Der Umgang mit Trollen ist schwierig, und wird in Abhängigkeit von vielen Faktoren schwieriger. Wenn wir eine Blogsoftware haben die nicht bereits mehrere Kriege gesehen hat und wenn ich nicht in einer anderen Zeitzone wäre, würde ich knallhart sagen: Hart moderieren und rauswerfen ist die einzige Methode. Nur ist das eben nicht gegeben, und allzu oft muss es da eben heißen: Don’t Feed the Trolls. Und dann hoffen. Das ist sicher nicht falsch: Aufmerksamkeit schenken ist falsch und animiert die Trolle nur zum Einmisten.

Aber abgesehen davon, dass es eben gegen hartnäckige Kandidaten nicht hilft, dass es die meisten Kommentatoren abschrecken wird, und dass es generell nur schlecht umsetzbar ist, ist es eine Aussage aus einer privilegierten Position. Es ist die Position, in der man nicht selbst betroffen ist, oder die Position desjenigen oder derjenigen, die wenig durch solche Kommentare getroffen wird. Im Grunde ist es nichts viel anderes als “Stell dich nicht so an”. Und das ist immer ein Zeichen, dass jemand nicht zuhört, und das ist immer schlecht.

Nochmal, ich sage nicht dass der Hinweis darauf, dass man Trolle nicht motivieren soll, schlecht ist. Aber er greift zu kurz, und weist Verantwortung für die Gemeinschaft der Kommentatoren oder für das Wohlergehen des Autors/der Autorin von sich.
Denn das ist der Punkt: Ein Autor kann üble Kommentare nicht einfach auf sich sitzen lassen, sondern wird davon mürbe gemacht. Oder fängt erst gar nicht an, zu schreiben. Schade, ich würde seine Stimme gerne hören. Kann ein dickes Fell wirklich eine Voraussetzung sein, ein Blog zu schreiben? In diesem Licht, ist die Aufforderung “Leg dir doch ein dickes Fell zu!” nicht unverschämt?
Oder wie steht es um Autorinnen? Warum wohl gibt es weniger Wissenschaftsblogerinnen? Wie sieht es um das “dicke Fell” aus, wenn das noch tagtäglich mit der großen Sexismusschaufel betatscht wird? Was passiert, wenn eine Frau es einmal wagt den Mund gegen Sexismus aufzumachen? Was ist z.B. mit diesem Artikel? Wie muss das sein, als Antwort feministische Artikel stetig Ströme von Vergewaltigungswünschen zu bekommen? In welchem Licht steht dann ein – einzeln gesehen harmloser – Trollkommentar da? Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich meine, mir hat solch geistige Kernschmelze wie im deutschen Brightsblog schon fast gereicht. Ich hab kein dickes Fell, sicher nicht. Muss ich deswegen die Klappe halten?

Nein, wiederum, die Antwort auf Trolle kann nur strenge Moderation sein. Wenn das explizit nicht möglich ist, muss die Gemeinschaft es wenigstens implizit machen. Das ist sowieso besser: Wenn es klar ist, dass sexistisches, xenophobes oder einfach unangebrachtes Verhalten laut angeklagt werden muss. Wer das nicht tut, lässt einfach nur sein Privileg heraushängen, nicht unmittelbar getroffen zu sein.

Kommentare (35)

  1. #1 peer
    04/21/2012

    Ich stimme zu. Im Prinzip beobachtet man im Netz eine Anwendung der “Broken Windows”-Theorie (bzw. Zimbardos Auto-Vandalismus-Experiment): Fängt einer an beleidigenden Unsinn zu verzapfen, springen weitere auf, der Ton wird schärfer, um sich Gehör zu verschaffen und eskaliert.
    Wird stark moderiert geben die Trolle irgendwann auf und alle können sich auf die sachliche Diskussion konzentrieren. Das habe ich bei meinem eigenen Blog gesehen – aber auch dass es natürlich im Einzelfall nicht immer leicht ist zu entscheiden, ab wann man eingreift und was man noch so durchgehen lässt.
    Und natürlich sollte der Tonfall entscheidend sein, nicht inwieweit man zustimmt oder nicht.

