Dieser Artikel ist Teil einer Serie über naturwissenschaftliche Experimente. Entsprechende Artikel werden hier im Blog bis Ende Juli erscheinen. Alle Artikel der Serie könnt ihr hier finden.
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Eigentlich wollte ich meine Serie über naturwissenschaftliche Experimente ja schon gestern beenden. Aber dann bin ich auf etwas gestoßen, das mich zu diesem kurzen Nachtrag motiviert hat. Es geht um ein Experiment über das in den letzten Monaten vermutlich deutlich öfter gesprochen wurde als zuvor: Die Erfindung der Impfung gegen Pocken durch den englischen Arzt Edward Jenner; die erste “Schutzimpfung” im modernen Sinn.

In ganz kurz geht die Geschichte dieses massiv einflußreichen Experiments von Edward Jenner so: Die Pocken waren immer schon eine ziemlich schreckliche Krankheit mit hoher Todesrate. Ende des 18. Jahrhunderts erfuhr der englische Arzt Edward Jenner von Kollegen dass es Menschen gibt die an den deutlich ungefährlicheren Kuhpocken erkrankt waren und daraufhin nicht mehr mit den menschlichen Pocken infiziert werden konnten (dass er das durch die Beobachtung der Melkerinnen in seinem ländlichen Zuhause erfahren hat, ist eher ein Mythos). Also dachte er sich: Das muss man mal ausprobieren! Und schnappte sich dafür den Sohn seines Gärtners, den damals 8 Jahre alten James Phipps. Der wurde mit Kuhpocken infiziert, am 14. Mai 1796 falls es jemand genau wissen will. Am 1. Juli 1796 wurde Phipps von Jenner dann mit den Pocken infiziert. Groß um Zustimmung des Jungen (oder seines Vaters) dürfte er nicht gefragt haben und aus moderner Sicht war das alles andere als ethisch. Immerhin hat Jenner da ein Kind absichtlich einer potenziell tödlichen Krankheit ausgesetzt. Aber sein Instinkt war richtig; Phipps erkrankte nicht. Jenners Methode der “Impfung” war erfolgreich und setzte sich schnell durch. Ebenso schnell gab es natürlich auch die ersten “Impfgegner”, die damals schon genau den gleichen Quatsch erzählt haben, der heute erzählt wird.

Die erste Impfung- am vermutlich nicht sehr willigen Subjekt (Bild: gemeinfrei)

Jenners Konzept der Impfung hat die Welt revolutioniert und wahrscheinlich mehr Leben gerettet als jede andere Erfindung davor und danach. Auch wenn er nicht der erste war (ähnliche Impfungen gab es auch ein paar Jahre vorher anderswo durch andere Ärzte), war es doch seine Arbeit, die das ganze systematisch und weltweit verbreitet hat.

Wer mehr über die Details der Geschichte der Pockenimpfung wissen will, den kann auf diesen Podcast verweisen:

Oder den hier:

Der eigentliche Grund für diesen Nachtrag zu meiner Sommerserie ist aber dieses Video:

Meine Güte! Ich bin bei meinen Recherchen durch Zufall darauf gestoßen. Und habe nicht die geringste Ahnung, wer das produziert hat. Es ist absurd und irgendwie gruselig zugleich 😉 Hat jemand ne Ahnung, wo das her kommt? Und ob es noch mehr davon gibt?

So oder so: Das war meine Sommerserie über naturwissenschaftliche Experiment. Ab jetzt gibt es wieder normales Blogprogramm (das Sommerrätsel kommt auch, keine Sorge). Und wenn die Impfstoffforschung ordentlich arbeitet (hoffentlich mit etwas ethischeren Experimenten als bei Jenner), dann kann man mich auch bald mal wieder irgendwo live sehen…

Kommentare (13)

  1. #1 schorsch
    29. Juli 2020

    Der Film scheint aus einer von TED-Ed https://ed.ted.com/about produzierten Serie von wissenschaftlichen Lehrfilmen zu den verschiedensten Themen zu stammen.

  2. #2 Fluffy
    29. Juli 2020

    Man kann doch nicht einfach mit Nummer 11 aufhören

  3. #3 rolak
    29. Juli 2020

    mit Nummer 11 aufhören?

    Ja sicher doch, Fluffy, mehr geht wirklich nicht

    irgendwie gruselig

    Allerdings, Florian, ziemlich verstörend…

  4. #4 wereatheist
    Berlin
    29. Juli 2020

    Der zweite Schritt des Vorgehens Jenners war einfach eine Variolation, ein damals in England gängiges Verfahren, besonders bei den “besseren Ständen”.
    Dass Jenner versucht hätte, sein Versuchsobjekt mit den Pocken zu infizieren, ist also etwas irreführend (das stand aber auch genau so in meinem Englisch-Lehrbuch in der 7.Klasse. Erstaunlich, dass 13-Jährige sich nicht über den krassen Menschenversuch empören. Ich war damals aber auch durch den offensichtlichen Langzeit-Erfolg Jenners “geblendet”).

  5. #5 sino
    30. Juli 2020

    Ergänzung zu „ähnliche Impfungen gab es auch ein paar Jahre vorher anderswo durch andere Ärzte“

    Erwähnenswert finde ich die Vorgeschichte: fast 80 Jahre zuvor hat sich die Frau des britischen Gesandten im Osmanischen Reich, Lady Mary Montagu, für die Inokulation oder Variolation genannte Methode eingesetzt, nachdem sie im März 1718 ihren damals fünf Jahre alten Sohn Edward von „erfahrenen Frauen aus Pera“ unter Aufsicht von Charles Maitland, dem damaligen Arzt² der britischen Botschaft, in Konstantinopel gegen Pocken impfen ließ. Er war der erste Engländer (Europäer?), der geimpft wurde.

