Am Samstag war ich Laufen. So wie fast jeden Tag und so wie fast jedes Wochenende auf einer langen Strecke von 30 bis 35 Kilometer. Da es momentan ja gerade ein wenig warm ist, bin ich schon früh aufgestanden und hab mich auf den Weg die Saale entlang gemacht. Zuerst durch die Kleingärten am Fluss, dann am Radweg entlang (was ich normalerweise vermeide, weil er direkt neben einer stark befahrenen Straße verläuft, die aber Samstagmorgen zum Glück nicht stark befahren ist). Mein erstes Ziel habe ich nach 5,95 Kilometern erreicht. Zu sehen ist eigentlich nichts; ich habe mir auch nichts erwartet. Rechts von mir ist ein Maisfeld, links von mir der Bahndamm, vor und hinter mir verläuft der Radweg. Interessanterweise ist der Punkt den ich erreichen wollte tatsächlich markiert. Das kleine Kreuz markiert entweder einen tragischen Unfall. Oder aber vielleicht den letzten Ruheplatz eines Haustiers? Auf jeden Fall hat er nichts damit zu tun, was dieser Ort laut meiner Recherche ist: Der tiefste Punkt im Stadtgebiet von Jena.

Tiefer geht es nicht mehr (in Jena)

Tiefer geht es nicht mehr (in Jena)

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Ich wollte heute den üblichen Laufwegen in Jena einen neuen Aspekt abgewinnen. Ich wollte vom tiefsten Punkt bis zum höchsten Punkt laufen. Die Idee habe ich von einer Läufergruppe übernommen, die solche Projekte allerdings in einem wesentlich größeren Maßstab durchzieht. Vom tiefsten Punkt Afrikas zum höchsten etwa oder von der Küste Mexikos bis zum höchsten Punkt des Landes; nur mit Muskelkraft, also zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Ganz so extrem will ich nicht einsteigen, aber für eine nette Laufrunde in Jena reicht es auf jeden Fall.

Jetzt geht also mein Lauf eigentlich erst so richtig los. Vom Tiefpunkt bis hinauf auf den höchsten Punkt von Jena. Nur: Wo ist der zu finden? Den höchsten Punkt eines Landes kann man leicht recherchieren. Im Allgemeinen ist das ein Berg und die sind nicht nur gut vermessen sondern meistens auch markiert. Jena hat allerdings keine Berge im eigentlichen Sinn. Jena liegt im Tal der Saale und links und rechts vom Fluss findet man höher gelegene Ebenen. Der Jenzig wird oft als “höchster Berg von Jena” bezeichnet und er ist tatsächlich sehr markant, aber eigentlich kein Berg sondern eben ein Hang im Saaletal und meinem Gefühl nach mit seinen 385 Metern auch nicht der höchste Punkt.

Es ist erstaunlich schwer, schnell herauszufinden, wo in einem vorgegebenen Gebiet der höchste Punkt zu finden ist. Ich dachte eigentlich, dass das ein Problem ist, das man per Computer schnell lösen kann. GoogleMaps zum Beispiel kennt ja jeden Ort auf der Welt und weiß auch, wie hoch er gelegen ist. Da müsste man doch irgendeinen Computerprogramm laufen lassen können, das schnell Hoch- und Tiefpunkte bestimmt. So ein Programm hab ich aber nirgendwo gefunden. Professionelle Kartografen und Geografen haben solche Software vermutlich. Ich aber nicht und so blieb mir nichts anderes übrig als anhand meiner Ortskenntnis abzuschätzen wo sich der höchste Punkt vermutlich befinden könnte und dann dieses Tool zu nutzen um mich stichprobenartig durch die Gegend zu klicken bis ich den höchsten Punkt zumindest halbwegs eingekreist habe. So bin ich auch beim tiefsten Punkt verfahren. Der war leicht zu finden; er muss irgendwo an der Saale liegen und zwar dort, wo sie flußabwärts das Stadtgebiet verlässt. Laut meiner Suche war das bei den Koordinaten 50°58’03.5″N, 11°37’54.2″E auf 135 Metern Höhe der Fall.

