sb-wettbewerb_kleinDieser Artikel ist Teil des ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2018. Informationen zum Ablauf gibt es hier. Leserinnen und Leser können die Artikel bewerten und bei der Abstimmung einen Preis gewinnen – Details dazu gibt es hier. Eine Übersicht über alle am Bewerb teilnehmenden Artikel gibt es hier. Informationen zu den Autoren der Wettbewerbsartikel finden sich in den jeweiligen Texten.
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Wohin steuert die Welt? Globale Trends die fast niemand kennt

von Maxwell

Ich bin 24 Jahre alt, wohne in der Schweiz und studiere aktuell Bauingenieurwesen. Das ist meine erste Teilnahme an diesem Schreibwettbewerb, ich freue mich über Kommentare.

Hat sich die Zahl der Menschen in extremer Armut in den letzten 20 Jahren verdoppelt, halbiert oder ist etwa gleich geblieben? Wenn Männer im Alter von 30 Jahren heute im weltweiten Durchschnitt 8 Jahre zur Schule gingen, sind es bei den Frauen 3, 5 oder 7 Jahre? Und wie entwickelte sich die Zahl der Todesopfer von Naturkatastrophen in den letzten 100 Jahren: Verdoppelt, halbiert, etwa gleich? Die Gapminder-Stiftung des Schweden Hans Rosling liess solche Multiple-Choice Umfragen in verschiedenen Industrieländern durchführen. Die Resultate zeigten Erstaunliches: Meistens wählten weniger als 10% die richtigen Antwort. Die meisten Menschen scheinen ein vollkommen falsches Bild vom Lebensstandard in den Entwicklungs- und Schwellenländern sowie dem globalen Trends zu haben. Wie Hans Rosling anmerkt, hätten selbst Affen mit total zufälligen Antworten deutlich besser abgeschnitten. Das Problem scheint also nicht fehlendes Wissen zu sein, sondern falsche Vorstellungen.

Und mit „falsch“ ist hier „pessimistisch“ gemeint. In der Tat halbierte sich die extreme Armut in den letzten zwei Jahrzehnten, und Frauen können mit 7 Jahren im Durchschnitt fast gleich lange die Schule besuchen wie Männer. Die Zahl der Todesopfer von Naturkatastrophen verringerte sich nicht nur um 50%, sondern um mehr als 80%. Aber mit diesen positiven Entwicklungen ist es bei weitem nicht zu Ende.

Die Lebenserwartung steigt weltweit, nur in Afrika liegt sie noch unter 70 Jahren. An Malaria sterben jährlich halb so viele Menschen wie vor 15 Jahren, auch sinken die Neuinfektionen und Todesopfer durch Aids. Mittlerweile werden weltweit mehr als 80% aller Kinder gegen Masern geimpft und die Kindersterblichkeit sank in 50 Jahren von 19% auf 4%. Vor 25 Jahren galt noch 18% der Weltbevölkerung als unterernährt, heute sind es 12%. Im gleichen Zeitraum ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser von unter 80% auf über 90% gestiegen. 45% der Weltbevölkerung haben Zugang zum Internet. Vor 50 Jahren lebte 30% der Weltbevölkerung in einer Demokratie, heute sind es 50%. Die Welt wird auch immer friedlicher: Der Anteil der Militärausgaben am Bruttoinlandprodukt hat im weltweiten Durchschnitt von 6% in 1960 auf heute 2.2% abgenommen, die Zahl der Atomwaffen von ehemals über 60‘000 im Jahr 1980 auf heute etwa 10‘000. Bei den Todesopfern durch Kriege ist ebenfalls ein deutlicher Abwärtstrend erkennbar. Die Grafik nach 1945 erinnert an ein auslaufendes Gebirge, bei dem die kleiner werdenden Gipfel mehrheitlich auf einzelne Kriege wie den Koreakrieg und den Vietnamkrieg zurückzuführen sind. Aktuell liegt die Erde aufgrund des Syrienkriegs auf einem Hügel.

Jährliche Todesopfer von Kriegen (auch Bürgerkriege) nach dem zweiten Weltkrieg. (Quelle: Our World in Data, Creative Commons BY 4.0

Jährliche Todesopfer von Kriegen (auch Bürgerkriege) nach dem zweiten Weltkrieg. (Quelle: Our World in Data, Creative Commons BY 4.0

Weltweit geht auch die Zahl der Menschen zurück, die durch Gewaltverbrechen ums Leben zu kommen. Dagegen liegt die Zahl der Suizide mit 800‘000 pro Jahr rund doppelt so hoch. Sollte man also Angst haben, Opfer eines tödlichen Gewaltverbrechens zu werden, so sollte man sich statistisch gesehen eher vor sich selbst fürchten (Die Zahl der Suizide sinkt jedoch ebenfalls). Auch die Bildung kommt voran: Von der Weltbevölkerung über 15 Jahren kann inzwischen über 80% lesen und schreiben, immer mehr Kinder besuchen die Schule und auch die mittlere Anzahl der Schuljahre steigt stetig.

Vor allem die auf der Welt angeblich aufgehende Schere zwischen arm und reich ist ein Mythos. Nicht nur gibt es immer weniger sehr Arme, auch sinkt die Ungleichverteilung der Einkommen seit Jahrzehnten, was man in der Einkommensverteilung erkennen kann. Während die Welt in den 70er Jahren noch zweigeteilt war in einen reichen Westen und einen armen Rest, ist 2015 nur noch ein Buckel erkennbar. Dies liegt am Aufstieg von sehr vielen Menschen der Schwellenländer in die Mittelschicht, vor allem in China. Die weltweite Ungleichheit, gemessen etwa mit dem Gini-Koeffizienten, ist deshalb gesunken.

Globale Verteilung der Einkommen pro Tag für 1800, 1975 und 2015. (Quelle: Our World in Data, Creative Commons BY 4.0

Globale Verteilung der Einkommen pro Tag für 1800, 1975 und 2015. (Quelle: Our World in Data, Creative Commons BY 4.0

Ein Thema, über das auch sehr viele schlecht informiert zu sein scheinen, ist die angebliche Bevölkerungsexplosion. Gerne wird darauf verwiesen, dass in der Vergangenheit die Abstände, bis eine weitere Milliarde Menschen auf der Erde lebte, immer kürzer wurden. Mittlerweile ist das Bevölkerungswachstum aber am abnehmen. Die maximale jährliche Wachstumsrate wurde 1970 mit 2.1% erreicht, heute liegt sie bei 1.2%. Der absolute Zuwachs gipfelte im Jahr 1988 und sinkt seither auch. Laut ausführlichen Simulationen der UNO wird sich dieser Negativtrend fortsetzen, wodurch im mittleren Szenario die Weltbevölkerung im Jahr 2100 mit etwa 11 Milliarden das Maximum erreichen wird. Die Institution IIASA (International Institute for Applied System Analysis), die auch den Bildungsstand in die Modelle einbezog, rechnet gar mit einem Maximum von nur 9.5 Milliarden im Jahr 2070. Danach spricht nichts dagegen, dass die Weltbevölkerung sinken wird, so wie es auch in Westeuropa ohne Migration bereits heute der Fall wäre. Zurückführen lässt sich der Rückgang auf die sinkende Geburtenrate, die wiederum von der sinkenden Kindersterblichkeit, dem steigenden Wohlstand und mehr Frauenrechten abhängt. Der demografische Übergang mit zuerst sinkender (Kinder-)sterblichkeit und daraufhin sinkender Geburtenrate vollzieht sich dabei in den Entwicklungs- und Schwellenländern deutlich schneller als in Europa zur Zeit der industriellen Revolution.

