i-6ca8b8e24fb0a6393960c4c4fdf6a397-Handy.jpgErhöht die Handynutzung das Risiko an einem Hirntumor zu erkranken? Das ist im Kern die Forschungsfrage der sogenannten Interphone-Studie, die im Jahr 2000 gestartet ist. Inzwischen ist die Studie in allen Ländern abgeschlossen. Doch die Publikation der Ergebnisse lässt auf sich warten. Nun scheinen erste Befunde durchgesickert zu sein. Glaubt man der aktuellen Berichterstattung des “Daily Telegraph”, so dürften die Resultate für viel Gesprächsstoff sorgen.

Die Forschung zu den Effekten von Mobilfunkstrahlung auf Mensch und Umwelt hat u.a. mit zwei großen Problemen zu kämpfen: zunächst machen fast immer zu geringe Fallzahlen die Ergebnisse fragwürdig. Wenn es um (glücklicherweise) verhältnismäßig seltene Erkrankungen wie etwa Tumorerkankungen im Kopfbereich geht, dann sind ein paar hundert Probanden einfach zu wenig. Zweitens ist häufig der Untersuchungszeitraum viel zu kurz.

Diese beiden Schwächen hat die Interphone-Studie nicht. Im Jahr 2000 begann man unter Regie des Internationalen Krebsforschungszentrums der Weltgesundheitsorganisation in Lyon (IARC) mit einer epidemiologischen Fallkontrollstudie in insgesamt 13 Ländern. Innerhalb der Studie (die von der EU finanziert wird) wurden die Daten von Hirntumorpatienten (hauptsächlich Gliome, Meningiome und Akustikusneurinome) erhoben und mit den Daten von gesunden Kontrollpersonen verglichen. Dieses Material wurde mit den Informationen über die Handynutzung der einzelnen Personen gekoppelt und nun untersucht.

Interphone-Studie: Exposition, Korrelation und geringe Inzidenz

In 13 Ländern (Deutschland, Australien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Israel, Italien, Kanada, Neuseeland, Norwegen, Schweden, USA) wurden knapp 13.000 Personen für die Studie untersucht und befragt. Keine andere Studie zum Krebsrisiko durch Mobilfunknutzung ist so umfassend. Und das ist es eben auch dringend notwendig, da die fraglichen Tumorarten eine so geringe Inzidenz haben, braucht man diese Fallzahl einfach.

Immer mehr Teilergebnisse sickern durch. Ist das Tumor-Risiko durch Handynutzung doch erhöht?

Nun ist es aber so, daß die Ergebnisse einiger Länder schon seit geraumer Zeit vorliegen. Dem Vernehmen nach gab es in manchen Ländern (u.a. Deutschland, Japan, Frankreich) keine Auffälligkeiten.

Allerdings kursieren schon lange Informationen darüber, daß einige der beteiligten Forscher durchaus alarmierende Ergebnisse aus ihren Daten ableiten. Bereits letztes Jahr hat Lennart Hardell von der Universität Örebro die vorliegenden Interphone-Daten zusammen mit eigenen und anderen Befragungen analysiert. Er schlußfolgerte, daß sich das Risiko von zwei Tumorarten nach zehnjährigem Handy-Gebrauch auf der bevorzugten Telefonierseite um 100% erhöhe.

Warum wird die Publikation der Resultate verzögert?

Warum lässt der Abschlußreport so lange auf sich warten?

Inzwischen sorgt der fehlende Abschlußbericht für immer mehr Irritationen. Anscheinend gab es hinter den Kulissen heftige Streits bzgl. der Interpretation der Ergebnisse und der Art und Weise der Publikation. Die Teilergebnisse aus manchen Ländern hatten jedenfalls deutliche Indizien für ein erhöhtes Tumorrisiko ergeben.

