Jetzt ist schon wieder Juni! War doch gerade erst, oder? Werd ich alt – oder vergesslich? Aber irgendwie geht die Zeit so schnell voran dass ich jedes Mal wieder überrascht bin, dass ich schon wieder den monatlichen Buchempfehlungsartikel schreiben muss. Und dann nochmal überrascht, dass ich es anscheinend trotzdem geschafft habe ein paar Bücher zu lesen obwohl irgendwie gar keine Zeit vergangen zu sein scheint. So oder so: Hier kommt wie jeden Monat ein Überblick über das, was ich gelesen habe. Mit den entsprechenden Empfehlungen (oder dem Gegenteil davon).

Die Geschichte von uns allen

Was Buchtitel angeht ist “A Brief History of Everyone Who Ever Lived: The Stories in Our Genes” (auf deutsch: “Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat: Was unsere Gene über uns verraten”) von Adam Rutherford ganz vorne dabei.

Da muss man neugierig werden und der Untertitel macht auch mehr als klar, dass man jetzt hier kein Werk über die Geschichte vor sich hat. Beziehungsweise schon, aber eben eine ganz spezielle Geschichte: Nämlich die, die sich aus unseren Genen und denen unserer Vorfahren ablesen lässt. Das Buch von Rutherford ist schon jetzt auf der Liste meiner Jahresfavoriten gelandet. So unterhaltsam und verständlich hat mir die Genetik bis jetzt noch niemand erklärt! Rutherford schreibt über unseren Ursprung als Menschheit, über unsere Vorfahren und ausgestorbenen Zeitgenossen. Über unsere Wanderung um den Planeten die sich aus den Genen ablesen lässt. Über die Art und Weise wie wir gelernt haben zu verstehen, was die Gene uns sagen. Über Quatsch der zu dem Thema in den Medien zu lesen lässt und über die Aussagekraft von kommerziellen Tests die versprechen einem zu enthüllen, mit welchen historischen Persönlichkeiten man verwandt ist (Spoiler: Wir alle sind mit allen Promis verwandt, egal ob schon tot oder noch lebendig). Rutherford erklärt mehr als deutlich wieso es absolut keinerlei irgendwie geartete wissenschaftlich-genetische Basis für Rassismus gibt und warum der Begriff der “Rasse” selbst komplett sinnfrei ist. Und noch sehr viel mehr!

Das Buch ist absolut großartig, ein Paradebeispiel für unterhaltsame Wissensvermittlung und ich hab besonders viel Spaß daran gehabt wie Rutherford immer wieder die Sprache und den Text des Buches selbst benutzt hat, um genetische Mechanismen zu demonstrieren. Lest das Buch! Und dann auch gleich sein neues Buch: “How to Argue With a Racist: History, Science, Race and Reality”.

Alles über ITER? Na ja…

Ich hab mich sehr auf das Buch “ITER: The Giant Fusion Reactor: Bringing a Sun to Earth” von Michel Claessens gefreut. Erstens, weil ich lange warten musste weil der Erscheinungstermin sich verzögert hat. Und zweitens weil es meines Wissens nach bis jetzt kein gutes, populärwissenschaftliches und verständliches Buch über dieses faszinierende wissenschaftliche Projekt gibt. Und daran hat sich leider nichts geändert…

Eigentlich sollte Claessens wissen, was er tut; immerhin arbeitet er für ITER. Zwar nicht als Wissenschaftler, aber in der Kommunikation. Und müsste daher in der Lage sein, dieses enorme Menschheitsprojekt angemessen zu beschreiben. Immerhin ist ITER der Versuch von Europa, USA, Russland und diversen anderen Nationen der Erde, endlich die Kernfusion als wirtschaftlich nutzbare Energiequelle zu erschließen. Ein Projekt, das seine Wurzeln noch im kalten Krieg hat, das allen Problemen und Widerständen zum Trotz die bei so einem großen Vorhaben unter Beteiligung so vieler Länder auftreten, seit ein paar Jahren endlich konkret konstruiert wird.

