Der Artikel ist Teil einer Serie zum Buch ”Die Himmelsscheibe von Nebra – Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas”* von Harald Meller und Kai Michel. Die restlichen Artikel der Serie findet man hier.
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Meine Serie über die Himmelscheibe von Nebra (und das oben erwähnte Buch) geht langsam aber sicher zu Ende. Ich habe in 19 Teilen (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11, Teil 12, Teil 13, Teil 14, Teil 15, Teil 16, Teil 17, Teil 18, Teil 19) erzählt was dieses Fundstück aus der Bronzezeit aus kultureller und astronomische Sicht so bedeutsam macht und wie seine Untersuchung eine bis dahin unbekannte Hochkultur in Mitteldeutschland – das Reich von Aunjetitz – ans Licht gebracht hat.

Der Zorn der Götter führt zum Ende der Himmelsscheibe (Bild: Dbachmann, CC-BY-SA 3.0)

Vieles bleibt aber natürlich noch unverstanden und viel muss noch erforscht werden. Viel wird nie mit Sicherheit gewusst werden können und über vieles wird man nur spekulieren können. An so einer Spekulation, die trotzdem auf archäologischen Daten basiert, versuchen sich der Archäologe Harald Meller und der Historiker Kai Michel im letzten Teil ihres Buches. Sie wollen einen “Roman der Archäologie” schreiben, können aber angesichts der vielen fehlenden Informationen nur eine – wie sie selbst sagen – “Archäologie eines Romans” liefern. Die Geschichte (und hier ist es jetzt wirklich eine literarische Geschichte) die sie umreißen, gebe ich hier zusammengefasst wieder. Und werde am Ende (und per Link zwischendurch) noch auf ein paar der archäologischen Belege hinweise, die sie stützen könnten (Und wer diesen Artikel liest ohne die 19 Teile zuvor gelesen hat, den bitte ich zu beabachten, dass ich auch dort schon vieles von dem was hier nur kurz erwähnt wird sehr ausführlich besprochen habe). Ich kann aber trotzdem alle nur aufforden, das komplette Buch* zu lesen. Auch wenn meine Serie lang war enthält sie doch bei weitem nicht all die faszinierenden Geschichten die man über die Himmelsscheibe erzählen kann!

Die Geschichte beginnt mit einem Prinz von Dieskau, dem Sohn eines der mächtigen und reichen Herrscher von Aunjetitz. Er macht sich auf den Weg nach Süden. Um die Welt zu sehen, um alte Bündnisse und Handelsbeziehungen zu erneuern, um zu lernen und auch um die Macht seiner Heimat im Ausland zu demonstrieren. Er war schon in Cornwall um Stonehenge zu besuchen und der alten Handelsroute zu folgen. Jetzt geht es nach Süden, in ein Reich mit einem mächtigen Herrscher von dem er unterwegs immer wieder hört: Hammurapi, König von Babylon. Dort hört er Geschichten über die Dämonen der Sebettu und ihre himmlische Repräsentation in Form der Plejaden. Er lernt, wie man das Wissen über die Bewegung von Sonne und Mond in Einklang bringen und die Wege der Götter verstehen kann. Er reist auch nach Mykene in Griechenland wo er auf neue Techniken der Gold- und Bronzeverarbeiung trifft. Und beschließt, das neu erlangte Wissen über den Kosmos mit genau dieser Technik in Form eines mächtigen Objekts darzustellen.

