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Dieser Beitrag wurde von Andreas Fischer eingereicht.
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When I told the people of Northern Ireland that I was an atheist, a woman in the audience stood up and said, ‘Yes, but is it the God of the Catholics or the God of the Protestants in whom you don’t believe?

Dem englischen Schriftsteller Quentin Crisp zugeschrieben

Reisen bildet, sagt man. Zumindest bieten sie dem aufmerksamen Beobachter die Gelegenheit, etwas über die Fremde zu lernen. Und vielleicht gibt es für jeden Reisenden auch das passende Land, das besonders die Aufmerksamkeit weckt. In Irland sticht der offenkundige Stellenwert des Nationalismus ins Auge. Der zeigt sich in vielerlei Weise. In der Hauptstadt Dublin stößt man auf die Namen zahlreicher für die Nationalgeschichte bedeutsamer Personen. Ein Besuch in Nordirland macht bewusst, dass die Zeit der Troubles noch gar nicht so lange her ist. In der Republik ist die Betonung der irischen Kultur mehr als ein touristisches Marketinginstrument, dient sie doch auch der Bestätigung der eigenen Identität.

Dieser Essay setzt sich mit dem Nationalismus in Irland auseinander. Darüber sind ganze Bücher geschrieben worden. Der nordirische Historiker Richard English (sic!) gilt als Autorität auf diesem Gebiet, er wird für seine ausgewogenen Arbeiten sehr geschätzt. Der Essay stützt sich auf zwei seiner Bücher, kann natürlich nicht ins Detail gehen und zeichnet daher nur einige Grundlinien des Themas nach und bettet sie in die historische Entwicklung ein.

Die Nation ist ein Mythos, wie alles Menschengemachte eine Konvention, deren Legitimität nicht notwendigerweise auf empirischer Grundlage steht. Nationalismus ist historisch betrachtet eine junge Erscheinung und starken Wandlungen unterworfen. Wer zur Nation gehört, kann beizeiten willkürlich sein. Wohl gibt es Kriterien, nach denen entschieden wird, ob ein Individuum zur Nation gehört. Sprache und Kultur sind solche Kriterien. Man wird sich aber wahrscheinlich schwertun, Kriterien zu finden, die irgendetwas anderes als eine Konvention sind.
Eine Erklärung für Nationalismus ist leichter zu finden, das menschliche Bedürfnis nach Klärung der eigenen Identität ist hier ein oft bemühtes Erklärungsmuster. Dem Nationalismus eigentümlich ist, dass er auch in unseren modernen, globalisierten Zeiten, in denen transnationale Konzerne mächtiger als Nationen sind, so wirkungsmächtig ist und oft anachronistisch wirkt. Politisch Interessierte werden sich vielleicht manchmal gefragt haben, was Politiker oder Medien meinen, wenn sie von “deutschen Interessen” reden. Das gibt einen Hinweis darauf, dass gelegentlich andere Anliegen und Interessen gerne in der Maske des Nationalismus auftreten. Eigentlich, so könnte man meinen, sollte die Nation keine Rolle mehr spielen.

In der irischen Hauptstadt Dublin sind sie heute dennoch allgegenwärtig, die Namen der Nationalhelden Irlands. Etliche Straßen, Gebäude und Orte sind nach ihnen benannt, Statuen zu ihren Ehren aufgestellt. Das wohl prominenteste Beispiel ist O’Connell Street, Dublins Hauptverkehrsstraße im Zentrum der Stadt, in der etliche Statuen national bedeutsamer Männer stehen, darunter die von Daniel O’Connell, Charles Stewart Parnell und James Larkin. Selbst The Spire, weithin sichtbares Wahrzeichen Dublins, ist indirekt Ergebnis des Nationalismus’. An dessen Stelle stand bis 1966 ein Denkmal Admiral Nelsons, als es republikanische Aktivisten sprengten. Die Liste der Benennungen ist lang: Connolly Station, Pearse Station und die gleichnamige Straße, Parnell Square und Parnell Street, O’Connell Street, James Larkin Road und andere.