Der “Daily Telegraph” verfügt nun offenbar über weitere Informationen. Angeblich liefert die Interphone-Studie statistisch belastbare Belege für ein erhöhtes Tumorrisko bei Intensivnutzung:

A preliminary breakdown of the results found a “significantly increased risk” of some brain tumours “related to use of mobile phones for a period of 10 years or more”

Man darf also sehr gespannt sein, wann die Ergebnisse endlich offiziell veröffentlicht werden. Die Tatsache, daß man so lange zögert, ist tatsächlich seltsam und unerfreulich.

Links:

Kommentare (27)

  1. #1 Lars Fischer
    Oktober 26, 2009

    Eine relative Erhöhung der Tumorrisikos “um 100 Prozent” sagt für sich genommen erstmal nichts aus. Wie spannend das ist hängt davon ab, wie häufig der Tumor ist. Alarmierend finde ich dagegen, dass die Leute mal wieder die relative Erhöhung zitieren, um möglichst hohe Zahlen präsentieren zu können.

  2. #2 Andrea N.D.
    Oktober 26, 2009

    Wie guten “Wissenschaftsjournalismus” macht der Daily Telegraph? Ich fand den verlinkten Artikel ziemlich “ungeordnet”. Im Artikel kam auch die angeblich verzögerte Veröffentlichung nicht zur Sprache oder habe ich das überlesen? Beziehen sich eigentlich alle Meldungen auf diesen einen Artikel?
    Generell finde ich Artikel, in den “man sollte, sollten, man darf” etc. vorkommen ziemlich unangenehm zu lesen. Es wird irgendeine Norm postuliert, die aber nicht genannt wird. So bleibt das Ganze schön schwammig und “man” “muss” nicht eindeutig Stellung beziehen, kann aber wunderbar polemisieren.
    Was den Inhalt angeht, bliebe noch einiges zu klären. Deutliche Indizien für ein erhöhtes Tumorrisiko = im Klartext? Oder wird hier im Text das Ergebnis des Daily vorweggenommen: “significantly increased risk”? Das wäre dann irgendwie eine Art tautologische Übersetzung. Für wann war der Abschlussbericht geplant? Warum wird dieser Zeitraum nicht benannt, wenn schön des öfteren bemängelt wird, dass er verspätet ist? Was wären weitere Ursachen für eine mögliche Verzögerung (= objektive Berichterstattung, nicht auf einen Punkt fokusiert)? Obwohl es in einigen Ländern keine Auffälligkeiten gab, gab es sie offensichtlich doch: kursierende alamierende Ergebnisse (sollen das Fakten sein?) – na ja, unter Wissenschaftsjournalismus würde ich mir etwas anderes wünschen. Und ich habe bisher keine Meinung dazu, ich möchte nur vernünftig informiert werden. Daily trägt dazu sicherlich nicht bei und der Artikel hier ist auch nicht gelungen.

  3. #3 ali
    Oktober 26, 2009

    Das hatte ich doch auch schon mal bei mir. Es scheint sich nicht viel bewegt zu haben in der Zwischenzeit. Ich würde mal nicht zuviel auf die Aussagen des Daily Telegraph setzen. Ich schätze sie folgen dem altbekannten Muster.

  4. #4 Kapi
    Oktober 26, 2009

    Na prima, wie nicht anders zu erwarten ist das Hausblatt für seriösen Wissenschaftsjournalismus, BLÖD, schon auf den Zug aufgesprungen. Das kann ja heiter werden.
    Wie sich die unveröffentlichten (!) und komplett im luftleeren Spekulationsraum wabernden “Ergebnisse” der sogenannten Interphone-Studie mit dem Fazit des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms (DMF) vertragen wird wohl wie gewohnt das Geheimnis des Krakeeler-Blatts bleiben.

  5. #5 Marc Scheloske
    Oktober 26, 2009

    @Lars Fischer:

    Es ist richtig, daß sich 100% natürlich fett anhören. Darum ging es mir gar nicht. Ich hätte auch von einer Verdopplung schreiben können. Aber klar, Du hast recht, daß solche Aussagen eine wirkliche Bedeutung erst haben, wenn man die tatsächlichen Fallzahlen/Erkankungsraten hat. Daß die Inzidenz bei allen fraglichen Tumorarten ziemlich gering ist, habe ich ja geschrieben.

