Die Sprache des Dirigenten

Vor Jahren habe ich einmal an einer Projektwoche mit Amateur-Musikern aus ganz Deutschland teilgenommen, die nie zuvor zusammen gespielt haben. Der Gastdirigent für diese Woche war Amerikaner, mit der typisch amerikanisch-positiven Oberfläche – die aber bei ihm tiefer ging. Wir haben ein komplettes Konzertprogramm – wiederum mit Stücken die wir nie zuvor gesehen haben – innerhalb einer Woche erarbeitet und am Ende der Woche aufgeführt, und es war wirklich gut. Was aber wirklich sagenhaft war, waren manche der Probenanfänge. Er kam in den Raum, und wir spielten uns eine halbe Stunde warm, ohne dass er je ein Wort sagte. Er benutzte Zeichen für verschiedene Noten, ohne sie vorher erklärt zu haben, und es funktionierte.
Daran musste ich denken, als ich dieses Video der NY Times (Lässt sich natürlich nicht einbinden) über Dirigieren und die subtile Sprache darin sah.

Dass das Video das kreative und mutige Genie Igor Stravinsky als Komponisten der gespielten Musik wählt, unterstützt nur den Punkt den ich dazu machen will: Dass Musik so wichtig ist, weil sie eine der wenigen, vielleicht die einzige wirklich systematisierte Art ist, Kreativität durch Sprache zu beschreiben. Es ist aber nicht eine gesprochene Sprache, sondern eine die auf strikter Notation auf dem Notenblatt beruht, aber auf einer anderen Ebene durch den Dirigenten und seine subtile Gestensprache zu einem flauschigen aber strukturierten Ausdruck dessen wird, was nicht in Worte zu fassen ist.

dazu kann man viel sagen, aber ich will nur eines ausdrücken: Dass darin ein Lehrstück zu Kommunikation steckt. Darüber, was man sagen will, das man bewirken will. Wie das davon abhängt, mit wem man spricht (und sei es der Musiker, das Instrument, das technische Vermögen der beiden; oder letztendlich das Publikum oder der oder die Hörer_in) und wie verschiedene Ebenen zusammenhängen, erwartet werden müssen und letztendlich das System als ganze größer ist als seine Einzelteile.

Und genau so könnte man auch sagen: Wie die Durchführung einer Aufgabe funktioniert, ist eine facettenreiche kreative Leistung auf vielen Ebenen, die von allen Beteiligten und ihren Filter im Ausdruck und in der Aufnahme dieser Ebenen abhängt. Eine gute Arbeitsumgebung z.B. hängt davon ab, dass der Mitarbeiter als Teil des gesamten Arbeitsprozesses ernstgenommen wird und nicht ein Roboter ist, in den man einen Arbeitsbefehl hineinsteckt. Oder ein Fußballtrainer wird wenig Erfolg haben, wenn seine Übungseinheiten die Spieler_innen tüchtig fit macht, aber nicht die subtileren Elemente trainiert, die das Zusammenspiel erkenntlich machen.

Und darum ist Musik (oder meinetwegen auch Teamsport) so wichtig für jeden: Weil er diese Prozesse der Zusammenarbeit sofort auf die tieferen Ebenen der mentalen Festplatte schreibt, ohne dass sich jemand erst hinsetzen muss und durchsprechen muss, was Zusammenarbeit bedeutet.

Kommentare

  1. #1 mäh
    04/12/2012

    Dann wird Dich vielleicht auch dieses Video des “Mentalisten” (und Skeptikers) Derren Brown interessieren in dem das Orchester auf eine recht interessante Weise den Weg zum Stück findet:

  2. #2 der_fischa
    04/12/2012

    Nicht das gleiche, aber eng verwandte Idee:

    Bobby McFerrin Demonstrates the Power of the Pentatonic Scale:

  3. #3 BreitSide
    04/12/2012

    xxx