Es wird wieder Zeit für Bücher! Ich habe auch im März jede Menge gelesen und möchte euch ein paar meiner Favoriten gerne ein wenig ausführlicher vorstellen. Diesmal ist alles mit dabei: Wissenschaft und Wissenschaftsgeschichte; Science-Fiction; Krimis; Biografien und Romane.

Die Nacht der Physiker

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Mein Favorit im März war vermutlich das Buch “Die Nacht der Physiker: Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe” von Richard von Schirach. Es behandelt ein besonders faszinierendes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte: Die Arbeit deutscher Physiker vor und während des zweiten Weltkriegs. Und zwar nicht die Arbeit der vielen Wissenschaftler, die vor den Nazis ins Ausland geflohen sind sondern die derjenigen, die da geblieben sind. Darunter bekannte Forscher wie Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker oder Otto Hahn. Aber auch nicht ganz so prominente Persönlichkeiten wie Erich Bagge, Paul Harteck oder Karl Wirtz. Und im Krieg und unter der Herrschaft der Nationalsozialisten konnten sie alle natürlich nicht frei forschen sondern mussten ihre Arbeit in den Dienst der Diktatur stellen. Das hieß im wesentlichen nichts anderes als: Versuchen, eine Atombombe zu bauen.

Es war nicht unplausibel, dass sich die deutschen Forscher dieser Aufgabe gewidmet haben. Immerhin stammten viele der theoretischen Grundlagen von ihnen selbst. Dass es aber dann doch (und zum Glück) nicht Deutschland war, dass die erste Atombombe baute, sondern die USA, hatte ganz konkrete Gründe, die von Schirach in seinem Buch sehr anschaulich darstellt. Die “Rahmenhandlung” bildet die Festsetzung der deutschen Wissenschaftler durch die Alliierten nach Ende des Krieges. In einem britischen Landsitz wurden sie abgeschottet von der Außenwelt festgehalten und überwacht. Sie wussten allerdings nicht, dass sie abgehört wurden und sprachen daher frei über ihre Arbeit und ihr Zukunftspläne. Die Protokolle dieser belauschten Gespräche bilden das Gerüst von die “Die Nacht der deutschen Physiker”, um das herum die Geschichte der deutschen Physik während des Krieges erzählt wird.

Das Buch ist höchst faszinierend und absolut empfehlenswert und zwar aus verschiedenen Gründen. Einmal enthält es jede Menge ganz konkrete Wissenschaft und vollzieht die Erkenntnisse der Atom- und Kernphysik nach, erklärt die Grundlagen der Kernspaltung und der physikalischen Probleme, die beim Bau eines Kernreaktors bzw. einer Atombombe auftreten und deren Lösung. Es ist aber auch eine wunderbar packende historische Schilderung der unterschiedlichen Biografien und Persönlichkeiten, die auf Seiten Deutschlands Forschung betrieben haben. Und schließlich ist es eine höchst entlarvende Darstellung der Naivität der deutschen Physiker, die fest davon überzeugt waren, ihr Wissensvorsprung in Sachen Atomphysik wäre so groß, dass nur sie eine Atombombe bauen könnten und niemand anders dazu in der Lage wäre. Von Schirach zeigt aber sehr eindrucksvoll, wie sehr sie sich dabei selbst überschätzt haben; wie massiv der fast schon typisch deutsche Bürokratiewahn und die vielen persönlichen Streiterein und Eifersüchteleien zwischen den Wissenschaftlern den Fortschritt behindert haben und wie völlig anders die USA an die Entwicklung der Atombombe gegangen sind. Sieht man, mit welchem wahnsinnigen finanziellen, personellen und technischen Aufwand Amerika die Atomforschung vorangetrieben hat und vergleicht das mit den fast schon dilettanischen Bemühungen der Deutschen, dann könnte man fast Mitleid mit ihnen bekommen – bis man sich daran erinnert, um welche Forschung mit welchem Ziel es gegangen ist…

“Die Nacht der Physiker” ist ein absolut packendes und informatives Buch und ich kann es allen nur dringend empfehlen!

