Begegnungen mit Haien beschränkten sich im Rahmen meiner spätsommerlichen Australienreise, während derer ich mich schnorchelnderweise durchaus auch im Pazifik aufhielt, zum Glück auf solche, die getrennt durch Scheiben aus Panzerglas waren.

im SeaLife in Sydeny

im SeaLife in Sydney

Aber auch wenn Haiangriffe auf Schwimmer deutlich seltener sind, als gemeinhin vermutet (weltweit gibt es vielleicht um die 60 pro Jahr) und keinesfalls die brutale Jagd auf Haie, die diese Fische zum Teil nahe an die Ausrottung drängen, rechtfertigen, sind sie, wie der hier zu berichtende Fall [1] zeigt, nicht gerade ungefährlich. Wobei man erstmal erkennen muß, daß es überhaupt einen Haiangriff gegeben hat:

Für die Forensik sind Tierangriffe und Spuren, die von solchen zurückbleiben, bedeutsam, da sie grundsätzlich von menschlichen Angriffen abgegrenzt werden müssen und ggf. auch die Art des Tieres (und in Einzelfällen die Identität des Tieres), das angegriffen hat, bestimmt werden muß. Der Bericht zeigt auch, daß man in manchen Fällen erst spät und unter Hinzuziehung transdiziplinärer Expertise zu einem Ergebnis kommt.

Zum Fall:

Süd-Louisiana, 16.8.1997. Ein Krabbenkutter fischt in seinem Netz mit einer Ladung Schalentiere auch die Überreste eines Menschen aus dem Golf von Mexico (genaue Position: 28°C29’9’’N und -90°26’3’’W). Die Küstenwache überführt die Überreste an Land, wo sie am18.8.1997 am Jefferson Parish Forensic Center obduziert werden:

Was vom Körper des verstorbenen Mannes noch übrig war, maß ca. 178 cm, wog etwa 43 kg und wurde als „fäulnisverändert“ bezeichnet. Kopf, rechte Brust- und Rückenseite, linker Oberarm und die oberen Bereiche beider Beine waren fleischlos, der rechte Arm fehlte vollständig. Unregelmäßige „Fraßspuren“ wurden am verbleibenden Weichgewebe festgestellt, im Magen fand sich noch halbverdaute Nahrung, das Hirn war von zerfließlicher Konsistenz, kein wesentliches Organ fehlte. Es gab zudem keine Anzeichen von Brüchen, Blutungen oder anderen Traumata, von den Fraßspuren abgesehen, und es wurde aufgrund des Verhältnisses von Gewicht und Größe sowie der halbverdauten Nahrung ein PMI von <48 Stunden seit dem Auffindezeitpunkt geschätzt. Dieser Zeitraum sei ausreichend, so das Gutachten, die Reduzierung der Körpermasse um etwa die Hälfte durch marine Aasfresser zu erklären und als wahrscheinliche Todesursache wurde Asphyxie durch Ertrinken angegeben. Die Identität des Toten blieb ungeklärt.

Gut 10 Jahre später, am 22.8.2007, wurden jene Überreste vom Jefferson Parish Forensic Center zu den Labors des Forensic Anthropology and Computer Enhancement Service (FACES) überführt, dessen Aufgabe in der Identifikation unbekannter Toter auch in lange zurückliegenden „cold cases“ besteht. Zusammen mit den Leichenresten kamen auch mit diesen aufgefundene Bekleidungsteile (blaue Jogginghose, Socken, und spezielle Neopren-Tauchschuhe mit stahlverstärkten Zehen).

Bei FACES wurde zunächst alles verbleibende Weichgewebe entfernt und eine Röntgenanalyse der kompletten Überreste durchgeführt. Die forensisch-anthropologische Untersuchung der freigelegten Knochen erbrachte eine Reihe ungewöhnlicher Einkerbungen, Riefen mit ausgeschabtem Knochenmaterial, überlappende Riefen und Durchstöße mit und ohne zugehörige Bruchstellen. Diese Merkmale fanden sich vornehmlich an den Schlüsselbeinen, rechten und linken Rippen, allen dreien der verbleibenden linken Armknochen, dem linken Oberschenkelkopf, dem rechter Hüftknochen und entlang des gesamten Schafts des rechten Oberschenkelknochens.

