Im Dezember 2012 habe ich die erste Folge des Sternengeschichten-Podcasts veröffentlicht. Jetzt, fast vier Jahre später bin ich schon bei Folge 200 angelangt. Was in den 199 Folgen der Vergangenheit passiert ist, kann man nachlesen und nachhören aber nicht mehr ändern. Was in den Folgen der Zukunft passieren wird, weiß ich noch nicht. Vergangenheit und Zukunft sind nicht mehr und noch nicht real. Aber die moderne Physik eine viel seltsamere Vorstellung vom Verlauf der Zeit. Im “Blockuniversum” gibt es zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht nur keinen Unterschied; alle sind auch gleichzeitig real und existent…

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Transkription

Sternengeschichten Folge 200: Das Blockuniversum und die Illusion der Zeit

Vor fast 4 Jahren habe ich die erste Folge der Sternengeschichten veröffentlicht. Seitdem gab es jede Woche eine neue Geschichte und es wird auch in Zukunft jede Menge neue Geschichten geben. Was in den 199 Folgen der Vergangenheit passiert ist, kann ich jederzeit nachlesen und nachhören. Was ich in den Folgen der Zukunft erzählen werde, weiß ich noch nicht. So ist das eben mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Die Gegenwart passiert gerade jetzt. Die Vergangenheit ist längst vorbei und nicht mehr real und die Zukunft noch unbestimmt und ungewiss und ebenso wenig real wie die Vergangenheit.

So erscheint es uns zumindest. Die moderne Physik hat dagegen eine etwas andere Sicht auf die Dinge. Im Rahmen des sogenannten “Blockuniversums” werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft völlig anders beschrieben. Die Vergangenheit ist nicht vorbei. Die Zukunft ist nichts, was erst noch passieren muss. Die Vergangenheit des einen ist die Zukunft eines anderen und umgekehrt. ALLES ist quasi Gegenwart; jeder Zeitpunkt ist real und nichts je wirklich vergangen.

So hat man sich im Jahr 1902 das Jahr 2000 vorgestellt (Bild: gemeinfrei)

So hat man sich im Jahr 1902 das Jahr 2000 vorgestellt (Bild: gemeinfrei)

Das klingt enorm verwirrend, das ist auch enorm verwirrend und vor allem widerspricht es massiv unserer alltäglichen Erfahrung. Aber wenn man ein wenig genauer darüber nachdenkt, dann ist die Sache mit dem Blockuniversum nicht so absurd wie sie auf den ersten Blick erscheint.

Um zu verstehen worum es geht muss man sich mit dem Problem der Gleichzeitigkeit beschäftigen. Stellt euch vor, ihr sitzt auf einer großen Wiese. 100 Meter links von euch steht eine Lampe; 100 Meter rechts von euch ebenfalls. Die Lampen werden eingeschaltet und ihr sollt herausfinden, ob das gleichzeitig geschieht oder nicht. Das ist kein großes Problem: Wenn ihr beide Lichter im gleichen Moment aufleuchten seht, dann wurden sie zum gleichen Zeitpunkt eingeschaltet. DAMIT ihr sie aufleuchten sehen könnt, muss sich aber das Licht der Lampe erstmal bis zu eurem Standpunkt bewegen. Das ist ein wichtiger Punkt der nicht übersehen werden darf!

Um 100 Meter zurück zu legen, braucht das Licht mit Lichtgeschwindigkeit 333,6 Nanosekunden. Wenn die beiden Lampen links und rechts beide tatsächlich exakt 100 Meter entfernt sind und beide exakt im gleichen Moment eingeschaltet werden, dann kommt das Licht beider Lampen auch exakt nach 333,6 Nanosekunden bei auch an. Und ihr werdet feststellen: Beide Lampen wurden gleichzeitig eingeschaltet.

So weit ist noch alles ziemlich klar. Kompliziert wird es erst, wenn man die spezielle Relativitätstheorie von Albert Einstein berücksichtigt. Hier kann man nun Raum und Zeit nicht mehr unabhängig voneinander betrachten. Beides hängt zusammen und damit verändert sich auch der Blick auf das, was wir “Gleichzeitigkeit” nennen.