Shitstorm und öffenliche Beschämung

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Vermutlich haben die meisten schon mal einen sogenannten “Shitstorm” mitbekommen. So nennt man das Phänomen, wenn eine Person oder eine Aktion innerhalb kürzester Zeit im Internet massiv von hunderten oder tausenden Menschen fast zeitgleich kritisiert wird. Mittlerweile reichen ja schon Kleinigkeiten aus, um die Online-Allgemeinheit zu extremen Äußerungen zu treiben. Ein schlechter Scherz im (scheinbar) privaten Facebook-Gespräch mit Bekannten oder ein dummes (scheinbar) privates Foto bei Twitter können reichen, um die ganze Welt gegen sich aufzubringen und am Ende mit einem komplett ruinierten Leben da zu stehen. Beispiel dafür gibt es genug und Jon Ronson präsentiert in seinem aktuellen Buch “So You’ve Been Publicly Shamed” einige davon. Da ist zum Beispiel der Fall der Frau, die einen – zugegebenermaßen – schlechten Witz twittert, in ein Flugzeug steigt um in Urlaub zu fliegen und beim Blick auf ihr Handy nach der Landung feststellen muss, dass sie von fast der ganzen Welt gehasst wird und zwischenzeitlich von ihrem Arbeitgeber gefeuert worden ist. Oder die Frau, die ein mäßig lustiges Foto bei Facebook postet und seitdem Beschimpfungen der übelsten Sorte bis hin zu Gewalt- und Todesdrohungen ausgesetzt ist.

Ronsons Buch ist aber nicht nur eine Auflistung diverser Geschichten aus dem Internet. Er stellt die moderne Form des Shitstorms in einen historischen und gesellschaftlichen Kontext und gibt zum Beispiel einen Überblick über Beschämung als Strafe und juristisches Mittel im Laufe der Geschichte (und auch heute noch gibt es Richter in den USA, die Leute dazu verurteilen, sich öffentlich selbst zu erniedrigen und dafür zum Beispiel mit einem Schild an einer belebten Kreuzung stehen müssen, auf dem ihre Verfehlungen für alle sichtbar aufgeschrieben stehen). Ronson spricht mit Psychologen und Soziologen um heraus zu finden, welche Gründe Menschen dazu bringen, andere zu erniedrigen und wieso es uns allen so leicht fällt, andere öffentlich zu verurteilen. Ein sehr interessanter Teil von Ronsons Buch beschäftigt sich aber auch mit der Frage, wie sich die Verachtung der Öffentlichkeit auf die Beschämten selbst auswirkt und er spricht dazu nicht nur mit Leuten, die im Prinzip nichts Schlimmes getan haben, sondern auch mit Menschen, deren Aktionen durchaus kritikwürdig waren – darunter zum Beispiel der Autor Jonah Lehrer, der Teile seiner Sachbücher plagiiert bzw. einfach erfunden hatte und deswegen wiederholt von öffentlicher Kritik und Shitstorms betroffen war.

Jon Ronsons Buch ist definitiv interessant; auch wenn es vielleicht ein klein wenig zu viele Themen auf einmal behandeln will. Man bekommt aber auf jeden Fall einen guten Überblick über das Phänomen der öffentlichen Beschämung und sehr informative Einblicke in die Weltsicht derjenigen, die sich mit Begeisterung an Shitstorms u.ä. Aktionen beteiligen. Und nach der Lektüre überlegt man es sich dann (hoffentlich) zweimal, ob man bei der nächsten #wasauchimmergate-Aktion unbedingt mitmachen muss; ob wirklich jeder Unsinn der irgendwo bei Facebook gepostet wird, extra kritisiert werden muss und ob es tatsächlich nötig ist, sich in alles einzumischen, was irgendwo im Internet passiert.

Die arabische Wissenschaft

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Wenn wir an die Wissenschaft in der ferneren Vergangenheit denken, dann fallen uns dabei meistens die Philosophen der (griechischen) Antike ein. Oder die wissenschaftlichen Pioniere der europäischen Rennaissance. Dass in der Zeit dazwischen aber auch in einer ganz anderen Region und einem ganz anderen Kulturkreis sehr aktive und wichtige Forschung betrieben wurde, ist uns eher nicht bewusst. Gemeint ist die arabische Wissenschaft, vor knapp 1000 Jahren ihre Blütezeit erlebt hat und die der britische Physiker und Wissenschaftspräsentator Jim Al-Khalili in seinem Buch “Im Haus der Weisheit: Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur” (im Original “Pathfinders: The Golden Age of Arabic Science”) sehr umfassend vorstellt.

