sb-wettbewerb_kleinDieser Artikel ist Teil des ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2018. Informationen zum Ablauf gibt es hier. Leserinnen und Leser können die Artikel bewerten und bei der Abstimmung einen Preis gewinnen – Details dazu gibt es hier. Eine Übersicht über alle am Bewerb teilnehmenden Artikel gibt es hier. Informationen zu den Autoren der Wettbewerbsartikel finden sich in den jeweiligen Texten.
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Der kreative Videorekorder: Lügengeschichten aus unserem Gedächtnis

Von Dennis Gregor

Ich lese gerne populärwissenschaftliche Bücher und Artikel und bin immer sehr dankbar, wenn ich mal wieder ein Buch entdeckt habe, in dem es dem Autor gelingt, mir ein Thema verständlich zu machen und mich dabei zu unterhalten und zu begeistern. Da sind die Schreibwettbewerbe von Florian Freistetter natürlich eine gute Gelegenheit, mich selbst hin und wieder an einem Text zu versuchen…

Nach landläufiger Vorstellung gleicht unser Erinnerungsvermögen einem Videorekorder. Detailgetreu zeichnet er alle unsere Wahrnehmungen auf und ist prinzipiell in der Lage, sie bei Bedarf unverändert wieder abzuspielen. Zwar mag es passieren, dass das Videoband mit der Zeit an Qualität verliert, so dass Einzelheiten nicht mehr klar zu erkennen sind, schlimmstenfalls kann der Film auch ganz zerreißen. Was wir bei einem Videorekorder aber nie erleben werden, ist, dass er plötzlich einen ganz anderen Film abspielt, in dem auf einmal der Butler der Mörder ist und nicht mehr der Gärtner. Aber so ergeht es unserem Erinnerungs-Rekorder!

Passiert euch das auch manchmal? Ihr lasst mit einem Freund oder einer Freundin gemeinsam erlebte Abenteuer Revue passieren, vielleicht den Urlaub vor drei Jahren, und plötzlich stellt ihr fest, dass ihr zwei unterschiedliche Filme im Kopf habt, die nicht auf einen Nenner zu bringen sind.
“So kann es doch gar nicht gewesen sein, an dem Tag hat es doch in Strömen geregnet”, sagt ihr vielleicht. Und euer Gegenüber schwört Stein und Bein, dass ihr an genau jenem Tag bei strahlendem Sonnenschein den Gipfel erklommen habt. Vielleicht einigt ihr euch am Ende auf eine Version, aber vielleicht seid ihr euch beide eurer Sache ganz sicher und bescheinigt dem anderen ein marodes Gedächtnis.
Dass unser Gedächtnis kein perfekter Behälter ist, sondern eher ein löchriger Beutel, aus dem der Inhalt allmählich heraus sickert, ist allgemein bekannt. Dass es aber nicht selten auch Bilder und Eindrücke hinzufügt, die in der fraglichen Situation gar nicht vorhanden waren, ist eine weniger geläufige Tatsache.
Der erste Wissenschaftler, der untersucht hat, wie sich die Erinnerungen der Menschen verändern, war der Kognitionspsychologe Frederic Bartlett. In einer 1932 veröffentlichten Studie ließ er Versuchspersonen eine kurze Geschichte lesen und diese nach unterschiedlichen Zeiträumen von Tagen, Wochen oder Monaten nacherzählen. Schon bei der Wiederholung am nächsten Tag fiel auf, dass die meisten Probanden wesentliche Teile ausließen, Einzelheiten veränderten und Ereignisse oder Erklärungen hinzufügten, die in der Originalfassung nicht enthalten waren.
Seit Bartletts Pionierarbeit hat sich die Unstetigkeit unseres Gedächtnisses in den verschiedensten Bereichen, vom Lernen von Wortlisten über das Wiedererkennen von Gesichtern bis zur Erinnerung an besondere Erlebnisse, als robustes Resultat in gut kontrollierten Studien erwiesen.

Wenn ihr Lust habt, selbst ein Experiment durchzuführen, dann könnt ihr einmal versuchen, eure Freunde mit dem Deese-Roediger-McDermott Paradigma zu überlisten. Dazu habe ich in Anlehnung an die Versuche dieser Autoren eine Tabelle mit sechs Wortlisten zusammengestellt.

Die Wortlisten für das Experiment. (D.G., in Anlehnung an Roediger und McDermott 1995).

Die Wortlisten für das Experiment. (D.G., in Anlehnung an Roediger und McDermott 1995).

