Dieser Artikel entstand für ein anderes Projekt, aus dem dann doch nichts geworden ist. Er sollte der erste Teil einer längeren Serie sein. Ich hatte dann keine Zeit mehr, die Sache fortzusetzen; wollte den Text aber auch nicht in meinem Archiv verschimmeln lassen. Bei Interesse kann ich die Serie ja hier im Blog weiter führen.

Wenn ich Vorträge halte oder einfach mal so mit Leuten über Astronomie oder Raumfahrt spreche, landen wir oft bei der Internationalen Raumstation und den Fragen: Wozu braucht man die eigentlich? Ist die nicht eine völlig unnötige Geldverschwendung? Was nützt uns die Raumstation eigentlich?

Ich kann nicht genau nachvollziehen, woher diese Vorurteile kommen. Vermutlich sind sie Teil der allgemeinen diffus-negativen Einstellung gegenüber jeder Form der Grundlagenforschung, die keinem offensichtlichen Zweck zu dienen scheint. Diesen Vorbehalten begegnet man ja leider oft genug; immer wenn irgendwo über ein großes wissenschaftliches Projekt berichtet wird, dauert es nicht lange bevor irgendwann jemand mit dem “Argument” “Was bringt uns das? Das Geld dafür hätte man doch auch sinnvoller ausgeben können!” ankommt (selbst die wirklich tolle Mission von New Horizons zu Pluto wird von einigen als überflüssige Geldverschwendung betrachtet).

Die Raumstation im Jahr 2010 (Bild: NASA)

Die Raumstation im Jahr 2010 (Bild: NASA)

Aber natürlich ist die Raumstation ganz und gar nicht nutzlos! Sie nützt uns sogar sehr viel. So viel, dass es schwer ist, all das in einen Blogartikel zu packen, was wir dank der ISS gelernt haben. Dafür reichen nicht einmal mehrere Blogartikel aus. Man müsste schon ganze Bücher darüber schreiben, wenn man wirklich alles gründlich behandeln wollte. Zu fragen: “Was hat man auf der ISS alles erforscht?” ist ungefähr so als würde man fragen “Was hat man an der Universität Berlin alles erforscht?” oder “Was hat man am Fraunhofer-Institut alles erforscht?”. Es ist genaugenommen nicht nur ungefähr so, es ist genau so. Denn neben vielem anderen ist die Raumstation nichts anderes als eine Forschungseinrichtung im Weltall. Eine “Weltraum-Universität” quasi, an der von Anfang an über die verschiedensten Themen geforscht wird.

Ich kann beim besten Willen nicht alles zusammenfassen, was man dort in den letzten Jahren erforscht und herausgefunden hat. Aber ich möchte zumindest eine (unvollständige) Liste mit ein paar Stichworten zu den jeweiligen Themen zusammenstellen die für Interessierte als Ausgangspunkt für tiefergehende Recherchen dienen kann. Den Anfang machen die Experimente und Untersuchung zu physikalischen Themen; in weiteren Artikel werde ich dann auch andere Gebiete behandeln.