Al-Khalili wuchs im Irak auf und emigrierte als Kind mit seinen Eltern nach Großbritannien. Der Irak und vor allem dessen Hauptstadt Bagdad ist auch der Schauplatz der Geschichten des Buchs. Geschichten, in denen natürlich auch der Islam eine große Rolle spielt; trotzdem – und darauf weist Al-Khalili extra hin – geht es nicht um “islamische Wissenschaft”, denn nicht alle Forscher die damals dort gelebt haben, waren zwingendermaßen auch Moslems. Es ist aber aus heutiger Sicht natürlich schwer, die Geografie von der Religion zu trennen. Und die Religion von den Vorurteilen. Verlässt man sich auf die einschlägigen Medienberichte, dann tauchen Moslems da ja fast ausschließlich als fanatische und rückständige Terroristen auf, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben wollen. Dass diese Einstellung aber nicht notwendigerweise aus dem Islam selbst begründet ist, zeigt der erste Teil von Al-Khalilis Buch. Da wird ein historisch-politischer Überblick über die Region gegeben und ich fand vor allem die Erklärungen zur theologischen Strömung des Mu’tazila äußerst interessant. In dieser islamischen Philosophie, die vor allem zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert weit verbreitet war, standen rationale Argumente im Vordergrund, auch und gerade bei religiösen Fragen. Und es ist deswegen auch nicht verwunderlich, dass während dieser Zeit Beschäftigung mit Wissenschaft einen Höhepunkt erlebte.

Den arabischen Gelehrten wird ja immer noch oft nur die Rolle der Bewahrer und Übersetzer zugestanden. Sie hätten die alten Texte der griechischen Antike ins arabische transkribiert, aufbewahrt und so dafür gesorgt, dass sie später von den europäischen Gelehrten wieder ins lateinsche übersetzt und weiter bearbeitet werden konnten. Dass das aber bei weitem nicht alles war, was damals passierte, zeigt Al-Khalilis Buch sehr eindrucksvoll. Die Übersetzungen der antiken Texte waren nur der Ausgangspunkt für eigene, weitreichende Forschung. Im zweiten Teil des Buchs beschreibt Al-Khalili dann auch diese Arbeit sehr ausführlich; er schildert zum Beispiel die fast schon modernen Ansätze großer “Forschungszentren”, den Bau von Sternwarten an denen umfassende Kataloge erstellt worden sind oder die Arbeit von Mathematiker, deren Einfluss bis in die Gegenwart reicht. Nicht umsonst stammen Wörter wie “Algebra” oder “Algorithmus” aus der damaligen Zeit: Letzteres verdanken wir zum Beispiel der Arbeit von Al-Chwarizmi, der als erster nicht einfach nur Lösungen für individuelle mathematische Probleme präsentierte, wie es bis damals üblich war, sondern allgemeine Lösungsvorschriften und -regeln aufstellte, die sich für eine Vielzahl von Problemen anpassen liesen. Von Al-Chwarizmi stammt auch das Buch mit dem wunderbaren Namen Al-Kitāb al-muḫtaṣar fī ḥisāb al-ğabr wa-ʾl-muqābala”, was so viel heißt wie “Das kurz gefasste Buch über die Rechenverfahren durch Ergänzen und Ausgleichen” und aus dem “al-ğabr” wurde später die “Algebra”.

Im “Haus der Weisheit”, das übrigens keine Metapher ist, sondern eine vom Abbasiden-Kalifen al-Ma’mun gegründete reale “Akademie” im Bagdad des 9. Jahrhunderts mit fast 100 Mitarbeitern, wirkten noch viele andere sehr interessante Persönlichkeiten. Der Philosoph Al-Kindi, oder die drei Banū Mūsā-Brüder, die zum Beispiel Mondfinsternisse beobachteten und daraus die Länge des Jahres für die damalige Zeit äußerst genau bestimmten. Sie beschäftigten sich aber auch mit der Konstruktion verschiedenster Maschinen, zum Beispiel einer selbst regulierenden Lampe oder entwickelten eine Vielzahl an geometrischen und mathematischen Methoden. Und natürlich wird auch der große Physiker Alhazen ausreichend gewürdigt. Unter anderem aufgrund seiner vor 1000 Jahren veröffentlichten Forschung zur Optik ist 2015 ja auch das Internationale Jahr des Lichts.