Wahrscheinlichstes Szenario der Weltbevölkerungsentwicklung nach Bildungsstand 1970-2100. (Quelle: Our World in Data, Creative Commons BY 4.0

Wahrscheinlichstes Szenario der Weltbevölkerungsentwicklung nach Bildungsstand 1970-2100. (Quelle: Our World in Data, Creative Commons BY 4.0

Wer dieser Liste von Verbesserungen Rosinenpickerei vorwirft, hat nicht ganz Unrecht, da in der Tat nur Positives ausgewählt wurde. Nicht erwähnte Themen, in denen aktuell keine Verbesserungen sichtbar sind, betreffen zum Beispiel Terrorismus, Einkommensverteilung innerhalb der Staaten, Krebs, Übergewicht und illegale Drogen. Die grosse Menge an erwähnten positiven Veränderungen sollte aber klarmachen: Die Welt verbessert sich nicht nur an einigen Stellen, sondern in fast allem. Gerade bei den grössten Problemen wie Armut, Hunger, Krankheit und Gewalt ist eine deutliche positive Entwicklung im Gange. Die Gründe für die allgemein pessimistische Grundhaltung der europäischen und nordamerikanischen Bevölkerung sind vielfältig und schwierig zu bestimmen. Einen Anteil daran haben sicher die Medien, die naturgemäss von (meist negativen) Abweichungen von der Norm berichten, während langsame, stetige Verbesserungen kaum erwähnt werden. Durch die Schwierigkeit, in grossen Massstäben zu denken, werden kürzliche negative Erfahrungen auf die Allgemeinheit projiziert. Erwiesen ist auch, dass Menschen in Umfragen die persönliche Zukunft sowie den Zustand der eigenen Gemeinde deutlich positiver einschätzend als die des gesamten Staates oder der Welt. Dies könnte daran liegen, dass man etwas positiver einschätzt, desto mehr Kontrolle man darüber hat. Weitere Gründe könnten eine fehlerhafte Schulbildung, das Älterwerden (der eigene Körper lässt mit der Zeit nach) sowie die Verdrängung von negativen Erinnerungen sein, womit die Vergangenheit besser dasteht als sie war.

Diese Flut von positiven Nachrichten provoziert natürlich einige Dauerpessimisten, deren Einwände man diskutieren sollte. Zuallererst behauptet niemand, dass es nicht lokal und/oder zeitlich begrenzt zu Rückschritten kommt. Es geht explizit um die langjährigen, globalen Trends, die für den Zustand der Welt und die zukünftige Entwicklung nun einmal viel aussagekräftiger sind als eine aktuelle Schlagzeile, nach der irgendwo ein Problem in diesem Bereich herrscht. Letztere werden häufig als Gegenbeweis zum Trend präsentiert, haben aber als Momentaufnahme eine sehr geringe Aussagekraft. Von positiven Entwicklungen zu berichten erscheint auch vielen so, als würde man die Probleme kleinreden. Es ist und bleibt tragisch, dass immer noch hunderttausende Kinder jährlich an Unterernährung sterben, man kann sich aber trotzdem daran freuen, dass diese Zahl vor relativ kurzer Zeit wesentlich höher lag. Auch soll mit diesen Statistiken sicher nicht impliziert werden, dass diese Probleme nicht existieren oder sich von selbst lösen. Die Trends anzuerkennen erlaubt zu sehen, dass die weltweiten Bemühungen für eine bessere Welt tatsächlich eine Wirkung erzielen. Im Gegenteil ist es eher die „es wird sowieso alles schlimmer“-Haltung, die Menschen daran hindert zu helfen.

Ein weiterer Einwand kommt aus dem Bereich des Umweltschutzes. Die logische Folge eines weltweit steigenden Wohlstands und Lebensstandards ist ein grösser werdender Ressourcenverbrauch. So wird befürchtet, dass aktuelle und zukünftige Probleme wie Luft- und Wasserverschmutzung, Klimawandel, Artensterben, Abholzung und endliche Ressourcen die aktuellen positiven Trends umkehren werden. Auch wenn Verbesserungen sichtbar sind, hat in der Tat bisher in keinem dieser Themen eine deutliche globale Trendwende stattgefunden. Es gibt trotzdem einige Gründe, davon auszugehen, dass die Auswirkungen dieser Probleme begrenzt werden können und sich die aktuellen Trends, wenn auch etwas gebremst, fortsetzen. Zunächst einmal sind manche dieser Probleme relativ neu und/oder haben Zeitrahmen von Jahrzehnten, bis mit irreparablen/katastrophalen Folgen gerechnet werden muss. Zugleich gilt: Je grösser ein Problem, desto grösser auch die Bemühungen es zu lösen (auch wenn es natürlich häufig besser wäre, man würde mit der Lösung bereits früher anfangen). In den Industriestaaten steigen die Bemühungen für den Umweltschutz ständig, wodurch schon einige Fortschritte erzielt wurden. Beispiele wie die im Vergleich zu früher deutlich bessere Wasser- und Luftqualität sowie die steigende Waldfläche in Europa zeigen, dass eine hohe Lebensqualität und ein akzeptabler Einfluss auf die Umwelt kein Widerspruch bedeuten muss. Auf globaler Ebene ist es gelungen, das Ozonloch zu verkleinern. Ausserdem sank die Menge an Öl, die jährlich durch Tankerunfälle ins Meer gelangt, von mehr als 150 kt in den 70ern auf weniger als 5 kt. Ein gewisser Wohlstand ermöglicht zudem Forschung, Innovation, Investitionen in Schutzmassnahmen (Dämme, Kläranlagen, Abfallentsorgung) und bietet einen sicheren Rahmen für Umweltschutzgesetze (Naturschutzgebiete, Grenzwerte). Entwicklungs- und Schwellenländer legen den Fokus aktuell verständlicherweise auf das Wirtschaftswachstum statt auf den Umweltschutz, da Hunger, Armut und Gewalt dort nach wie vor die weitaus grösseren Probleme darstellen. Mit steigendem Wohlstand werden aber auch diese Länder den Umweltschutz stärker gewichten, ohne die Fehler der Industriestaaten wiederholen zu müssen. Aufgrund des Endes des Bevölkerungswachstums wird zudem auch der Ressourcenverbrauch nicht ewig weiter steigen.