Wenn zum Beispiel die Lampe links von euch 100 Meter entfernt ist und die rechts von euch 110 Meter, dann braucht das Licht der rechten Lampe ein wenig länger bis es euch zu gelangt. Auch wenn beide Lampen “gleichzeitig” eingeschaltet werden, seht ihr doch zuerst die linke aufleuchten und dann, 33,6 Nanosekunden später, die rechte. Aus eurer Sicht sind sie also NICHT gleichzeitig eingeschaltet worden. Und man muss sich klar machen, dass es sich hier nicht um irgendein technisches Problem handelt, sondern ein fundamental physikalisches. Keine Information kann sich schneller als das Licht ausbreiten.

Was bei den 100 Meter entfernten Lampen noch seltsam klingt wird nicht mehr ganz so seltsam, wenn man die Distanzen ein wenig vergrößert. Was ist mit einem Stern, der fern im Universum gerade sein Leben beendet und als Supernova explodiert. Das Licht der Explosion bewegt sich durch den Weltraum und braucht viele Jahre, Jahrhunderte oder Jahrtausende bis es bei auch angelangt ist. Und erst dann hat dieses Ereignis auch für euch stattgefunden. Bevor das Licht nicht angekommen ist, gibt es absolut keine Möglichkeit für euch irgendetwas über die Existenz dieser Supernova zu erfahren. Man kann vielleicht nachträglich beobachten und berechnen, wie lange das Licht unterwegs war. Vielleicht ist die Supernova 5000 Lichtjahre entfernt und dann hat das Licht auch 5000 Jahre gebraucht um bis zu euch zu kommen. Dann könnte man sagen: “In Wahrheit hat die Supernova nicht jetzt stattgefunden, sondern schon vor 5000 Jahren”. Aber physikalisch macht das eben nicht viel Sinn. Denn vor 5000 Jahren hattet ihr keinen blassen Schimmer, dass da irgendwo im Universum ein Stern explodiert und auch ganz fundamental keine Möglichkeit davon zu wissen. Das, was damals passiert ist, war kein Teil des Universums der euch damals zugänglich war; es war aus eurer Sicht nicht existent.

Die einzige sinnvolle Möglichkeit, Gleichzeitigkeit zu definieren ist die oben beschriebene. “Gleichzeitig” oder “Jetzt” passiert für euch all das im Universum von dem Licht bzw. allgemein “Informationen” in diesem Moment zu euch gelangen. Wenn man das Beispiel der beiden Lampen von vorhin verallgemeinern will, dann kann man sich jede Menge Lampen in allen möglichen Entfernungen vorstellen. All diejenigen, deren Licht im gleichen Moment bei euch ankommt, sind Teil des Bereichs der Raumzeit, der die für diesen Moment und für euch gültige “Fläche der Gleichzeitigkeit” definiert. Dieser Bereich ist eure Gegenwart. Alle Lampen deren Licht vor diesem Moment bei euch ankam gehören zur Vergangenheit; alle Lampen deren Licht erst noch ankommen muss, sind Teil des Zukunftsbereichs der Raumzeit.

Das ist zwar schon ein wenig verwirrend, aber noch nicht das, worum es eigentlich geht. So richtig knifflig wird es erst, wenn man zwei unterschiedliche Beobachter betrachtet. Stellt euch jetzt wieder die Wiese mit den beiden jeweils 100 Meter entfernten Lampen vor. Nun seid ihr aber nicht alleine. Ihr steht unbewegt genau in der Mitte zwischen den beiden Lampen. Eine andere Person bewegt sich aber nun entlang der Linie zwischen den beiden Lampen; sagen wir von der linken Lampe hin zur rechten. Jetzt sollt ihr beide bestimmen, ob die Lampen gleichzeitig eingeschaltet werden oder nicht.

Bei euch bleibt alles so wie es war. Ihr bewegt euch nicht, die Lampen bewegen sich nicht und das Licht kommt sowohl von links als auch von rechts nach genau 333,6 Nanosekunden bei euch an. Ihr stellt fest: Beide Lampen wurden gleichzeitig angeschaltet; beide Einschaltereignisse gehören also zu eurer momentanen Gegenwart. Was sieht aber die Person, die sich bewegt. Sie steht nicht still sondern bewegt sich von der linken Lampe weg und auf die rechte Lampe zu. Das Licht der linken Lampe muss also einen etwas längeren Weg zurück legen, das der rechten Lampe einen Weg der ein bisschen kürzer ist. Die Person die sich bewegt sieht also zuerst die rechte Lampe aufleuchten und danach erst die linke Lampe. Aus ihrer Sicht haben die beiden Ereignisse nicht gleichzeitig stattgefunden!

