Man kann die Planung von Forschung auf allgemeiner Ebene betrachten und sich überlegen, wie Regierungen und großer Förderorganisationen ihr Geld am besten verteilen um optimale Ergebnisse zu erreichen. Oder aber man geht zurück auf eine ganz individuelle Ebene. Denn egal welches Konzept zur Forschungsplanung und -förderung man sich ausgedacht hat: Man braucht immer auch noch Forscher, die in den entsprechenden Disziplinen ausgebildet sind und die Arbeit durchführen. Wie entscheiden die jungen Wissenschaftler sich aber für das Arbeitsgebiet, auf dem sie Experten werden wollen? Entscheiden sie sich überhaupt dafür – oder wird ihnen diese Entscheidung abgenommen?

Auf der Konferenz für Forschungsplanung in Berlin gab es heute Vormittag eine Reihe von Workshops (die aber eigentlich eher Podiumsdiskussionen waren). Ich habe mich für einen aus der Reihe “Identifying Demand” entschieden und zwar den mit dem Titel: “And Who Asks Us? – Students and Junior Researchers”. Es sollte also darum gehen, wie junge Wissenschaftler bzw. Studenten in den Prozess der Forschungsplanung und -förderung eingebunden sind. Meiner Meinung nach eine wichtige Frage, denn Forschungsplanung sollte idealerweise langfristig geschehen und das funktioniert nur dann, wenn man auch die jungen Forscher berücksichtigt, die ja dann später direkt betroffen sind. Unverständlicherweise war die Diskussion aber recht schlecht besucht – nur 37 Leute wollten sich anhören, was die Jungwissenschaftler zu sagen haben.

Obwohl die eigentlich nicht mehr so wirklich jung waren. Ich hätte mich gefreut, auch mal die Meinung von jemanden zu hören, der erst ganz am Anfang einer akademischen Laufbahn steht. Auf Christian Hackenberger, Professor am Institut für Chemie und Biochemie an der FU Berlin, trifft das sicher nicht zu. Was er im Rahmen der Diskussion gesagt hat, fand ich aber trotzdem sehr interessant. Er hat betont, dass es wichtig ist, dass junge Wissenschaftler die Möglichkeit haben, eigene Ideen zu entwickeln.

Das ist tatsächlich ein wichtiges Thema und auch wenn es nicht das Hauptthema des Workshops war, lohnt es sich doch, es ein wenig ausführlicher zu betrachten. Als Wissenschaftler hat man ja eine wesentlich längere Ausbildungszeit als in anderen Berufen. Man macht Abitur, absolviert danach ein Grundstudium das einige Jahre dauert und im Anschluß daran folgen normalerweise noch ein paar Jahre Doktorat. Erst dann ist man Doktor und wenn andere schon seit langem im Berufsleben stehen, fängt der frischgebackene Doktor gerade erst an, seine akademische Karriere zu planen. Als Diplomand und auch noch als Doktorand ist es ganz selbstverständlich, dass es einen Betreuer gibt, der einen bei der Arbeit unterstützt und auf Fehler hinweist. Einen Lehrmeister quasi, der einem die Wissenschaft beibringt. Hat man dann alles gelernt und im Rahmen seiner Dissertation gezeigt, dass man zu selbstständiger wissenschaftlichen Arbeit fähig ist, ist man bereit, ein richtiger, freier Forscher zu werden. Idealerweise… manchmal bleibt man aber auch der ewige Assistent des Vorgesetzen.

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Works Progress Organisation Poster, 1939 (Library of Congress cph.3b49400)