Dass man hier eine fantastische Geschichte erzählen könnte ist klar. Leider erzählt Claessens diese Geschichte nicht. Das scheitert schon daran, dass das Buch im Springer-Verlag erschienen ist und von dort habe ich schon lange kein brauchbares populärwissenschaftliches Sachbuch mehr gesehen. Ein Lektorat, eine Beratung und all die Dinge die ein vernünftiger Verlag so bietet scheint es dort nicht zu geben. Und genau so sehen die Bücher auch aus. Das fängt schon damit an, dass offensichtlich niemand ein Problem darin sieht, so ein Buch mit dem LaTeX-Stylefile für Konferenzbände zu erstellen. Das mag ein sehr technisch klingender Einwand sein. Ist aber relevant. LaTeX ist ein Schriftsatzsystem das in der Wissenschaft weit verbreitet ist. Aber der typische LaTeX-Look ist nicht unbedingt geeignet für populärwissenschaftliche Bücher. Sondern eben für Fachtexte. Claessens beginnt ernsthaft jedes Kapitel mit einem Abstract! Wozu?! In einem Fachartikel macht das Sinn. Aber doch nicht bei einem Buch, das normale Menschen auf normale Weise lesen sollen! Wozu brauche ich da am Beginn eines Kapitels eine (noch dazu zu lange) Zusammenfassung dessen, was auf den nächsten Seiten zu lesen sein wird? Wenn es wenigstens eine vernünftige Zusammenfassung wäre; stattdessen kriegt man im wesentlichen copy/paste aus dem Kapitel selbst; man liest die relevanten Teile also doppelt.

Im Buch gibt es keinen roten Faden; keine Geschichte die erzählt wird sondern nur Fakten die aneinander gereiht werden. Es gibt jede Menge störende Fussnoten (sowas kann man am Ende des Buchs unterbringen!) und die Wissenschaft und Technik der Kernfusion ist viel zu schlecht erklärt um ohne Vorwissen verständlich zu sein. Das Buch scheint sich an die breite Öffentlichkeit wenden zu wollen, ist aber nur für Studierende und andere Fachmenschen zu gebrauchen. Oder als Quellensammlung und Zusammenstellung diverser Fakten zur Historie des ITER-Projekts die für andere Recherchen gebraucht werden.

Wer spannend, unterhaltsam und verständlich über die Kernfusion an sich informiert werden will, dem empfehle ich weiterhin das großartige Buch “Sun in a Bottle” von Charles Seife. Wer speziell über ITER Bescheid wissen, wird weiterhin auf die wissenschaftliche Fachliteratur zugreifen müssen.

Wassertöchter

Es gibt ein neues Buch von Ule Hansen: “Wassertöchter”! Ich bin ja eigentlich kein Thriller-Fan; mit Serienmorden und Serienmörderfänger kann ich normalerweise eher wenig anfangen. Aber die Reihe um die Polizistin Emma Carow hat mich von Anfang an fasziniert. Ich habe darüber schon früher berichtet. Im dritten Band gibt es eine neue Mordserie, die auf eine sehr grausige Weise originell ist. Und die Rahmenhandlung der ersten beiden Bücher wird zu einem Abschluss gebracht. Sehr zu empfehlen!

Lokalkrimi aus dem Schneebergland

Ich habs mal wieder mit nem Lokalkrimi probiert. Die werden einem in den Buchhandlungen ja nachgeworfen wie die Kugelschreiber in einem Wahlkampf. Das meiste davon ist nicht wirklich brauchbar; ab und zu sind aber großartige Bücher dabei.