Angesichts dieser Statistiken ist es angebracht, etwas positiver in die Zukunft zu blicken und den vorherrschenden Pessimismus hinter sich zu lassen. Natürlich gibt es immer noch grosse Probleme und zukünftige Herausforderungen, die sich nicht so schnell und einfach lösen lassen. Wenn aber die Vergangenheit sowie die aktuellen Trends etwas zeigen, so dass damit gerechnet werden kann, dass die Menschheit weiter Fortschritte machen wird. Damit liegen wir auf dem Weg, das fast schon utopische Ziel zu erfüllen, allen Menschen auf der Welt ein friedliches, gesundes und materiell sorgenfreies Leben zu ermöglichen.

Meine Hauptquellen:
Ein unterhaltsamer Vortrag von Hans Rosling auf Youtube.
Informative und gut aufbereitete Statistiken auf Our World in Data.

Kommentare (39)

  1. #1 Mars
    12. Oktober 2018

    ein interessanter beitrag, gut nachvollziehbar und man lernt dazu.

    schlimm wäre es gewesen, wenn ein 24 jähriger sich diesem pessimismus hingeben würde. er läuft mit vollem bewusstsein in eine zeitspanne, die er beobachten UND noch verändern kann (das macht ein 75 jähriger verm. nur noch selten)

    geniessen wir das leben, bleiben dennoch achtsam und unterstützen diejenigen, die solche veränderung positiv im sinn haben – zum wohle aller.

  2. #2 Max
    12. Oktober 2018

    Factfulness (das Buch von Rosling zu der Studie) ist fantastische, ich kann es nur empfehlen

  3. #3 Heljerer
    12. Oktober 2018

    Ein sehr gut geschriebener Artikel. Ich habe mir vor einiger Zeit ein paar YouTube-Videos von Rosling angeschaut. Es ist schon erstaunlich, dass Affen Roslings Fragen besser beantworten als die meisten Zeitgenossen, wobei auch Journalisten hier keine Ausnahme darstellen.

    Viele Menschen haben leider ein völlig verkorkstes, nennen’s wir mal apokalyptisches, Geschichtsverständnis. Das ist aus meiner Sicht auch einer der vielen Gründe, warum sie bei Roslings Fragen so falsch liegen. Die Geschichte müsste demnach nach irgendwelchen inneren Gesetzen irgendeinem Endzustand zustreben. Bei manchen ist es der utopische Idealzustand, bei anderen ist es der Untergang. Das ist aber völliger Unsinn. Wie die Menschheit ihre Geschichte gestaltet, ist eine Folge des Handelns. Da wir aber nicht wissen, wie in Zukunft im Einzelnen gehandelt wird, welche neuen Ideen und Erfindungen entwickelt werden und wie sich diese im komplexen Zusammenspiel aus Soziologie, Politik, Technik, Ökologie u.s.w. auswirken, bleibt der langfristige Geschichtsverlauf völlig offen. Wir steuern auf keinen Endpunkt der Geschichte zu, weder im negativen Sinn, noch im positiven Sinn. Wir sehen im Moment in vielen ganz wesentlichen Bereichen eine positive Entwicklung (wie im Artikel gut beschrieben), in anderen Bereichen sieht es dagegen ziemlich düster aus (z.B. Artensterben). Wie sich dies alles langfristig entwickeln wird, wissen wir nicht. Homo Sapiens existiert seit ca. 300000 Jahren. Über die nächsten hundert Jahre kann man mit Hilfe Roslings Daten noch ganz gut spekulieren. Aber wie wird es in 1000 Jahren aussehen, oder in 10000 Jahren? Da kann man sich sehr sehr viele mögliche Szenarien ausdenken.

  4. #4 gaius
    12. Oktober 2018

    Ich finde es wichtig, dieses Wissen zu verbreiten, denn: Wie wollen wir die Herausforderungen der Zukunft meistern, wenn wir völlig falsche Vorstellungen haben, welche Maßnahmen wirken und welche nicht?

    Abgesehen davon, dass es natürlich nützlich ist, den Zustand der Welt zu kennen, bevor man sich daran macht, ihn weiter zu verbessern.

    Wesentliche Denkanstöße daraus sind für mich:

    Diese Fortschritte konnten sicher nicht durchgehend gegen den Kapitalismus erreicht werden, auf jeden Fall im Kapitalismus – vielleicht ja sogar mit Hilfe des Kapitalismus?

    (Ich weiß, vielen Menschen fällt es schwer, den Kapitalismus nicht als das absolut Böse zu sehen – aber auch hier sollten die Fakten zuerst kommen.)

    Außerdem scheinen die Trends zu Demokratisierung, Liberalisierung, Sozialstaatlichkeit, Frauenrechten, internationaler Zusammenarbeit, Umweltschutz, Abrüstung, NGOs, internationalem Recht und ähnlichem, die die letzten Jahrzehnte geprägt haben, im Großen und Ganzen in die richtige Richtung zu gehen, wenn in ihrer Wirkungszeit solche zunehmenden, inzwischen massiven Erfolge erzielt werden konnten …

  5. #5 Tim
    12. Oktober 2018

    Toller Artikel. Man nicht oft genug über Rosling schreiben.

    Die negative Weltauffassung vieler Zeitgenossen ist vielleicht das Produkt des fantastischen Lebensstandards von uns Wohlstandsbürgern in der westlichen Welt. Wenn man keine existentiellen Probleme hat, sucht man sich eben andere. Hölle und Apokalypse gibt es nicht mehr in der säkularisierten Welt, also schafft man sich Substitute.

  6. #6 Novidolski
    12. Oktober 2018

    “Damit liegen wir auf dem Weg, das fast schon utopische Ziel zu erfüllen, allen Menschen auf der Welt ein friedliches, gesundes und materiell sorgenfreies Leben zu ermöglichen. ”

    Na dann Prost. Bei solchen Aussichten können wir weiter Braunkohletagebau betreiben, unsere SUVs und Vans noch größer konzipieren, den Südpoltourismus anleiern und vor dem Dauerstau auf unseren Autobahnen die Augen verschließen.
    Ja zum Donnerwetter, Herr Rosling ist ja noch fähiger als Joseph Goebbels, der 1944 noch den Endsieg beschwor.
    Dass die Meere leergefischt sind ist ein Faktum und läßt sich nicht prozentual kleinreden. Vielleicht doch.
    Die prozentuale Abnahme ist geringer geworden.