  2. #2 Florian Freistetter
    04/21/2012

    @Jörg: “Nein, wiederum, die Antwort auf Trolle kann nur strenge Moderation sein. “

    Das stimmt im Prinzip, ist aber natürlich auch eine Frage des machbaren. Wenn ich meine ~150-200 Kommentare pro Tag händisch moderieren müssten, dann käme ich zu sonst nichts mehr.

    Ansonsten stimmt das mit dem “dicken Fell” aber auch. Ich habe im laufe der letzten Monate gelernt, das SIWOTI-Syndrom zu ignorieren und nicht auf jeden Troll einzugehen. Das fällt schwer (vor allem bei den Typen, die mir in den letzten Wochen auf die Nerven gegangen sind) – aber es geht 😉

  3. #3 MartinB
    04/21/2012

    Man muss hier sicher auch zwischen verschiedenen Troll-Arten unterscheiden.
    Es gibt die Dummschwätzer, die zwar keine Ahnung, aber zu allem ne Meinung haben (davon haben wir hier auf den Scienceblogs ja besonders schöne Exemplare), oderDreckschleudern, die z.B. braunen Dreck um sich werfen (einige RT-Leugner, die wir hier haben z.B.).
    Das sind aber ja Exemplare, die zu ignorieren leicht fällt, weil sie nicht persönlich angreifen.
    Die dritte Trollkategorie, die eben persönlich wird oder mit sexistischen Äußerungen oder Drohungen um sich wirft, die ist sicherlich schwerer zu ertragen und zu ignorieren und bei denen ist radikales Löschen und Sperren vermutlich aus Selbstschutz angezeigt. Unter solchen haben aber gesellschaftlich privilegierte Blogger typischerweise weniger zu leiden. Man braucht sich ja nur mal anzuschauen, was z.B. Ali im Vergleich zu anderen hier erlebt, nur weil er einen arabisch klingenden Namen hat.

  4. #4 Physiker
    04/21/2012

    Zum Thema Trolle empfehle ich diesen Vortrag von Sascha Lobo.

  5. #5 Statistiker
    04/21/2012

    Trolle nerven, das ist klar, aber….

    solche “Verhaltensregeln” nerven mich noch mehr:

    “Ein Urlaub im Kloster .. können Dir dabei helfen, dich auf das Wesentliche zu besinnen”

    Sorry, aber so doof bin ich nicht, um in ein Kloster zu ngehen. Ich denke lieber nach, ich glaube nicht.

    “Gebot 4 : Spreche fremde Frauen nie an, wenn sie sich mit Dir alleine in einem Raum befinden. Verhalte dich dabei auch immer so, als würdest Du der Frau null Aufmerksamkeit schenken.”

    Aha, ich soll die Frau also ignorieren und so tun, als sei sie nichts wert. Genauso kann man die Worte auch deuten. Warum kein freundlicher Small-Talk, warum nicht mal miteinander reden? Sorry, aber solch ein “Gebot” kann nur einer formulieren, der nur Sex im Sinn hat und das auf alle anderen Menschen überträgt.

    “Gebot 5: Wechsle die Straßenseite, wenn Du nachts auf eine Frau triffst und weit und breit kein anderer Fußgänger zu sehen ist. Bei zu viel Verkehr, bleib einfach stehen, bis sich die Frau weit genug entfernt hat, bzw. außer Sichtweite is”

    Schwachsinn!!!!!! Harg!!!!! AAAARGGGGGG!!!!! Betrachte jeden Menschen einfach als mensch und bleib auf Deiner Straßenseite. Ansonsten: Wechselst Du die Straßenseite, bist Du nicht automatisch kein potentieller Vergewaltiger. Wechselst Du die Straßenseite, dann doch nur, um nicht als Vergewaltiger erkannt zu werden. ergo: Alle Männer sind Vergewaltiger. Ich hasse solche Verallgemeinerungen, aber genau dies wird mit diesem Gebot behauptet: Wer einen Schwanz hat, ist SCHULD!!!!

