Vor 223 Jahren begann die “Herrschaft der Vernunft”. Sie hat allerdings nicht lange durchgehalten. Würde sie noch andauern, dann stünde heute nicht “Freitag, 17. Juli 2015” im Kalender sondern “29. Messidor CCXXIII”. Was der Kalender mit der Vernunft und das ganze mit Astronomie zu tun hat, erfahrt ihr in der aktuellen Folge der Sternengeschichten!

Sternengeschichten-Cover

Die Folge könnt ihr euch hier direkt als YouTube-Video ansehen oder direkt runterladen.

Den Podcast könnt ihr unter

http://feeds.feedburner.com/sternengeschichten

abonnieren beziehungsweise auch bei Bitlove via Torrent beziehen.

Am einfachsten ist es, wenn ihr euch die “Sternengeschichten-App” fürs Handy runterladet und den Podcast damit anhört.

Die Sternengeschichten gibts natürlich auch bei iTunes (wo ich mich immer über Rezensionen und Bewertungen freue) und alle Infos und Links zu den vergangenen Folgen findet ihr unter http://www.sternengeschichten.org.



Transkription

Der Revolutionskalender (Bild: gemeinfrei

Der Revolutionskalender (Bild: gemeinfrei

Heute ist Nonidi, der 29. Messidor CCXXIII (223). Das Datum wird den wenigsten etwas sagen und es ist auch eigentlich egal, was für ein Datum das ist. Diese Folge der Sternengeschichten hat nichts mit dem heutigen Datum zu tun. Dafür aber sehr viel mit dem Kalender. Beziehungsweise mit den Versuchen, den Kalender zu verändern. Im Prinzip ist eine Änderung des Kalenders nichts neues. In der Geschichte der Menschheit ist das schon ziemlich oft vorgekommen und es gibt jede Menge unterschiedliche Kalendersysteme die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten der Welt in Gebrauch waren.

Aber so gut wie alle dieser Reformen haben in der fernen Vergangenheit stattgefunden. Die meisten der modernen Versuche, einen neuen Kalender einzuführen, sind gescheitert. Das Datum, das ich zu Beginn der Folge genannt habe gehört zu so einem gescheiterten Kalender, der aber zumindest ein paar Jahre halbwegs in Gebrauch war und vor allem wunderbar zeigt, welche Probleme bei der Reformation und der Erstellung eines Kalenders auftauchen können.

Es geht heute um den Kalender der französischen Revolution. Gegen Ende des 18. Jahrhundert war man – vor allem in Frankreich – um Rationalität und Aufklärung bemüht. Ein erfolgreiches Projekt der damaligen Zeit war die Einführung des Dezimalsystems bei Längen- und Gewichtseinheiten. Die französischen Astronomen Pierre Méchain und Jean-Baptiste Joseph Delambre vermaßen halb Europa, um den Erdumfang so genau wie möglich zu bestimmen und daraus eine neue Längeneinheit abzuleiten: den Meter. Der wurde dann in Zehner- und Hunderterschritten in Zentimeter und Millimeter unterteilt bzw. auf Kilometer erweitert. Auch beim Gewicht führte man das Kilogramm ein und ersetzte die vielen unterschiedlichen und schlecht definierten Einheiten, die bis dahin in Gebrauch waren. Aus den Bemühungen der französischen Aufklärer hat sich das heute noch verbindliche SI-System entwickelt, das genau festlegt welche physikalischen Größen auf welche Art und Weise in welchen Einheiten gemessen werden. Das “Systéme Internationale” ist Standard in der Wissenschaft und wird auf der ganzen Welt auch im Alltag befolgt. Nur in Liberia, Myanmar und den USA verwendet man immer noch keine metrischen Einheiten.

So erfolgreich die Bemühungen der Franzosen auf diesem Gebiet aber auch waren: Bei der Reformation des Kalenders sind sie grandios gescheitert. Die Geschichte des Revolutionskalenders beginnt im Jahr 1787 mit dem Almanach des Honnêtes Gens, einem Buch das von Sylvain Maréchal verfasst wurde. Er schlug darin vor, die unlogische Einteilung des Jahres in unterschiedlich lange Monate abzuschaffen und stattdessen zwölf Monate zu je 30 Tagen zu benutzen. Auch die siebentägige Woche sollte verschwinden; jeder Monat würde aus drei Dekaden zu je 10 Tagen bestehen.
Die Realität lässt einen vollkommen regelmäßigen Kalender aber leider nicht zu; die Zeit die die Erde für einen Umlauf um die Sonne braucht, also ein Jahr, lässt sich nicht ohne Rest durch die Zeit teilen, die die Erde für eine Drehung um ihre Achse braucht, also einen Tag. Am Ende bleibt immer ein bisschen was übrig und dieses “bisschen was” muss man mit Schalttagen berücksichtigen. Bei Maréchals Kalender kam man mit den 12 Monaten zu 30 Tagen nur auf ein Jahr mit 360 Tagen, weswegen er am Ende noch 5 Extratage hinzufügen musste. Er wollte außerdem die alten Namen für die Monate und Wochentage abschaffen und sie stattdessen nach repräsentativen Personen der Moderne benennen. Und betitelt hatte er das erste Jahr seines neuen Kalenders mit “L´An prémier du règne de la Raison”, das erste Jahr der Herrschaft der Vernunft.

