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Impfen – Pro und Contra

von Till Korten.

Ich bin Biochemiker und arbeite als Wissenschaftler auf dem Gebiet der Biophysik molekularer Motoren.

Ich hatte neulich mit einer Bekannten eine hitzige Diskussion über die Vor- und Nachteile des Impfens. Im Anschluss habe ich im Internet nach allgemeinverständlichen Informationen zum Impfen recherchiert. Leider musste ich feststellen, dass einige der ersten Treffer in der Suchmaschine meiner Wahl Fakten, Halbwahrheiten und Fiktion wild mischen. Deshalb möchte ich in diesem Artikel erzählen, was ich im Studium und nach aktueller Recherche in der Fachliteratur zum Impfen gelernt habe.

Was ist eigentlich Impfen?

Man kann sich Impfen gut wie einen Steckbrief vorstellen: Durch die Impfung wird der Abwehr unseres Körpers (dem Immunsystem) gezeigt wie ein Krankheitserreger aussieht, damit sich der Körper besser und vor allem schneller gegen diesen Krankheitserreger wehren kann. Dadurch kann in den meisten Fällen eine Infektion verhindert werden, da die Immunabwehr die Krankheitserreger erkennt und zerstört bevor sie sich im Körper vermehren können. Der große Vorteil daran ist, dass das eigene Abwehrsystem unseres Körpers genutzt wird um im Vorfeld zu verhindern, dass man überhaupt krank wird. Dafür ist nur ein minimaler Eingriff (Spritze) mit kaum Nebenwirkungen (oft leichte Schmerzen an der Einstichstelle und manchmal ein Tag leichtes Fieber) nötig. Eine Impfung wirkt meist nach ein bis drei Anwendungen für viele Jahre, manchmal das ganze Leben.

Steckbrief eines Virus. Angepasst aus Vorlagen von H.-P.Haack - Self-photographed, Public Domain und DROUET - Own work, CC BY-SA 3.0

Steckbrief eines Virus. Angepasst aus Vorlagen von H.-P.Haack – Self-photographed, Public Domain und DROUET – Own work, CC BY-SA 3.0

Selbstverständlich enthält ein Impfstoff keine kleinen Bildchen, die in den Dienststellen der Körperabwehr ausgehängt werden. Stattdessen enthalten Impfstoffe Teile der Krankheitserreger, die unsere Körperabwehr mit dem Krankheitserreger vertraut machen.

Wie funktioniert unsere Körperabwehr eigentlich?

Unser Körper besitzt zwei grundlegend verschiedene Mechanismen um sich gegen Krankheitserreger zu wehren:

Die angeborene Immunantwort bleibt das gesamte Leben lang gleich. Sie besteht aus mechanischen Barrieren, die das Eindringen von Erregern verhindern sollen, aus Zellen die Erreger gezielt angreifen und unschädlich machen und aus Eiweißen, die Zellen der Körperabwehr anlocken, aktivieren und ihnen den Angriff auf Erreger erleichtern. Die angeborene Immunantwort spüren wir zum Beispiel bei einem Mückenstich, wo die entsprechende Stelle anschwillt, rot wird und anfängt zu jucken. An dieser Stelle hat der Körper einen Fremdstoff erkannt (den Speichel der Mücke und eventuell in den Körper gelangte Krankheitserreger) und bekämpft diesen. Das was bei einem Mückenstich eher lästig ist, hilft unserem Körper dabei die Abwehr zu organisieren. Die Schwellung und die Rötung entstehen dadurch, dass die Durchblutung an der betroffenen Stelle verstärkt wird. Dadurch gelangen schnell viele Abwehrzellen in die Gefahrenzone. Auch Fieber wird durch die angeborene Immunantwort ausgelöst, ist also Teil der natürlichen Abwehrreaktion des Körpers.

Die adaptive Immunantwort zeichnet sich durch ihre Anpassungsfähigkeit gegenüber neuen oder veränderten Erregern aus. Zentrales Element der Adaptiven Immunantwort sind die Antikörper. Das sind Eiweiße, die an ihrer Oberfläche zwei Stellen besitzen mit denen sie an bestimmte Oberflächenregionen von Erregern binden und diese so gezielt erkennen können. Das kann man sich vorstellen wie ein “Y” bei dem an den beiden oberen Armen die “Noppen” eines Legosteins befestigt sind. Die Noppen passen genau in die Unterseite von herumfliegenden Legosteinen und bleiben so an diesen haften. Die Anpassungsfähigkeit der Antikörper entsteht dadurch, dass der Körper die “Noppen” nach dem Zufallsprinzip herstellt. Das bedeutet, dass es im Körper sehr viele verschiedene Antikörper gibt, die alle unterschiedliche “Noppen” haben, die an unterschiedlichen Erregern haften bleiben.

Schematische Zeichnung eines Antikörpers. Bild: Till Korten.

Schematische Zeichnung eines Antikörpers. Bild: Till Korten.

Normalerweise wird jeder dieser verschiedenen Antikörper von genau einer Immunzelle im Körper hergestellt und ist daher nur in sehr geringen Mengen vorhanden. Sobald dieser Antikörper aber an einen Krankheitserreger bindet, vermehrt sich die entsprechende Immunzelle stark und stellt so sehr viele gleiche Antikörper her, die dann alle den Erreger erkennen und dabei helfen ihn zu bekämpfen.

Antikörper haben drei Hauptfunktionen:

  • Dadurch, dass jeder Antikörper gleichzeitig an zwei Erreger bindet, werden die Erreger verklumpt. So können sich die Erreger nicht mehr ungehindert im Körper bewegen und breiten sich nicht mehr so leicht aus.
  • Antikörper aktivieren sogenannte Killerzellen, die Erreger und infizierte Körperzellen gezielt angreifen und töten.
  • Antikörper verbleiben auch nach einer Infektion in größerer Zahl im Körper. Wird der Körper erneut von dem gleichen Erreger angegriffen, wird dieser Erreger durch die verbleibenden Antikörper sofort erkannt. Dadurch kann die Körperabwehr sofort reagieren, und den Erreger bekämpfen bevor er sich im Körper vermehren kann. So wird eine erneute Infektion mit demselben Erreger meistens verhindert. Diese Funktion sorgt dafür, dass das adaptive Immunsystem quasi ein Gedächtnis bekommt.
  • Wie genau funktioniert ein Impfstoff?