  • Alpha-Magnet-Spektrometer (AMS): Das AMS gehört sicher zu den beeindruckensten wissenschaftlichen Instrumenten auf der Raumstation. Es ist ein Riesending; 3,1 m × 3,4 m × 4,5 m groß und 8,5 Tonnen schwer. Es ist ein Teilchendetektor, also im Prinzip ein Gerät wie auch die hausgroßen Detektoren die zum Beispiel auch im Beschleuniger LHC auf der Erde zu finden sind. Einen Teilchenbeschleuniger gibt es auf der Raumstation nicht, aber dafür hat man den ganzen Kosmos zur Verfügung. Jede Menge astronomische Phänomene produzieren Teilchen aller Art und wenn wir sie detektieren können, dann lernen wir auch jede Menge. AMS widmet sich dabei durchaus fundamentalen Fragen: Man sucht zum Beispiel nach den Spuren die entstehen, wenn Materie mit Antimaterie kollidiert. Bestimmten kosmologischen Modellen zufolge ist beim Urknall ein wenig Antimaterie entstanden bzw. übrig geblieben und heute immer noch vorhanden. AMS sucht aber auch nach dunkler Materie. Wir wissen noch nicht, woraus die besteht aber es ist wahrscheinlich, dass sie aus Teilchen gebildet wird, die sich so wie Materie und Antimaterie bei Kollisionen ebenfalls selbst auslöschen können. Die dabei entstehenden Spuren kann AMS ebenfalls registrieren. Neben dieser fundamentalen Grundlagenforschung beschäftigt sich AMS aber auch mit ganz konkreten Problemen: Eine der vielen Gefahren die uns Menschen beim Aufenthalt im All drohen, ist die kosmische Strahlung. Auf der Erde sind wir davor durch die Atmosphäre und das Magnetfeld abgeschirmt; im Weltall trifft uns die von allen möglichen Sternen und anderen Objekten stammende Strahlung aber ungefiltert und kann bei längerem Aufenthalt schwere gesundheitliche Schäden verursachen. AMS untersucht diese Strahlung um besser verstehen zu können, wie sich die kosmische Strahlung verhält und wie wir uns davor schützen können.
  • Microgravity Smoldering Combustion (MSC): Nicht alle Experimente auf der ISS sind so umfassend und langandauernd wie AMS. Viele beschäftigen sich auch mit ganz konkreten Fragestellungen die in kleineren Versuchsanordungen untersucht werden. Stellvertretend für diese vielen Experimente soll MSC stehen. Dabei geht es um Schwelbrände, die eine große Gefahr sein können. Ein Schwelbrand ist eine unvollständige Verbrennung bei wenig Sauerstoffzufuhr und niedriger Temperatur. Er kann zum Beispiel durch einen Kabelbrand ausgelöst werden und lange unentdeckt bleiben, bis er dann irgendwann zu einem echten Brand wird. Schwelbrände werden natürlich nicht nur auf der ISS untersucht sondern auch auf der Erde. Aber die ISS hat einen große Vorteil: Sie befindet sich im freien Fall um unseren Planeten und daher ist dort alles schwerelos. Man kann alle möglichen Phänomene dort daher ohne den Einfluss der Gravitation untersuchen, der viele Untersuchungen enorm kompliziert. Auch bei Schwelbränden verdeckt die Gravitation die Mechanismen, die man verstehen will; auf der Raumstation kann aber ganz genau herausfinden, wie sich zum Beispiel die Richtung der strömenden Luft auf die Entwicklung eines Schwelbrandes auswirkt.
  • Agricultural Camera: Die ISS ist natürlich auch ein wunderbarer Ort um auf die Erde zurück zu schauen. Nicht nur zum Vergnügen, sondern auch um Forschung zu betreiben. Erdbeobachtungsprojekte gibt es ebenfalls jede Menge; ich habe mir die Agricultural Camera ausgesucht. Sie macht Aufnahmen im sichtbaren und im infraroten Licht und das hauptsächlich von Gegenden der Erde, in denen irgendwas angebaut wird. Die Kamera ist in der Hinsicht speziell, als das sie nicht vorrangig der Wissenschaft dient, sondern mehr eine Dienstleistung darstellt, die man anfordern kann, wenn man Bilder aus dem Weltall haben kann. Das wird zum Beispiel von Parkrangern in Anspruch genommen, die wissen wollen, wie sich die Vegetation in ihrem Naturschutzpark entwickelt. Vom Weltall aus und vor allem durch die Aufnahmen in verschiedenen Spektralbereichen kann man gut die einzelnen Pflanzenarten und die unterschiedlichen Vegetationszustände unterscheiden. Bauern können sehen, wo wie und wie schnell sich ihre Nutzpflanzen entwickeln und dadurch Anbau, Ernte, Düngemittel- oder Pflanzenschutzmitteleinsatz optimieren. Und so weiter (siehe dazu auch hier) – die Agricultural Camera ist quasi eine direkte Antwort darauf, was uns die Forschung im Weltall für nützliche Anwendungen bringen kann.
  • SOLAR: Man kann aber nicht nur auf die Erde schauen, sondern auch zur Sonne. Das macht man auf der ISS zum Beispiel mit SOLAR, eine Wissenschaftsplattform mit drei Instrumenten, die die Sonnenaktivität beobachten und analysieren. Die Sonne besser zu verstehen ist immer nützlich, denn je besser wir die Sonne verstehen, desto besser verstehen wir auch die Sterne ganz allgemein. Je besser wir die Sonne verstehen, desto besser können wir auch den Einfluss der Sonne auf die Erde verstehen und damit die Vorhersage von Wetter und Klima verbessern. Die Sonnenaktivität kann die Funktionsweise von Satelliten im Weltall negativ beeinflussen und je mehr Instrumente sie im Blick behalten und uns helfen, sie zu analysieren, desto besser.
  • Materials Science Laboratory (MSL): Wie schon vorhin beim Microgravity Smoldering Combustion-Experiment erwähnt hat die Raumstation den großen Vorteil, dass man dort Versuche in Schwerelosigkeit anstellen kann. Die Gravitation auf der Erde ist eine Kraft, die immer und überall wirkt und alle physikalischen Vorgänge beeinflusst. Es ist oft schwierig, zum Kern eines Phänomens vorzudringen und zu verstehen, was wirklich vor sich geht, weil der Einfluss der Gravitation diese grundlegenden Eigenschaften verschleiert. In der Schwerelosigkeit der ISS hat man einen viel klareren Blick auf die Dinge und darum macht man dort auch viele Experimente für die Materialwissenschaft. Mit dem Materials Science Laboratory (MSL) kann man untersuchen, wie verschiedene Materialien, Metalle, Legierungen, Halbleiter unter anderes Zeugs in Schwerelosigkeit schmelzen oder wieder fest werden; kann Stoffe auf eine Art und Weise kristallisieren lassen wie es in der Gravitation auf der Erde nicht möglich wäre oder untersuchen, wie verschiedene Materialien und/oder Gase miteinander wechselwirken. Das MSL ist kein einzelnes Experiment sondern ein ganzes Labor in dem viele verschiedene Untersuchungen durchgeführt werden können.