Die Reaktionen auf diesen Vorschlag fielen anders aus, als Maréchal sich das wohl erhofft hatte. Er wurde verhaftet und seine Bücher wurden verbrannt… Dann aber begann am 14. Juli 1789 die französische Revolution. Und der Vorschlag von Maréchal wurde zum Vorbild für einen neuen, der Revolution und Aufklärung gerechten Kalender. Als am 21. September 1792 die Monarchie in Frankreich offiziell abgeschafft wurde, wurde außerdem gleich festgelegt, das ab sofort Jahre nicht mehr wie bisher als Jahre seit Christi Geburt bezeichnet werden sollen, sondern als “années de la république”; also als Jahre der Republik.

Es dauerte allerdings noch ein wenig, bis man das ganze Konzept halbwegs ausgearbeitet hatte. Das war erst im September 1793 der Fall, als der Abgeordnete Gilbert Romme basierend auf Maréchals Vorschlag einen reformierten Kalender vorlegte. Das Jahr sollte 365 Tage lang dauern und ein Schalttag sollte nach Bedarf eingelegt werden. Jedes Jahr beginnt am 22. September, weil da nicht nur das Zeitalter der französischen Republik begann, sondern auch die Herbst-Tagundnachtgleiche stattfand. Ein Jahr würde 12 Monate zu je 30 Tagen haben, plus 5 Zusatztage am Ende des Jahres. Die Monate werden in drei Dekaden zu je 10 Tagen eingeteilt und die alte Woche mit ihren 7 Tagen wird abgeschafft.

Montag, Dienstag und so weiter (bzw. Lundi, Mardi, etc wie es auf französisch heißt) sollte es auch nicht mehr geben. Die zehn neuen Tage der Dekade wurden einfach durchnummeriert, vom “Primdi”, dem ersten Tag der Dekade bis zum “Décadi”, dem zehnten Tag. Bei den Monaten war man ein wenig kreativer. Jeweils drei Monate wurden zu einer Jahreszeit zusammengefasst und bekamen Namen mit gleichlautenden Endungen, die sich auf die jeweiligen jahreszeitlichen Phänomene bezogen. Beim Herbst, in dem das neue revolutionäre Jahr ja began, waren das die Monate Vendémiaire, Brumaire und Frimaire, also die Monate der Weinlese, des Nebels und des Rauhreifs. Der Winter bestand aus Nivôse, Pluviôse und Ventôse, den Monaten des Schnees, des Regens und des Windes. Im Frühling folgten Germinal, Floréal und Prairial, die Monate des Keimens, der Blüte und der Wiese. Und schließlich gab es im Sommer noch Messidor, Thermidor und Fructidor, die Monate des Mähens, der Wärme und der Früchte.

So weit, so gut und so poetisch. Das Ganze wurde am 24. November 1793 – Entschuldigung, am 4. Frimaire im Jahr II der Republik, beschlossen. Jetzt musste man nur noch die Bevölkerung dazu bringen, sich auch mit dem neuen Kalender anzufreunden. Aus deren Sicht hatte der Revolutionskalender vor allem einen ganz gravierenden Nachteil: Anstatt der bisherigen 52 oder 53 Sonntage im Jahr gab es jetzt nur noch 36 der neuen Décadis am Ende der 10tägigen Dekaden. Anders gesagt: Es gab viel weniger Wochenende als früher! Die Revolutionäre bemühten sich zwar, den alten christlichen Kalender als böses Machtinstrument der noch böseren Monarchie darzustellen, fanden damit aber nicht viel Anklang.

Abgesehen davon war der Kalender auch schlicht und einfach schlecht. Die Regelung mit den Schalttagen war wesentlich ungenauer als sie es früher gewesen war und Astronomen empfahlen dringend, zumindest diesen Teil nochmal ordentlich zu überarbeiten. Man hatte sich auch keine Gedanken gemacht, was man nun mit den Décadis anfangen sollte, die die Sonntage als arbeitsfreie Tage ersetzen würden. Der alte Kalender war von einer jahrhundertelangen christlichen Tradition und Feiertagskultur geprägt worden. Die Revolution hatte noch nicht genug Zeit, sich ausreichend viele eigene Feiertage zu überlegen, die die alten ersetzen könnten.