    @Andrea N.D.:

    Nein, mein Text bezieht sich überhaupt nicht nur auf den Daily Telegraph-Artikel. Der war Anlaß, weil dort eben die Studie und die wohl bald anstehende Publikation der Resultate aktuell thematisiert wird. Mit meinen 2 Sätzen direkt vor dem Zitat beziehe ich mich aber auf die Darstellung des Telegraph.

    Ansonsten verstehe ich den Kommentar nicht zu 100%. Ist es mein Artikel, der “normen postuliert” und in dem es vor “sollen”, “darf” etc. so wimmelt? (Zitat: “Generell finde ich Artikel, in den “man sollte, sollten, man darf” etc. vorkommen ziemlich unangenehm zu lesen). Und an welcher Stelle polemisiere ich?

    @ali:

    Ah, hatte Deinen Text nicht mehr präsent. Sehr gut. Ja, es scheint sich (wenigstens nach außen) bislang nicht wahnsinnig viel getan zu haben. Außer den paar Dingen, die ich schreibe.

    @alle (und besonders @Andrea N.D.):

    Mein Artikel hatte nicht den Anspruch sich umfassend mit der Problematik des Tumorriskos durch Mobilfunkstrahlung auseinanderzusetzen. Mir ging es um die Information darüber, daß die Veröffentlichung der Ergebnisse der Interphone-Studie ansteht, ich wollte skizzieren, weshalb diese Studie besonders interessant ist und daß man inzwischen sehr gespannt ist, weil die Resultate längst überfällig sind. Mehr habe ich nicht bezweckt.

  6. #6 Marc Scheloske
    Oktober 26, 2009

    @Kapi:

    Moment mal: ich kann nichts für die Berichterstattung der BILD-Zeitung. Und ich selbst habe im Text oben eindeutig kenntlich gemacht, daß es bislang nur widersprüchliche Informationen gibt und nichts bestätigt ist. Ansonsten siehe meinen letzten Kommentar.

  7. #7 Kapi
    Oktober 26, 2009

    @Marc:
    Moment mal: ich kann nichts für die Berichtserstattung der BILD-Zeitung.

    Ei ei, das wollte und würde ich dir auch keinesfalls unterstellen!

    Und ich selbst habe im Text oben eindeutig kenntlich gemacht, daß es bislang nur widersprüchliche Informationen gibt und nichts bestätigt ist.

    Eben! Drum ärgert mich auch der Dummfug der BLÖD, die in bekannter Zirkelschlussmanier ihr Leib- und Magenpendant zitiert und daraus sinnfreien Schlagzeilenmüll produziert.

  8. #8 Dr. Glukose
    Oktober 26, 2009

    Bei der „Handystrahlung“ handelt es sich um elektromagnetische Wellen im Bereich von 800-2000MHz. Die Wellenlängen dieser Strahlung liegt dann bei 37,5-15cm. Bisher geht man sehr stark davon aus, dass Wellen solcher Wellenlängen keine Schäden bei Menschen anrichten können, da die üblichen Effekte von Zellen, wie Poration/Deformation/Fusion im Kopf nicht ausgelöst werden können. Solche Effekte sind nur mittels Strompulsen oder Wechselfelder in einer bestimmten Umgebung möglich und auf keinen Fall durch alleinige Einwirkung von „Handystrahlung“ möglich. Wie man weiss, sind Zellmembranen einer der besten Isolatoren, die es gibt, da sie eine Durchbruchfestigkeit von 100kV/mm haben. Daher sind direkte Schädigungen an Zellen auszuschliessen! Man sollte sich eher Gedanken machen, wenn man mit radioaktiver, Röntgen- oder UV-Strahlung zu tun hat, da diese Wellen mit einer Wellenlänge von 0,0000001 bis zu 0,00000000000001 wirklich Schaden anrichten! Die Wellenlänge von Handystrahlung liegt im Vergleich im Zentimeter-Bereich!

