Die sieben freien Künste [a]

Die Austragung von Diskussionen ist eine sehr alte Kunst. Schon unter den sogenannten „sieben Freien Künsten“ der Antike fand sich das „Trivium“, der Dreiweg aus Grammatik, Rhetorik und Dialektik (bzw. Logik). Grammatik ist die Grundlage der Sprachbeherrschung und soll uns, indem wir ihre Beherrschung voraussetzen, hier nicht weiter interessieren. Die Rhetorik könnte man dann als Kunst des Sprechens bzw. des Vortrags, die Dialektik als Kunst des (dialogischen) Denkens auffassen. Um ein guter Debattierer zu werden, muß man sie alle beherrschen, doch die Grundwährung und Hauptsache in einer Debatte oder Diskussion sind die Argumente.

Unter „Argument“ verstehen wir eine Aussage, die zur Begründung oder zur Widerlegung einer Behauptung gebraucht wird. Argumente können/sollen andere Menschen von der Richtigkeit oder Falschheit einer Behauptung überzeugen. Die dialogische Verwendung von Argumenten, die Argumentation, beruht dabei auf Inhalt (Grundannahmen oder „Prämissen“) und Form (Anordnung und Verknüpfung der Prämissen, so daß die Aussage des Arguments zwingend aus den Prämissen folgt). Ein ungültiges oder schlechtes Argument kann demnach inhaltlich und/oder formal schlecht sein und daher angegriffen werden wobei eine nicht unerhebliche Schwierigkeit darin bestehen kann, ein gegnerisches Argument so zu zergliedern, daß deutlich hervortritt, was die Grundannahme(n), was die daraus abgeleitete Folgerung und welcher Art die formale Verknüpfung ist. Oftmals wird nur die Folgerung vorgetragen, also die eigentliche Aussage des Arguments, bei impliziter, also vorausgesetzter Grundannahme. In solchen Fällen ist es hilfreich, notfalls durch Befragung des Gegners, das vollständige Argument mit Prämissen und Verknüpfung zu rekonstruieren, um seine Schwachstellen aufzudecken.

Die Logik, zu deren Disziplinen man die Lehre des vernünftigen Schlussfolgerns zählen kann, befasst sich mit der formalen Analyse und ermöglicht damit die formale Kritik von Argumenten, indem sie ihre Struktur im Hinblick auf ihre Gültigkeit untersucht und zwar ganz unabhängig vom Inhalt der Aussagen. Klassisches Beispiel: wenn A = B (Prämisse 1) und B = C (Prämisse 2) ist, dann muß, zwingend weil logischerweise, A = C sein. Dieser Schluss S ist logisch gültig, also formal korrekt allerdings unabhängig davon, wofür A, B und C stehen, er kann also inhaltlich auch völlig falsch sein.

Eine anderer häufig benutzter Argumenttyp beruht auf konditionaler Logik nach dem Muster: „wenn p, dann q“ (Prämisse 1) und „p“ (Prämisse 2), daraus folgt „q“ (Schluss). Das bedeutet daß, wenn Prämisse 1 wahr ist, man immer, wenn p eintritt, auch q beobachten wird. Ein häufiger Fehler besteht darin, diesen Zusammenhang reziprok aufzufassen, denn aus „wenn p, dann q“ folgt keineswegs „wenn q, dann p“. Diesen Argumenttyp benutzte übrigens mit Vorliebe Sherlock Holmes bei seinen Deduktionskunststücken.

Mit Logik allein kommt man jedoch bei der Kritik an Argumenten nicht immer ans Ziel, denn eine Schlussfolgerung kann auch dann logisch gültig sein, wenn sie inhaltlich falsch ist. Denn ein ‚Grundgesetz’ der Logik, nämlich, daß aus wahren Prämissen kein inhaltlich falscher Schluss folgen kann, gilt nicht umgekehrt und so können auch aus falschen Prämissen, logisch gültige und sogar wahre Schlüsse gezogen werden. Ein Beispiel:

  • P1: Alle Menschen sind Künstler. (falsch)
  • P2: Beethoven war ein Mensch. (richtig)
  • S: Beethoven war ein Künstler. (richtig)

(Hier folgt S also logisch und gültig aus P1 und P2 und ist auch inhaltlich richtig, obwohl P1 inhaltlich falsch ist.)