Laufvorbereitung (Bild: DoD, public domain)

Laufvorbereitung (Bild: DoD, public domain)

Die Suche nach dem höchsten Punkt war ein wenig schwieriger. Irgendwo auf der Wöllmisse muss er vermutlich sein, die Hochebene östlich der Saale. Die ist laut Wikipedia auf jeden Fall höher als 400 Meter. “Bis 404,8 m ü. NHN” steht dort. Mein Tool zeigt mir aber dort Höhen von bis 422 Metern an. Ich weiß nicht ganz was ich davon halten soll, aber der höchste Punkt den ich identifiziert habe (50°54’44.5″N, 11°38’44.7″E, 422 Meter) liegt in der Nähe des Steinkreuzes und der Weg dorthin ist schön.

Also laufe ich weiter, zuerst wieder die Saale lang, jetzt aber am anderen Ufer. Hier ist der Weg schöner und verläuft nicht neben der Straße. Es ist trotz der Uhrzeit schon ordentlich warm, aber zumindest gibt es am Ufer Bäume die ein wenig Schatten werfen. Das Freibad an dem ich vorbei komme hat noch nicht offen, aber da wird vermutlich später jede Menge los sein. Nach dem ich wieder im Stadtzentrum angekommen bin, halte ich mich an die Hänge des Saaletals. Dort muss man zwar die Straße lang laufen, aber dort fährt nur selten jemand lang und man kann kaum durch Autos gestört bis nach Wöllnitz laufen. Dieser Ortsteil – bekannt für sein dort gebrautes Weissbier – ist der Eingang zum Pennickental, durch das ich sehr gerne laufe. Es geht von jetzt an stetig bergauf (was ja auch Sinn der ganzen Sache ist), aber die Steigung ist sehr sanft. Wenn man einen möglichst flachen Anstieg hinauf auf die Hänge über dem Saaletal sucht, dann kann man kaum einen besseren Weg finden als das Pennickental. Vor allem gibt es dort auch einiges zu sehen. Die Travertinbrüche zum Beispiel oder den Fürstenbrunnen. Diese Quelle ist überraschenderweise nicht ausgetrocknet. Da im ganzen Tal der Pennickenbach kaum noch vorhanden und das Flußbett trocken war, hatte ich eigentlich auch damit gerechnet, das der Fürstenbrunnen trocken ist. Das war in vergangenen Jahren schon bei viel kürzeren Dürrephasen der Fall. Aber das kühle Wasser plätschert und ich nutze die Gelegenheit für ne kurze Trinkpause (hab ich schon erwähnt, das es warm ist?).

Hier?

Hier?

Oder hier?

Oder hier?

Nach ungefähr 4,5 Kilometern Anstieg bin ich auf dem Plateau angekommen und muss jetzt nur noch ein Stück über einen der vielen Wege dort, bis der höchste Punkt in Reichweite liegt. Laut meiner Recherche befindet er sich ein paar Meter abseits der Wege mitten im Wald. Ich biege also ab, stolpere ein wenig querfeldein durchs Unterholz und mache mich mit dem Handy in der Hand auf der Suche nach dem korrekten Punkt. Da dort aber ein nichtssagender Fleck im Wald aussieht wie ein anderer und die Genauigkeit des GPS sowieso nicht so exakt ist, beschließe ich einfach irgendwann, jetzt da zu sein. Insgesamt waren es 15,34 Kilometer vom tiefsten bis zum höchsten Punkt und es war eine abwechslungsreiche und schöne Strecke. Obwohl mein Ziel irgendwie nicht so aussieht, als wäre es wirklich der höchste Punkt (und die Höhenangabe auf Strava behauptet auch, ich wäre nie höher als 388 Meter gewesen).

So oder so – jetzt geht es wieder zurück. Nicht auf dem direkten Weg, sondern übers Steinkreuz hinüber zum Fuchsturm auf dem Hausberg und dann erst hinunter in die Stadt. Dann noch eine kleine Runde durch den Paradies-Park, bevor ich nach insgesamt 30 Kilometern wieder zuhause bin, mir ein alkoholfreies Bier gönne und beschließe einen Mittagsschlaf zu machen, bis die Temperaturen wieder etwas kühler werden.

Ich bin skeptisch...