  9. #9 Marc Scheloske
    Oktober 27, 2009

    @Kapi: Alles klar. Einverstanden.

    @Dr. Glukose:

    Die Argumentation hinkt aber gewaltig. Erinnert verdammt an den Standpunkt, daß nicht ist, was nicht sein darf. Aber Du schreibst es letztlich ja auch selbst:

    Bisher geht man sehr stark davon aus, dass Wellen solcher Wellenlängen keine Schäden bei Menschen anrichten können, da die üblichen Effekte von Zellen, wie Poration/Deformation/Fusion im Kopf nicht ausgelöst werden können.

    Dein Satz beginnt mit “bisher”…. Soll ja schon vorgekommen sein, daß man Wissen revidieren mußte.

  10. #10 Andrea N.D.
    Oktober 27, 2009

    @Marc:
    Ich habe verstanden, dass Sie uns keine detaillierten, fachspezifsichen Pros und Contras über Mobilfunk liefern wollten, sondern uns über die verzögerte Studie informieren wollten. Sie (oder Ihre Quellen) spekulieren jedoch über die Gründe der Verzögerung und Sie haben nach wie vor keine Angabe über den Zeitrahmen der Verzögerung gemacht. Wann hätte die Studien denn veröffentlicht werden sollen?

    Ich halte den Grundtenor für polemisch und ich verstehe darunter “wenig Fakten, viel Irrtitationen”, wie ich es im letzten Absatz meines ersten Kommentars angeführt habe. Gründe für eine verzögerte Veröffentlichung gäbe es vermutlich einige, Ihr Artikel suggeriert jedoch, dass die Studie nicht veröffentlicht werde, weil ” Anscheinend gab es hinter den Kulissen heftige Streits bzgl. der Interpretation der Ergebnisse und der Art und Weise der Publikation. Die Teilergebnissen aus manchen Ländern hatten jedenfalls deutlich Indizien für ein erhöhtes Tumorrisiko ergeben.”, d.h. hier wird der Zusammenhang “Nichtveröffentlichung – Tumorrisiko” suggeriert; wobei Sie auch auf die Frage der wortwörtlichen Übersetzung aus dem Daily nicht geantwortet haben.

  11. #11 Ludmila
    Oktober 27, 2009

    @Marc: Dr. Glukose hat aber Recht. Erst einmal sollte man sich klarmachen, was da wie mit ner Zelle interagiert. Denn wo nix interagiert, passiert auch nix. Es kommt wie immer auf Energie und Dosis an und was man so im Hintergrund noch so rumfleuchen hat, was aber keine Sau interessiert, weil man meint, dass das aber natürlich und daher gut sei.

    Nur mal so als Info: Zellen bestehen auch “nur” aus Atomen. Und wenn die Energie einer Welle nicht ausreicht, um die Atome dieser Zellen in irgendeiner Weise anzuregen, weil die Energie nicht passt, dann passt sie nicht. Das hat nichts mit “Es kann nicht sein, was nicht sein darf zu tun”. Es hat was mit Naturgesetzen zu tun, die sich dummerweise nicht in Luft auflösen werden, nur weil man es gerne hätte. Viel eher scheint mir so, als ob die “Handys sind gefährlich”-Vertreter eine Welt zusammenbasteln, die nicht existiert, damit sie sich ein Gefährdungs-Szenario herbeifantasieren können.

    Und wieso wird bitte schön immer so getan, als ob die ach so natürliche Welt frei von EM-Strahlen, Röntgenstrahlung und Radioaktivität wäre. Das ist sie nicht.

