Wenn von Leuten, die sonst rational und freundlich miteinander diskutieren, plötzlich unversönliche Kommentarschlachten geschlagen werden, wie bei den ScienceBlogs zum Thema Atheismus und Religion, dann drängt sich der Verdacht auf, dass die Diskussion vielleicht nur an der Oberfläche der Phänomene geführt wird, und dass es in diesen Diskussionen vielleicht nicht gelingt, den Phänomenen wirklich auf den Grund zu gehen.

Vielleicht ist es in einer solchen Situation sinnvoll, sich bei einem Denker Rat zu holen, der das Freilegen von Verschüttetem und Verstelltem, zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Martin Heidegger, auf dessen erstes Hauptwerk „Sein und Zeit” ich hier Bezug nehme, hat versucht, den Blick auf das Dasein der Menschen von Verstellungen und Verschüttungen zu befreien und die Grundelemente dieses Daseins zu bestimmen.

Ich und die Anderen

Heidegger zeigt im §26 von „Sein und Zeit”, dass sich dem einzelnen Menschen das eigene Dasein immer in Bezug auf das Dasein Anderer erschließt [1]. Jeder einzelne nimmt zunächst und zumeist sogar nicht sich selbst sondern die Anderen wahr. Das eigene Leben zeigt sich im Leben der Anderen und es wird mit Bezug auf das Leben der anderen verstanden. Jeder ordnet sich in die so konstituierte Umwelt ein, versteht sich darüber, wie er die anderen versteht.

Wesentlicher Bestandteil dieses Verständnisses ist der Umgang der Menschen miteinander in der Praxis der Bewältigung des Alltags. Dem einzelnen erschließt sich der Andere (und damit auch das eigene Dasein) in der Art, wie diese für das eigene Dasein und das der Mitmenschen sorgen, wie sie umeinander besorgt sind (oder eben auch, wie sie sich einander gleichgültig sind).

“Zwischen den beiden Extremen der positiven Fürsorge – der einspringend-beherrschenden und der vorspringend-befreienden – hält sich das alltägliche Miteinandersein”

Diese Fürsorge kann sich laut Heidegger auf zwei verschiedene Weisen zeigen. Der Andere kann mir meine Sorge abnehmen, er kann sie sozusagen für mich übernehmen und damit für mich sorgen. Damit konstituiert sich jedoch gleichzeitig ein Abhängigkeits- und damit ein Herrschaftsverhältnis. Die andere Möglichkeit der Fürsorge besteht darin, dass der Andere für mich überhaupt die Bedingungen schafft, dass ich für mich selbst sorgen kann. Daraus allerdings wird kein Herrschaftsverhältnis begründet, die Fürsorge des anderen gibt mir eher die Freiheit, mich um mich selbst zu sorgen.

Die Herrschaft des Man

Da jeder das eigene Dasein also zunächst und zumeist in Bezug auf das Dasein der Anderen versteht und damit also im Alltag durch ein Verständnis davon, wie die Anderen dem Einzelnen Fürsorge angedeihen lassen oder verweigern, ist das Dasein eines jeden von der Sorge um den Unterschied, den Abstand zwischen dem Einzelnen und den Anderen bestimmt. Damit ist aber die Möglichkeit der Selbstbestimmung des einzelnen in der durchschnittlichen Alltäglichkeit durch das eingeschränkt, ja bestimmt, was die Anderen ihm vorgeben. In der Öffentlichkeit ist jeder wie die Anderen, er ist einer von ihnen. Hier schreibt Heidegger in einer seltenen Klarheit (sodass er unmittelbar zitiert werden kann:

In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom „großen Haufen” zurück, wie man sich zurückzieht; wir finden empörend, was man empörend findet. Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht als Summe, sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor.

Das klingt zunächst ziemlich „gesellschaftskritisch”, aber Heidegger betont ausdrücklich, dass dieser Befund ganz wertfrei-beschreibend zu nehmen ist. Der Einzelne braucht in seinem Dasein sogar diese Leitung durch das „Man”:

Das Man entlastet so das jeweilige Dasein in seiner Alltäglichkeit. Nicht nur das; mit dieser Seinsentlastung kommt das Man dem Dasein entgegen, sofern in diesem die Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen liegt.