Um in einer Diskussion sowohl überzeugend die gegnerischen Argumente angreifen, wie die eigenen verteidigen zu können, sollte man daher

  • prüfen, ob die eigenen/gegnerischen Argumente auf wahren oder zumindest plausiblen Prämissen gründen (Inhalt),
  • prüfen, ob man/der Gegner aus seinen Prämissen logisch gültige Schlussfolgerungen gezogen hat (Form) und
  • versuchen, dem Gegner Verstöße gegen „vernünftiges Denken“ nachzuweisen (z.B. falsche Gleichsetzung*, infiniter Regress*2, ‚petitio principii’…).

[*Ein Beispiel für eine falsche Gleichsetzung wäre:  “Nichts ist besser als Unsterblichkeit” (Prämisse 1) und “ein Wurstbrot ist besser als nichts” (Prämisse 2). Und dann der Schluß: “Ein Wurstbrot ist besser als Unsterblichkeit. ” Angenommen, wir einigten uns darauf, daß beide Prämissen wahr wären, müssten wir dann auch zwingend zugeben, daß ein Wurstbrot besser ist als die Unsterblichkeit? Natürlich nicht. Der Widerspruch entsteht hier durch eine falsche Gleichsetzung der beiden Bedeutungen des Wortes „nichts“.

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Kommentare (19)

  1. #1 rolak
    02/04/2014

    Schön – die Version zum Mitnehmen und Weitergeben…

    Fehlt nur noch der mööööööp-Clown, repräsentierend den Weg zu bovinen Exkrementen.

  2. #2 Bloody Mary
    02/04/2014

    @rolak
    Hättest mal mein dreckiges Lachen eben hören sollen – zwei Leute, ein Gedanke (das mit dem möööp-Clown).

    Right, die Version zum Mitnehmen und Weitergeben…und um mich selbst ab und an wieder an die feine skeptische Art zu erinnern…

  3. #3 Dr. Webbaer
    02/04/2014

    Es wäre vielleicht günstiger zwischen Argumention und Streit (der die Polemik einschließt) auf der einen Seite und Empörung und Herabsetzung auf der anderen zu unterscheiden.
    Die typischen bundesdeutschen politischen Auseinandersetzungen sind von der Empörung geprägt und von der Fragestellung, wer was sagen darf; konditioniert wird dann per Herabsetzung.
    Argumentation und Streit finden insofern in den o.g. Auseinandersetzungen oft nur hintergründig statt, wäre für den argumentativ Interessierten jeweils aus dem medialen Auseinandersetzungs-Wust herauszulesen oder -lösen.
    In D hat sich diesbezüglich in den letzten vier Jahrzehnten einiges zum Ungünstigen gewandelt.
    MFG
    Dr. W

  4. #4 Phil
    02/04/2014

    Bei ratioblog gibt es eine schöne Übersicht über die gängigen Fehlschlüsse (aktuell 32): http://www.ratioblog.de/archive/Fehlschl%FCsse
    Am besten bei #1 anfangen.

  5. #5 DieMutterAllerArgumenteFehlt
    03/04/2014

    Es fehlt leider das ultimative Argument: “Da gibt es aber einen Film bei youtube”…. gegen DAS Argument ist man machtlos – denn es ist doch allgemein bekannt, das bei youtube IMMER nur richtige Dinge gezeigt werden…

  6. #6 Ranthoron
    03/04/2014

    Passend dazu auch das heutige Plonquez:

  7. #7 Bloody Mary
    03/04/2014

    # 3

    Auseinandersetzungen sind von der Empörung geprägt und von der Fragestellung, wer was sagen darf; konditioniert wird dann per Herabsetzung.

    Unsere Fachkraft für homöopathisches Denken mal wieder… keinen blassen Dunst, was “Konditionierung” bedeuten könnte, und auch sonst nur Bullshit im Flintenlauf.

    Dass Ihr freiheits- und menschenfeindliches Gehetze ab und an noch auf so was wie Empörung trifft, spricht für alle meine empörten Mitmenschen, denen Freiheit und andere Menschen was wert zu sein scheinen.

