Ein großes Problem mit der Geschichte ist die Tatsache, das man immer erst hinterher weiß, was man früher falsch gemacht hat. Als man im Jahr 1801 einen bis dahin unbekannten Himmelskörper zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter entdeckte, nannte man ihn “Ceres” und bezeichnete ihn als “Planet”. Erst ein paar Jahrzehnte später konnte man sich zu der Erkenntnis durchringen, dass es sich nicht um einen Planeten handelte, sondern eine ganz neue Art von Himmelskörpern, nämlich das, was wir heute “Asteroiden” nennen. Den gleichen Fehler den man im 19. Jahrhundert gemacht hatte, machte man im 20. Jahrhundert noch einmal. Man fand einen Himmelskörper außerhalb der Neptunbahn, nannte ihn “Pluto” und führte ihn fortan als neunten Planet des Sonnensystems. Wieder dauerte es einige Jahrzehnte bis die Astronomen feststellten, dass auch hier die Klassifiktion als Asteroid wissenschaftlich deutlich sinnvoller ist.

Die Entscheidung, Pluto nicht mehr als “Planet” zu bezeichnen wurde im Jahr 2006 von der Internationalen Astronomischen Union (IAU) bei ihrer damaligen Generalversammlung in Prag getroffen. Und sie gehört vermutlich zu den Aktionen der weltweiten Astronomenvereinigung, die in der Öffentlichkeit am meisten Aufsehen erregt hat. Mit ähnlich spektakulären Ereignissen ist bei der derzeit stattfindenen Generalversammlung in Wien allerdings nicht zu rechnen. Über fünf Resolutionen sollen die IAU-Mitgliedern am vorletzten Tag der Konferenz abstimmen. Heute Abend werden sie offiziell präsentiert: Eine beschäftigt sich mit dem “IAU Strategic Plan” für die Jahre 2020-2030. Darin wird festgelegt, was die IAU im nächsten Jahrzehnt so treibt und dementsprechen wichtig ist die Entscheidung für die Gesellschaft selbst. Die Öffentlichkeit wird sich aber eher nicht so sehr dafür interessieren; ebenso wenig wie für die zwei eher technischen Resolutionen, die sich mit der Definition astronomischer Koordinatensysteme beschäftigt. Außerdem zur Abstimmung kommt eine Empfehlung, sich verstärkt um die Aufbewahrung, Digitalisierung und wissenschaftliche Erforschung historischer Daten (alte Fotoplatten, Kataloge, und so weiter) zu kümmern.

Edwin Hubble: klein, schlecht aufgelöst - aber mit revolutionären Entdeckungen! (Bild: gemeinfrei)

Edwin Hubble: klein, schlecht aufgelöst – aber mit revolutionären Entdeckungen! (Bild: gemeinfrei)

“Resolution B4” betrifft dagegen wieder die Nomenklatur. So wie man damals 2006 beschlossen hatte, Pluto nicht mehr als “Planet” sondern als “Zwergplanet” zu bezeichnen, steht auch 2018 eine Namensänderung auf dem Programm. Beziehungsweise diesmal nur der Vorschlag einer Namensänderung. Es geht um das sogenannte “Hubble-Gesetz”. Damit wird eine fundamentale Eigenschaft unseres Universums beschrieben: Die Rate seiner gegenwärtigen Expansion. Wenn wir hinaus in den Kosmos schauen, dann sehen wir wie sich die fernen Galaxien von uns weg bewegen. Jede Galaxie entfernt sich von jeder anderen Galaxien (mit einigen Spezialfällen wo das nicht der Fall ist). Und zwar um so schneller, je weiter sie voneinander entfernt sind. Ich habe darüber anderswo schon mal mehr erzählt, aber diese Entdeckung durch den amerikanischen Astronomen Edwin Hubble zu Beginn des 20. Jahrhunderts war eine der größten wissenschaftlichen Entdeckungen aller Zeiten. Der Kosmos ist nicht statisch, wie bis dahin eigentlich alle angenommen hatten, sondern dyamisch! Er dehnt sich aus; war früher kleiner als heute und wird in Zukunft größer sein als jetzt. Das bedeutete auch, das es einen Zeitpunkt in der Vergangenheit gegeben haben muss, in dem das Universum seinen Anfang gefunden hatte. Es musste das gegeben haben, was wir heute “Urknall” nennen. Die Entdeckung von Hubble – über die man hier mehr lesen kann – hat die Wissenschaft und unser Bild von der Welt revolutioniert.

