Unseren sich inzwischen ausweitenden und derzeit nur von uns bearbeiteten Forschungsbereich, den wir intern „molekulare Ballistik“ nennen und der rechtsmedizinische und wundballistische Aspekte und Techniken mit Methoden und Möglichkeiten der forensischen Molekulargenetik integriert, habe ich hier anhand der Präsentation zweier unserer Teilprojekte ja bereits vorgestellt.

Nachdem wir mit unseren ersten Erkenntnissen ein wenig „um die Häuser gezogen“ sind, sie also auf ein paar Kongressen (u.a. in Bonn, Freiburg und Hannover) aber auch einer Landeslehrveranstaltung der Polizei von NRW vorgestellt haben, hatten wir kürzlich Gelegenheit, unsere Methode in einem echten und ziemlich schlimmen Kriminalfall zur Anwendung zu bringen.

Wer sich auf die Lektüre mit der Rekapitulation einiger Grundlagen der forensischen Genetik vorbereiten möchte, könnte sich die entsprechende Serie, die ich dazu geschrieben habe (hier die erste Folge) zu Gemüte führen.

 Der Fall:

Der Täter, ein Familienvater, ermordet in seiner Wohnung seine Frau und Kinder (beide unter 10 Jahre), indem er insgesamt fünf Mal mit einer Faustfeuerwaffe (Typ Pistole) auf sie schießt. Nach der Tat flieht er, die Waffe läßt er zurück. Die Polizei ist 4 bis 10 Stunden nach der Tat am Tatort und sichert die Spuren. Die Obduktion ergibt, daß alle drei Opfer durch Schußverletzungen am Kopf oder am Oberkörper zu Tode kamen.

Die vorliegenden Befunde ermöglichen aber keine vollständige Rekonstruktion des Tathergangs, da nicht klar ist, ob alle Opfer mit derselben Waffe und aus nächster Nähe erschossen worden waren. An dieser Stelle traten wir auf den Plan.

 Unsere Analyse:

Wir erhielten vom LKA aus Düsseldorf die DNA-Profile aller Opfer und des Täters, sowie die Tatwaffe, die wir mit unserer Methode auf Spuren von Opfer-DNA untersuchen sollten.

Zunächst führten wir aber auf Grundlage der DNA-Profile der an der Tat beteiligten Personen eine Verwandtschaftsanalyse durch, um festzustellen, ob jene wirklich auf die behauptete Weise miteinander verwandt waren.

1= Täter, 2 = erwachsene Frau (Opfer), 3 = männliches Kind (Opfer), 4= weibliches Kind (Opfer)

1= Täter, 2 = erwachsene Frau (Opfer), 3 = männliches Kind (Opfer), 4= weibliches Kind (Opfer)

Dabei bestätigte sich, daß die beiden Erwachsenen (1 und 2) miteinander biologisch unverwandt jedoch beide mit hoher Wahrscheinlichkeit (W > 99,999999%) die Eltern beider Kinder (3 und 4) waren.

Das würde die folgenden Untersuchungen deutlich verkomplizieren, denn wenn wir DNA der Opfer in der Waffe finden würden, dann stammte sie ja von drei eng miteinander verwandten Personen, die aber dennoch voneinander unterschieden werden müssten, um die ungeklärte Frage beantworten zu können. Anschließend verglichen und analysierten wir die DNA-Profile der vier Beteiligten und konnten feststellen, daß sowohl der Mann als auch die Frau 3 bzw. 4 einzigartige Merkmale besaßen (mit ‚einzigartig’ meine ich in diesem Zusammenhang, daß diese Merkmale bei keiner anderen der beteiligten Personen auftraten). Die Kinder, die von den beiden Erwachsenen abstammten, konnten natürlich keine vollständig einzigartigen Merkmale besitzen. Allerdings wiesen der Junge und das Mädchen 6 bzw. 5 Merkmale auf, die einzigartig unter den Opfern, also weder bei der Mutter noch dem anderen Geschwister feststellbar waren. Diese Feststellungen würden uns später dabei helfen, die Opfer in einem komplexen DNA-Mischprofil zu erkennen und voneinander zu unterscheiden.

Dann nahmen wir uns die Waffe vor und sie erst einmal komplett auseinander. Eine Pistole ist deutlich komplizierter aufgebaut als ein Revolver und es gibt daher mehr innere Teile, an denen sich der Backspatter aus biologischem Material eines Opfers finden kann.