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Kommentare (27)

  1. #1 Braunschweiger
    5. August 2015

    Oh prima, man kann endlich kommentieren. :-)

    Diskussionen zu solchen Themen à la “was nützt es uns” finde ich durchaus interessant, und eine Diskussion bedarf natürlich faktischer Grundlagen, die man auch irgendwo mal lesen möchte — oder muss, wenn man es wissen will. Willkommen also, wenn einer, der sich auskennt, darüber schreibt. Gilt dann auch für evtl. weitere Themen.

    Informationen über den wissenschaftlichen Inhalt der ISS-Mission zu finden ist nicht immer einfach, und in der Muttersprache (z.B. Deutsch) umso willkommener. — Zum Nutzen fällt mir ein, dass die Raumfahrt unser Wissen in vielen kleinen und großen Punkten bereichert hat. Man denke an die Anfangsentwicklung von Taschenrechnern, Computern und Elektronik überhaupt. Als Gegenpunkt kann man auch anführen, dass allerdings fast jede Technik auch militärisch anwendbar ist und auch verwendet wird. Kann man gut finden oder nicht.

  2. #2 Mithos
    5. August 2015

    Immer dran denken: Ohne Grundlagenforschung kommen wir nie zum FTL-Antrieb.

  3. #3 Donkieshot
    Karlsruhe
    5. August 2015

    >> Ich kann nicht genau nachvollziehen, woher diese Vorurteile kommen.

    So schwierig ist das nicht:

    I c h verstehe es nicht. Also ist e s blöd! I c h natürlich nicht!

  4. #4 Dampier
    5. August 2015

    Danke für diesen Artikel, ich hoffe du führst ihn weiter, Florian.

    Neulich sah ich eine ZDF-Doku zu genau dem Thema. Ich habe mich lange nicht mehr so über eine Fernsehsendung geärgert!

    Die Doku ist ganz neu, auch Alexander Gerst kommt drin vor, scheint aber mehr ein Feigenblatt gewesen zu sein. Ich frage mich ob er wohl wusste, in was für einen billigen, tendenziösen Stammtischbeitrag er da hineingeschnitten wurde.

