER der NASA. Sollte mal $824,8 Mio kosten und liegt jetzt bei $9660 Mio und einem Startdatum nicht vor 2021. Das Teleskop ist schon toll, nur blöde, dass das Geld anderswo fehlt und ebenso spannende Missionen deswegen ins Gras beißen.

    https://spacenews.com/nasa-faces-funding-challenge-for-jwst-in-future-years/

  31. #31 Karl-Heinz
    31. Oktober 2018

    Defekter Sensor verursachte jüngsten Fehlstart der Sojus-Raumkapsel. Der Unfall vom 11. Oktober, der dem zwei Raumfahrer zur Notlandung zwang, soll durch einen Sensor ausgelöst worden sein.
    Ein defekter Sensor hat den Fehlstart der bemannten Sojus-Rakete am 11. Oktober verursacht. Das sagte der Leiter der bemannten russischen Raumfahrt, Ex-Kosmonaut Sergej Krikaljow, in Moskau. Der Fehler habe das Problem bei der Trennung der ersten von der zweiten Raketenstufe ausgelöst, sagte er.

    Offiziell will die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos am Donnerstag das Ergebnis einer Kommission vorstellen, die den Vorfall untersucht hat. Dabei sollen weitere Details an die Öffentlichkeit kommuniziert werden.

    https://mobil.derstandard.at/2000090419523/Defekter-Sensor-verursachte-Fehlstart-von-Sojus-Raumkapsel?amplified=true

  32. […] Untersuchung des Sojus-MS-10-Unfalls vom 11. Oktober 2018 ist abgeschlossen. Heute am 1.11.2018 wurde der Abschlussbericht […]