    Als im April 1721 eine Pockenepidemie in England ausbrach, ließ sie von dem selben Arzt Maitland, der bereits vier Jahre zuvor ihren Sohn geimpft hatte, auch ihre Tochter impfen und veröffentlichte dies.

    Außerdem überredete sie Caroline von Ansbach, Prinzessin von Wales, dazu, die Behandlung zu testen: Im August 1721 wurde sieben zum Tode verurteilen Gefängnisinsassen „angeboten“, an Stelle der Hinrichtung sich der Variolation zu unterziehen. Sie überlebten die Impfung und wurden freigelassen.

    Caroline von Ansbach war jedenfalls so überzeugt, dass sie April 1722 ihre beiden Töchter Amelia and Caroline impfen ließ⁴.

    Dennoch geriet so ab den 1750ern die Variolation in Vergessenheit und wurde erst durch Edward Jenner wieder aufgegriffen⁵: „Jenner stieß bei seinen Recherchen und bei der Suche nach einer effektiven Waffe gegen die Pocken auf einen interessanten wissenschaftlichen Bericht des griechisch-osmanischen Arztes Dr. Emmanuel Timoni.“

    Der betreffende Abschnitt im WP-Artikel¹ endet mit: „Die Variolation blieb umstritten, auch weil sie nicht immer zuverlässig funktionierte, bis der Arzt Edward Jenner 1796 ein besseres Verfahren entwickelte (“Vakzination”).“

    Jahrzehnte zuvor hat jedoch Lady Mary Wortley Montagu entscheidend dazu beigetragen, überhaupt die „Impfung nach Europa“ zu bringen⁵.
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    ¹ https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Wortley_Montagu#Einsatz_f%C3%BCr_die_Pockenschutzimpfung_(Variolation)
    ² https://en.wikipedia.org/wiki/Charles_Maitland_(physician)
    ³ https://en.wikipedia.org/wiki/Variolation#Lady_Mary_Wortley_Montagu
    https://en.wikipedia.org/wiki/Lady_Mary_Wortley_Montagu#Ottoman_smallpox_inoculation
    https://istanbultrip.info/geschichte/impfung-der-grosse-impfversuch-von-konstantinopel-istanbul/

  6. #6 Reinhard Sacher
    Schwechat
    30. Juli 2020

    Vacca, lat. die Kuh
    Vaccination, engl. Impfung, also “Bekuhung mit Rinderpocken” 🙂

  7. #7 Uli Schoppe
    30. Juli 2020

    @Reinhard Sacher
    Spaßige Bemerkung oder Wahnwichtelbemerkung?

  8. #8 Fluffy
    30. Juli 2020

    Le bœuf – der Ochs, la vache – die Kuh, fermez la porte – die Tür mach zu.

  9. #9 Karl Mistelberger
    mistelberger.net
    31. Juli 2020

    Ein Beitrag wartet seit 2 Tagen auf Freischaltung.

  10. #10 Florian Freistetter
    31. Juli 2020

    @Karl: Im System ist nix…

  11. #11 Karl Mistelberger
    mistelberger.net
    31. Juli 2020

    Ich hatte von hier zitiert: https://en.wikipedia.org/wiki/Variolation#Transition_into_vaccination

    The success of variolation led many, including medical professionals, to overlook its drawbacks. Variolation was practiced on the basis that it protected against smallpox for life, and was far less likely to kill than natural infection. In some cases however, natural smallpox or variolation failed to protect from a second attack. These cases were a result of a lapse of immune “memory”, while others may have been misdiagnosed (experts often confused smallpox with chickenpox). Variolation also required a level of skill and attention to detail which some physicians lacked. Many physicians failed to take note of local redness and discharge to assure the variolation had taken, resulting in inadequate treatment. However, it was its great risk to others that led to the end of the practice. The collateral smallpox cases spread by variolated subjects shortly after variolation began to outweigh the benefits of the procedure.

    Abhilfe kam unter anderem von Jenner:

    From the 1760s, a number of individuals, including John Fewster, Peter Plett, Benjamin Jesty, and particularly Edward Jenner, were interested in the use of material from cowpox, an animal infection, to protect against smallpox. In 1796, Jenner vaccinated James Phipps, did more vaccinations in 1798, and was the first to publish evidence that cowpox protected against smallpox, was safer than variolation, and that his vaccine could be maintained by arm-to-arm transfer. The use of variolation soon began to decline as the smallpox vaccine became widely used and its benefits appreciated. Various countries made variolation illegal, starting with Russia in 1805.

  12. #12 Bbr
    Niedersachsen.
    31. Juli 2020

    Variolation war aber die Impfung mit richtigen Pockenviren, nicht mit Kuhpocken. Das war reichlich gefährlich, wie man sich vorstellen kann. Kein Wunder, dass das durch die wesentlich risikoärmere Vaccination verdrängt wurde.

  13. #13 Karl Mistelberger
    mistelberger.net
    31. Juli 2020

    > #10 Florian Freistetter, 31. Juli 2020
    > Im System ist nix…

    Ich habe noch zweimal einen Text abgeschickt. Wieder nix?