Nach den “eklatanten Fehlentscheidungen” von Schiedsrichtern bei den Spielen am letzten Wochenende kochen die Emotionen hoch: Soll die Technik, die Millionen von Fernsehzuschauern auf der Welt in Sekunden ermöglicht, zu erkennen, ob der Ball im Tor oder der Stürmer im Abseits war, nicht auch den Schiedsrichtern zur Verfügung stehen.

Vielleicht flitzen die Linienrichter bald nicht mehr am Spielfeldrand entlang, sondern sitzen wie Fluglotsen oder Börsenspekulanten vor einer Wand aus Bildschirmen, auf denen sie in Superzeitlupe die kritischen Situationen auf dem Spielfeld blitzschnell aus allen Perspektiven betrachten und definitive Entscheidungen über Foul, Ecke, Abseits und Tor treffen können. Vielleicht hat jeder Ball bald einen Chip in seinem Innern, der jede Bewegung, jede Position aufzeichnet und an den Schiri meldet, wenn er im Tor war.

Die Fifa ist noch dagegen, will nun aber wieder diskutieren. Ihr Chef Blatter fürchtet dass Wissenschaft und Technik Leidenschaft und Emotion verdrängt. Und in der Tat: auf die Torlinientechnologie folgt der Videobeweis für jedes Foul, aber was wirklich gegen das Schienbein gerichtet war, und was dem Ball galt, kann auch die Zeitlupe nicht entscheiden. Folgt dann die Computergestützte Verurteilung zur Roten Karte?

Man sagt oft, Technik würde das Spiel gerechter machen. Aber Gerechtigkeit gibt es im Einzelfall des Sports nicht. Wichtig ist, dass die Schiedsrichter fair sind – dann setzt sich, mit Glück und Kreativität, der bessere durch. Dass es Fehlentscheidungen gibt, wusste die Fußballwelt schon 1966, das hat der Freude am Fußball keinen Abbruch getan.

Kommentare (17)

  1. #1 Zoit
    Juni 29, 2010

    Denke ich doch auch. Zu Sport gehören Emotionen. Und solche Fehlentscheidungen führen eben zu solchen Emotionen. Roboterfußball wäre ja auch langweilig.

  2. #2 Thomas J
    Juni 29, 2010

    “auf die Torlinientechnologie folgt der Videobeweis für jedes Foul, aber was wirklich gegen das Schienbein gerichtet war, und was dem Ball galt, kann auch die Zeitlupe nicht entscheiden. Folgt dann die Computergestützte Verurteilung zur Roten Karte?”

    Na, die Aufzeichnungen würden immernoch von einem Menschen gewertet, da können immernoch genügend Fehlentscheide gefällt werden. Aber vielleicht würde dann die Schauspielerei auf dem Feld aufhören und wieder Sport betrieben?

  3. #3 Odysseus
    Juni 29, 2010

    Diese “Fehler gehören halt dazu”-Einstellung finde ich als Außenstehender (=WM-Ignorant) etwas seltsam. Wenn mein Chirurg sein Werkzeug nicht desinfiziert mit der Begründung, dass so oder so ein gewisser Prozentsatz seiner Patienten stirbt, mache ich mir auch Gedanken. Natürlich könnte auch der Videobeweis keine völlige Gerechtigkeit garantieren, aber warum sollte man nicht weniger Fehlentscheidungen anstreben, wenn es möglich ist?

  4. #4 Marcus Anhäuser
    Juni 29, 2010

    tja, dann müssen Eishockey, Feldhockey oder Cricket ja inzwischen seelenlose Spiele sein, die benutzen nämlich alle inzwischen technische Hilfsmittel, ach ja, Tennis nicht zu vergessen.

  5. #5 kereng
    Juni 29, 2010

    Um ein Gefühl dafür zu entwickeln, ob wir bereits den optimalen Mittelweg zwischen Leidenschaft und Kontrolle haben, könnte man mal bedenken, wie uns weniger Kontrolle gefallen würde. Wäre das Spiel interessanter, wenn es keine Linienrichter gäbe? Sollte man selbst die Linien weglassen und dem Augenmaß des Schiedsrichters noch mehr Einfluss geben?

    Ich erwarte deutlich mehr Stimmen für mehr Kontrolltechnik als für weniger. Schließlich soll die Leistung den Ausschlag geben und nicht das Glück bei Schiedsrichterentscheidungen.

    Was ist denn der Vorteil von vermeidbaren Fehlentscheidungen? Kürzere Spielunterbrechungen? Diskussionsstoff für Fans und Spezialisten? Die Schicksale derer, die zu Unrecht eine rote Karte bekamen, finde ich da schwerwiegender.