Das Experiment funktioniert wie folgt: Ihr gebt euren Opfern ein leeres Blatt Papier und erklärt, dass ihr ihnen Listen von je 15 Wörtern vorlesen werdet (ca. alle 1-2 Sekunden ein Wort), die sie versuchen sollen, sich zu merken. Nach dem Vorlesen einer Liste gebt ihr ihnen zwei Minuten Zeit, alle Wörter aufzuschreiben, die ihnen noch einfallen. Sie sollen dabei mit den letzten Wörtern der Liste beginnen. Dann macht ihr in gleicher Weise mit der nächsten Liste weiter, bis ihr alle sechs durchhabt.
Wenn euer Experiment ähnlich ausfällt, wie das Vorbild, dann werden eure Versuchspersonen sich im Schnitt an zwei Wörter “erinnern”, die ihr nicht vorgelesen habt, und zwar mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit an die Wörter “Stuhl”, “Berg”, “Nadel”, “rau”, “schlafen” und “süß”.
Warum gerade diese Wörter? Das liegt daran, dass man zur Erstellung der Listen Menschen nach ihren Assoziationen mit eben diesen Wörtern gefragt hat. Die erste Liste enthält demnach Worte, die vielen Menschen einfallen, wenn sie “Stuhl” hören, die zweite enthält Assoziationen zum Wort “Berg” und so weiter.
Nach der Theorie der Aktivierungsausbreitung (Collins und Loftus 1975) lässt sich unser semantisches Gedächtnis abstrakt als Netz aus miteinander mehr oder weniger stark verknüpften Konzepten darstellen. Ist eines dieser Konzepte aktiviert, etwa weil wir das entsprechende Wort gehört oder daran gedacht haben, dann breitet sich diese Aktivierung auf assoziierte Nachbarbegriffe aus, so dass diese ebenfalls, wenngleich in geringerem Maße, aktiviert werden. Wie im Bild zu sehen ist, das einen kleinen Ausschnitt aus einem hypothetischen semantischen Netz darstellt, ist das Wort “Stuhl” von mehreren Wörtern aus der Liste umzingelt. Die von jedem dieser Knotenpunkte ausgehende Erregung läuft in dem Wort “Stuhl” zusammen, welches dadurch so stark aktiviert wird, dass es ins Bewusstsein geholt wird.

 …und plötzlich taucht der Stuhl auf. (D.G.)

…und plötzlich taucht der Stuhl auf. (D.G.)

Das Problem für unser Erinnerungsvermögen ergibt sich nun daraus, dass unser Gehirn manchmal nicht treffsicher unterscheiden kann, was die Ursache für die Aktivierung eines Inhalts war. Haben wir das Wort zuvor gehört oder wurde es durch Assoziation aktiviert? So kratzt sich die eine oder andere Versuchsperson am Ende des Experiments am Kopf und murmelt: “Na sowas… ich war sicher, er hätte ´Stuhl´ gesagt.”

Aber was ist jetzt an der Forschung über ausgeschmückte Geschichten und eingebildete Wörter so interessant? Abgesehen davon, dass sie Rückschlüsse auf die Funktionsweise unseres Gehirns zulassen, gibt es eine Menge praktischer Gründe, die Verlässlichkeit unseres Erinnerungsvermögens auszuloten. Man denke nur an Zeugenaussagen vor Gericht. Hier kann man den interessanten TED-Talk (2013) von Elizabeth Loftus, der berühmtesten Forscherin im Feld der falschen Erinnerungen, ansehen, in dem sie unter anderem den traurigen Fall von Steve Titus erzählt, der vom Opfer einer Vergewaltigung irrtümlicherweise als Täter identifiziert worden war.
Loftus begann mit ihren Forschungen über Erinnerungen von Augenzeugen in den 70er Jahren. Sie zeigte ihren Versuchspersonen Filmszenen von Autounfällen und befragte sie über das, was sie gesehen hatten. In einer ihrer Versuchsanordnungen sollten die Probanden schätzen, mit welcher Geschwindigkeit die Unfallautos zusammengestoßen waren. Dabei hatte Loftus die Frage für verschiedene Probandengruppen unterschiedlich formuliert. Während einige gefragt wurden: “Wie schnell fuhren die Autos, als sie ineinander krachten?”, sollten andere die Frage beantworten: “Wie schnell fuhren die Autos, als sie kontaktierten?”. Es zeigte sich, dass die Gruppe, bei denen der stärkste Ausdruck benutzt worden war, die Geschwindigkeit der Unfallautos im Durchschnitt um 25% höher schätzte, als die Gruppe mit der schwächsten Version. Für Loftus war das ein Hinweis darauf, dass die Wortwahl bei der Befragung die Erinnerung der Augenzeugen an das Ereignis eingefärbt hatte. Freilich musste man auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Augenzeugen sich zwar präzise erinnerten, ihre Antworten dann aber auf die Erwartung abstimmten, die sie bei der Versuchsleitung aufgrund der Wortwahl in der Frage vermuteten.
Der zweite Teil des Versuchs schien hier ein klares Wort zu sprechen. Eine Woche nach dem Sichten der Unfallszenen wurden die Versuchsteilnehmer noch einmal nach ihrer Erinnerung an bestimmte Einzelheiten gefragt, zum Beispiel, ob sie zerbrochenes Glas gesehen hätten. Diesmal erhielten alle dieselben Fragen. Von den Probanden, die eine Woche zuvor nach der Geschwindigkeit “ineinander krachender” Autos gefragt worden waren, wollten 32% zerbrochenes Glas gesehen haben. Unter denjenigen, die man nach “kontaktierenden” Autos gefragt hatte, waren es nur 14%. Tatsächlich war in keiner der gezeigten Szenen zerbrochenes Glas zu sehen gewesen! Für Loftus war klar: Suggestivfragen beeinflussten Zeugenaussagen nicht nur durch Konformitätsdruck, sondern sie verzerrten nachhaltig die Erinnerungen der Augenzeugen!

Eine Vielzahl nachfolgender Untersuchungen haben bestätigt, dass jegliche Art von Information, die einer Person erst im Nachhinein dargeboten wird, sich in ihre Erinnerung an ein zurückliegendes Ereignis einschleichen kann. So genügte es in einer anderen Studie, Personen, denen man ein Video eines gestellten Banküberfalls gezeigt hatte, die Frage zu stellen: “Trug der Mann, der den Kassierer mit der Waffe bedrohte, eine Kapuze?”, um die Testpersonen später signifikant häufiger angeben zu lassen, sie hätten gesehen, wie ein Mann den Kassierer mit einer Pistole bedroht hatte, obwohl dies in keiner Szene zu erkennen gewesen war.