Ich bin skeptisch…

Wie gesagt: Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich den höchsten Punkt gefunden habe. Ich habe zwar ein wenig Ahnung von den grundlegenden mathematischen und astronomischen Prinzipien der Kartografie aber keine Ahnung von der Praxis. Falls jemand mehr Ahnung hat als ich und herausfinden kann, wie man Höchst- und Tiefpunkte in einer Region auf einer Karte zweifelsfrei und exakt identifizieren kann, wäre ich dankbar.

Aber auch, wenn ihr Lust haben sollte, eure eigenen “BottomUpClimbs” zu erstellen. Es reicht ja nicht, einfach nur die beiden Extrempunkte einer Stadt, einer Region, eines (Bundes)Landes zu finden. Man sollte auch noch eine schöne Strecke finden, denn wenn man nur stur von A nach B läuft ist die Chance groß, die besten Wege zu verpassen und sich auf langweiligen Straßen wieder zu finden. Ich habe schon eine Strecke für Wien identifiziert (dort sind die beiden Punkte zum Glück leicht zu finden um mit ~40 Kilometern ist der Lauf als Lauf auch noch gerade so ohne gröbere Vorbereitungen machbar). Für Thüringen bin ich noch auf der Suche nach einer schönen Strecke mit der sich die knapp 100 Kilometer vom tiefsten zum höchsten Punkt schön verbinden lassen.

Irgendwann lauf ich hier los.

Irgendwann lauf ich hier los.

Aber es gibt ja jede Menge Gegenden und per Definition muss immer irgendwo ein höchster und ein tiefster Punkt sein. Und da ich ja viel herum komme, würde ich mich freuen, möglichst viele BottomUp-Routen sammeln zu können. Und irgendwann mach ich dann mal die ganze Strecke von Schleswig-Holstein bis zur Zugspitze 😉

Mehr Artikel aus der Serie “Denken beim Laufen” gibt es hier.

Kommentare (5)

  1. #1 etg
    8. August 2018

    Coole Idee, schöner Bericht. Chapeau bei der Länge und Wärme.

  2. #2 Georg
    8. August 2018

    Höhendaten der Erde gibts zB. als SRTM-Dateien frei verfügbar. https://de.wikipedia.org/wiki/SRTM-Daten
    Das Datenformat ist dokumentiert, mit ein wenig Programmieraufwand können die Daten in andere Formate (zB. STL) umgewandelt und mit 3D-Programmen angeguckt werden. Hier sollten sich dann auch höchste Punkte einer Region finden lassen.
    Für Jena habe ich das schonmal gemacht. Das Hauptproblem dürfte werden, die Stadtgrenze als Polygonzug in GPS-Koordinaten zu finden, um den zum Beschneiden der Höhenkarte zu verwenden.

  3. #3 Christian Berger
    8. August 2018

    @Georg: Die Stadtgrenze von Jena sollte man über OpenStreetMap herausfinden können. Die Daten kann man auch selektiv exportieren lassen, oder direkt den SQL-Dump herunterladen.

  4. #4 Georg
    8. August 2018

    Ich habe die Daten nochmal ausgewertet, allerdings nur SRTM3 mit 90m Raster. Folgende Punkte auf der Wöllmisse konnte ich finden: N50.9125, E11.645 mit 409m, N50.9125, E11.6642 mit 411m und N50.9108, E11.6708-11.6725 mit 413m.

  5. #5 Karl Mistelberger
    9. August 2018

    > Wie gesagt: Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich den höchsten Punkt gefunden habe. Ich habe zwar ein wenig Ahnung von den grundlegenden mathematischen und astronomischen Prinzipien der Kartografie aber keine Ahnung von der Praxis.

    Die Bayern haben es einfach. Hier ist Markus zuständig: http://www.nordbayern.de/region/nuernberg/luftig-hier-liegt-der-hochste-punkt-nurnbergs-1.5647203

    Wo er noch nicht gewesen ist:

    Das DOM40 (Digitales Oberflächenmodell) zeigt die Erdoberfläche inklusive der darauf befindlichen Objekte (z.B. Vegetation und Gebäude) in Gitterform. Die aktuelle Gitterweite beträgt 40 cm (entspricht 6,25 Pkt./m²).

    https://www.ldbv.bayern.de/produkte/3dprodukte/dom.html

    Vom Main auf die Zugspitze sind es allerdings deutlich mehr als 100 km.