Nur das eben nicht Edwin Hubble alleine war, der all das herausgefunden hat. Er hatte bei seinen Beobachtungen einen ganzen Schwung Mitarbeiter (bzw. waren diese “Mitarbeiter” oft die eigentlichen Beobachter). Aber von Vesto Slipher, Milton Humason & Co hört man heutzutage eher selten. So ungerecht ist die Geschichtsschreibung eben manchmal. Aber ein klein wenig mehr historische Gerechtigkeit soll durch die IAU Resolution B4 wieder hergestellt werden.

Georges Lemâitre. Bzw. eine Statue von Georges Lemâitre. Aber besser als nix. (Bild: EmDee, CC-BY-SA 4.0)

Georges Lemâitre. Bzw. eine Statue von Georges Lemâitre. Aber besser als nix. (Bild: EmDee, CC-BY-SA 4.0)

Der erste, der ein sich ausdehnendes Universum postulierte, das seinen Anfang an einem bestimmten Punkt in der Verangenheit hatte, war der belgische Astronom Georges Lemâitre. Er nutzte dazu Albert Einstein Relativitätstheorie leitete daraus ein sich ausdehnendes Universum ab (etwas was Einstein selbst nicht nur nicht getan sondern aus Prinzip abgelehnt hat). Lemâitre stellte fest, das in so einem Universum sich ferne Galaxien von uns weg bewegen müssen. Er sagte voraus, welche Resultate entsprechende Beobachtungen liefern sollten und glich das mit vorhandenen Beobachtungsdaten ab. Seine Veröffentlichung fand aber in einem eher obskuren Journal statt, das damals kaum jemand gelesen hatte weswegen seine Erkenntnisse von so gut wie allen Astronomen ignoriert wurden.

Erst 1928 – bei einer der ersten Generalversammlungen der IAU – trafen sich Lemâitre und Edwin Hubble und tauschten sich aus (obwohl man sich unter Historikern noch ein wenig streitet, ob das wirklich passiert ist). Ein Jahr später publizierte Hubble dann seine eigenen Beobachtungen; mit weiteren Daten die er 1931 über den Zusammenhang zwischen der Entfernung und der Geschwindigkeit von Galaxien veröffentlichte wurde daraus das “Hubble-Gesetz”.

In der Ausstellung bei der IAU-Konferenz ist die Umbenennung schon erfolgt.

In der Ausstellung bei der IAU-Konferenz ist die Umbenennung schon erfolgt.

Hubbles Beobachtungen waren es, die uns gezeigt haben, dass sich das Universum ausdehnt und das es das mit einer bestimmten Gesetzmäßigkeit tut. Aber schon vor Hubble hatte Lemâitre dieses Verhalten mathematisch beschrieben. Beide sollten entsprechend dafür geehrt werden und deswegen macht die IAU nun den Vorschlag, in Zukunft vom “Hubble-Lemâitre-Gesetz” zu sprechen, wenn man die Expansion des Universums beschreiben will.

Es würde mich überraschen, wenn die Abstimmung über diese Resolution ebenso umstritten abläuft wie damals die Debatte um Pluto. Es ist eine vernünftige Entscheidung; allerdings auch eine die die Öffentlichkeit vermutlich nicht ganz so stark beschäftigen wird. Aber vielleicht animiert die IAU-Resolution ja auch ein paar der Astronomen und Wissenschaftskommunikatoren in Zukunft etwas öfter über die historischen Hintergründe der Erforschung des Universums zu sprechen. Das kann nämlich nie schaden!