    Es ist ja auch nicht so, als ob wir EM-Wellen erst gestern entdeckt hätten und nicht seit fast nem Jahrhundert die Menschheit mit Radiowellen beschallen. Und was Wunder, Handys strahlen im Radiowellen-Bereich. Oder hattest Du als Kind damals Angst vor dem Transistorradio? Oder hat jemand Angst vor dem Radiowecker neben dem Bett?

    Man kann sich natürlich immer auf die Schiene stellen “man kann das nie ausschließen, es könnte ja.blablablubb” Super, diese Schwachsinns-Schiene hatten wir schon beim LHC und den Schwarzen Löchern. Find ich jetzt nicht so toll.

    Ich finde es jedenfalls ganz und gar nicht plausibel, dass niederenergetische Wellen geringer Intensität was mit dem Gehirn anstellen sollten. Allerhöchstens kommt da ein bisserl Wärme mit ins Spiel. Die kriegt man aber auch, wenn man an nem Sommertag in der prallen Sonne rumläuft. Und mal ehrlich: Wir haben 2009, so langsam sollte es gut sein mit der Handy-Hysterie.

    Ach ja und von wegen Mikrowellenstrahlung und so, die verwirrenderweise auch mit der Wellenlänge der Handywellen überlappt. Ne Mikrowelle funktioniert auch nur, weil man die relativ niederenergetischen Wellen in einem Resonator im Herd, der aus Metall besteht, ständig hin- und her spiegelt und so die Energien sich aufsummieren. Wie bei einer Schaukel, wo man immer und immer wieder einen kleinen Schubs gibt. Und die Anregung erfolgt nur, weil die Wellenlänge zufälligerweise zu den Schwingungen von Wasser- und Fettmolekülen passt und wir das Glück haben, dass fast alle Lebensmittel das eine oder andere enthalten.

    Wenn Handy-Nutzer beim Telefonieren Ihren Kopf in einen Resonator stecken, dann unterhalten wir uns mal über die Gefahr das Hirn zu grillen. Ansonsten offenbart das Herumwerfen von Wörtern wie Mikrowellen oder gar dieses dummen unphysikalischen Unworts Handystrahlen bestenfalls profundes Halbwissen.

    Und ja, ich bin inzwischen sehr angenervt über die Irrationalität, die bei dem Thema ausbricht.

  12. #12 Marc Scheloske
    Oktober 27, 2009

    @Andrea N.D.

    Zunächst gibt es zwischen uns offenbar unterschiedliche Ansichten, was mit dem Begriff “Polemik” bezeichnet wird. Aber die Leser des Artikels können vermutlich für sich selbst beurteilen, ob dieser polemisch gefärbt ist.

    Zu den Fragen: Die zusammengefassten Ergebnisse der Interphone-Studie sollten ursprünglich Ende 2008 publiziert werden. Klar ist aber auch, daß sich solche Termine verschieben können. Fest steht aber auch, daß alle Einzelländerstudien seit langem abgeschlossen sind. Das ist keine Spekulation, sondern der eindeutige Sachverhalt. Ebenfalls nicht in den Bereich der Spekulation fällt meine Aussage, daß “hinter den Kulissen” gestritten wird. Das verlautbarte immer wieder von einzelnen Wissenschaftlern des Interphone-Konsortiums.

    Zur Frage des Daily-Telegraph-Zitats: ja, ich habe mit eigenen Worten die Aussage dieser Passage wiedergegeben. Ich wüßte nicht, weshalb das illegitim sein sollte.

    Ansonsten: ich hatte oben nachgefragt, ob der Vorwurf, daß “Normen postuliert” werden meinen Beitrag meint. Ggf. würde mich interessieren, an welcher Stelle ich solche Normen postuliere.

  13. #13 Andrea N.D.
    Oktober 27, 2009

    @Marc:
    Das ist wirklich seltsam, ich kann das “sollen”, “sollte” in dem Artikel hier nicht mehr finden. Vielleicht habe ich mich getäuscht und einen anderen Artikel gelesen? Das verwundert mich ein bisschen, weil ich ursprünglich diese Passagen sogar herauskopiert hatte, den Kommentar dann aber gekürzt hatte. Egal, ich habe mich bestimmt getäuscht und nehme diesen Teil zurück, da er für hier nicht galt.