Die beschädigten Skelettelemente wurden dann zum naturgeschichtlichen Museum in Florida der Universität von Gainesville überführt. Dort wird die „International Shark Attack File“ kuratiert, dabei handelt es sich um eine Art Datenbank zur Erfassung und Analyse von Angriffen von Haien aber auch anderen marinen Räubern und Aasfressern auf Menschen. Die dortigen Experten konnten die im folgenden dargestellten Verletzungen einem Haiangriff zuordnen.

sharkbite1

rechtes Sitzbein; der Pfeil weist auf einen Durchstoß ohne assoziierte Brüche, aus [1]

Solche Verletzungen oder „Artefakte“ resultieren typischerweise durch einen gerade aufgesetzten Biß. Die Haizähne dringen senkrecht zur Oberfläche in das Weichgewebe ein, durchtrennen es und durchstoßen zuletzt auch den Knochen. Die Form des Durchschlags hängt dann noch davon ab, ob der durchdringende Zahn im Ober- (breite Basis, dreieckige Form) oder Unterkiefer (spitz, stachelförmig) des Hais saß.

sharkbite2

Rechte Rippen 5-9; die beiden Pfeile an der 7. Rippe weisen auf Durchstöße mit zugehörigen Kompressionsfrakturen, der Pfeil an der 5. Rippe weist auf einen Durchstoß ohne Frakturen, aus [1]

Wenn es zu einem gerade aufgesetzten Biß in den Thorax kommt, können mehrere Durchstöße mit beigeordneten Kompressionsfrakturen entstehen, wie hier an der 7. Rippe. Ob es zu solchen Brüchen kommt, hängt, wie hier, davon ab, an welcher Stelle und in welchem Winkel die Rippe getroffen wird.

sharkbite2.5

Nahaufnahme der Oberfläche des rechten Schlüsselbeins; Riefen mit Abschabungen nahe der Ansatzstelle des Deltoideusmuskels, aus [1]

Solche Artefakte entstehen, wenn ein Haizahn in sehr flachem Winkel eindringt, wodurch sich der gezackte Rand des Zahns in den Knochen fräst. Abschabungen entstehen, wenn der Zahn sich an einem Knochenvorsprung verfängt und dann vom Knochen abgleitet.

sharkbite3

Rechte Rippen 8 und 9; die Pfeile weisen jeweils auf überlappende Riefenmuster, aus [1]

Wenn ein Hai zugebissen hat, bewegt er seinen Oberkiefer sägeartig hin und her. Überlappende Riefenmuster entstehen dann, wenn die gezackten Ränder zweier benachbarter Zähne in flachem Winkel auf den Knochen treffen.

sharkbite4

Skizze des linken Oberarmknochens, vordere Seite; die Pfeile weisen auf Stellen, an denen sich Einkerbungen fanden, aus [1]

Diese Art von Artfakt entsteht ebenfalls durch die das Fleisch vom Knochen reißende Sägebewegung des Haikiefers. Bei einer Reihe aufeinandergefolgter Bisse zeigt das tiefere Ende der Einkerbung an, wo der Biß angesetzt hat. Nach diesem Ansatzkontakt fräst sich der Zahn dann entlang dessen Kontur durch den Knochen bis er abgleitet. Mehrere Kerben, die in die gleiche Richtung verlaufen sind ein charakteristisches Zeichen dafür, daß mehrere Zähne den Knochen in derselben Bißepisode getroffen haben.

sharkbite5

Skizze des rechten Oberschenkels, hintere Seite; dargestellt sind in unterschiedliche Richtungen verlaufende Kerben, aus [1]

Kerben, die wie im Bild oben in unterschiedliche Richtungen verlaufen, weisen hingegen auf mehrere verschiedene Bißepisoden hin.

Eindringstelle und –winkel eines Haibisses, ob als Räuber oder Aasfresser, hängen von mehreren Variablen ab: wenn ein Hai angreift, wird Wasser vor ihm verdrängt und eilt ihm als eine Welle voraus. Diese Welle, deren Eigenschaften von Art und Größe des Hais abhängt, kann bewirken, daß das Opfer in Richtung der Welle bewegt wird. Eine weitere Variable ist die natürliche Bewegung des Ozeans in Gestalt von Strömungen, Tide und großen Wellen, die sowohl Angreifer als auch Opfer beeinflussen. Hinzu kommen noch Geschwindigkeit und Anschwimmwinkel des Hais sowie die Bewegungen des Opfers. Zu nennen ist auch die Tatsache, daß das Haiauge unmittelbar vor dem Biß zum Schutz von einer Nickhaut überzogen wird, so daß der Hai letztlich blind zubeißt. Im vorliegenden Fall war hinsichtlich des Spurenmusters der wahrscheinlichste Kandidat für den Angriff ein Bullenhai. Das ist eine relative große Spezies mit maximal um die 3,80 m Länge und etwa 250 kg Gewicht, die auch im Golf von Mexico verbreitet ist. Der Bullenhai ist ein aggressiver Räuber, der regelmäßig große Beute wie Meeresschildkröten, marine Säuger und andere Haie angreift und auch für Angriffe auf Menschen bekannt ist.

