stuffmatters (Andere)Dieser Artikel ist Teil einer fortlaufenden Besprechung des Buchs “Stuff Matters: Exploring the Marvelous Materials That Shape Our Man-Made World”* von Mark Miodownik. Jeder Artikel dieser Serie beschäftigt sich mit einem anderen Kapitel des Buchs. Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Artikel findet man hier.

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In “Stuff Matters” haben wir Stahl, Papier, Beton und Schokolade kennengelernt. Im letzten Kapitel hat uns das Aerogel gezeigt wie die Zukunft aussehen könnte. Und in Kapitel 6 führt uns Mark Miodownik in die Vergangenheit und erklärt uns die Wild-West-Vergangenheit des Plastiks.

Ich habe ja schon erwähnt, dass die einzelnen Kapitel des Buchs stilistisch durchaus unterschiedlich sind; je nach der Thematik von der sie handeln. Kapitel 6 ist besonders speziell: Es kommt in Form eines Drehbuchs daher…

Das liegt an einem Ereignis aus Miodowniks Studienzeit. Dort wollte er sich einen Vorstellung von “Zwei Banditen” (“Butch Cassidy and the Sundance Kid”) ansehen; geriet in der Warteschlange vor dem Süßigkeitenstand aber mit einem anderen Kinobesucher in Streit. Der hatte sich über die Plastikverpackung des Süßkrams beschwert und war nicht begeistert von Miodowniks Einwurf: Wenn es einen Ort gibt, an dem man nicht über Plastik meckern sollte, dann doch wohl im Kino! Sein Gegenüber wollte das allerdings nicht einsehen und Miodownik sparte sich eine weitere Diskussion. Aber für sein Buch hat er in Erinnerung an diese Episode die Form eines Western-Drehbuchs gewählt, um über Plastik zu erzählen.

Hyatts explodierende Billiardkugeln (Bild: Korbi21)

Hyatts explodierende Billiardkugeln (Bild: Korbi21)

Die Story beginnt ganz typisch in einem Saloon, mit zwei Billiard spielenden Cowboys. Allerdings geht eine der Kugeln plötzlich mit einem lauten Knall in Rauch auf und in der folgenden Schießerei stirbt einer der Spieler. Und weil das doch ein wenig seltsam klingt, hat Miodownik zwischendurch immer wieder ein paar Erklärungen eingeschoben. In denen erfahren wir, dass es diese “explodierenden” Billiardkugeln früher tatsächlich gab. Ursprünglich waren die Kugeln aus Elfenbein gemacht, das als einziges Material formbar, stabil und spielbar genug für Billiard war. Aber eben auch enorm teuer; zu teuer um den Bedarf zu stillen. Deswegen schrieb ein Hersteller von Billiardtischen einen Preis aus für denjenigen, der das Problem löst und einen billigen Ersatz findet.

Das war John Wesley Hyatt und er entwickelte Holzukugeln, die mit einem auf Nitrozellulose basierenden Material überzogen waren. Damit konnte man zwar Billiard spielen – aber wegen der Nitrozellulose (die nicht umsonst auch “Schießbaumwolle” genannt wird), knallten die eben öfter mal. Hyatt experimentierte weiter und entwickelte am Ende ein Verfahren mit dem der neue Kunststoff “Zelluloid” industriell hergestellt werden konnte.

Miodowniks Drehbuch verfolgt Hyatt weiter bei seiner Arbeit; aber auch den Bruder des toten Cowboys, der auf Rache sinnt und den Erfinder der knallenden Billiardkugeln umbringen will. Hyatt aber wird immer erfolgreicher; es finden sich immer neue Anwendungen für den neuen, formbaren Kunststoff. Man macht Kämme daraus, Schmuckstücke und sogar Gebisse. Irgendwann taucht dann George Eastman mit der Idee auf, die unhandlichen und schweren Fotoplatten aus Glas durch Zelluloid zu ersetzen. Das leichte und flexible Material kann aufgerollt werden und anstatt große Kameras und schwere und teure Glasplatten durch die Gegend zu schleppen könnten Fotografen nun kleine Geräte mit einem aufgerollten Zelluoidfilm benutzen. Fotografie wäre dann etwas, was sich jeder leisten könnte…

Eine Kamera für alle - dem  Plastik sei dank.