Banküberfall: Erinnerungen an hochemotionale Ereignisse werden meist als besonders lebendig und dauerhaft empfunden. Die Erinnerung an alles was außerhalb des Fokus liegt, ist dabei aber oft ungenau. (Bild: FBI. Public domain.)

Banküberfall: Erinnerungen an hochemotionale Ereignisse werden meist als besonders lebendig und dauerhaft empfunden. Die Erinnerung an alles was außerhalb des Fokus liegt, ist dabei aber oft ungenau. (Bild: FBI. Public domain.)

Auch unser eigenes Vorwissen oder unsere Schlussfolgerungen sind in diesem Sinne Zusatzinformationen, die unser Gedächtnis beeinflussen und sich in die Illusion einer Erinnerung verwandeln können. Wenn ich zum Beispiel sehe, wie sich Peter auf dem Schulhof mit einem anderen Jungen prügelt und außerdem weiß, dass Fritz und Peter sich spinnefeind sind, dann kann es passieren, dass ich mich später daran erinnere, gesehen zu haben, wie sich Fritz und Peter auf dem Schulhof prügelten, obwohl ich den Prügelgegner im Moment des Gefechts gar nicht erkannt habe.
All diesen Illusionen liegt ein ganz ähnlicher psychologischer Mechanismus zugrunde wie den falsch erinnerten Wortlisten und den mutierenden Geschichten von Bartlett: Wir bringen die Informationsquellen durcheinander. Unwillkürlich flechten wir neue Informationen oder automatische Schlussfolgerungen in unsere Erinnerung an ein Ereignis ein und sind nicht fähig, diese von den ursprünglich gespeicherten Bildern sicher zu unterscheiden. Das Einbinden frischer Daten in bereits vorhandene Gedächtnisspuren ist offensichtlich eine normale Funktion unseres Gedächtnisses.

Neurowissenschaftler glauben unterdessen, den biologischen Vorgängen auf der Spur zu sein, die bei der Aktualisierung von Erinnerungen in unserem Gehirn ablaufen. Es hat sich gezeigt, dass Gedächtnisinhalte, wenn sie abgerufen, also erinnert werden, in eine labile Phase eintreten, in der sie wieder abgespeichert (rekonsolidiert) werden müssen, so als handele es sich um neue Informationen. Wie bei der Entstehung der ersten Erinnerung müssen auch hierbei Nervenzellen neue Verknüpfungen ausbilden. Forscher der kanadischen McGill Universität zeigten 2000 in einem Experiment an Mäusen, das ein bisschen nach science fiction á la Total Recall klingt, dass man bereits Gelerntes wieder auslöschen kann, wenn man durch pharmakologische Hemmung der Proteinsynthese die Ausbildung neuer neuronaler Verknüpfungen verhindert und dadurch die Rekonsolidierung unterbindet. Sehr wahrscheinlich geschieht es in dieser sensiblen Phase der Rekonsolidierung, dass die gerade abgerufenen Erinnerungen durch neue Inhalte aktualisiert, mit alten Erinnerungen vermischt oder gar gelöscht werden. Der Senior-Autor der Arbeit Joseph LeDoux erklärt mehr dazu in diesem kurzen Video.

Zu den Verantwortlichen im Rechtssystem sickern die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Psychologen und Neurowissenschaftler im Laufe von Jahrzehnten erarbeitet haben, erst mit Verzögerung durch. Denn dass falsche und ungenaue Erinnerungen von Augenzeugen Menschen unschuldig hinter Gitter gebracht haben, davon legt das Innocence Project Zeugnis ab. Auf der Internetseite dieser Organisation kann man die erschütternden Geschichten von bislang fast 400 Menschen nachlesen, die durchschnittlich 13 Jahre lang unschuldig hinter Gittern verbrachten (einige im Todestrakt) bevor neue DNA-Untersuchungen zeigten, dass sie als Täter nicht in Frage kamen. In knapp drei Viertel dieser Fälle war eine falsche Identifizierung durch Augenzeugen für die Verurteilung ausschlaggebend gewesen.