Bullenhai (Quelle: Wiki)

Bullenhai [a]

Seine Zahnausstattung ist hervorragend zum Festhalten solcher Beute geeignet: mit seinen spitzen, fein gezahnten unteren Zähnen wird die Beute aufgespießt und fixiert

sharkbite6

Unterkiefer, Bullenhai, aus [1]

und mit den gröber gezackten, dreieckigen oberen Zähnen durchdringt er sehr leicht Fleisch und Knochen

sharkbite7

Oberkiefer, Bullenhai, aus [1]

Im vorliegenden Fall konnte durch Kooperation von Rechtsmedizinern, forensischen Anthropologen und einem Experten für Haiattacken zwar ein Angriff durch einen (vermutlich Bullen-)Hai erkannt und nachvollzogen werden, es war jedoch nicht möglich, letztgültig zu entscheiden, ob die Bißverletzungen todesursächlich waren oder als Folgen von Aasfraß entstanden sind, zumal nach 10-jähriger Lagerzeit das Weichgewebe kaum noch beurteilbar war und es weder Photographien von der Fundstelle noch Zeugenaussagen gab.

Aber auch generell sind solche oder ähnliche Fälle für forensische Anthropologen keine Routine, da unprovozierte Haiangriffe selten und tödlich verlaufene Haiangriffe noch seltener sind. Man kann unprovozierte Haiangriffe in drei grobe Kategorien aufteilen: 1. „Hit and run“, wobei der Hai einmal kurz zubeißt (seine einzige Möglichkeit, eine potentielle Beute „zu untersuchen“), merkt, daß es sich beim gebissenen Objekt nicht um die angestrebte Beute handelt und sofort wieder verschwindet. Angriffe dieser Kategorie treten vor allem in Erholungsbereichen auf und treffen meist Surfer und Schwimmer. 2. „Bumb and bite“, hier umkreist der Hai sein Opfer, stößt es dann mit dem Kopf oder Körper an und beißt danach erst zu. Hier kommt es dann auch zu mehreren und länger andauernden Bissen. 3. Bei „sneak attacks“ (in etwa: angeschlichener Angriff), erfolgt der erste Biß ohne „Warnung“ oder vorherige Kontaktaufnahme und sehr häufig folgen danach ebenfalls weitere und länger andauernde Bisse. Man vermutet, daß Angriffe der Kategorien 2 und 3 von bestimmten größeren Haiarten ausgeübt werden, die das Angriffsziel aktiv als Beute ansehen und diese Angriffe erzielen auch gewöhnlich hohe Werte auf der „Shark-Induced Trauma Scale“ (eine Skala für von Haien  verursachte Traumata) aus [2], wie Abtrennung von Gliedmaßen, hämorrhagischer Schock oder größere Gewebeverluste.

______

Referenzen:

[1] Allaire MT, Manhein MH, & Burgess GH (2012). Shark-inflicted trauma: a case study of unidentified remains recovered from the Gulf of Mexico. Journal of forensic sciences, 57 (6), 1675-8 PMID: 22563998

[2] Lentz AK, Burgess GH, Perrin K,Brown JA, Mozingo DW, Lottenberg L. Mortality and management of 96 shark attacks and development of a sharkbite severity scoring system. Am Surg 200;76(1):101–6.

Bildquellen:

[a] https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABullshark_Beqa_Fiji_2007.jpg,
Pterantula [GFDL (https://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wikimedia Commons from Wikimedia Commons

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Kommentare (9)

  1. #1 JaJoHa
    30/11/2013

    Ich habe immer gedacht das die Knochen viel stärker splittern würden und da nicht einfach so ein Loch reingebissen werden kann.

  2. #2 yves
    30/11/2013

    Ich les ja deinen Blog immer gern… aber bei der Beschreibung, wie die Zähne sich in das Fleisch gebort und die Schabspuren auf den Knochen erzeugt haben müssen….. da wurd mir ein wenig mulmig. 😉

  3. #3 Cornelius Courts
    30/11/2013

    @yves: ” da wurd mir ein wenig mulmig”

    sorry, vielleicht hätte ich den Artikel doch in die WTF Reihe sortieren sollen, da steht ‘ne Warnung davor….

  4. #4 Roland B.
    30/11/2013

    Ein Wissenschaftsblog ist doch kein viktorianisches Jungmädchenkränzchen.

  5. #5 Cornelius Courts
    01/12/2013

    @Roland: Du hast recht, aber Forensik ist dennoch speziell. Selbst Medizinstudenten müßen bei uns nicht so selten den Sektionsraum verlassen, weil ihnen blümerant wird 😉

  6. #6 rolak
    01/12/2013

    dennoch speziell

    hehehe Cornelius, erinnert mich an die Sequenz aus Qunicy, M.E. (ja, es gab auch eine Zeit vor CSI), als er vom Chef ne Polizisten-Fortbildung aufgedrückt bekommen hatte, aber wegen des ihn eigentlich interessierenden Falles ganz dringend irgendwohin mußte und die Sache daher etwas beschleunigte. Ist sogar im Intro verewigt.

  7. #7 rolak
    01/12/2013

    oh was für ein dämlicher Tastendreher…

  8. […] einen spannenden Beitrag über eine Wasserleiche mit Fraßspuren aus dem Golf von Mexiko: „Forensisch-anthropologisches Hai-Raten“ „Für die Forensik sind Tierangriffe und Spuren, die von solchen zurückbleiben, bedeutsam, da […]

  9. #9 Dominik
    22/02/2014

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