    Ich denke, generell lief aber meine Aussage darauf hinaus, dass (auch durch direkte Übernahmen per Übersetzung) der Zusammenhang Handynutzung-Tumorrisiko suggeriert wurde und das offensichtlich auch bei anderen Kommentatoren so ankam. Mir schienen die Argumente ein bisschen oberflächlich kombiniert und in den von mir angesprochenen Passagen zeigten sich meines Erachtens auch Inkonsistenzen; aber das habe ich alles in meinen Kommentaren ausführlich erläutert. Von Illegitimität hatte ich nirgends gesprochen; ich meine aber, dass der suggerierte Zusammenhang aufgrund der Fakten des Artikels sehr wohl in den Bereich Spekulation fällt – noch wurde ja gar nichts veröffentlicht? Und wenn der Artikel von vielen möglichen Ursachen für die späte Veröffentlichung genau einen spekulativen Zusammenhang herauspickt und diesen auch noch per Zwischenfragen “Immer mehr Teilergebnisse sickern durch. Ist das Tumor-Risiko durch Handynutzung doch erhöht?” betont, fand ich das zumindest hart an der Grenze zur Polemik.

    Ich habe allerdings gerade die Definition von Polemik bei Wiki nachgesehen und finde diesen Ausdruck doch zu stark. Vielleicht wäre der Ausdruck “einseitige spekulative Argumentation” passender. Wir müssen uns daran aber nicht aufhängen; mir ging es nur darum, darauf hinzuweisen, dass der mögliche Schluss Tumorrisiko-Handynutzung zwar ein netter “Eyecatcher”, aber rein spekulativ ist und andere Spekulationen durchaus in diesem Fall möglich sind und dass diese Suggestion aufgrund ihrer Einseitigkeit meines Erachtens zumindest unglücklich ist und die Wissenschaftlichkeit der Diskussion nicht befördert. Puh, hoffentlich ist das jetzt verständlich.
    Die Kurzzusammenfassung
    “Mir ging es um die Information darüber, daß die Veröffentlichung der Ergebnisse der Interphone-Studie ansteht, ich wollte skizzieren, weshalb diese Studie besonders interessant ist und daß man inzwischen sehr gespannt ist, weil die Resultate längst überfällig sind. Mehr habe ich nicht bezweckt.”
    ist vollkommen in Ordnung und genau das habe ich jetzt auch mitgenommen.

  14. #14 Marc Scheloske
    Oktober 27, 2009

    @Ludmila:

    O.k., grundsätzlich habe ich gar nicht so viele Probleme mit Deinem Kommentar, aber kurz der Reihe nach:

    Viel eher scheint mir so, als ob die “Handys sind gefährlich”-Vertreter eine Welt zusammenbasteln, die nicht existiert, damit sie sich ein Gefährdungs-Szenario herbeifantasieren können.

    Ich denke nicht, daß ich ein Gefährdungsszenario herbeiphantasiere. Ich habe lediglich auf die Studie verwiesen und darauf, daß Epidemiologen eine mögliche Korrelation zwischen Handynutzung und Tumorrisiko im Kopfbereich untersuchen.

    Und wieso wird bitte schön immer so getan, als ob die ach so natürliche Welt frei von EM-Strahlen, Röntgenstrahlung und Radioaktivität wäre. Das ist sie nicht.

    Vollkommen einverstanden. Ich wüßte aber nicht, wo ich jemals (und eben auch im oben stehenden Text) ein Naturideal ohne Strahlen und Radioaktivität beschworen hätte.

    Man kann sich natürlich immer auf die Schiene stellen “man kann das nie ausschließen, es könnte ja.blablablubb” Super, diese Schwachsinns-Schiene hatten wir schon beim LHC und den Schwarzen Löchern. Find ich jetzt nicht so toll.