Diese Entlastung durch das Man ist das Gleiche, was Niklas Luhmann später als „Komplexitätsreduktion durch Institutionen” bezeichnen wird [2]. Offensichtlich benötigt jeder Einzelne solche Identifikationen mit dem „Man” oder mit bestimmten Institutionen, um die Komplexität seines Alltags zu bewältigen. Das, was das „Man” vorgibt, kann vielleicht im Einzelfall kritisiert werden, darf aber nicht als Ganzes in Frage gestellt werden.

Das „Man” darf im Einzelfall kritisiert, aber nie als Ganzes in Frage gestellt werden.

Die Institutionen, die das „Man” bildet oder von denen das „Man” gebildet wird, sind für jeden Menschen andere. Es sind die Regelsysteme, die jeder einzelne für sich akzeptiert, ohne sie jedes Mal zu hinterfragen. Und wer sich gezwungen sieht, sie doch zu hinterfragen, spürt eine Verunsicherung, die zu einer reflexhaften Zurückweisung der Kritik führt.

Das „Man” findet sich in allen Institutionen, in die sich Menschen einordnen, sei es die Familie, der Wissenschaftsbetrieb oder eine Religionsgemeinschaft. Wer die Unterwerfung anderer unter die „Herrschaft des Man” kritisieren will, muss sich zunächst eingestehen, dass er selbst ebenfalls unter der Regierung eines „Man” lebt.

Es ist sinnlos, eine Institution, die sich auf ein „Man” stützt, sei es eine Religionsgemeinschaft, eine Ideologie, eine Nation, eine Familienbande oder eine Wissenschaftsgemeinschaft, als Ganzes und grundsätzlich zu kritisieren. Kritik kann nur konstruktiv sein, wenn sie konkret und auf einzelne Regeln bezogen wird. Ziel einer solchen Kritik ist nicht die Vernichtung, sondern die Reform der Institution, die Herrschaft des „Man” wird nicht gebrochen, sondern humanisiert.

[1] Eine Anmerkung für den Fall, dass Heidegger-Kenner oder -Verehrer unter den Lesern sind: Ich habe mich entschieden, hier nicht ontologisch, sondern ontisch zu argumentieren, damit der Text einerseits nicht zu lang wird und andererseits auch ohne das Lesen der 25 vorhergehenden Paragraphen von „Sein und Zeit” halbwegs verständlich ist. Dem entsprechend verwende ich die Heideggerschen Existenziale hier zumeist als ontische Kategorien.

[2] Das Konzept ist z.B. in seinem Buch „Vertrauen” nachzulesen.

Kommentare (24)

  1. #1 Fischer
    August 10, 2009

    Oder, ganz unphilosophisch ausgedrückt: Der Mensch ist eben doch ein Herdentier.
    Muss man (*g*) hier aber, im Bezug auf den letzten Absatz, nicht ganz klar unterscheiden zwischen Ideen, die aus einer solchen Institution kommen, und zwischen dem Versuch, ein “Man” für bestimmte (meist politische) Randideen zu vereinnahmen?

    Letzteres scheint mir ein wesentlich größeres Problem zu sein, zumal einige Institutionen erfahrungsgemäß für Vereinnahmung durch selbst abwegigste Standpunkte erschreckend offen sind.

  2. #2 Alexander Erben
    August 10, 2009

    Aus alledem kann ich schließen: Eine kritische Haltung zum Man ist jedem einzelnen zu empfehlen.

    Indem man sich über die Regeln und Annahmen des jeweiligen Man bewusst ist, kann man sie je nach Situation befolgen oder umgehen. Jemand, der das Man blind übernimmt und für ‘richtig’ hält, hat diese Freiheit nicht.

    Das Man lässt sich anscheinend auch gezielt beeinflussen. Religiöse wie weltliche Anbieter materieller und spiritueller Dienstleistungen besitzen seit Jahrtausenden Übung darin.