P.S. Damals (und heute immer noch) waren es ja vor allem die amerikanischen Astronomen die verärgert ob der vermeintlichen Ungerechtigkeit gegenüber Pluto waren. Immerhin war es der einzige “Planet” des Sonnensystems, der von einem amerikanischen Astronom entdeckt wurde. Und jetzt kommt die IAU um nach dem “amerikanischen Planeten” auch den berühmtesten amerikanischen Astronom einen Teil seines Ruhms abspenstig zu machen. Man könnte fast an eine Verschwörung glauben 😉

Kommentare (29)

  1. #1 Markweger
    21. August 2018

    Und Tatsache ist dass man eine Rotverschiebung misst, alles andere ist Hypothese.

  2. #2 René
    21. August 2018

    Ich finde das gerechtfertigt, wenn es so ist wie du schreibst (daran hab ich keinen Zweifel).

  3. #3 René
    21. August 2018

    @Markweger

    aus der Rotverschiebung kann man zweifelsfrei mit Hilfe weiterer Beobachtungsdaten und Ableitungen aus anderen auf anderer Weise experimental bewiesenen Theorien feststellen, dass die Rotverschiebung durch die Ausdehnung des Raumes verursacht wird.

  4. #4 Thor
    Brüssel
    21. August 2018

    @Renè

    @Markweger

    aus der Rotverschiebung kann man zweifelsfrei mit Hilfe weiterer Beobachtungsdaten und Ableitungen aus anderen auf anderer Weise experimental bewiesenen Theorien feststellen, dass die Rotverschiebung durch die Ausdehnung des Raumes verursacht wird.

    Sehe ich fast genauso.
    Im Bezug auf die Diskussion, was Wissenschaft leisten kann oder nicht, würde ich vorsichtiger “widerspruchsfrei” statt “zweifelsfrei” schreiben.

  5. #5 pane
    21. August 2018

    Ob Belgien und der Vatikan eine Chance gegen die USA haben, wenn sie sich zusammentun?

    Der Satz des Pythagoras stammt auch nicht von Pythagoras sondern ist viel älter. Bewiesen hat es zum ersten mal Euklid. Solche Falschbenennungen sind so häufig wie Sand am Meer.

  6. #6 RPGNo1
    21. August 2018

    “Hubble-Lemâitre-Gesetz” – klingt doch gut.

    Wikipedia schreibt auch folgendes: “Erst 1931 erschien auch in Englisch der Aufsatz Lemaîtres, in welchem er die Idee des Urknalls als quantenphysikalischen Beginn der kosmischen Expansion in die Kosmologie einführte, allerdings gekürzt um die entscheidenden Passagen, die heute Hubble-Konstante genannte Konstante und Berechnungen über die Ausdehnungsrate des Universums betreffend. Heute weiß man, dass er selbst die Übersetzung ausführte und die betreffenden Passagen ausließ, da sie seiner Meinung nach von Hubble 1929 schon detaillierter dargelegt worden waren. Lemaître versuchte nie, ein Erstentdeckerrecht zu beanspruchen. ”

    https://de.wikipedia.org/wiki/Georges_Lema%C3%AEtre

    Lemâitre selbst scheint sich nicht gegrämt zu haben, dass das Gesetz nicht nach ihm benannt wurde.

  7. #7 Alderamin
    21. August 2018

    @Markweger

    Und Tatsache ist dass man eine Rotverschiebung misst, alles andere ist Hypothese.

    Gutes Argument, wenn man mal wieder mit der Radarpistole abgeschossen wird. “Dass ich zu schnell gefahren sein soll, Herr Wachtmeister, ist nur Ihre Hypothese”.

  8. #8 test
    21. August 2018
  9. #9 Stephan
    21. August 2018

    “Er sagte voraus, welche Resultate entsprechende Beobachtungen liefern sollten…”
    Das tat er mit Sicherheit nicht!