Al-Khalilis Buch ist voll mit interessanten Biografien von Astronomen, Mathematiker, Physiker, Philosophen, Ärzten und Universalgelehrten, die all diese Disziplinen auf einmal beherrschten. Es ist vielleicht ein klein zu voll mit Informationen; vor allem der historisch-politische Überblick über die Geschichte des frühen Islam hätte ein wenig kürzer ausfallen können. Aber insgesamt ist es ein äußerst lesenswertes Buch und ein Anstoß, die Welt nicht immer aus einer rein europäischen Sicht zu betrachten. Auch anderswo haben kluge Menschen wichtige Dinge geleistet und wer mehr darüber erfahren will, sollte “Im Haus der Weisheit” auf jeden Fall lesen!

Amoklauf im amerikanischen Wald

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Ich bin ein großer Fan von T.C. Boyle – man kann eigentlich ohne Bedenken alles lesen, was der Amerikaner geschrieben hat und wird nicht enttäuscht werden. Sein Buch “Wassermusik” sollte sowieso zur Pflichtlektüre für alle gehören, die sich auch nur ein bisschen für gute Literatur interessieren. Und auch das restliche Werk von Boyle ist lesenswert; ganz besonders sein neues Buch “Hart auf hart” (im Original “The Harder They Come”). Die Hauptpersonen sind so eine Art US-amerikanische “Reichsbürger”; also Menschen, die der Meinung sind, dass der Staat in dem sie leben nicht existiert und keinerlei Einfluss auf das Leben eines Individiuums haben kann und darf. Das zumindest denkt die vierzigjährige Sara, die sich darum auch mit jedem Polizisten und allen staatlichen Behörden anlegt. Was mit einer harmlosen Führerscheinkontrolle anfängt, endet dann auch zwangsläufig in einem Kampf gegen das gesamte System, bei dem Sara auf Adam trifft; einen Mittzwanziger mit psychischen Problemen, der sich für eine Art Reinkarnation eines Trappers aus dem Wilden Westen hält, allein im Wald lebt und gegen “die Chinesen” kämpfen will. Die Spirale aus Verschwörungstheorie, Paranoia und Gewalt wird immer heftige und resultiert dann schließlich auch unweigerlich in einem Amoklauf…

Boyles Buch ist, wie üblich, voll mit seltsamen Figuren, gescheiterten Existenzen und gutbürgerlichen Spießern. Die Handlung ist, wie üblich, spannend und packend, wenn auch vielleicht nicht ganz so tiefschürfend wie in seinen früheren Bücheren. Aber es hat auf jeden Fall Spaß gemacht, das Buch zu lesen!

Regionalkrimis

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Ich bin eigentlich kein großer Krimi-Leser. Aber alle paar Jahre überkommt es mich dann doch und schaue, ob sich in diesem Genre etwas interessantes findet. In den meisten Buchläden hat man ja heutzutage das Gefühl, als würden von den Verlagen nur noch Krimis veröffentlicht und ganz besonders Regionalkrimis. Jedes Dorf in Deutschland scheint mittlerweile seine eigenen Ermittler zu haben und überall gibt es Mord und Totschlag mit jeder Menge Lokalkolorit. Wie gesagt: Das ist alles nicht so unbedingt meine bevorzugte Lektüre, aber im Zuge meiner Recherchen über Bier und Wissenschaft bin ich auf das Buch Zwei Bier und ein Mord” von Julia Bruns gestoßen, dass im thüringischen Weißensee spielt. Den Ort gibt es tatsächlich und genau so wie im Buch beschrieben, ist man dort auch in der Realität stolz auf das angeblich “älteste Reinheitsgebot” für Bier in Deutschland. Auch das Bierfest zu Pfingsten existiert im echten Weißensee – nur wird dort vermutlich niemand umgebracht. Im Buch allerdings passiert genau das und der Tote führt schnell zu Spannungen zwischen den Thüringern Bierliebhabern und einer Delegation Bayern, die zum Bierfest eingeladen worden sind. Bier, historische Geschichten über die Entwicklung des Reinheitsgebotes und eine Fehde zwischen Bayern und Thüringen: Das wollte ich dann doch lesen und war angenehm überrascht. Natürlich ist der Krimi keine hohe Literatur, aber doch sehr kurzweilige Unterhaltung! Wer gerne Krimis liest und es dabei nicht ganz so düster und schrecklich haben will wie in vielen anderen Büchern aus diesem Genre, liegt mit “Zwei Bier und ein Mord” vollkommen richtig!