Abriebe

Wir nahmen schließlich insgesamt 8 Proben von der Mündung (#1), der inneren Oberfläche des Laufes von vorne (#2) und hinten (#3), der Hinterseite der „Kappe“, also der vorderen Abdeckung der Pistole (#), der Außenfläche des Laufs im Vorderbereich (#, s. Abbildung obere Hälfte) und durch ein Fenster im Gehäuse (#, s. Abbildung untere Hälfte) und der inneren Oberfläche des Schlittens im vorderen (#) und hinteren (#) Bereich.

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Kommentare (25)

  1. #1 Olaf aus HH
    Hamburg, D, Europa, Erde, ...
    27/02/2013

    Danke, das ist eine starke Betrachtung bzw. Darstellung. Sehr anschaulich und informativ.
    Aber zerstört ein durch den Lauf der Waffe abgeschossenes Projektil mit der entstehenden Hitze (Treibladung und Reibung) nicht bereits vorhandene DNA-Spuren der ersten Opfer ? So daß sich am Ende nur eine DNA-Spur des letzten Opfers findet ?
    Es ist nur eine quasi technische Überlegung, für eine Erklärung wäre ich sehr dankbar.

  2. #2 Olaf aus HH
    Hamburg, D, Europa, Erde, ...
    27/02/2013

    Ich habe den Artikel eben noch einmal gelesen. Sorry. Dort steht, daß im Lauf wenig bis gar nichts zu finden war.
    Aber wie kommen die DNA-fähigen Partikel an Waffenteile “weiter hinten” bzw. im Inneren ?

  3. #3 Helga
    27/02/2013

    Wow! Superspannend. Danke für den Insight.
    …ich bring nie mehr jemanden um… 🙂
    Könnten prinzipiell die Personen nicht auch um die Waffe gerangelt haben, bevor der erste Schuß fiel?

  4. #4 rolak
    27/02/2013

    Ach hier ist der fachliche Teil und das war das Appetithäppchen. btw: Ist die ‘-2’ in der url dem wg der ‘technischen Probleme’ verlorenengegangenen Erstversuch zu verdanken?

    Hut ab vor dem glatten Erfolg!

    prinzipiell

    Klar, Helga, prinzipiell ja. Doch wären dann sicher auch an den Mitranglern entsprechende Verletzungen zu finden gewesen.

  5. #5 Cornelius Courts
    28/02/2013

    @Olaf: “Aber zerstört ein durch den Lauf der Waffe abgeschossenes Projektil mit der entstehenden Hitze (Treibladung und Reibung) nicht bereits vorhandene DNA-Spuren der ersten Opfer ?”

    Zuerst, bevor wir mit unserer Forschung anfingen, dachte man das. Dann zeigten wir (in den beiden verlinkten Publikationen), daß sich auch im Lauf DNA-Spuren halten und sogar Nachschüsse aushalten können. In diesem speziellen Fall, wo es gerade keine Profile aus dem Lauf gab, dürfte das Problem gewesen sein, daß in schneller Folge fünf Mal geschossen wurde, so daß die Summe von Druck und Hitze, die bei einzelnen Nachschüssen nicht so auftritt, die DNA im Lauf zerstört oder herausgeschleudert haben.

    “Aber wie kommen die DNA-fähigen Partikel an Waffenteile “weiter hinten” bzw. im Inneren ?”

    Wir arbeiten unter anderem genau daran, das zu verstehen (unsere vorläufigen Ideen dazu behalte ich noch für mich) 🙂 Gib uns noch ein Weilchen, wenn wir ‘was herausfinden, erzähle ich hier davon 🙂

    @Helga: “…ich bring nie mehr jemanden um… ”

    🙂 genau diesen Entschluss wünschen wir uns natürlich von allen, die unsere Arbeiten lesen und dann einsehen, daß wir sie am Ende doch kriegen 🙂

    “Könnten prinzipiell die Personen nicht auch um die Waffe gerangelt haben, bevor der erste Schuß fiel?”

    In welche Richtung zielt Deine Frage? Also, die DNA im Inneren einer Waffe stammt immer von Personen, die auch von der Waffe verletzt wurden.
    Gegen ein Gerangel spricht aber auch etwas, das ich oben nicht berichtet habe: die Auffindesituation und die Obduktionsergebnisse der Opfer.

    @rolak: “Ach hier ist der fachliche Teil und das war das Appetithäppchen. btw: Ist die ‘-2′ in der url dem wg der ‘technischen Probleme’ verlorenengegangenen Erstversuch zu verdanken?”

    Du sagst es :-/

    ” Hut ab vor dem glatten Erfolg!”