    So argumentiert Herr Rosling, er argumentiert prozentual. Mit der steigendken Weltbevölkerung als Grundlage werden viele Probleme tprozentual gesehen kleiner. Dass in 50 Jahren aber ganze Landstriche im Meer versinken werden, das verschweigt er.
    Fazit: Ein Machwerk, dass den Ernst der Lage verkennt.

  7. #7 Heljerer
    12. Oktober 2018

    Diese Fortschritte konnten sicher nicht durchgehend gegen den Kapitalismus erreicht werden, auf jeden Fall im Kapitalismus – vielleicht ja sogar mit Hilfe des Kapitalismus?

    Sicher ist: Die industrielle Revolution wurde tatsächlich vom Dreigestirn Technik-Wissenschaft-Kapitalismus angetrieben. Ob das ganze auch ohne Kapitalismus geklappt hätte, kann man im Nachhinein nicht sagen. Die Geschichte des Ostblocks hat aber gezeigt, dass der Versuch das Ganze ohne Kapitalismus am Leben zu erhalten, am Ende gescheitert ist. Auch für das sogenannte “kommunistische” China sind massive kapitalistische Strukturen notwendig, um erfolgreich zu sein.

  8. #8 Hoffmann
    12. Oktober 2018

    @ Novidolski:

    Ein Machwerk, dass den Ernst der Lage verkennt.

    So sehe ich das auch. Der gegenwärtige Wohlstand ist mit Zukunftsanleihen erkauft. Aber irgendwann ist Zahltag, denn die Natur lässt sich nicht auf Dauer auf Pump beleihen. Sie klopft schon an der Tür, um die aufgelaufene(n) Schuld(en) einzufordern …

  9. #9 Heljerer
    12. Oktober 2018

    @Novidolski
    Das, was du schreibst ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Wir wissen letztlich nicht, wohin uns unsere technisch-wissenschaftlich-kapitalistische Lebensweise führt. Ich halte nichts von dem platten Geschwafel:

    “Es kommt einfach darauf an, was man aus einer bestimmten Erfindung macht. Man kann sie zum Guten oder zum Schlechten verwenden.”

    Das Dreigestirn hatte immer schon diese Ambilanz des Guten und Schlechten. Zu glauben, dass Wissenschaft neutral sei, ist naiv. Denken wir nur mal an die Entwicklung der Atombombe. Wer weiß, vielleicht löscht sich die Menschheit tatsächlich mal im Atomkrieg aus. Ich denke, es ist an der Zeit, die Entwicklung der Vergangenheit und der möglichen Zukunft sehr differenziert zu betrachten. Insofern gebe ich dir recht: Die Schattenseiten kommen bei Rosling unter Umständen zu kurz. Allerdings muss ich zugeben, dass ich über ihnzu wenig kenne, um mir hier ein abschließendes Urteil erlauben zu können.

  10. #10 gaius
    12. Oktober 2018

    @Novidolski

    Bei solchen Aussichten können wir weiter Braunkohletagebau betreiben, unsere SUVs und Vans noch größer konzipieren, den Südpoltourismus anleiern und vor dem Dauerstau auf unseren Autobahnen die Augen verschließen.

    Wieso sollte die Menschheit, die im letzten Jahrhundert den Willen aufgebracht hat, solche Fortschritte zu erreichen, ihn plötzlich verlieren? Offensichtlich brauchst Du diese Unlogik, um nicht Dein geliebtes negatives Menschenbild in Gefahr zu bringen …

    Und davon, dass es gleichzeitig positive und negative Entwicklungen, positive und negative Zustände geben kann, hast Du auch noch nie etwas gehört, oder? Rosling behauptet nicht, dass alles gut ist. Er weist nach, dass vieles besser geworden ist. Den Unterschied sollte man erkennen können.

  11. #11 Smamap
    12. Oktober 2018

    Es ist erstaunlich wie wenig wir faktisch wissen. Wenngleich logisch. Denn der Mensch ist so gestrickt, wie dies in seiner Entwicklungsgeschichte erforderlich war. Für den Höhlenmenschen waren die Gefahren wichtig, nicht das, was ok war. Er überlebte, wenn er sehr aufmerksam war gegenüber gefahren. Deshalb schreckt der Mensch auch noch auf, wenn ein Flugzeug abstürzt. Die 100000de erfolgreichen Flüge sind uninteressant. Das mag die Zahlen des Beitrags erklären!
    Und so positiv die festzustellenden Erfolge zu bewerten sind, und unbedingt ins rechte Licht gerückt werden müssen, um Prioritäten zu sehen, so muss auch gesehen werden, dass eine handvoll Entwicklungen katastrophal werden, wenn nicht vehement gegengesteuert wird: Es reichen 5 Grad Erderwärmung zur Katastrophe, und es reichen 50 Atombomben zur Vernichtung der Menschheit.
    So sehr die im Beitrag genannten Besserungen absolut notwendig sind, so sehr darf der Blick für die ‘points of no return’ nicht aus den Augen verloren werden.

  12. #12 Heljerer
    12. Oktober 2018

    Wieso sollte die Menschheit, die im letzten Jahrhundert den Willen aufgebracht hat, solche Fortschritte zu erreichen, ihn plötzlich verlieren? Offensichtlich brauchst Du diese Unlogik, um nicht Dein geliebtes negatives Menschenbild in Gefahr zu bringen …

    Ich sehe darin überhaupt keine Unlogik.

    Dass in letzter Zeit der Hunger auf der Welt abgenommen hat, die Kindersterblichkeit gesunken ist u.s.w., heißt ja nicht, dass in Zukunft alles gut wird. Ja, wir betreiben Raubbau mit der Natur, das Artensterben ist beängstigend hoch, wir haben das Potential uns komplett selbst nicht vernichten. Man kann sogar sagen, dass es uns gerade deshalb immer besser geht, weil wir auf Kosten Anderer (Tiere, Umwelt, zukünftiger Generationen) leben.

    Ich halte es durchaus für denkbar, dass wir auf den “Zahltag” zusteuern. Denn, dass bisher alles besser wurde, heißt noch lange nicht, dass das immer so weiter gehen wird.

