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Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, dass ich so hervorragend und spannend fand und das ich euch so dringend und uneingeschränkt empfehlen möchte wie “Massive” von Ian Sample. Ein aktuelleres Buch das die Vorgänge am Teilchenbeschleuniger LHC in CERN erklärt (und nein, der ist nicht gefährlich) wird man momentan kaum finden.

Dabei beschäftigt sich “Massive” nicht nur mit dem LHC. Wie der Titel schon vermuten lässt, geht es um die Frage nach der Masse: Wo kommt die her? Warum haben Objekte eine Masse und warum haben sie genau die Masse die sie haben?

Die Quantenmechanik hat zwar zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Physik revolutioniert und auch unser Verständnis der elementaren Bausteine der Materie. Immer neue Teilchen wurden postuliert und auch entdeckt. Neue Theorien erklärten die Wechselwirkungen zwischen den Teilchen und die Kräfte, die in der Welt wirken. Aber die Frage nach dem Ursprung der Masse blieb immer ungeklärt. Bis dann 1964 gleich sechs Physiker eine Idee hatten. Heute sprechen wir alle vom Higgs-Mechanismus und vom Higgs-Boson bzw. Higgs-Teilchen. Aber neben Peter Higgs gab es auch noch Francois Englert, Robert Brout, Gerry Guralnik, Dick Hagen und Tom Kibble, die zur gleichen Zeit wie Higgs eine mögliche Theorie veröffentlichten. In der Wissenschaft kommt es ja immer wieder vor, dass unterschiedliche Arbeitsgruppen unabhängig voneinander zur selben Zeit auf die gleiche Idee kommen und oft endet das dann in Prioritätsstreitigkeiten. So auch hier; Englert und Brout hatten ihre Arbeit sogar einige Wochen vor Higgs veröffentlicht und auch der Artikel von Guralnik, Hagen und Kibble erschien nicht lange danach. Das heute in der Öffentlichkeit Higgs als der alleinige Urheber der Theorie angesehen wird, ist mehr oder weniger Zufall (obwohl Higgs der erste war, der auch das entsprechende Teilchen postulierte).

In Samples Buch wird das alles detailliert, verständlich und vor allem spannend erklärt. Man erfährt nicht nur Details zur Entstehungsgeschichte und den Streitigkeiten zwischen den Forschern und wie der Higgs-Mechanismus funktioniert sondern erfährt auch ausführlich, wie die Teilchenphysiker sich im Laufe der Zeit daran machten, die Geheimnisse der Materie mit immer größeren und Leistungsfähigeren Maschinen zu erforschen.

Man lernt im Laufe des Buches nicht nur die wichtigsten Teilchenphysiker der letzten Jahrzehnte auf eine sehr persönliche Art und Weise kennen (Sample gehört zu den wenigen Journalisten die den zurückgezogen lebenden Peter Higgs interviewen konnten) sondern bekommt auch noch nebenbei eine fast komplette Geschichte des Teilchenbeschleunigers geliefert. Sample erzählt das alles nicht nur extrem spannend sondern schafft es auch immer wieder interessante Details aufzudecken. Allein das Drama um die Planung, den Bau und schlußendlich das Scheitern des Superconducting Super Collider (SSC) in den USA enthielt Unmengen an Fakten und Geschichten die mir (und vermutlich vielen anderen) bisher unbekannt waren. Wer hätte z.B. Gedacht dass sich sowohl Ronald Reagan als auch George W. Bush sen. für den Bau des gewaltigen Colliders (der den LHC locker übertroffen hätte) eingesetzt haben und erst die Präsidentschaft von Bill Clinton dazu führte, dass das Projekt gekippt wurde.
Auch die Bedeutung des Higgs-Mechanismus für die moderne Physik wird anschaulich erklärt. Denn der ist nicht nur ein wichtiger Teil des Standarmodells der Teilchenphysik – sondern z.B. auch der inflationären Kosmologie.