Denn das Student/Betreuer-Verhältnis setzt sich oft noch bis weit nach dem Doktorat fort. Ich kenne viele PostDocs, die anstatt selbständig zu forschen, immer noch reine “Auftragsforscher” sind und nur das machen, was ihnen der Chef der Arbeitsgruppe vorgibt. Wenn das während des Diploms geschieht, ist das völlig ok. Hier hat man selbst noch keine Erfahrung und braucht vernünftige Anleitung. Während der Dissertation ist die Anleitung in gewissen Maße auch noch in Ordnung. Aber hier sollte man eigentlich schon selbst in der Lage sein, wissenschaftlich zu arbeiten, die wissenschaftlichen Methoden der eigenen Disziplin beherrschen und seine eigenen Entscheidungen über den Ablauf der Forschungsarbeit treffen. Der Betreuer sollte kontrollieren und unterstützen, aber nicht anschaffen, was zu machen ist. Trotzdem habe ich viele Arbeitsgruppen kennengelernt, wo es genau so abläuft. Der Betreuer hat sich das Thema der Dissertation ausgedacht, der Betreuer hat den Arbeitsplan aufgestellt, der Betreuer hat die Methoden ausgewählt und der Dissertant führt die Arbeit nur noch aus, lässt die Ergebnisse regelmäßig absegnen und holt sich ebenso regelmäßig neue Anweisungen. Das ist natürlich praktisch für den Betreuer: Er hat eine zusätzliche Arbeitskraft, die seine Forschungsvorhaben ausführt. Für den Dissertanten ist es aber fatal: Denn um ein guter Wissenschaftler zu werden, muss man selbstverständlich lernen, wie man eigenständig arbeitet und vor allem denkt. Wer das nicht lernt, dem fällt es dann auch nach der Dissertation schwer, ein “freier Forscher” zu sein und es nicht verwunderlich, wenn er als PostDoc weiter nur der Assistent des Chefs und kein freier Forscher ist.

Ich kann hier nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen und möchte auf keinen Fall allgemeine Schlüsse ziehen. Aber ich habe immer wieder gesehen, dass diese “Forschung nach Anweisung” tatsächlich praktiziert wird. Öfter auf der Ebene der Doktoranden als bei den PostDocs, aber begegnet ist mir beides schon. Und es ist immer tragisch, denn Unselbstständigkeit ist fatal für die Wissenschaft. Neue Erkenntnisse und wissenschaftlichen Fortschritt kann es nur geben, wenn weiterhin genügend junge, kreative Menschen in die Reihen der Wissenschaftler nachrücken die fähig sind, sich eigene Gedanken zu machen und selbstständig zu arbeiten. Christian Hackenberger hat sich in dieser Frage durch seine vielen Aufenthalte in den USA inspirieren lassen. Wie er am Ende der Diskussion angemerkt hat, war es dort üblich, den Studenten schon möglichst früh beizubringen, fundamentale Fragen zu stellen. Hat man einen wissenschaftlichen Artikel durchgearbeitet, so sollte man danach nicht nur verstehen, worum es darin ging sondern wurde auch animiert, sich zu überlegen, wie denn die nächsten Schritte auf diesem Forschungsgebiet aussehen sollten.

Das klingt natürlich nach einer guten Idee – aber allein damit es natürlich nicht getan. Wie war es bei euch, liebe Leserinnen und Leser (zumindest bei denen, die eine wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen haben)? Wie habt ihr gelernt, selbstständig zu arbeiten? Hat es euch jemand beigebracht oder habt ihr es “von alleine” aufgeschnappt? Wie seid ihr in eurem Arbietsgebiet gelandet? War es eine bewusste Entscheidung, Zufall oder hat der Betreuer für euch entschieden? Wie viele “ewige Assistenten” kennt ihr?

Kommentare (21)

  1. #1 Michael Blume
    14. Oktober 2011

    Da kann ich nur zustimmen. Obwohl persönlich nicht betroffen sehe ich mit Sorge, dass die schlechten Bedingungen und massiven Abhängigkeiten gerade im “wissenschaftlichen Mittelbau” sehr viele hervorragende Menschen belasten, oft auch zerstören und darüber hinaus den wissenschaftlichen Fortschritt massiv behindern. Genau in der Phase, in der junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eigentlich einerseits ihr Handwerk gelernt haben und andererseits mit neuen Ideen und Projekten Leben in die Forschung bringen sollten, werden sie bisweilen ausgebremst, müssen um ihre Existenz fürchten, können kaum eine Familie gründen o.ä.

    Deswegen hatte auch ich das “Templiner Manifest” nicht nur unterzeichnet, sondern gebloggt – hier muss m.E. noch sehr viel passieren, im Interesse der Betroffenen und des Wissenschaftsstandortes Deutschland insgesamt.