    Dankesehr 🙂

  6. #6 Olaf aus HH
    Hamburg, D, Europa, Erde,...
    28/02/2013

    Hallo CC,

    danke für die geduldigen Antworten. Bin sehr gespannt, wenn und wie das Rätsel eines Tages gelüftet wird. Mal sehen.
    Ich selber könnte mir noch vorstellen, daß es mit sich kurzzeitig heftig ändernden Luftdruckverhältnissen um eine schießende und ggf. nachladende Waffe herum zu tun haben könnte (wo kurzzeitig Überdruck entsteht, muß es wohl auch Unterdruckbereiche geben). Aerodynamik einer Schußwaffe könnte der Arbeitstitel lauten.
    Das mit dem Umbringen werde ich künftig dann wohl auch besser sein lassen. 😉 Das ist ja wirklich abschreckend, zugleich würde ein Wissenschaftsoffizier eines bekannten Raumschiffs wohl sagen: “Faszinierend.”

    Beste Grüße aus Hamburg

  7. #7 Adent
    28/02/2013

    @CC
    Sehr geile Technik.
    Habt ihr schon genug Daten bis hin zu welchem Abstand beim Schuß man Backspatter der Opfer findet? Zum einen aussen auf der Waffe und bis zu welchem Abstand in der Waffe?

  8. #8 Cornelius
    28/02/2013

    @Adent: “Habt ihr schon genug Daten bis hin zu welchem Abstand beim Schuß man Backspatter der Opfer findet? Zum einen aussen auf der Waffe und bis zu welchem Abstand in der Waffe?”

    Dir sage ich das gleiche wie Olaf: Wir arbeiten unter anderem genau daran (unsere vorläufigen Erkenntnisse dazu behalte ich noch für mich) 🙂 Gib uns noch ein Weilchen, wenn sicher sind, erzähle ich hier davon 🙂

  9. #9 Merowech
    Hannover
    28/02/2013

    Na das ist doch unter anderem mein Thema.

    Aber da sind noch ein paar Überlegungen anzustellen.

    Wurde ausgeschlossen, dass die Opfer ZUGANG zu der Waffe hatten ? Da die Täter-Opfer Konstellation eindeutig als familiär zu bezeichnen ist, muss dieser Gedanke auch angesprochen werden. Denn wenn der Täter zum Beispiel zum Reinigen der Waffe diese einige Zeit zerlegt ablegt, ist es möglich dass sich DNA fähiges Material z.b. durch anfassen auch vorher anlagern kann.

    Auch kann DNA fähiges Material der Opfer durch den Täter selbst so auf die Waffe aufgetragen werden.

    Auch darf bei solchen Fällen die LAGERUNG der Waffe nicht vergessen werden. Auch hier sind unzählige Kontaminationsmöglichkeiten durch Fremd-DNA gegeben.

    Warum selten IM Lauf etwas gefunden wird, hängt neben der des reinigenden Effektes bei der Schussabgabe, (viele Pistolenhersteller werben gezielt damit, dass der Lauf sich nach/durch die Schussabgabe so selbst “reinigt”), auch mit dem physikalischen Effekt des “Verreissens” zusammen. Heisst direkt nach der Schussabgabe in zentelsekunden Bruchteilen beginnt die Waffe in der Hand des Schützen “auszuwandern”. Ein geübter Schütze kann dies hinauszögern, um ein gutes Trefferbild zu erhalten. Das Verreißen bei hektisch abgegebenen Schüssen ist jedoch deutlich größer. Das wiederum hat zum Effekt, dass die Mündung der Waffe nicht mehr in Flucht zum Opfer steht. Ein leichtes verkanten reicht daher aus. In der Regel wird eine Waffe bei Schussabgabe nach OBEN RECHTS auswandern.

    Dieser Umstand hat erhebliche Auswirkungen auf das Spurenbild an der Waffe.

    Bei der Tochter vermute ich auf Oberkörpertreffer, da das Spurenbild auffallend schlechter ist, hier Beeinträchtigung des Spurenbildes durch Bekleidung ? Oder aufgrund größerer Entfernung ?

    @Olaf aus HH
    richtig, hast es bereits selbst gelesen. Aufgesetzte Schüsse haben den besten Erfolg DNAfähiges Matrial IM Lauf zu finden, da mein bereits beschriebenes “Verreißen” durch den Druck gegen den Körper des Opfers vermindert/verhindert wird. Hier waren sie wohl NICHT aufgesetzt.