    Naja, da sehe ich allerdings doch einen himmelweiten Unterschied. Es gibt in Sachen Handys und Krebsrisiko tausende seriöser Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen. In Sachen LHC und Weltuntergang gab und gibt es meines Wissens aber eben keine EU- oder WHO-Projekte, die den hysterischen Spekulationen eines Rössler und Co. nachgehen.

    Kurz: in meinen Augen sind die Befürchtungen im Zshg. mit dem LHC offensichtlich absurd. Der Zusammenhang zwischen Mobilfunk und Krebs scheint aber für viele, viele Wissenschaftler nicht vollkommen abwegig zu sein.

    Ansonsten offenbart das Herumwerfen von Wörtern wie Mikrowellen oder gar dieses dummen unphysikalischen Unworts Handystrahlen bestenfalls profundes Halbwissen.

    Ja, ja, ist ja schon gut. Nur ich habe (wie man nachlesen kann) an keiner Stelle die Wörter “Mikrowellen” oder “Handystrahlen” auch nur ansatzweise in den Mund genommen.

    Und nochmal grundsätzlich: es gibt (und das ist nicht von mir herbeiphantasiert) dutzende Studien, die für einen (negativen) Effekt der Handynutzung einige Indizien liefern oder diesen Effekt zumindest nicht ausschließen können.

    Das beginnt mit Analysen des oben auch erwähnten schwedischen Onkologen Lennart Hardell, geht weiter mit eindeutigen Aussagen des Leiters der kanadischen Teilstudie von Interphone (Bruce Armstrong) und genauso der Leiter des australischen Interphone-Gruppe, die beide einen Zshg. zwischen Handynutzung und einigen Tumorarten aus ihren Daten rauslesen.

    Von Sigael Sidatzki und ihrer israelischen Interphone-Gruppe liegt u.a. eine Publikation vor (2008), die einen Anstieg von Ohrspeicheldrüsentumor nach 10 Jahren Mobiltelefongebrauch zeigt. Und jetzt hat sich nochmals die wissenschaftliche Gesamtleiterin der Studie (Elisabeth Cardis) in mehreren Statements diesen Zshg. bestätigt. Alles natürlich auf Basis der Interphone-Daten.

    Ob das Studiendesign nicht doch Schwächen aufweist, wie die Ergebnisse letztlich bewertet werden sollen etc., darüber können wir uns gerne zu gegebener Zeit unterhalten. Deinen Standpunkt, daß man im Jahr 2009 über diese Themen nicht mehr sprechen brauche, teile ich deshalb nicht. Es geht mir ja bestimmt nicht um Hysterie, sondern um die Diskussion über seriöse wissenschaftliche Studien.

    Hier die Hardell-Studie:

    • Hardell, L., K.H. Mild, and M. Kundi, Evidence for brain tumors and acoustic neuromas, in The BioInitiatives Report: A Rationale for a Biologically-based Public Exposure Standard for Electromagnetic Fields (ELF and RF). The BioInitiative Working Group, D. Carpenter and C. Sage, Editors, 2007.

    Hier Sadetzki:

  15. #15 Kapi
    Oktober 27, 2009

    Reax:
    MMFAI

  16. #16 Ludmila Carone
    Oktober 27, 2009

    @Marc: Mit dem LHC-Beispiel wollte ich nur zeigen, was man damit anrichten kann, wenn man dieses “Argument” “Man kann es nicht ausschließen, wer weiß?” auf die Spitze treibt. Es ist eben kein vernünftiges Argument, wenn man damit offensichtlichen Blödsinn rechtfertigen kann.

    Es gibt in Sachen Handys und Krebsrisiko tausende seriöser Wissenschaftler, die sich damit beschäftigen.