  2. #2 stromgeist
    14. Oktober 2011

    Ein sehr wichtiges Thema! Ich persönlich habe das Glück, meine Dissertation vollkommen selbständig geplant haben und durchführen zu können. Das ist natürlich auch mit vielen Problemen und Krisen verbunden, aber der (Selbst-)Zweifel und der Lernprozess, wie man damit produktiv umgehen kann, gehören eben – wie Du schreibt – zur wissenschaftlichen Arbeit mit dazu.
    Zum Freiheit der Forschung gehören aber auch sichere Forschungsbedingungen, in letzter Konsequenz also auch eine zuverlässige Finanzierung mit entsprechenden Berufsperspektiven. Diese sind, gerade für Nachwuchswissenschaftler, oft schlecht. Das Problem sehe ich auch in der von Michael Blume angesprochenen Überlastung des akademischen Mittelbaus, der in einem erschreckenden Ausmaß prekären Arbeitsverhältnissen ausgesetzt ist.
    Der Abhängigkeit der Doktoranden von ihren Betreuern versucht man zwar durch neue Modelle, etwa Graduierenschulen, aufbrechen. Aber das Problem ist damit allein noch nicht gelöst. Denn für viele beginnt, wie Du ja auch schreibst, erst danach die eigentliche wissenschaftliche Karriere (oder eben auch nicht).
    Das eine wird also auf Dauer ohne das andere nicht zu haben sein. Selbstständigkeit und Freiheit der Forschung und Karriereplanung setzt auch Strukturen voraus, die eine eigenständige Planung überhaupt ermöglichen. Sonst droht man letztendlich doch nur, umwillen des eigenen Lebensunterhaltes, Kompromisse einzugehen, durch die man zwar vielleicht eine der seltenen Stellen ergattert, die einen in den eigenen Forschungsinteressen aber nicht unbedingt oder nur unter glücklichen Umständen weiterbringen.
    Eine Alternative ist es natürlich, sich über DFG-Anträge eine eigene Stelle zu schafften. Aber das ist – wie Du weißt – auch mit einem ziemlichen Aufwand verbunden und die Erfolgsaussichten dafür sind alles andere als sicher…

  3. #3 Florian Freistetter
    14. Oktober 2011

    @Michael Blume: “Deswegen hatte auch ich das “Templiner Manifest” nicht nur unterzeichnet, sondern gebloggt “

    Ich auch: http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2010/09/das-templiner-manifest-an-den-unis-muss-sich-was-andern.php

  4. #4 2stein
    14. Oktober 2011

    Aah ist das gut, wie ruhig es hier ist. Ganz ohne Wissenschaft&Religionsgezank !

  5. #5 F.J.
    14. Oktober 2011

    Als Nichtakademiker versteh ich jetzt nicht so richtig, wieso nun ein “ewiger Assistent” ein so negativ dargestelltes Problem ist. Als “normaler” Arbeiter hatte ich immer Vorgaben zu erfüllen und fühlte mich dennoch nicht “unselbstständig”. Wo gibt es heutzutage denn noch eine “Ein Mann Show”? Egal wo oder als was wir arbeiten, überall hängt doch ein Tross an Leuten dran, die ebenso wichtig sind.

  6. #6 Florian Freistetter
    14. Oktober 2011

    @FJ: “Als “normaler” Arbeiter hatte ich immer Vorgaben zu erfüllen und fühlte mich dennoch nicht “unselbstständig”.”

    Es geht nicht darum, ob man Vorgaben erfüllt oder nicht. Sondern darum, dass man als Wissenschaftler fähig sein muss, sich selbstständig Gedanken zu machen. Nur dann kann man auch neue Ideen entwickeln. Wenn man dagegen immer nur das macht, was einem der Chef anschafft, dann wird man nie lernen, wie eigenständig denkt und arbeitet.

  7. #7 Rincewind
    14. Oktober 2011

    @F.J: Stell Dir vor, Du wolltest Tischler werden. Wei Du gerne schöne Möbel machen willst. Dazu lernst Du lange. Auch, wie man Holzsorten lagert, einkauft, zuschneidet. Muss man. Dann lernst Du, wie man die Möbel macht. Dann machst Du eine Prüfung, die Dir bescheinigt: Du kannst einwandfrei Möbel bauen. Danach lässt Dich Dein Chef aber nicht, Du musst jetzt Holz einkaufen. Oder Preislisten für die Möbel des Chefs schreiben.