    Alleine die Gefahr, dass uns ein Zahltag bevorstehen könnte – nicht muss – macht aber ein Überdenken erforderlich. Völliger Unsinn ist doch, wenn man auf irgendwelche zukünftigen Erfindungen hofft, die es schon richten werden. Von selbst kommt da gar nichts. Man muss sich schon aktiv bemühen. Man darf den rasanten technischen Fortschritt in der Mikroelektronik nicht als Maßstab nehmen. In der Energiewirtschaft geht alles extrem langsam.

    Wir sollten uns nochmal den Titel des Blog-Beitrag vergegenwärtigen: “Wohin steuert die Welt?”

    Schon in diesem Satz steckt ein Stück Fatalismus. Es muss doch eigentlich heißen. “Wohin steuern wir die Welt?” Wir sind es, die die Zukunft in der Hand haben.

  13. #13 RPGNo1
    12. Oktober 2018

    Der kanadische Kognitionswissenschaftler Steven Pinker sind die Zukunft der Welt auch sehr viel positiver, als uns verschiedene Nachrichten und Expertenmeinungen glauben machen wollen.
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/steven-pinker-aufklaerung-jetzt-eine-gnadenlos.950.de.html?dram:article_id=428986

  14. #14 Dampier
    12. Oktober 2018

    Schöner Vortrag. Das Thema gab’s ja zuletzt öfter (als Rosling gestorben war, habe ich zum ersten Mal davon gehört …). Diese Art der Zusammenfassung habe ich also schon hier und da gelesen. Aber es ist gut geschrieben, und wie @Tim schon sagte, man kann das nicht oft genug erwähnen.

    Es gibt aber auch eine Erklärung, warum dieser Effekt auftritt, dass wir Verbesserungen nicht wahrnehmen können oder wollen. Die Studie halte ich für eine entscheidende Ergänzung zu diesem Themenkomplex:

    Das Gesetz der zunehmenden Penetranz der negativen Reste

    Das wurde kurz bei WRINT erwähnt (mMn ohne die Tragweite wirklich zu erkennen).

    Kurz gesagt:

    Wenn sich ein Problem löst, weiten Menschen reflexartig dessen Definition aus.

    Wenn Probleme seltener werden, betrachten wir automatisch mehr Umstände als problematisch.
    (…)

    Das alles legt nahe, dass sich viele gesellschaftliche Probleme nicht lösen lassen. Nicht etwa, weil sie nie verschwinden, sondern weil sich die Koordinaten verschieben, wonach Probleme bewertet werden. Der Philosoph Odo Marquard hat dieses Phänomen einst als “Gesetz der zunehmenden Penetranz der negativen Reste” beschrieben.

    https://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-das-problem-der-geloesten-probleme-1.4034658

    DAS finde ich einen ganz entscheidenden Aspekt an der Sache. Rosling allein hat mich nie wirklich überzeugen können, meinen tiefsitzenden Kulturpessimismus in Frage zu stellen. Erst diese Erkenntnisse fangen an, ein Umdenken zu bewirken.

    MUSS man lesen!

    (Fefe dazu, siehe auch dortigen Link)

  15. #15 Florian Freistetter
    12. Oktober 2018

    @Dampier: Man darf halt auch nie die menschliche Komponente vergessen. Es ist zwar schön zu wissen, wenn es historisch und global gesehen allen immer besser geht. Aber ich als Mensch kann die Welt halt zwangsläufig immer nur aus meiner persönlichen Sicht betrachten. Und wenn es MIR jetzt gerade schlechter geht als vor 20 Jahren – z.b. weil ich nach der Wende meinen Job verloren habe; weil ich wegen HartzIV keinen Fuß mehr auf den Boden krieg; usw – dann kann mir Rosling noch so viel davon erzählen, wie super es uns allen geht: Ich werd damit nix anfangen können. Statistik mag zwar korrekt sein, aber sie ist selten tröstlich…

  16. #16 Dampier
    12. Oktober 2018

    @Florian

    Und wenn es MIR jetzt gerade schlechter geht als vor 20 Jahren

    Entscheidend ist, dass sich auch die Gewichtung dessen ändert, was wir als problematisch betrachten. Der Glaube, mir ginge es schlechter als früher, unterliegt eben auch genau diesem starken Bias!

    Hier ist die Studie:
    http://science.sciencemag.org/content/360/6396/1465/tab-pdf

    Und hier noch ein Artikel dazu:
    https://marginalrevolution.com/marginalrevolution/2018/06/sexism-racism-never-diminishes-even-everyone-becomes-less-sexist-racist.html

    When blue dots became rare, purple dots began to look blue; when threatening faces became rare, neutral faces began to appear threatening; and when unethical research proposals became rare, ambiguous research proposals began to seem unethical. This happened even when the change in the prevalence of instances was abrupt, even when participants were explicitly told that the prevalence of instances would change, and even when participants were instructed and paid to ignore these changes.

    Lies es einfach mal. Besser kann ich es hier in Kürze auch nicht ausdrücken.

  17. #17 Dampier
    12. Oktober 2018

    @Florian
    Ergänzung dazu:

    Und wenn es MIR jetzt gerade schlechter geht als vor 20 Jahren – z.b. weil ich nach der Wende meinen Job verloren habe; weil ich wegen HartzIV keinen Fuß mehr auf den Boden krieg; usw – dann kann mir Rosling noch so viel davon erzählen, wie super es uns allen geht: Ich werd damit nix anfangen können.

    Ich will das nicht kleinreden. Gerade Hartz 4 ist sicherlich ein Grund, dass sich für viele in den letzten Jahren das Leben massiv verschlechtert hat.
    Man muss da natürlich fähig sein, einen Schritt zurück zu treten und das große Ganze unabhängig von der eigenen Situation zu sehen. Wenn der Frust sehr tief sitzt, mag das kaum mehr möglich sein, da gebe ich dir Recht.

  18. #18 Silava
    12. Oktober 2018

    Ein sehr nett geschriebener und informativer Artikel, über Rosling hatte ich bisher noch fast nichts gelesen.

    @RPGNo1
    Ich würde Stephen Pinker als Schüler von Rosling betrachten. Wobei meiner Meinung nach Pinker noch optimistischer ist als Rosling, in seinem Buch “Enlightenment Now” weist er nach dass quasi jede relevante Statistik einen positiven Trend aufweist.

    Wie es aber die nächsten Jahre weitergeht wenn Leute wie Trump, Erdogan, Orban, Duterte, Kaczynski, Bolsonaro sowie Rechtsradikale in Österreich+Italien an der Macht sind ist mir noch ein Rätsel.

  19. #19 Wizzy
    12. Oktober 2018

    @Heljerer
    “Die Geschichte müsste demnach nach irgendwelchen inneren Gesetzen irgendeinem Endzustand zustreben. Bei manchen ist es der utopische Idealzustand, bei anderen ist es der Untergang. Das ist aber völliger Unsinn.”