Es gab zwar auch dazu einige neue Gesetze und Dekrete und die offiziellen Behörden des Staates nutzen den Revolutionskalender bei ihrer Arbeit und in ihren Veröffentlichungen. Die Bevölkerung hat ihn aber nicht akzeptiert und dort konnte er sich nie durchsetzen.

Und dann war auch schon wieder Schluss mit der Revolution. Am 18. Brumaire des Jahres VIII der Republik – bzw. dem 9. November 1799 fand der Staatsstreich von Napolen Bonaparte statt und der Revolutionskalender verschwand langsam. Anfangs hielt Napoleon noch an ihm fest und beharrte selbst bei seinen Verhandlungen mit der katholischen Kirche darauf, beide Kalender parallel zu verwenden. Die Kirche war bereit, den französischen Kalender bei ihren Schriftstücken zu verwenden; dafür führte Napoleon die christliche 7-Tage-Woche und den arbeitsfreien Sonntag offiziell wieder ein. Aber als Napoleon dann 1804 zum Kaiser gekrönt wurde, wurde auch der Revolutionskalender endgültig abgeschafft und mit dem 1. Januar 1806 galt wieder der gregorianische Kalender, den wir auch heute noch fast überall auf der Welt benutzen.

Dabei hatten die französischen Aufklärer und Revolutionäre ja nicht einmal so sehr Unrecht. Unser Kalender IST komplett unlogisch und durcheinander. Mal hat ein Monat 28 Tage, mal 29, mal 30 und mal 31. Lange Monate wechseln sich mit kurzen Monaten ab, bis auf den Dezember mit 31. Tagen auf den ein Januar mit ebenfalls 31 Tagen folgt und den Juli, der mit seinen 31 Tagen auch so lange dauert wie der August. Die Monats- und Wochentagsnamen sind ein Mischmasch an Bezeichnung aus den verschiedensten Sprachen, Regionen und Epochen. Und die Sache mit den Schalttagen, die alle 4 Jahre stattfinden, manchmal aber dann nicht und manchmal dann wieder doch könnte man sicher auch vernünftiger regeln.

Wir sind heute technisch in der Lage, die Bewegung der Erde um die Sonne und die Drehung der Erde um ihre Achse so genau zu messen, das wir die Jahreslänge auf den Bruchteil einer Sekunde angeben können und bei der Uhrzeit immer wieder mal Schaltsekunden einführen müssen, um die unregelmäßige Rotation unseres Planeten zu kompensieren. Wir haben viel mehr Ahnung von den Vorgängen im Sonnensystem auf denen unser Kalender basiert als zur Zeit der französischen Revolution. Die Welt ist so global und vernetzt wie nie zuvor und es wäre eigentlich der ideale Zeitpunkt, ein für alle mal einen vernünftigen logischen und weltweit gültigen Kalender einzuführen.

Aber das würde natürlich genau so scheitern wie der Versuch der Aufklärer in Frankreich. Denn Vernunft und Logik sind das eine. Traditionen und konservatives Beharrungsvermögen ist das andere. Die letzte Kalenderreform die wirklich funktioniert hat war der Wechsel vom julianischen zum aktuellen gregorianischen Kalender im 16. Jahrhundert (von dem ich in Folge 101 der Sternengeschichten erzählt habe). Und selbst da hat es in einigen Ländern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gedauert, bevor sie sich dazu durchringen konnten, ihn zu übernehmen. Jeder Versuch irgendeiner Behörde oder eines politischen Gremiums, einen neuen Kalender per Dekret einzuführen, würde auf so viel Widerstand stoßen, das diesen Versuch auch niemand ernsthaft unternimmt (die letzten die so etwas getan haben waren Diktatoren wie Lenin oder Mussolini und selbst die kamen damit nicht durch). Sollten irgendwann mal Menschen einen andern Planeten besiedeln und dort eine Gesellschaft von Anfang an neu aufbauen, dann würde es vielleicht auch klappen, dort von Anfang an einen neuen Kalender einzuführen. Was man ja vermutlich sowieso machen müsste, denn jeder Planet hat andere astronomische Eigenschaften und braucht daher auch seinen eigenen Kalender. Aber selbst wenn das in ferner Zukunft einmal passiert und irgendwo anders im Universum Menschen auf einem fremden Planeten offiziell den Beginn einer neuen Epoche in einem neuen Kalender feiern, werden wir hier auf der Erde dieses Ereignis in unseren Geschichtsbüchern wohl immer noch mit einem Datum des gregorianischen Kalenders aus dem 16. Jahrhundert verzeichnen…

Kommentare (8)

  1. #1 Braunschweiger
    17. Juli 2015

    Schöner Text über ein bemerkenswertes historisches Ereignis.
    Aus heutiger Sicht sind Kalenderprobleme mit Computerhilfe gut zu bewältigen. Aus technischer Sicht ist Zeit eine Anzahl von Sekunden ab einem festen Zeitpunkt; wie man das dann in Angaben umrechnet ist fast schon egal, Hauptsache, der Empfänger versteht es. Für den sind aber halt Traditionen wie die Wochentage sehr wichtig.