Eine Kamera für alle – dem Plastik sei dank.

Die Technik funktioniert und die neuen Kodak-Kameras sind der Hit. Jetzt ist es auch möglich, so viele Bilder auf einen Film zu bannen, dass bewegte Bilder praktikabel werden. Der Siegeszug des Kinos – und der Westernfilme – beginnt…

Und wie endet das Drehbuch von Miodownik? Kann sich der Cowboy an Hyatt und seinem Plastik rächen? Lest das Buch selbst – ich will nicht alles verraten 😉 Klar ist auf jeden Fall, dass es ohne Plastik kein Kino gegeben hätte; auch wenn mittlerweile fast alles digital läuft. Aber immer noch spielt Plastik eine große Rolle in unserer Welt. Und wenn man sich bewusst wird, WO überall Plastik verwendet wird (zum Beispiel in vielen Medikamenten) und berücksichtigt, dass zur Herstellung des Plastiks so gut wie immer Erdöl benötigt wird, dann ist es eigentlich vollkommen absurd, das wir diesen wertvollen (und begrenzten!) Rohstoff einfach verbrennen. Darüber sollte man sich aufregen und nicht über die Plastikverpackung von Kino-Süßkram!

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Kommentare (13)

  1. #1 Tim
    11. Januar 2015

    Zudem haben Plastikalternativen oft eine schlechtere Umweltbilanz, man denke nur an die etwas verkorkste Plastiktüten-Diskussion. Plastik ist schon ein tolles Material!

  2. #2 Pardel Lux
    11. Januar 2015

    Sehr interessant! Ähnliches habe ich schon vor acht Jahren geschrieben, wenn auch nicht so systematisch und sauber und obendrein als Fiktion verkleidet; als nächstes Material tippe ich auf Gummi, stimmts? http://pardel-lux.com/ueberflug-versuch-einer-beschreibung/xciv-fckws-und-andere-umweltgifte/ und http://pardel-lux.com/ueberflug-versuch-einer-beschreibung/ci-pops-und-gestank/

  3. #3 rolak
    11. Januar 2015

    und entwickelte am Ende ein Verfahren, und am Ende hatte er ein Verfahren

    Also sowas, weiß doch jeder, daß nur die Wurst zwei hat^^
    Es lohnt sich vielleicht, zumindest hier in den Kommentaren darauf hinzuweisen, daß Zelluloid wie beim Film auch bei Billardkugeln mittlerweile schon längst nicht mehr das Material der Wahl ist, sondern (bei letzteren) ein unter ‘Aramith’ vermarktetes Phenolharz.
    Wird ja wohl nicht das ‘nicht verraten’ hinfällig gemacht haben 😉

    Deine Art, dieses Buch zu besprechen gefällt mir, Florian.

  4. #4 Turi
    11. Januar 2015

    Und ab jetzt wird mir die Stelle im Discworldroman “Men at armes” noch viel besser gefallen als zuvor 🙂

  5. #5 DasKleineTeilchen
    11. Januar 2015

    “…dann ist es eigentlich vollkommen absurd, das wir diesen wertvollen (und begrenzten!) Rohstoff einfach verbrennen.”

    dieser umstand wird viel zu selten erwähnt; thnx FF.

  6. #6 PDP10
    11. Januar 2015

    @rolak:

    “Es lohnt sich vielleicht, zumindest hier in den Kommentaren darauf hinzuweisen, daß Zelluloid wie beim Film auch bei Billardkugeln mittlerweile schon längst nicht mehr das Material der Wahl ist,”

    Jep. Weil es nämlich richtig gut brennt – nicht ganz so gut wie Schiessbaumwolle, aber fast.