    Impfstoffe setzen genau an der Gedächtnisfunktion der adaptiven Immunantwort an. Impfstoffe enthalten Teile der Hülle von Krankheitserregern. Diese Teile werden von der Körperabwehr als fremd erkannt und es werden Antikörper gegen diese Teile gebildet. Diese Antikörper erkennen sowohl den Impfstoff als auch die Krankheitserreger aus denen der Impfstoff hergestellt wurde. Die Antikörper verbleiben über Jahre im Körper und schützen so vor Infektionen mit dem betreffenden Erreger. Ein Impfstoff schützt um so besser, je mehr Antikörper gebildet werden. Daher werden Impfstoffe gezielt darauf optimiert, eine starke Reaktion der Körperabwehr hervorzurufen. Diese starke Reaktion bewirkt, dass die Stelle an der wir Geimpft wurden noch für einige Stunden oder sogar noch am nächsten Tag weh tut. Außerdem kann die Immunantwort bewirken, dass wir einige Stunden nach der Impfung Gliederschmerzen und Fieber bekommen. Diese Nebenwirkungen lassen sich kaum vermeiden, da sie die Schutzwirkung des Impfstoffes verbessern.

    Woraus besteht ein Impfstoff?

    Der allererste Impfstoff bestand aus einem vergleichsweise harmlosen Vacciniavirus, das mit dem tödlichen Pockenvirus verwandt ist und dessen Oberfläche Teilen der Oberfläche des Pockenvirus gleicht. Dadurch konnte der Körper nach einer Infektion mit dem Vacciniavirus auch Antikörper gegen Pockenviren erzeugen, die dann vor zukünftigen Pockeninfektionen schützen. Das englische Wort für Impfung (vaccination) ist deshalb eng verwandt mit dem Namen des Vacciniavirus.

    Manche Impfstoffe werden hergestellt, indem die Krankheitserreger im Labor vermehrt und anschließend z.B. durch radioaktive Strahlung ganz oder teilweise abgetötet wurden. Gerade solche Impfstoffe enthalten häufig auch Wirkverstärker (Adjuvantien), die darauf abzielen, die Immunantwort zu verstärken. Dadurch muss jede Impfdosis weniger Krankheitserreger enthalten, was die Herstellung vereinfacht und das Risiko senkt, dass man durch die Impfung erkrankt.

    In modernen Impfstoffen wie z.B. dem Masern Mumps Röteln Impfstoff werden Eiweißbruchstücke aus den Hüllen der Erregerviren mit Hilfe moderner Molekularbiologie in die Hüllen harmloser Viren eingebaut, sodass diese harmlosen Viren quasi als Boten agieren, die die Erkennungsmerkmale der Krankheitserreger im Körper verteilen. Das hat den Vorteil, dass die harmlosen Viren besonders gut die Körperabwehr aktivieren und so ein langfristiger Schutz (oft ein Leben lang) erreicht werden kann. Außerdem werden zu keinem Zeitpunkt im Herstellungsprozess noch Erreger verwendet, die potentiell krank machen könnten. Auch Adjuvantien sind bei solchen Impfstoffen nicht enthalten.

    Wie sicher sind Impfungen?

    Wie bei jeder wirksamen medizinischen Behandlung gibt es auch beim Impfen Risiken. Neben den oben erwähnten Nebenwirkungen (Schmerzen, Fieber), die bei vielen Geimpften auftreten und nach einigen Tagen wieder verschwinden, kann es in seltenen Fällen auch zu schweren Komplikationen kommen. Solche schweren Komplikationen treten bei modernen Impfstoffen jedoch bei Millionen Geimpften nur in wenigen Einzelfällen auf. Es sind aber in der Vergangenheit schon Impfstoffe wieder vom Markt genommen worden, weil sie zu viele Nebenwirkungen hatten. Zum Beispiel wird in Deutschland seit 1998 der orale Polio-Impfstoff gegen Kinderlähmung nicht mehr verwendet, da er abgeschwächte Erreger enthält. Stattdessen wird ein Totimpfstoff verwendet. Der schützt zwar wirksam vor einer Erkrankung, kann aber die Ausbreitung nicht verhindern. Deshalb wird in Ländern in denen Polio noch vorkommt weiterhin der Lebendimpfstoff verwendet. Die abgeschwächten Erreger des Lebendimpfstoffes können in der nicht geimpften Bevölkerung zirkulierten und konnten sich mit der Zeit so verändern, dass sie wieder krank machten. Seit dem Jahr 2000 wurden weltweit 3 Milliarden Impfdosen dieses Impfstoffs verabreicht dadurch wurden 24 Ausbrüche von Polio verursacht, bei denen insgesamt 786 Personen an Polio erkrankten. Das mag im ersten Moment viel klingen. Man sollte sich aber vor Augen führen, dass ohne Impfung bei 3 Milliarden Kindern geschätzt 10 Millionen Fälle von Kinderlähmung aufgetreten wären. Das Risiko mit Impfstoff an Kinderlähmung zu erkranken war also selbst mit dem Lebendimpfstoff um den Faktor 12000 kleiner als ohne.

    Dieses Beispiel zeigt, dass man sich bei der Risikobewertung von Impfungen niemals von Einzelfällen leiten lassen sollte. Man sollte sich immer die Wahrscheinlichkeit anschauen, dass dieser Einzelfall bei einem selbst oder den eigenen Kindern auch eintritt. Dieses Risiko sollte man für jeden Impfstoff dem Risiko durch die eigentliche Krankheit gegenüberstellen. Genau diese Risikoabschätzung wird bei jedem Impfstoff vor der Zulassung von Experten vorgenommen. Das bedeutet, man kann sich guten Gewissens auch einfach auf die Impfempfehlungen des Robert-Koch Institutes verlassen.

    Bei Pocken war diese Risikoabschätzung ziemlich einfach, obwohl gerade die Pockenimpfung Lebendimpfstoffe verwendete, die im Vergleich zu modernen Impfstoffen nicht gerade risikoarm waren: Pocken führten je nach Erregerstamm in 10%-90% zum Tode. Da haben die Menschen nicht lange gezögert sich impfen zu lassen. Auch Impfpflichten (In Bayern 1807 eingeführt, in Baden und Preußen 1815) waren wenig umstritten. So konnten die Pocken dann auch 1980 für ausgerottet erklärt werden und seitdem muss niemand mehr gegen Pocken geimpft werden.

    Bei nicht so schweren Krankheiten ist die Risikoeinschätzung nicht mehr so einfach und es ist verständlich, dass manche Zweifel bekommen, ob sie ihrem Kind wirklich etwas Gutes tun, wenn sie es dem (sehr geringen aber eben doch vorhandenen) Risiko einer Impfung aussetzen. Deshalb möchte ich hier gerade am Beispiel der Kinderkrankheiten näher auf die Risiken der Krankheiten im Vergleich zu den Risiken der Impfung eingehen.

    Sollte ich meine Kinder gegen Kinderkrankheiten impfen lassen?

    Kinderkrankheiten gelten vielfach als harmlos (ich warte erst einmal die Kinderkrankheiten ab bevor ich die neueste Version des Betriebssystems installiere) und am Ende schützt auch so eine Kinderkrankheit ein Leben lang vor der Erkrankung. Das ist doch eigentlich ganz natürlich, früher hat doch auch jeder Mensch Kinderkrankheiten durchgemacht und es hat nicht geschadet – oder?