    Sorry, aber so hart muss man es sagen.

  6. #6 maxfoxim
    04/21/2012

    @ Statistiker.
    Ich stimme bei den Geboten zu 100% zu. Solche Gebote haben Trollcharakter denn man weiß, das man mit der einer solchen Aussage, genau solche Reaktionen wie deine hervorruft. Die wie gesagt ja auch vollkommen richtig ist. Auf die Spitze getrieben könnte man sich auf fragen, nach der damiligen Rassentrennung nun die Geschlechtertrennung? Männer müssen im Bus hinten sitzen und so weiter…

    Wer sowas ernsthaft propagiert besitzt eine gewisse Form vom Kommentar-masochismus.

  7. #7 peer
    04/21/2012

    @Stistiker und @maxfoxim:
    Um den Artikel geht es hier gar nicht.
    Aber: Natürlich darf man solche Verhaltensregeln kritisieren und sdisktieren – aber Trollerei ist doch noch was anderes.

  8. #8 BreitSide
    04/21/2012

    Was haben die Kommentare von Physiker und maxfoxim eigentlich mit dem Thema zu tun? Abgesehen davon, dass hier ganz fröhlich auf Strohmännern rumgehauen wird.

    Ach so, Kommentare auf einen verlinkten Beitrag. Natürlich ohne Erklärung.

    Na denn: Ich hatte ja nicht gedacht, dass Statistiker dermaßen dämlich sein können. Wer noch nicht einmal den Unterschied zwischen potentiell und tatsächlich kennt, kann einem nur leid tun.

    Befrage doch der Herr(?) Statist mal seine Frau/Freundin/Mutter/Tochter, wie die sich nachts fühlen, wenn hinter ihnen männliche Schritte sich immer mehr nähern.

    Und jetzt bitte nicht fordern, dass die potenziellen Opfer weggesperrt gehören (“Eine Frau hat nachts auf den Straßen nichts zu suchen”).

    Es ist noch gar nicht so lange her, dass Vergewaltigung in der Ehe nicht strafbar war. Sogar Vergewaltigung durch Bekannte war nicht strafbar, wenn die Frau zB sich von ihm heimfahren lässt. Oder ihn heimfährt…

    Auch die Rechssprechung hat sich nicht mit Ruhm bekleckert: Ein Täter bekam zB für die brutale Vergewaltigung einer Frau eine Bewährungsstrafe, für das Entwenden ihres Portemonnaies mit 200 DM aber gleich 2 Jahre Haft – ohne Bewährung.

    Ich kann es einfach schlecht ertragen, wenn Leute sich künstlich aufregen, wenn von ihnen Verantwortung in ihrer Machtposition verlangt wird oder ihnen unverdiente Privilegien genommen werden sollen.

    Höflichkeit heißt nichts Anderes als dafür zu sorgen, dass das Gegenüber sich wohl fühlt. Und da ist das Wechseln der Straßenseite bzw das Nichteindringen in den Fluchtradius eines potenziellen Opfers ja nun wirklich nicht zu viel verlangt. Oder?

    Außerdem heißt keine Regel, dass sie immer und überall gelten muss. Man(n)) sollte sich nur darüber im Klaren sein, welche Belastungen und Ängste ein Nichteinhalten für den schwächeren Part dieser Kommunikation bedeutet.

    Zum eigentlichen Thema, den Trollen:

    Man kann hier auf SB schön sehen, wie sich der Umgang mit Trollen in den einzelnen Blogs auf deren Aktivitäten auswirkt. FF reagiert ja immer sehr robust, bei Georg Hoffmann sammeln sie sich eher. Er spielt anscheinend die Rolle des Jupiter unter den Planeten, der der Erde die meisten störenden Himmelskörper wegfängt.