    Beim Handwerker kann man sagen: Mach Dich selbständig. Beim Wissenschaftler ist das so eine Sache, falls nicht zufällig reich …

  8. #8 Morlock
    14. Oktober 2011

    Mich würde bei der ganzen Diskussion mal interessieren, welchen Status der Blogautor im Wissenschaftsbetrieb derzeit hat bzw. wie er seinen Lebensunterhalt bestreitet. Ist er Assistent, Lehrbeauftragter, arbeitet er in einem befristeten Projekt, verdient er seine Knete als freischaffender Blogger oder lebt er von Transfergeldern? Dies ist ja sicherlich nicht ganz ohne Einfluss auf die Position, die der Blogautor hier vertritt, zumals ja nicht nur um den bestmöglichen wissenschaftlichen Fortschritt, sondern auch um den eigenen Lebensunterhalt geht.

  9. #9 enbeh
    14. Oktober 2011

    @F.J.
    Warum ist das nicht-selbstständige Arbeiten von Postdocs und bedingt auch von Doktoranden ein Problem? Ich sehe da im Wesentlichen zwei Gründe.

    Erstens: Forschung ist eine kreative Tätigkeit. Es ist ja gerade Sinn der Sache, dass man in der Wissenschaft Dinge tut, die noch keiner getan hat um etwas herauszufinden, das noch keiner weiß, “to boldly go where no man has gone before”. Wenn der Chef einer Arbeitsgruppe (neudeutsch auch Principal Investigator [PI] genannt) aber der einzige ist, der die Freiheit hat zu entscheiden, was wann wie von wem beforscht wird, dann vergeudet man eine ganze Menge Potenzial. Schließlich ist man spätestens als Postdoc ein hochqualifizierter Wissenschaftler und kein wissenschaftlicher Sachbearbeiter.

    Zweitens: tatsächlich gibt es durchaus Wissenschaftler, die es ganz in Ordnung finden, einfach abzuforschen, was der PI ihnen vorgibt. Hätten diese Wissenschaftler auf absehbare Zeit eine sichere Stelle, dann sähe ich da auch kein Problem. Allerdings gibt es bei uns im Mittelbau ja kaum noch langfristige Stellen. Deshalb ist die einzige Chance des Postdocs auch längerfristig im Wissenschaftssystem zu bleiben, im System aufzusteigen. Man muss sich also auf Professuren/Juniorprofessuren/Nachwuchsgruppenleiterstellen etc. bewerben. Wer eine solche Stelle ergattert ist dann auf einmal in der Position, selbst die Richtung für seine Mitarbeiter vorzugeben. Selbst wer nicht diktatorisch seinen Mitarbeitern im Detail die Forschung vorschreiben will, muss natürlich wenigstens eine Vision haben. Und man wird halt nicht über Nacht zum Visionär, wenn man bislang der Lakai gewesen ist.

  10. #10 enbeh
    14. Oktober 2011

    @Florian

    Christian Hackenberg hat sich in dieser Frage durch seine vielen Aufenthalte in den USA inspirieren lassen. Wie er am Ende der Diskussion angemerkt hat, war es dort üblich, den Studenten schon möglichst früh beizubringen, fundamentale Fragen zu stellen.

    Solche Aussagen – in den USA ist dies und jenes so und so – halte ich für wenig hilfreich. Natürlich ist die Situation für Doktoranden in den USA (wie überall auch) sehr vom Lab abhängig. Ich weiß nicht, wie häufig man in den USA eine solche Förderung der Doktoranden antrifft, aber ich bezweifle, dass dies die Regel ist. Ich kenne genug Labs in den USA, in denen der PI genau vorschreibt, was beforscht wird, wie es gemacht wird und was am Ende bitteschön rauszukommen hat. Meiner Erfahrung nach sind ausserdem gerade die prestigeträchtigen Labs sehr darwinistisch. Der Undergrad oder der Doktorand bekommt einen Schreibtisch und einen Rechner, und dann soll er mal zusehen, was er damit anstellen kann. Wenn er was auf die Reihe bekommt ist es gut, und am Ende winkt eine hochrangige Publikation. Wenn nicht – na, es gibt ja genug Undergrads und Grad Students; einer wird’s schon schaffen. Das mag man als Freiheit verstehen, aber so hat auch keiner was davon.