  10. #10 Karl Mistelberger
    21. August 2018

    An der Entdeckung der Expansion des Universums waren viele Leute beteiligt. Einen Überblick gibt das Inhaltsverzeichnis von: Discovering the Expanding Universe By: Harry Nussbaumer, Lydia Bieri, Allan Sandage (Foreword by)

    https://www.booktopia.com.au/discovering-the-expanding-universe-harry-nussbaumer/prod9780521514842.html

    Hubbles Beitrag ist bedeutend, ebenso die Schnitzer, die er sich dabei geleistet hat:

    Hubble’s concerns over the rate of expansion

    While the metric expansion of space appeared to be implied by Hubble’s 1929 observations, Hubble disagreed with the expanding-universe interpretation of the data:

    […] if redshift are not primarily due to velocity shift […] the velocity-distance relation is linear, the distribution of the nebula is uniform, there is no evidence of expansion, no trace of curvature, no restriction of the time scale […] and we find ourselves in the presence of one of the principles of nature that is still unknown to us today […] whereas, if redshifts are velocity shifts which measure the rate of expansion, the expanding models are definitely inconsistent with the observations that have been made […] expanding models are a forced interpretation of the observational results.
    — E. Hubble, Ap. J., 84, 517, 1936

    [If the redshifts are a Doppler shift …] the observations as they stand lead to the anomaly of a closed universe, curiously small and dense, and, it may be added, suspiciously young. On the other hand, if redshifts are not Doppler effects, these anomalies disappear and the region observed appears as a small, homogeneous, but insignificant portion of a universe extended indefinitely both in space and time.
    — E. Hubble, Monthly Notices of the Royal Astronomical Society, 97, 506, 1937

    Hubble’s skepticism about the universe being too small, dense, and young turned out to be based on an observational error. Later investigations appeared to show that Hubble had confused distant H II regions for Cepheid variables and the Cepheid variables themselves had been inappropriately lumped together with low-luminosity RR Lyrae stars causing calibration errors that led to a value of the Hubble Constant of approximately 500 km/s/Mpc instead of the true value of approximately 70 km/s/Mpc. The higher value meant that an expanding universe would have an age of 2 billion years (younger than the Age of the Earth) and extrapolating the observed number density of galaxies to a rapidly expanding universe implied a mass density that was too high by a similar factor, enough to force the universe into a peculiar closed geometry which also implied an impending Big Crunch that would occur on a similar time-scale. After fixing these errors in the 1950s, the new lower values for the Hubble Constant accorded with the expectations of an older universe and the density parameter was found to be fairly close to a geometrically flat universe.

    https://en.wikipedia.org/wiki/Expansion_of_the_universe#Hubble's_concerns_over_the_rate_of_expansion

  11. #11 Leser
    Universum
    23. August 2018

    @Markweger

    Mir erscheint es auch so wie dir. Das Argument von Aldemarin ist unsachlich, denn ich kann mir keine Masse in die Hosentasche stecken, die relevante Frequenzverschiebungen verursacht. Im All gibt es die aber.

  12. #12 Bullet
    23. August 2018

    @Leser:

    ich kann mir keine Masse in die Hosentasche stecken, die relevante Frequenzverschiebungen verursacht.

    Das liegt allerdings allein an der Größe deiner Hosentasche.

    Im All gibt es die aber.

    Das wiederum liegt daran, daß das All etwas größer als deine Hosentasche ist.

    Muß ich jetzt wirklich wieder mit geistigen Horizonten anfangen?

  13. #13 Leser
    Universum
    23. August 2018

    @Markweger

    Außerdem sind bei der Radarmesseung immer Hin- und Rückweg beteiligt, während bei der Rotverschiebung nur ein Weg (der Weg vom Stern zu uns) beteligt ist.

  14. #14 Bullet
    23. August 2018

    Bezgl. der Radarmessung: du hast das Argument gar nicht verstanden, oder?