Diese Präsenz nationalistischer Symbole in Dublin ist ein Paradebeispiel für die Wirkungsmächtigkeit des Nationalismus in der Geschichte. Irland insgesamt ist aus verschiedenen Gründen ein spannendes und anschauliches Beispiel für den Untersuchungsgegenstand Nationalismus. Deutschland ist in dieser Hinsicht ein eher undankbares Beispiel. Aus historischen, aber auch tagespolitischen Gründen ist Nationalismus hierzulande mit einem denkbar negativen Image belegt, er gilt nicht als besonders salonfähig und wird stark mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht. Historisch betrachtet sticht Nationalismus in Deutschland in der Tat in seiner aggressiven und übergriffigen Spielart hervor. Völkischer und rassistischer Nationalismus spielte im Kaiserreich eine prominente Rolle, im Nationalsozialismus wurde er zur Staatsräson. Ereignisse der letzten Jahrzehnte lassen den Nationalismus in Deutschland weiterhin in dubiosem Licht erscheinen. Vom Anschlag aufs Oktoberfest 1980 über die Überfälle auf Asylbewerberheime Anfang der 1990er Jahre bis zu den Morden des NSU – diese Ereignisse stehen in der Tradition eines gewalttätigen Nationalismus, dem Behörden und Justiz gleichgültig und abwiegelnd gegenüberstehen. Der jüngst veröffentlichte Bericht des thüringischen NSU-Untersuchungsausschusses rückt die Behörden sogar in die Nähe der Komplizenschaft mit der Terroristengruppe NSU. Ein Nationalismus, der auf positive Ereignisse Bezug nehmen kann, steht damit stark im Schatten ungünstiger historischer Bedingungen. Nationalismus ist hier deshalb weithin negativ konnotiert. Die Entstehung der Nation in Deutschland ist allerdings auch nicht besonders geeignet, Nationalstolz hervorzurufen. Nachdem im 19. Jahrhundert Versuche gescheitert waren, eine Nation von unten zu gründen, sprang die Obrigkeit ein. Die Bismarck-Türme im Land künden heute noch von diesem Scheitern. Versöhnlich aus nationalistischer Sicht erscheint da die Lösung der nationalen Frage 1990 mit der Wiedervereinigung.

Der irische Nationalismus entwickelte sich unter ganz anderen Voraussetzungen und nahm andere Ausprägungen an. Ein offensichtliches Ergebnis der Entwicklung ist, dass der Begriff des Nationalismus’ in Irland durchweg positiv besetzt ist. Die Republik Irland ist eine Nation aus eigener Kraft, eine Gründung von unten. Das bedeutet allerdings nicht, dass es auf der Insel eine überragende Mehrheit für die irische Einheit gäbe. Tatsächlich zeigen sich bei Umfragen differenzierende Ansichten. Dieses Bild entspricht der Vielfalt der Wege, die der irische Nationalismus genommen hat. Er rezipiert europäische Entwicklungen und Ereignisse wie beispielsweise die Französische Revolution. Aufklärerische Ideen wie Freiheit und Gleicheit finden sich in ihm genauso wie die Interpretation der nationalen Frage als Klassenfrage oder Fragen der Besitzverteilung und der Landreform. Er nimmt Bezug auf Religion, die gälische Sprache und Kultur. Der katholische Nationalismus trat dabei nicht einheitlich auf. Die katholische Kirche beispielsweise störte sich häufig an säkularen republikanischen Bestrebungen und zeigte zuweilen eine Abneigung gegen allzu rebellisches Gedankengut. Der Nationalismus ist zudem beeinflusst von der engen Verwobenheit und dem Austausch mit der englischen Kultur und von der Erfahrung der Herrschaft einer fremden Macht. Er ist geprägt vom Ausschluss von politischer und wirtschaftlicher Macht, der sich in Irland an den Konfessionsgrenzen festmachte. Dabei ging es nicht allein um den katholisch-protestantischen Gegensatz. Zum exklusiven Kreis der herrschenden Schicht in Irland gehörte vielmehr ursprünglich die anglikanische Protestant Ascendancy, die andere protestantische Konfessionen wie auch nicht-christliche Religionen von Mitsprache und Herrschaft ausschloss. Im 20. Jahrhundert sollte sich schließlich in Nordirland mit dem Loyalismus ein spezifisch protestantischer Nationalismus entwickeln, der in der öffentlichen Wahrnehmung unter anderem durch seine Märsche ins Bewusstsein gekommen ist. Trotz der Prominenz der Religion dürfen die Konflikte nicht als Religionskonflikte verstanden werden. Vielmehr dient die Religion gewissermaßen als Transmissionsriemen für eine Vielzahl unterschiedlicher Konflikte.