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (Bild: stib, CC-BY-SA 3.0)

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (Bild: stib, CC-BY-SA 3.0)

Das ist erst einmal nur das, was Albert Einstein in seiner speziellen Relativitätstheorie festgestellt hat: Die Zeit vergeht für Beobachter die sich unterschiedlich schnell bewegen auch unterschiedlich schnell. Es gibt keine absolute Zeit. Bei näherer Betrachtung ergeben sich daraus aber seltsame Konsequenzen.

Für einen bewegten Beobachter passieren andere Dinge “genau jetzt” als für einen ruhenden Beobachter. Beide haben unterschiedliche Auffassungen der Gegenwart und damit auch unterschiedliche Ansichten von Zukunft und Vergangenheit. Es kommt ganz auf die Bewegung an. Zwei Ereignisse – wie das Einschalten der beiden Lampe auf der Wiese – können gleichzeitig geschehen, so wie ihr das beobachtet wenn ihr in Ruhe zwischen den Lampen steht. Ein bewegter Beobachter kann aber je nach Art der Bewegung auch die linke Lampe vor der rechten oder die rechte vor der linken Aufleuchten sehen. Wenn sich auf der Wiese also jede Menge Personen mit verschiedenen Geschwindigkeiten in verschiedene Richtungen bewegen, dann werden sie alle zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen über die Zeit und die Abläufe kommen.

Das was für den einen schon Vergangenheit ist, kann für den anderen noch in der Zukunft liegen. Das was für manche “gerade jetzt” passiert, ist für andere schon längst geschehen und muss für wieder andere erst passieren. Es läuft alles darauf hinaus, dass es keine Möglichkeit gibt, einen bestimmten Beobachter oder einen bestimmten Zeitpunkt objektiv als “Gegenwart” zu bestimmen. Es hängt immer von der Perspektive des jeweiligen Beobachters ab. Wenn nun aber alle Beobachter und alle Perspektiven gleichwertig sind, dann folgt daraus auch, dass eben keine eindeutige “Gegenwart” GIBT. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nicht klar und objektiv voneinander getrennt!

Unsere Vergangenheit, die uns als fix bestimmt, schon längst abgelaufen und nicht mehr existent erscheint, ist aus Sicht eines anderen Beobachters noch gar nicht passiert. Umgekehrt ist unsere Zukunft, von der wir noch nichts wissen und wissen können die Gegenwart oder die Vergangenheit eines anderen Beobachters irgendwo im Universum.

Genau das ist das Konzept des “Blockuniversums”. Man stellt sich die komplette Raumzeit – alle Orte und alle Zeitpunkte des gesamten Universums – als großen, vierdimensionalen Block vor. Das was wir momentan als “Gegenwart” empfinden ist ein bestimmter Schnitt durch diesen Block (und ein Schnitt durch einen vierdimensionalen Block ist dann logischerweise ein dreidimensionaler Raum). Aber wie genau dieser Schnitt im vierdimensionalen Block ausgewählt wird, hängt von der Geschwindigkeit ab, mit der wir uns bewegen! Wir mögen zwar nur die Gegenwart als “real” empfinden. Aber da eben alle Perspektiven gleichwertig sind und es keine Möglichkeit, eine einzige davon objektiv als “die richtige” zu bestimmen, sind eben auch ALLE Perspektiven und ALLE daraus erwachsenden Gegenwarten real.

Das gesamte Universum, in Raum UND Zeit ist gleichermaßen real. Die Vergangenheit ist nicht weniger real als die Zukunft. Nichts ist wirklich “vergangen”. Und das was aus unserer Sicht noch erst in der Zukunft passieren muss, ist für andere schon längst Vergangenheit. “Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion.” sagte Albert Einstein. “Wenn auch eine sehr hartnäckige…”

Kommentare (22)

  1. #1 Kaya
    23. September 2016

    Hallo und Glückwunsch zu 200 Sternengeschichten! Ich bin erst seit kurzem Hörer und freue mich immer über deine Arbeit und Energie, die du in deinen Podcast investiert.
    Leider sind mir bisher die Shownotes entgangen, aber das hole ich nach.
    Vielen Dank

  2. #2 Ludger
    23. September 2016

    Die Vorstellung ist erst einmal verstörend, folgt aber aus der Allgemeinen Relativitäts Theorie. Mal sehen, ob es bei der Vorstellung eines Blockuniversums bleiben kann, wenn es demnächst (?) eine mit der Quantenphysik vereinigte Theorie der Quantengravitation gibt.