  11. #11 Alex
    14. Oktober 2011

    Es muss aber auch PostDocs geben, die nach grober Anweisung arbeiten; natürlich darf nicht jeder Schritt vom Prof kommen, sondern man muss im Team/AG die Probleme gemeinsam lösen; zudem kann der PostDoc auch Unter-Projekte leiten…
    Aber PostDocs, die nicht in einer AG sind, sind (vermutlich) in der Minderheit.

  12. #12 Florian Freistetter
    14. Oktober 2011

    @enbeh: “Solche Aussagen – in den USA ist dies und jenes so und so – halte ich für wenig hilfreich”

    So war sie ja auch nicht gemeint. Ich wollte nur erläutern, wo Hackenberger die Idee für seine Aussage her hatte: aus seiner Zeit in den USA. Das dort ALLE so arbeiten hab ich nicht geschrieben.

  13. #13 Florian Freistetter
    14. Oktober 2011

    @Morlock: “Mich würde bei der ganzen Diskussion mal interessieren, welchen Status der Blogautor im Wissenschaftsbetrieb derzeit hat bzw. wie er seinen Lebensunterhalt bestreitet.”

    Meine Kurzbiografie kann man in der linken Seitenspalte der Homepage nachlesen.

  14. #14 Bynaus
    14. Oktober 2011

    Ich war bis diesen April Doktorand und bin jetzt in einem PostDoc. Mein Doktorat wurde damals ursprünglich von meinem Doktorvater entworfen (und die Methoden standen auch fest, weil in dem Labor nun mal diese Maschinen zur Verfügung standen und diese auf diese eine Art und Weise genutzt werden können – was nicht heisst, dass ich diese Methoden in gewissen Bereichen nicht weiterentwickelt hätte), aber ich bin schnell in das Thema hineingewachsen. Ich wollte etwas auf diesem Gebiet machen, und es gab dieses Angebot, das ich noch so gerne angenommen habe. Es hat sich dann auch gezeigt, dass mich gewisse Themen innerhalb des übergreifenden Themas mehr interessierten als andere, und so haben sich nebem dem eigentlichen “Hauptthema” der Dissertation auch eine ganze Reihe von Nebenzweigen entwickelt, die ich nun gewissermassen als “Eigenentwicklungen” betrachten kann. Ich wurde dabei stets vom Doktorvater unterstützt, und er hat sich sonst nie gross eingemischt (schon gar nicht einschränkend) – höchstens mich daran erinnert, dass es da ja mal ein Hauptthema gab und dass dieses auch nicht ganz uninteressant ist… Für meine PostDoc-Zeit habe ich dann selbst einen Forschungsantrag beim Schweizer Nationalfonds eingereicht (der bewilligt wurde) und damit auch die Schwerpunkte gesetzt. Dabei ist es bisher auch geblieben, auch wenn mir mein neuer Chef noch ein paar weitere Projekte angehängt hat (die Projekte sind aber auch interessant, und ich habe gerne eingewilligt, sie zu verfolgen) und ein paar neue, gute Ideen dazugekommen sind. Jetzt muss sich dann noch zeigen, wie ich diesen Mix aus eigenen Ideen, neuen Ideen und Ideen von anderen genau umsetze, denn gleichzeitig gibt es noch so viele Daten aus der Disszeit, die ich zu Papers verarbeiten sollte (zurzeit mache ich das zu gefühlten 80%, neue Projekte machen nur 20% aus).

    Ich bin weder Freier Forscher (dafür braucht es, denke ich, zumindest eine permanente Stelle mit einem eigenen Budget) noch ewiger Assistent – aber schon eher das erste als das letzte. Von letzteren kenne ich auch zumindest einen, der auch mal von einer Autorenliste nobel zurücktritt, weil sein Chef findet sie sähe kürzer besser aus. Seine Stelle ist jedoch vor zwei Wochen ausgelaufen, und der arme Kerl, der diesem Chef seit bald 15 Jahren loyal gefolgt ist, ist nun 40 und findet keine Stelle. Ein Horrorszenario – dabei ist er im Labor wirklich ausserordentlich gut in dem, was er tut: nur braucht das in der “freien Wirtschaft” niemand.