In den 90er Jahren wurde Elisabeth Loftus in einem besonders skurrilen Mordfall von der Verteidigung als Expertin hinzugezogen. Die 29-jährige Eileen Franklin hatte ihren Vater der Vergewaltigung und des Mordes an ihrer Schulfreundin Susan Nason beschuldigt. Das Besondere an diesem Fall: Das Verbrechen war begangen worden, als Eileen acht Jahre alt war, jedoch hatte sie sich erst vor Kurzem an das Ereignis erinnert, nachdem sie es 20 Jahre lang vollkommen aus ihrem Bewusstsein verdrängt hatte.
Die Erinnerungen waren in langen Psychotherapiesitzungen langsam hervorgekommen, anfangs als dunkle Ahnung, dann immer deutlicher, bis Eileen den ganzen Ablauf des Verbrechens rekonstruieren konnte.
Loftus tat ihr Bestes, das Gericht davon zu überzeugen, dass Eileens Aussage mit äußerster Skepsis behandelt werden sollte. Denn das Konzept der verdrängten Erinnerung, das wir Sigmund Freud zu verdanken haben (neben Ödipus-Komplex und Penisneid…), ist zwar im Volkstum tief verankert, Psychologen wie Loftus sprechen ihm aber jede wissenschaftliche Grundlage ab. Selbstverständlich können wir Dinge vergessen, an die wir uns später wieder erinnern. Aber eine Erinnerung an ein komplexes Geschehen, die über Jahrzehnte vollkommen unzugänglich bleibt wie eine tief vergrabene Schatztruhe, und dann auf einmal unbeschadet, lebendig und detailreich emporsteigt („Das Sonnenlicht kam durch die Bäume. Ich sah meinen Vater auf Susan zukommen, seine Hände über seinem Kopf, einen Stein in der Hand. Ich schrie, ich kreischte… ich hörte zwei Schläge…“) – das gehört nach Loftus ins Reich der Märchen.
Viele Details, die Eileen beschrieb, waren in Zeitungsartikeln über den Mord erwähnt worden, darunter sogar einige Ungenauigkeiten. Loftus war davon überzeugt, dass es sich bei Eileens Story nicht um wiedererlangte verdrängte Erinnerungen handelte sondern um falsche neue Erinnerungen – möglicherweise unabsichtlich produziert im Verlaufe ihrer Therapiesitzungen, in denen ihr Psychiater unter anderem mit Vorstellungsübungen und Suggestion arbeitete. Allein, das Gericht glaubte Loftus nicht und Franklin wurde wegen Mordes verurteilt.
Fünf Jahre später wurde der Fall noch einmal aufgerollt. Man war doch stutzig geworden, nachdem Eileen sich in der Zwischenzeit noch an zwei weitere Morde erinnert hatte, die ihr Vater vor ihren Augen begangen hatte. In diesen Fällen konnte George Franklin durch DNA-Tests als Täter zweifelsfrei ausgeschlossen werden, was natürlich die Glaubwürdigkeit von Eileens Erinnerungen belastete. Im Revisionsprozess kamen noch einige weitere Verfahrensfehler zum Vorschein und Franklin wurde rehabilitiert.

Dieser Fall brachte ein Phänomen zum Vorschein, das weit über unterschätzte Autogeschwindigkeiten, das Auftauchen einer nicht vorhandenen Waffe oder die Verwechslung eines Gesichts hinausging. Hier waren nicht Teile eines Geschehens verzerrt worden, sondern es war eine ganz neue Geschichte aus dem Nichts aufgetaucht. Verständlicherweise hielten viele Menschen, unter ihnen Richter und Psychotherapeuten, dies für unmöglich. Eine Erinnerung musste ihrer Überzeugung nach von einem realen Geschehen herrühren.
Lange sann Loftus über eine Methode nach, das Phänomen wissenschaftlich nachzuweisen. Schließlich entwickelte sie mit ihren Studenten an der University of California ein Experiment, das unter dem Namen „verloren im Einkaufszentrum“ bekannt wurde.
Bei diesem Experiment wurden den Versuchsteilnehmern jeweils vier kurze Texte über besondere Erlebnisse aus ihrer Kindheit vorgelegt, die mit Hilfe von Familienangehörigen erstellt worden waren. Eine der vier Geschichten war jedoch erdichtet und erzählte davon, wie der Proband als kleines Kind in einem großen Einkaufszentrum verloren gegangen war. Die Testpersonen sollten dann im Laufe der folgenden Woche alles aufschreiben, woran sie sich aus diesen Erlebnissen noch erinnerten. Es zeigte sich, dass ein Viertel der Testpersonen sich an ihre Odyssee im Einkaufszentrum „erinnerten“. Als man ihnen eröffnete, eine der vier Geschichten sei nicht real, konnten sie nicht angeben, welche erfunden war. Die Resultate, die die Forscher am meisten faszinierten, waren die vielen Details, mit denen die Opfer des Erinnerungsschwindels ihre Geschichte ausgeschmückt hatten. Eine Person erinnerte sich an die Angst, ihre Familie nicht mehr wiederzusehen, eine andere an den kahlköpfigen älteren Herren, der ihr half, ihre Eltern wiederzufinden, und eine weitere an den Spielwarenladen, dessen Schaufenster sie in den Bann gezogen hatte. Loftus´ Team war es gelungen, in diesen Menschen Erinnerungen an Ereignisse zu generieren, die nie stattgefunden hatten.
Allerdings überzeugte das Experiment bei Weitem nicht alle Kritiker, insbesondere nicht die Anhänger der Theorie der verdrängten Erinnerung. Wer konnte denn sicher ausschließen, dass es sich bei den Erinnerungen, die die Versuchspersonen zu Tage förderten, nicht um echte Erinnerungen handelte, die sie zuvor verdrängt hatten?
Um diesem Einwand zu begegnen, machten verschiedene Forscher sich daran, Menschen Erinnerungen an immer einzigartigere und abstrusere Geschichten zu implantieren. Einige überzeugten ihre Subjekte davon, dass sie bei einer Familienhochzeit der Braut die Bowle über das Kleid gekippt hatten. Andere brachten sie dazu, zu glauben, sie hätten einer älteren Dame geholfen, ihren ausgebüchsten Affen wiederzufinden. Besonders findige Wissenschaftler in Harvard sparten sich die Arbeit der Implantation und rekrutierten ihre Versuchspersonen einfach aus dem Kollektiv von Menschen, die sich daran erinnerten, von Aliens entführt worden zu sein. Ihre Messungen physiologischer Stressparameter wie Herzfrequenz und Hautwiderstand zeigten ebenso starke Reaktionen auf die Erinnerung an ihr Erlebnis wie Menschen, die unter schweren Kriegs- oder Misshandlungstraumen litten. Falsche Erinnerungen, wie sie auch entstanden sein mögen, fühlen sich genauso echt an, wie wirkliche Erinnerungen.