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Waxahachie, Texas. Hier hätte der SSC entstehen sollen

Natürlich kommt auch die Geschichte um die angeblichen Gefahren der Teilchenbeschleuniger nicht zu kurz. Der LHC ist ja nicht die erste Anlage die sich die Weltuntergangsspinner als Gegner auserkoren haben; das Ganze began schon früher beim amerikanischen Relativistic Heavy Ion Collider. Erst als der keine Anzeichen machte die Welt zu zerstören haben sich die Leute dem LHC zugewandt. Sample erzählt hier übersichtlich die ganze Geschichte der Teilchenbeschleunigerpanik. Alles fing mit Walter Wagner an der einen Leserbrief an Scientific American schrieb (Wagner fiel übrigens früher schon in seiner Funktion als örtlicher Strahlenschutzbeauftragter des öfteren unangenehm auf weil er ständig behauptete die Badezimmerkacheln in irgendwelchen Gebäuden würden viel zu radioaktiv sein…). Darin wurde die Frage nach den schwarzen Löcher gestellt, die an diesen Teilchenbeschleunigern doch angeblich entstehen könnten. Beantwortet wurde der Leserbrief von Frank Wilczek, einem der führenden Teilchenphysiker der Gegenwart. Er erklärte korrekt, dass man sich darüber keine Sorgen zu machen braucht; und erwähnte – leider, muss man aus heutiger Sicht fast sagen – auch noch ein anderes, ebenso unwahrscheinliches Katastrophenszenario – die Strangelets. Das wäre noch nicht das Problem gewesen, wenn der Beitrag nicht von der Redaktion der Zeitschrift ganz unglücklich gekürzt worden wäre. Denn die veröffentlichte Version erweckte den Eindruck, dass zwar die schwarzen Löcher ungefährlich wären, die Strangelet-Katastrophe aber nicht. Natürlich stürzte sich die Boulevard-Presse darauf und der Rest ist bekannt. Heute hat sich ein Haufen Panikmacher und geltungssüchtiger “Propheten” des Themas bemächtigt und verbreitet mit falscher Physik Angst vor dem Teilchenbeschleuniger.

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Ich fand es wirklich spannend, die ganze Geschichte von der ich hier in meinem Blog ja regelmäßig die Auswirkungen zu spüren bekomme einmal schön, verständlich und spannend journalistisch aufgearbeitet lesen zu können. Samples Buch ist in der Hinsicht wirklich sehr aktuell. Auch der Unfall am LHC der im Jahr 2008; nur wenige Tage nach dem Start des Beschleunigers eine einjährige Pause nötig machte wird behandelt und von den Beteiligten und Betroffenen selbst beschrieben.

Dieses Buch sollte niemand verpassen der ein bisschen Interesse an moderner Physik hat! Es hat wirklich alles! Kauzige und coole Wissenschaftler; Spinner und Genies; spannende Theorien und wissenschaftliche Revolutionen; Elementarteilchen und Kosmologie und vor allem jede Menge spannende Geschichten. Ob das nun die Rivalität zwischen Europa und den USA beim Teilchenbeschleunigerbau ist, die Geschichte wie Higgs seine Theorie in Princeton vorstellte oder die Herkunft des von allen Physikern gehassten Begriffs “Gottesteilchen” (Leon Lederman und Dick Teresi schrieben an einer Geschichte über die moderne Teilchenphysik – der Verlag wollte allerdings “Higgs” nicht im Titel haben und alles was Lederman und Teresi sonst noch einfiel wurde auch abgelehnt. Aus dem nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag das Buch doch “The Goddamned Particle” zu nennen wurde dann schließlich “The God Particle“) – das Buch ist nie langweilig oder zu technisch und immer unterhaltsam. Ich fand es großartig!


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Kommentare (11)

  1. #1 Michael
    9. Januar 2011

    P.S.: Die Taschenbuchversion (< 1/2 Preis) erscheint im März 2011.