    Ich denke nicht, dass man mit Roslings Daten den Schluss ziehen kann, dass Beides Unsinn sei. Sowohl Utopien als auch Apokalypsen haben jeweils gute Begründungen, die man meiner Meinung nach seriös diskutieren kann. Dass für die Menschheit vieles besser wurde in 200 Jahren kann z.B. bei exponentieller Extrapolation (z.B. die globale Produktivität entwickelt sich gut belegt seit mindestens 1900 exponentiell) ohne Probleme zur Utopie führen. Aber auch die Gegenbehauptung “das wird nicht ewig so weitergehen” hat stichhaltige Argumente.

    Ich bestreite nicht, dass die Bevölkerung vergangene Entwicklungen nicht realistisch einschätzt.

  20. #20 Dampier
    12. Oktober 2018

    @Silava

    Wie es aber die nächsten Jahre weitergeht wenn Leute wie Trump, Erdogan, Orban, Duterte, Kaczynski, Bolsonaro sowie Rechtsradikale in Österreich+Italien an der Macht sind ist mir noch ein Rätsel.

    Das frage ich mich auch gerade, ob das jetzt nur ein Trend ist, der sich bald wieder relativiert, oder ob die Scheiße wieder über uns zusammenschlagen wird wie in den 1930er Jahren.

    Die Daten der letzten 20 Jahre fallen sicher auch so positiv aus, weil es mit Südamerika stark bergauf ging. Wenn ein Schwein wie Bolsonaro diese Errungenschaften wieder in die Tonne tritt (genau dafür tritt er an), könnte das auch globale Auswirkungen auf Jahrzehnte haben.

  21. #21 Wizzy
    12. Oktober 2018

    @Heljerer
    Ok gut, im zweiten Teil Deines Beitrages sagst Du es ja selbst. Aber der Endzustand der Geschichte wird doch nach inneren Gesetzen erreicht, nach was sonst?

  22. #22 Novidolski
    12. Oktober 2018

    gaius,
    ….negatives Menschenbild….
    mein Menschenbild ist sogar positiv, weil sich die Menschen ändern können. Im Kapitalismus wird alles in Euro und Cent bewertet. Wenn die Nachteile unserer Wirtschaftsweise die Vorteile übersteigen werden, dann wird eine Änderung stattfinden. Von diesen positiven Veränderungen werden aber nur die profitieren, die auf der richtigen Seite stehen. “Man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.” (Dreigroschenoper)

    Hoffmann,
    die Rechnung wird kommen und sie wird sehr hoch sein !
    Für viele unbezahlbar.

  23. #23 Heljerer
    12. Oktober 2018

    Mir passt die ganze Art der Diskussion nicht. Man darf natürlich die Frage stellen: “Geht es uns heute besser als gestern?” Und auch die Frage: “Wird es uns morgen besser als heute gehen?” Wie Rosling es darlegt, heißt die Antwort auf die erste Frage “Ja”. Die Antwort auf die zweite Frage ist möglicherweise auch “Ja”. Ich weiß es nicht. Man muss dabei bedenken, dass es den Menschen im Durchschnitt selbst bei leergefischten Ozeanen und einer massiven Klimaerwärmung immer noch besser geht als im Mittelalter. Es geht ja nicht darum, dass es auf der Erde an Wohlstand mangeln würde. Es geht darum, dass dieser Wohlstand mit einer irren Macht erkauft wird, mit der der Mensch eben gleichzeitig ein zerstörerisches Potential in die Hände bekommt.

    Das Buch von Pinker habe ich nicht gelesen. Aber wenn ein Kognitionswissenschaftler über die Zukunft der Welt philosophiert, dann messe ich dem keine größere Bedeutung bei. Alles Nachdenken über die Zukunft kann nur Möglichkeiten aufzeigen. Niemand kann so vermessen sein und sagen: “Alles wird gut!” Genauso wenig kann jemand überzeugend darlegen, dass alles den Bach runter gehen wird.

    Wer wirklich seriös darüber sprechen will, muss zugeben, dass wir es nicht wissen. Eine Extrapolation der Vergangenheit in die Zukunft ist nur für wenige Jahrzehnte möglich. Allein die Tatsache, dass das Potential zur Vernichtung existiert, sollte jedem klar machen, dass die Vernichtung eben auch eine der vielen möglichen Wendungen der zukünftigen Geschichte ist. Klar: Das wäre die pessimistische Variante der Zukunft – pessimistisch aber nicht unmöglich.

  24. #24 gaius
    12. Oktober 2018

    @Silava

    Wer heute als neuer Rechter (und dazu zähle ich inzwischen leider viele Linke) ohne Kenntnis oder Beachtung dieser Fakten davon ausgeht, dass die Welt radikal umsteuern muss, strebt also an, ein recht gut (im Vergleich zum Rest der Menschheitsgeschichte sensationell gut) funktionierendes System zu zerstören, um es durch Prinzipien zu ersetzen, die zu den größten Katastrophen der Menschheit geführt haben: Nationalismus, jeder gegen jeden, Rassismus, Protektionismus, Aufrüstung, Sozialdarwinismus, Antisemitismus, staatlich gelenkte Wirtschaft, Autokratie etc. …

    Diese Faktenresistenz ist mir unbegreiflich – ohne Ausrichtung an dem, was wir wissen, wird natürlich auch jede Diskussion sinnlos.

  25. #25 gaius
    12. Oktober 2018

    @Heljerer

    Niemand kann so vermessen sein und sagen: “Alles wird gut!”

    Das tut Pinker nicht. Und ich nehme an, Rosling auch nicht. Niemand, der bei einigermaßen rationalem Verstand ist, wird so etwas behaupten (es sei denn, er hätte zusätzliche Argumente). Beide sagen nur: Die Daten zeigen, dass diese Entwicklungen existieren – und sie zeigen, was der Menschheit möglich ist.

  26. #26 Heljerer
    12. Oktober 2018

    @Wizzy

    Aber der Endzustand der Geschichte wird doch nach inneren Gesetzen erreicht, nach was sonst?

    Was soll denn der “Endzustand der Geschichte” sein? O.K., wenn wir uns im Atomkrieg komplett vernichten haben sollten, ist die Antwort klar. Ansonsten hat Hegel damit die letzte Synthese gemeint, d.h., wenn der Mensch am Optimum angekommen ist. Es gab nach Hegel noch eine längere Tradition über Marx bis Fukuyama (https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Fukuyama). Das ist aber eine Ansicht, die unter Historikern mittlerweile überholt ist.