Und weil ich gerade in Stimmung war, habe ich mir noch einen Schwung anderer Thüringer Regionalkrimis besorgt. Sogar einen, der in meiner Heimatstadt Jena spielt, habe ich entdeckt: “Teufelsloch” von Christoph Heiden. Auch dieses Buch fand ich überraschend gut; bin mir aber nicht sicher, ob das tatsächlich an der Handlung lag oder ob ich mich einfach nur darüber gefreut habe, immer wieder bekannte Orte zu entdecken. Ich glaube aber, dass “Teufelsloch” auch für Nicht-Jenaer spannende Lektüre ist; der Krimi ist recht intelligent aufgebaut. Aber wer ein paar Ortskenntnisse hat, wird natürlich noch mehr Spaß an der Lektüre haben – und ich kann bestätigen, dass der Autor sich in Jena WIRKLICH enorm gut auskennt. Nicht nur die klassischen Sehenswürdigkeiten und Studentenkneipen sind gut getroffen; selbst die Beschreibungen der Wohnblöcke und Appartments sind korrekt (zufälligerweise war ich selbst schon sehr oft in dem Haus, in dem einer der Verdächtigen des Buchs wohnt…).

Etwas weniger begeistert haben mich die Bücher “Rostbratwurst” und “Thüringer Quelle” von Klaus Jäger. Wenn man mal in der Thüringer-Lokalkrimi-Stimmung ist, sind sie durchaus spannend genug, um lesbar zu sein. Aber sie verlieren ein wenig, da der Autor sich dafür entschieden hat, sie nicht in einer realen Thüringer Stadt spielen zu lassen, sondern im fiktiven “Riedberg”. Haupt”ermittler” ist in den den beiden Büchern übrigens ein Journalist – so wie der Autor selbst. Das gibt natürlich viele interessante Einblicke in den Alltag eines Lokaljournalisten, die sicherlich auf Jägers eigener Erfahrung beruhen. Aber manchmal übertreibt er es auch damit ein wenig. Die beiden Bücher kamen mir auch sprachlich bzw. inhaltlich ein bisschen weniger ausgereift vor, als die beiden anderen Krimis. Vielleicht hat der Verlag hier beim Lektorat gespart (Und das ist etwas, bei dem man niemals sparen sollte! Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie enorm wichtig gute Lektoren für die Entstehung eines guten Buchs sind!).

Und dann habe ich noch “Goetheruh” von Bernd Köstering gelesen. Dieser Krimi spielt in Weimar und etwas krimi-untypisch ist die “ermittelnde” Hauptperson hier ein Literaturwissenschaftler und Goetheexperte. Denn in Weimars Goethemuseum verschwinden immer wieder wertvolle Ausstellungsstücke und der Dieb hinterlässt nichts, außer seltsamen Zitate von Goethe. Man merkt schon: Das Buch ist schwer Goethe-lastig, aber das trifft ja auf Weimar generell zu 😉 Trotzdem ist auch dieser Krimi eine durchaus unterhaltsame Lektüre; vor allem für diejenigen, die nichts gegen ein paar literaturwissenschaftliche Abhandlungen im Text haben und dafür auf Blut, Mord und Totschlag verzichten wollen. Das gibt es dafür dann in der Fortsetzung “Goetheglut”, bei der ich zuerst befürchtet hatte, sie wäre zu sehr konstruiert. Immerhin: Wie oft kann man einen Literaturwissenschaftler glaubwürdig als Ermittler bei Kapitalverbrechen einbringen? Aber es hat dann doch recht gut gepasst; der Autor hat die richtige Lösung dafür gefunden. Das dritte Buch der Serie, “Goethesturm” war dann aber tatsächlich konstruiert und deutlich schwächer als die beiden davor (aber immer noch ganz nett zu lesen).