Und wenn es doch eine echte Erinnerung ist…? Bild: Comfreak, Public Domain.

Und wenn es doch eine echte Erinnerung ist…?
Bild: Comfreak, Public Domain.

Wir können uns fragen, warum die Natur uns kein besseres Gedächtnis mit auf den Weg gegeben hat; eines, das wie ein Videorekorder die Wirklichkeit eins zu eins wiedergibt, anstatt Inhalte zu verbiegen und zu vermischen. Die Antwort darauf dürfte lauten, dass uns das nicht unbedingt zum Vorteil gereicht hätte. Denn natürlich ist unser Gedächtnis evolutionär entstanden und wir dürfen unterstellen, dass seine Funktionsweise so, wie sie ist, eine gute Umweltanpassung darstellt. So wird es wohl für die längste Zeit der Existenz unserer Spezies wichtiger gewesen sein, ein möglichst vollständiges Abbild der Umwelt, so wie sie sich im Augenblick darstellte, im Sinn zu haben, als sich genau daran zu erinnern, wo der Fluss früher einmal entlang floss oder wo die Gazellen vor vielen Jahren grasten. Der Zweck unseres Gedächtnisses ist es eben nicht, möglichst viele separate Details zu behalten, sondern uns in die Lage zu versetzen, unsere Kenntnisse zu integrieren und zu verallgemeinern, um danach zu handeln. Unser Gehirn ist nicht an einer objektiven Wahrheit interessiert, sondern an stimmigen Geschichten, die im Einklang mit anderen Informationsquellen und unseren Überzeugungen stehen.
Wenn ihr euch also das nächste Mal mit einem Freund darüber streitet, wie es denn eigentlich genau gewesen war, als ihr damals beim gemeinsamen Interrail-Urlaub bestohlen wurdet, und euch nicht auf eine Version einigen könnt, dann denkt daran: Wahrscheinlich habt ihr beide Unrecht.

Literaturauswahl:

Loftus EF. Memories of Things Unseen. Current Directions in Psychological Science. August 2004;13(4):145–7.
Roediger, H. L., & McDermott, K. B. (1995). Creating false memories: Remembering words not presented in lists. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 21(4), 803-814.
Shaw J. Das trügerische Gedächtnis: Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht. München: Heyne Verlag; 2018. 304 S.

Kommentare (30)

  1. #1 Mars
    13. September 2018

    ein gutes thema, und ausführlich genug, sich da noch gedanken machen zu können.
    gibt eine gute note auf der langen liste …
    .
    hinsichtlich dieser problematik wird ein anderer bereich unseres lebens – die Fake-News, eben umso wichtiger in der aufklärung wirklicher ereignisse und von reinen fakten.
    da wundert es dann nicht, dass egomanen (ja, der!) bilder und ereignisse anders betrachten als naturliebhaber oder krankenschwestern
    .
    dise immer im sinn, müssen wir uns selbst an den kopf klatschen, was sich da so manches mal festsetzt und doch genauer hinterfragt werden sollte.
    ich habe oftmals bedenken, bei den heutigen heranwachsenden (aber nicht nur dort), deren lebenswissen vorallem aus dem 4-eckigen wischtelefon kommt, ob die noch in einer realen welt leben und denken ???
    .
    wurde denn auch untersucht, welche möglichkeiten es gibt, sein gehirn daraufhin zu trainieren, im ‘erinnerungsmodus’ besser als der durchschnitt zu sein?

  2. #2 Aginor
    13. September 2018

    Mir gefällt der Artikel sehr gut, sowohl das Thema betreffend, als auch sprachlich und von der Länge her.
    Sehr interessant, danke für den Beitrag!

    Gruß
    Aginor

  3. #3 Max
    13. September 2018

    Das menschliche Gehirn ist also kein Videorecorder, dem lieben Gott sei Dank!
    Schöne Darstellung des Erinnerungsvermögens und sehr gut zu lesen, vielen Dank dafür.

    Der Mensch mit seinem Gehirn ist genau mit diesem, aus kriminalistischer Sicht unperfektem Verhalten perfekt auf das Leben abgestimmt und ausgerichtet.
    Ermöglicht es uns doch so durch Variation der einen Geschichte Lösungen zu finden, wie mit einem Videorekorder niemals möglich wären.

    Eine perfekte Erinnerung, wie sie Kriminologen gerne hätten, war und ist von der Natur nicht vorgesehen, im Gegenteil, sie wäre für den Fortgang im Leben hinderlich, wäre ein Blick über den Tellerrand und damit eine Weiterentwicklung unmöglich.

  4. #4 Bullet
    13. September 2018

    Na das nenn ich mal einen sauberen Artikel.
    Chapeau.

  5. #5 Intensivpfleger
    13. September 2018

    Möglicherweise sollte man den beruflichen Kontext einer Person (oder auch intensive Hobbys) berücksichtigen, wenn man die Glaubwürdigkeit einer Erinnerung bewerten möchte.
    Als Pflegekraft achte ich beruflich besonders auf äußerliche Normabweichungen (veränderter Hautstatus, farbveränderte Augen, Haltung, …), ein Automechaniker ist vielleicht verlässlicher bei der Erinnerung an Automarke oder Lackfarbe eines Fluchtautos usw…
    Ich schätze, so ein Training ist durchaus möglich.