    Wie DNA Material in und hinter eine Waffe kommt? Nun man muss sich einfach man eine Schussabgabe in Zeitlupe anschauen. Die Waffenführende Hand vollführt eine wahre Tanzbewegung. Auch der Schlitten einer Pistole fährt dabei ja nach hinten und gibt einen Teil des inneren Bereiches für einen kurzen Moment frei. Durch das Verreißen nach oben sogar in Richtung des Opfers ! Also nicht ungewöhnlich wenn DNA Matrial des Opfer so auch IN eine Waffe gelangt. Auch darf nicht vergessen werden, dass gerade die inneren Bereiche einer Pistole einen microskopisch feine Ölschicht hat, die DNA Matrial aufgrund der bewegten Teile auch weiter innerhalb der Pistole verteilen kann. Gerade wenn mehr als ein Schuss abgegeben wird !

  10. #10 Cornelius
    28/02/2013

    @Merowech: “Wurde ausgeschlossen, dass die Opfer ZUGANG zu der Waffe hatten ? Da die Täter-Opfer Konstellation eindeutig als familiär zu bezeichnen ist, muss dieser Gedanke auch angesprochen werden.
    Denn wenn der Täter zum Beispiel zum Reinigen der Waffe diese einige Zeit zerlegt ablegt, ist es möglich dass sich DNA fähiges Material z.b. durch anfassen auch vorher anlagern kann. Auch kann DNA fähiges Material der Opfer durch den Täter selbst so auf die Waffe aufgetragen werden.”

    Höchst unwahrscheinlich.
    1.) die Waffe war innen total verschmutzt: spricht nicht für eine Reinigung.
    2.) die Waffe ließ sich nur äußerst schwer auseinander nehmen, unwahrscheinlich das der Täter das überhaupt je gemacht hat
    3.) Spuren aller drei Opfer fanden sich in der Waffe; höchst unwahrscheinlich, daß im bereits unwahrscheinlichen Fall, daß der Täter die Waffe überhaupt auseinandergebaut hat, genau dann ALLE DREI Opfer (darunter ein vierjähriges Kleinkind) zufällig an alle inneren Teile der WAffe gefasst haben
    4.) die Verteilung der Opfer-DNA im gesamten Inneren statt nur an bestimmten Teilen spricht sehr stark für backspatter statt für Spuren, wie sie beim Anfassen entstehen würden.

    Man kann natürlich immer irgend ein Szenario konstruieren: man könnte auch vermuten, daß ein geheimer Assassine des Mossad oder Vatikans die drei Opfer erschossen hat und dann nachträglich die DNA in der Waffe des Familienvaters platziert hat, um diesen zu belasten etc., aber wie gesagt: alles höchst unwahrscheinlich und eher im Bereich der VT anzusiedeln.

    “Auch darf bei solchen Fällen die LAGERUNG der Waffe nicht vergessen werden. Auch hier sind unzählige Kontaminationsmöglichkeiten durch Fremd-DNA gegeben.”

    Nein, nicht im Inneren.

    “Warum selten IM Lauf etwas gefunden wird, hängt neben der des reinigenden Effektes bei der Schussabgabe, (viele Pistolenhersteller werben gezielt damit, dass der Lauf sich nach/durch die Schussabgabe so selbst “reinigt”),”

    Stimmt nicht. Im Lauf kann man, wie wir gezeigt haben, eben sehr wohl und sehr oft etwas finden (s. die Publikationen). Nur in diesem Fall hier war die Belastung durch fünf direkt aufeinander folgende Schüsse vermutlich zu hoch.

    “Dieser Umstand hat erhebliche Auswirkungen auf das Spurenbild an der Waffe.”

    Wir wissen aber noch nicht, welche Auswirkungen er auf die Spurenentstehung IN der Waffe hat.

    “Bei der Tochter vermute ich auf Oberkörpertreffer, da das Spurenbild auffallend schlechter ist, hier Beeinträchtigung des Spurenbildes durch Bekleidung ? Oder aufgrund größerer Entfernung?”

    Nein, es war ein Kopfschuss und von ‘auffallend schlechter’ kann keine Rede sein. Die Tochter ist nur an der Mündung rein formal nicht einschließbar (obwohl sie es mit nur einem Merkmal mehr bereits wäre; sie hatte also fast sicher auch Kontakt zur Mündung, das fehlende Allel ist sehr wahrscheinlich nur ein drop-out). Die Mündung ist aber der einzige Teil der Waffe, der außen liegt, so daß der Nachweis der DNA einer Person an dieser Stelle gerade nichts darüber aussagt, ob die Person auch tatsächlich durch die Waffe verletzt wurde. Die Evidenz für einen Beschuss ist also für alle drei Opfer gleich gut.

