Waren wir leider nicht...

Eigentlich wäre ich das ganze Frühjahr über auf Tour gewesen. Die neue Show der Science Busters – “Global Warming Party” – war fix und fertig und nach den Vorpremieren bereit, überall in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf die Bühnen gebracht zu werden. Dann kam der Virus und jetzt findet gar nix mehr auf den Bühnen statt. Und da ich nun ebenfalls zuhause sitze und nicht durch die Gegend fahren kann, probiere ich die Tour zumindest hier im Blog weiterleben zu lassen und erzähle etwas über die Wissenschaft aller der Orte, an die ich nun nicht fahren werde. Ich war schon “Global Warming Party” waren wir schon nicht in Wildon waren, dann nicht in Wien, danach nicht in Passau und nicht in München, nicht in Ingolstadt, nicht in Grafenwörth, nicht in Salzburg und gestern nicht in Leipzig. Heute bin ich von Leipzig nicht nach Dresden weitergereits und werde heute Abend auch nicht in der Hauptstadt von Sachsen auftreten. Was enorm schade ist, denn Dresden ist eine so schöne Stadt und ich hab mich enorm darauf gefreut.

Dresden ist aber nicht nur eine der schönsten Städte in Deutschland. Sondern auch eine mit jeder Menge Wissenschaft. Wer mal dort hin kommt, sollte zum Beispiel unbedingt die wunderbare Sammlung im Mathematisch-Physikalischen Salon besuchen. Oder einen Ausflug in den Stadtteil Prohlis machen. Dort hat nämlich vor knapp 300 Jahren ein sehr faszinierendes Kapitel der Astronomiegeschichte stattgefunden.

In Prohlis, damals noch ein Dorf bei Dresden, wurde am 11. Juni 1723 Johann Georg Palitzsch geboren. Er war kein Wissenschaftler, sondern Landwirt. Aber interessiert daran wie die Welt funktioniert, weswegen er sich Astronomie, Physik und Botanik im Selbststudium beibrachte. Regelmäßige Besuche im damals schon existierenden Mathematisch-Physikalischen-Salon halfen dabei; ebenso wie der Kontakt zum Dresdner Fernrohrbauer Christian Gärtner. Palitzsch landwirtete also in der sächsischen Provinz vor sich hin – behielt dabei aber immer den Himmel im Auge. Und beobachtete am 25. Dezember 1758 einen Kometen!

Johann Georg Palitzsch (Bild: gemeinfrei)

Was durchaus eine Sensation war! Ok, damals war es prinzipiell immer eine bemerkenswerte Leistung einen neuen Kometen zu entdecken oder bekannte Kometen zu beschreiben. Aber das, was Palitzsch als erster sah, war absolut beeindruckend. Um das zu verstehen müssen wir noch einmal knapp 100 Jahre in die Vergangenheit zurück. Zum 15. August 1682 und nicht weit weg von Dresden: nach Sommerfeld bei Leipzig. Dort lebte Christoph Arnold, der ebenfalls Bauer war und ebenfalls begeisterte Selbststudiumsastronom. In dieser Augustnacht sah Arnold einen Kometen am Himmel, als erster – erst acht Tage später wurde dieser Komet auch von den professionellen Astronomen beobachtet (in diesem Fall war es der Pole Johannes Hevelius). Und jetzt verlassen wir Sachsen und gehen nach England. Dort lebte Edmond Halley, einer der bekanntesten Astronomen der damaligen Zeit und einer der wenigen guten Freunde des großen Isaac Newton. Der war zu dieser Zeit gerade dabei sein Hauptwerk zu veröffentlichen; die erste mathematische Beschreibung der Gravitation die aber genaugenommen ein völlig neuer Blick auf das Universum war und demonstrierte, dass es so etwas wie “Naturgesetze” gab; das man die Vorgänge im Himmel und auf der Erde also nicht nur einheitlich sondern auch mathematisch exakt beschreiben konnte.