Rekonstruktion eines Palasts in Knossos (Bild: Olaf Tausch, CC-BY 3.0)

Nur die absolute Elite soll an diesem Wissen teilhaben können; nur diejenigen die von den Göttern zum Herrschen auserwählt sind sollen das Wissen der Himmelsscheibe teilen. Das Geheimnis wird über die Generationen hinweg weitergegeben und seine Nachfahren erweitern es mit Wissen über die Bewegung der Sonne in ihrem eigenen Herrschaftsgebiet. Die Beobachtungen über den Lauf der Sonne aus den am Rand des Herrschaftsgebiets liegenden Ringheiligtümern von Pömmelte und Schönebeck werden auf die Himmelsscheibe transferiert um immer am zentralen Ort der Herrschaftsausübung verfügbar zu sein. Noch ein wenig später und inspiriert durch die Sonnenverehrung in Ägypten wird nun auch ein Sonnensymbol auf die Scheibe gesetzt. Die Herrscher von Aunjetitz sind die speziellen Günstlinge der Götter, sie stehen in direkter Verbindung zur Sonne. Mit goldenen Nieten wird die Scheibe nun an einer Standardte montiert, um strahlend wie die Sonne selbst als sichtbares Herrschaftszeichen dem Volk präsentiert zu werden. Im Laufe der Zeit ist die nun schon alte Himmelsscheibe ein mächtiges Symbol geworden, ein charismatisches Objekt dass die Herrschaft rechtfertigt. Und sie hat mittlerweile großen Bedarf gerechtfertigt zu werden. Das Volk wird unruhig. Seltsame Himmelserscheinungen sind zu sehen, die Sonnenauf- und -untergänge sind von einem dramatisch-blutigem Rot; weiter im Süden erzählt sich man sich von noch viel schlimmeren Erscheinungen und großen Katastrophen. Wenn der Herrscher den Himmel nicht unter Kontrolle hat, dann hat er aber auch keine Verbindung zu den Göttern mehr! Seine Herrschaft ist gefährdet und es sind dramatische Schritte notwendig um sie zu retten. Es muss ein Opfer gebracht werden; das größte Opfer! Die mächtige Himmelsscheibe selbst muss den Göttern dargeboten werden. An einem Mittsommertag macht sich der letzte Herrscher von Aunjetitz auf den Weg zum Mittelberg. Auch das ist ein Ort der eine Verbindung zum Kosmos aufweist; hier geht die Sonne an diesem Abend direkt hinter dem gewaltigen Berg des Brocken unter. Und mit den letzten Strahlen der untergehenden Sonne wird die Himmelsscheibe mit reichen Grabbeigaben versehen in der Erde versenkt.

Gut – soweit die Geschichte. Die kann man glauben oder nicht und Meller und Michel machen auch sehr deutlich, dass es nur eine Geschichte ist. Die aber zumindest auf einigen plausiblen Fakten basiert. Archäologische Funde zeigen dass Menschen damals nicht nur über weite Distanzen Handel getrieben haben sondern auch weit gereist sind. Als Reisewährung dienten Perlen aus Bernstein und Glas. Bernstein wurde damals aber aus dem Norden nicht über Aunjetitz hinaus gehandelt. Das Reich nutzte seine zentrale Lage um den Handel zu monopolisieren; nur vereinzelt tauchen Perlen weiter südlich auf – so wie es zu erwarten ist, wenn sie nur als Reisewährung und Geschenk mitgenommen werden. Und man findet die Bernsteinperlen auch in Gräbern auf Mykene. Ebenso wie man Glasperlen aus Mesopotamien in nordeuropäischen Gräbern findet und auch hier nur in Mengen, die auf einzelne Mitbringsel hindeuten und nicht auf Handel. Es wurde also gereist und wenn wir uns die alten Geschichten über Odysseus, Gilgamesch und Co anschauen, dann war das Reisen durchaus etwas für Helden – oder eben junge Angehörige der Elite, die die Beziehungen zum Rest der Welt aufrecht erhalten müssen. Und wenn man schon reist, warum dann nicht nach Babylon, wo Hammurapi tatsächlich zur passenden Zeit geherrscht hat.