    “Wie DNA Material in und hinter eine Waffe kommt? Nun man muss sich einfach man eine Schussabgabe in Zeitlupe anschauen. […].”

    Für diese Hypothese gibt es bislang keine PR-publizierte Evidenz. Ich glaube auch nicht, daß es so funktioniert und “einfach” ist es bestimmt nicht.

  11. #11 Olaf aus HH
    Hamburg, D, Europa, Erde, ...
    28/02/2013

    Hallo,
    noch mal meinen Dank an Merowech und CC für die letzten Beiträge im Forum. Sehr aufschlußreich, Gedankenfutter.
    Meine “Vorstellungen” (quasi “innere Bilder”) sind konkreter geworden.

  12. #12 Merowech
    01/03/2013

    Stimmt nicht. Im Lauf kann man, wie wir gezeigt haben, eben sehr wohl und sehr oft etwas finden (s. die Publikationen).

    Vorrausgesetzt der Schuss ist aufgesetzt oder sehr sehr nah. (absoluter Nahschuss / relativer Nahschuss). Aber ich glaube da habe ich deinen Beitrag falsch verstanden. Deiner Reaktion nach zu urteilen, waren die Schüsse doch sehr nah wenn nicht aufgesetzt. Aber das kann man ja an den Opfern dann sehen (Schmauchspuren).

    Gut, dass die von mir angedeutete Möglichkeiten der Kontamination mit fremd DNA in DEINEM Fall nicht gegeben war konnte ich so ja nicht genau wissen, da mir Detailwissen fehlte, ich schrieb ja, dass es Punkte sind die man vorher abklären muss, rein kriminologisch betrachtet.

    Aber langsam beschleicht, gerade aufgrund deiner Antwort ein anderes Gefühl. Mal ne Frage: Ist der Nachweis der DNA des Opfers an der Tatwaffe die einzige Evidenz ? Ich glaube nicht *g*. Was ist mit dem Projektil und den Schussverletzungen ? Also z.B. einer ballistischen Untersuchung. Was ist mit den Patronenhülsen. Die weisen in der Regel markante Spuren durch den Auswurf auf, die einer Waffe zugeordnet werden können. Daraus kann man auch eine Indizienkette aufbauen.
    Oder Schmauchspurenuntersuchung. Die sagt was über die Entfernung aus (Schussentfernungsbestimmung).

    Für diese Hypothese gibt es bislang keine PR-publizierte Evidenz. Ich glaube auch nicht, daß es so funktioniert und “einfach” ist es bestimmt nicht.

    Welche Hypothese ? Dass die Waffe bei der Schussabgabe auswandert ? Öhm….hast du schon mal eine Faustfeuerwaffe abgefeuert ?

    Davon mal abgesehen, obliegt die AUSWERTUNG der Spuren anderen Personen, gell ? *g*

  13. #13 Cornelius Courts
    http://scienceblogs.de/bloodnacid
    02/03/2013

    “Vorrausgesetzt der Schuss ist aufgesetzt oder sehr sehr nah. (absoluter Nahschuss / relativer Nahschuss). Aber ich glaube da habe ich deinen Beitrag falsch verstanden. Deiner Reaktion nach zu urteilen, waren die Schüsse doch sehr nah wenn nicht aufgesetzt.”

    Ja. Wobei wir das aus dem Spurenmuster in der Waffe und nicht an den Opfern gesehen haben.

    “Aber das kann man ja an den Opfern dann sehen (Schmauchspuren).”

    Nicht notwendigerweise. Wenn Opfer durch Kleidung hindurch erschossen werden, gibt es keinen Schmauch auf dem Opfer. Wir konnten aber bereits zeigen, daß die Spuren in der Waffe trotzdem entstehen.

    “Mal ne Frage: Ist der Nachweis der DNA des Opfers an der Tatwaffe die einzige Evidenz ? Ich glaube nicht *g*. Was ist mit dem Projektil und den Schussverletzungen ?”

    Die klassische Ballsistik war in diesem Fall unzureichend. Die Projektile waren deformiert und die Wundballistik konnte über die Entfernung nichts genaues sagen.

    “Welche Hypothese ? Dass die Waffe bei der Schussabgabe auswandert ? ”

    Nope. Die Hypothese über die Entstehung von SPuren in der Waffe, die in Deiner Äußerung implizit und für die Auswanderung der Waffe eine Prämisse war.

