i-1607f984ea73aae7a0d3e2135d0da7ee-Schweinegrippe_Mexikostadt.jpgHaben Sie nicht vor einer Sekunde gehustet? Und sind Sie nicht auch ein bißchen verschnupft? Spüren Sie vielleicht sogar allgemeine Grippesymptome in sich aufsteigen? – Keine Sorge: es dürfte sich kaum um anderes, als eine belanglose Frühjahrserkältung handeln. Die Schweinegrippe, so darf man annehmen, ist es nicht.

Aber wie kommen wir überhaupt auf diesen Gedanken? Es ist doch kaum 48 Stunden her, als wir diesen Begriff “Schweinegrippe” zum ersten mal hörten! Und schon ist der Begriff zur Chiffre eines relevanten, diskussionswürdigen und schlagzeilenfüllenden “Risikos” geworden. Aber wovon reden wir eigentlich, wenn wir von Risiken sprechen?

Globale, mediale Risikogesellschaft

Der aktuelle Fall, also die Meldungen über die Schweinegrippe in Mexiko und den USA, illustriert einmal mehr zwei grundlegende Sachverhalte: erstens leben wir im Horizont globaler Risiken, zweitens ist diese Risikogesellschaft ein Medienereignis.

Niklas Luhmann, der Bielefelder Soziologe und Gesellschaftsanalytiker, brachte den zweiten Aspekt folgendermaßen zum Ausdruck:

“Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.”1

Gut, heute müßte man diese Aussage möglicherweise in der Hinsicht differenzieren, als daß sich neue Medienformate – wie etwa Blogs oder Twitter – etabliert haben, die nicht uneingeschränkt als Massenmedien bezeichnet werden können. Aber auch wenn man in Luhmanns Zitat Massenmedien streicht, so ist seine Feststellung keineswegs trivial.

Denn wie eingangs erwähnt: Weshalb sorgt das auffällige Husten des Nebenmanns im dichtgedrängten Bus heute für irritiert-hektische Blicke, wo doch derselbe soziale Sachverhalt (=Husten) noch vor wenigen Tagen vollkommen irrelevant geblieben wäre?

Eben! Die Information aus den Medien, die über die Schweinegrippe berichten und uns darüber informieren, daß mittlerweile Europa erreicht wurde, führt dazu, daß ein profanes Husten plötzlich andere Anschlußhandlungen nach sich zieht. Denn wer weiß schon, ob der hustende Nachbar nicht gestern von seiner Fernreise aus Mexiko zurückgekehrt ist…?

Feine Unterschiede: Gefahren und Risiken

Der globale Nachrichtenfluß, der in Echtzeit über alle verfügbaren Kanäle zu uns vordringt, führt im Ergebnis dazu, daß wir – wie im aktuellen Fall – im Horizont globaler Risiken leben. Wobei hier genau zu unterscheiden ist: Risiken und Gefahren sind nämlich nicht identisch!

Die sozialwissenschaftliche Forschung hat in der Analyse des Umgangs mit unsicheren Zukünften auch bestimmte terminologische Unterscheidungen eingeführt, die durchaus interessant sind. Im Hintergrund steht ein gemeinsamer Sachverhalt: der Eintritt von Schadensereignissen in der Zukunft. Die Frage also, ob die Schweinegrippe tätsächlich eine Pandemie wird, wer davon betroffen sein wird, wieviele Opfer es geben wird, ob wir selbst dazu gehören etc.

In der Gegenwart lassen sich hier aber zwei Aspekte bzw. Dimensionen unterscheiden: Risiko und Gefahr. Die Unterscheidung (die man nicht verabsolutieren sollte, aber sie leistet in der Analyse von Risikophänomenen gute Dienste) geht u.a. wieder auf Niklas Luhmann zurück, der in gewisser Weise die fremd- und selbstreferentielle Dimension unterschieden hat. Er schrieb:

“Wenn etwaige zukünftige Schäden (…) auf Entscheidungen zugerechnet werden, geht man (…) ein Risiko ein; Schäden, die außerhalb dieses Einflußbereiches liegen, werden, solange sie noch unsicher sind, als Gefahr angesehen.” 2

Alle negativen Ereignisse, die wir infolge (bewußter) Entscheidungen eingehen, sind also in diesem Sinne als Risiken zu bezeichnen. Risiko ist also die In-Kaufnahme potentieller Schädigungen, zu Gunsten konkreter Nutzenerwartungen. Konkret: Wer heute zu einem Badeurlaub nach Mexiko reist, handelt riskant.

Im Unterschied dazu gibt es bei Gefahren keine Entscheidungsmöglichkeit in der Gegenwart. Die (künftigen) Betroffenen können also den Schadenseintritt nicht auf zurückliegende Entscheidungen zurechnen, oder anders: mangels Entscheidungsalternativen oder Wissen, kann man im Fall einer Gefahr nicht ausweichen. Und konkret: wenn mich der besagte, Mexikotourist in der Münchner U-Bahn heute auf dem Nachhauseweg anhustet, so kommt hier die Gefahrendimension zum Ausdruck. Noch konkreter: die U-Bahnfahrt in Zeiten globalen Massentourismus ist gefährlich.

Transformationen: Wie Gefahren zu Risiken werden können,
oder: Wenn die Schweinegrippe in Europa ankommt

Und daß diese Gefahr konkret werden und sich möglicherweise schnell in ein Risiko verwandeln kann, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, was passiert, wenn tatsächlich in den nächsten Tagen einige Fälle der Schweinegrippe in Europa auftreten sollten. (Der erste Fall in Spanien ist schon vermeldet.)

Dann also – versorgt durch das Wissen der Medien – ist plötzlich auch die U-Bahnfahrt riskant. Denn dann muß ich damit rechnen, angesteckt zu werden. Es ist meine Sache, wie ich mich hier verhalte.

Ich für meinen Teil fahre lieber mit dem Rad. Was natürlich – in anderer Hinsicht – ebenfalls ein risikobehaftetes Unterfangen ist.

Auf dieser Karte sind die Verdachtsfälle und die bestätigten Fälle der Schweinegrippe verzeichnet:


View 2009 Swine Flu (H1N1) Outbreak Map in a larger map

Mehr zur Schweinegrippe auf ScienceBlogs:

Fußnoten:

1 Niklas Luhmann. Die Realität der Massenmedien. Opladen 1996, S. 9
2 Niklas Luhmann: Risiko und Gefahr, in: Soziologische Aufklärung 5, S. 141

Kommentare (4)

  1. #1 Andreas Bemeleit
    April 29, 2009

    Die Karte im Artikel scheint nicht zeitnah gepflegt zu werden. Es gibt eine andere Karte. Hier war der Todesfall aus Texas eingetragen, bevor mich die CNN Breaking News erreichte.

    Die aktuelle Karte ist hier zu finden.
    http://zwischenzeit.de/blog/?p=204

  2. #2 Marc
    April 29, 2009

    @Andreas.

    Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe die eingebundene Karte in aktualisierter Variante eingefügt.

  3. #3 stef_man
    April 29, 2009

    hier ein karte von deutschen fällen..wäre passender
    gruß