Genau dort war all das Wissen vorhanden, dass sich auch auf der Himmelsscheibe findet und in Mykene lässt sich das Wissen über die Tauschiertechniken nachweisen, mit dem die Himmelsscheibe hergestellt wurde. Die Horizontbögen die später auf der Scheibe angebracht worden sind passen tatsächlich zur geografischen Position der Ringheiligtümer im Norden des Reichs und es macht Sinn sie auf die Scheibe zu übertragen, wenn dieses Reich im Laufe der Zeit immer hierarchischer und zentralisierter wurde. Ebenso wie die Erweiterung der Scheibe durch das Sonnenbarkensymbol, um die Vergöttlichung der Herrscher zu symbolisieren: Durch Sonnensymbol und -mythen, die damals durchaus auch aus Ägypten nach Europa gelangt sein können.

Und das Ende der Scheibe? Einerseits war das Reich von Aunjetitz durch seinen eigenen Erfolg in Gefahr. Es hat den Handel in Europa durch seine optimale Lage monopolisiert – dadurch aber auch erst den Drang der Nachbarn erhöht, dieses Monopol zu umgehen. Dass das um 1600 v.Chr – also der Zeit in der die Scheibe in die Erde wanderte – auch gelungen ist, zeigen die archäologischen Funde. Jetzt findet man auf einmal überall jede Menge Bernstein, der nun ungehindert von Norden bis nach Süden gelangt, während das Kupfer aus dem Süden – das zuvor ebenfalls von Aunjetitz kontrolliert wurde – nun bis weit nach Skandinavien gehandelt wird, das erst jetzt so richtig in die Bronzezeit eintreten kann. Das Reich der Himmelsscheibe war also wirtschaftlich in Bedrängnis. Dazu kam die “Urkatastrophe des Altertums”, die Minoische Eruption: Der Ausbruch des Vulkans Thera in der Ägais, einer der gewaltigsten Eruptionen in der jüngeren Vergangenheit. Die weit in den Himmel geschleuderte Asche hat auch in Deutschland für ungewöhnlich farbige Sonnenauf- und -untergänge gesorgt und die Legitimation der Herrschaft durch die “kosmologische Ordnung” in Frage gestellt. Die Opferung der Scheibe war der letzte Versuch, das Reich zu retten. Ein Versuch, der gescheitert ist: Aunjetitz ist mit der Scheibe untergegangen…

Die Insel Santorini – der letzte Rest der vom Vulkanausbruch zerstörten Insel Thera (Bild: NASA, gemeinfrei)

Eine faszinierende Geschichte, wenn sie wahr ist. Aber selbst wenn nicht, dann ist das was man weiß, immer noch faszinierend genug. Viele der offenen Fragen werden wohl offen bleiben müssen. Obwohl die Forschung natürlich weiter geht. Aber einiges hat man mit Sicherheit jetzt schon gelernt und deswegen gibt es vor dem endgültigen Fazit dieser Serie morgen noch einen Artikel mit den “Sieben Lehren der Himmelsscheibe” die Meller und Michel am Ende ihres Buchs präsentieren.
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Kommentare (2)

  1. #1 Florian Freistetter
    31. März 2019

    Eigentlich interessant, das gerade dieser Artikel noch keine Kommentare bekommen hat… Ich hätt mir eigentlich erwartet, das gerade hier die meiste Diskussion stattfindet. Aber auch nach mehr als 10 Jahren des Bloggens hab ich die Dynamik der Kommentare wohl noch nicht verstanden.

  2. #2 Laie
    1. April 2019

    Bei vielen Blogbeiträge wie diesem kann ich zwar nur sage ‘gefällt mir’, denke aber, die ist etwas zu wenig, um nur das zu sagen. Bin daher hier und anderswo als stiller Leser unterwegs.

    Zeigt die Himmelscheibe von Nebra nicht auf, wie wenig wir über die bereits untergegangene Kultur(en) wissen, oder auch, wie weiter diese schon waren, oder auch, wie oft wohl Kulturen hervorgegangen und zerstört worden sind?

    Dies geht alles sehr in die Breite und macht auch nachdenklich.