    “Davon mal abgesehen, obliegt die AUSWERTUNG der Spuren anderen Personen, gell ? *g*”

    Nope. Die Auswertung obliegt den Forensikern. Wem auch sonst?
    Die juristische Bewertung/Beurteilung obliegt hingegen dem Gericht (und bestimmt nicht den Kriminalern).

  14. #14 Merowech
    Hannover
    04/03/2013

    Die Projektile waren deformiert und die Wundballistik konnte über die Entfernung nichts genaues sagen.

    Ja gut….dann bleibt wirklich nicht mehr viel. Wobei selbst die Verformung des Projektils kriminalistische Aussagen möglich macht. Gerade im Zusammenhang mit der Geschossbahn. Aber hast recht, es gibt viele Fälle, da ist es einfach nicht mehr rekonstruierbar. Zumindest mit vielen Fragezeichen. Stimmt.

    Die juristische Bewertung/Beurteilung obliegt hingegen dem Gericht (und bestimmt nicht den Kriminalern).

    Jain, da liegt ein Gemengegelage vor. Der Jurist (hier Staatsanwaltschaft) ist zwar Herrin des Verfahrens, der Erste Angriff macht jedoch der Kriminalist. Aber du hast recht “Auswertung” ist schlecht formuliert, eher Beurteilung/Bewertung. Denn einem Forensiker fehlen ja diverse WEICHE Daten (Motivlage, Zeugenaussagen, pol. Erkenntnisse) aus dem Verfahren heraus. Somit bleibt die abschließende Beurteilung/Bewertung beim Kriminalisten. Oder bekommst du immer die gesamte Akte ? (Ernst gemeinte Frage…nicht ironisch).

    Und der Jurist…Hand aufs Herz….liest doch in erster Linie ersteinmal nur den Abschlussbericht durch und vertraut dem Kriminalisten. ;-). Erst wenn er eine mögliche Anklageschrift formulieren muss geht er tiefer in der Akte zurück.

    Aber back to topic. Ja Mensch, dann macht es tatsächlich Sinn auf der von dir beschriebenen Methode. Mir fehlte dazu halt nur die Negativabgrenzung im Artikel. Sonst hätt ich nicht nachgefragt.

    Mal ne andere Frage. Wie gerichtsverwertbar ist denn eure Methodik ? Wurde sie bereits in einem Verfahren vor gericht vertreten ? Ist sie anerkannt ? Oder seid ihr noch in der “Findungsphase” ? So liest es sich zumindest.

  15. #15 Cornelius
    06/03/2013

    @Merowech: “Mal ne andere Frage. Wie gerichtsverwertbar ist denn eure Methodik ? Wurde sie bereits in einem Verfahren vor gericht vertreten ? Ist sie anerkannt ? Oder seid ihr noch in der “Findungsphase” ? So liest es sich zumindest.”

    Gute Frage. Ich halte zumindest einige unserer Erkenntnisse für inzwischen so solide und ausreichend validiert, daß ich sie auch vor Gericht vertreten würde. Andere Bereiche sind auf jeden Fall noch eher als aktive Forschung anzusehen. Es gibt aber ja auch nicht wirklich eine verbindliche Regelung, was als “gerichtsfest” gelten kann und was nicht. Ich finde aber, man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man Vollprofile aus dem Inneren der Waffe behandelt, hinsichtlich der Aussagekraft, wie Vollprofile vom Äußeren der Waffe…

  16. #16 JaJoHa
    06/03/2013

    @Cornelius Courts
    Aus welchen Blutzellen stammt denn die DNA? Rote Blukörperchen enthalten meines Wissens keinen Kern mehr und machen die Mehrzahl der Zellen aus. Also sollte die DNA dann aus den Immunzellen stammen oder liege ich da falsch?

  17. #17 Bullet
    06/03/2013

    Muß ja nicht nur Blut sein. Es werden durch den Einschlag eines Projektils ja auch kleinste Gewebebröckchen verteilt. Schiel mal rüber zu den Asteroiden-Einschlags-Forschern. Ich bin mir sicher, daß die vorgänge nicht gar so unterschiedlich sind.

  18. #18 Bullet
    06/03/2013

    Siehe auch Cornelius im Artikel:

    Eine Pistole ist deutlich komplizierter aufgebaut als ein Revolver und es gibt daher mehr innere Teile, an denen sich der Backspatter aus biologischem Material eines Opfers finden kann.Das kann alles mögliche sein. Bei Schrotflinten als Werkzeug ist es dann auch deutlich alles mögliche. Haare, Knochen, Fett, Hautschnipsel, Organe …. wääääh. Nicht nachdenken, nicht nachdenken.