    Allerdings bin ich froh, noch nie nach einer Erinnerung gefragt worden zu sein, mit der ich die Zukunft einer anderen Person so maßgeblich beeinflussen hätte können, wie in den oben geschilderten Beispielen (lange Haftstrafen, Todeszelle…).

    Auf jeden Fall ein schöner Artikel.

    Gruß vom
    Intensivpfleger

  6. #6 gaius
    13. September 2018

    Wow!

  7. #7 Tina_HH
    13. September 2018

    Toller Artikel, sehr gut recherchiert und geschrieben und insgesamt in allen Punkten stimmig. Zudem auch noch ein spannendes Thema.
    Macht wirklich Freude beim Lesen. Danke dafür!

  8. #8 Anders
    13. September 2018

    Schöner Artikel, gute Länge und ganz nebenbei noch ein wenig geschichtlicher Hintergrund der Forschung.

  9. #9 RainerO
    13. September 2018

    Ich war auch schon einmal Opfer einer falschen Erinnerung*)
    Grundsätzlich ist mir das Thema (auch durch das Lesen entsprechender Literatur) also durchaus bekannt.
    Aber so kompakt, übersichtlich und flüssig geschrieben, war es mir ein Vergnügen, diesen Beitrag zu lesen.

    *) Bei sehr fortgeschrittener Dämmerung (defakto war es bereits dunkel) fuhr mir ein unbeleuchtetes Motorrad beim Linksabbiegen ins Auto. Die Hauptzeugin behauptete, es wäre noch hell gewesen, dadurch wurde ich wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung angeklagt. Erst exakt ein Jahr später beim Lokalaugenschein zur selben Uhrzeit wurde klar, dass die Aussage nicht stimmen konnte.

  10. #10 Jolly
    13. September 2018

    @Dennis Gregor

    Das trügerische Gedächtnis wollte ich mir schon längst zugelegt haben, danke für die Erinnerung. (*)

    denkt daran: Wahrscheinlich habt ihr beide Unrecht.

    Der letzte Streit liegt zwar schon etwas länger zurück, aber wenn ich mich recht erinnere, hatte in solchen Fällen bisher immer ich Recht.

    (*) Vielleicht hab ich es ja schon; besser, ich schau erst mal im Schrank nach.

  11. #11 Peter Paul
    13. September 2018

    Vom Thema her hochinteressant, gut geschrieben, sehr gut verständlich, gute Beispiele,einfach klasse !!

  12. #12 RPGNo1
    13. September 2018

    Applaus!
    Ein sehr schöner, flüssig zu lesender Artikel.

  13. #13 bruno
    13. September 2018

    Das ist mal ein toller Blog-Post! Gute Länge, locker und verständlich, gute Links und schöne Bildchen! Wies geherrt.
    Bislang mein Favorit ; )

  14. #14 Dampier
    13. September 2018

    Astrein. Spannendes Thema und gut geschrieben. Könnte so auch in Spektrum.de oder so stehen.

    Letzteres ist auch der einzige leise Kritikpunkt: mir fehlt ein bisschen der persönliche Touch, der einen Blogartikel ausmacht & von einem Zeitschriftenartikel unterscheidet.

    Was ich immer deutlich merke, ist, wie sehr alte Fotos und Super-8-Filme von früher meine Erinnerung ins Schleudern bringen. Erinnere ich mich wirklich selbst daran, oder nur, weil es im Film zu sehen ist (bzw. war – manche Filme habe ich ebenso vor ewiger Zeit zuletzt gesehen.) Oft weiß ich nicht, ob ich mich an eine Szene aus einem alten Familienfilm erinnere, oder ob es originäre lebendige Erinnerung ist.

    @Jolly

    denkt daran: Wahrscheinlich habt ihr beide Unrecht.

    Der letzte Streit liegt zwar schon etwas länger zurück, aber wenn ich mich recht erinnere, hatte in solchen Fällen bisher immer ich Recht.

    Der war gut :))

  15. #15 Ben
    13. September 2018

    Ist auch regelmäßig bei der Untersuchung von Luftfahrtunglücken ein Problem. Augenzeugen erinnern sich oft an eine Explosion, auch wenn sich später herausstellt, dass es nie eine gab. Vielleicht, weil das einfach dazu gehört wie man sich so ein Unglück vorstellt und wie es in Filmen usw. gewöhnlich dargestellt wird.

  16. #16 Dampier
    13. September 2018

    Abo vergessen.
    [√]

  17. #17 zimtspinne
    13. September 2018

    Hat mir gut gefallen, obwohl ich zuerst mal den Titel bemeckern wollte (“Lügengeschichten”), der letzte Absatz hat mich dann aber wieder besänftigt. 😀
    Schön, dass auch eine Erklärung für das Warum eingeflochten wurde.

    Dass das False Memory Syndrom auch vorkommt in der Ausführung, find ich ebenfalls super….
    allerdings werden Traumatherapeuten die Hände überm Kopf zusammenschlagen bei der Behauptung, es gäbe keine abespaltenen Erinnerungen und gehöre alles ins Reich der Märchen bzw in den freudschen Mülleimer.
    Dissoziative Störungen sind natürlich auch wissenschaftlich anerkannt (ICD-10 unter F44. …)

  18. #18 rolak
    13. September 2018

    Sehr schön.
    Und auch notwendig, denn das Drum&Dran des unaufhörlichen Gedächtnisfilm-Umschreibens scheint den Wenigsten hinreichend bekannt zu sein.