    Ihr verlogenes und selbstmitleidiges Gewinsel, Sie dürften hier nicht Ihre Meinung sagen, wird seit Jahren 100%ig und immer wieder aufs Neue durch die Realität widerlegt,

    Es ist auch keine “Herabsetzung”, wenn Sie immer wieder dazu aufgefordert werden, Argumente auf den Tisch zu legen; oder Ihr jedesmal daraufhin reflexartig erfolgendes patziges und sinnentleertes Herumgepöbel mit deutlichen Worten zurück gewiesen wird.

  8. #8 Cornelius Courts
    03/04/2014

    @DieMutterAllerArgumenteFehlt ““Da gibt es aber einen Film bei youtube”…. gegen DAS Argument ist man machtlos –”

    Aber nein! Das argumentum ad youtubem läßt sich mit sich selbst kontern, denn man muß ja nur ein Video finden, daß das erste Video widerlegt 🙂

  9. #9 Dr. Webbaer
    03/04/2014

    Bei Ihrem Natürlichkeits-Fehlschluss (‘Es gibt keine rationale Definition von Natürlichkeit’) bleiben Sie?

    MFG
    Dr. W

  10. #10 Cornelius Courts
    03/04/2014

    “Bei Ihrem Natürlichkeits-Fehlschluss (‘Es gibt keine rationale Definition von Natürlichkeit’) bleiben Sie?”

    Ja und das ist auch nur die Hälfte des Fehlschlusses. Denn selbst WENN es eine begründbare Definition von Natürlichkeit GÄBE, folgte daraus keineswegs, daß das Natürliche das Gute ist (das wäre dann der naturalistische Fehlschluss).

  11. #11 Dr. Webbaer
    03/04/2014

    Loge! [1] Es gibt halt die Definition, dass natürlich ist, was in der Natur vorkommt. Ansonsten wäre man schnell beim sogenannten Naturalistischen Fehlschluss, dem der Schreiber dieser Zeilen grundsätzlich (oder -vielleicht besser- auf die Praxis bezogen: oft) als falsch zustimmt, der aber aus verschiedenen Gründen alles andere als klar ist, wenn Ethiker unterwegs sind, also nicht nur Verhalten Beschreibende.
    MFG + weiterhin viel Erfolg!
    Dr. W

    [1] im Sinne von Word!

  12. #12 Bullet
    04/04/2014

    Da auch Computer in der Natur vorkommen und gemeinhin nichts existierendes nicht in der Natur vorkommt, ist eine Definition dieser Art vollkommen sinnlos, denn es hieße, daß nur unmögliche Dinge unnatürlich sind.
    Ähm ja.

  13. #13 LasurCyan
    04/04/2014

    @Bullet
    Ähm ja. Damit wäre die Begrifflichkeit “Natürlichkeit” dann auch vom Tisch. Imho nur eine zutiefst romantische Vorstellung von etwas NICHTexistentem, das nur dazu dient, Ideologien argumentatorisch zu unterfüttern. Oft blüht der Enzian dann braun…

  14. #14 LasurCyan
    04/04/2014

    @myself
    es muss *natürlich* “…DIE nur dazu dient” heissen…

  15. #15 Dr. Webbaer
    04/04/2014

    Es gibt schon sehr brauchbare Adjektivierungen mit ‘natürlich’, werden Beispiele benötigt?
    MFG
    Dr. W

  16. #16 Bloody Mary
    04/04/2014

    # 15

    Natürlich nicht.

  17. #17 Bloody Mary
    08/04/2014

    Ausgerechnet die FAZ (:-)) beklagt reaktionäres Gedankengut, sie benennt “normal” und “natürlich” als “faule Kampfbegriffe”:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/der-populismus-des-akif-pirincci-wie-sarrazin-auf-speed-12881608.html

  18. #18 Cornelius Courts
    09/04/2014

    @BM: ja, ironisch, in der Tat 🙂
    Wobei ich den Artikel selbst recht in Ordnung finde…

  19. #19 Phung Concilio
    07/12/2015

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