    Anders als in diesem Artikel wurden etwa zweieinhalb Experimente lustlos vorgestellt, um ihnen sogleich jegllichen Nutzen abzusprechen. Ich glaube, der Begriff Grundlagenforschung kam nicht ein einziges Mal vor. Der ganze Kommentar war in einem so ekelhaft süffisanten Ton gehalten, dass ich an schlechte Propaganda ganz anderer Art denken musste …

    Der Film gipfelte dann tatsächlich in dem unsäglich dummen Satz “Sollten wir nicht erstmal die Probleme hier auf der Erde lösen, bevor wir …” etc.

    UNSÄGLICH!! ich saß laut schimpfend vorm Fernseher!

    Um so wichtiger sind Artikel wie dieser hier, und man muss es wohl auch immer wiederholen, denn die Dummheit schläft nicht, und es werden auch heute noch die immergleichen, längst widerlegten Einwände aufgewärmt, wie man sieht.

    Also, wenn ihr mal wieder richtig schlechte Laune haben wollt:

    Teures Abenteuer im All – die ISS
    Dokumentation, D 2014
    Buch und Regie: Ulf Marquardt

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2368336/Teures-Abenteuer-im-All—die-ISS

  5. #5 Alderamin
    5. August 2015

    @Dampier

    Na ja, da merkt man doch schon am Titel, dass der Beitrag nicht neutral berichten, sondern eine bestimmte Message rüberbringen will.

    Es wird aber wirklich viel zu wenig von der ISS berichtet. Von AMS hat man schon mal was gehört (könnte man aber theoretisch, wie einige der andern Experimente, auch auf einem Satelliten betreiben), aber was bei den Versuchen zur Materialforschung oder Medizin heraus kommt, hört man nie. Seit gefühlt dreißig Jahren wird an Metalllegierungen, am Knochenabbau in der Schwerelosigkeit und dem Gleichgewichtsorgan geforscht. Hat das irgendwelche Theorien bestätigt oder widerlegt? Wieviele Paper sind daraus entstanden und wie ist deren Impakt?

    Oder ist die ISS eher ein politisches Projekt? Es ist klar, das so etwas auch mal von Journalisten hinterfragt wird. Ich bin ja auch ein Befürworter der Station, aber in Diskussionen, ob sich die ISS wirklich rentiert, hätte ich keine guten Argumente parat. Ich find’s nur toll, dass es die Station gibt und dass dort oben viele Nationen gemeinsam forschen und uns tolle Bilder der Erde von oben liefern.

  6. #6 phunc
    5. August 2015

    Grade gestern einen TED Talk von Henry Lin gesehen, mit einem schönen Schlusswort basierend auf dem (nicht belegten) Henry Ford Zitat (If I’d asked people what they wanted, they would have asked for faster horses):

    “Today, we as a society are faced with many, many, difficult problems. And the solutions to these problems are not obvious, they are not faster horses. […] But we also need to remember, that innovation, ingenuity, inspiration – these things come when we broaden our field of vision, when we step back, when we zoom out. And I can’t think of a better way to do this than by studying the universe around us.”

  7. #7 sicknick
    Stuttgart
    5. August 2015

    Ich glaube, Dr. Freistätter liegt nicht ganz richtig. Es gibt mindestens zwei Gruppen von Menschen, die die ISS schlecht finden: einerseits jene, die tatsächlich den Sinn von Grundlangenforschung nicht verstehen. Und dann jene, die sich fragen: könnte man das nicht viel billiger ohne Menschen machen? Hätte man all diese Vorteile, die im Text genannt werden und die nicht zu bezweifeln sind, nicht für 10 anstatt für 100 Milliarden haben können, wenn man nur darauf verzichtet hätte eine Gruppe Trockennasenaffen mit hoch zu schießen?

    Mit dem Ersparten hätte man sicher einiges an zusätzlicher Forschung, eine Weiterentwicklung der internationalen Zusammenarbeit und der Motivation junger (vielleicht vor allem weiblicher) Menschen für ein naturwissenschaftliches Studium finanzieren können.

  8. #8 sicknick
    Stuttgart
    5. August 2015

    Es muss natürlich Dr. Freistetter heißen.