    Leider ist es oft schwierig, mit religiösen Mans in kritischem Austausch zu stehen, da diese nicht selten beanspruchen, göttlichem Gesetz zu folgen und daher nach Ansicht ihrer Vertreter nicht so verhandelbar sind wie die menschengemachten Mans.
    Einziger Punkt zum Einhaken wäre hier die Frage, ob zumindest die Vollkommenheit der menschlichen Auslegung göttlichen Gesetzes angezweifelt werden darf.

  3. #3 Jan Ulrich Hasecke
    August 10, 2009

    Die Analogie zum Herdentier greift m.E. zu kurz, denn Heidegger sagt ja: “wir ziehen uns aber auch vom „großen Haufen” zurück, wie man sich zurückzieht”. Ich denke auch, dass Luhmanns Komplexitätsreduktion nur einen Aspekt des ‘Man’ trifft, wobei allerdings auch schon das ‘Man’ nur ein Aspekt des viel umfassenderen ‘In-der-Welt-Seins’ darstellt.

    Wir sind sehr viel stärker von der Welt umsorgt, als wir bereit sind, einzugestehen. Wir wären ohne dieses Umsorgtsein nicht einmal in der Lage, ein Brot zu backen. Ich habe dies einmal versucht in meinem Essay “Demeter oder der Blick zurück” (http://www.sudelbuch.de/2009/demeter-oder-der-blick-zurueck-1) darzustellen.

    Die Arroganz und Unverschämtheit der Religionen, die vorgeben, eine Abkürzung zum Ursprung zu haben, wird erst dann richtig deutlich, wenn man sich bewusst ist, dass man in eine sich wandelnde Welt eingebunden ist, die sehr viel älter und umfassender ist, als es sich die Religionen überhaupt vorzustellen wagen.

    Die modernen Naturwissenschaften sind, wenn sie sich ihrer Geschichte bewusst bleiben, sehr viel näher an einer geistigen Haltung, die ohne den Faden zur Geschichte zu verlieren, die stetige Veränderung, der wir unterliegen, nicht nur nicht leugnet, sondern sogar bewusst mit gestaltet.

    Wir stehen auf einem Berg von Toten, von dem aus wir weit blicken können. Die Religionen sind ein Teil dieses Totenbergs, aber eben nur ein Teil und zwar ein toter.

  4. #4 Webbär
    August 10, 2009

    Am Rande: Wie übersetzt man “man” ins Englische?

  5. #5 S.S.T.
    August 10, 2009

    @ Webbär

    ‘one’, ‘you’ oder man verwendet den Passiv.

  6. #6 Jörg Friedrich
    August 10, 2009

    @Fischer, Alexander Erben, Jan Ulrich Hasecke: Danke für die wichtigen Ergänzungen, wobei ich die Vereinnahmung des Man und den gezielten Missbrauch seiner Entlastungsfunktion nicht nur bei den Kirchen / Religionen sehe.

    @Webbär, S.S.T.: Der Übersetzer Joan Stambaugh kam auf die kluge Idee, in “Being and Time” das Man mit the They zu übersetzen.

  7. #7 Webbär
    August 10, 2009

    @S.S.T.:
    Klingt dann schon ganz anders so ein “you” oder “one”, gell.
    “Man” korreliert stark mit der Mentalität der Nation, man darf gerne mal im Deutschen das amerikanische (Man-)Du nutzen – da kann es ganz schnell Aufregung geben, obwohl dasselbe gemeint ist.
    “They” gibt es auch noch, danke, Jörg, z.B. “they say…”.
    Mit “man” hat man (ganz) früher in D wohl die (meinungsbefähigte) Männerschaft gemeint, auch insofern bringt das Wort kein Glück.

  8. #8 Andrea N.D.
    August 10, 2009

    @Jörg Friedrich, @Webbär:
    Über so viel Unwissenheit kann ich nur staunen. S.S.T. hat das “they” bestimmt bloß vergessen. Die Übersetzung von “man” mit “they” war sicherlich keine “kluge Idee” des Übersetzers von Heidegger sondern ist eine selbstverständliche Übersetzung des “man” ins Englische – und das auch schon vor Heidegger. Inwiefern “the they” mit dem speziellen “das man” von Heidegger korreliert, kann ich nicht beurteilen; es scheint aber ebenso plausible wie “the one” oder “the you”. Wesentlich ist nur, dass man den Sprachduktus durchhält.