  9. #9 MartinB
    04/21/2012

    @BreitSide
    “Und da ist das Wechseln der Straßenseite bzw das Nichteindringen in den Fluchtradius eines potenziellen Opfers ja nun wirklich nicht zu viel verlangt.”
    Siehe auch diesen Text
    http://freethoughtblogs.com/crommunist/2012/01/16/shuffling-feet-a-black-mans-view-on-schroedingers-rapist/

  10. #10 Spoing
    04/21/2012

    Bei der Überschrift muss ich einfach was schreiben bevor ich den Artikel gelesen habe ihr miesen Nazis/Kommunisten/NWO-Advokaten und was weiß ich nicht alles =)

  11. #11 Stefan R.
    04/21/2012

    tja, was ist Trollen und was nicht.

    Wenn man den klassischen Troll..z.b. Heiseforum “Linux ist scheisse” ..mal weglässt.
    Wer definiert was Trollen ist und was nicht.
    Im hier angebrachten Beispiel vom Brightsforum war ich z.b. auf der anderen “Seite”, also vollkommen in Einklang mit den Brights.
    Mir unveständlich die andere Meinung.
    Für mich war in dem Beispiel die Frau die gegen Dawkins stänkerte der Bilderbuchtroll.
    Einrahmen und als Paradebeispiel für Wiki als das Trollbeispiel verwenden.

    Bin ich jetzt der Troll oder ist die andere Seite der Troll?

    Der klassische Troll ist immer noch der, der nur seinen Senf dazu gibt um Aufmerksamkeit oder Streit zu erzeugen.
    Andersdenkende sind ganz bestimmt keine Trolls.

  12. #12 BreitSide
    04/21/2012

    @MartinB: Das erinnert mich daran, wie beim Fall Ttrayvon von “The talk” gesprochen wurde: dass jede schwarze Mutter ihren heranwachsenden Söhnen eines Tages erklärt, wie sie sich nach außen möglichst unauffällig und unaggressiv geben sollen, um nur ja keinen Angriffspunkt für rassistische Projektionen zu bieten.

  13. #13 Jörg
    04/21/2012

    @Florian

    Das stimmt im Prinzip, ist aber natürlich auch eine Frage des machbaren. Wenn ich meine ~150-200 Kommentare pro Tag händisch moderieren müssten, dann käme ich zu sonst nichts mehr.

    Eben, bei zusätzlich mangelhafter technischer Unterstützung bleibt da die Community, und das funktioniert ja einigermaßen bei dir, aber auch nur weil du dir eine Community erarbeitet hast!

  14. #14 MartinB
    04/21/2012

    @BreitSide
    Ja, daran habe ich auch gedacht. Deswegen sehe ich das auch ein bisschen zwiespältig: Einerseits ist jeder Mann ein Schrödingers Rapist, andererseits halten wir es für falsch, wenn man als Schwarzer besser kein Gangsta-Outfit tragen sollte.
    Ist aber wohl eine Frage, wer gerade privilegiert ist…

  15. #15 Radicchio
    04/21/2012

    Ist aber wohl eine Frage, wer gerade privilegiert ist…

    das ist ein totschlagargument.

  16. #16 BreitSide
    04/21/2012

    @MartinB: Vorurteile sind halt was unheimlich Nützliches.

    Denn potenziell ist (fast) Jeder ein potenzieller
    – Lügner,
    – Dieb,
    – Vergewaltiger,
    – Mörder.

    So muss Jeder in jeder Situation für sich selbst ausrechnen, ob er dem Gegenüber vertrauen kann/sollte. Und sei es nur, dass von ihm kein Angriff ausgehen wird. Da helfen einfach Vorurteile beim schnellen Entscheiden.

    Was uns gut anstünde, wäre, diese so nützlichen Vorurteile ab+zu mal nachzukalibrieren/zu reflektieren.

    Zur Privilegierung: Da ist der Mann bei einer nächtlichen Begegnung prinzipiell der Privilegierte. Er ist es, der Höflichkeit und Respekt zeigen muss.

    In den USA ist der Weiße prinzipiell der Privilegierte. Ihm glauben Gerichte eben prinzipiell mehr.

