Ich hatte kürzlich erst wieder einmal auf die Misere der Rechtsmedizin hingewiesen. Gestern zog nun das Das Erste nach und brachte in der Sendung “Report Mainz” einen Beitrag zum Thema: die Konsequenzen der unterfinanzierten und in Deutschland mit ihren Leistungen bei weitem nicht flächendeckend verfügbaren Rechtsmedizin treffen zum Beispiel die Opfer von Gewaltdelikten, von denen es jedes Jahr 200.000 in Deutschland gibt. Wenn diese nach der Tat nicht rechtsmedizinisch untersucht und mit einer gerichtsverwertbaren Dokumentation ihrer Verletzungen ausgestattet werden, können sie vor Gericht häufig nicht nachweisen, was ihnen angetan wurde und die Täter werden nicht oder nur leicht bestraft.

Hier kann man den Beitrag noch eine Weile ansehen, hier herunterladen und hier findet sich ein Artikel dazu.

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Kommentare (13)

  1. #1 Dr. Webbaer
    03/04/2013

    Hier spielen Wirtschaftlichkeitsüberlegungen eine Rolle und der Wille die Opferrechte den Täterrechten gleichzusetzen.

  2. #2 Earonn
    03/04/2013

    Ein wichtiger Punkt, es muss dringend mal darauf hingewiesen werden. Allein, ich mag mir den Beitrag nicht anschauen: das treibt mir nur hilflose Galle hoch…

  3. #3 ketzer
    03/04/2013

    Das ist zutiefst unmoralisch. Hängt es damit zusammen, das so viele Rechtsanwälte im Bundestag sitzen (über 20%) oder ist das bloß generell ein Kennzeichen der Politik 🙁

  4. #4 BreitSide
    03/04/2013

    xxx

  5. #5 Cornelius
    04/04/2013

    @ketzer: “Das ist zutiefst unmoralisch.”

    Ich stimme zu. Der Hauptgrund für die Probleme der Rechtsmedizin ist, so zynisch das ist, wie so oft das Geld. Rechtsmedizinen können, aufgrund des JVEG (http://www.jveg.de/), an das sie gebunden sind, nicht kostendeckend arbeiten. Wir haben auch keine Patienten, für die die Krankenkassen viel Geld für die Behandlung einer langwierigen Krankheit ausgeben müssen. In der Rechtsmedizin wird also kein Geld verdient, sondern eher verloren. Da die Medizin aber längst zu einem Geschäft verkommen ist und die RM meist Teil eines Uniklinikums ist, das wie ein Konzern geführt und auf Profitmaximierung getrimmt wird, ist sie den Kaufleuten in den Verwaltungschefsesseln ein Dorn im Auge. Und da deren Ziel, wie gesagt, nicht ist, mit der von ihnen organisierten Medizin Menschen zu helfen, zu retten oder zu unterstützen, sondern AUSSCHLIESSLICH Geld zu verdienen, möchten sie furchtbar gerne unrentable “Konzernteile” abstossen, was heißt zumachen. So, wie die Rechtsmedizin.
    Daß das in etwa genauso sinnvoll und allgemeinverträglich wäre, wie die Polizei zuzumachen, die auch nur kostet und nichts verdient, ist diesen Herrschaften natürlich egal. Ich nehme an, sie gehen davon aus, daß sie selber nie auf rechtsmedizinische Hilfe angewiesen sein werden, sei es, weil sie selbst verdroschen oder Opfer eines Kunstfehlers der eigenen überarbeiteten Klinikärzte wurden, sei es, weil sie fürchten, daß ihre alten Eltern im Seniorenheim vernachlässigt werden.

    Die Juristen, Polizeien, Kriminalisten etc. sind übrigens und eigentlich samt und sonders für uns und sagen das auch immer wieder sehr deutlich. Nur wollen sie die RM nicht bezahlen, sondern finden, daß dafür das Wissenschaftsministerium aufzukommen habe.

    Fazit: Die, die uns wollen, wollen nicht zahlen, die, die zahlen müssen, wollen uns nicht und sparen uns kaputt.
    Und in Deutschland bleibt jedes zweite Tötungsdelikt unentdeckt.

  6. #6 Earonn
    04/04/2013

    Man sollte eine Initiative anstrengen, die darauf abzielt, eine feste Finanzierung für die RM zu erreichen. Hat jemand Ideen, wie man so etwas am besten angeht?