  9. #9 Jörg Friedrich
    August 10, 2009

    “the One” oder “the You” wären sicherlich ganz schlechte Optionen um einen englischen Begriff für das Heideggersche Existenzial des “Man” zu finden. Deshalb denke ich, war es eine kluge Idee, hier “the They” zu wählen. Stambaugh hat in seiner Einführung zur Übersetzung übrigens betont, wie schwierig es war, gerade die Existenziale zu übersetzen (“Dasein” hat er übrigens nicht übersetzt), und natürlich hat er bei solchen Begriffen wie “das Man” die deutsche Formulierung in Klammern beibehalten.

  10. #10 Andrea N.D.
    August 10, 2009

    @Jörg Friedrich:
    “Der Übersetzer Joan Stambaugh kam auf die kluge Idee, in “Being and Time” das Man mit the They zu übersetzen”
    geändert in:
    “Deshalb denke ich, war es eine kluge Idee, hier “the They” zu wählen”
    Jetzt passt’s. Vielen Dank für die ergänzenden Informationen.

    Warum sind the one, the you oder the anyone und vor allem the man schlechtere Optionen als the they? Aus dem Englischen erschließt sich das nicht und kann es auch nicht erschlossen werden, weil es ein komplexer Begriff bei Heidegger ohne Entsprechung im Englischen ist.
    Sie müssen auf diese Frage nicht antworten, das wäre in einem Kommentarbereich wohl auch zu viel verlangt. Ich finde diese Frage nur sehr spannend und ich habe so schnell keinen Zugang zum Dictionary of Philosophical Terms.

  11. #11 Webbär
    August 10, 2009

    @Andrea:
    “The they” ist genau so problematisch wie “the one” oder “the you”, wenn man das “man” zu packen kriegen will. Dennoch gefällt dem Webbären “the they” [1] besser, was vermutlich auf eine Projektion zurückzuführen ist. Wie bei Ihnen auch. Zudem nebensächlich dieser Punkt. Gell. Interessanter wäre für einige zumindest das typisch Deutsche am “man” herauszuarbeiten.

    Was mir noch zum “man” einfällt sind gelegentliche Vorhalte in Webbiotopen, die falsche Nutzung des Wortes “man” beklagen – grundsätzlich durch andere selbstverständlich. Solche Vorwürfe kommen in Webbiotopen gerne mal hoch, typische Quellen: Bildungsbürger der Mittelklasse. Habe nie verstanden, wo da das Beef ist, geht so ein wenig in Richtung “Es gibt nicht den (pol. Richtung der Wahl).”.

    [1] obwohl der “man”-Nutzer so selbst ausgeschlossen scheint wg. “3.Person Plural”

  12. #12 Andrea N.D.
    August 10, 2009

    @Webbär:
    Wenn Sie Ihren Kommentar in verständliches Deutsch fassen, uns an Ihren vorhergegangen jahrelangen Gedankengebäuden teilhaben lassen und ein bisschen Konsistenz in die Argumentationsführung hineinpacken, dann könnte “man” Ihren Kommentar eventuell verstehen.
    Übrigens: Die Frage ist hier kaum, ob irgendein sprachlicher Ausdruck irgendeinem Tier gefällt.

  13. #13 Webbär
    August 10, 2009

    @Andrea:
    Haben Sie denn verstanden um was es hier genau geht – Herrschaft des “Man”? Ein Plädoyer für den Altruismus? Und dann, huch, dieser bemerkenswerte Atheistenkommentar im Feedback-Bereich? Alles nur ein deutsches Spezifikum? Institutionsgläubigkeit?
    Oder lernen wir über konstruktive Kritik (“Kritik kann nur konstruktiv sein, wenn sie konkret und auf einzelne Regeln bezogen wird.”)?
    Der Webbär räumt gerne eine gewisse Heidegger-Aversion ein.