Richtig gut fand ich dagegen “Herrentag: Anwalt Fickels erster Fall” von Hans-Henner Hess. Vom Stil und der Aufmachung her erinnert das Buch ein wenig an die Brenner-Krimis von Wolf Haas und die Provinz-Juristen-Szene im südthüringischen Meiningen ist eine sehr originelle Kulisse für den Roman. Es macht großen Spaß, dieses Buch zu lesen und spannend ist es außerdem auch noch!

Was ich bisher schon rezensiert habe

Schon in eigenen Artikel vorgestellt habe ich eine hervorragende Biografie des Mathematikers James Clerk Maxwell und zwei Bücher über das Leben der Astronomin und Feministin Maria Mitchell.

Was ich sonst noch gelesen habe

Neben der oben schon erwähnten Biografie von James Clerk Maxwell habe ich auch noch die Biografie eines anderen Pioniers der Erforschung der elektromagnetischen Strahlung gelesen: “Wilhelm Conrad Röntgen: Aufbruch ins Innere der Materie” von Albrecht Fölsing. Das Buch liest sich ein wenig trocken und akademisch; das Leben von Röntgen ist aber durchaus interessant. Oder eigenlich: Es ist stinklanweilig, aber es ist interessant zu erfahren, dass Röntgen eigentlich kaum etwas Großes geleistet hat. Bei all dem Ruhm, der mit ihm verbunden ist – immerhin war er der erste Nobelpreisträger für Physik – hätte man sich da eigentlich auch eine entsprechende Biografie erwartet. Aber Röntgen war als Student nur eher Mittelmaß; hat sich im Laufe seiner eher mittelmäßigen wissenschaftlichen Karriere mit akademischen Kleinkram beschäftigt und sich darauf konzentriert, physikalische Phänomene möglichst exakt zu messen, ohne zu versuchen, sie auch irgendwie zu interpretieren. Dass gerade er die Röntgenstrahlen entdeckt hat, war dann einerseits Zufall, andererseits war aber gerade der auf Messungen fixierte Röntgen dafür geeignet wie kein anderer. Da wo seine Kollegen schon vorher entsprechende Phänomene sahen, aber einfach ignoriert haben, hat Röntgen nicht locker gelassen, auch noch den letzten Rest an Information aus seinem Versuchsaufbau heraus gemessen, das ganze ohne irgendwelche weiterführenden Interpretationen veröffentlicht und dann im wesentlichen die Forschungsarbeit eingestellt… Die ganzen theoretischen Überbau; die fundamentalen Erklärungen; die medizinischen Anwendungen: Also all das, was die Röntgenstrahlen so beeindruckend machen, haben Röntgens Kollegen erledigt. Seine Biografie ist wirklich faszinierend und ich kann sie nur zur Lektüre empfehlen (würde mich aber freuen, wenn jemand eine Biografie kennt, die ein wenig packender geschrieben ist als die von Fölsing).

extinction

Ich habe außerdem noch zwei aktuelle Science-Fiction-Bücher gelesen, die ich noch kurz erwähnen will: “Der Circle” (im Original: “The Circle”) von Dave Eggers ist eine leicht verstörende Vision einer Welt, in der Firmen wie Google, Facebook & Co immer mehr an Bedeutung erlangen. “Google” heißt bei Eggers “The Circle” und der greift mit seinen Tech-Projekten immer mehr in das Privatleben der Menschen ein. Und das nicht einmal aus irgendeinem bösen Weltbeherrschungsdrang, sondern aus eigentlich durchaus plausiblen und gut gemeinten Vorstellungen zu einer besseren Zukunft der Welt. Lest das Buch: Es ist vielleicht manchmal ein klein wenig plump und zu offensichtlich bei der Vermittlung seiner Botschaft, aber es ist immer spannend und regt mit seinen Parallelen zur Realität definitiv zum Nachdenken an.

