Das hatte ja so kommen müssen… Seit gestern sind meine Email- und Facebook-Postfächer voll mit Anfragen von Leuten die wissen wollen, ob die vielen toten Vögel in den USA und Schweden mit dem Weltuntergang 2012 in Zusammenhang stehen. Wenn jetzt überall auf der Welt plötzlich die Vögel ganz mysteriös tot vom Himmel fallen, dann muss dahinter doch irgendein geheimnisvolles Geheimnis, eine sinistre Verschwörung oder sonst irgendwas Rätselhaftes stecken. Oder doch nicht?

Eine Frage kann ich gleich mal sofort beantworten. Nein, es gibt keinen Zusammenhang zwischen den toten Vögeln und dem Weltuntergang. In dutzenden Artikeln habe ich erklärt, warum dieser ganze Maya-Weltuntergangskram Quatsch ist und warum es keinen Weltuntergang geben wird. Und wenn es den nicht gibt, dann kann es natürlich auch keinen Zusammenhang mit den toten Vögeln geben.

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“Nature morte avec trois oiseux morts, des groseilles, des cerises et des insectes” (1712) von Jean-Baptiste Oudry

Ich bin kein Biologe und beschäftige mich nur in ganz seltenen Fällen mit Federvieh. Aber ein paar Anmerkungen zum Vogelsterben habe ich trotzdem – man sieht dabei nämlich ein paar schöne Aspekte des Verschwörungsdenken.

Die Welt MUSS spannend sein

Klar – es ist schon etwas beunruhigend wenn da plötzlich irgendwo tausende tote Vögel auftauchen. Aber wenn das gerade in der Silvesternacht passiert dann ist die Sache nicht mehr wirklich so enorm geheimnisvoll. Ich zitiere mal den Standard:

“George Badley vom Veterinärmedizinischen Dienst des Bundesstaats führte den Tod der Vögel in den USA auf ein Trauma zurück. Ein Anrainer habe berichtet, vor dem Vorfall eine Reihe von Explosionen gehört zu haben. Darauf sei eine große Zahl von Vögeln ziellos umhergeflogen. Bei den meisten darauf gefundenen Vogelkadavern handelte es sich um Rotschulterstärlinge.”

Und dann ist es momentan auch noch sehr kalt und die dadurch geschwächten Vögel sind extra anfällig für solche Traumata. Dann fliegen sie auch schon mal in Starkstromkabel, wie z.B. in Louisiana. Aber natürlich trifft man hier wieder auf das “Problem” der langweiligen Erklärung. Vogelschwärme die durch Silvesterböller aufgeschreckt werden und abstürzen sind laaaaangweilig. Genau so wie Bildfehler als Erklärung für Planet X oder kaputte Raketen als Erklärung für Spiralen am Himmel. Und wenn die Welt eines Verschwörungstheoretikers eines nicht sein darf, dann langweilig! Nein, für die toten Vögel muss mindestens HAARP verantwortlich sein (ja, natürlich wird darüber schon spekuliert). Oder die Vögel sind mit UFOs zusammengestossen. Oder der (nicht stattfindende) Polsprung ist verantwortlich. Egal was – solange die Welt nur ein bisschen spannender und mysteriöser wird. “Langweilige” Erklärungen sind tabu, selbst wenn sie richtig sind.

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Haben Alien-Zombies die Vögel umgebracht? (Den Film gibt es übrigens wirklich)

Selektive Wahrnehmung

Aber sind sie denn richtig? Warum fallen nicht jedes Jahr die Vögel vom Himmel wenn zu Silvester geböllert wird? Und warum sterben nun auch die Vögel in Schweden? Das muss was bedeuten, nicht wahr? Nicht unbedingt – willkommen in der wunderbaren Welt der selektiven Wahrnehmung. Dieser Kommentar von Richard Gibbons (Vogel-Konservierungszentrum in Lousiana) ist sehr erleuchtend:

“Auch in den USA will man auf die Verschwörungstheorien nicht eingehen. Richard Gibbons, vom Vogel- Konservierungscenter in Louisiana, schüttelt den Kopf. «Massensterben sind nicht so ungewöhnlich», meint er. Er glaubt, dass dies öfters stattfinde, allerdings auf abgelegenen Feldern und deshalb unbeachtet bleibe.”