  15. #15 Florian Freistetter
    14. Oktober 2011

    @Bynaus: Danke für deinen Erfahrungsbericht. Bei mir lief es in etwa ähnlich; nur meine Dipl/Diss-Themen und Methoden hab ich alle selbst ausgewählt. Komplett “frei” forschen kann man vermutlich nie wirklich. Soll man wohl auch gar nicht – Wissenschaft ist ja immer auch noch etwas, bei dem Teamarbeit wichtig ist. Da ist es absolut legitim, andere zu unterstützen und ihnen gegebenenfalls auch mal die Führung zu überlassen. Aber es darf halt nicht in eine komplette Abhängigkeit münden.

  16. #16 Morlock
    14. Oktober 2011

    Was mich am Erfahrungsbericht von Bynaus imponiert ist, dass er erstaunlich konkret und persönlich ist. Das fehlt mir bei Dir FF.

  17. #17 Florian Freistetter
    15. Oktober 2011

    @Morlock: “Was mich am Erfahrungsbericht von Bynaus imponiert ist, dass er erstaunlich konkret und persönlich ist. Das fehlt mir bei Dir FF. “

    In meinem Artikel gehts ja auch nicht um mich. Soll ich hier mein Tagbuch im Blog veröffentlichen oder wie? Meinen Lebenslauf findest du übrigens hier: http://florian-freistetter.de/lebenslauf.html

    Aber sag doch einfach ganz konkret, was du wissen willst und red nicht um den heissen Brei rum. Vielleicht kriegst du ja auch ne Antwort.

  18. #18 stromgeist
    15. Oktober 2011

    @alex: “Aber PostDocs, die nicht in einer AG sind, sind (vermutlich) in der Minderheit.”
    Das ist sicherlich disziplinenabhängig. Für welchen Fachbereich sprichst Du? In den Kultur- und Geisteswissenschaften ist Teamarbeit wie in den Naturwissenschaften eher selten. Da gibt es weitaus mehr “Einzelkämpfer”.

    @Bynaus: “Von letzteren kenne ich auch zumindest einen, der auch mal von einer Autorenliste nobel zurücktritt, weil sein Chef findet sie sähe kürzer besser aus.”
    So ein Verhalten von Profs ist einfach nur niederträchtig und unfair. Ein Problem, dass man auch im Kontext der Plagiatsdebatte in den Wissenschaften viel genauer anschauen und kritischer untersuchen müsste. Denn leider ist das Beispiel keine Seltenheit.

    Andererseits halte ich das derzeitige Verhältnis von Pubklikationspraxis und Reputation auch für problematisch (z.B. Länge der Publikationsliste, Citation Impact, hohe Kosten für Veröffentlichung und Rezeption). Das ist natürlich schon wieder ein eigenes Thema, das dennoch damit zusammenhängt. Persönlich würde dazu nur anmerken, dass meine Publikationen zwar alle auf meinem “eigenen Mist” gewachsen sind, doch dass hier das Verhältnis zu den Betreuuern und der Kontakt zu Kollegen oft entscheidend dafür war, dass sie überhaupt zustande gekommen sind. Gerade in den Kulturwissenschaften läuft viel über die “wissenschaftlichen Netzwerke” und weniger über peer-review Verfahren (obwohl sich das zunehmend etabliert). Was die Kreativität von Publikationen anbelangt, so haben es originielle Beiträge hier aber auch wieder schwerer. Denn wenn den peers etwas zu absonderlich oder unkonventionell vorkommt, kann es sein, dass es nie gedruckt und einer öffentlichen kritischen Überprüfung zugänglich wird. Das Verhältnis von Eigenständigkeit und Abhängigkeit in der Forschung ist daher immer auch eine Frage persönlicher Originalität und sozialer Anpassung (sei es an “Paradigmen” oder “Netzwerke”). Hier die richtige Balance zu finden ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, sich in der akademischen Landschaft zu behaupten und weiterentwickeln zu können.

  19. #19 Gig
    16. Oktober 2011

    @enbeh: “Ich kenne genug Labs in den USA, in denen der PI genau vorschreibt, was beforscht wird, wie es gemacht wird und was am Ende bitteschön rauszukommen hat”.