Insbesondere konnte man mit Newtons Theorie auch beschreiben wie sich Kometen um die Sonne bewegen. Bislang war das nicht möglich; Kometen waren seltsame Objekte, die plötzlich am Himmel auftauchten, ebenso plötzlich wieder verschwanden und ganz allgemein allen ein wenig unheimlich waren. Halley nutzte nun die Arbeit von Newton um sich einige Kometenbeobachtungen der letzten Jahre und Jahrhunderte anzusehen. Und fand heraus, dass der von Arnold entdeckte Komet eine sehr ähnliche Umlaufbahn hatte wie diverse Kometen die in der Vergangenheit beobachtet worden waren. Er schloß daraus, dass es sich um ein und den selben Komet handeln musste und sagte die Wiederkehr dieses Himmelskörpers für das Jahr 1758 voraus. Halley selbst konnte seine Vorhersage nicht mehr überprüfen; er starb 1742. Aber der Rest der astronomischen Welt blickte im Jahr 1758 natürlich gespannt zum Himmel. Würde die Prognose von Halley korrekt sein? Und wer würde den wiederkehrenden Komet als erster sehen?

Komet Halley (Bild: NASA/W.Lille)

Es war der Bauer Johann Georg Palitzsch in Dresden. Vor allen anderen; vor den ganzen Profis konnte er durch seine Beobachtung Halleys Vorhersage und Newtons Gravitationstheorie bestätigen. Der Komet trägt heute den Namen “Halleyscher Komet” und kommt alle 76 Jahre an der Erde vorbei. Das letzte Mal 1986 und das nächste Mal wird er 2061 an unserem Himmel zu sehen sein. Spätestens dann sind hoffentlich auch die Corona-Einschränkungen wieder aufgehoben 😉 und ich werde Dresden wieder besuchen können (oder tot sein; vermutlich das).

Bis dahin kann man in Dresden auf jeden Fall das Palitzsch-Museum in Prohlis besuchen. Der “Bauernastronom” wie er auch genannt wurde, hat auch nach seinem Kometen-Coup wichtige astronomische Arbeit geleistet (zum Beispiel über die Helligkeitsschwankungen des Sterns Algol). Außerdem soll er sowohl den Blitzableiter als auch die Kartoffel in der Dresdner Region eingeführt haben!

Wieso gerade die sächsischen Bauern damals solche Astronomiefans waren kann ich leider nicht beantworten (vielleicht gibt es aber ja Forschung dazu?). Auch nicht die Frage, wann wir mit den Science Busters wieder auf Tour gehen. Sicherlich noch nicht morgen, wenn unser Auftritt in Berlin auf dem Programm gestanden wäre. Aber zumindest könnt ihr morgen hier im Blog vorbei schauen wenn ich euch etwas über die Wissenschaft der Bundeshauptstadt erzähle!

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Die abgesagteste Tour des Wissenschaftskabaretts

Kommentare (3)

  1. #1 Martin
    Dresden
    24. April 2020

    Sehr schöner Artikel, einen Dresdner Bauernastronomen, der zumeist im Schatten seiner beiden bekannteren Kollegen steht, sollte man ggfs. noch erwähnen: Johann Ludewig

    https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Ludewig_(Bauer)

  2. #2 Heike
    Coswig bei Dresden
    25. April 2020

    Auch den dritten im Bunde
    Christian Gärtner (* 6. Mai 1705 in Tolkewitz bei Dresden; † 31. Dezember 1782 ebenda) der ein Fernrohrbauer und Astronom war sollte man nicht vergessen.

    Quelle: • Jürgen Helfricht: Astronomiegeschichte Dresdens. 1. Auflage. Hellerau-Verlag, Dresden 2001, ISBN 3-910184-76-6

  3. #3 Florian Freistetter
    26. April 2020

    @Heike: Gärtner hab ich aber im Artikel erwähnt