Klassische Science-Fiction ist “Extinction” von Kazuaki Takano; allerdings mit einer Ausnahme: Die Wissenschaft, die hier die Hauptrolle spielt ist nicht Physik oder Astronomie, wie sonst eher üblich, sondern die Pharmakologie! Die Entwicklung eines Medikaments ist ein zentraler Handlungsstrang bei “Extinction” und man lernt dabei überraschend viel zu diesem Thema. Eigentlich aber geht es um den nächsten Schritt der Evolution; über eine “neue Lebensform”, die im afrikanischen Dschungel auftaucht und die Menschheit zu bedrohen scheint (oder doch nicht?) und jede Menge klassische Science-Fiction-Thriller-Action mit Soldaten, Politikern, Wissenschaftler, Geheimdiensten und dem restlichen Standardpersonal solcher Bücher. “Extinction” liest sich aber trotzdem sehr angenehm und wenn ich auch nicht beurteilen kann, ob die biologische Ausgangsthese des Buchs realistisch ist, ist das ganze doch innerhalb der Science-Fiction-Welt des Buches in sich konsistent genug, um einen guten Roman abzugeben!

Das war also meine Lektüre im März! Auch für den April habe ich schon einige vielversprechende Bücher auf meiner To-Do-Liste und es werden mit Sicherheit noch einige dazu kommen. Zum Beispiel, wenn ihr mir in den Kommentaren ein paar Vorschläge macht!

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Kommentare (20)

  1. #1 peer
    30. März 2015

    Ich hänge mich mal dran. Letzten Monat habe ich allerdings kaum was gelesen, was ich hier erwähnen müsste. Ein Buch war allerdings echt gut: Barnvard´s Folly von Paul Collins. Hier werden verschiedene Persönlichkeiten vorgestellt, die in ihrer Zeit sehr bekannt waren, mittlerweile aber komplett vergessen sind – z.B., John Barnvard, der ein mehrere Kilometer langes Bild vom Mississippi gemalt hat oder Renme Blondlot der “Entdecker” der N-Strahlen (Wenn ich mal Geld brauche, mache ich eine Eso-Seite auf, bei der alles auf N-Strahlen basiert).. Sehr unterhaltsam, auch weil Collins sich nicht lustig macht, sondern sehr realistisch Gründe aufklärt, warum die Prominenten damals berühmt waren und heute nicht mehr.

  2. #2 Böx
    30. März 2015

    “Die Nacht der Physiker” habe ich irgendwann letztes Jahr gelesen und fand’s auch absolut faszinierend. In der Rückschau kamen mir viele der Charaktere ziemlich weltfremd vor…Du hast den Unterschied zwischen den Deutschen und den Amerikanern ja schon erwähnt. Auch dass sie ihr Scheitern hinterher so hingestellt haben, als hätten sie das absichtlich gemacht, um den Bau der Bombe zu verhindern, fand ich interessant. Dass Otto Hahn außerdem an den Giftgas-Angriffen beteiligt war, wusste ich vorher auch nicht.
    Danke für den Tipp zum Buch über islamische Wissenschaft! Sowas interessiert mich ja sehr!
    Den Text über Extinction habe ich nicht gelesen, das Buch liegt sowieso auf dem To-Do-Stapel 🙂
    Dank und Gruß!

  3. #3 tes
    30. März 2015

    können sie alle natürlich nicht frei forschen sondern müssen ihre Arbeit in den Dienst der Demokratie stellen.

    🙂

  4. #4 tes
    Regionalkrimi ist der neue Heimatroman
    30. März 2015

    🙂

  5. #5 etg
    30. März 2015

    Hi Florian,

    ale jemand, der das Buch nicht gelesen hat: folgende Rezension hat mich bisher davon abgehalten

    http://kleinerdrei.org/2015/03/pranger/

    Deine klingt jetzt freundlicher. Rückblickend betrachtet: findest Du die angesprochene Kritik bei Kleiner3 gerechtfertigt?

    Danke.