    Wobei “prinzipiell” – natürlich – nur bedeutet, dass das in der Mehrzahl der Fälle so ist.

  17. #17 MartinB
    04/22/2012

    “das ist ein totschlagargument. ”
    ist ein totschlagargument.

  18. #18 Radicchio
    04/22/2012

    gut, dann schauen wir uns das vermeiltiche privileg mal genauer an:

    “Don’t Feed the Trolls” ist eine privilegierte Aussage

    was ist ein privileg?
    Ein Privileg (…) ist ein Vorrecht, das einer einzelnen Person oder einer Personengruppe zugestanden wird. (WP)

    nun ist es aber kein zugestandenes vorrecht, die aussage “Don’t Feed the Trolls” zu tätigen. es steht jedem frei, diese aussage zu treffen. keiner kann sie erlauben, verbieten oder anderweitig zugestehen, wenn man von moderationsrechten mal absieht. “Don’t Feed the Trolls” ist keine bevorzugte, elitäre oder anderweitig besser gestellte aussage, die andere diskriminiert. es ist keine institution oder struktur nötig, einem das “privileg” dieser aussage zu gestatten und niemand kann sich mit dieser aussage über andere erheben, denn wenn jemand trolle füttert, ist das eine freie und persönliche entscheidung, die auch anders hätte ausfallen können. trolle zu füttern ist nichts, was eine anonyme masse oder “die gesellschaft” zu tun oder zu lassen induziert, und nichts, dem man sich nicht entziehen könnte. manchen füttern sie, andere nicht. wer sie nicht füttern will, kann es einfach lassen.

    sicher könnte man einwenden, wer kein blog betreibt und sich mit seiner meinung und seinen persönlichen daten nicht exponiert, ist nicht “betroffen” und also privilegiert, diese aussage zu treffen. dann wären blogbetreiber automatisch diskriminiert durch dieses privileg der nichtblogger. bekanntlich ist aber niemand gezwungen, ein blog zu betreiben und sich öffentlich zu machen. jede persönliche entscheidung ist mit konsequenzen verbunden, natürlich auch die für ein blog. öffentliche meinungsäußerung geht im internet u.u. mit öffenlichem widerspruch einher. es gibt leute, die damit umgehen können und andere, die können es weniger. nur ist ein gekonnter umgang mit trollen aber kein zugestandenes vorrecht, sondern eine persönliche fähigkeit, die man hat bzw. erlangen kann. etwas zu können ist für den könner zwar unzweifelhaft von vorteil, aber kein privileg. fähigkeiten sind keine posten oder vorrechte, sie werden nicht zugestanden.

    die aussage, die in der überschrift steckt “die können es, ich kann es nicht. also bin ich benachteiligt und die anderen müssen privilegiert sein”, ist in gewissem sinne unredlich. sie impliziert, dass jede existenz von fähigkeit die nicht in gleicher weise fähigen herabsetzt. nach dieser lesart müssten sich die fähigen ihrer “privilegien” bewusst werden und dafür sorgen, dass die nicht in gleicher weise fähigen sich nicht schlechter fühlen. es ist eine paternalistische denkungsart, die eigenverantwortung leugnet und die weniger befähigten entmündigt.

  19. #19 Dagda
    04/22/2012

    @ MartinB

    Einerseits ist jeder Mann ein Schrödingers Rapist, andererseits halten wir es für falsch, wenn man als Schwarzer besser kein Gangsta-Outfit tragen sollte.

    Der Gangsta Rap und die damit verbundene Subkultur ist wenn ich das richtig verstehe durchaus kritikwürdig, für ihre Herabsetzung andere Minderheiten und ihre Gewaltverherrlichung. Das Problem ist doch eher das man als Schwarzer nur weil man z.B. einen Kapuzenpullover trägt gleich als “Gangsta” und gewaltbereit abgeschrieben wird, was dann zu dem Verhalten führt das z.B. Cromunist beschreibt.