  3. #3 Andreas
    23. September 2016

    Hallo Florian,
    wenn ich das richtig verstanden habe, existiert die Gleichzeitigkeit für die beiden Beobachter in deinem Wiese-Lampen-Beispiel deswegen nicht, weil das Licht, also die Information, unterschiedlich lang braucht, um bei den Beobachtern anzugelangen. Deswegen haben sie eine unterschiedliche Erfahrung von Gegenwart. Wie ist/wäre es denn nun, wenn die beiden Beobachter verschränkt sind (wenn das überhaupt möglich ist) und somit dann ja irgendwie doch gleichzeitig über den selben Informationsstand verfügten. Dann wüsste doch der eine Beobachter, daß das Licht NOCH nicht beim anderen Beobachter angekommen ist und der andere Beobachter wüsste, daß das Licht SCHON beim anderen Beobachter angekommen ist. Insofern wäre da dann doch eine allgemeine Gleichzeitigkeit vorhanden ? Oder verstehe ich das falsch ?

    LG
    Andreas

  4. #4 Florian Freistetter
    23. September 2016

    @Andreas: “Wie ist/wäre es denn nun, wenn die beiden Beobachter verschränkt sind (wenn das überhaupt möglich ist) “

    Da musst du einen Quantenmechaniker fragen. Die Frage ist aber ziemlich theoretisch, weil es mehr oder weniger unmöglich ist, etwas das man zu Recht “Beobachter” nennen kann, quantenmechanisch zu verschränken.

  5. #5 Markus
    Dortmund
    23. September 2016

    Alles schön und gut aber aus mathematischer Sicht kann das Licht die Person die sich von ihm fortbewegt niemals erreichen weil die Person immer noch ein Stück weiter entfernt ist als zuvor.
    Somit kann man das sich nicht so einfach machen. Die sternexplosion hatte mit Sicherheit Auswirkungen auf ihrer unmittelbare Umgebung zu dem Zeitpunkt als sie passiert ist. Und ein neutronenblitz schert sich auch nicht darum wann wir ihn anmesse können sonder bewirkt etwas im Zeitpunkt des entstehens. Nur weil wir heute noch nicht die technischen Möglichkeiten haben etwas zu beobachten passiert es trotzdem. Und wir können heute Dinge messen sehen oder für uns sichtbar machen die wir vor 500 Jahren noch nicht konnten. Nur weil wir nichts von schwarzen löchern wussten haben sie dennoch Auswirkungen. Dein Beitrag erklärt zu sehr aus der Sicht der Beobachtung und vermittelt ein Unstimmiges Bild.

  6. #6 Frantischek
    23. September 2016

    Ist es möglich auf der Grundlage des Gleichnisses mit den Lampen auf der Wiese (oder was ähnlich simplen) zu beschreiben warum man “in der Zeit zurück reist(en würde/könnte) ” wenn man sich schneller als das Licht bewegt(en würde)?

    Das hab ich nämlich noch immer nicht verstanden, und so was verständliches wär da echt hilfreich…

  7. #7 Matthias
    Erde :)
    23. September 2016

    Guten Tag,
    Auch ich habe erst vor ein paar Wochen die Sternengeschichten entdeckt, und sie sind jetzt meine morgendliche Unterhaltung mit Lerneffekt im Auto. Vielen Dank! Ich weiss, man weiss nie, was die Zukunft bringt, aber ich hoffe doch sehr, dass es noch viele Sternengeschichten geben wird… Stoff sollte ja genug da sein :) Besten Dank!

  8. #8 Armin
    Bornheim
    23. September 2016

    Danke für die verständliche Darstellung! Ich plädiere in diesem Zusammenhang dafür, den Begriff der Zeitdimension durch “Entropiedimension” zu ersetzen. Das wäre m.E. präziser und würde helfen, Missverständnisse zu vermeiden.
    Interessant sind auch die möglichen Konsequenzen aus dem Modell des Blockuniversums. So wird aus gesamtkosmischen Ereignissen, insbesondere dem Urknall, ganz zwanglos ein Punkt der Raumzeit wie jeder andere. Auch ist die Frage nach dem “Davor” und “Danach” leicht zu beantworten. Das Blockuniversum benötigt beides nicht. Es existiert einfach.

  9. #9 Florian Freistetter
    23. September 2016

    @Markus: “Alles schön und gut aber aus mathematischer Sicht kann das Licht die Person die sich von ihm fortbewegt niemals erreichen weil die Person immer noch ein Stück weiter entfernt ist als zuvor.”