    Es kann z.B. sein, dass in 100 Jahren weitgehend in allen Staaten Demokratie herrscht. Es kann auch sein, dass wir in 1000 Jahren von Diktatoren beherrscht weren. Es kann auch sein, dass wir in 1000 Jahren eine Weltregierung haben, die Planwirtschaft betreibt und die Lieferzeit für ein 2-Takter-Auto aus Hartfaserpappe bei 15 Jahren liegt.

    Kurz gesagt: Solange es noch Menschen gibt, wird es kein Ende der Geschichte geben.

  27. #27 Florian Freistetter
    12. Oktober 2018

    @Dampier: “Man muss da natürlich fähig sein, einen Schritt zurück zu treten und das große Ganze unabhängig von der eigenen Situation zu sehen. “

    Ok. Aber selbst wenn man das kann: Dann geht es MIR immer noch Scheiße und es tröstet mich nicht, dass es meinen Urgroßeltern vielleicht noch viel beschissener gegangen ist. Ich sag ja nicht, dass es unwichtig ist, die Dinge die Rosling sagt, zu verbreiten. Das ist schon wichtig. Aber man darf jetzt nicht erwarten, dass die Leute dann ob dieser Erkenntnis freudig aufspringen und erklären, dass jetzt eh alles gut und in Ordnung ist, weil sie nun darüber belehrt wurden, das es früher noch schlimmer war.
    Das ist halt wieder dieser Konflikt zwischen Wissenschaft und dem echten Leben. Natürlich sind wissenschaftliche Erkenntnisse wichtig und relevant und eine Orientierungshilfe. Aber (und damit mein ich jetzt nicht dich), wenn Leute glauben es ist damit getan, irgendwen auf wissenschaftliche Fakten hinzuweisen, um ihn von irgendwas zu überzeugen, dann wird das nicht funktionieren. Den ganzen Leuten zb die sich momentan abgehängt und mies behandelt fühlen und sich dann von Gruppen wie der AfD einfangen lassen: Denen kann man noch so viele schöne Videos von Rosling & Co zeigen. Das wird nichts an deren Gefühl ändern, weil das andere Ursachen hat…

  28. #28 Heljerer
    12. Oktober 2018

    @gaius

    Das tut Pinker nicht. Und ich nehme an, Rosling auch nicht. Niemand, der bei einigermaßen rationalem Verstand ist, wird so etwas behaupten (es sei denn, er hätte zusätzliche Argumente). Beide sagen nur: Die Daten zeigen, dass diese Entwicklungen existieren – und sie zeigen, was der Menschheit möglich ist.

    Wie gesagt: Pinker habe ich nicht gelesen. Mit Rosling habe ich mich ein bisschen beschäftigt. Ich wollte auch Rosling nicht in dieser Richtung interpretieren. Ich finde Roslings Arbeit insgesamt sehr positiv. Ich habe dadurch tatsächlich einiges dazu gelernt. Aber es muss schon erlaubt sein, darauf hinzuweisen, dass das Licht eben auch immer mit Schatten erkauft wird.

    Das menschliche Dasein hatte zwar schon Jahrtausende vor der Industrialisierung seine Schattenseiten. Das ist keine neue Entwicklung. Neu ist allerdings das Potential, das eben mittlerweile globale Ausmaße annehmen kann.

  29. #29 Heljerer
    12. Oktober 2018

    @Florian Freistetter

    Du hast natürlich vollkommen recht, dass Statistiken den Einzelnen wenig trösten. Ich verstehe das auch nicht als Kritik an Rosling, sondern eher als ergänzende Worte.

    Ich stelle ansonsten fest, dass wenn Rosling kritisiert wird, es meistens nicht darum geht, was er gesagt hat, sondern darum, was er verschwiegen hat. Aber so ist das nun mal. Man kann als Einzelner nicht über alles reden.

  30. #30 Dampier
    12. Oktober 2018

    @Florian

    Den ganzen Leuten zb die sich momentan abgehängt und mies behandelt fühlen und sich dann von Gruppen wie der AfD einfangen lassen: Denen kann man noch so viele schöne Videos von Rosling & Co zeigen. Das wird nichts an deren Gefühl ändern, weil das andere Ursachen hat…

    Ist nicht diese Aussage selbst zutiefst pessimistisch? Zugegeben, ich sehe es ähnlich; aber gerade der hier diskutierte Bias könnte auch dafür verantwortlich sein. Nun wäre ich zumindest bereit, mich genauer zu informieren, wie groß die Faktenresistenz der Frustrierten wirklich ist, und mich evtl. eines Besseren belehren zu lassen : ]

    Ich denke, was du sagst, ist auch ein Hinweis darauf, wie verdammt wichtig uns Anerkennung und Aufmerksamkeit sind, und wie ernst wir das nehmen sollten, dass wir niemanden abhängen! Das trifft sowohl auf den Langzeitarbeitslosen zu wie auf den unwillkommenen und angefeindeten Flüchtling/Migranten: beide haben ein enormes Frustpotenzial, nach dem (vereinfachten) Motto: wenn mich eh keiner mag, muss ich mich auch nicht gut benehmen.

  31. #31 Silava
    12. Oktober 2018

    @Heljerer

    Wie gesagt: Pinker habe ich nicht gelesen.

    Pinkers Buch ist höchst empirisch. Seine Quellenangaben belegen alleine 30 eng bedruckte Seiten. Die Anmerkungen nochmal 35. Wenn Dich das Thema auch nur halbwegs interessiert dann solltest Du es auf jeden Fall lesen.

    Dieser Vortrag von Stephen Pinker hat mich schwer beeindruckt. Er gibt eine gute Übersicht über seine Thesen: “Steven Pinker and Sam Harris Waking Up Book Club”
    [youtube https://www.youtube.com/watch?v=H_5N0N-61Tg&w=560&h=315

    Der Vortrag selbst geht von 02:38 – 35:30, der Rest ist aber auch sehenswert. In manchen Punkten stimme ich Pinker nicht zu, er meint z.B. dass man im Kampf gegen den Klimawandel unbedingt die Kernkraftwerke braucht. Was man mit dem Atommüll machen sollte, dafür hat er aber natürlich auch keine Lösung.

    Er sagt ganz klar dass die positiven Trends nicht “gottgegeben” sind. Er warnt vor ungerechtfertigtem Pessimismus wie vor ungerechtfertigtem Optimismus, beides könnte dazu führen notwendige Änderungen zu unterlassen. Wir als Gesellschaft müssen kontinuierlich weiter daran arbeiten. Aktuell sind ja die Anti-Enlightenment-Kräfte weltweit massiv auf dem Vormarsch. Besonders erfolgreich ist Vladimir Putin in seinem social-engineering Feldzug gegen die EU, die NATO und die USA. Man darf als aufgeklärter Bürger und überzeugter Demokrat nicht die Flinte ins Korn werfen sondern man sollte (im Rahmen der eigenen Möglichkeiten) beständig dagegenhalten.

