Dieser Artikel gehört zu meiner Serie “Tatort-Wissenschaft”. Wer damit nichts anfangen kann findet hier eine Erklärung. Es geht in diesem Artikel nicht um eine wissenschaftliche Erklärung der Tatort-Handlung sondern darum zu zeigen, dass Wissenschaft tatsächlich überall ist. Egal was wir (oder die Tatort-Kommissare) machen, es steckt Wissenschaft dahinter. Wir erleben die Welt aber meistens getrennt. Da gibt es “Wissenschaft” – und dann gibt es “alles andere”. Zum Beispiel Krimis wie den Tatort. Es mag konstruiert erscheinen, den Tatort mit wissenschaftlichen Phänomenen und Erklärungen in Verbindung zu bringen. Die Wissenschaft war aber schon die ganze Zeit da. Unsere gedankliche Trennung zwischen Krimi und Wissenschaft ist konstruiert. Ach ja, und wenn ihr nicht wissen wollt, wer der Mörder war, dann lest am besten nicht bis zum Ende…
————————————————————————————————————————Tatort-Folge Nummer 667 spielt in Leipzig. Es geht um Literatur und Betrug, um Liebe und dunkle Engel und vor allem um Licht und Dunkelheit.

Gleich zu Beginn sehen wir einen Polizisten, der gemeinsam mit einer Frau ein Hotelzimmer betritt. Die Kamera schwenkt auf eine brennende Kerze im Flur – die plötzlich erlischt! Eine etwas plumpe Metapher für den jetzt natürlich folgenden Tod der Frau. Aber aus wissenschaftlicher Sicht äußerst ergiebig. Denn in so einer Kerze steckt jede Menge Wissenschaft. Genug zum Beispiel, damit der große Physiker Michael Faraday 1860 und 1861 gleich sechs ganze Vorlesungen halten und ein Buch zum Thema “Die Naturgeschichte einer Kerze” schreiben konnte. Auf den ersten Blick erscheint eine Kerze ja recht simpel. Man zündet sie an und dann brennt sie. Auf den zweiten Blick ist die Sache nicht mehr ganz so simpel – aber dafür viel interessanter!

Eine Kerze besteht aus Wachs. Was das genau ist, hat die Deutsche Gesellschaft für Fettwissenschaft (ja, so etwas gibt es wirklich) definiert. Wachs muss bei 20 Grad fest, aber knetbar sein und bei Temperaturen über 40 Grad schmelzen. Es muss oberhalb des Schmelzpunktes leicht flüssig sein und eine stark temperaturabhängige Konsistenz und Löslichkeit aufweisen. Und dann gibt es noch ein paar andere Punkte, die erfüllt sein müssen, damit die Gesellschaft für Fettwissenschaft zufrieden ist – aber damit die Kerze brennt ist es vor allem wichtig, dass das Wachs leicht schmilzt. Es muss sich verflüssigen, damit es vom Docht zur Flamme transportiert werden kann. Denn der Docht ist nicht einfach nur irgendein Faden, der brennt, sondern eher so etwas wie ein Strohalm. Er besteht aus einem saugfähigen Material (zum Beispiel Baumwolle) und kann den Kapillareffekt ausnutzen, um das flüssige Wachs gegen die Schwerkraft nach oben in Richtung der Flamme zu leiten. Dort kann das flüssige Wachs dann verdampfen und schließlich verbrennen.

Jede Menge Kerzen! Beim Tatort gibt es aber immer nur eine pro Leiche.

Jede Menge Kerzen! Beim Tatort gibt es aber immer nur eine pro Leiche.

Es sei denn, jemand bläst die Kerze aus. Dann drückt der Luftstrom die Flamme vom Docht weg, die Temperatur sinkt, es gibt keinen Nachschub mehr an Brennstoff und die Kerze geht aus. Und wenn so etwas in einem Tatort passiert, dann stirbt natürlich auch noch jemand.