    Die Bezeichnung Kinderkrankheit kommt leider nicht daher, dass diese Krankheiten harmlos sind – im Gegenteil der Verlauf von Kinderkrankheiten ist alles andere als Harmlos. Es wird davon ausgegangen, dass ein Großteil der Kindersterblichkeit früher auf Kinderkrankheiten zurückzuführen ist. So galten z.B. auch die Pocken im Mittelalter als Kinderkrankheit (Kindsblattern) an der alleine bis zu 10% der Kleinkinder starben in manchen Regionen galten Kinder erst als Familienmitglied nachdem sie die Pocken überstanden hatten.

    Der Name Kinderkrankheit kommt im Übrigen daher, dass Kinderkrankheiten so extrem ansteckend sind, dass früher jeder Mensch schon als Kind damit angesteckt wurde. Auch bei den meisten Kinderkrankheiten genügt es (falls man nicht geimpft ist) sich ca. 1h im selben Raum wie ein Erkrankter aufzuhalten um sich mit fast 100 prozentiger Sicherheit anzustecken. Erschwerend kommt hinzu, dass alle Kinderkrankheiten schon einige Zeit vor dem Auftreten der ersten Symptome ansteckend sind. Da die meisten Kinderkrankheiten Viruserkrankungen sind, gibt es abgesehen von der vorbeugenden Impfung keine Therapie. Daher lässt sich die Ausbreitung von Kinderkrankheiten nur durch Impfen eindämmen.

    Alle Kinderkrankheiten können zu schwerwiegende Komplikationen führen, die zum Teil lebenslange Folgen haben oder sogar tödlich enden:

    • Masern führen in 20-30% der Fälle zu Komplikationen und in ca. einem von 1000 Fällen zum Tode. Zu den schwersten Komplikationen gehört eine Hirnhautentzündung die in einem von ca. 2000 Masernfällen zu lebenslangen Lähmungen führt.
      • Demgegenüber steht bei einer Impfung ein 5%iges Risiko leichte Masernsymptome zu bekommen, die aber in weniger als einem von einer Million Fällen zu schweren Komplikationen führen. Obwohl bisher über eine Milliarde Menschen gegen Masern geimpft wurden ist bisher kein Todesfall bekannt.
    • Röteln sind am gefährlichsten für Frauen in der Schwangerschaft, da sie in 90% der Fälle zu Schädigung des Embryos führen. Außerdem treten in 40 bis 70% der Erwachsenen früher oder später teilweise anhaltende Gelenkentzündung und in einem von 6000 Fällen eine Hirnhautentzündung auf.
      • Demgegenüber steht bei einer Impfung ein Risiko von eins zu Zehntausend, dass es zu einer vorübergehenden Gelenkentzündung kommt. Fälle von Hirnhautentzündung oder Schädigungen von Embryos nach Impfung gab es noch keine.
    • Windpocken Führen in 6% der Fälle zu Komplikationen. Dazu zählen eine Blutvergiftung ausgehend von der Haut (2-3/10000), eine Hirnhautentzündung. Die Sterblichkeitsrate bei Windpocken ist eins zu Einhunderttausend.
      • Demgegenüber steht bei einer Impfung ein sehr geringes Risiko (1-10/10000) leichte “Impfpocken” zu bekommen, die aber ohne weitere Komplikationen verheilen

    Insgesamt ist das Risiko der Impfung mindestens tausendmal geringer ist als das Risiko der eigentlichen Kinderkrankheit. Da Kinderkrankheiten vor der Einführung der Impfungen so gut wie jeden Menschen betrafen, kann man mit Sicherheit sagen, dass durch Impfungen weltweit schon Millionen von Menschenleben gerettet wurden und mindestens ebenso vielen Menschen lebenslanges Leid erspart wurde.

    Ich kann sehr gut verstehen, dass manche Eltern zögern ihr Kind “absichtlich” den unvermeidlichen Schmerzen und dem (geringen) Risiko einer Impfung auszusetzen. Bei der Impfung fühlt man sich voll verantwortlich für die Folgen. Im Gegensatz dazu ist es bei einer Kinderkrankheit viel einfacher, die Folgen als “natürlichen” Teil des Lebens abzuschreiben und sich so nicht verantwortlich zu fühlen.

    Wenn man sich aber vor Augen führt, wie ansteckend Kinderkrankheiten sind und wie gut Impfungen schützen, dann kommt man eigentlich nicht umhin, sich für die Folgen der Kinderkrankheit – inklusive der schweren Komplikationen und Todesfälle – genauso verantwortlich zu fühlen. Hinzu kommt noch die Gefährdung anderer: Da Kinderkrankheiten so ansteckend sind, gefährden nicht geimpfte Personen nicht nur sich selbst (oder ihre Kinder), sondern auch Personen in ihrem Umfeld, die nicht geimpft werden können (z.B. Säuglinge im ersten Lebensjahr, Schwangere, Menschen mit Immunschwäche). Geimpfte schützen also nicht nur sich selbst sondern auch andere. Diesen Schutz der Allgemeinheit nennt man auch Herdenimmunität. Eigentlich wollte ich auch einen Abschnitt zur Herdenimmunität schreiben, aber der Artikel ist auch so schon zu lang. Deshalb lege ich Euch ans Herz dieses Onlinespiel auszuprobieren, dass die Herdenimmunität sehr gut veranschaulicht.

    Aber stärken Kinderkrankheiten nicht auf natürliche Art und Weise das Immunsystem?

    Das ist schlicht und ergreifend falsch. Das Gegenteil ist der Fall. Generell schwächt eine Virusinfektion das Immunsystem, weshalb man häufig auch nach einem Virusinfekt auch Bakterielle Infektionen bekommt. Die meisten Leser werden den Effekt kennen, dass bei einer (durch Viren verursachten) Erkältung der Auswurf beim Schnupfen zuerst durchsichtig und flüssig ist, aber nach einiger Zeit eitrig gelb wird. Der gelbe Eiter ist ein sicheres Zeichen für eine bakterielle Infektion. Auch Mandelentzündungen, Stirnhöhlenvereiterungen und sogar Lungenentzündungen beginnen oft mit einem viralen Infekt.

    Insbesondere Masern waren schon lange dafür bekannt, dass sie das Immunsystem nicht nur während der Krankheit schädigen, sondern Betroffene für einige Wochen bis Monate anfälliger für andere Krankheiten machen. Eine großangelegte Studie, die kürzlich im renommierten Fachmagazin “Science” veröffentlicht wurde hat gezeigt, dass Masern das “Gedächtnis” des Immunsystems für zwei bis drei Jahre schädigen. Dadurch liegt die Sterblichkeit bei nicht gegen Masern geimpften Menschen deutlich höher als bei geimpften. Dabei wurden nur Menschen verglichen, die in wohlhabenden Ländern unter vergleichbaren Bedingungen leben.