  19. #19 Bullet
    06/03/2013

    Hoppla:
    Siehe auch Cornelius im Artikel:

    Eine Pistole ist deutlich komplizierter aufgebaut als ein Revolver und es gibt daher mehr innere Teile, an denen sich der Backspatter aus biologischem Material eines Opfers finden kann.

    Das kann alles mögliche sein. Bei Schrotflinten als Werkzeug ist es dann auch deutlich alles mögliche. Haare, Knochen, Fett, Hautschnipsel, Organe …. wääääh. Nicht nachdenken, nicht nachdenken.

  20. #20 JaJoHa
    06/03/2013

    @Bullet
    Ach so, habe nicht daran gedacht das es das Ziel ja auch übel “zerlegen” kann. Sorry wenn du jetzt Horrorbilder im Kopf hast.

  21. #21 Sven
    Berlin
    08/03/2013

    @ Merowech:

    Welche Pistolenhersteller, noch dazu sollen es ja viele sein, werben den mit “sich selbst durch Schussabgabe reinigende Pistolenläufe”? Das klingt, gelinde gesagt, an den Haaren herbeigezogen.

    Verreißen bezeichnet einen Vorgang bevor der Schuss bricht, verursacht durch den Schützen. Typischer Vorgang: Der Rechtsschütze benutzt nicht das erste Fingerglied sondern das zweite des Zeigefingers und deshalb wandert die Faustfeuerwaffe während der Schussauslösung nach links unten aus. Bei Linksschützen dann nach rechts unten.
    Es gibt Variationen davon.

    Das Auswandern der Faustfeuerwaffe nach der Schussabgabe nach oben (und hinten) ist ein Resultat von Actio und Reactio (hier gegensätzliche Bewegungen von Geschoss und Waffe) auf Laufachse und dem Widerlager (Schusshand) geschuldet. Nennt man Drehmoment.
    Einflussgrößen sind unter anderem Masse und Geschwindigkeit von Geschoss, Pulverladung, Waffe insgesamt aber auch einzelner rücklaufender Teile die Bewegungsenergie abbauen, die Höhe der Laufachse über der Hand (Hebelgesetze) .
    Kaum zu messende Einflussgröße ist dann noch der Schütze selbst, der die Waffe mal mehr, mal weniger gut im Anschlag stabilisiert.

  22. #22 Merowech
    Hannover
    12/03/2013

    @Sven

    Welche Pistolenhersteller, noch dazu sollen es ja viele sein, werben den mit “sich selbst durch Schussabgabe reinigende Pistolenläufe”? Das klingt, gelinde gesagt, an den Haaren herbeigezogen.

    Gemeint sind hier selbstreinigende Gasdrucksysteme. Gut, bissl übertrieben Umschreibung, für die Tatsache, dass einfach weniger Verschmutzung verursacht wird.
    H&K Waffenkatalog (hier z.B. Seite 65, Seite 3 der PDF)

    Auch der P2000 werden selbstreinigende Eigenschaften zugesprochen. Tatsächlich ist die Schmauchspurbelastung im Lauf sehr gering im Vergleich zu älteren Pistolentypen.

    Nicht zu verwechseln mit dem Mythos der selbstreinigenden Eigenschaften der M-16, wo einfach Reinigungsgeräte zunächst nicht mit ausgeliefert wurden.

    Bezüglich Verreißen und Auswandern. Kann sein, dass ich es unsauber formuliert habe, deine Definitionen sind allerdings korrekt.

    Ändern aber nichts an meinen Überlegungen der sich “bewegenden” Waffe kurz vor und kurz nach der Schussabgabe 😉 , was durchaus auch Auswirkungen auf die damit einhergehende Kontamination mit organischem Material haben kann.

  23. #23 Cornelius
    12/03/2013

    @JaHoJa: “Aus welchen Blutzellen stammt denn die DNA? Rote Blukörperchen enthalten meines Wissens keinen Kern mehr und machen die Mehrzahl der Zellen aus. Also sollte die DNA dann aus den Immunzellen stammen oder liege ich da falsch?”