    Ähm. Also Zenons Paradox hat man schon seit ein paar hundert Jahren aufgelöst…

  10. #10 Karl-Heinz
    24. September 2016

    @Frantischek

    zu beschreiben warum man “in der Zeit zurück reist(en würde/könnte) ” wenn man sich schneller als das Licht bewegt(en würde)?

    Grafisch kann man mit Hilfe des Minkowski-Diagramm anschaulich zeigen, dass sich mit überlichtschnellen Signalen Informationen in die eigene Vergangenheit senden ließen.

    Deshalb die Frage an dich, ob Minkowski-Diagramm ein Begriff für dich ist?

  11. #11 Alderamin
    24. September 2016

    Das Problem der Gleichzeitigkeit lässt sich nicht alleine auf die Lichtlaufzeiten aufgund verschiedener Entfernungen zurück führen, die man ja leicht berücksichtigen könnte. Selbst wenn man über die bekannte Entfernung mit der Lichtlaufzeit zurückrechnet, wann ein Ereignis tatsächlich stattgefunden hat (also etwa die Supernova vor 5000 Jahren), dann werden trotzdem bewegte und unbewegte Beobachter über die Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse verschiedener Meinung sein.

    Nach der speziellen Relativitätstheorie ist die Lichtgeschwindigkeit in allen gleichförmig bewegten Bezugssystemen gleich groß. Sitzt nun etwa ein Beobachter in einem hypothetischen Zug genau in der Mitte zwischen zwei Lampen, die aus seiner Sicht gleichzeitig eingeschaltet werden, dann erreicht ihn ihr Licht aus seiner Sicht zur gleichen Zeit, egal wie schnell sich der Zug bewegt, denn der Weg zu den Lampen ist gleich weit und das Licht ist immer gleich schnell, egal wie schnell der Zug unterwegs ist.

    Für einen ruhenden Beobachter bewegen sich die Lichtimpulse jedoch nicht mit dem Zug, sondern in Bezug auf ihn selbst mit Lichtgeschwindigkeit, unabhängig vom Zug, und der Beobachter im Zug bewegt sich auf das Licht der einen Lampe zu und vom Licht der anderen Lampe weg. Obwohl er genau in der Mitte der beiden Lampen ist, wird der externe Beobachter also behaupten, das Licht der Lampe weiter vorne im Zug erreicht den Beobachter eher, weil er sich während der Laufzeit des Lichts auf die Lichtwellen zu bewegt und somit die Entfernung zu dem Punkt, wo sie ausgesendet wurden, verkürzt, während er sich von dem Punkt, wo die Wellen die hinten liegende Lampe verließen, entfernt und deren Laufzeit verlängert.

    Obwohl also der gleiche Vorgang mit den gleichen Entfernungen (relativen Entfernungen, wegen der Längenverkürzung) beobachtet wird, werden die beiden Beobachter nicht der gleichen Meinung sein, wann die Lampen gleichzeitig eingeschaltet wurden, auch bezogen auf den Zeitpunkt zurückgerechnet auf den Ort der Quelle.

    Genau deswegen ist es nicht möglich eine physikalisch universell gültige Gegenwart zu definieren. Man kann das nur innerhalb eines festen Bezugssytems tun; in der Milchstraße geht das wegen der geringen Geschwindigkeiten noch ganz gut, da könnte man sich mit anderen Bewohnern einigen, wann eine Supernova stattfand und wieviel später danach eine zweite. Bei weit entfernten Galaxien bekäme man hingegen Probleme.

  12. #12 Joseph Kuhn
    24. September 2016

    Frage eines Nichtphysikers: Unsere Erfahrungen ordnen wir zeitlich nicht aus der Sicht anderer Beobachter ein, sondern wir erleben sie in einem Strom von Vorher und Nachher, der unumkehrbar ist – was wir gestern erlebt haben, können wir selbst nicht noch einmal durchleben, egal wann dieses Gestern für einen anderen Beobachter zur Gegenwart wird. Ist dieses Vorher und Nachher der eigenen Erfahrungen, der Lebenszeit, dann doch absolut? Oder ist hier von einem Vorher und Nachher in einem anderen Sinn die Rede als in der Physik? Das frage ich mich, kurz nach dem Essen und kurz vor den Nachrichten.

  13. #13 Martin Moder
    24. September 2016

    Gratulation zum Jubiläum!

    Biran Greene hat eine großartige Animation zum Block Universum und seinen Folgen

  14. #14 Jakob H.
    24. September 2016

    Gratuliere zur 200. Und vielen Dank für alles.