    Kinderkrankheiten schwächen das Immunsystem also nicht nur während der eigentlichen Krankheit, sondern (mindestens im Fall der Masern) auch langfristig. Der einzige langfristige Vorteil von Kinderkrankheiten ist die Immunität gegen die Kinderkrankheit. Diese Immunität kann aber viel einfacher und Risikoärmer auch durch eine Impfung erreicht werden.

    Wie informiere ich mich am besten über das Impfen im Allgemeinen und einen bestimmten Impfstoff im speziellen?

    Das allerwichtigste zuerst: Lasst Euch nicht von Einzelfallschilderungen verunsichern!!!

    Aus Einzelfällen kann man prinzipiell nicht ableiten, wie wahrscheinlich so ein Fall eintritt. In den allermeisten Fällen kann man nicht einmal feststellen ob diese Einzelfälle wirklich mit der Impfung zusammenhängen und nicht einfach nur Zufall waren. Einzelfälle ergeben spannende Schauergeschichten – mehr aber auch nicht. Wenn Euch also jemand so einen Einzelfall auftischt, dann fragt immer dazu, ob es denn seriöse Studien (im besten Fall mehr als nur eine Studie von verschiedenen Autoren) gibt, die belegen, dass solche Fälle bei Geimpften häufiger auftreten als bei nicht Geimpften.
    Wenn Euch dann jemand mit Verschwörungstheorien kommt, dass die Studien doch alle gefälscht seien, dann könnt Ihr dagegenhalten, dass es ist schlicht und ergreifend nicht möglich ist, eine Mehrheit der Wissenschaftler zu kontrollieren/bestechen/beeinflussen. Es war ja nicht einmal dem Geheimdienst NSA möglich, ihre Überwachungspraxis die sie heimlich durchgeführt haben für mehr als einige Jahre geheim zu halten. Wie sollen da Millionen von Wissenschaftlern und Ärzten – die in aller Öffentlichkeit arbeiten – dazu gebracht werden ihre Studien zu fälschen und danach noch dicht zu halten? Einzelnen Wissenschaftlern und Ärzten mag das schnelle Geld wichtiger sein als ihre Reputation. Den Meisten ist aber bewusst, dass sie mit gefälschten Studien nicht nur ihre Integrität und ihr Gewissen belasten, sondern langfristig auch ihre Karriere zerstören, da solche Manipulationen früher oder später auffliegen.

    Das oben gesagte gilt im Übrigen generell für und populistische Panikmache und “Fake News”, ist also in der heutigen Zeit besonders wichtig.

    Ein Beispiel für wissenschaftliche Manipulationen ist übrigens ausgerechnet eine Studie die von Impfgegnern gerne ins Feld geführt wird. Diese Studie wurde inzwischen vielfach widerlegt. Der Haupautor der Studie, Andrew Wakefield, hatte Gelder von Anwälten angenommen, die Menschen in den USA vertraten, die versuchten die Hersteller des Impfstoffes zu verklagen. Außerdem war er Teilhaber einer Firma, die ein Konkurrenzprodukt zum untersuchten Impfstoff auf den Markt bringen wollte. Gegen Andrew Wakefield wurde inzwischen ein Berufsverbot erteilt, was ihn aber nicht daran hindert weiter seine kruden Theorien zu verbreiten, viel Geld damit zu verdienen und sogar einen Film zu dem Thema zu drehen. Jetzt mal Hand aufs Herz: Einige von Euch haben beim Lesen dieser Geschichte doch (ähnlich wie ich im ersten Moment) etwas gedacht wie: “Wenn dieser eine Wissenschaftler betrogen hat, dann doch bestimmt noch mehr” oder “Ist ja typisch, die Impfgegner lügen und betrügen”? Diese Geschichte ist aber auch nur eine interessante Anekdote die keine allgemeinen Schlüsse zulässt – das hat mir vor Augen geführt, wie einfach es ist mit so einer Geschichte die Fantasie anzuregen.

    Wie ich selbst erfahren musste kann eine Internetrecherche über das Impfen schnell einschüchtern und Verunsicherung wecken. Daher empfehle ich Euch diese Seite des Robert Koch Institutes. Dort wird auf sachliche und kompetente Art auf die 20 häufigsten Einwänden gegen das Impfen eingegangen.

    Auch Informationen zu einzelnen Impfstoffen findet man auf der Seite des Robert Koch Institutes. Das Robert Koch Institut ist übrigens eine staatlich finanzierte Stelle deren Aufgabe es ist die deutsche Bevölkerung vor Infektionskrankheiten zu schützen.

    Gut gemachte einfache Erklärungen zum Thema Impfen findet man auch bei impfen-info.de. Diese Seite bitte nicht mit impf-info.de (absichtlich nicht verlinkt) verwechseln. Letztere sieht zwar auch sehr seriös aus, bei genauerer Recherche musste ich allerdings leider feststellen das einige der Quellen, auf die sich dort bezogen wird, äußerst fragwürdig sind.

    Fazit:

    Impfen ist wichtig! Jede Impfung schützt nicht nur den Geimpften, sondern auch sein Umfeld vor Krankheiten und den damit verbundenen, teilweise schweren Komplikationen. Wie eingangs erwähnt ist Impfen ein minimaler Eingriff in den Körper, der vorbeugend und nachhaltig vor Krankheiten schützt. Impfungen nutzen und stärken die natürlichen Abwehrkräfte unseres Körpers. Damit erfüllen Impfungen genau die Versprechen, die oft (fälschlicherweise) von sogenannter Alternativmedizin gemacht werden. Impfungen kosten weniger als eine Behandlung der eigentlichen Krankheit und ihrer Folgen. Es ist folglich für Pharmaunternehmen wirtschaftlich völlig uninteressant sich an irgendwelchen Verschwörungen zu beteiligen um Leuten Impfungen aufzuschwatzen. Im Gegenteil: viele Kinderkrankheiten gegen die geimpft wird haben schwerwiegende Komplikationen, die lebenslang Behandlung erfordern. Es wäre also für Pharmaunternemen deutlich lukrativer Impfgegner beim diskreditieren von Impfungen zu unterstützen (wie im Fall von Andrew Wakefield ja auch tatsächlich passiert). Ich finde es daher ethisch äußerst fragwürdig, wenn sich sogar einige (wenige!) Ärzte gegen Impfungen aussprechen, da genau diese Ärzte hinterher eine gute Chance haben an der Behandlung der eigentlichen Krankheit viel mehr zu verdienen als an der Impfung.