“Schade um die Lebenden. Ein Schneeberg-Krimi” von Jacqueline Gillespie gehört nicht dazu. Ich hab das Buch nur gelesen, weil ich selbst in der Gegend um den niederösterreichischen Schneeberg einen kleinen Kurzurlaub gemacht habe. Die Handlung wechselt zwischen den Aktivitäten eines Wiener Ermittlerduos das in der dörflichen Provinz einen Mord aufklären soll und einer alten Bäuerin aus eben diesem Dorf die wohl so eine Art Miss Marple darstellen soll. Die Dorfatmosphäre ist gut getroffen; der niederösterreichische Dialekt in den “Bäuerin”-Kapitel sehr charmant. Aber ein Krimi ist es eigentlich nicht. Niemand klärt irgendwas auf; es wird nicht mal richtig ermittelt und schon gar nicht von der Provinz-Miss-Marple. Die sitzt nur rum und tratscht. Der Fall klärt sich am Ende durch reinen Zufall auf; wenn die Protagonisten nichts getan hätten, wäre auch nichts anders gelaufen.

Teuflische Corona-Chroniken

Endlich wieder Clovenhoof! Wer meine Buchempfehlungen regelmäßig liest weiß wie sehr ich die absurd amüsanten Bücher von Heide Goody und Iain Grant schätze. Ihre Reihe über die Erlebnisse des in eine englische Kleinstadt verbannten Satans wird schlicht und einfach nicht langweilig! Die früheren Bücher habe anderswo besprochen. Im letzten Jahr erschien ein “Brexit-Tagebuch” mit monatlichen Updates; nun haben Goody und Grant sich der Corona-Pandemie gewidmet. Seit Anfang des Jahres erscheint in jedem Monat ein neuer, kurzer Band der “Isolation Chronicles” (bis jetzt erschienen “Bog Roll Battles”, “Handwash Hysteria”, “Lockdown Lunacy”, “Clapping Chaos”, “Social Distancing Disasters” und “PPE Palaver”). Der Erlös des Buchverkaufs wird einem wohltätigen Zweck gespendet, was noch ein weiteres Argument ist, die Abenteuer von Jeremy Clovenhoof nicht zu ignorieren!

Das wars für den Juni; im Juli ist Urlaub angesagt und ich werde mich dann rechtzeitig wieder melden um euch über die Resultate meiner Urlaubslektüre zu informieren!

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Kommentare (12)

  1. #1 Fluffy
    29. Juni 2020

    Wenn ein österreichischer Lokalkrimi, dann Stockinger.
    Unerreicht ist Kottan ermittelt.

  2. #3 rolak
    29. Juni 2020

    Stockinger/Kottan

    Gab es zu diesen beiden etwa auch Bücher, Fluffy?
    (Die Kottan-Comics meine ich nicht..)

  3. #4 Fluffy
    29. Juni 2020

    Im Prinzip Ja …aber es war nicht Major Kottan sondern Bauer Mecke, auch kein Krimi sondern ein Sack Kartoffeln, und die sind inzwischen auch schon verrottet.

    Ich dachte, da die heutige lokale Krimi-Buchempfehlungen ja eher eine Ablehnung ist, erinnere ich mal zum Trost an die o.g. großartigen österreicherischen Schauspieler
    Karl Markovics und Lukas Resetarits .

  4. #5 rolak
    29. Juni 2020

    Mecke/Kartoffeln

    ^^ich kenn bloß einen Mecke mit Getreide.
    Und der verübte Lynchjustiz, kann also kaum mit Kottan korrelieren…

  5. #6 Fluffy
    29. Juni 2020

    Das ist das Prinzip vom Sender Jerewan.

  6. #7 Karl-Heinz
    29. Juni 2020

    @Fluffy

    Radio-Jerewan-Witze:

    • Hätte die Katastrophe von Tschernobyl vermieden werden können?
    – Im Prinzip ja, wenn nur die Schweden nicht alles ausgeplaudert hätten.

    • Stimmt es, dass der Kapitalismus am Abgrund steht?
    – Im Prinzip ja, aber wir sind bereits einen Schritt weiter.