  6. #6 Anhaltiner
    Juni 29, 2010

    Bei der Formel 1 wurde schon mal nachträglich Punkte aberkannt – da hat kaum jemand auf Tatsachenentscheidung plädiert (außer dem den es getroffen hat)
    Im Fernsehn und wahrscheinlich auch auf der Stadium-leinwand kann man bei jedem Freistoß die Entfernung zum Tor und manchmal sogar die Entfernung zur Mauer sehen. Warum nicht die Positions des Balles permanent überwachen. Und bei “Entfernung zum Tor” = -0,1m Na dann kann doch der versammelte Stammtisch prima über den nich genau geeichten Ball streiten. – Eischung watn dat? wilsch och! und zwei kurze 🙂

  7. #7 Alexander
    Juni 29, 2010

    Das Problem ist, dass für alle Zuschauer heutzutage die Fehler jederzeit durch die allgegenwärtigen Kameras nachvollziehbar sind. Das ist der Unterschied zwischen einem Wembleytor und einem Tor von Bloemfontein (schreibt man das so?). 1966 konnte man noch mit Emotion das Für und Wider diskutieren, 2010 kann man sich nur noch schämen, von so einem Fehler zu profitieren. Emotional zu diskutieren gibt es da aber nichts mehr. Videobeweis oder Chip im Ball-Technik würden daher das Spiel fairer machen, nicht emotionsärmer.
    Eigentlich sind längst alle dafür: Spieler, Schiedsrichter, echte* Fußballfans, nur paar Nostalgiker in der Fifa, Günter Netzer und Artefakten sind dagegen.
    *Unter die echten Fußballfans zähle ich regelmäßige Besucher von Bundesligaspielen und Dauerkartenbesitzer, unter denen kenne ich nämlich keinen, der nicht schon lange für den Videobeweis wie in anderen Sportarten auch ist.

  8. #8 Schmetter-Ling
    Juni 29, 2010

    Das ist Blödsinn a la “Technik ist seelenlos”. Konsequenz: Rechner aus und Blog zu!

  9. #9 Andy
    Juni 29, 2010

    Für mich ist die FIFA ein erbärmlicher, rückständiger und ängstlicher Haufen. Im Eishockey gibt es den Videobeweis schon ewig und da gibt es weder Fluglotsen artige Schiris, noch eine Analyse von Fouls. Es geht schlichtweg darum, ob ein Tor gefallen ist oder eben nicht. Und DAS sollte nun mal wirklich nicht von 2, 3 Leuten mit Pfeifen im Mund abhängig gemacht werden..

    Was das Abseits angeht.. das gehört ohnehin längst umgepflügt 😉

  10. #10 Henning
    Juni 30, 2010

    Ich gebe Marcus Anhäuser ganz klar Recht: Viele andere Sportarten nutzen die technischen Möglichkeiten unserer Zeit, um den Sport gerechter zu machen. Emotion und Leidenschaft sind aus dem Sport nicht wegzudenken. Aber so kann man den negativen Emotionen gegen die “armen” Schiedsrichter doch Abhilfe schaffen. Ich finde es ganz schön armselig, dass die in Sekundenbruchteilen auf dem Platz über Situationen entscheiden müssen, die sie gar nicht richtig sehen KONNTEN – während wir innerhalb weniger Sekunden mit Fernsehbildern und 3D-Analysen alle Fakten zweifelsfrei vor Augen geführt bekommen.
    Von daher finde ich auch, dass der Chip im Ball sinnlos ist. Die aktuelle TV-Technik reicht doch ohne weiteres aus. Im Zweifel könnte doch ein Hauptschiedsrichter einfach seinen Video-Schiedsrichter befragen, der alles sehen kann – und nicht einen russischen oder urugayer Assistenten, der nichts gesehen hat… auf dieser Basis über Spiele zu entscheiden ist und bleibt unfair!

  11. #11 Bernd
    Juni 30, 2010

    Die Überwachung der Torlinie mit geeigneten Mitteln sollte unbedingt eingeführt werden. Schließlich werden auch die Seitenauslinien von den Linienrichtern überwacht. Ein Torrichter sollte es also schon sein. Zusätzlich technische Hilfsmittel kann man dann immer noch einführen.

    Tore sind immerhin spielentscheidend und da lohnt es sich schon genauer hinzusehen. Schiedsrichter und Linienrichter sind dafür meistens in einer schlechten Position. Die sehen viel weniger als der Zuschauer auf der Tribüne oder vor dem Fernseher. Ein Torrichter würde da schon viel mehr sehen, da er direkt am Ort des Geschehens ist.