  6. #6 Florian Freistetter
    30. März 2015

    @etg: Ganz unberechtigt ist die Kritik an Ronsons Buch nicht; ich hab mir auch manchmal gedacht, dass er bei der “Opfer”/”Täter”-Sache ein bisschen zu einseitig ist. Aber trotz allem ist es ein sehr interessantes Buch, das ich mit Interesse gelesen habe…

  7. #7 Uwe Begander
    30. März 2015

    großes dankeschön für Deine erfahrungen mit einigen bestimmt sehr interessanten büchern, das “Haus der Weisheit” quetsche ich noch auf meine sommerleseliste dazu drauf 🙂
    empfehlen, aber noch nicht rezensieren kann ich mein neuestes wunschgeschenk “Das Handbuch für den Neustart der Welt”, aus dessen lektüre sich auch so manche alltagsumstellungen realisieren lassen, wenn man seinen fußabdruck immer wieder ein wenig verkleinern möchte

  8. #8 Nordlicht_70
    30. März 2015

    “Im Haus der Weisheit” stelle ich mir unheimlich interessant vor. Ich habe schon etwas gelesen darüber, dass der arabische Raum nicht nur als Bewahrer und Übersetzer fungierte sondern in seiner Blütezeit eben auch Koryphäen wie die von dir erwähnten Al-Chwarizmi und Musa-Brüder, aber auch Ibn Batuta und einigen mehr.
    Interessant fand ich in diesem Buch auch die Überlegung, wie weit die alten Griechen die Mathematik hätten weiterentwickeln können, wenn sie die das Rechnen so unglaublich vereinfachende Dezimalschreibweise und die Null gekannt hätten, die vom arabischen Raum nach Europa kam (auch wenn diese Idee wohl aus Indien stammte).

  9. #9 Nordlicht_70
    30. März 2015

    Korrektur: ….und einige mehr hervorbrachte.

  10. #10 JW
    31. März 2015

    Zwar schon älter, aber jetzt erst in einem Museumsladen entdeckt: Das Geheimnis der Farben: Eine Kulturgeschichte von Victoriy Finlay
    Nach Vorwort und Einleitung und etwas Blättern liest es sich sehr gut und enthält auch viele nette Anekdoten

  11. #11 Silenus
    31. März 2015

    Hast du schon “Daemon” von Daniel Suarez gelesen?

  12. #12 Florian Freistetter
    31. März 2015

    @Silenus: Nein, das kenn ich nicht.

    @JW: Danke!

  13. #13 Silenus
    31. März 2015

    http://www.amazon.de/DAEMON-Die-Welt-ist-Spiel/dp/3499256436/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1427785826&sr=8-1&keywords=daemon

    Bin grad damit (Hörbuch) durch und fand die Hintergrundgeschichte rund um ein sich verselbständigtes Computerprogramm sehr interessant. Bin grad bei der Fortsetzung “Darknet” die einen etwas philosophischeren Einschlag zu haben scheint.

  14. #14 etg
    31. März 2015

    Als Antwort auf 12: dann wird es aber Zeit. Und rechne nicht damit, das Buch längere Zeit aus den Händen zu legen 😉

  15. #15 Thomas Wiemers
    Burgdorf
    2. April 2015

    Florian heute haben 2 Autoren dieses Projekt ins Leben gerufen . Ich finde es persönlich eine sehr gute Idee . Vielleicht magst du dir es mal anschauen. http://www.verlag-aha.de/lesen-macht-freu-n-de 🙂

  16. #16 jere
    9. April 2015

    Keine Ahnung, ob das hier der richtige Ort für die Frage ist, aber kennt vielleicht jemand zufällig ein gutes populärwissenschaftliches Buch über Himmelskörper (vorallem Monde) im Sonnensystem?
    Also einfach im üblichen lockeren Stil ein par Geschichten zu Planeten, Monden und vielleicht den einen oder anderen Zwerplaneten. Entdeckung, spannende Besonderheiten, das übliche. Im Prinzip so, wie manche Folgen von den Sternengeschichten auch sind (z.B. die über Uranus und Neptun von neulich), nur halt etwas ausführlicher und als Buch.
    Alles was ich bis jetzt gefunden habe, sind entweder Bücher im Was-ist-Was Stil, oder riesige Bildatlanten, aber mir wäre halt etwas in Richtung “Neuentdeckung des Himmels” lieber, nur halt nicht über fremde Sonnensysteme 🙂

    Würde mich echt freuen, wenn jemand zufällig sowas kennt!

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