  9. #9 Captain E.
    5. August 2015

    Das reißt es aber auch nicht mehr hinaus, nicht nachdem du die Astro- und Kosmonauten biologisch korrekt, aber höchst despektierlich als “Trockennasenaffen” tituliert hast. :-(

  10. #10 Dampier
    5. August 2015

    @Alderamin

    Na ja, da merkt man doch schon am Titel, dass der Beitrag nicht neutral berichten, sondern eine bestimmte Message rüberbringen will.

    Da der Film in einer ZDF-Reihe erscheint, die schon gute Beiträge hatte (Namen vergessen), hegte ich eine leise Hoffnung, dass die Kontroverse zumindest einigermaßen sachlich dargestellt wird. Was mich so erschreckt hat, ist die unglaubliche Plattheit der Argumentation, überhaupt nichts neues, reines Stammtischgeblubber.

    Seit gefühlt dreißig Jahren wird (…) am Knochenabbau in der Schwerelosigkeit und dem Gleichgewichtsorgan geforscht.

    Das war übrigens einer der Kritikpunkte: dass solche Forschungen ja “nur” der bemannten Raumfahrt zugutekämen, die ja ebenso zweifelhaft sei …

    aber in Diskussionen, ob sich die ISS wirklich rentiert, hätte ich keine guten Argumente parat.

    Musst du auch nicht 😉 Es ist ja gerade das Wesen der Grundlagenforschung, dass man sie nicht nach Rentabilitätskriterien messen kann. Hier wirtschaftliche Argumente einzufordern, halte ich von vornherein für unredlich.

    Ich find’s nur toll, dass es die Station gibt und dass dort oben viele Nationen gemeinsam forschen und uns tolle Bilder der Erde von oben liefern.

    Jo. Mir reicht das auch als Legitimation dicke aus :]

  11. #11 phunc
    5. August 2015

    @sicknick

    Jene, die sich fragen ob man das nicht auch viel billiger hätte realisieren können – das sind auch nur jene, die großarti rumkritisieren, aber selbst keine Alternativen bieten.

    Denn jene, die sich fragen ob das nicht auch billiger geht, die sitzen bereits in den Gremien und in den Instituten und stellen sich stets diese Fragen, erarbeiten Konzepte und realisieren diese dann.

    Natürlich kommt dann immer ein fachfremder Dunning-Kruger-Affe und weiß es nach wie vor besser. Radionuklidbatterie anstatt Solarbetrieb, zur Venus statt zum Mars, lieber im Ozean als die ISS, lieber Klimaschutz als mit Raketen das Ozonloch zerschießen. Und witzigerweise sind das dann exakt die gleichen Leute, die dann den Spieß umdrehen, wenn es um ein anderes Forschungsgebiet geht. Diese “gehts nicht auch billiger” Menschen haben immer was zu meckern, denn es ist ihre Leidenschaft. Auf wissenschaftlicher Ebene haben diese Menschen absolut nichts zu bieten, schon gar nicht im entsprechenden Fachgebiet. Aber hey, man hat ja ein Studium absolviert also ist man ja auch Akademiker und irgendwo hat man mal was gelesen und bei Wikipedia steht auch was und deshalb hat man auf jeden Fall Recht, darf sich das Maul zerreißen und die eigentlichen Fachleute durch den Kakao ziehen.

  12. #12 Alderamin
    5. August 2015

    @Dampier

    Das war übrigens einer der Kritikpunkte: dass solche Forschungen ja “nur” der bemannten Raumfahrt zugutekämen, die ja ebenso zweifelhaft sei …

    Stimmt ja nicht, Osteorporose und Störungen des Gleichgewichtsorgans gibt’s auch auf der Erde (beim Ohrenausspülen beim Hausarzt habe ich mal Wasser in’s Innenohr bekommen, heißa, da geht’s dann rund!).

    Es ist ja gerade das Wesen der Grundlagenforschung, dass man sie nicht nach Rentabilitätskriterien messen kann.