  32. #32 Joseph Kuhn
    12. Oktober 2018

    Bei Statistiken, die durchschnittliche Verbesserungen zeigen, geht leicht mal unter, dass nicht alle gleichermaßen von diesen durchschnittlichen Verbesserungen profitieren, manche dabei sogar verlieren. Und man vergisst leicht auch zu fragen, ob wir nicht trotzdem unverzeihlich unter unseren Möglichkeiten bleiben, ob z.B. die Armut nicht längst viel mehr hätte bekämpft werden können.

    Das Buch Factfullness von Hans Rosling ist sehr empfehlenswert, auch wenn er ein recht notorischer Optimist war (aber nicht blind gegen negative Entwicklungen). Pinker habe ich nicht gelesen. Falls er wirklich sagt, dass “quasi jede relevante Statistik einen positiven Trend aufweist”, hat er die relevanten Statistiken, die ihm nicht gefallen, wohl vergessen. Die Erderwärmung zeigt jedenfalls keinen positiven Trend (also von der Folgenbewertung her), die Menge an Plastik im Meer auch nicht, die weltweite Zahl der Tabaktoten ebenfalls nicht.

  33. #33 Joseph Kuhn
    12. Oktober 2018

    Factfulness, “l”s waren gerade im Angebot.

  34. #34 Gerhard
    12. Oktober 2018

    Ich habe die Kommentare noch nicht gelesen, aber der Text von Maxwell gefällt mir sehr.

  35. #35 Dietmar
    12. Oktober 2018

    Sehr schöner Text!

  36. #36 user unknown
    14. Oktober 2018

    @FF:

    Und wenn es MIR jetzt gerade schlechter geht als vor 20 Jahren – z.b. weil ich nach der Wende meinen Job verloren habe; weil ich wegen HartzIV keinen Fuß mehr auf den Boden krieg; usw – dann kann mir Rosling noch so viel davon erzählen, wie super es uns allen geht:

    Dass es Einzelnen schlechter geht erklärt aber nicht, wieso 90% glauben, dass die allgemeine Armut wächst. Prozentual müssten ja auch mehr Leute persönlich Wohlstandsgewinne erleben.

    Ich denke viele Leute, die das Meinungsbild prägen, wurden in den 70ern/80ern in der Schule etwa auf die Bevölkerungsexplsion aufmerksam gemacht und haben seither ihren Wissensstand nicht aktualisiert.

    Linke Politiker betreiben weiterhin Alarmismus und konservative halten nicht dagegen. Zu fragen wäre, wieso sie nicht dagegenhalten. Vielleicht spielt eine Rolle, dass sich bei linken und Medienschaffenden rumgesprochen hat, dass Statistiken die Leute nicht ansprechen und man stattdessen Einzelschicksale thematisieren soll, in der Wissenschaft bekannt als anekdotische Evidenz (die Näherin in Bangladesh, Löter für IPhones, wildes Metallrecycling in Westafrika).
    Wer dagegen anargumentiert, der kommt leicht als herzloser Technokrat rüber – vielleicht gibt es deshalb so wenig Gegeninformation in der Öffentlichkeit.

    Was bei der Entwicklung auch gerne übersehen wird sind die Langzeitfolgen von Bildung und Wissenschaft? Wieviel Prozent haben in den 50ern in Europa noch die Hochschulreife erreicht und studiert? Wieviele waren es dann in den 80ern/90ern? Ich glaube von 5-10% ist die Zahl bei uns auf 50% gestiegen.

    Eine ähnliche Entwicklung machen viele Schwellenländer aber jetzt erst durch.

    Viele davon werden natürlich Arzt u.ä. und verbessern die lokale Lebensqualität. Andere werden Rechtsanwalt, was nicht unbedingt die Lebensqualität erhöht: Der Nachbar verklagt Dich, Du brauchst jetzt selbst einen Anwalt, eine Rechschutzversicherung – ob die Gesellschaft netto einen großen Gewinn davon hat?
    Aber einige forschen und erfinden und deren Erkenntnisse kommen der ganzen Welt zugute, so wie heute in Afrika jeder 4. ein Smartphone hat.

    Wenn man bedenkt, was alles in den 100 Jahren von 1900 bis 2000 erfunden wurde und wie die Zahl Gebildeter, Wissenschaftler und Forscher explodiert ist, dann ist für die Zukunft ein gewisses Maß an Optimismus angebracht.

    Ich muss sagen, dass die Zahlen Roslings mich wohl mehr als alles andere von der Utopie eines Sozialismus abgebracht hat, auch wenn es längere Zeit dauerte mein Weltbild an eine andere Faktenlage anzupassen, als die Fakten selbst zu schlucken.

  37. #37 Stephan
    14. Oktober 2018

    800 Millionen Menschen leiden dauerhaft bzw. praktisch dauerhaft Hunger.
    #36
    “deren Erkenntnisse kommen der ganzen Welt zugute, so wie heute in Afrika jeder 4. ein Smartphone hat.”
    Ganz schön zynisch.
    Der Smartphonehype kommt fast niemandem zugute, temporär lediglich den Herstellern.
    Die de-jure- Hochschulreife ist sicherlich sehr gestiegen, sie beträgt wohl irgendwas um 30%, die de-facto-Hochschulreife ist wohl eher noch gesunken.

  38. #38 Anderas
    14. Oktober 2018

    Lieber Maxwell, ich würde dir jetzt gerne 25 Herzen schenken. Dass es ganz objektiv vielen Leuten besser geht, ist tatsächlich weniger bekannt als es sein sollte.

    Manch eine unbegründete Furcht vor dem überrantwerden aus Afrika würde sich damit erledigen; auch die “alles Mist” Einstellung vieler Leute. Dass es lokal defizite gibt ist normal, und es ist an den Menschen die in diesen lokalen Defiziträumen leben, das zu ändern.

    Ich bin das erste Mal vor einigen Jahren mit der Nase darauf gestoßen worden dass einiges besser wird, als Bill Gates über seine Foundation interviewt worden ist.

    Danke für deinen Artikel!

  39. #39 Simon Deutschl
    19. Oktober 2018

    Sehr schöner Text. Danke dafür, ich habe ihn gerne gelesen. Endlich mal ein guter Blog-Artikel, den man Leuten unter die Nase halten kann, wenn wieder der Mythos, früher wäre alles besser gewesen, herunterleiern.

    (Und ja, ich weiß, dass es Leute gibt, bei denen das nichts hilft. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass es den meisten, die jammern, nicht wirklich schlecht geht. Natürlich gibt es da auch Ausnahmen.)