Kommentare (18)

  1. #1 Mars
    28. Oktober 2018

    nun, wenn man bei dem thema mal anfängt, merkt man, wo es einen ab und an hinführt.
    soweit gut erklärt und was die wirkung angeht sicher tief genug.

    was beim thema ‘Contra’ doch immer wieder auffällt (mir zumindest), ist nicht die impfung selbst, die angezweifelt wird, sondern dass, wie in deinem text leider nur ganz kurz angemerkt: “”… Impfstoffe enthalten häufig auch Wirkverstärker (Adjuvantien)””

    diese – und nicht der wirkstoff selber – werden häufig angezweifelt (Hg, Al, Formaldehyd …) da sie ‘in real life’ als gifte gelten, und sich eltern fragen, ob man so etwas einem wenige monate alten baby wirklich spritzen kann.

    auch werden (nochmal: höhrensagen) diese stoffe für die extremen nebenwirkungen verantwortlich gemacht. will hier gar nicht aufzählen, da das nur spekulation ist.
    aber in dem bereich scheint es mehr zum hinschauen zu geben, als auf die schnelle und oberflächlich betrachtet.

    zugegeben, ich war ein kind vom land, das alle kinderkrankheiten bekommen und überlebt hat, das sich in pfützen und sonstwo suhlte und noch keine allergie hatte. einzelfall!

    aber dort nachzuhaken würde eher argumente liefern das pro besser zu stützen.
    denn ganz in meinem hinterkopf frage ich mich natürlich auch: zwar macht die dosis das gift, aber wenn es auch anders geht, muss man dann wirklich darauf zurückgreifen?
    und vorallem, gäbe es nicht alternativen dazu?

  2. #2 Ralf Gerkmann
    28. Oktober 2018

    Insgesamt ein meiner Meinung nach sehr gelungener Artikel, informativ und gut lesbar. Eine Stelle hat mich allerdings stutzig gemacht. Im Zusammenhang mit Polio schreiben Sie über den Totimpfstoff: “Der schützt zwar wirksam vor einer Erkrankung, kann aber die Ausbreitung nicht verhindern.” Zuerst kam mir das widersprüchlich vor.

    Die einzige sinnvolle Interpretation scheint mir jetzt, dass bei geimpften Personen, die sich
    mit Polio infizieren, das Immunsystem die Infektion lediglich in Schach halten, aber nicht neutralisieren kann. Das würde bedeuten, dass diese Personen den Erreger lange Zeit im Körper behalten, und das in solchen Mengen, dass sie selbst weiter zur Verbreitung der Infektion beitragen. Das erscheint mir nicht sehr plausibel. Habe ich das wirklich richtig verstanden?

  3. #3 Karl-Heinz
    28. Oktober 2018

    @Ralf Gerkmann

    Die einzige sinnvolle Interpretation scheint mir jetzt, dass bei geimpften Personen, die sich mit Polio infizieren, das Immunsystem die Infektion lediglich in Schach halten, aber nicht neutralisieren kann.

    Rein gefühlsmäßig würde ich das ausschließen.

    Der orale Polioimpfstoff (Lebendimpfstoff) wird wegen seiner Wirksamkeit, der niedrigen Kosten und der einfachen Anwendung nach wie vor in Ländern verwendet, in denen Poliomyelitis auftritt, um den Erreger einzudämmen und auszurotten.
    Nachteil: geringes Risiko einer Impf-Poliomyelitis!.

    Auszug aus Wikipedia
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Polioimpfstoff

    Der orale Polioimpfstoff wird als Schluckimpfung angewendet; dabei wird der Impfstoff oft auf ein Stück Würfelzucker gegeben, das dann geschluckt wird. Die Impfung führt zu einer stillen Feiung, einer Infektion des Magen-Darm-Traktes ohne Krankheitssymptome, die eine Bildung von schützenden Antikörpern nicht nur im Blut, sondern in Form von IgA auch in den Schleimhäuten des Darmes erzeugt. Dadurch entsteht ein effektiverer Schutz als durch den Totimpfstoff. Da das Impfvirus nach der Impfung teilweise ausgeschieden wird, können hierdurch Angehörige infiziert werden, die dadurch ebenfalls einen Impfschutz gewinnen. Durch diese besonderen Eigenschaften verhindert die Impfung nicht nur die Erkrankung, sie verhindert auch das Zirkulieren des Wildvirus. Der orale Polioimpfstoff kann somit eine Herdenimmunität erzeugen; aus diesem Grund wird in Ländern, in denen das Poliovirus noch auftritt, vorwiegend der Lebendimpfstoff verwendet. Es kommt hinzu, dass der orale Impfstoff kostengünstig herzustellen und einfach anzuwenden ist.

  4. #4 Karl-Heinz
    28. Oktober 2018

    @Ralf Gerkmann

    In Wikipedia wird auch noch darauf hingewiesen, dass der inaktivierte Polioimpfstoff nach Salk, ein Totimpfstoff, keine gute und andauernde Schutzwirkung im Magen-Darmtrakt erzeugt.

  5. #5 Leser
    28. Oktober 2018

    Ein sehr guter und wichtiger Artikel. Ich selbst habe meine Eltern damit geschockt, daß ich fast alle Kinderkrankheiten hatte. Damals gab es – soweit ich mich erinnern kann – nur Impfungen gegen Pocken und Kinderlähmung. Aber Keuchhusten, Masern, Scharlach, Windpocken und Röteln habe ich alles gehabt. Keuchhusten mit 3 oder 4 Jahren und Röteln als Teenager, das andere dazwischen. Ich selbst habe (außer unter Keuchhusten, der Husten war wirklich lästig) nicht unter den Krankheiten gelitten. Ich erinnere mich dunkel, daß ich mit Scharlach und Fieber Bettruhe verordnet bekommen habe, das Zimmer nicht verlassen durfte, mich ganz normal gefühlt habe und mich fürchterlich gelangweilt habe. Damals gab es keinen Fernseher und kein Radio für mich und ich war auch noch nicht in der Schule. Ich habe mir als Kind niemals Sorgen über die Gefährlichkeit solcher Krankheiten gemacht. Heute fühle ich mich schon von ein wenig erhöhter Temperatur schon schlapp und matt.

    Meine Kinder haben diese Krankheiten bis auf Röteln nicht erdulden müssen. Dafür aber anderes (Allergieen).

    Danke für diesen wichtigen Artikel

  6. #6 Mars
    28. Oktober 2018

    @Leser #5

    ja, interessant, dass die kinder dann allergien haben.
    ob das darauf zurückzuführen ist, vermag ich so nicht zu sagen – bei den heutigen vielen kontakten mit so vielen umweltgiften (auch biologischen)
    aber dieser zusammenhang wäre schon interessant.
    man weiss ja, dass die ‘schmuddelkinder’ wie ich eines war, sogar mit würmern infiziert waren, dafür dann weniger allergien entwickelten.

    bleibt ein weiter bereich, in dem die zusammenhänge wohl noch aufgeklärt werden müssen.

