Bloggende Wissenschaftler sind wohl ein relativ neues Phänomen. Und meistens sind es die “jungen”, die die Blogs betreiben. Aber ist diese Art, über Wissen und wissenschaftliche Entdeckungen zu schreiben wirklich so neu? Sind wir, wie Monika es mal geschrieben hat, wirklich “alle Pioniere, wenn es um das Wissenschaftsblogging geht”?

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Dass ich gerne in alten astronomischen Zeitschriften stöbere ist ja zumindest den Leserinnen und Lesern meines alten Blogs bekannt (Ich muss hier auch mal wieder mehr über die Geschichte der Astronomie schreiben…) bekannt. Letzens habe ich wieder ein bisschen in den “Philosophical Transactions of the Royal Society” (das Bild rechts zeigt das Titelblatt der ersten Ausgabe) geblättert. Diese wissenschaftliche Zeitschrift wurde 1665 von der Royal Society in London gegründet. Die Royal Society und ihre “naturphilosophischen” Forschungen stehen eigentlich ganz am Beginn dessen, was wir heute als moderen Naturwissenschaft kennen. Große Physiker wie Newton, Hooke, Boyle, Wren, Huygens, Leibniz und viele mehr gehörten zu ihren frühen Mitgliedern. Sie alle haben ihre Erkenntnisse und Forschungen in den Philosophical Transactions veröffentlicht.

Ich hab mir nun einige Artikel dort angesehen – und das ganze hat mich nicht so sehr an eine wissenschaftliche Zeitschrift, wie wir sie heute kennen erinnert sondern viel mehr an das, was die modernen Wissenschaftsblogger tun. Damals lief die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Ergebnisse ganz anders ab als heute. Peer-Review – also die unabhängige Überprüfung der Ergebnisse von Fachleuten vor der Veröffentlichung – fand in dieser Form nicht wirklich statt. Die “Artikel” von damals sind auch im Allgemeinen längst nicht so detailliert ausgearbeitet wie heute. Es waren meistens nur kurze Mitteilungen; nicht zu vergleichen mit den langen Papers von heute, die mit einer Einführung zum Thema beginnen, die verwendeten Methoden genau vorstellen, die eigene Arbeit detailliert erklären und analysieren und dann vielleicht noch auf zukünftige Arbeiten zu sprechen kommen. Die alten Artikel sind oft in anekdotischer Form geschrieben und sehr viel persönlicher als die eher nüchternen modernen Papers. Viele der alten Beiträge sind Briefe, die von Wissenschaftlern im Ausland geschickt und abgedruckt wurden; viele Beiträge und Briefe werden mit Folgebeiträgen und Antwortbriefen kommentiert.

Das Ganze hat auf mich manchmal tatsächlich wie eine Papierversion eines Wissenschaftblogs gewirkt: ein Wissenschaftler hat etwas herausgefunden, einen interessanten Gedanken gehabt, eine interessante Arbeit eines anderen Wissenschaftlers gelesen und möchte das der “Community” bzw. sonstigen Interessierten mitteilen – er schreibt also einen kurzen Bericht, schickt ihn an die Royal Society bzw. eine andere Vereinigung. Die sorgt dann dafür, das der Bericht veröffentlicht und die anderen Wissenschaftler informiert werden. Die reagieren dann mit eigenen Briefen und Beiträgen darauf – eine Diskussion entwickelt sich.

Das ist doch mehr oder weniger der gleiche Mechanismus, der heute in Blogs und Internetforen stattfindet! Im Gegensatz dazu steht die “moderne” Art der Wissensveröffentlichung. Da reicht es nicht, einfach nur einen interessanten Gedanken zu haben oder eine interessante Beobachtung zu machen. Die sind nur der Ausgangspunkt für ausführliche Forschungsarbeiten. In einem durchschnittlichen (astronomischen) Fachartikel stecken meist mehrere Monate Arbeit und Ergebnisse werden meist nur veröffentlicht, wenn man sich ziemlich sicher ist, das sie korrekt und vor allem auch relevant sind. Früher war man bei der Veröffentlichung ein bisschen “lockerer”: man sah oder erfuhr etwas Außergewöhnliches (ein seltener Stein, ein zweiköpfiges Kalb, ein neues Buch, eine unbekannte Pflanze, ein neues chemisches Experiment, eine astronomische Beobachtung, ein Fischregen, eine Autopsie eines Gehängten, …) und verfasste einfach einen kurzen Brief (einen Blogeintrag 😉 ) an die Royal Society.

Ein alter Artikel von Edmond Halley aus dem Jahr 1698 illustriert das sehr schön. In Band 20 der Philosophical Transactions (Seite 193-196) findet man folgenden Artikel: “An Account of the Appearance of an Extraordinary Iris Seen at Chester, in August Last, by E. Halley”. Er beginnt folgendermaßen:

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Kommentare (6)

  1. #1 Monika
    1. Juli 2008

    Hmm….Ach jetzt habe ich in ganz kleiner Schrift gelesen, warum ich ein Deja-vu hatte…

    Ich hoffe, dass auf dieser Plattform ein Historiker mal sich dieses Themas annimmt und noch weitere spannende Details offenbaren kann. Ansonsten: Dein Beitrag dürfte wohl Pionierarbeit gewesen sein 😉

    L.G. Monika

  2. #2 florian
    1. Juli 2008

    @Monika: Ja, ich bin ja zur Zeit in Lindau und schreib am Nobelpreistraegertreffenblog (was fuer ein Wort!) – damit mein Blog sich aber nicht so nutzlos fuehlt, hab ich noch einen alten Beitrag, der mir gut gefallen hat, ausgegraben… 😉

  3. #3 Beobachter
    Verborgene Schätze?
    2. November 2012

    @Florian Freistetter: nun hat ein SPAM ausnahmsweise mal was Nützliches gemacht, eine alten aber nahezu zeitlosen Artikel aus der virtuellen Versenkung ausgegraben… 😉

    (nur die ersten 3 Links gehen nicht mehr)

  4. #4 Florian Freistetter
    2. November 2012

    Hmm – Warum mein altes Blog unter http://www.astrodicticum-simplex.de nicht mehr geht, wundert mich jetzt. Hat jemand ne Ahnung?

  5. #5 Beobachter
    Etwas Nostalgie aus dem Archiv gefällig?
    3. November 2012

    Hier annähernd was zum Thema gefunden und hier der Rest… allerdings dürfte das meiste aus/vor 2008/2009 bereits einem virtuellen Schwund unterlegen sein, (ähnlich wie damals die Geschichte(n) mit der Bücherverbrennung) oder hat wer eine Idee wo sich der Rest des alten Blogs noch befindet?… hoffentlich auf einer ausgelagerten Festplatte, oder?… 😉

  6. #6 Florian Freistetter
    3. November 2012

    Naja, ich hab die Daten, die auf dem Server liegen. Aber anscheinend hat sich da irgendwas bei der Software geändert. Mein altes Blog wird bei goneo gehostet und da hab ich auch direkt deren wordpress-Installation benutzt. Vielleicht gabs da ein Update und jetzt geht nix mehr? Ich kenn mich da leider nicht aus…