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Keine Kaffeepause: Die bitteren Folgen von Globalisierung und Klimawandel

Ich bin ein passionierter Kaffeegenießer, aber ich werde heute bewusst die nachmittägliche Kaffeepause weglassen. Warum? Um einmal darüber nachzudenken, ob es mir schwer fallen würde auch zukünftig darauf zu verzichten. Täglich werden 2,25 Mrd. Tassen weltweit getrunken, meistens in den Industrieländern. In Deutschland allein sind es im Schnitt etwa 2-3 Tassen pro Kopf. Kaffee ist damit unbestritten das Top-Heißgetränk der Welt [1,2]. Der Löwenanteil (etwa 90%) des Kaffees werden in Entwicklungsländern produziert, hauptsächlich in Südamerika. Insgesamt werden 33 % davon in Brasilien produziert, gefolgt von Vietnam, Indonesien, Kolumbien, Honduras und Äthiopien [3]. Und der Kaffee-Durst nimmt weiter zu. Insbesondere in den bevölkerungsreichsten Ländern der Erde, China und Indien, die eigentlich als die Teeländer schlechthin bekannt sind, scheint es durch westliche Marktinteressen und wachsenden Wohlstand eine Trendwende zu geben [4,5]. Aber wie sieht es mit der Produktion aus? Die kommt vielleicht irgendwann nicht mehr hinterher. Sie hat zwar in den letzten fünfzehn Jahren kräftig zugenommen, um genau zu sein um 43% [3,6]. Für die kommenden Jahre wird jedoch eine allmähliche Stagnation prognostiziert, die letztendlich in einem Rückgang enden wird. So gibt es zwar insgesamt über 124 verschiedene Arten von Kaffee (Gattung Coffea), markt-ökonomisch sind aber nur die Bohnen der Art Coffea arabica und canephora (robusta) mit dem Verhältnis von jeweils 70 zu 30% relevant [3]. Genau hier könnte ein Engpass entstehen, da insbesondere Coffea arabica extrem empfindlich auf Temperatur und Niederschlagsänderungen reagiert. Wissenschaftlicher vom königlichen botanischen Garten in Kew haben herausgefunden, dass durch den Klimawandel der Wildkaffee in Äthiopien, der historischen Ursprungsregion des Arabica-Kaffees, in nicht mal 90 Jahren ausgestorben sein könnte [6]. Das ist insofern dramatisch, weil wilde Arten in der Regel genetisch sehr divers und dadurch in der Regel nicht so anfällig für Umweltveränderungen sind. Plantagenkaffee, wie der in den Hauptbaugebieten in Mittel- und Südamerika, besitzt vergleichsweise nur etwa 10% der natürlichen genetischen Diversität [7].

Die Folgen der Klimaveränderungen schlagen dann gleich doppelt zu Buche. Zum einen sind die Anbauregionen der Entwicklungs- und Schwellenländer selbst besonders anfällig für den Klimawandel und zum anderen reagieren genetisch verarmte Artpopulationen um ein Vielfaches sensibler auf Umweltschwankungen [7,8]. Und als ob das nicht genug wäre, begünstigen die Klimaveränderungen und genetische Einfalt die Etablierung und Ausbreitung von Schadorganismen, wie dem gefürchteten Kaffee-Rost  Hemileia vastratix, einem parasitierenden Rostpilz [9,10]. Ihr könnt euch sicher vorstellen, welche Konsequenzen diese Entwicklung für unseren geliebten Kaffee haben werden und wie sie die Balance von Angebot und Nachfrage verändern könnten. Es ist zudem abzusehen, dass sich diesem Szenario folgend die weltweite Kaffeeverfügbarkeit und die Kaffeequalität wandeln werden. Die Einzigen, die das freuen dürfte, sind Banken, Broker und Spekulanten, welche sich mit Kaffeeaktien eine goldene Nase verdienen werden. Wenn man sich den aktuellen Kurs anschaut, spürt man diese Entwicklung allmählich schon [11].