  14. #14 georg
    August 11, 2009

    Wenn von Leuten, die sonst rational und freundlich miteinander diskutieren, plötzlich unversönliche Kommentarschlachten geschlagen werden, wie bei den ScienceBlogs zum Thema Atheismus und Religion, dann drängt sich der Verdacht auf, dass die Diskussion vielleicht nur an der Oberfläche der Phänomene geführt wird, und dass es in diesen Diskussionen vielleicht nicht gelingt, den Phänomenen wirklich auf den Grund zu gehen.

    Ein Aspekt, der die Heftigkeit erklärt, ist der, dass es bei dem Thema der einen Seite um sehr viel geht, nämlich um ein Leben nach dem Tod, dass dem versprochen wird, der den richtigen Gott erwählt hat, verbunden mit dem Bewusstsein, dass sich diese Wahl argumentativ nicht sehr gut begründen lässt.
    Daran möchte man verständlicherweise nicht gern erinnert werden.

    Und der Atheist hat gelegentlich den Eindruck, dass ihm nicht das Recht zugestanden wird seine Meinung ungehindert zum Ausdruck zu bringen.
    Das geht sogar so weit, dass der Eindruck erweckt wird, ein Wissenschaftler dürfe nicht das, was er bei der Beschreibung der Realität als Voraussetzung annimmt (z. B. dass natürliche Phänomene nicht von übernatürlichen Wesen beeinflusst werden) auch tatsächlich für wahr halten und behaupten.

    mfg georg

  15. #15 Jan Ulrich Hasecke
    August 11, 2009

    @georg: Das Versprechen auf ein ewiges Leben nach dem Tod ist obzön, da es jedes Verbrechen im Diesseits rechtfertigt. Man muss schon sehr viel Geld in die Hand nehmen, um Menschen dermaßen zu korrumpieren, dass sie bereit sind, jedes Verbrechen zu begehen. Das Versprechen der Unsterblichkeit ist da sehr viel preiswerter. Und die Geschichte ist leider übervoll mit solchen Verbrechen. Deshalb reagieren Atheisten so gereizt, weil es hier im Diesseits um Leben und Tod geht.

  16. #16 Jörg Friedrich
    August 11, 2009

    @Andrea N.D., Webbär: Ich finde die Frage nach der geeigneten Übersetzung des Existenzials “das Man” nicht nebensächlich, weil sie hilft, die Funktion dieses Begriffs deutlich zu machen. “Das Man” bezeichnet ja so eine Art Schein-Subjekt, das aus allen und keinem besteht. Ich zitiere noch einmal Heidegger (“Sein und Zeit” §27):

    Das Man kann es sich gleichsam leisten, daß »man« sich ständig
    auf es beruft. Es kann am leichtesten alles verantworten, weil
    keiner es ist, der für etwas einzustehen braucht. Das Man »war«
    es immer und doch kann gesagt werden, »keiner« ist es gewesen.

    Um ein solches “Subjekt” zu erfassen, braucht man ein Wort mit einem bestimmten Artikel, das in der normalen Verwendung aber nie einen bestimmten Artikel hat, nie eindeutig bestimmt ist. Das ist bei “one” und “you” aber nicht der Fall, die Worte würden den Leser auf eine ganz falsche Verständnis-Fährte bringen. Das richtige Maß an Verstörung und Bestimmtheit, das auch durch “das Man” erreicht wird, wird genau durch “the They” abgedeckt.

    @georg: Ich sehe nicht, wo es in der heutigen christlichen Argumentation um das “Leben nach dem Tod” geht, es ging überhaupt selten in den 2000 Jahren Christentum um das Leben nach dem Tod, es ging immer darum, ein gelungenes Leben im Diesseits zu führen.

    Ich sehe weiterhin nicht, dass es Atheisten heute schwer gemacht wird, ihre Meinung zu vertreten. Wo bitte ist das der Fall? Gerade die ScienceBlogs Beispiele zeigen doch, dass es problemlos möglich ist, sich als Atheist zu zeigen, siehe den Potter-Darsteller, Dawkins ist ein Bestseller auf der ganzen Welt usw.

    @Jan Ulrich Hasecke:
    Das ist reichlich abstrakt. Für die meisten Christen sinkt die Chance auf das Himmelreich, wenn sie Verbrechen begehen. Und auch im Islam ist diese Hoffnung nur bei einer kleinen Gruppe von Fundamentalisten verbreitet.