    Ich kann das nur bestaetigen. Ich mache gerade meinen Doktor in Kanada und auch hier ist die Persoenlichkeit des Principal Investigators (PIs) letztendlich entscheidend, wieviel Freiheiten man als Doktorand besitzt. In meinem Fall war ich am Anfang beinahe ein Arbeitssklave und mein PI ein Vorzeige-Micromanager. Ich habe dann aber im Laufe der Zeit mehr Freiheiten bekommen, habe dafuer aber hart “kaempfen” muessen.

  20. #20 Flocke
    9. November 2011

    An unserem Institut wird man als Doktorand als Auszubildender eingestuft und auch so behandelt, wobei man aber dennoch die anfallende Arbeit komplett alleine erledigt und sich auch das meiste alleine beibringt. Jegliche Versuche eigenständig zu denken und vor allem seine Ideen auch zu verwirklichen werden im Keim erstickt. Man soll lieber ehrwürdig zum Betreuer aufschauen und möglichst wenig Widerworte geben. Man befindet sich in totaler Abhängigkeit und da man in der Naturwissenschaft auf Geld und evt. auch Leute angewiesen ist, die einem bei Experimenten helfen kann man sich auch nicht einfach abschotten. Dies würde automatisch zum Scheitern führen. Auch unsere Postdocs haben nur sehr wenig Entscheidungsfreiheiten. Ich habe fesgestellt, dass allerdings von Seiten der Doktoranden und Postdocs häufig eine sehr große Motivation und auch ein Wille zu guter wissenschaftlicher Arbeit vorhanden ist. Man hat allerdings das Gefühl, dass die Vorgesetzten unseres Institutes sich davon eher “bedroht” fühlen, möglicherweise auch weil sie sehen, dass ihnene der eigenen Elan schon längst verloren gegangen ist. Ein Problem sehe ich in der schlechten Altersstruktur. Wir haben nur “Alte”, die kurz vor der Rente stehen und alles so machen, wie sie es immer schon getan haben und dann eigentlich nur Doktoranden oder Postdocs. Das Arbeitsklima ist verseucht und von Freiheit ist nichts zu spüren. Egal wieviel und gut man arbeitet, man ist abhängig von der Gunst der Anderen. Das setzt sich bei vielen lange Jahre fort. Entweder man passt sich dann aus oder man entscheidet sich dieses System zu verlassen, was auch meine Entscheidung ist. Meine Enttäuschung vom derzeitigen System der Wissenschaft ist einfach zu groß.

  21. #21 fnor
    16. Mai 2013

    Eigentlich könnte die Selbstständigkeit schon früher anfangen. Ich hatte das Glück nach langer suche und einer “Zwangsstudienarveit” ein tolles Thema für die Diplomarbeit zu finden. Natürlich wird da meist ein Thema vorgegeben, da Betreuer auch Interessen haben. Zum Glück war mein Betreuer beim Fraunhofer so eingespannt, dass ich die ausführliche Aufgabenstellung fast allein schreiben konnte und die von den Betreuern abgenickt wurde. Auch später hab ich wenig von Ihm gehört. Zwar hat er schon meine Arbeit im Vorfeld kritisch kommentiert und wichtige Tipps gegeben, insgesamt konnte ich jedoch recht frei arbeiten. Im Nachhinein glaube ich, dass es nur möglich war, da FHG fast keine Kosten deswegen hatte: Ein bisschen Betreuerzeit und ein Arbeitsplatz aber keine Bezahlung.

    In der Hoffnung, dass es so weitergeht arbeite ich derzeit an einer sogenannten Exzellezuni. Dort wird ein minderwertiges Forschungsprojekt bearbeitet. Die Aufgaben stehen im Detail fest und jedes Ingenieurbüro könnte es genau so, sicherlich auch besser. Nach mehr als sieben Monaten hat der Prof. noch nicht einmal abgetastet, was meine Forschungsinteressen sind. Ich bin jetzt hoch demotiviert und bewerbe mich anderswo. Leider zeichnet sich ab, dass es keine interessanten Stellen gibt und den Bewerbern nichts zugetraut wird. Meist bekommt man nur Positionen, für die man überqualifiziert ist. Das ist für den Arbeitgeber das einzige Desaster, denn ein unmotivierter Angestellter bringt keine guten Ergebnisse. Ich werde diese Sch*** wohl verlassen und nur noch in meiner dann hoffentlich großzügiger bemessenen Freizeit interessanten Themen widmen.