  15. #15 Alderamin
    23. August 2018

    @Leser

    Das Argument ist: Bewegung macht Frequenzverschiebung. Der Polizist schließt Rückwärts aus der Frequenzverschiebung auf die Geschwindigkeit.

    In der Kosmologie ist es nicht wirklich Bewegung, sondern Raumexpansion, sieht aber so aus, wie Bewegung (die allerdings absolut symmetrisch in allen Richtungen ist, was gegen echte proprietäre Bewegung spricht).

    Schwerkraft aka Raumkrümmung macht zwar auch Rotverschiebung, aber die Raumzeit ist großräumig flach, das kann man messen (Standardlineale). Kosmologische Rotverschiebung ist definitiv nicht gravitativ.

    Nächster Vorschlag?

  16. #16 Leser
    Universum
    23. August 2018

    Das sehen nicht alle so, es gibt auch andere Meinungen.

  17. #17 Bullet
    23. August 2018

    Es gibt fundierte und es gibt unfundierte Meinungen. “Andere” Meinungen sind eine Teilmenge welcher der beiden genannten Felder?

  18. #18 mimbeldrohn
    23. August 2018

    Wie kann die heutige Geschwindigkeit einer 1 Million Lichtjahren entfernten Galaxie gemessen bzw. errechnet werden, oder ist das die Geschwindikeit der Galaxie von vor 1 Million Jahren. Ersteres muß gehen,sonst wären frühe Galaxien schneller als heutige.
    Oder habe ich noch einen ganz anderen Denkfehler.
    Mit freundlichen Grüßen

  19. #19 Alderamin
    23. August 2018

    @Leser

    Das sehen nicht alle so, es gibt auch andere Meinungen.

    Es gibt auch Leute, die meinen, die Erde sei flach.
    Kein ernstzunehmender Astronom zweifelt noch an der Urknalltheorie.

    Die konkurrierende Steady-State-Theorie wurde in den 1990ern noch von Hoyle, Burbridge und Narlikar vertreten. Hoyle und Burbridge sind verstorben. Narlikar hat seit 2010 nichts mehr veröffentlicht. Zwei oder drei seiner Schüler scheinen noch aktiv zu sein. Ziemlich dünne Basis.

  20. #20 Alderamin
    23. August 2018

    @mimbeldrohn

    Denkfehler: die Galaxien hatten damals und haben heute ungefähr die Geschwindigkeit 0. Sie trudeln ein wenig umeinander herum, das ist ihre proprietäre Bewegung.

    Der Effekt der kosmologischen Rotverschiebung sieht zwar so aus wie ein Dopplereffekt (also von einer Bewegung verursacht), ist es aber nicht. Tatsächlich beruht er darauf, dass der Raum während der Laufzeit des Lichts aus sich heraus gewachsen ist und dabei auch die Lichtwellenlänge vergrößert hat. Die Frage nach der Geschwindigkeit früher oder heute ist also falsch gestellt; die Wellenlänge wird vielmehr von der Expansionsrate des Universums summiert über die gesamte Lichtlaufzeit geprägt.

    Die Signallaufzeit verfälscht also nicht etwa die Rotverschiebung, wie Deine Frage suggeriert, sie bringt sie überhaupt erst im Einklang mit der Expansion hervor!

  21. #21 Karl Mistelberger
    23. August 2018

    > Lemâitre stellte fest, das in so einem Universum sich ferne Galaxien von uns weg bewegen müssen. Er sagte voraus, welche Resultate entsprechende Beobachtungen liefern sollten und glich das mit vorhandenen Beobachtungsdaten ab. Seine Veröffentlichung fand aber in einem eher obskuren Journal statt, das damals kaum jemand gelesen hatte weswegen seine Erkenntnisse von so gut wie allen Astronomen ignoriert wurden.

