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Sternengeschichten Folge 129: Zwischen Feuer und Eis: Die Welteislehre

Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir herausgefunden haben, wie unser Universum entstanden ist. Auch die Entstehung der Planeten und das Leben und Sterben verstehen wir noch nicht so lange. Die entsprechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden im wesentlichen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gewonnen. Mit Einsteins Relativitätstheorie und mit der Quantenmechanik wurde ein ganz neues Verständnis der Vorgänge im Kosmos möglich. Die großen wissenschaftlichen Revolutionen, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben wurden aber auch von seltsam unwissenschaftlichen Vorstellungen über das Universum begleitet. Daran ist auch eigentlich nichts besonders; neben der Wissenschaft gab es immer auch schon die Pseudowissenschaft, die sich nicht um wahren Erkenntnisgewinn kümmert. Meistens aber wird diesen unwissenschaftlichen Theorie von der breiten Öffentlichkeit keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Sie existiert nur innerhalb einer kleinen Szene und hat keinen großen darüber hinaus gehenden Einfluss. Im Jahr 1913 entstand aber eine Theorie über die Entstehung der Welt, bei der das anders war. Da erfand der österreichische Ingenieur Hanns Hörbiger die Welteislehre.

Hanns Hörbiger (Bild: gemeinfrei)

Hörbiger wurde 1860 geboren, besuchte eine Maschinebauschule in Wien und arbeitete in einer Maschinenbaufabrik in Budapest. Ein Studium an einer Universität konnte er nicht absolvieren und auch mit seiner Arbeit war er nicht so erfolgreich, wie er sich das gewünscht hätte. Zuerst verdiente er mit der Vermarktung eines von ihm erfundenen speziellen Ventils durchaus viel Geld. Aber nach Ende des ersten Weltkriegs gab es keine neue Aufträge mehr und er verlor fast sein gesamtes Geld.

Zu dieser Zeit war Hörbiger aber schon auf einem anderen Gebiet zu Ruhm gekommen. In der Maschinenbaufabrik beschäftigte er sich mit Wärme- und Kältetechnik und diese Erfahrungen scheinen ihn inspiriert zu haben, die Phänomene von Feuer und Eis zur Grundlage für die Entstehung des Universums zu machen. Hörbiger selbst aber behauptet, seine Welteislehre sei ihm ganz spontan und blitzartig eingefallen, als er den Mond mit einem Teleskop betrachtet hatte. Der Mond könne nur deswegen so hell sein, meinte Hörbiger, weil er aus Eis besteht! Ein paar Tage danach hatte er einen Traum, in dem er ein großes Pendel im Weltraum schwingen sah, das immer länger wurde, bis es schließlich auseinander brach. Das reichte anscheinend aus, um Hörbiger zu einer kompletten Kosmologie zu inspirieren.

Eis und Feuer sind nach Hörbiger die grundlegenden Elemente, deren Gegensatz und Wechselwirkung alles hervorgebracht haben und alles prägen, was man im Universum sehen kann. Vor vielen Millionen Jahren gab es laut seiner Welteislehre nur einen einzigen Stern im ganzen Kosmos. Er war viele Millionen mal schwerer als unsere Sonne und irgendwann ist ein ebenso riesiger Planet mit diesem Stern zusammengestoßen und ihn eingedrungen. Der Planet bestand aus einem Metallkern und gefrorenem Wasser. Im Inneren des Sterns heizte sich der Planet auf, bis er schließlich explodierte. Die Bruchstücke wurden aus dem Stern hinaus geschleudert und formten das Universum.

