Deutsches Museum

Der klingende Weihnachtsbaum

Ende des 19. Jahrhunderts erhielt der Fabrikant Johannes Carl Eckardt aus Stuttgart Patente für Neuerungen „an Musikerwerken, welche mit Mechanismen zum Drehen von Untersätzen für Weihnachtsbäume versehen sind” (DRP 30617, 1895, und 48743, 1889). Eckardt verknüpfte damit zwei eng mit der Weihnachtszeit verbundene Traditionen, den Weihnachtsbaum und die Weihnachtsmusik, und verband diese in einem Instrument. War letztere in früheren Zeit noch von den Familienangehörigen selbst gemacht worden, hatten sich seit einiger Zeit durch das wachsende Angebot erschwinglicher Instrumente die Spielwerke auch in Privathaushalten weit verbreitet.

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Eines der verbreitetsten Modelle war der Weihnachtsbaumständer „Gloriosa”, der zu Weihnachten 1892 auf den Markt kam. Bereits zeitgenössische Anzeigen priesen die aufwendige, an Renaissanceformen orientierte Gestaltung des Gehäuses aus mattiertem Nussbaum an.

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Von Hand mit einer Kurbel wird das Uhrwerk aufgezogen, das das Instrument betreibt. Es bewegt zwei verschiedene Mechaniksysteme: Das eine drehte die Halterung, in die der Christbaum eingespannt war. Bäume bis zu 100 Pfund Gewicht und 55 mm Stammdicke konnten verwendet werden. Das zweite ist das Musikwerk vom damals bekannten Typ „Kalliope”. Es besteht aus einem Stahlkamm, wie er auch von anderen Spieldosen bekannt ist, mit 52 oder 55 Zähnen. Diese werden von Metallstiften angezupft und damit zum Klingen gebracht. Ein Christbaumständer konnte über bis zu vier Kämme, zudem über Glocken verfügen.
Die Musik ist auf Metallplatten codiert, die als Programmträger dienen. Sie besitzen einen gezackten Rand und auf der Unterseite vorstehende Nocken. Ein Zahnrad greift in die Zacken des Randes, um die Scheibe zu drehen. Die Nocken bewegen die Metallstifte, die die Zungen des Stahlkamms anzupfen. Eine abklappbare Andruckstange mit Hartgummirollen führt die Scheibe genau über den Anzupfmechanismus.
War das Uhrwerk aufgezogen, drehte sich der Weihnachtsbaum und die auf der gewählten Platte codierte Musik erklang. Für die Verwendung an öffentlichen Plätzen wurde „Gloriosa” auch mit einem Münzeinwurf gebaut. Die Platten konnten leicht ausgewechselt werden.

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Die Weihnachtsbaumständer waren ein Erfolgsmodell: Bis 1911 wurden 100.000 Stück verkauft. Wie nicht anders zu erwarten, erhielt Eckardt bald Konkurrenz, die ebenfalls verschiedene Bauweisen anboten – wobei sie die Patente durch abweichende Konstruktionen zu umgehen suchten. Andere Hersteller wählten ganz andere Wege: Die Modelle „Triumph” und „Troubadour” konnten mit jedem Spielwerk betrieben werden; eine Schnur verband den Christbaumständer mit der Achse des Spielwerks.

Da der Einsatz als Christbaumständer nur für eine sehr begrenzte Zeit möglich ist, standen auch verschiedene andere Aufsätze zur Auswahl, Blumenvasen, einfache Porzellanplatten und kunstvolle Gebilde aus mehreren Etagen mit ornamentierten Säulen. Das umfangreiche musikalische Repertoire, das für „Gloriosa” angeboten wurde, umfasste dementsprechend neben traditionellem weihnachtlichen Liedgut („Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen”, „O Tannenbaum”, „Ihr Kinderlein kommet” und „Stille Nacht”) auch jahreszeitunabhängige Stücke, so verschiedene Choräle, aber auch leichte Musik wie das Couplet „Immer an der Wand lang” oder der Weibermarsch aus „Die lustige Witwe” und nationale Melodien wie die „Wacht am Rhein”. Sie erklangen, während sich der Aufsatz langsam drehte.

Kommentare

  1. #1 BreitSide
    Dezember 18, 2011

    Schöne Teile. Muss mal wieder ins DM gehen, wenn ich in München bin.