    Näher an der Realität formuliert Harry Nussbaumer:

    Das Resultat seiner Forschung publizierte Lemaître 1927 in französischer Sprache in den «Annales de la Société scientifiques de Bruxelles». Der Bedeutung seiner Arbeit war sich Lemaître durchaus bewusst. Deshalb ist es noch heute unverständlich, warum er für die Publikation keinen prominenteren Ort wählte.

    «Formell in Ordnung, aber physikalisch abscheulich», war dessen [Einsteins] Urteil.

    Der Kult um Hubble gibt ein gründlich falsches Bild. Er verdeckt die Tatsache, dass eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Entdeckungen nicht zufällig erfolgte, sondern durch die Kombination von theoretischen Erwägungen mit gezielt ausgewählten Beobachtungsdaten.

    https://www.nzz.ch/an_hubbles_image_wird_gekratzt-1.11353454

  22. #22 mimbeldrohn
    23. August 2018

    @Alderamin #20
    Vielen Dank für die Antwort.
    Der Satz “die Galaxien bewegen sich” hat mich auf die falsche Fährte geführt. Ich bin von einer aktiven Bewegung ausgegangen, nicht von einer passiven.
    “Wenn keiner, der sich damit auskennt, diese Idee gehabt hat, dann muß meine Idee falsch sein.” Aber fragen will ich doch.
    Gibt es eine Erklärung, daß außer mir auch niemand in diesem Fall weiter entfernt mit früherer gleichsetzt?
    Mit freundlichen Grüßen

  23. #23 Alderamin
    23. August 2018

    @mimbeldrohn

    Gibt es eine Erklärung, daß außer mir auch niemand in diesem Fall weiter entfernt mit früherer gleichsetzt?

    Weiter entfernt ist früher, man sieht die Galaxie so, wie sie vor Milliarden Jahren war. Sie ist auch längst weiter weg, als die reine Lichtlaufzeit. Aber sie bewegt sich halt nicht aktiv durch den Raum. Der Weg bis zu ihr wird einfach mehr.

  24. #24 Pjotr
    24. August 2018

    In der Biologie gibt es ähnliche Dinge:
    Dass neben Charles Darwin auch Alfred Russel Wallace ein Vater der Evolutionstheorie war, ist heute nur wenig bekannt.
    Auch Rosalind Franklin ist heute leider kaum bekannt, obwohl sie die Doppelhelixstruktur der DNA entdeckte. James Watson und Francis Crick hatten Forschungsergebnisse aus Rosalind Franklins Labor erhalten, ohne dass sie davon wusste.

  25. #25 Bullet
    24. August 2018

    @mimbeldrohn:

    “Wenn keiner, der sich damit auskennt, diese Idee gehabt hat, dann muß meine Idee falsch sein.” Aber fragen will ich doch.

    Ganz ehrlich: herzlichen Glückwunsch zu dieser ebenso einfachen wie erwachsenen Aussage. In der Tat ist es wirklich sehr unwahrscheinlich, daß man als Nicht-Fachleut gerade in solchen Wissensgebieten per Zufall und aus der hohlen Hand auf die Idee kommt, die sich dann als korrekt herausstellt und die die Kosmologie revolutioniert.
    Ich vergleiche das gern mit Autofahren: natürlich ist es einem Fahranfänger möglich, eine halbe Stunde nach bestandener Führerscheinprüfung ein Rennen in einem Formel-1-Wagen gegen Vettel oder Hamilton auf deren Hausstrecken zu gewinnen. Dieser Fahranfänger muß ja “lediglich” zu den richtigen Zeitpunkten beschleunigen, bremsen und lenken.
    Daß das Wissen um diese “richtigen” Zeitpunkte (und auch die Taktik dieser Aktionen) allerdings jahrelanges Training braucht und von jemandem, der gewisse Sachen ohne Nachdenken richtig macht, schneller und korrekter angewendet werden kann, führt dazu, daß es zwar physikalisch möglich ist, bessere Rundenzeiten als Vettel einzufahren – aber eben nicht für einen Fahranfänger. Auch nicht mit Glück.