  20. #20 MartinB
    04/22/2012

    @Dagda
    “das man als Schwarzer nur weil man z.B. einen Kapuzenpullover trägt gleich als “Gangsta” und gewaltbereit abgeschrieben wird”
    Eben. Und umgekehrt kann man argumentieren, dass das Problem ist, wenn man nur weil man ein Mann ist, gleich als potentieller Vergewaltiger abgeschrieben wird. Wenn man beides will (Männer sollen die Straßenseite wechseln, aber Schwarze sollen Kapuzenpullover tragen dürfen), dann muss man schon überlegen, wie man das argumentiert.

  21. #21 Dagda
    04/22/2012

    @MartinB
    Naja die Situationen sind ja nicht wirklich gleich. Einmal geht es um die Rückschlüsse die man aus dem Aussehen einer Person zieht (fragwürdig und kritikwürdig), beim andernen geht es darum wie man sich in so einer Situation verhält.
    Wenn sich jemand eine Kapuze tief ins Gesicht zieht und mir im Parkhaus folgt würde ich mir auch Gedanken machen.

  22. #22 MartinB
    04/22/2012

    @Dagda
    “Einmal geht es um die Rückschlüsse die man aus dem Aussehen einer Person zieht ”
    Das ist doch in beiden Fällen so:
    Ich sehe aus wie ein Mann, ergo potentieller Vergewaltiger, also soll ich mein Verhalten ändern und die Straßenseite wechseln, um nicht bedrohlich zu wirken.
    Ich trage nen Kapuzenpullover, ergo gewaltverherrlichender Gangsta-rapper, also soll ich mein Verhalten ändern und die Kapuze absetzen, um nicht bedroklich zu wirken.

  23. #23 Dagda
    04/22/2012

    @ MartinB
    Klar aber in diesem Fall sehe ich das Problem nicht wirklich. Schwieriger finde ich den Rückschluss das nur weil jemand einen Kapuzenpullover trägt (und farbig ist), er ein Irgendetwas ist.
    Das gleiche gilt für den Schrödinger-Vergewaltiger. Es ist ja nicht so dass jeder man wenn er den nur könnte jemanden vergewaltigen würde, sondern es ist doch vielmehr so dass ich meine Harmlosigkeit auch durch mein Verhalten deutlich machen sollte. Das gilt in beiden fällen.

  24. #24 MartinB
    04/22/2012

    @Dagda
    So sehe ich das im Prinzip auch – aber ein bisschen unbehaglich ist mir doch, wenn ich einem Menschen sagen muss, “geh lieber Langsam und trage keine Kapuzenpullover”, nur weil seine Haut mehr Licht absorbiert als meine.

  25. #25 Dagda
    04/22/2012

    @ MartinB
    Diskriminierung fängt meiner Meinung nach da an, wo man den Maßstab für Bedrohlichkeit anhand der Hautfarbe bestimmt.
    Ich meine es mag Menschen geben, die Lonsdale oder Thor Steiner tragen weil ihnen die Verarbeitung und dass Aussehen der Kleidung gefällt und die nur eine Glatze haben weil das praktisch ist, aber diese Menschen müssen sich klar sein, dass sich viele Menschen vor ihnen ängstigen werden und sollten sich entsprechend Verhalten.

  26. #26 WolfgangK
    04/22/2012

    @Dagda @MartinB

    Hier hatte ich schon einmal beschrieben, wie es mir so ergeht. Diskriminierend ist auch die Bestimmung einer angeblichen Bedrohlichkeit anhand (m)einer Körpergrösse. Soll ich nun als “Priviligierter” mich operativ auf ein unauffälliges Körpermaß reduzieren lassen, nur damit sich niemand ängstigt? Ehrlich gesagt empfinde ich es inzwischen als pure Unverschämtheit, dass ich von 50% der vor mir hergehenden Menschen automatisch ob meiner Körpergrösse als potentieller Gewalttäter verdächtigt werde.