    Weiß ich ja, deswegen habe ich ja auch nur nach Papers gefragt. Irgendein Ergebnis, irgendeine Erkenntnis muss ja am Ende herausspringen bei solchen Experimenten. Die Frage ist halt, ob die in irgendeiner Weise wertvoll sind, wenigstens im interlektuellen Sinne.

  13. #13 Alderamin
    5. August 2015

    @phunc

    Jene, die sich fragen ob man das nicht auch viel billiger hätte realisieren können – das sind auch nur jene, die großarti rumkritisieren, aber selbst keine Alternativen bieten.

    Das stimmt so nicht. Der bemannten Raumfahrt sind eine Menge unbemannte Projekte zum Opfer gefallen, z.B. der Terrestrial Planet Finder oder Jupiter Icy Moons Explorer. Die NASA muss ihr Budget ständig zwischen bemannter und unbemannter Raumfahrt hin- und herjonglieren, und die bemannte Raumfahrt frisst eine Menge Kapazität. Prestigeprojekte wie die ISS oder das Projekt Constellation fressen insbesondere bei Verzögerungen und Kostensteigerungen mehr Budget als geplant.

    Nicht alles, aber vieles, was auf der ISS gemacht wird, ließe sich auch in Satelliten einbauen. Forschung am Menschen natürlich nicht. Und nicht jeder vertritt die Auffassung, dass man Menschen zum Mars schießen sollte.

    Das hat nichts mit Dunning-Kruger zu tun, das sagen auch einige Wissenschaftler.
    http://www.theguardian.com/science/2010/jul/26/martin-rees-space
    http://spacenews.com/manned-vs-unmanned-spaceflight-dispute-goes-congress/

  14. #14 Till
    5. August 2015

    @sicknick Mit dem Ersparten hätte man sicher einiges an zusätzlicher Forschung, eine Weiterentwicklung der internationalen Zusammenarbeit und der Motivation junger (vielleicht vor allem weiblicher) Menschen für ein naturwissenschaftliches Studium finanzieren können.

    Ich denke, es gibt kaum einen Forschungsbereich der so viele junge Menschen begeistert wie die bemannte Raumfahrt. Wie viele Kinder schauen in den Himmel, sehen die ISS vorbeisausen und wünschen sich dann Astronautin zu werden!? (Ich weiß zumindest, dass das bei meinen Kindern und mir so funktioniert hat ;-)). Weibliche Forscherinnen könnte man vermutlich am besten gewinnen, indem man mehr weibliche Astronautinnen zur ISS schickt.

  15. #15 dgbrt
    5. August 2015

    Was nützt uns die ISS?
    -Grundlagenforschung in allen Bereichen der Naturwissenschaften. Warum das wichtig ist, ist im Artikel erklärt.
    -Weitreichende Erfahrungen im Bereich der bemannten Raumfahrt, um eine dauerhafte Präsenz des Menschen im All zu ermöglichen. Seit 15 Jahren sind permanent Menschen im All, und vorher haben die Sowjets/Russen auf der MIR 10 Jahre vorgelegt.

    Warum ist die ISS bemannt (und natürlich auch befraut)?
    Bei Automaten geht immer mal was kaputt, so auch bei den vielen automatischen Experimenten auf der ISS. Wenn dann keine Menschen eingreifen können ist das Experiment hin.
    Nur drei kleine Beispiele: Wenn Spirit auf dem Mars von Menschen betreut worden wäre würde der wohl heute noch arbeiten. Die Jupiter-Sonde Galileo konnte ihre Hauptantenne nicht vollständig entfalten. Menschen konnten auf der Reise zum Jupiter nicht helfen.
    Die erste US-Raumstation Skylab hat den Orbit nur mit sehr schweren Beschädigungen erreicht. Ohne die Reparaturen von den Astronauten wäre das Labor von Anfang an verloren gewesen.

    Warum ist die ISS so teuer?
    Google sagt: 150 Milliarden USD 😉 . Google sagt aber nicht, was Grundlage der Berechnung ist ;( . Da sind mit Sicherheit die sündhaft teuren Space-Shuttle dabei; diese Kosten tragen etwa zu einem Drittel an den Gesamtkosten bei.
    Und nur zum Vergleich: Die oben erwähnte Galileo-Raumsonde hat laut Google 1,6 Milliarden USD gekostet und bei weitem nicht das geleistet, was man sich erhofft hatte. Da waren vielleicht zehn wichtige Messinstrumente an Bord, auf der ISS sind und waren es hunderte.