Glücklicherweise gibt es große Bestrebungen dem nicht nur tatenlos zuzusehen, sondern aktiv entgegen zu wirken. Laut Timothy Schilling vom World Coffee Research Institute (WCR) gibt es, wie bei allen anderen Kulturpflanzen, die Möglichkeit mittels Züchtung die genetische Diversität aufzustocken, um so robustere Sorten zu generieren. Laut WCR sind die Ausgangssituationen aus mehreren Gründen aber gelinde gesagt sehr ungünstig. Im Vergleich zu anderen Kulturpflanzen gibt es wenig Züchter (offiziell nur 40 weltweit!) und kaum Forschung auf diesem Gebiet. Bedauerlicherweise kommt hinzu, dass sich eine große Population von C. Arabica in Costa Rica, hoffnungsvoll als „genetische Goldmine“ bezeichnet, am Ende als Mine voller „Katzengold“ erwiesen hat, da die erhoffte genetische Vielfalt ausblieb. Aber die Not macht bekanntlich erfinderisch. In der Züchtung gibt es, neben der Selektion innerhalb einer Art, insbesondere bei Kulturpflanzen die Möglichkeit der Hybridisierung mit anderen, meist nahe verwandten Arten. Die WCR-Wissenschaftlicher um Dr. Schilling versuchen daher, die genetischen C. arabica – Linien mit den „Elternlinien“ C. Canephora und C eugenioides aufzustocken. Allerdings ist diese Unternehmung an andere Herausforderungen geknüpft: Hier muss auf der einen Seite, so wörtlich, „der notorisch scheußliche Geschmack“ von C. canephora überwunden und auf der anderen Seite viel Geduld für die Züchtung eingeplant werden. Diese erfolgt nämlich nicht durch moderne, gentechnische Methoden alá CRISPR/Cas9, sondern durch klassische „mendelsche“ Kreuzungsversuche. Und das kann „noch Dekaden dauern“, so Schilling [7].
Fakt ist, dass der Kaffee in Gefahr ist und der Wettlauf um seine Rettung schon begonnen hat. Ich bin wirklich gespannt, ob es den Wissenschaftlern und Züchtern gelingen wird, die genetische Vielfalt zurück zu erobern, um unsere geliebte koffeinhaltige Röstbohne zu retten. Sollte Ihnen das nicht schaffen und werden dem Klimawandel keine ernstgemeinten Maßnahmen entgegen gebracht, könnte das für uns Kaffeetrinker ganz schön bitter werden.

Ursprünglich wollte ich etwas über die Geschmackssinne schreiben (es sind mittlerweile ja vermutlich sechs), bis ich durch Zufall von der drastischen Entwicklung des Kaffees hörte. Nach kurzer Recherche hat sich dann sogleich diese spannende Geschichte ergeben.

Abschließend hoffe ich, dass, wenn ihr euch das nächstes Mal eine Tasse Kaffee gönnt, ihr es mit Bewusstsein und Genuss tut. Ich werde es auf jeden Fall tun!

Referenzen:
[1] http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.571.8956&rep=rep1&type=pdf
[2] https://de.statista.com/themen/171/kaffee/
[3] FAO Statistical Coffee Pocketbook 2015, pp 14-19
[4] http://www.fr-online.de/panorama/kaffee-in-china-der-siegeszug-des-kaffees,1472782,34062534.html
[5] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/kaffee-boom-in-der-tee-nation-indien-so-schmeckt-der-wohlstand-1.1046806
[6] http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0047981
[7] http://www.bbc.com/news/magazine-32736366
[8] https://germanwatch.org/klak/cd/1-b-el.htm
[9] Cilas, Christian, et al. „Tropical Crop Pests and Diseases in a Climate Change Setting—A Few Examples.“ Climate Change and Agriculture Worldwide. Springer Netherlands, 2016. 73-82.
[10] http://www2.tap-ecosur.edu.mx/mip/Plagas/Roya/pdfs/Notas/Coffee%20rust%20regains.pdf
[11] www.finanzen.net/rohstoffe/kaffeepreis

Kommentare (23)

  1. […] am 28.09.2017: Link zum Artikel […]

  2. #2 Mars
    28. September 2017

    hurra schon wieder erster – vermutlich, weil ich gerade meinen kaffe schlürfe.
    dass es in 90 jahren keinen kaffe mehr geben soll — kann sein
    dass es vor 20 jahren hiess, es gibt bald kein erdöl mehr … nun denn
    ich trinke kaffe, leider nur zu hause ‘fair-trade’ , denn ausser einem alternativen café bietet das fast niemand an.
    solange wir hier in saus und braus leben, müllberge an guten lebensmitteln (und viel schlimmer noch an plastikbechern!!!) erzeugen, darf dieses luxusgetränk gerne das doppelte kosten – und to go das 4-fache!
    denn wer sowas (die gute tasse kaffe) nicht lernt zu geniessen, soll’s besser lassen
    huups – mein koffein wirkt …..