    Im frühen Hollywood war es an der Tagesordnung, dass da ganze Studios abgebrannt sind wegen schlecht gelagerter Filmrollen – Die normalen Sommertemperaturen in Californien haben da oft gereicht um eine Katastrophe auszulösen …

    Aus dem Grund fiel auch gerade eine der letzten Bastionen 🙂
    (Ok, die Überschrift der SZ ist mal wieder echt dämlich … aber egal)

    “Deine Art, dieses Buch zu besprechen gefällt mir, Florian.”

    Vollste Zustimmung! 🙂

  7. #7 Kesselflicker
    12. Januar 2015

    Es mag sein, das Plastik in einigen Bereichen ganz sinnvoll ist, aber ich hab es schon als Kind gehasst.
    Ich benutze Plastiktrinkflaschen für unterwegs, aber da gab es ja früher schon Alternativen. Wasserschlauch!
    Bei anderen Alltagsgegenständen sehe ich aber zu, das sie aus Holz, Metall, oder Steingut sind. Hält auch länger.

  8. #8 Frantischek
    12. Januar 2015

    Wenns Nitrozellulose schon im wilden Westen gab.
    Warum wird dann beim Westernschießen Schwarzpulver verwendet (in den Hardcore-authentischen Klassen)?

  9. #9 Sternenfreundin
    12. Januar 2015

    Plastik ist schon ein toller Werkstoff, der uns unseren Alltag sehr erleichtert hat. Aber meiner Meinung nach gehen wir damit viel zu verschwenderisch um. Wir nehmen ein Material, welches ewig lange hält und verwenden es offt als Verpackung für Produkte, die eine kurze Lebensspanne haben. Oder wir bekommen bei jedem Einkauf ein Plastiksackerl. Soviel Plastik könnten wir ganz einfach einsparen! Dann hätten wir keine Plastikberge im Meer, die so groß wie ganze Länder sind.
    Es stimmt, wir sollten Erdöl nicht nur maßenhaft verbrennen, aber auch nicht soviel Plastik produzieren. Das wollte ich an dieser Stelle auch anmerken.

  10. #10 Frantischek
    12. Januar 2015

    Ich bin mir ziemlich sicher das die meisten Supermärkte, zumindest in Österreich, mittlerweile “Plastiksackerl” aus Kartoffelstärke haben.

  11. #11 Franz
    12. Januar 2015

    Ich wusste gar nicht dass die explosiven Filme im Pratchett Roman ‘Voll im Bilde’ einen realen Hintergrund haben. Tja, man lernt nie aus. Und gabs da nicht auch mal einen Hinweis auf explodierende Billardkugeln ?

  12. #12 Sternenfreundin
    12. Januar 2015

    @ frantischek:
    Möglich, das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Aber leider nur ein kleiner.

  13. #13 PDP10
    12. Januar 2015

    @Frantischek:

    “Wenns Nitrozellulose schon im wilden Westen gab.
    Warum wird dann beim Westernschießen Schwarzpulver verwendet “

    Weil Schwarzpulver sehr reaktionsträge ist – das war übrigens die grösste Hürde bei der Entwicklung vom Vorderlader zur Patrone. Man musste erstmal eine Zündladung entwickeln, die die Ladung in einer Patrone zünden konnte.
    Nitrozellulose hingegen reagiert exotherm schon bei plötzlicher Erwärmung – bisl gefährlich wenn man das Zeug im Patronengurt hat 🙂

    Moderne Patronen werden auch nicht mehr mit klassischem Schiesspulver befüllt. Bei vielen kommen auch Nitrozellulose Gemische zum Einsatz, die allerdings reaktionsträger sind.

    Seit wann das so ist, weiss ich aber auch nicht – die Wikipedia weiss da bestimmt mehr.