  16. #16 Suse
    bad Kissingen
    5. August 2015

    Dazu fällt mir fällt mir Unterhaltung zw. Faraday und dem britischen Premierminister Gladstone ein: “Ist ja schön und gut, mit den unsichtbaren Kraftlinien. Aber was bringt uns das alles?”
    “Sie haben recht! Keine Ahnung für was das mal gut sein wird. Aber ich weiß, dass sie eines Tages Steuern darauf erheben werden!” antwortete Faraday.

  17. #17 bruno
    5. August 2015

    …ich wollte lange schon mal nachgefragt haben, ob und was für konkrete ergebnisse man aus der iss bislang ziehen konnte – also danke für den artikel!
    das scheint ungefähr die mieseste pr-abteilung EVER!
    kaum ein mensch weiss, was die da oben treiben, aber ungefähr viele wissen, was das kostet.

    ich sah letztens eine doku, wo einfach nur kosten/nutzen anhand kosten/papers aufgelistet wurde. ich kann weder die quelle noch exakte zahlen liefern – aber in richtung alderamin: iss-experimente waren grob 3000 papers, hubble ca. 7000 … also ein “paper-price” von locker 1/20. (also zugunsten satelliten-gestützter experimente)
    ich kann überhaupt nichts zur relevanz der paper sagen … und masse ist ja nicht alles.

    dennoch frage ich mich seit jahren: was um himmel willen (kalauer) machen die da oben??
    und warum bemannt…

    (ich weiss, dass FF das anders sieht…:)

  18. #18 dgbrt
    5. August 2015

    @bruno:
    Die NASA macht regelmäßig Veröffentlichungen hier:
    http://www.nasa.gov/mission_pages/station/main/index.html
    Ist natürlich Englisch…
    Auf Spaceref.com wird das etwas aufbereitet:
    http://spaceref.com/international-space-station/
    Auch Englisch…
    Die ESA hat natürlich auch viel:
    http://www.esa.int/Our_Activities/Human_Spaceflight/International_Space_Station
    Meistens Englisch, aber bei der ESA gibt es auch deutsche Seiten.
    Und bei der DLR gibt es natürlich auch einiges:
    http://dlr.de/dlr/de/desktopdefault.aspx/tabid-10300

    Das so viel, dass kein Mensch alles lesen kann. Die ISS ist einfach zu groß. In der Presse landen aber nur Espresso-Maschinen für Samantha Cristoforetti.

  19. #19 Braunschweiger
    6. August 2015

    @dgbrt: So viel Zeit muss sein:
    Das DLR… (das Deutsche Zentrum für…)

  20. #20 Alderamin
    6. August 2015

    @dgbrt

    Aber Astro-Alex hat viel Presse bekommen. So einer müsste öfters oben sein. Wir hatten schon mehrere Astronauten auf der Mir und dem Shuttle, aber die waren längst nicht so prominent zu sehen.

    Was Gerst richtig gemacht hat war, ein paar für’s einfache Publikum interessante Experimente vorzuführen, Chats und Interviews mit Fragen aus der Bevölkerung durchzuführen und reichlich Bilder zu tweeten und Videos auf Youtube hochzuladen. Er (und sicherlich ein Team hinter ihm) hat sich sehr die um Öffentlichkeitsarbeit gekümmert. Jetzt hat ihm sogar Sido ein Lied gewidmet. So kann man die Jugend für Technik begeistern. Das hat lange gefehlt. Wir brauchen mehr Alexe. Oder schickt ihn nochmal rauf. Er war neulich sogar im Gespräch als ESA-Kandidat für eine Mondumrundung mit Orion. Gut so.

    Das wäre dann übrigens auch ein Argument für die ISS: neben den Experimenten, der Förderung von Spitzentechnologie und der internationalen Zusammenarbeit (auch mit Russland), dass junge Leute für Naturwissenschaft und Technik begeistert werden, dass sie als kleine Kinder davon träumen, Astronaut zu werden (auch wenn sie’s am Ende nur zum Ingenieur oder Informatiker bringen). Das ist mit Geld nicht zu verrechnen und das ist für mich der wichtigste Grund für die bemannte Raumfahrt.