Wie das Verhältnis zwischen Irland und dem Vereinigten Königreich sein sollte und mit welchen Mitteln die Auseinandersetzung darüber geführt werden sollte, darüber herrschte keine Einigkeit. Genauso wenig über die Definition, was denn nun eigentlich die irische Identität sei. Einen grundsätzlichen Widerstreit gab es zwischen gewaltfreien Strategien, die sich an konstitutionelle Regeln halten wollten, und Gewaltstrategien, die ihre Legitimation aus der Behauptung oder Befürchtung der Fremdherrschaft, Besatzung und der Unterdrückung zogen. Schon früh wurde die irische Identität nicht notwendigerweise ausschließlich als katholisch gesehen. Im 18. Jahrhundert etwa artikulierten protestantische Iren die Idee einer Nation, die frei sein sollte von englischem Einfluss, aber die katholische Mehrheit nicht miteinbezog. Freilich erreichte die katholische Frage ebenfalls im selben Jahrhundert eine solche Bedeutung, dass sie zum bestimmenden Konflikt auf der Insel wurde und bis heute einer endgültigen Antwort harrt. Tatsächlich sorgten Gesetze für den Ausschluss der Katholiken von der politischen und wirtschaftlichen Macht, während sie die Protestanten, inbesondere deren herrschende Schicht, bevorzugten. Auch wenn die gesetzmäßige Diskriminierung der Katholiken bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zu einem großen Teil aufgehoben wurde, war die volle bürgerliche Gleichberechtigung der Katholiken bei Weitem noch nicht erreicht. Mehrere Gruppen nahmen sich des irisch-englischen und inneririscher Gegensätze an: Die 1791 gegründete Society of United Irishmen mit einem ihrer prominentesten Mitglieder, dem Protestanten Theobald Wolf Tone, strebte anfangs beispielsweise eine republikanische Staatsform über die konfessionellen Grenzen hinweg an. Wie fließend die Grenzen zwischen Konstitutionalismus und revolutionärer Gewalt waren, zeigte das verbleibende Jahrzehnt. Der Gegensatz zwischen Irland und Großbritannien führte zur Radikalisierung auf beiden Seiten und zur – allerdings unkoordinierten und erfolglosen – Irischen Rebellion 1798.

Die Rebellion war mit ausschlaggebend dafür, dass die bis dahin erreichte Selbstverwaltung Irlands zu einem Ende kam. In den Acts of Union 1800 beschlossen die Parlamente beider Inseln die Einheit im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland. Iren erhielten nun Sitze im Westminsterparlament. Damit war wieder ein parlamentarischer, gewaltfreier Weg vorgezeichnet, mit dem alle Seiten unterschiedliche Hoffungen verbanden. Die Briten erwarteten sich einen Gewinn an Sicherheit und eine Stärkung des Empire, wenn den irischen Katholiken erst Mitsprache in Westminster gewährt würde. Die Katholiken in Irland, zumindest die führenden Katholiken, dagegen gingen davon aus, dass die Union die katholische Emanzipation entscheidend voranbringen würde. Daniel O’Connell erwies sich als prominenteste Figur der katholischen Reformisten. Mit seiner Catholic Association führte er das Element der Massenmobilisierung in die irische Politik ein. Mit Erfolg: 1829 erlaubte der Catholic Relief Act es den Katholiken erstmals, für Sitze im Parlament und fast alle öffentlichen Ämter zu kandidieren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts änderte sich dennoch die Einstellung der Iren zur Union. Während für Katholiken der nächste Schritt die Auflösung der Union war, wurden die Protestanten zu Unionisten. Bis zur Mitte des Jahrhunderts hatten sich so die Konfliktlinien in Irland ausgeprägt, die im 20. und 21. auch noch bestimmend sein sollten. Der irische Nationalismus war katholisch geworden. War O’Connell’s Nationalismus eher pragmatischer Natur, hingen viele seiner Mitstreiter in der Young Ireland-Bewegung einem kulturellen Nationalismus an, der die Bedeutung von Sprache, Geschichte und Kultur erhöhte. Die Bewegung brachte auch Gewalt und die Drohung mit Gewalt als legitimes Mittel ins Spiel und nahm ein Motiv vorweg, das IRA im 20. Jahrhundert ebenfalls aufnehmen sollte. Gefängisaufenthalte, wie etwa nach der (erfolglosen) Rebellion 1848, sollten Märtyrer hervorbringen und Sympathien für die eigene Sache erzeugen.