  7. #8 Dampier
    Dampierblog.de
    30. Juni 2020

    Ein Abstract vor jedem Kapitel kann manchmal ganz hilfreich sein, um später eine bestimmte Textstelle schneller wiederzufinden. Bei umfangreichen Sachbüchern, die man gern wiederholt zu Rate zieht, wüsste ich das sehr zu schätzen; vor allem, wenn die Abstracts im Inhaltsverzeichnis aufgeführt sind.

    Das war Standard im 17./18. Jahrhundert (z. B. auch in William Dampiers Reiseberichten). Das ist ungeheuer hilfreich bei der Recherche. Ist aber zusammen mit den ellenlangen Buchtiteln untergegangen. Bei manchen Sachbüchern würde ich mir das heute noch wünschen (man findet halt nicht alles im Stichwortregister wieder). Nur bei E-Books ist das natürlich obsolet, wg. Volltextsuche.

  8. #9 Adam
    Berlin
    30. Juni 2020

    @ Dampier

    Nee, Florian hat da schon Recht, das ist für so ein Buch völlig ungeeignet. Für Recherchen würde es reichen, wenn am Ende (!) des Buches oder Kapitels Abstracts nachträglich erscheinen, die auf die Kapitel verweisen oder sie zusammenfassen. Wenn sie aber vor den Kapiteln stehen, wird die Mehrheit sie automatisch lesen – nur, um dann dasselbe nochmal im Kapitel zu lesen. Es gibt keinen sicheren Weg, um Spannung zu killen oder sogar zum Nicht-Lesen des Kapitels zu animieren als diesen, weil es nichts anderes sind als Spoiler und Otto Normalo sie auch genauso wahrnehmen wird.

    Man stelle sich das in einem Roman vor: “Kapitel 10: Der Detektiv findet heraus, dass der Briefträger der Mörder ist. (Viel Spaß beim Lesen von Kap. 10, die Spannung spitzt sich zu. Man erfährt endlich wer der Mörder ist!”

    Sinnfrei.

  9. #10 Lercherl
    30. Juni 2020

    @Adam

    Natürlich ist der Briefträger der Mörder!

    Aber ich finde, ganz unrecht hat Dampier nicht. Ein Sachbuch ist schließlich kein Krimi.

  10. #11 Dampier
    30. Juni 2020

    @Adam, deswegen bezog ich das auf Sachbücher (wobei man auch spannende Sachbücher spoilern kann). Aber stimmt schon: In den Kapitelanfängen muss das nicht sein. Zusammengefasst am Ende wäre es wohl am hilfreichsten.

  11. #12 Adam
    Berlin
    1. Juli 2020

    Worum geht es denn?

    Geht es darum den Fachleuten ihr eigenes Wissen in Buchform zu präsentieren? Also Leuten, die mindestens genauso gut darüber Bescheid wissen? Leuten, die es gewohnt sind sich durch lange, alles andere als prosaische Texte durch zu wühlen?

    Oder geht es nicht eher darum einem sehr breit aufgestellten, aber grundsätzlich interessierten Publikum die Sache nahe zu legen?

    Eher Letzteres, nicht wahr?

    Und wie wird man Publikum am allerschnellsten los? Indem man jede Spannung, jede Story im Keim erstickt. Ja, ich schreibe bewusst “Story”. Denn jede Form von Publikation hat das Kernproblem, dass sie überhaupt gelesen werden WILL.

    Man kann sie bis zum Rand mit dem letzten Stand der Dinge packen, sie kann einwandfrei lektoriert sein, maximal glaubwürdig, voller Quellenangaben seriösester Art. Aber wenn sie nicht gelesen wird, weil sie langweilig rüber gebracht wurde, bringt das alles nix, es ist ein Schuss in den Ofen.

    Daher sind Wissenschaftsbücher nicht grundsätzlich anders zu sehen, als Romane. Sie müssen es nicht übertreiben, es muss nicht am Ende eines jeden Kapitels ein Cliffhanger stehen. Aber der umgekehrte Weg mit der Selbst-Spoilerei ist noch schlechter.