    Die viel zitierten “emotionalen” Diskussionen über Fehlentscheidungen werden dadurch bestimmt nicht völlig verschwinden. Es passiert ja noch genügend anderes während eines Spiels auf dem Platz. Auf das überflüssige “dumme Geschwätz” nach einem Spiel kann man doch verzichten.

  12. #12 mi fhèin
    Juni 30, 2010

    @Zoit:

    Roboterfußball ist alles andere als langweilig! (Ich war auf der TU Wien schon mal am Institut von Prof. Kopacek und hab mir das angeschaut.)

  13. #13 Ockham
    Juni 30, 2010

    Ist doch völlig schnuppe, ob Videobeweis oder Motioncapture für Ball und Spieler etc. kommen, am Ende des Tages geht es doch ohnehin ausschließlich darum, daß möglichst viele Menschen möglichst wenig darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen sie leben. Diese Funktion erfüllen sogenannte Mega-Sportereignisse so oder so. Wenn der Druck der “Fans” groß genug wäre, würde die FiFa den Videobeweis einführen. Aber Menschengruppen die in großer Zahl aus besoffenen Denkverweigerern bestehen, neigen halt zur Trägheit, insbesondere wenn etwas weiter als eine Armlänge oder die Strecke von der Fernsehcouch zum Kühlschrank entfernt ist. Wer Sport wirklich mag, betreibt ihn selbst und kann auf Zirkus locker verzichten…

  14. #14 Christoph
    Juni 30, 2010

    Ein Bekannter von mir hat schon vor 10 Jahren im Rahmen seiner Diplomarbeit einen Ball mit Sender ausgestattet und seine exakte Position auf dem Spielfeld trianguliert. Hätte eigentlich erwartet, dass sowas schon lange im Einsatz ist…

    Wobei, so ein Ball wie der CTRUS wär schon cool:
    http://www.designboom.com/weblog/cat/8/view/9242/ctrus-football-by-agent.html

    Bei Einblendungen aus der Sicht des Balls kann einem sicher schwindelig werden…

  15. #15 Anhaltiner
    Juli 1, 2010

    Ist nicht die FIFA für das (Welt-)Fernsehbild verantwortlich? Warum also die “eigenen” Schidsrichter nicht mit dem “eigenen” Videostream verbinden? Ich persönlich könnte auf “Linienrichter” die heißen ja sowiso Schiedsrichter-Assistenten an der Seitenaus-linie verzichten und würde sie lieber an (3?) Monitoren sitzen sehen. ein (Haupt-) Schiedsrichter auf dem Platz sollte genügen. (Funk hat er ja mittlerweile)

  16. #16 Stefan W.
    Juli 2, 2010

    Der Chip im Ball ist die falsche Technik, weil der Mittelpunkt des Balls in Ruhe keine Rolle spielt, sondern der Ball muß vollkommen über die Linie – bei Bewegung und Aufprall hat er dabei aber nicht immer Kugelform.

    Wembleytore sind aber zu selten, um dafür den Aufwand zu treiben.

    Und wenn man die Bilder erstmal hat, und sieht, der Ball war über der Linie, aber mit der Hand gespielt – soll man dann, weil man nur die Linie beachten wollte, das Handspiel übersehen? Oder ein Faul oder Abseits?

    Die strittigen Abseitssituationen sind viel häufiger. Aber hier werden natürlich nur Abseitstore aberkannt. Bei zu Unrecht gepfiffenem Abseits kann das Spiel nicht nachträglich an dem Punkt fortgesetzt werden. Und die meisten falschen Abseitsentscheidungen sind äußerst knapp – ein halber oder ein Meter wird von den Spielern in welcher Zeit zurückgelegt?

    2 entgegengesetzt laufende Spieler überbrücken in 0,1s ca. 2 Meter. Gleichzeitig muß der Linienrichter noch den Ballkontakt des Spielers richtig im Auge haben. Sicher – zwei Videorichter am Tisch können in 8 von 10 Fällen eine heikle Situation mal bestätigen, mal korrigieren, und in 2 Fällen werden auch sie wieder falsch liegen, mit der Folge, dass man, wg. der enormen Technik, diese Fehler genauso krumm nimmt, bzw. Käuflichkeit unterstellt.

    Und in unteren Ligen hat man eh nicht die Technik.

    Ich bin ein echter Fußballfan, der skeptisch ist.

  17. #17 Razor
    Juli 2, 2010

    Jetzt fehlt nur noch der Chip im Fußballschuh damit endlich die Fehlentscheidungen im Abseits aufhören !