Eine starke Kraft bildete sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit den Fenians heraus, deren Ziel einer unabhängigen, demokratischen Republik sie mit Gewalt erreichen wollten. Der Ursprung der Bewegung lag in den USA, wo sich im Zuge der Auswanderung während der Hungersnöte in den 1840er Jahren eine große irische community gebildet hatte. Die Fenians empfanden den gewaltsamen Kampf durchaus auch als Selbstzweck. Aus ihrer Sicht konnte nur durch den Kampf eine Nation aus eigener Kraft geboren werden – eine Idee, die sich im 20. Jahrhundert im Gebaren der IRA widerspiegelte. Kurios mag es da erscheinen, dass sich gerade der Protestant Charles Stewart Parnell mit den Fenians verbündete, um politische Veränderungen auf parlamentarischem Wege zu erreichen. Parnell gelang es, mehrere widerstreitende Interessensgruppen für die Ziele der Landreform und der Selbstverwaltung Irlands (Home Rule) zusammen zu bringen, auch wieder mit dem Mittel der Massenmobilisierung: Die Landbewegung Irish Land League, die für die Rechte der Mieter von Land stritt, die Irish Parliamentary Party, die katholische Kirche und die Fenians. Landreformen konnten angestoßen werden, Home Rule erlebte Parnell nicht mehr. Das lag auch an der Opposition gegen die Selbstverwaltung im mehrheitlich protestantischen Ulster, also der nordirischen Provinz, die sich im 20. Jahundert iherseits radikalisierte.

Sollte Irland unabhängig werden, so die Befürchtung der nordirischen Protestanten, würden sie politisch und kulturell an den Rand gedrängt. Tatsächlich gab es sowohl auf katholischer als auch protestantischer Seite Stimmen, die die Unionisten als eigene Nation sahen, deren Interessen besser von den Briten vertreten wären. Dass viele Protestanten bereit waren, mit Gewalt Home Rule zu verhindern und die Union beizubehalten, zeigt die Gründung der Ulster Volunteer Force als paramilitärische Miliz Anfang 1913. Die Radikalisierung der irischen Politik fand ihren Widerhall auf der katholischen Seite in der Gründung der Irish Volunteers Ende 1913. Die Gefahr eines Bürgerkriegs lag in der Luft. Dass Westminster Home Rule 1914 gegen den Widerstand der Unionisten verabschiedete, fiel bei den Katholiken kaum auf fruchtbaren Boden, zumal das entsprechende Gesetz mit Beginn des Ersten Weltkrieges außer Kraft gesetzt wurde mit dem Ziel, die Selbstverwaltung nach dem Ende des Kriegs zu verwirklichen. Der Osteraufstand der republikanischen Nationalisten im Jahr 1916, der sich vor allem auf Dublin konzentrierte, führte keine Entscheidung herbei. Die Reaktion der Briten, die führende Aufständische hinrichteten, darüber die Gebrüder Pearse und den Sozialisten James Connolly, sorgte aber für eine Welle der Sympathie zugunsten der Aufständischen. Die Ereignisse vertieften den Graben zwischen Nationalisten und Unionisten weiter, als ein Gewinner ging daraus die Partei Sinn Féin hervor.