  15. #15 Schmidts Katze
    24. September 2016
  16. #16 Joseph Kuhn
    25. September 2016

    @ Schmidts Katze:

    Danke. Also geht es gar nicht um das lokale Vorher-Nachher, sondern “nur” um Gleichzeitigkeit bei distanten Ereignissen und bewegten Beobachtern?

  17. #17 Cobalt
    25. September 2016

    @ Joseph Kuhn

    Sie sprechen ein außerordentlich interessantes Thema an: Den Unterschied zwischen objektiver und subjektiver Zeit.

    Es ist hier nicht der Platz für ausführliche Erörterungen, daher nur einige Hinweise, die notgedrungen unvollständig sein müssen.

    Wie Sie wissen, besteht die umstürzende Leistung Immanuel Kants (in diesem Zusammenhang) darin, die Frage gestellt zu haben: „Was können wir erkennen?“ Er gelangt zu dem Ergebnis, daß wir uns zwar verschiedene Gegebenheiten, die sich unserer Erkenntnis offenbaren, auch als andersgeartet vorstellen können (die Tischdecke unter meiner Suppenterrine könnte, anstatt ein rotes Karomuster aufzuweisen, auch grüne Blattornamente zeigen; mein Auto könnte blau statt gelb lackiert und vier statt drei Meter lang sein usw. usf.), aber, so Kant, es gibt Aprioris der Erkenntnis, die condition sine qua non eben dieser – menschlichen – Erkenntnis sind: Raum, Zeit (daraus folgend: Kausalität und Substantialität). Mein Auto könnte also blau statt gelb sein usw.: Es ist aber unter keinen Umständen vorstellbar, daß es keine räumliche Ausdehnung und keine zeitliche Dauer hat. Vorstellbar im wahrsten Sinne des Wortes: Raum und Zeit sind Bedingungen jeder menschlichen Erkenntnis („Apriori“ meint eben in diesem Sinne: von vornherein vorhanden, grundlegend). Ohne die Kategorien Raum und Zeit ist (menschliche) Erkenntnis schon als Begriff sinnlos. Selbst wenn Sie die Augen schließen und versuchen, sich „Nichts“ vorzustellen, haben Sie allenfalls eine Art schwarzen Raum „vor“ sich, der in der Zeit existiert, nämlich solange, wie Sie versuchen, sich ein „Nichts“ zu denken.

    Aus diesem Grunde stoßen wir auch auf ein undurchdringbares Erkenntnishindernis, wenn wir versuchen, uns eine Zeit „nach“ unserem Tode vorzustellen, denn mit dem Tode endet für jeden Menschen die Erkenntnis, mithin enden auch Raum und Zeit – für ihn, subjektiv. „Die Welt ist meine Vorstellung“, so beginnt Schopenhauer sein Hauptwerk. Ohne Subjekt kein Objekt. Wenn Sie sagen: „Aber Kaiser Wilhelm hat doch gelebt“, – um damit zu beweisen, daß es auch weit vor Ihrer Zeit (Zeit!) eine Welt und Menschen gab, so ist zu entgegnen: Nun, die Vorstellung von Kaiser Wilhelm, oder von Cäsar oder den Dinosauriern ist eben in diesem Ihrem subjektiven Jetzt, in diesem Augenblick, wo in Ihnen der Gedanke aufkommt, Ihre Vorstellung (eben in dieser Ihrer subjektiven gegenwärtigen Zeit). Selbst Ihre Erinnerungen an Momente Ihres eigenen Lebens „sind“ nicht wirklich „in“ der Vergangenheit angesiedelt, sondern als Gedankenmuster in den Strukturen Ihres jetzigen Zentralnervensystems. (Ich bitte dringend von Kommentaren abzusehen dergestalt, ich würde behaupten, Kaiser Wilhelm oder Cäsar hätten nicht gelebt. Es geht um den Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Zeit.)

    Immanuel Kant konnte aber nicht erklären: Warum „passen“ denn die Strukturen von Raum und Zeit, so wie wir sie wahrnehmen, scheinbar (scheinbar!) so perfekt auf diese Welt? Eine Erklärung liefert die Evolutionäre Erkenntnistheorie (EE), deren Stammvater Konrad Lorenz mit seinem Aufsatz „Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie“(in: Bl. f. Deutsche Philosophie 15, 1941, S. 94 – 125) den Grundstein zu dieser sehr fruchtbaren erkenntnistheoretischen Philosophie gelegt hat, die dann seit den 1970er Jahren mit den Schriften von Vollmer, Riedl et. al. sich breit herausbildete. (Ich empfehle, falls Sie daran interessiert sind, nach dieser Disziplin und entsprechenden Werken zu googeln. Hochgradig empfehlenswert in diesem Zusammenhang auch das Büchlein von Prof. Heinz Haber: „Gefangen in Raum und Zeit“, bitte ebenfalls googeln.)