  17. #17 Andrea N.D.
    August 11, 2009

    @Jörg Friedrich:
    “Um ein solches “Subjekt” zu erfassen, braucht man ein Wort mit einem bestimmten Artikel, das in der normalen Verwendung aber nie einen bestimmten Artikel hat, nie eindeutig bestimmt ist. Das ist bei “one” und “you” aber nicht der Fall, die Worte würden den Leser auf eine ganz falsche Verständnis-Fährte bringen.”
    Vielen Dank, dass Sie das Thema noch einmal aufgegriffen haben. Ich verstehe allerdings nicht, warum “the you” oder “the one” oder “the anyone” weniger geeingnet sein soll. Mir fehlt die Begründung, warum das “the they” ein höheres Maß an Bestimmtheit und Verstörtheit bringen soll. Von meinem Sprachverständnis her bringt das “the they” eher mehr Verwirrung, weil es für die Englischsprachigen einen Plural hineinbringt, der zwar im “man” Heideggers vorhanden ist, aber dies nicht ausschließlich. Aber wie schon gesagt, denke ich, dass wir da ohne Übersetzungsgeschichte bzw. entprechendes Lexikon nicht weiterkommen.

    “@georg: Ich sehe nicht, wo es in der heutigen christlichen Argumentation um das “Leben nach dem Tod” geht, es ging überhaupt selten in den 2000 Jahren Christentum um das Leben nach dem Tod, es ging immer darum, ein gelungenes Leben im Diesseits zu führen.”
    Das ist schlicht falsch. Diese Aussage würde ich eher den Griechen zurechnen. Die Menschen in Mitteleuropa jedoch verbrachten Jahrhunderte damit, ihr Dasein auf Erden irgendwie zu ertragen, während das “richtige” Leben erst im Jenseits begann.

  18. #18 georg
    August 11, 2009

    @Jörg Friedrich
    Heilsversprechen und Erlösungshoffung und zwar im Jenseits, Himmel oder Hölle, sind doch wesentliche Bestandteile der christlichen Religion. Auch wenn jede Religion mit diesseitigen Verhaltensregeln verbunden ist, kann man die primäre Jehnseitsorientierung doch nicht in Frage stellen.

    Aktuell war doch gerade die (atheistische) Buskampagne ein Thema, wo sich in Deutschland kein öffentlicher (!) Verkehrsbetrieb finden ließ der derartige Werbung auf seinen Bussen gestattet hätte. Die haben lieber auf das Geld verzichtet.
    Und die Beiträge Florian Freistetters zu dem Thema haben andere Blogbetreiber dazu veranlasst, die Frage aufzuwerfen, ob man auf den scienceblogs diesbezüglich nicht zurückhaltender sein sollte.

    mfg georg

  19. #19 Jörg Friedrich
    August 11, 2009

    @georg, Andrea N.D.: Ich weiß, dass eine Diskussion über Religion und Atheismus hohe Klick-und Kommentarzahlen verspricht und wie jeder Blogger freue auch ich mich über diese Zahlen. Aber dafür gibt es genügend Gelegenheiten an anderen Stellen, udn wenn ich das richtig sehe sind in den hunderten von Kommentaren auch schon alle Standpunkte oft genug genannt worden ohne dass irgendein Teilnehmer sich auch nur einen Deut bewegt hätte. Und um dieses Meta-Thema geht es hier, und darauf werde ich meine Beiträge auch konzentrieren. Sonst wird die Sache zu unübersichtlich und unstrukturiert.