In diesem Fall war es die unbekannte Frau, die sich als Literaturagentin der “Starautorin Mimi Blaise” herausstellt. Die schreibt einen Bestseller nach dem anderen und keiner kennt ihre Identität. Die Kommissare Kain und Ehrlicher erkundigen sich natürlich beim Verlag, der ihnen nicht nur mitteilt, dass die Agentin selbst Mimi Blaise war. Was dann aber doch nicht der Fall ist, weil die echte Mimi Blaise Mechthild Bläser heißt, öffentlichscheu ist und ihre Agentin beauftragt hat, bei der großen Pressekonferenz der Leipziger Buchmesse ihre Rolle zu spielen. In den Büchern von Blaise geht es übrigens um den “dunklen Engel Sariel” der auf der Erde Kriminalfälle löst (Das klingt so absurd, dass es vermutlich tatsächlich ein Bestseller werden könnte – aber vermutlich hat irgendwo irgendwer diesen Kram wirklich schon geschrieben. Ich hab aber trotzdem Schwierigkeiten mir vorzustellen, wie das funktionieren soll. Glaubt man dem gefakten Cosplay, das man auf der Leipziger Buchmesse in dieser Tatort-Folge sehen kann, dann läuft Sariel ständig in einem mysteriösen dunklen Umhang mit Kapuze herum – nicht unbedingt die unauffälligste Kleidung, wenn man Verbrechen bekämpfen will).

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Kommentare (9)

  1. #1 Sven
    1. August 2013

    Hallo Florian,

    kleiner Klugschei*kommentar meinerseits: Fernsehsignale über Satellit sind auch Radio- bzw. Mikrowellen. Sind halt dann im Gegensatz zum terrestrischen Fernsehen im Bereich von 15 bis 20 GHz statt irgendwas um die 650 MHz, aber die haben nichts böses getan, dass du sie einfach so ausklammerst 🙂

    Gruß,
    Sven

  2. #2 Florian Freistetter
    1. August 2013

    @Sven: Danke!

  3. #3 Franz
    1. August 2013

    Bei den Farben kommt noch die philosophische Frage hinzu: Ist mein Rot auch dein Rot ?
    Übersetzt, sehen andere Leute Rot so wie ich oder ist es bei denen Grün 🙂

  4. #4 McPomm
    1. August 2013

    Bei den Farben kommt noch die philosophische Frage hinzu: Ist mein Rot auch dein Rot ?
    Übersetzt, sehen andere Leute Rot so wie ich oder ist es bei denen Grün

    Ich denke, dass dies bei nicht-Augen-kranken Leuten vollkommen irrelevant ist. Vorausgesetzt, dass in der Wahrnehmung verschiedener Farben der “anderen” Personen keine Unterschiede existieren. D.h. wenn der eine dasselbe Grün als Grün bezeichnet. Oder beide Grün von einer anderen Farbe unterscheiden können.

    Wo es relevant wird, ist, wenn Leute eine Grün/Blau-Schwäche oder überhaupt eine Farbenschwäche haben (oder allgemein eine Augenkrankheit bzgl. der Farbrezeptoren).

  5. #5 Orci
    1. August 2013

    Auf jeden Fall verstehen wir alle, was wir meinen, wenn wir von etwas “rotem” sprechen, wir erkennen dieselben Verläufe (von Violett und Blau über Grün zu Gelb und von dort weiter über Orange zu Rot), haben die Empfindung, dass bei Abwesenheit aller Farben und Mischung von Farben eine von den Spektralfarben unterschiedliche Farbe (schwarz und die jeweilige Mischfarbe) entsteht und sind uns – von Nuancen abgesehen – über deren Aussehen einig, wir empfinden weiße Flächen als weiß und bei Beleuchtung mit farbigem Licht sind wir uns über die Farbe einig. Gerade deswegen können wir ja so etwas, wie Farbenblindheit identifizieren, weil es nur auf den kleineren Teil aller Menschen zutrifft. Unter der Voraussetzenden Bedingung aber, dass wir und unsere Mittmenschen keine ausgeprägten Farbschwächen haben, hätte eine eventuelle individuell verschiedene Farbsicht zumindest keine spürbaren Auswirkungen (außer vielleicht, dass manche Menschen auch im Alltag Nuancen feiner beim Namen nennen, als andere).

  6. #6 Desolace
    1. August 2013

    Super Text, hat mir wirklich sehr gut gefallen! Freu mich schon auf mehr 🙂

  7. #7 Sven
    1. August 2013

    @Franz: Ich empfehle dir das Video “Is Your Red The Same as My Red” from VSauce: http://www.youtube.com/watch?v=evQsOFQju08 🙂

    Gruß,
    Sven

  8. #8 bewitchedmind
    1. August 2013

    “Achtung! Es klappt nur dann, wenn man damit bis zur letzten Sekunde wartet!”
    Made my day. 🙂

    Schön, daß du jetzt auch unter die TV-Kritiker gegangen bist. Freue mich auf mehr!

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