    Die Erklärung der EE zu dem obengenannten Sachverhalt (ich bitte zu erinnern, daß ich nur kurz anreiße): Ja, Kant hatte zwar recht. Raum und Zeit sind Bedingungen unserer Erkenntnis, sind vor aller Erkenntnis (eben „Apriori“). Aber dies gilt nur für den je einzelnen Menschen, für dessen Ontogenese, also für seine Entwicklung, für sein Einzel-Sein als erkennendes Subjekt. Die Erkenntnisformen „Raum und Zeit“ haben sich aber, so die EE, im Laufe der Phylogenese, der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Lebewesen, über lange Zeiträume herausgebildet. Sie sind entstanden im Schraubstock der mesokosmischen Gegebenheiten unserer irdischen Umwelt. Wir leben nicht im Zustand annähernder Lichtgeschwindigkeit, nicht im Quantenkosmos, und auch nicht in andromedanischen Dimensionen. Das berühmte Beispiel von K. Lorenz (sinngemäß wiedergegeben): So wie die Flossen der Forelle schon, bevor sie der Umwelt ausgesetzt sind, die Strömungsverhältnisse des Wassers „abbilden“, so wie die Körperformen der Forellen schon im Mutterleib sich derart heranbilden, daß sie sich später in den speziellen Umweltgegebenheiten bewähren, in die hinein sie (stammesgeschichtlich) vernetzt wurden – so „passen“ unsere Erkenntnis“formen“ schon auf die Welt, bevor sie sich mit ihr auseinandersetzen müssen.

    Das heißt nun aber nicht, daß die menschlichen Erkenntnisformen, die sich in mesokosmischen Verhältnissen herangebildet haben, auch für die „Welt an sich“ angemessen sind, in dem Sinne, daß sie uns vollkommene oder auch nur annähernd unmittelbar erschließbare Wahrheiten über diese Welt (den Kosmos, das Universum, das Multiversum) liefern. Das Blockuniversum zu denken ist eine Herleitung aus den mathematischen Gegebenheiten der SRT: vorstellen (im Sinne von „be-greifen“) können wir es nicht. Wenn wir eine schematische Abbildung des Blockuniversums in einem Buch sehen, so begreifen wir diese Abbildung, diese Vorstellung nur in unserer subjektiven Zeit, wo sie sich (eben zeitlich) abspult. Die solcherart gezwungenermaßen in der Zeit ablaufende Vorstellung eines Blockuniversums, eines also zeitlosen Kosmos ist aber eben ein menschliches Konstrukt. (Das ist keinesfalls abfällig-wertend gemeint. Auch die Fischflosse ist ein evolutionär-sinnvolles Konstrukt. Sie bewährt sich im Wasser; das Fliegen ermöglicht sie nicht.) So ist auch die Frage: „Was war vor dem Urknall?“ eben deshalb sinnlos, weil „vor“ bereits „Zeit“ meint – und da menschliche Erkenntnis auf die Gestaltungsform „Zeit“ angewiesen ist, sind Zustände „jenseits“ von eindimensionaler Zeit und dreidimensionalem Raum für uns nicht erschließbar. Wie wir uns gedanklich winden und quälen mögen: Wir stoßen an eine Wand, wie ein Fisch an das Glas seines Aquariums. (Bereits der Begriff „jenseits“ ist ja ein räumlicher.) Wenn Stringtheorie et. al. durchaus nahelegen, daß vielfältig verschachtelte Dimensionen einen hyperkomplexen Gesamtkosmos-Bau gestalten: Wir bewohnen (erkenntnistheoretisch gesehen) wahrscheinlich nur ein kleines Zimmer in diesem Palast, vielleicht nur eine Besenkammer. Der “Beginn” der Raumzeit, der Anfang unseres Universums also, und der Bestand des Blockuniversums sind – für menschliche Erkenntnis – jenseitige Gegebenheiten, die sich uns zwar als aus physikalischen Zuständen (Konstanz der Lichtgeschwindigkeit u. ä.) und mathematischen Deduktionen als notwendig aufgedrängt haben (wunderbar genug, daß wir durch diese Türen einen Lichtschein aus anderen Räumen empfangen können!), aber diese “jenseitigen” Gegebenheiten werden von uns gezwungenermaßen in die Formen unserer subjektiven Erkenntnis gepreßt: in die Formen von Raum und Zeit. (Mit „Jenseits“ beziehe ich mich nicht auf Vorstellungen in metaphysischen oder religiösen Weltbildern. Das von mir genannte “Jenseits” ist nur außerhalb dessen, was unsere Erkenntnisformen erfassen können: es ist eine “weltimmanente Transzendenz”. Und daß „Beginn“ eben auch nicht wörtlich zu verstehen ist, dürfte klar geworden sein.) Oder: Subjektive Zeit ist dasjenige, was uns eine objektive (mag sein, vieldimensionale) Zeit auf unsere Erkenntnisleinwand projiziert. Wir haben in unserer Umwelt keine andere als subjektive, eindimensionale Zeit und keinen anderen als einen dreidimensionalen subjektiven Raum zum Überleben benötigt. Deshalb sind sie uns wesenseigen. Ein Computer wird nicht benötigt, wenn man nur zwei und zwei zusammenzählen muß.