Das sagt auch Paul Slota, Sprecher des National Wildlife Center in einer DPA-Meldung:

“Tote Fische in den US-Bundesstaaten Maryland und Arkansas, tausende tote Vögel in Arkansas, Louisiana und Kentucky, dazu mysteriöse Tierkadaver auf der ganzen Welt – kein Wunder, dass in den USA erste Verschwörungstheorien ins Kraut schießen. Die am heißesten diskutierten Theorien in Blogs und Foren: Erdmagnetismus und ein drohender Weltuntergang. Dabei besteht zwischen den Ereignissen keinerlei Zusammenhang, sind sich Experten einig. Derartige Massensterben seien auch nicht ungewöhnlich, sagte Paul Slota, Sprecher des National Wildlife Center, der Zeitung “The Baton Rouge Advocate”.”

Wir neigen dazu, uns nur auf die spektakulären Fälle zu konzentrieren und die langweiligen Dinge zu ignorieren. Wenn wir mit der Bahn fahren und der Zug Verspätung hat, dann sagen wir schnell Dinge wie “Typisch Bahn! Immer Verspätung!”. Fährt der Zug ohne besondere Vorfälle und ist pünktlich, dann machen wir uns keine weiteren Gedanken und es fällt uns nichts auf. Ein anderes klassisches Beispiel ist der Vollmond, der uns am Schlafen hindert. Wenn wir nachts mal wach werden – sowas kommt ja aus den verschiedensten Gründen vor – aus dem Fenster sehen und dann auch noch einen dramatischen leuchtenden Vollmond entdecken, dann bleibt uns das im Gedächtnis und wir sagen uns “Klar, Vollmond! Deswegen kann ich nicht schlafen”. Ist aber zum Beispiel Vollmond und wir schlafen durch, fällt uns nichts auf. Oder wenn wir mal Nachts aufwachen und schnell wieder einschlafen bzw. wir Nachts nicht schlafen können und gerade kein Vollmond ist. Unsere selektive Wahrnehmung (der wir alle unterliegen) führt dazu, dass wir uns nur die Fälle merken die beeindruckend sind bzw. die unsere schon vorgefassten Meinungen stützen. Wer aber z.B. mal ganz objektiv ein Schlaftagebuch führt und genau aufzeichnet wann er nicht schlafen kann der wird schnell merken, dass es keinen Zusammenhang mit der Mondphase gibt.

So ähnlich ist es auch mit den toten Vögeln. Wenn da hier oder dort mal einige Vögel tot vom Himmel fallen, dann sind das sicherlich keine Nachrichten, die es weltweit in die Medien schaffen. Wie wahrscheinlich ist es, dass beispielsweise über 50 tote Vögel aus Schweden prominent im deutschen Fernsehen berichtet wird? Sehr unwahrscheinlich – wenn nicht zufällig davor gerade ein paar tausend tote Vögel aus den USA in den Medien waren! Das gleiche gibts ja auch z.B. bei Erdbeben. Die gibts auch ständig und es wird nur berichtet, wenn irgendwo ein richtig großes stattgefunden hat. In der Zeit danach schaffen es dann aber auch kleinere und unbedeutendere Erdbeben in die Medien für die sich sonst niemand interessieren würde. Und auch Vögel sterben leider immer wieder. Mal mehr, mal weniger. 2009 gab es in Deutschland beispielsweise ein großes Vogelsterben und kleinere Vorfälle findet man auch schnell (hier z.B. im Jahr 2007). Auch Vögel die durch Feuerwerkskörper gestorben sind, kannte man schon früher. Tote Vögel sind also normal (leider). Oft merkt man nichts davon weils irgendwo geschieht wo es niemand sieht und ansonsten wird darüber normalerweise auch nicht berichtet – außer eben, es passiert mal ein richtig großer Vorfall – wie z.B. kürzlich in den USA. Und die selektive Wahrnehmung sorgt für den Rest; plötzlich schafft es jeder tote Vogel in die Nachrichten und wir bekommen das Gefühl, dass da irgendwelche ganz mysteriösen Dinge vorgehen.

Ich weiß, diese Erklärung ist wieder laaangweilig. Warten wir einfach mal ab, was die Biologen in nächster Zeit rausfinden. Wenn wir Glück haben, dann bleiben die Medien lang genug an der Story interessiert um auch noch über die Ergebnisse zu berichten. Eines kann ich aber definitiv jetzt schon sagen: mit dem Weltuntergang 2012 hat das alles nichts zu tun. Der wird nicht stattfinden!

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