    Sorry, habe die Frage erst jetzt gesehen und Bullet hat ja auch schon einen Teil beantwortet.
    Ansonsten hast Du recht: die DNA aus Blut stammt aus den kernhaltigen Blutzellen, den “weißen”. Das reicht aber auch bei sehr geringen Blutmengen für ein gutes DNA-Profil aus. In einem µl sind bei Erwachsenen bis zu 10.000 solcher Zellen und 80 reichen schon für ein Superprofil. Du siehst….

  24. #24 Sven
    Berlin
    12/03/2013

    Ah ja, alles klar. Solange das Gassystem eines Gasdruckladers gemeint ist. Und hier ist HK tatsächlich seit dem HK50, bekannt geworden als G36, Marktführer, denn auch alle nachfolgenden Langwaffen die seit dem dort entwickelt wurden kommen als sogenannte Piston-Systeme daher. D.h. der Gasdruck wirkt über eine Kolbenstange auf den Verschluss. Keine HK-Erfindung aber dort entscheidend verbessert und konsequent angewandt.
    Aber Gasdrucklader bei Pistolen, da fallen mir nur Desert Eagle und Wildey ein.

    Was den “sauberen” Lauf eurer (nehme ich mal an) P2000 betrifft, das ist Konstruktionsbedingt dem Polygonlauf geschuldet.
    1. werden die kaltgehämmert. Das verdichtet die Oberfläche im Laufinneren was zu einer geringeren Rauheit im Gegensatz zu den meist spanabhebend gezogenen Läufen mit Feld-/Zug-Profil führt.
    2. gibt es im Polygonlauf keine scharfen Kanten an den Übergängen von Zug zu Feld.
    Neben anderen positiven Effekten kommt es dadurch zu weniger Ablagerungen des Geschosses (Geschossmantels) , möglicherweise auch zu weniger Ablagerungen von Verbrennungsrückständen.

    Aber gerade wenn es um die Verbrennungsrückstände geht spielen andere Faktoren die entscheidende Rolle. Und die findet man bei der verwendeten Munition.

    Egal ob MEN Quick Defence-PEP, RWS (RUAG) Action oder Übungsmunition mit “herkömmlichem” VM-Geschoss, die sind inzwischen alle auch auf “Umweltverträglichkeit” getrimmt. Genauer, auf den Betrieb in Raumschießanlagen optimiert. Das betrifft nicht nur die Anzündsätze (ungiftig) sondern auch die Treibladungspulver die weitaus weniger Schwebstoffe erzeugen die kostspielig aus der Luft gefiltert werden müssen.
    Dazu könnte ich mal versuchen was bei RUAG und MEN mehr zu erfahren. Ansonsten bekommt man dazu Informationen beim Verband unabhängiger Schießstandsachverständiger (VuS e.V.), dem Deutschen Schützenbund der bei der Erarbeitung der neuen Schießstandrichtlinien ebenfalls beteiligt war, oder z.B. bei der Verwaltungsberufsgenossenschaft, die sind für das Schießstandpersonal (vulgo “Scheibenwarte” etc.) zuständig.
    Und selbstverständlich beim PTI, siehe TR Patrone 9mm x 19, schadstoffreduziert.

  25. #25 Olaf aus HH
    12/03/2013

    ich bin es noch einmal, hoffentlich klingt es nicht zu “verrückt” oder blöde:

    Wenn eine Schußwaffe nach unten links hin auswandern sollte, dann zeigt sie ihre rechte Seite (wo dann auch die Hülsenauswurföffnung ist) in die Spritzrichtung des betroffenen Körpergewebes bzw. die als gesplattert identifizierten Flächen der Waffe waren dann bei der reactio des Körpergewebes (Spritzer) diesem zugewandt.
    Links- oder rechtshändiger Beschuldigter ?

    Zur Geschwindigkeit des spritzenden Blutes/ Gewebes in Richtung Täter/ Waffe: Das muß wohl im Ablauf plausibel dagestellt werden. Abhängig von Geschoßart, -geschwindigkeit und damit in das Körpergewebe einschlagender kinetischer Energie.
    Wie schnell spritzt das Gewebe zurück, was passiert in der Zeit des Eintreffens mit der Waffe ? Ist das Patronenlager noch offen, so daß DNA-haltiges Material dort auftreffen und sogar eindringen kann ?

    Können – wenigstens – beim nahaufgesetztem Schuß Druck-/ Unterdruckverhältnisse bzw. -effekte um die Waffe herum eine Rolle spielen ? Man könnte in einer Nebelkammer oder ähnlichem eine ggf. vorhandene “Aerodynamik” um eine Waffe herum untersuchen…
    Nach wie vor bin ich gespannt auf die Auflösung. 😉