  18. #18 Schmidts Katze
    25. September 2016

    Ja, bei Ereignissen mit raumartigen Abstand (innerhalb von 5 Minuten fällt Ihre Kaffeetasse vom Tisch und auf dem Mars fällt ein Sack Reis um) könnte ein Astronaut, der mit annähernd Lichtgeschwindigkeit das Sonnensystem durchfliegt, die zeitliche Abfolge anders sehen als ein unbewegter Beobachter auf der Erde.

  19. #19 Karl-Heinz
    25. September 2016

    @Florian

    Ich vermute den Alderamin hats sicher schiach Zusammengezogen, als er deine Definition von Gleichzeitigkeit gelesen hat.
    Ich gehe davon aus, dass deine Argumentation über „Was ist Gleichzeitigkeit“ die Ursache und das Zusammenziehen die Wirkung war.

    Und da beide Ereignisse (Lesen des Artikels und Zusammenziehen) am gleichen Ort stattgefunden haben, werden sie von allen Beobachtern „nahezu“ als gleichzeitig empfunden.

  20. #20 Anderas
    25. September 2016

    Der Artikel war interessant, steht aber im krassen Gegensatz zur gelebten Praxis.

    Google hat synchronisierte Atomuhren in jedem größeren Rechenzentrum um den hereinkommenden Daten einen nanosekundengenauen Zeitstempel zu geben. Anhand dieses Zeitstempel werden die Daten sortiert. Wenn ich in Europa durch eine zufällig passende Konstellation eine Sonneneruption eine Sekunde vor einem Asiaten sehen kann und ein Foto mache, dann steht mein Foto in der Timeline vor dem des Asiaten. Auch in Asien.

    So definiert Google eine generelle Gleichzeitigkeit, die vom Beobachter unabhängig ist. Und Google funktioniert. Da man nicht gegen die physikalischen Gesetze arbeiten kann, ist das Verhalten von Google wohl auch eine korrekte Definition.

    Das heißt nicht dass der Beobachterschnitt durch eine gegebene Raumzeitebene nicht funktioniert: das ist sicherlich ein hilfreicher Rechentrick um alle Kräfte zu bestimmen die in einem gegebenen Moment auf einen Körper wirken. Man sollte es aber nicht “Gleichzeitigkeit” nennen. Gerade weil die Zeit durch Gezeitenkräfte veränderlich ist, ist das eine verwirrende Begriffswahl.

  21. #21 Karl-Heinz
    25. September 2016

    @Anderas

    Ich denke auch, dass in der Praxis mit synchronisierten Uhren gearbeitet wird.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Einstein-Synchronisation

  22. #22 Karl-Heinz
    26. September 2016

    Vertreter eines Blockuniversums scheinen auf die These verpflichtet, dass alle Ereignisse der Zukunft ebenso unveränderlich sind, wie jene der Vergangenheit und Gegenwart.

    Der freie Wille wäre demnach insofern eine Fiktion, als keine Alternativen für die Zukunft bestände und in diesem Sinne auch keine Wahlfreiheit.

    Ich persönlich glaube nicht daran, dass die Zukunft bereits vorbestimmt ist.

    Vielleicht ist der Begriff „Gleichzeitigkeit“, so wie er in der SRT definiert ist, nicht mehr als eine nützliche Konvention :-)