Das, was wir als Milchstraße am Himmel sehen können, sollen laut Hörbiger in Wahrheit Bruchstücke dieser Explosion und gefrorener Wasserdampf sein. Die größeren Brocken wurden zu den Planeten, die heute die SOnne umkreisen. Dabei bestehen Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun komplett aus Eis, während Merkus und Venus aus Metall bestehen, das von einer Schicht aus besonderem “Feineis” bedeckt sind. Das wiederum soll immer dann entstehen, wenn von der Explosion übrig geblieben Brocken auf die Sonne stürzen und so Sonnenflecken erzeugen, die Dampf ausstoßen der im All zu Eis gefriert. Dieses Feineis von der Sonne soll auf der Erde für die Bildung von Wolken sorgen und Hagelkörner sind laut Hörbiger nichts anderes als Eisbrocken aus dem All, die auf die Erde fallen. Eis und Wasserwolken findet man laut der Welteistheorie auch überall zwischen den Planeten, wo sie eine Art “Äther” bilden und die Bewegung der Planeten bremsen. Das führt auch dazu, dass die Monde ihren Himmelskörpern immer näher kommen. Auch mit unserem Mond soll das passieren und in der Vergangenheit schon passiert sein. Laut Hörbiger hatte die Erde schon insgesamt sechs Monde und als die früheren Monde auf die Erde fielen, gab es all die Katastrophen, von denen man in der Bibel und anderen mystischen Texten lesen kann. Auch der Untergang von Atlantis sei durch so eine Kollision verursacht worden.

Die Erkenntnisse der restlichen Wissenschaft lehnte Hörbiger kategorisch ab. Newtons Vorstellung der Gravitation sei falsch, die Gravitation würde weiter weg von der Sonne nicht mehr wirken. Berechnungen, die zeigten, dass seine Theorie die tatsächlich beobachtete Bewegung der Planeten nicht erklären konnte, ignorierte er einfach und meinte, das man Berechnungen und der Mathematik generell nicht trauen sollte.

Selbst damals wusste man schon genug über das Universum, um so gut wie alles aus Hörbigers Welteislehre wiederlegen zu können. Beobachtungen der Milchstraße hatten schon seit der Zeit von Galileo Galilei gezeigt, dass sie aus vielen fernen Sternen besteht und nicht aus Eisbrocken, die sich laut Hörbiger gleich hinter der Bahn des Neptun befinden. Entfernungsmessungen die schon im 19. Jahrhundert durchgeführt worden sind, zeigten, dass das Universum viel, viel größer war als in der Welteislehre. Man konnte auch mit Beobachtungen messen, das die Temperaturen am Mond auf bis zu 100 Grad steigen können – was Hörbiger ebenfalls einfach ignorierte.

Sterne, so groß wie Hörbiger sie sich als Ursprung der Welt vorgestellt hat, können nicht existieren. Wird ein Stern schwerer als ein paar hundert Sonnenmassen, dann brennt er in seinem Inneren so heiß, dass er durch den Druck der Strahlung sofort auseinander gerissen wird. Sterne mit millionenfacher Sonnenmasse kann es nicht geben. Man weiß auch, dass der Mond mitnichten aus Eis besteht, sondern ein sehr trockener Himmelskörper aus Gestein ist, auf dem nur sehr, sehr wenig Wasser zu finden ist. Sonnenflecken sind keine Regionen, aus denen Wasserdampf ins All strömt, sondern ungefähr 4000 Grad heiße Bereiche im Gas der Sonne, die durch ihre Magnetfelder hervor gerufen werden. Einen Äther zwischen den Planeten gibt es nicht, das Wetter auf der Erde hat nichts mit Eisbrocken aus dem All zu tun und der Mond kommt nicht auf die Erde zu, sondern entfernt sich von ihr.

Früher war mehr Eis. Aber nicht alles ist Eis. (Bild: NASA’s Goddard Space Flight Center)

Heute ist vollkommen klar, dass Hörbigers Welteislehre absolut nicht in der Lage ist, die Realität angemessen zu beschreiben. Und als sie in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts entstand, wusste man genug, um sie als reine Pseudowissenschaft erkennen zu können. Unter Wissenschaftlern hatte Hörbiger daher mit seinen Ideen auch keinen Erfolg. Er wandte sich aber gezielt an die breite Öffentlichkeit, die von seiner Lehre äußerst begeistert war. Für einige Zeit entwickelte sich die Welteislehre zu einem regelrechten Massenphänomen; es wurden jede Menge Sach und Science-FictionBücher über sie veröffentlicht; es gab eine “Gesellschaft für Welteislehre”, Vereine für Welteisforschung und in Wien sogar ein “Hörbiger-Institut”. Die begeisterte Masse der Menschen tat dann auch genau das, was Hörbiger mit seiner Öffentlichkeitsarbeit bezweckt hatte: Sie griff aktiv die Wissenschaftler an um sie quasi dazu zu zwingen, sich mit der Welteislehre zu beschäftigen. Vorlesungen von Astronomen wurden mit “Wir wollen Hörbiger”-Rufen gestürmt. Die Firmenbesitzer und Geschäftsleute unter seinen Anhängern stellten nur dann Arbeistssuchende ein, wenn die sich zuvor schriftlich zur Welteislehre bekannten.