  27. #27 Dagda
    04/22/2012

    @ WolfgangK
    Das ist ja der springende Punkt. Nur weil sie groß sind, sollte sie niemand für gefährlich halten. Aber es gibt bestimmt Situationen in denen sie bedrohlich wirken können und da sie ja darum wissen, dass sie dann möglicherweise eher als jemand anderes als bedrohlich wahrgenommmen werden, liegt es an ihnen sich in so einer Situation so “harmlos” wie möglich zu verhalten.
    Das gilt ja prinzipiell für alle Menschen. Nachts in einem Parkhaus sollte ich z.B.keiner Frau auf den Fersen folgen.

  28. #28 Radicchio
    04/22/2012

    … liegt es an ihnen sich in so einer Situation so “harmlos” wie möglich zu verhalten.

    ich glaube nicht, dass vorauseilender gehormsam zur vermeidung vermeintlicher ängste ein handlungssmaßstab sein kann. unsere gesellschaft verfügt über eine ganze reihe an anstandsregeln, die für einen reibungslosen alltag völlig ausreichen. und für mehr ist in diesem falle WolfgangK auch nicht zuständig. wer automatisch vor einem menschen aufgrund seiner größe, frisur, kleidung … oder geschlecht angst hat, hat definitiv ein problem. aber eines mit sich selbst. daraus kann man keine handlungsanweisung für den rest der welt ableiten.

  29. #29 Dagda
    04/22/2012

    @ Radicchio
    Wer behauptet den etwas anderes? Es gibt Anstandsregeln, an die man sich halten sollte. Dazu gehört die Rücksichtnahme der Bedürfnisse von anderen. Um mehr geht es doch auch gar nicht.

  30. #30 BreitSide
    04/22/2012

    @radi: Wir könnten natürlich jetzt eine Diskussion anfangen, ob es Frauen erlaubt sein sollte, sich vor fremden Männern nachts im Park zu fürchten, die ihnen folgen.

    Es könnte auch jemand aufschlagen, der sagt, dass 90% der Vergewaltiger Verwandte oder enge Bekannte sind. Es könnte auch ein Dame aufschlagen (ich weiß nicht mehr, wie sie heißt, ich hörte es im Autoradio, eine französische Publizistin, die meinte, Frauen sollten sich nicht so tun, eine Vergewaltigung sei ja noch nicht einmal eine körperliche Verletzung) und Vergewaltigungen runterspielen.

    Über allem schwebt die Vorstellung, dass Höflichkeit (und so hatte das auch Knigge gemeint) ganz einfach nur bedeutet, dafür zu sorgen, dass das Gegenüber sich so wohl fühlt wie nach den Umständen möglich.

    Und das ist eben voreilender Gehorsam. Wenn ich jemand mit viel Gepäck oder Kinderwagen die Treppe rauf/runter helfe, gehe ich auch erst einmal davon aus, das dasjenige die Hilfe gerne hätte. Voreilender Gehorsam. Dasselbe gilt in Situationen, in denen nicht Hilfe erwartet, sondern Bedrohung erfahren wird.

    Es ist eben symptomatisch, wenn jemand, der uns nicht die Höflichkeit der deutschen Rechtsschreibung angedeihen lässt, auch in anderen Dingen nichts von Höflichkeit hält.

  31. #31 Christian A.
    04/22/2012

    Kann ein dickes Fell wirklich eine Voraussetzung sein, ein Blog zu schreiben? In diesem Licht, ist die Aufforderung “Leg dir doch ein dickes Fell zu!” nicht unverschämt?

    Dass Leute frech werden im Netz, ist ja leider ein Naturgesetz (siehe auch John Gabriels Greater Internet Fuckwad Theory. Wie willst du die stoppen? Argumentieren? Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemals auf der Welt irgendein Troll eingesehen hat, dass sein Verhalten inakzeptabel ist und er dann damit freiwillig aufhört. Wir kennen ja unsere Pappenheimer hier.