  7. #7 Leser
    28. Oktober 2018

    @ Mars #6

    Ich glaube nicht, daß die Allergieempfindlichkeit heutiger Menschen an nicht durchgemachten Kinderkrankheiten liegt. Meiner Meinung nach liegt das daran, daß heute im Brötchen, in der Wurst und im Käse, in der Limonade und in vielen anderen Lebensmitteln und Drogerieartikeln Substanzen drin sind, die von der Industrie als “ungefährlich” deklariert werden, die aber trotzdem einen Einfluß auf unsere Gesundheit haben. Nicht immer positiv. Ich bin noch mit Brot vom Bäcker und Wurst vom Fleischer groß geworden. Und die Wurst hat bei jedem Fleischer anders geschmeckt. Und die Lebensmittel waren in meiner Kindheit auch nicht alle in Plastik verpackt, das war damals fast immer Papier. Der Plastikwahn fing erst in meiner Schulzeit an.

  8. #8 Captain E.
    29. Oktober 2018

    Eine Impfung, die regelmäßig wiederholt werden muss, ist bekanntlich die gegen Influenza. Durch die verschiedenen Typen (A-D) und Subtypen (z.B. NxHy) und die zahllosen Mutationen geht es leider nicht anders. Schlimmer noch ist aber die gedankenlose Gleichsetzung von grippalen Infekten und echter Grippe. Ein tatsächliche oder auch nur vermeintlich Häufung von grippalen Infekten wird als Beweis der Unwirksamkeit einer Grippeschutzimpfung angesehen. Mit Rhino-, Entero- und Mastadenoviren sowie den Corona- und Paramyxoviridae existieren ganze Arten, Gattungen und Familien von Erregern, die mit Influenza nicht das geringste zu tun haben.

    Liegt es übrigens eher an den geringen Erfolgsaussichten oder an dem zu geringen Leidensdruck, dass es gegen die Erreger von grippalen Infekten bislang keine Impfung gibt? Nicht, dass die “böse Pharmaindustrie” die Finger daovn lässt, um ihren Umsatz mit Erkältungspräparaten nicht zu gefährden…

  9. #9 Aginor
    29. Oktober 2018

    @Mars und @Leser

    Ich glaube es ist ein bisschen von mehreren Faktoren:

    – Zum einen ist die Umweltbelastung höher, insbesondere in den Städten (Thema Luft), wo heute auch mehr Menschen leben als früher. Und auch Zusatzstoffe in Nahrung, Verpackungsmitteln etc. sind da sicher nicht ganz unbeteiligt.

    – Zum anderen denke ich auch dass übertriebene Sauberkeit die Abhärtung gegen ebendiese Faktoren erschwert. Wenn ich sehe wie viel Desinfektionsmittel manche Eltern permanent im Umfeld ihrer Kinder verwenden… ja, denke das könnte sein.

    – Und letztlich: Vieles das heute als Krankheit/Allergie erkannt wird, wurde früher schlicht nicht diagnostiziert. Das kränkliche hustende Kind wurde nicht als asthmatiker, das dem dauern schlecht war nicht als Lebensmittelallergiker erkannt.
    Im Umkehrschluss kann man heute die Schwelle so niedrig ansetzen dass z.B. fast jeder gegen mehrere Dinge zumindest ein bisschen allergisch ist. Ich kann mir fast nicht vorstellen wie praktisch über Nacht die halbe westliche Welt plötzlich laktoseintolerant und gegen Gluten allergisch geworden sein könnte.

    —-

    Aber jetzt zum Artikel selbst:
    Sehr nett und verständlich geschrieben, danke! :)
    Ich hoffe das sich die Impfgegner nicht durchsetzen. Natürlich gibt es auch unnütze Impfungen, aber dass sich es als Modeerscheinung durchsetzt, wichtige Impfungen gegen ansteckende Krankheiten zu verweigern, das finde ich bedenklich.
    Der Artikel hilft vielleicht etwas bei ein paar von denen. Gut zum verlinken. :)

    Gruß
    Aginor

  10. #10 noch'n Flo
    Schoggiland
    29. Oktober 2018

    @ Mars, @ Leser:

    In der ehem. DDR herrschte allgemeine Impfpflicht mit einer Durchimpfung der Bevölkerung von 99%, Allergien waren aber deutlich seltener als in der BRD. Nach der Wiedervereinigung sanke in den neuen Bundesländern die Impfquote, dafür nahmen Allergien zu.

  11. #11 Ursula
    29. Oktober 2018

    @ Aginor

    Zum einen ist die Umweltbelastung höher, insbesondere in den Städten (Thema Luft), wo heute auch mehr Menschen leben als früher.

    Ist das wirklich so? Ich habe dazu keine Zahlen, ich weiß nur um wesentlich laschere Handhabung, was die Umweltbelastungen betrifft in früheren Zeiten. Blei im Benzin, keine Katalysatoren, keine oder kaum Filtern der Emissionen diverser Fabrikanlagen usw. Ich habe da eher meine Zweifel, dass das füher (1960er, 1970er Jahre) besser war!

  12. #12 Captain E.
    29. Oktober 2018

    @Aginor

    Ich glaube es ist ein bisschen von mehreren Faktoren:

    – Zum einen ist die Umweltbelastung höher, insbesondere in den Städten (Thema Luft), wo heute auch mehr Menschen leben als früher. Und auch Zusatzstoffe in Nahrung, Verpackungsmitteln etc. sind da sicher nicht ganz unbeteiligt.

    Zusatzstoffe und Plastik inklusive Weichmacher usw. gibt es heute sicherlich mehr als früher. Die Luft ist aber eher sauberer geworden. Die EEA stellt heute ihren Bericht über die Luftqualität vor und stuft sie als größtes Gesundheitsrisiko in der EU vor. Zugleich räumt sie allerdings auch ein, dass die Schadstoffbelastung um einiges niedriger ist als in den 90er Jahren.

    Der Hype um die Schummeldiesel lässt ja viele denken, dass unsere Luft immer schmutziger wird, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Luft wird halt nur nicht so schnell sauberer wie ursprünglich geplant.

    – Zum anderen denke ich auch dass übertriebene Sauberkeit die Abhärtung gegen ebendiese Faktoren erschwert. Wenn ich sehe wie viel Desinfektionsmittel manche Eltern permanent im Umfeld ihrer Kinder verwenden… ja, denke das könnte sein.

    Gibt es nicht mittlerweile schon Experimente, Allergiepatienten gezielt mit Schmutz und Parasiten zu impfen? Und keine Angst – das hört sich ekliger an, als es ist. Eine etablierte Therapieform ist es aber noch nicht.

    – Und letztlich: Vieles das heute als Krankheit/Allergie erkannt wird, wurde früher schlicht nicht diagnostiziert. Das kränkliche hustende Kind wurde nicht als asthmatiker, das dem dauern schlecht war nicht als Lebensmittelallergiker erkannt.