  3. #3 Mars
    28. September 2017

    … ach ja, der artikel: soweit gut geschrieben
    ab und an ein kleiner absatz täte beim lesen gut

    ich les ihn nochmal, wenn mein pegel abgesunken ist …

  4. #4 RPGNo1
    28. September 2017

    Kurzer, aber verständlicher Artikel zum Thema Kaffee, der mit Fakten aufwartet (Globalisierung, Klimawandel), die ich noch gar nicht im Bewusstsein hatte. Sehr schön, wieder etwas gelernt.
    Die genetische Verarmung der populären Kaffesorten und die daraus folgenden Gefahren erinnern mich übrigens an die Probleme mit den Dessertbanane (https://de.wikipedia.org/wiki/Dessertbanane#Bananenkrankheiten). Geschichte wiederholt sich.

    PS: Die Links werde ich mir in einer ruhigen Stunde zu Gemüte führen.

  5. #5 Cornelia S. Gliem
    28. September 2017

    Guter klarer Artikel. Kaffee”luxus” im Westen als symbol für die Folgen des Klimawandel – passt. ( habe allerdings vor fünf Jahren mal einen Artikel gelesen dass wir in 5 Jahren alle keinen Kakao mehr trinken könnten bzw uns leisten :-)).
    Was mir ein wenig gefehlt hat, ist die pointierte ironische Schlussnote: denn hier nur auf das Luxusproblem des Westens mit seinem ach so tollen Kaffee einzugehen, ohne zu erwähnen, zum Schluss dass im Vergleich dazu die Probleme der Anbauländer weitaus gravierender sein werden und bereits sind – ist bissl schade.

  6. #6 Nebsler
    28. September 2017

    Wird ein Gut knapp, steigt der Preis und mit dem Geld werden neue Quellen erschlossen. Sieht man gut am Erdöl/-gas: ist der Preis hoch genug, werden plötzlich Sauereien wie Fracking und Teersande rentabel und das Angebot steigt wieder (und genau deshalb sollten die fossilen stark besteuert werden: damit der hohe Preis den Verbrauch bremst, aber möglichst nicht viel von dem Geld bei den Ölfirmen ankommt, die damit eh nur Unfug treiben würden).

    Und beim Kaffee wird das auch so sein: ist der Preis hoch genug, wächst er dann halt unter Kunstlicht in Holland. Dann trinkt man wieder am Sonntag eine Tasse mit Genuss (außer die Bonzen natürlich) wie damals im Osten. Dann hat auch nicht mehr jeder zweite einen Pappbecher in der Hand in der Öffentlichkeit. Wir werden lernen damit zu leben.

  7. #7 noch'n Flo
    Schoggiland
    28. September 2017

    @ Mars:

    Es geht sowieso nichts über Blue Mountain Coffee. Und der wird immer fair gehandelt.

    Aber dennoch bleibe ich im Herzen immer Teetrinker. Abends ein Assam [1], auf friesische Art aufgebrüht – herrlich!

    [1] Und der wahre Teekenner trinkt davon sowieso den 2nd flush.

  8. #8 Braunschweiger
    28. September 2017

    @Mars #2:
    Du bist nur deswegen erster (nach dem Pingback), weil ich nichts geschrieben habe; und ich habe den Artikel Punkt 9 Uhr geladen.

    Ich hätte gefragt, ob es denn nicht wenigstens ein Pseudonym gibt und ob männlich oder weiblich; in der Übersicht steht “Anonym”. Gefühlsmäßig würde ich sagen: etwas älteres männliches Semester. Die völlige Versteckerei auch ohne Nicknamen halte ich ja für sinnlos, wenn es nicht alle tun. Aber egal.

    Tja, Kaffee kann man auch mit Erdöl vergleichen, allerdings ist Erdöl faktisch unentbehrlich (in der aktuellen Situation), Kaffee dagegen ein Genuß- und Suchtmittel und offenbar höchstens mental unentbehrlich.

  9. #9 Lercherl
    28. September 2017

    Woran hier die Globalisierung schuld sein soll erschließt sich mir nicht ganz. Ohne Globalisierung würden wir lokale Kaffeesorten trinken, wie Malz- und Zichorienkaffee.

  10. #10 irma
    28. September 2017

    Mir gefällt der Artikel sehr gut, sehr informativ. Aber gerade zu Kaffee hätte man doch ein paar schöne Bildchen mit einpflegen können!

  11. #11 Mars
    28. September 2017

    hallo Braunschweiger

    nur halber Nickname: ich heisse Mar(ku)s: röm: sohn des Mars, ja, bin männlich in den besten jahren – schwäbisch gesehen schon erwachsen – nicht immer intern. deshalb der kommentarbeginn mit diesem lockern spruch.
    anscheinend läuft man als anonym, wenn man nicht angemeldet ist – sorry, ist sonst nicht meine absicht, ich stehe zu meinen bemerkungen.