Sinn Féin gewann bei der Wahl im Dezember 1918 fast drei Viertel der irischen Sitze im Parlament – und reagierte Januar 1919 mit der Einrichtung eines revolutionären irischen Parlaments in Dublin, dem Dáil Éirann, das ganz Irland für unabhängig erklärte. Für die britische Regierung und die Unionisten nicht hinnehmbar, eskalierte die Auseinandersetzung zum Irischen Unabhängigkeitskrieg, der die Abspaltung Nordirlands durch ein britisches Gesetz, den Anglo-Irischen Vertrag von 1921 und schließlich die Gründung des Irischen Freistaats 1922 nach sich zog. Der Irische Freistaat war allerdings rechtlich an Großbritannien gebunden, so dass der Staat erst 1949 mit der Annahme einer neuen Verfassung seine heutige Gestalt annahm. Zudem sah der Anglo-Irische Vertrag das Recht Nordirlands vor, den Freistaat zu verlassen. Dass dies geschehen würde, war absehbar und ein Grund für die Nationalisten, sich untereinander zu zerstreiten – ein Motiv, das im weiteren Verlauf der irischen und nordirischen Geschichte noch öfters virulent werden sollte. Nicht nur parlamentarische Kräfte waren uneins, auch die Irisch-Republikanische Armee (IRA), die im Unabhängigkeitskrieg noch auf Geheiß des Parlaments gekämpft hatte, spaltete sich. Obwohl die Regierung als Vertragsbefürworter die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hatte, wie die irischen Wahlen 1922 zeigten, kam es zum gewaltsamen Konflikt zwischen Befürwortern und Vertragsgegnern. Die Konfliktparteien trugen ihre Gegensätze im Bürgerkrieg aus, aus dem der Freistaat als Gewinner hervorging, der aber auch eine gespaltene Gesellschaft hinterließ und bis ins moderne Irland hineinwirkt. Bis in die 1950er Jahre beschäftigte sich der irische Staat noch mit den Hinterlassenschaften des Bürgerkriegs. Hier war aber ganz eindeutig der Weg des Kompromisses eingeschlagen worden. Zwar gab die Republik zunächst nicht den Anspruch auf die Einbeziehung Nordirlands in ein vereintes Irland auf. Auf dem Weg zum Karfreitagabkommen im Jahr 1998 aber bildete sich in der Republik der Konsens heraus, dass ein vereintes Irland nur mit demokratisch erlangten Mehrheiten in der Republik und in Nordirland erreicht werden solle. Dieser Konsens fand 1999 seinen Niederschlag in einer Verfassungsänderung.

Der gewaltsame Konflikt verlagerte sich mit der Befriedung der Republik nach Nordirland. Zur Prominenz kam hier vor allem die Provisional IRA, die sich 1969 von der IRA der Vertragsgegner abspaltete und eng mit den Troubles verbunden war. Vorausgegangen war dem die offene rechtliche, politische und wirtschaftliche Diskriminierung der Nationalisten durch Unionisten und Loyalisten. Dass die Bürgerrechtsbewegung der Nationalisten nach dem Vorbild anderer solcher Bewegungen im Westen friedlich ihre Interessen durchsetzen wollten, verhinderte 1969 nicht die Eskalation. Die Konflikte endeten wieder in Gewalt, die Briten griffen militärisch ein. Die Provisionals hielten die britische Präsenz auf der Insel nicht für legitim. Sie leiteten daraus einen Kriegszustand als Fortsetzung des Unabhängigkeitskriegs ab, der aus ihrer Sicht Gewalt rechtfertigte und ihre Kämpfer zu Soldaten machte, nicht zu Terroristen. Die Gewalt zeitigte aber nicht die angestrebten Ziele, so dass die Provisionals in den 1980er Jahren, über ihren politischen Arm Sinn Féin, auch einen konstitutionellen Ansatz verfolgten, eine kombinierte Strategie der Waffen und der Wahlkabine. Der friedliche Weg, nämlich Gesprächsbereitschaft, Verhandlungen und Teilnahme an Wahlen, erwies sich als vielversprechender. Sinn Féin trat in den 1990er Jahren in Verhandlungen mit der anderen großen nationalistischen Partei Social Democratic and Labour Party (SDLP) ein, die Gewalt stets abgelehnt hatte, führte geheime Gespräche mit den Briten und distanzierte sich zunehmend von den Provisionals. Das Karfreitagsabkommen von 1998 markierte den Anfang vom Ende der Gewalt. Sinn Féin überholte die bisher bei Nationalisten dominierende SDLP in der Wählergunst. Die Provisionals verkündeten 2005 das Ende ihrer militärischen Aktivitäten, nachdem sie sich zuvor schon schrittweise entwaffnet hatten. Die Entwaffung der paramilitärischen Gruppen der Unionisten und Loyalisten folgte in den Jahren danach.