    Im Umkehrschluss kann man heute die Schwelle so niedrig ansetzen dass z.B. fast jeder gegen mehrere Dinge zumindest ein bisschen allergisch ist. Ich kann mir fast nicht vorstellen wie praktisch über Nacht die halbe westliche Welt plötzlich laktoseintolerant und gegen Gluten allergisch geworden sein könnte.

    […]

    Ich habe als Kind die Diagnose bekommen, hochgradig allergisch zu sein. Einen Allergietest habe ich allerdings nie mitgemacht, denn es wurde nicht von der Kasse bezahlt.

    Was Laktose und Gluten angeht, so gibt es natürlich Menschen, die darunter leiden. Nur leider hat sich daraus der Glaube entwickelt, diese Stoffe wären per se schädlich für alle Menschen. Daher boomen XYZ-freie Produkte. Nur könnte man genau das auf ein Produkt schreiben, und die Leute würden es kaufen, auch ohne zu wissen, was dieses “XYZ” eigentlich ist.

    Dazu einige Irrmeinungen: Moderner Weizen enthält viel mehr Gluten als alte Sorten wie Dinkel, Einkorn oder Emmer, und daher könne man ihn so schlecht vertragen. Das stimmt nicht, denn tatsächlich enthalten die alten Weizensorten viel mehr Gluten. Also liegt es an irgendetwas anderem, was im modernen Hochleistungsweizen enthalten ist, oder alternativ an etwas, was diesem fehlt. Gluten ist ja kein Stoff, sondern eine ganze Stoffgruppe. Womöglich ist die Zusmmensetzung bei Dinkel, Einkorn und Emmer ernährungsphysiologisch einfach besser. Zöliakie-Patienten vertragen sie meines Wissens in der Regel eher als Weizenprodukte.

    Und dann ist die Sache mit dem Reizdarm. Die Patienten leiden, haben aber definitiv keine Zöliakie-Diagnose. Eine australische Forscherin hat ihre Probanden mit Brei gefüttert, der Gluten enthielt oder eben nicht. Und ja, die Gluten-Esser reagierten mit Beschwerden. Doch dann gab es eine Gegenprobe, und alle bekamen glutenfreies Essen. Trotzdem reagierten manche sehr negativ auf die Nahrung, und das deutet daraufhin, dass der Reizdarm andere Ursachen hat. Die Schuldigen könnten die FODMAPs sein – “fermentable oligo-, di- and monosaccharides and polyols”, auf deutsch “vergärbare Mehrfach-, Zweifach- und Einfachzucker sowie mehrwertige Alkohole”. Dazu ein Hinweis: Hefeteig enthält nach einer Stunde Gehzeit, wie in vielen Rezepten angegeben, noch 90% der ursprünglichen FODMAPs und erst nach 5 Stunden fällt der Wert auf 10 %. Wer damit Probleme hat, sollte also sein Brot lieber in einer traditionellen Bäckerei kaufen, die noch mit langer Teigführung arbeitet. Oder gleich selber backen. :-)

  13. #13 Aginor
    29. Oktober 2018

    @Ursula und @Captain E:
    Klar sind Autos und Fabriken vielerorts sauberer geworden, aber dafür gibt es heute viel mehr davon.
    Und ja für Deutschland stimmt das schon, in deutschen Städten wird die Luft trotz Autos und Co. tendenziell besser als schlechter. Ich meinte das eher so global, und da gibt es leider viele Beispiele wo es umgekehrt ist.
    Gleiches übrigens beim Wasser. Flüsse und Grundwaser sind heute bei uns sauberer, aber leider gibt es da auch genügend Entwicklungen in die andere Richtung, selbst in Industrieländern.

    Zum mit “Dreck impfen”: Weiss nicht, kann schon sein dass es da schon Experimente gibt. Bin kein Experte für das Thema. Aber würde mich interessieren wie es da mit der Wirksamkeit aussieht. Also ob die These mit der Abhärtung überhaupt stimmt. Man soll ja immer wieder sein Wissen und seine Einstellung hinterfragen, ich mache das gerne immer mal wieder.

    “Nur könnte man genau das auf ein Produkt schreiben, und die Leute würden es kaufen, auch ohne zu wissen, was dieses “XYZ” eigentlich ist.”
    Jetzt neu: Müsli ohne Cadmium und Plutonium! 😀

    Zum Reizdarm o.Ä. Auch da habe ich keine Ahnung wie häufig das eigentlich ist, also ob hier nicht mit einem relativ seltenen Krankheitsbild groß Stimmung gemacht wird. Muss mal ein paar Zahlen dazu finden. Aber ja, würde fast wetten dass das ein wenig aufgeblasen wird aus wirtschaftlichen Gründen.

    Gruß
    Aginor

  14. #14 Leser
    31. Oktober 2018

    @ Aginor

    “Jetzt neu: Müsli ohne Cadmium und Plutonium! ”

    Ja, wenn es nicht so traurig wäre, könnte man darüber lachen. Wir werden immer mehr für dumm verkauft ! Da steht auf manchen Lebensmitteln “Frei von ….” drauf, obwohl das “Frei von ….” in dem Lebensmittel gar nicht enthalten sein dürfte. Wenn auf einem Obstsaft “laktosefrei” draufsteht, dann ist das kein Werbemerkmal, sondern Ausdruck der unglaublichen Panscherei der Lebensmittelindustrie. Laktose (Milchzucker) ist im Obstsaft natürlicherweise nicht drin. Ich schmecke aber immer wieder, daß der Obstsaft mit Milchsäure konserviert wurde und Zucker (Dextrose, Maltodextrin, …… ) zugesetzt wurde. Neuerdings ist an gekauften Brechbohnen Zitronensäure dran. Warum ? Auf Käse wird laktosefrei draufgeschieben, obwohl in den traditionellen Käsesorten gar keine Laktose mehr drin ist. Denn die wurde ja bei der Käseherstellung vergoren.

    Warum ist eigentlich in fast allen Lebensmitteln, die man fertig kaufen kann, Zucker drin ? Auch in Lebensmitteln, in die gar kein Zucker hinein gehört. In meinen selbstgemachten Frikadellen ist kein Zucker drin. In den fertig gebratenen, die man kaufen kann aber schon ! Die selbstgemachten Frikadellen schmecken viel besser, machen aber auch mehr Arbeit. Sauerteigbrot oder -brötchen benötigen keinen Zucker, um aufzugehen. Warum ist da trotzdem häufig Zucker dran ? Ich kenne Leute, bei denen schmeckt der Eiersalat richtig gut nach Eiern und Schnittlauch. Der gekaufte Eiersalat schmeckt nur nach Essig und Zucker.

    Unsere Lebensmittelindustrie ist zur Großpanscherei verkommen !