  7. #7 Claudia
    http://cloudpharming.blogspot.de
    04/04/2013

    Man könnte mal eine Petition auf change.org ins Leben rufen. Cornelius, wie wär’s? 😉

  8. #8 Dr. Webbaer
    04/04/2013

    Und in Deutschland bleibt jedes zweite Tötungsdelikt unentdeckt.

    Das ist so, gell. Wie sind denn so die Kosten pro Obduktion bzw. pro weitergehende rechtsmedizinische Behandlung? Gibt’s ausreichend qualifiziertes Personal?

    MFG
    Dr. W

    • #9 Cornelius Courts
      05/04/2013

      Das ist so, gell.

      Beschämdenderweise leider ja.

      Wie sind denn so die Kosten pro Obduktion bzw. pro weitergehende rechtsmedizinische Behandlung?

      Berechnet werden dürfen, je nach Umständen ca. zwei bis vier Hundert Euro. Die echten Kosten einer Obduktion mit zwei Ärzten und einem Präparator, Vor- und Nachbearbeitung etc. liegen aber bei ein bis zwei Tausend Euro. In der Schweiz z.B. werden die tatsächlichen Kosten berechnet.

      Gibt’s ausreichend qualifiziertes Personal?

      Jein. Es gibt zwar noch ausreichend qualifizierte Präparatoren und Ärzte und in den Rechtsmedizinen, die es noch gibt, wird ja auch sehr intensiv ausgebildet, nur sind die Institute häufig unterbesetzt. Insbesondere dann, wenn von Justiz und Polizei erwartet wird, daß es eine 24h-Rufbereitschaft gibt.
      Das Problem ist, daß mit dem stetigen Schwund an RM Instituten auch die Ausbildung der nachwachsenden Mediziner auf der Strecke bleibt. Viele von ihnen sehen niemals eine echte Leichenschau und können es daher auch nicht vernünftig lernen, müssen (!) es aber können und bei Bedarf später eine durchführen (und wer da Mist baut, zahlt schnell ein Bußgeld von 3000€). Mit den Instituten stirbt also nicht nur die Grundversorgung der Bevölkerung und ein Teil der Rechtssicherheit, sondern auch Lehre und Forschung.
      Ich weise auch noch einmal darauf hin, daß in Deutschland so gut wie ausschließlich nur an den RM Instituten forensisch-wissenschaftlich geforscht wird, also forensische Genetik, forensische Toxikologie, forensische Entomologie. Auch diese Bereiche verschwinden mit der Rechtsmedizin.
      Wir blicken neidisch/wehmütig in z.B. die Niederlande, wo es riesige und gut finanzierte Institute nur für forensische Molekularbiologie gibt. Klar, daß die auf einem ganz anderen Niveau forschen können.

  9. #10 s.s.t.
    04/04/2013

    @Cornelius

    Und in Deutschland bleibt jedes zweite Tötungsdelikt unentdeckt.

    Und auf diese Weise spart man zusätzlich auch noch Gerichts-, Haft- und viele andere Kosten. Man hat dann quasi sieben Fliegen zugleich an der Klatsche.

  10. #11 Cornelius Courts
    05/04/2013

    @Claudia und Earonn:

    Ich denke auch, daß größere Publizität und Bewußtsein für dieses ziemlich bedrohliche Problem der Sache nur nützen kann. Wenn z.B. eine politische Partei sich endlich mal ganz deutlich für die Rechtsmedizin und kategorisch gegen jeden Versuch, sie zu beschneiden ausspräche und entsprechende Programme vorsehen würde, dann wäre das ein Vorteil.
    Auch die Medien können helfen (und tun es, wie gezeigt, ja auch), darauf aufmerksam zu machen und es zumindest unmöglich zu machen, die Rechtsmedizin still, heimlich und unbemerkt zu “ermorden”.

    Daher: wer den Rechtsmedizin helfen möchte und imstande ist, irgendwie und irgendwo Stunk zu machen, fühle sich herzlich dazu aufgefordert!

    Man könnte z.B. einmal deutlich darauf hinweisen, daß man für das Geld, das man in diesem völlig schwachsinnigen, hirnrissigen Flughafenprojekt zu versenken offenbar für angebracht hielt, eine ganze Region für ca. 50 Jahre rechtsmedizinisch versorgen könnte.

  11. #12 roel
    *****
    05/04/2013

    @Cornelius Courts Ich will nicht meckern, aber was ist eine ganze Region und wie sieht das umgerechnet auf Deutschland aus?

  12. #13 Dr. Webbaer
    06/04/2013

    @Cornelius
    Danke für die Info.

    MFG + weiterhin viel Erfolg!
    Dr. W