In den 1930er Jahren gewann die Welteislehre dann noch einen weiter an Popularität. Hörbiger selbst starb zwar schon 1931, seine Theorie lebte aber in der Ideologie der Nationalsozialisten weiter. Sie galt als deutsche Alternative zu angeblich jüdischen Theorien wie Einsteins Relativitätstheorie oder der Quantenmechanik. Heinrich Himmler war einer der großen Anhänger der Welteislehre und auch Hitler selbst hat sich damit beschäftigt. In der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe, einer Forschungseinrichtung der SS wurde daher auch die Welteislehre untersucht und man war besonders am angeblichen Einfluss des Eises auf die Entwicklung des Germanentums interessiert.

Nach dem zweiten Weltkrieg verschwand mit den Nazis auch Hörbigers Welteislehre. Allerdings nicht völlig. In der esoterischen Szene existierte sie weiter und gelangte in den 1960er Jahren durch den Bestseller “Aufbruch ins dritte Jahrtausend” noch einmal zu Popularität. Dieses Buch war ein Sammelsurium vieler esoterischer, übernatürlicher und pseudowissenschaftlicher Idee und handelte neben der Welteislehre auch noch von Verschwörungstheorie, UFOs, Alchemie, Alchemie, Atlantis, und ähnlichen Themen. Heute ist Hörbigers Theorie fast in der Versenkung verschwunden – obwohl man im Internet und den sozialen Netzwerken immer noch auf Organisationen wie das “Privatinstitut für Welteislehre” stoßen kann.

Pseudowissenschaftliche Theorien wie die von Hanns Hörbiger gibt es immer wieder. Sie bestehen hauptsächlich aus Wunschdenken, bei dem die Realität und die Erkenntnisse der echten Wissenschaft komplett ignoriert werden. Im Fall der Welteislehre hat das Wunschdenken von Hörbiger mit dem Wunschdenken großer Teile der Gesellschaft bzw. deren Politikern überein gestimmt und so ihren enormen Erfolg verursacht – der zum Glück nur kurzfristig war…

Kommentare (4)

  1. #1 IO
    15. Mai 2015

    Himmler war neben seiner massenmörderischen Tätigkeit ein maßgeblicher Betreiber allerhand verschrobenen Zeugs, zu dessen Betreiben er auch seine Machtposition einsetzte.

    Hierzu empfiehlt sich Peter Longerichs maßgebliche, umfangreiche und sehr lesenswerte “Heinrich Himmler. Biographie.” München: Siedler, 2008.
    Meines Wissens die erste wissenschaftliche Bio über H. Dort in Teil III das Kapitel “Weltanschauung und Kult” (265-308).

    Die “Welteislehre” wird auf S. 286-287 und 289-291 angesprochen.

  2. #2 IO
    16. Mai 2015

    Hm, da hängt ein Kommentar in der Moderation.

  3. #3 Martin
    Regensburg
    18. Mai 2015

    Sehr interessante Folge, für mich insbesondere deshalb da ich bei dem Hoerbiger Konzern angestellt bin aber bisher noch nichts von der Welteislehre gehört habe. Bei unserer Firmenpräsentation wird von Hr. Hanns Hoerbiger nur die Entwicklung des Plattenventils erwähnt weil dies die Basis des heutigen Konzerns bildet. Womit er aber nicht ganz so erfolglos war wie in der Folge erwähnt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Hoerbiger_Holding

    MfG
    Martin

  4. #4 Pddow
    18. Mai 2015

    Hallo Florian,
    wieder mal eine interessante Folge.
    Du sprichst an, dass man damals bereits die Temperatur auf dem Mond messen konnte. Wie genau wird das denn gemacht, bzw. wie nennt sich das Verfahren, mit dem man so etwas machen kann?
    Neugierige Grüße