  19. #19 Centaurea
    Kerschem
    13. September 2018

    Ein Genuss!

  20. #20 Withold Ch.
    13. September 2018

    Interessantes Thema, sehr gut geschrieben! Der Titel könnte ein wenig tendenziös empfunden werden, aber bekanntlich ist ja nur das Erreignis für sich allein wahr, und die Probleme beginnen schon bei der Wahrnehmung und Beobachtung, ganz zu schweigen vom Narrativ, diesem bunten Gedächtnisprodukt …

    So wird es wohl für die längste Zeit der Existenz unserer Spezies wichtiger gewesen sein, ein möglichst vollständiges Abbild der Umwelt, so wie sie sich im Augenblick darstellte, im Sinn zu haben, als sich genau daran zu erinnern, wo der Fluss früher einmal entlang floss oder wo die Gazellen vor vielen Jahren grasten.

    Gewiss, wenn man nur das Kurzzeitgedächtnis in Betracht zieht. Aber für die Erinnerung daran, wo die am besten geeignete Furt an diesem Fluss schon wieder liegt, oder wo die zuverlässigsten Jagdgründe zu finden sind, waren dann die Menschen mit intaktem Langzeitgedächtnis gefragt … und das sind nun mal “natürlicherweise die alten Leute”.

    Vielleicht war das mit ein Grund, wieso die “alten Leute früher” mehr geachtet waren, sie waren noch nützlich, und ihre Erinnerungen konnten für das Überleben der Sippe einen Vorteil bedeuten.

    (Dem gegenüber der Brauch des Senizids bei vielen Jäger- und Sammlerkulturen.)

    Wahrscheinlich habt ihr beide Unrecht.

    Klar. Die Videoüberwachung beweist es doch!

  21. #21 Dennis
    13. September 2018

    Erst einmal vielen Dank in die Runde für das positive feed back. Freue mich sehr!

    @Mars @Dampier

    ich habe oftmals bedenken, bei den heutigen heranwachsenden (aber nicht nur dort), deren lebenswissen vorallem aus dem 4-eckigen wischtelefon kommt, ob die noch in einer realen welt leben und denken ???

    Erinnere ich mich wirklich selbst daran, oder nur, weil es im Film zu sehen ist

    Ich kann mir gut vorstellen, dass viele von uns da in Zukunft Probleme bekommen werden. Schließlich ist es ja heute allgemein üblich, ein besonderes Erlebnis nicht einfach nur so auf sich einwirken zu lassen, sondern lieber die Linse des smartphones dazwischen zu halten und das Video in alle Winde zu posten. Irgendwann werden wir nicht mehr wissen, was wir mit eigenen Augen gesehen haben und was uns nur per Video erreicht hat.

    Ob man sein Gedächtnis gegen falsche Erinnerungen trainieren kann, kann ich nicht sagen. Ich weiß aber, dass ältere Menschen in dieser Hinsicht vulnerabler sind. (Falls jemand das vorgeschlagene Experiment durchführen möchte, ein Tipp: wenn ihr eure Versuchskaninchen aus den Reihen der älteren Semester rekrutiert, sind die Chancen besser, dass es “funktioniert”).

    Wichtig ist, dass man sich des Effektes bewusst ist. Zumindest im deutschen Rechtswesen gibt es zum Beispiel heutzutage genaue Vorgaben, wie eine (Foto-)Gegenüberstellung zu erfolgen hat, um die falsche-Erinnerungs-Falle zu umgehen. Zum Beispiel darf das Aussehen des vermeintlichen Täters nicht besonders aus der Gruppe der “fillers” herausstehen, der Beamte, der die Gegenüberstellung leitet, darf kein feed-back geben (“Gut, sie haben den Verdächtigen richtig identifiziert…”) oder weiß am besten selbst nicht, wer der Verdächtige ist usw..

    @RainerO
    vielleicht interessiert dich dieser Ted-Talk, bei dem es auch um Lichtverhältnisse am Schauplatz geht (hier allerdings in einem Mordfall…)

  22. #22 Fluffy
    13. September 2018

    Schöner Artikel.
    Ja, ja, dieser unvergleichliche Siegmund Freud, der auch gern in einem Atemzug mit Albert Einstein genannt wird.
    Zu Recht, zu Recht.

  23. #23 Dennis
    13. September 2018

    @zimtspinne

    allerdings werden Traumatherapeuten die Hände überm Kopf zusammenschlagen bei der Behauptung, es gäbe keine abespaltenen Erinnerungen

    In der Tat waren und sind viele Therapeuten höchst erbost über Loftus´ Aussagen. Außer im Prozess um den Mord an Susan Nason hat sie ja noch in vielen Fällen von wiedererinnertem Missbrauch als Expertin ausgesagt und sich damit den Zorn vieler Missbrauchsopfer zugezogen, die das Gefühl hatten, Loftus würde sie alle generell nicht Ernst nehmen. Sie bekam Drohungen, war zeitweise mit Leibwächtern unterwegs und lernte Pistolenschießen.
    Ich denke, es gibt wohl noch viel Diskussion darum, wie ausgedehnt so eine dissoziative Amnesie sein kann und welche Erscheinungsformen sie annehmen kann. Loftus wies vor allem darauf hin, dass falsche Erinnerungen existieren und dass sie in einigen Fällen die wahrscheinlichere Erklärung waren.