    Na ja, und was sind dann die Alternativen? Konkret auf SB bezogen: SB so umschreiben, dass nur registrierte User (mit valider E-Mail und Nutzername) kommentieren können, so dass man die Arschgeigen zuverlässig kicken kann? Ist sicher, schreckt aber sicherlich auch vernünftige Gelegenheitskommentatoren ab.

    Aber ganz allgemein sehe ich nicht, wie man das Problem jemals wird beheben können, ohne die Eigenschaft des Internet, dass jeder prinzipiell sich hier anonym bewegen kann, komplett über Bord zu schmeissen. Ich vermute, dass die meisten Trolle ihr Verhalten ändern würden, wenn es denn tatsächlich mal Konsequenzen mit sich bringt (Strafen für Cyber-Mobbing, Beleidigungen, etc.) (*), weil man ihm/ihr die entsprechenden Taten auch eindeutig nachweisen kann (z.B. über personalisierte IPs oder ähnliches). Da ist die Frage: Wollen wir diese Nachweisbarkeit?

    Nein, wiederum, die Antwort auf Trolle kann nur strenge Moderation sein. Wenn das explizit nicht möglich ist, muss die Gemeinschaft es wenigstens implizit machen. Das ist sowieso besser: Wenn es klar ist, dass sexistisches, xenophobes oder einfach unangebrachtes Verhalten laut angeklagt werden muss. Wer das nicht tut, lässt einfach nur sein Privileg heraushängen, nicht unmittelbar getroffen zu sein.

    Hmm, ich muss gestehen, dass ich keine Lust habe, ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, weil ich gemeinen Unsinn nicht kommentierend anklage (wenn ich drüber stolpere). Da ist vielleicht auch ein bißchen das Problem, wo bei einem Blogbesitzer die Störschwelle losgeht, oder was als persönlicher Angriff aufgefasst wird. Dass Georg bei primaklima z.B. mal moderiert, passiert ja erst nach massivstem Rumgetrolle – soll man da als Leser irgendwann vorher eingreifen? (Georgs Dies und Das-Thread halte ich auch für ein abschreckendes Beispiel für den Fall, dass Leute versuchen, Trollen Gegenrede zu geben).

  32. #32 MartinB
    04/23/2012

    @Wolfgang
    Verstehe ich vollkommen, deswegen habe ich den punkt ja überhaupt ins Spiel gebracht und den Blogpost vom “Crommunist Manifesto” verlinkt. Ich empfinde es letztlich auch als Unverschämtheit, dass man mit dunkler hautfarbe besser keine Kapuzenpullover trägt, damit man nicht als Bedrohung wahrgenommen wird.
    Es ist aber leider so, und das gilt wohl auch für den Schrödinger-Vergewaltiger.
    Die Frage, was man daraus macht, muss letztlich jeder für sich beantworten.

  33. #33 WolfgangK
    04/23/2012

    Wie sehr wir in der Gesellschaft in Wirklichkeit noch von nichtdiskriminierendem Verhalten entfernt sind und das Problem bezüglich der dem Mann zugeschriebenen Gewalttatshäufigkeit eigentlich immer noch ein (anerzogenes) Geschlechterproblem (Stichwort Priming) ist, zeigt das zufällig heute erschienene Essay von Christoph Kucklick in SPON

  34. #34 BreitSide
    04/23/2012

    @WolfgangK: “bezüglich der dem Mann zugeschriebenen Gewalttatshäufigkeit”

    Aha, in Wirklichkeit sind Frauen viel gewalttätiger? Dazu hast Du sicher Zahlen…

    Zum Beispiel die von Deinem SpOn-Schreiberling: “Nur fünf Prozent aller Gefängnisinsassen sind weiblich – eine historisch Mini-Quote, frühere Zeiten sperrten durchaus paritätisch ein”

    Aha, die guten alten Zeiten, als man noch Hexen verbrannt hat. Da kommt einem ja noch abends das Frühstück hoch, wenn man so einen Flachfug liest. Und das in SpOn. Wusste gar nicht, was für eine misogyne Journaille die beschäftigen.

  35. #35 Bullet
    04/27/2012

    Nein? Dabei ist das doch common sense