Das Ende der Konflikte ist gleichwohl nicht erreicht, sie sind aber auf eine strikt rechtsstaatliche Ebene gestellt. Gerade die Parteien Sinn Féin für die Nationalisten und Democratic Unionist Party (DUP) als Vertretung der Unionisten und Loyalisten, die in ihren Inhalten weniger gemäßigt sind, avancierten zu den stärksten politischen Kräften in Nordirland und teilen sich heute gleichberechtigt die Regierung. Sinn Féin verfolgt weiterhin die irische Einheit als hauptsächliches politisches Ziel, während die DUP an der Union festhält. Das Karfreitagsabkommen jedenfalls erkennt an, dass sowohl die Mehrheit der nordirischen Bevölkerung den Verbleib in der Union wünscht als auch ein beträchtlicher Anteil der nordirischen Bevölkerung und die Mehrheit der Bevölkerung der ganzen Insel die Einheit wünscht. Erst bei einer Mehrheit in Nordirland und in der Republik Irland für die Einheit sind die irische und britische Regierung verpflichtet, die Einheit zu realisieren. Dabei verpflichtet das Abkommen die jeweilige Regierung zur gleichberechtigten Behandlung aller Bürger, verbietet jegliche Diskriminierung und betont das Recht der Bürger, ihre Identität frei zu wählen. Damit gelten die Ansichten über die weitere Entwicklung Nordirlands als legitim, die die Konfliktparteien davor als nicht legitim betrachtet hatten. Die Gewalt ist deswegen aber noch nicht aus Nordirland verschwunden, wenn sie auch nicht mehr so stark präsent wie einst ist. Die großen, früher für Gewalt verantwortlichen Organisationen haben sich entwaffnet und der Gewalt abgeschworen, Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung ist stark geächtet. Gleichwohl sehen Medien und politische Beobachter die Gewalt unter anderem als Nachwirkung der Jahrzehnte alten Konflikte, von denen kaum eine Familie in Nordirland verschont worden ist. Auch die hohe Jugendsarbeitslosigkeit gilt als Kontext, in dem sich diese Konflikte Bahn brechen. Schon die Zustimmung zum Karfreitagsabkommen in Referenden zeigt jedoch: Für den Frieden gibt es eine Mehrheit.

Literatur:

  • Richard English: Irish Freedom. The History of Nationalism in Ireland
  • Richard English: Armed Struggle. The History of the IRA
  • https://bigthink.com/strange-maps/619-is-ulster-doomed-scenarios-for-repartition – Gedanken über die Demografie und (durch das Karfreitagsabkommen hinfällige) Teilungsszenarien in Nordirland.

Kommentare (9)

  1. #1 Ludger
    20. September 2014

    Der ehemalige Ministerpräsident (SPD) von NRW und spätere Bundespräsident Johannes Rau hat zwischen Nationalismus und Patriotismus differenziert:

    “Ein Patriot ist jemand, der sein eigenes Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.” ( https://www.glasnost.de/docs01/010319rau.html )

    Insofern ist die Ehrung von Nationalhelden, die ein jahrhundertelang fremdbeherrschtes Volk in die Selbständigkeit geführt haben, eher ein Zeichen für Patriotismus als für Nationalismus. Rau bezeichnete sich selber übrigens als Patriot und war des Nationalismus völlig unverdächtig.