  24. #24 RainerO
    14. September 2018

    @ Dennis
    Danke für das Video. Bei mir lief die Rekonstruktion genauso ab.
    Die Zeugin tätigte ihre Aussage sicher nicht in böser Absicht, sondern weil sie tatsächlich sicher war, dass es noch hell genug war, um ohne Beleuchtung fahren zu können.

  25. #25 stone1
    14. September 2018

    Ich seh schon, es wird wieder schwierig eine Auswahl der besten Artikel zu treffen, dieser hier kommt aber auf jeden Fall auf die Liste.

  26. #26 Dennis
    14. September 2018

    Verzeiht meine Neugier: Hat eigentlich irgendjemand das Experiment ausprobiert…?

  27. #27 rolak
    14. September 2018

    ausprobiert…?

    Bisher nur (wieder mal) vorbereitet, Dennis, um im Falle eines hinreichend masochistischen Kreises loslegen zu können, bevor es sich jemand anders überlegt. Die ersten Spickzettel, an die ich mich erinnere waren in meiner SchönschriftSauklaue, da war später der 9Nadler-ErbsenDrucker schon ne echte Steigerung…

  28. #28 René
    18. September 2018

    Super Beitrag. Was ich mich nur frage: Ist es eigentlich mit den Erkentnissen fair eine Benotung auf angeblich auswendig gelernte Gedichte zu geben? Gedichte erzählen meißt in Prosa eine kleine Geschichte, die der Autor im Alltag oder während eines wichtigen geschichtlichen Ereignisses erlebt hat. Daher sind diese Texte von Natur aus sehr suggestiv. Wie kann man also von jemandem erwarten sich diese Texte Wort für Wort zu merken und damit entgegen dem im Text oben natürlichen Mechanismus zu handeln?

  29. #29 Dennis
    21. September 2018

    @René
    Interessanter Gedanke. Spontan fiele mir dazu folgendes ein:
    Ein Gedicht ist durch seinen Rhythmus und seine Reime in ein mnemotechnisches Stützgerüst gepackt. Es kann nicht leicht verändert werden, ohne dass sofort auffällt, dass der Reim nicht mehr passt oder die Sprechmelodie nicht stimmt. Wahrscheinlich waren die ersten Gedichte als Gedächtnisstütze für mündliche Überlieferungen gedacht, die die überlieferte Geschichte gerade vor der “Phantasie” des Erzählers schützen sollten.
    So betrachtet, wäre es dann nicht mehr ganz so unfair, ein Gedicht auswendig lernen zu lassen. Die Aufgabe wird ja quasi vereinfacht.

  30. #30 Kinseher Richard
    Kelheim
    23. September 2018

    @ Dennis Gregor
    1) Unter ´Lüge´ versteht man, wenn jemand absichtlich etwas falsches sagt. In Ihrem Beitrag sind wohl eher Fehler beim Erinnern gemeint

    2) Das Buch von Julia Shaw ´Das trügerische Gedächtnis´ ist ein sehr empfehlenwerter Literaturtipp

    3) Was und Wie wir erinnern hängt von den Umständen beim Erinnern ab

    3A) ´zustandsabhängiges Erinnern´: Was wir erinnern hängt von unseren körperlichen, emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten sowohl zu dem Zeitpunkt a) wann wir eine Erfahrung machen, wie auch b) zu dem Zeitpunkt wenn wir diese Erfahrung reaktivieren/erinnern ab. D.h. durch das RE-AKTIVIEREN (a>b ) können Inhalte von Erfahrungen deutlich verändert werden.

    3B) Bei Inhalten des episodischen Gedächtnisses entscheidet die hierarchische Reihenfolge des Erinnerns darüber, welche Erfahrungen wir erinnern können.
    a) hierarchisch absteigend: sind Erlebnisse ab dem aktuellen Alter bis zum 2.-4. Lebensjahr erinnerbar. Diese ´Grenze´ ist in der Literatur als ´infantile Amnesie´ beschrieben worden.
    b) hierarchisch aufsteigend: sind Erfahrungen ab dem 5. Schwangerschaftsmonat dem bewussten Erinnern zugänglich – in der gleichen Reihenfolge, wie sich die Sinne entwickeln: Fühlen(Hautkontakt) > Hören > Sehen > Geburt(indirekt) > …
    Erinnerungsstrategie b) wird von der Gedächtnisforschung bisher nicht erforscht!
    Beide Erinnerungsstrategien a)/b) sind im Rahmen der sogenannten ´Nahtod-Erfahrung´(NTE) deutlich erkennbar. Per Google-suche [Kinseher NDERF denken_nte] finden Sie eine PDF mit einem kompletten Erklärungsmodell für NTEs – auf Seite 3 ist ein Beispiel für einen Lebenslauf in hierarchisch aufsteigender Reihenfolge.

    Es gibt Tausende von NTEs, dass die Gedächtnisforschung deren Strukturen/Inhalte nicht untersucht – bedeutet, dass wertvolle Aussagen über die Arbeitsweise des Gehirns nicht beachtet werden.
    Bei einer NTE kann man bewusst erleben, wie das Gehirn einen einzelnen Reiz systematisch und strukturiert verarbeitet. D.h. die Arbeitsweise des Gehirns wird der Introspektion zugänglich!