“Was weiß man schon?” lässt Yasmina Reza den Mann am Ende ihres Stücks “Der Gott des Gemetzels” fragen. Es geht nicht um Wissenschaft, es geht um den Hamster der Tochter, den der Mann am Vorabend auf der Straße ausgesetzt hatte und der am Morgen nicht mehr wiedergefunden werden konnte. Die Frau hatte der Tochter gerade am Telefon erzählt, dass das Tier ja vielleicht hinüber gelaufen sei in den nahen Park, dass es ihm dort sicher gut ging. In die Stille nach diesem Telefonat hinein äußert der Mann die Vermutung, dass es doch vielleicht wirklich so sei, dass der Hamster möglicher weise noch lebe.

“Nein.” sagt die Frau nur tonlos. Dieses “Nein” heißt: “Ich weiß, dass er tot ist. Überfahren, erfroren oder vom Hund gefressen – jedenfalls tot”.


Die Antwort des Mannes ist eben dieses „Was weiß man schon.” – dann fällt der Vorhang(*)

Hat die Frau unberechtigter Weise bestritten, dass der Hamster noch leben könne? Muss man dem Mann zustimmen, wenn er sagt, dass man es ja nicht sicher wissen kann?

Die Frage ist, unter welchen Umständen jemand berechtigt ist zu sagen, dass er etwas weiß. Diese Frage interessiert nicht nur im Zusammenhang mit toten Hamstern, sondern auch mit Wissenschaften, insbesondere mit denen, die sich mit vergangenen Ereignissen beschäftigen, von denen wir nur noch Spuren beobachten können.

Schaut man sich den Mann in Rezas Stück an, der ja das Wissen der Frau bestreitet, dann kann man drei Aspekte untersuchen:

Hat er überhaupt irgendwelche plausiblen Alternativen zu dem behaupteten Wissen? Ist es denkbar, dass so ein Hamster unbeschadet in den Park gegenüber kommt? Wie wahrscheinlich ist es, dass er in diese Richtung gelaufen ist? Wie weit läuft so ein Hamster? Mit welcher Wahrscheinlichkeit trifft er unterwegs auf ein Auto, einen Hund, eine Katze?

Die nächste Frage ist, ob es nicht praktische Konsequenzen haben müsste, wenn der Mann wirklich ernsthaft glaubt, dass der Hamster, um den Tochter und Frau so trauern und dessen Tod sie ihm zum Vorwurf machen, noch lebt. Müsste das Bestreiten des Hamster-Todes nicht dazu führen, dass der Mann nicht aufhört, nach dem Tier zu suchen?

Schließlich kann man fragen, warum der Mann die Behauptung der Frau eigentlich bestreitet. Geht es ihm um die Wahrheit oder um eine Rechtfertigung seines eigenen Verhaltens? Will er seine Tochter trösten (so wie die Frau, die am Telefon ihrer Tochter gegenüber ja offenbar gelogen hat) oder will er sich nur reinwaschen?

Wenn man diese drei Aspekte des Bestreitens einer Wahrheitsbehauptung betrachtet, kommt man umgekehrt zu einem Begriff von Wissen, der nicht als der absolute unwiderlegbare Besitz der Wahrheit betrachtet werden muss, sondern als gerechtfertigte und sichere Überzeugung. Zu ihr gehört:

Man hat nach plausiblen Alternativen gesucht und hat keine gefunden.
Man verfährt praktisch entsprechend der Konsequenzen, die aus der Überzeugung zu ziehen sind (und die Praxis lässt es zu, so zu verfahren)
Man hat keine anderen Interessen an der Richtigkeit der behaupteten Tatsachen als eben das Finden der Wahrheit über einen Sachverhalt.

Wenn jemand diese drei Aspekte bei seiner Tatsachenbehauptung geprüft hat und mit gutem Gewissen sagen kann, dass er entsprechend verfährt, dann darf er auch sagen, dass er um die Richtigkeit dieser Behauptung weiß. Das trifft für den Klimawandel ebenso zu wie für den Urknall, aber auch für den Mechanismus der Kernfusion und die Funktionsweise eines Elektronenmikroskopes.

(*) in keiner der drei Vorführungen, die ich gesehen habe, ist wirklich ein Vorhang gefallen, im modernen Theater gibt es ja kaum noch Vorhänge. Man möge mir verzeihen – es klingt, im wahrsten Sinne des Wortes, aber so schön theatralisch.

Kommentare (1)

  1. #1 Bundesratte
    Juni 18, 2009

    Besides all der bedingten Wahrscheinlichkeiten und Handlungsmaximen… Klingt schlicht nach einem interessanten Stück.
    (Auch wenn es, nach der u.a. Kritik gehe, eine Einladung für modernes Regietheater zu sein scheint, mit dem ich nur sehr bedingt etwas anfangen kann)
    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,531317,00.html