  15. #15 Till
    1. November 2018

    @Alle
    Vielen dank für die vielen positiven und vor allem konstruktiven Kommentare. Ich bin leider krankheitsbedingt ausgefallen und kann erst jetzt antworten. Ich versuche mein bestes:

    @Mars:

    diese – und nicht der wirkstoff selber – werden häufig angezweifelt (Hg, Al, Formaldehyd …) da sie ‘in real life’ als gifte gelten, und sich eltern fragen, ob man so etwas einem wenige monate alten baby wirklich spritzen kann.

    Das Argument wird von Impfgegnern häufig angeführt. Was dabei aber oft nicht erwähnt wird, ist dass diese Stoffe in extrem geringer Konzentration enthalten sind. Da ist jedes Fischstäbchen deutlich stärker mit Quecksilber belastet und jeder C&A Strampler gibt mehr Formaldehyd an den Körper ab.

    @Ralf Gerkmann, @Karl-Heinz:

    Im Zusammenhang mit Polio schreiben Sie über den Totimpfstoff: “Der schützt zwar wirksam vor einer Erkrankung, kann aber die Ausbreitung nicht verhindern.” Zuerst kam mir das widersprüchlich vor.

    Die einzige sinnvolle Interpretation scheint mir jetzt, dass bei geimpften Personen, die sich
    mit Polio infizieren, das Immunsystem die Infektion lediglich in Schach halten, aber nicht neutralisieren kann. Das würde bedeuten, dass diese Personen den Erreger lange Zeit im Körper behalten, und das in solchen Mengen, dass sie selbst weiter zur Verbreitung der Infektion beitragen.

    Deine Interpretation ist (leider) genau richtig: Das Problem bei der Polioimpfung mit Totimpfstoff ist, dass dieser Impfstoff nur IgG Antikörper bildet. Diese Antikörper sind leider nur im Blut wirksam. Die Antikörper im Blut verhindern zuverlässig, dass das Virus das Gehirn erreicht und die gefürchteten Lähmungen auslöst. Das Poliovirus infiziert den Körper aber über den Darm. Und kann sich dort trotz Impfung vermehren und auch ausgeschieden werden. Das Robert Koch Institut schreibt dazu: “Die IPV-Impfung, die inzwischen überall in Europa Standard ist, schützt die Geimpften zuverlässig vor Erkrankung, d.h. einer Lähmung. Mit IPV geimpfte Personen können sich aber dennoch mit Polio-Viren infizieren und diese unbemerkt ausscheiden und dadurch weiterverbreiten.” Deshalb wird in Ländern, in denen Polio noch nicht ausgerottet ist, weiterhin mit Lebendimpfstoff geimpft.

    @Captain E

    Liegt es übrigens eher an den geringen Erfolgsaussichten oder an dem zu geringen Leidensdruck, dass es gegen die Erreger von grippalen Infekten bislang keine Impfung gibt?

    Das liegt daran, dass grippale Infekte so ungefährlich sind, dass eine Impfung nicht genug “Mehrwert” bringt. Auch eine Impfung hat ja eine (sehr geringe) Chance auf schwerwiegende Komplikationen (am Häufigsten sind allergischer Schock wegen einer Allergie gegen einen der Inhaltsstoffe). Da rechtfertigt der Schutz nicht das (geringe) Risiko.

    @Alle
    Die Diskussion um Impfungen und Allergien hat @Noch’n Flo gut auf den Punkt gebracht:

    In der ehem. DDR herrschte allgemeine Impfpflicht mit einer Durchimpfung der Bevölkerung von 99%, Allergien waren aber deutlich seltener als in der BRD. Nach der Wiedervereinigung sanke in den neuen Bundesländern die Impfquote, dafür nahmen Allergien zu.

    Imfungen sind also eher nicht schuld.

    Ich persönlich denke, dass es sich da um das Zusammenwirken mehrerer Faktoren handelt:
    1) Weniger parasitäre Infektionen (Würmer etc.). Die Art von Antikörper (IgE), die häufig für Allergien verantwortlich ist, ist auch für die Abwehr von Parasiten verantwortlich.
    2) Feinstaub und andere Mikropartikel (evtl. auch Mikroplastik): Es ist zwar richtig, dass die Belastung der Luft mit groben (leicht herauszufilternden) Partikeln in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen hat. Dafür hat die Belastung mit sehr feinem Staub seit den 90ern aber eher noch zugenommen. Dieser Staub ist sehr schwer herauszufiltern und auch nur sehr schwer nachzuweisen. Solche feinen Partikel können in der Lunge ins Blut übergehen und können wie Adjuvantien wirken und das Immunsystem anregen. Wenn jetzt noch Pollen an den Partikeln haften hat man sich quasi gegen die Pollen geimpft.
    3) Allergien, Unverträglichkeiten und Autoimmunerkrankungen sind inzwischen deutlich besser verstanden und bekannt und werden dadurch auch häufiger diagnostiziert. Von der “Selbstdiagnose” einiger Hypochonder ganz zu schweigen.

  16. #16 Captain E.
    2. November 2018

    @Till:

    Das liegt daran, dass grippale Infekte so ungefährlich sind, dass eine Impfung nicht genug “Mehrwert” bringt. Auch eine Impfung hat ja eine (sehr geringe) Chance auf schwerwiegende Komplikationen (am Häufigsten sind allergischer Schock wegen einer Allergie gegen einen der Inhaltsstoffe). Da rechtfertigt der Schutz nicht das (geringe) Risiko.

    Das hatte ich mit “Leidensdruck” gemeint. Die Gesellschaft als Ganzes verspürt keinen dermaßen hohen Leidensdruck, dass die Entwicklung von Impfstoffen angebracht schiene. Da gibt es halt immer schlimmere Krankheiten, die es zu bekämpfen gilt. Abgesehen davon vermute ich, dass eine hypothetische Impfung gegen Erkältung ein ähnlicher Kampf wäre wie gegen Influenza: Zu viele Variationen, zu hohe Mutationsrate.

  17. #17 Rene Goeckel
    München
    5. November 2018

    Endlich ein Artikel, der ohne Polemik daherkommt. Somit ist er auch für Kritiker lesbar. Abhängig vom jeweiligen Stadium der Selbstüberschätzung natürlich.

  18. #18 Till
    5. November 2018

    @Rene Goeckel:
    Das freut mich zu hören. Zielgruppe des Artikels waren unter anderem tatsächlich Menschen, die sich unsicher sind ob sie sich oder ihre Kinder Impfen lassen sollen, die für Fakten aber noch empfänglich sind. Ab einem bestimmten Punkt der Überzeugung sind Menschen dann aber mit Fakten nicht mehr zu erreichen. Da könnte dann evtl. Artikel 26: “Street Epistemology oder wie man mit allen über alles reden kann” weiter helfen — das dort verlinkte Video fand ich jedenfalls sehr beeindruckend.