    Auf unsere Situation hier übertragen heißt das:
    Leute, die sich damit auskennen, können jede Menge an Sachen, die der Physik widersprechen, schon im Vorfeld ausklammern und müssen dann keine fehleranfälligen Durchdenkungen vieler potentiellen Möglichkeiten mehr durchführen. “Diese Idee”, von der du sprichst, ist dann wahrscheinlich eine, die auf Grundlagen fußt, die nicht zur bekannten Physik passen. Nichtsdestoweniger ist es durchaus richtig und wichtig, trotzdem zu fragen. Denn erstens muß die Antwort ja stimmig und nachvollziehbar sein (im Idealfall auch für Laien), und zweitens lernt man dann als Laie etwas neues zum Thema, wonach man gar nicht explizit gefragt hatte, was aber ebenso wichtig ist.

    Dein Gedanke im Zitatkasten ist also etwas, was ich vielen vielen Cranks, die hier immer wieder aufschlagen und glauben, mal eben so am Wohnzimmertisch Einstein widerlegt, eine unerschöpfliche Energiequelle gefunden oder einen Antrieb für überlichtschnelle Raumfahrtentwickelt zu haben, wärmstens ans Herz legen möchte.

  26. #26 Karl Mistelberger
    31. August 2018

    > Georges Lemâitre. Bzw. eine Statue von Georges Lemâitre. Aber besser als nix.

    Auch über das Aussehen von Lemaitre und Hubble scheint noch nicht das letzte Wort gefallen zu sein:
    Astronomers Edwin Hubble (left) and Georges Lemaître (right) who first developed theories about the expansion of the Universe.

  27. […] Die IAU ist nicht nur ein Zusammenschluss von Astronomen sondern auch dafür zuständig, die offiziellen Belange der Astronomie zu regeln. Dazu gehörte dieses Mal auch ein Vorschlag zur Umbenennung eines grundlegenden kosmologischen Gesetzes. Die Sache war überraschend umstritten und die Abstimmung anscheinend sehr konfus und am Ende nicht bindend. Ob die Umbenennung wirklich stattfinden wird, wird erst eine zukünftige Online-Abstimmung aller IAU-Mitglieder zeigen. “Gerechtigkeit für Georges Lemâitre: Die IAU will das Hubble-Gesetz umbenennen” […]

  28. #28 Karl Mistelberger
    6. November 2018

    Die Internationale Astronomische Union (IAU) hat sich für die Umbenennung eines der Grundpfeiler der Kosmologie ausgesprochen: Die so genannte Hubble-Relation gibt es seit fast 90 Jahren, doch künftig soll sie aus Gründen historischer Gerechtigkeit Hubble-Lemaître-Beziehung heißen. Dafür votierten jedenfalls gut zwei Drittel der 4060 IAU-Mitglieder, die bis zum 26. Oktober online ihre Stimme abgaben.

    https://www.spektrum.de/news/hubble-gesetz-soll-umbenannt-werden/1605794

  29. #29 Ed Dellian
    Berlin
    6. November 2018

    Diese schöne “Beziehung”, die jetzt “Hubble-Lemaître” heißen soll, ist nichts anderes, als der Quotient aus der Geschwindigkeit v eines Objekts und seiner Entfernung d: v/d = H. Wer seine Sinne beisammen hat, weiß, dass die Division einer Geschwindigkeit durch die entsprechende Entfernung exakt die Zeit t liefert, die das mit v bewegte Objekt für die Zurücklegung der Entfernung d benötigt hat: v/d = 1/t. Das ist alles. Es gibt kein “Hubble-Gesetz” und auch kein Hubble-Lemaître-Gesetz! ! Die Zeit t (und ebenso der Quotient 1/t = H) ist natürlich keine Konstante, sondern eine Variable, proportional zu der Entfernung d: v = d/t = 2d/2t = 3d/3t usf.