    + @ noch’n Floh
    den ‘blue mountains’ hatte ich einmal in der tasse, war gar nicht so meins
    – als ich dann noch den preis hörte, hat es leider auch nicht besser geschmeckt.
    wir haben hier bei uns eine kleine, feine rösterei, der im hauseigenen laden und beim bio verkauft, da gibts eine sorte, die ich gerne mag
    tee gibts eher im winter, an langen abenden, mit tiefschürfenden gesprächen unter guten freunden ….

  12. #12 Karl-Heinz
    28. September 2017

    @Mars
    Ich bin jetzt leicht verwirrt.
    Bist du jetzt der Verfasser des Artikels oder des ersten Kommentars oder sogar vom beiden?
    Ich blick einfach nicht durch.

  13. #13 Mars
    28. September 2017

    neeee, nur kommentator
    hab ich da was nicht mitbekommen
    ach egal – ich war erster!!
    ja, ich hatte gerade noch ‘n … käffchen

  14. #14 irma
    28. September 2017

    @Karl-Heinz/ Mars/ Braunschweiger: BS hat das auf den Artikelersteller bezogen … Mars auf sich und deshalb “seinen” Nick erklärt. Kleine Verwechselung … musste auch erst drüber nachdenken 😉
    Der Verfasser ist nicht Mars und nach wie vor “anonym”…

  15. #15 Braunschweiger
    28. September 2017

    @Mars u.A.
    Ja, Tschuldigung, ich meinte den Verfasser des Artikels. Man weiß dann ja gar nicht, ob er/sie mitdiskutiert und man also noch Antworten zu lesen bekommt. Wäre ich ein Autor, hätte ich dasselbe Problem (keine Zeit etc. zum Antworten zu haben), aber trotzdem…

  16. #16 Karl-Heinz
    28. September 2017

    @irma und Mar(ku)s
    Danke für die Aufklärung.
    Ich finde, dass ein Nickname den Artikel persönlicher gemacht hätte.

  17. #17 Mars
    28. September 2017

    jetzt versteh ich …
    es ging gar nicht um mich! so was
    und da hab ich mich als schwäbischer grasdackel geoutet
    der unter coffeineinfluss ….. ach jetzt hör ich besser auf
    Mars

  18. #18 irma
    28. September 2017

    @Mars: Ach – ist doch auch mal schön was Persönliches zu hören von Leuten, die hier mitdiskutieren – Sohn des Mars! 🙂
    Gestern haben wir erfahren, dass Herbert auf Fuerteventura wohnt … wollte er vielleicht so auch nicht “leaken” 🙂

  19. #19 Δξ/Δη
    28. September 2017

    Ich könnte morgen vormittag auf den Fahrstuhl verzichten, um die Welt ein wenig besser zu machen…

  20. #20 R
    28. September 2017

    Da ist die Menschheit 5000 Jahre ohne Kaffee ausgekommen und jetzt kommt die Hiobs Botschaft:
    “Sollte Ihnen das nicht schaffen und werden dem Klimawandel keine ernstgemeinten Maßnahmen entgegen gebracht, könnte das für uns Kaffeetrinker ganz schön bitter werden.
    Florian, du bist ein glücklicher Mensch, wenn du keine anderen Sorgen hast.

  21. #21 Karl-Heinz
    28. September 2017

    Als passionierter Kaffeegenießer sollte man auch das wissen. „WARUM WIRD ZUM KAFFEE WASSER SERVIERT?“
    https://www.beans-and-machines.at/blog/2016/8/9/warum-wird-zum-kaffee-wasser-serviert.
    Für mich ist Kaffee einfach mehr, als nur ein Luxusgut.

  22. #22 irma
    28. September 2017

    ..ich verzichte heute auf Fleisch … UND autofahren. Morgen muss ich wieder … zumindest autofahren… habe heute zwei(!) Kaffee getrunken – auswärts – dabei meinen Becher aber doppelt verwendet!! Wie macht sich das nun für mein Karma berechnend?? Mehr Kaffee und weniger autofahren oder ist weniger autofahren = mehr Kaffe-trinken-darf?? Und ich mag kein Rind … ist mehr Huhn=besseres Methan-Karma??
    Wir leben in sooo schwierigen Zeiten!!!
    Man weiss, was man nicht soll – aber keiner weiss, was er/sie/es/darf!!

  23. #23 R
    29. September 2017

    Irma,
    hat Dir schon einmal jemand gesagt, dass du berechnend bist. Du hast noch den Blutdruck vergessen. Wenn du Kaffee trinkst erhöht sich der Blutdruck. Du wirst aktiver und stößt mehr CO2 aus. Das ist nicht gut für die Erderwärmung.