  2. #2 Michael
    9. Januar 2011

    (grrr, HTML!)

    Die Taschenbuchversion (weniger als 1/2 Preis) erscheint im März 2011.

  3. #3 Florian Freistetter
    9. Januar 2011

    @Michael: Hmm? Ich hab die Taschenbuchversion und der Link oben sollte eigentlich auf sie zeigen…

  4. #4 Michael
    9. Januar 2011

    Hm, offensichtlich gibt es noch ein kleineres Format:

    http://www.amazon.de/gp/product/0753522128

  5. #5 schlappohr
    9. Januar 2011

    Danke mal wieder für die Rezension. Wie fast alle FF-empfohlenen Bücher steht auch das jetzt auf der Einkaufsliste 🙂
    Obwohl ich den Begriff “Gottesteilchen” auch maßlos dämlich finde, besonders im Titel eines Fachbuchs. Das Teil heißt nun mal Higgs-Boson, so wie Boltzmann-Konstante oder Einstein-Bose-Kondensat. Jeder, der sich für dieses Thema interessiert, weiß was damit gemeint ist, und der Rest kann sich auch unter einem Gottesteilchen nichts vorstellen.

  6. #6 antiangst
    9. Januar 2011

    Wahrscheinlich denken die Leute, das Gott aus Gottesteilchen besteht.

  7. #7 Engywuck
    9. Januar 2011

    ziemlich kräftig OT, aber ich weiss nicht, wo ich sonst auf die Schnelle fragen soll:
    ich habe heute bei meinen Neffen (2 und 3) ein Büchlein im Pixi-Buch-Format gesehen, in dem die biblische Schöpfungsgeschichte (bzw. die erste der beiden) und mit Bildern versehen wurde (“erschuf Gott die Fische” und Fische sind abgebildet).
    Gibt es sowas oder so etwas ähnliches eigentlich auch mit der “echten” Geschichte des Universums (“am Anfang war alles dicht und heiß und dann dehnte das Universum extrem aus. Das nennt man den Urknall” samt passendem Bild). Muss ja nicht unbedingt Pixi-Format haben, aber sollte doch der Aufmerksamkeitsspanne von Dreijährigen angepasst sein. Nein, Susi Neunmalklug passt nicht 🙂 Prinzipiell sind die beiden Neffen nämlich ziemlich naturwissenschaftsinteressiert (erst neulich war “Vulkane” in), aber wenn “nur” die biblische Seite als Buch vorhanden ist… 😀

  8. #8 Florian Freistetter
    9. Januar 2011

    @Engywuck: Also Bücher dieser Art gibt es wohl – aber nicht ganz so “kurz und knackig” wie im Pixi-Format. Hawking hat ja Kinderbücher geschrieben. Und auch von Brian Greene solls eines geben. Ich kenns noch nicht aber es könnte in etwa das sein was du suchst: Icarus at the edge of time. Ist halt auf englisch…

  9. #9 Mia
    11. Januar 2011

    Kleines OT: Florian, gibt es ähnliche Werke, die auch wirklich empfehlenswert sind über die Thematik der Masse und vor allem auch des Teilchenbeschleunigers in deutscher Sprache? Ich lese zwar gerne englische Werke, bleibe da aber lieber in meinem Fachgebiet (oder greife zur Belletristik), bei mir ferneren wissenschaftlichen Fachgebieten fällt es mir leider ab und an schwer, englische Fachtexte allumfänglich aufzunehmen.

  10. #10 Florian Freistetter
    11. Januar 2011

    @Mia: Also wenn du Belletristik in englisch liest, dann kannst du ruhig auch “Massive” lesen. Der Text ist überhaupt nicht fach-lastig; sondern äußerst allgemeinverständlich gehalten.

  11. #11 Moss
    16. Januar 2011

    @Michael: danke für den Hinweis, hab’s gerade vorbestellt. Hoffentlich bin ich bis dahin mit dem zu lesenden Stapel hinter meinem Bett durch …