    Elementarer und wichtiger als eine Änderung des Kalenders halte ich eine volksbreite Einführung des SI-Systems in den Staaten wie den “rückständigen” USA. Das royale System ist einfach mittelalterlich und anfällig für Umrechnungsfehler.

    Beim Datum als einem Zeitpunkt würde ich noch für am Wichtigsten halten: die Festlegung einer eindeutigen Angabe für den Datumsaustausch, und die Einigung auf einen Nullpunkt. Das religiös motivierte christliche Jahr “0” (das so nie existierte) ist nicht zwingend notwendig.

    Als Datumsformat schon recht gut ist das oft verwendete Jahr – Monat – Tag — Stunde : Minute : Sekunde . Tausendstel in Form von YYYY-MM-DD, hh:mm:ss.ttt . Das liegt an der einfachen Sortierbarkeit und der guten Erkennbarkeit der langsam laufenden Anteile bis hin zu den immer schnelleren.

  2. #2 Aginor
    17. Juli 2015

    Dieser Artikel hat mich an etwas erinnert, das ich vor Jahren mal wo gelesen oder gehört hatte. Ist vielleicht für den einen oder anderen interessant:
    In Äthiopien gibt es auch (parallel zu dem gregorianischen Kalender verwendet) einen weiteren Kalender mit ein paar Eigenheiten, z.B. mit 13 Monaten, von dem einer ein Schaltmonat ist. Der Wiki-Eintrag zu Äthiopien erklärt wie er funktioniert.
    https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84thiopien#Kalender

  3. #3 AmbiValent
    17. Juli 2015

    Es gab auch einen Versuch, die Schalttagsregelung des Gregorianischen Kalenders noch zu verbessern, indem man bei den durch 100 teilbaren Jahren statt 1 mal alle 400 Jahre einen Schalttag einzulegen (und die anderen 3 mal nicht), 2 mal alle 900 Jahre einen Schalttag einlegt (und die anderen 7 mal nicht). Das würde die mittlere Jahreslänge von 365,2425 Tagen auf 365,24222… Tage verkürzen, was näher am tatsächlichen Wert von 365,24220… Tagen liegt. Das fand aber nirgendwo großen Anklang und verschwand schnell wieder in der Versenkung.

  4. #4 Braunschweiger
    17. Juli 2015

    @AmbiValent:
    Mit vernünftigen Gründen und Überlegungen läuft es mal so, mal so. Je nachdem, was irgend jemand Ausschlaggebendem vorteilhaft erscheint.

    Das kaufmännische Kalenderjahr hat 360 Tage, jeder Monat 30 Tage. Und dennoch oder auch deswegen bekommen sie ihr Geld. In manchen Fällen wird dann doch wieder mit 365 Tagen gerechnet.

    In dem Sinne hätte ich z.B. gar nichts gegen eine Angleichung in der Art: jeder Monat hat 30 Tage, und in den 5 Sommermonaten bekommen die Monate einen 31. dazu. Ob Februar Schalttags-Monat bleibt, ist dabei egal. Man könnte sogar den Jahresanfang auf März legen, und die Monatsnamen ab September bekämen wieder mehr Sinn.

  5. #5 Till
    18. Juli 2015

    @braunschweiger das Format YYYY-MM-DD ist in der ISO 8601 festgelegt. nur leider kann es sich international nicht wirklich durchsetzen

  6. #6 Christian Berger
    22. Juli 2015

    Computer umgehen das Problem relativ elegant. Da werden einfach die Sekunden seit dem Nullpunkt gezählt. Leider werden Schaltsekunden ausgelassen, aber es ist trotzdem ein brauchbarer Kompromiss. Wie man sich das dann darstellt ist ganz dem Nutzer überlassen.

  7. #7 Phero
    23. Juli 2015

    Im Normalfall wäre ich ja für die Einführung von logischeren Einheiten – aber gerade das hier
    Die Monats- und Wochentagsnamen sind ein Mischmasch an Bezeichnung aus den verschiedensten Sprachen, Regionen und Epochen.
    macht unseren Kalender für mich durchaus reizvoll, da es die Erinnerung an unsere Geschichte und vergangene Kulturen wachhält.

  8. […] Das erste Jahr der Herrschaft der Vernunft […]