  21. #21 bruno
    6. August 2015

    @#18dgbrt
    ja, dass man was rausfinden kann ist klar (danke für die liste!) – aber was davon in der öffentlichkeit landet finde ich … merkwürdig. in erster linie eben die kosten.
    ich würde als pr-mann der iss ständig meine kontakte nutzen und ewig und 3-tage hochgradig coole wissenschaft in der presse lancieren. dass das nicht passiert finde ich eben… merkwürdig.
    lg

  22. #22 buchstaeblich
    Unterföhring
    6. August 2015

    Herr Dr. Freistetter,
    ich glaube, die Nichtverstehenwoller sind einigermaßen eng verwandt mit den Menschen, die sagen, man solle erst sämtliche Probleme in Deutschland lösen, bevor man Flüchtlinge aus anderen Ländern aufnimmt.

    Manchmal sitzt man in gastronomischen Betrieben neben Stammtischen, und da wird ja nicht immer nur geflüstert …

    Gastronomie scheint irgendwie nicht zu Astronomie zu passen, obwohl es nur einen einzigen Buchstaben Unterschied gibt, so unter rein optischen Gesichtspunkten.

    Diese Leute verzichten ja auch nicht auf den Konsum von Bier, bevor nicht alle Menschen auf Planet Erde Zugang zu Bier haben.
    Ob meine Worte hier jetzt weiterhelfen können, weiß ich aber auch nicht.

  23. #23 Florian Freistetter
    6. August 2015

    @buchstaeblich: “Gastronomie scheint irgendwie nicht zu Astronomie zu passen, obwohl es nur einen einzigen Buchstaben Unterschied gibt, so unter rein optischen Gesichtspunkten.”

    Ich verstehe was sie meinen – aber widerspreche angesichts meiner Artikelreihe zu “gAstronomie” trotzdem 😉 http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/tag/gastronomie/

  24. #24 dgbrt
    6. August 2015

    @bruno
    Einen Nachtrag habe ich noch: Auf YouTube gibt es gefühlt wohl 5 Jahre Videomaterial.
    Empfehlenswert sind die Führungen durch die Station von Sunita Williams oder dem ESA-Astronauten Andre Kuipers. Unser Alex zeigt die MAUS und vieles mehr.

    Die Mehrheit interessiert sich aber mehr für explodierende Cola-Light-Flaschen und anderes Zeugs.
    Wer also den alltägliche Presse nicht mag sollte genau diesen Blog regelmäßig lesen.

    @Alderamin:
    Astro-Alex ist Klasse und macht eine sehr gute Öffentlichkeitsarbeit, die leider aber auch zu oft untergeht.

    Und Chris Hadfield singt “Space Oddity” in der Cupola. Das ist keine Wissenschaft aber der Beweis, was Menschen im Weltraum heute alles können. Piep, piep, piep,…

  25. #25 Dampier
    7. August 2015

    TV-Tipp (Arte): heute gibts eine Doku von/über Alexander Gerst und Reid Wiseman auf der ISS. Die ist hoffentlich weniger tendenziös als die in #4 genannte …

    Danach noch ne frz. Doku über Kepler.

    http://fs1.directupload.net/images/150807/p4agwwgd.png

  26. #26 Alderamin
    16. August 2015

    @Dampier

    Habe die Sendung über Gerst, nachdem der letzte Woche höchstpersönlich in einem Tweet auf die Wiederholung vergangenen Freitag aufmerksam gemacht hatte (die ich allerdings verpennte…), gestern in der Arte-Mediathek geschaut, schön auf dem großen 55″-Fernseher in HD. Wirklich sehr sehenswert. Möchte ich hier nochmal drauf aufmerksam machen. Unbedingt anschauen!

  27. #27 Dampier
    17. August 2015

    Hallo Alderamin, hab die Sendung neulich leider nicht sehen können, aber nach deiner Empfehlung werde ich das demnächst mal nachholen.