  20. #20 Webbär
    August 11, 2009

    @Jörg:
    Sollte nicht der Eindruck entstehen, dass etwas wirklich nebensächlich ist (oder nicht interessant ist), die Übersetzung ist wichtig, korrekt. Traditionell folgt der Webbär aber Heidegger nicht, BTW – “Und der Atheist hat gelegentlich den Eindruck, dass ihm nicht das Recht zugestanden wird seine Meinung ungehindert zum Ausdruck zu bringen.” (georg) – man scheint dem armen Atheisten also nicht das Recht der freien Meinungsäusserung zuzustehen. Das bringt in der Tat einiges auf den Punkt, wenn auch eher nebensächlicherweise. Klar, es gibt das “Man”, es gibt diese sozialen Mechanismen und es ist geregelt (ausserhalb des Rechts), wer was wann sagen und tun darf. Die Strafe entsteht einerseits aus wirklichen Nachteilen, die entstehen (bei georg sehe ich bisher keine), und aus der Ungewissheit, was “man” mit einem tun wird, wenn man selbst unbotmässig agiert, also aus dem Risiko. Der “Man-Druck” lebt von der Ungewissheit und der schlichten Tatsache, dass es sich oft eben nicht rechnet sich mit dem “Man” anzulegen.

  21. #21 Jörg Friedrich
    August 11, 2009

    @Webbär: Die Heidegger-Aversionen sind aber – vor allem im letzten Satz – gut zurückgehalten. Aber zu diesen Aversionen, die ja nicht so selten sind, zwei Anmerkungen:

    Einerseits gibt es Aversionen gegen Heidegger wegen seiner Nazi-Sympathien, vor allem bezogen auf die berüchtigte Antritts-Rede. Es gibt da inzwischen eine Menge Literatur, sehr zu empfehlen ist auch das Interview, das Heidegger dem Spiegel 1966 gegeben hat, dass aber erst nach seinem Tod veröffentlicht werden durfte und deshalb 1976 im Spiegel stand. Im Internet gibt es davon ein paar Auszüge, meist auf englisch. Ich denke, Heidegger wollte die Nazis benutzen für seine Vorstellungen, die Universitäten zu reformieren. Als er merkte, dass das nicht klappt, hat er sich schnell zurückgezogen (nach einem Jahr bereits) und von da an hat er sich in politische Dinge gar nicht mehr eingebracht – ein Indiz, dass er sich im Klaren darüber war, wie sehr er versagt hatte.

    Das Zweite ist seine dunkle Art zu philosophieren. Ich würde es nicht mal als schwer verständlich bezeichnen – wenn man nämlich seine texte von Anfang an konzentriert liest, sind sie klar zu verstehen, man darf nur nicht mitten drin einen Satz herausreißen. Das darf man bei Physikern oder Mathematikern ja auch nicht. Ich für meinen Teil denke allerdings, dass ein Philosoph schon versuchen sollte, möglichst immer klare Sätze zu schreiben – Übersetzbarkeit ist dafür z.B. ein Indiz. Aber das geht nicht immer. Ich persönlich muss zudem gestehen, dass ich Heideggers Sprache sehr schön finde, sehr kreativ, fast schon lyrisch.

  22. #22 Webbär
    August 12, 2009

    Ja, tut mir leid, wird die Sprache überengagiert, und das ist bei Heidegger der Fall, dann schaltet der Webbär gerne schon einmal ab. Zudem ist in der Tat nicht ganz klar, wie ein Philosoph den Nationalsozialismus nicht (rechtzeitig, vielleicht 1923) erkennen konnte.

  23. #23 Vogel
    September 8, 2009

    Heidegger zeigt im §26 von „Sein und Zeit”, dass sich dem einzelnen Menschen das eigene Dasein immer in Bezug auf das Dasein Anderer erschließt [1]. Jeder einzelne nimmt zunächst und zumeist sogar nicht sich selbst sondern die Anderen wahr. Das eigene Leben zeigt sich im Leben der Anderen und es wird mit Bezug auf das Leben der anderen verstanden. Jeder ordnet sich in die so konstituierte Umwelt ein, versteht sich darüber, wie er die anderen versteht.

    Hilf mir Jörg: Wenn ich mich über die Anderen wahrnehme … muss ich dann nich zum Psychiater? Dacht’ ich jedenfalls.

    Beste Grüße
    Vogel

  24. #24 Rudi Zimmerman
    August 1, 2012

    Hier habe ich einen kurzen Aufsatz über das Man veröffentlicht: http://philosophie3000.de/Das_Man/das_man.html
    (auch bei facebook)
    Vielleicht interessiert sich jemand dafür?
    Rudi