  2. #2 Alderamin
    20. September 2014

    Danke für den umfangreichen Einblick in die irische Geschichte. Bis zu meiner Reise dorthin hatte ich den Nordirlandkonflikt für einen Religionskrieg gehalten und als ich da war, lernte ich ihn dann eher als einen Konflikt zwischen ehemaligen protestantischen Besatzern und Eingeborenen Katholiken, aber die ganze Sache ist offenbar noch viel komplexer.

  3. #3 T
    20. September 2014

    @Ludger
    Es gibt deutliche Indizien dafür, dass der angebliche Unterschied zwischen Nationalismus und Patriotismus nicht existiert:
    https://www.sueddeutsche.de/wissen/liebe-zum-land-die-maer-vom-guten-patrioten-1.912131

  4. #4 Ludger
    20. September 2014

    Im verlinkten Bericht der Süddeutschen Zeitung wird der Psychologe Christopher Cohrs als Autor mit der Aussage zitiert:

    SZ: Nach Erkenntnissen des Psychologen Christopher Cohrs von der Universität Jena lassen sich Menschen nicht in gute Patrioten und böse Nationalisten einteilen. Bürger, die sich stark mit ihrem Land identifizieren, so Cohrs, seien anfällig für intolerantes und ausländerfeindliches Gedankengut: “Menschen mit patriotischen Einstellungen lehnen Nationalismus nicht ab. Vielmehr geht beides oft Hand in Hand.”

    In der Zusammenfassung der Habilitationsschrift desselben Psychologen findet man den Satz:

    https://pub.uni-bielefeld.de/publication/2304986
    In allen drei Studien lassen sich konstruktive Patrioten identifizieren. Sie sind nicht durch ausländerfeindliche, sondern eher durch ausländerfreundliche Einstellungen gekennzeichnet. Die Studien 2 und 3 ermöglichen weitere Analysen. In Studie 2, die auf Daten aus dem Projekt “Gerechtigkeit als innerdeutsches Problem” basiert, weisen die konstruktiven Patrioten die stärkste Bereitschaft zum Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit auf. Dieses Ergebnis ist zum Teil darauf zurückführbar, dass die konstruktiven Patrioten eine stärkere Bedrohung der nationalen Identität durch Fremdenfeindlichkeit wahrnehmen als die anderen Gruppen.

    Weil der Begriff “Nationalismus” meistens als unerwünschte Eigenschaft gilt, bei der man an rechtsradikales Gedankengut und Blood and Honour denkt, wäre eine genauere Begriffsbestimmung, was hier unter dem Begriff verstanden wird, für das richtige Verständnis hilfreich gewesen.

  5. #5 Ludger
    20. September 2014

    Korrektur: Dissertation nicht Habilitation

  6. #6 Jouron
    20. September 2014

    Florian, glauben sie, das über Portsmouth wirklich ein echtes UFO gesehen wurde?
    Wie es in der Quelle steht (keine Panikmache):
    https://metro.co.uk/2014/09/20/ufo-spotted-over-portsmouth-and-the-met-office-says-it-isnt-a-cloud-4875798/

    Ich persönlich glaube nicht daran, da es nur eine Quelle berichtet. Nichtmal die Verschwörungsmedien haben sich da raufgestürzt.

  7. #7 Matthias Friedmann
    20. September 2014

    Schön geschrieben. Aber für einen Essay wirkt es auf mich etwas zu sehr zusammenfassend. Ich vermisse ein wenig die konkrete Idee. Es wirkt daher am Anfang etwas durcheinander, weil von einem Thema zum nächsten gesprungen wird. Eine konkretere Definition von Nationalismus hätte wohl geholfen.

  8. #8 Martin
    21. September 2014

    @Jouron
    was ist wohl wahrscheinlicher:
    Dein Bild zeigt ein UFO, oder Dein Bild zeigt eine Wolke?

    Tschuldigung das war ein Trickfrage. Die Wolke ist ein UFO, da mann Sie schlecht als Wolke erkennt.

  9. #9 emreee
    21. September 2014

    Das war mir zu durcheinander . Wäre es ein buch gewesen, hätte ich mich bis Seite 20 durchgekämpft . Sorry ….