    Also komm. Wieviele tausende Wissenschaftler beschäftigen sich seriös mit Homöopathie, ohne dass dabei was Vernünftiges rumkommt? Zunächst mal ist die Zahl an Wissenschaftlern, die sich mit etwas beschäftigen, lediglich ein Zeichen dafür, dass die persönlich das aus irgendwelchen Gründen Ernst nehmen. Es nimmt aber keinesfalls bereits das Ergebnis voraus. Das heißt, nur deswegen muss an diesen Ängsten noch lange nichts dran sein.

    Dafür bräuchte es nämlich so etwas wie Ergebnisse.

    Und mal ehrlich, bei den vielen Wissenschaftlern, die sich jetzt nun seit Jahrzehnten mit beschäftigen, kommt man nicht über das Stadium Indizien heraus? Geschweige denn, das man denn irgendeinen Wirkmechanismus für die vermuteten Schäden vorweisen kann? Ist doch ein bisschen arg wenig Substanz bei tausenden von Wissenschaftlern. Und ich vermute ganz stark, wenn da nicht diese diffuse Grundangst vor unsichtbaren Strahlen als Beweggrund hinter stehen würde, dann wären die Studien zu dem Thema bei weitem nicht so prominent in den Medien bei dem bisschen, was dabei rumkommt.

  17. #17 Dr. Glukose
    Oktober 27, 2009

    Ich wollte einfach sagen, dass Zellen auf keinen Fall betroffen sind von dieser Strahlung, sondern dann eher (falls überhaupt) molekulare Mechanismen. Ich kann mir grad aber nich vorstellen, welche genau dies sein könnten, deswegen warte ich geduldig die Veröffentlichung der Studie ab um endlich einen Grund für das angebliche Auslösen von Tumoren zu haben.

  18. #18 Christoph
    Oktober 27, 2009

    Ich habe auch Teile der Interphonestudie, soweit sie veröffentlicht und zugänglich waren, angeschaut. Ich denke auch bei der großen Anzahl der Gesamtteilnehmer der Interphonestudie ist zumindest in diesen (Teil-)Veröffentlichungen die Zahl der untersuchten Fälle doch recht gering, so dass es ein großen Konfidenzintervall existiert. Hinzu kommt, dass per-Definition in 5% aller Studien das wahre Ergebnis außerhalb dieses Intervalls liegt.
    Ich bin insofern auch sehr gespannt auf die endgültige Veröffentlichung.
    Bis jetzt sieht es für mich so aus, dass eine Gefährdung durch Mobilfunkstrahlung eher gering bis nicht-existent zu sein scheint.
    Wenn man an die Auswirkungen eines Nocebo Effektes denkt, halte ich es dem momentanten Kenntnisstand nicht für unwahrscheinlich, dass die Gefahr für die Gesundheit durch Panikmache größer sein könnte, als die wahre Strahlung.
    Den Verweis auf die nicht zellschädigende Wirkung halte ich für schwach. Es kann doch schon ausreichen, wenn die nicht geschädigten Zellen einfach etwas in ihren Prozessen behindert werden.

  19. #19 Dr. Glukose
    Oktober 28, 2009

    @Christoph: Ja das stimmt, es werden irgendwelche molekularen Prozesse beteiligt sein, wie es bei der Krebsbildung immer der Fall ist.. Eben diese müssen durch die Studie aufgedeckt werden, sonst macht sie ja keinen Sinn…deswegen erhoffe ich mir davon eine Erklärung zu erhalten, wie genau es denn zur Tumorbildung kommt. Ich stehe dem aber kritisch gegenüber, da es für mich bisher unverständlich ist, wie Radiowellen Krebs auslösen sollen, da ihre Energie keinesfall für chemische Prozesse ausreicht. Ein direktes Zerstören von Gehinrzellen oder sonstigem schliesse ich aber eindeutig aus. Dies meinte ich mit meiner ganz obigen Aussage, da die Vorraussetzungen zur Durchbrechung von Membranen nicht gegeben ist.

  20. #20 Clay Bennett - Fan
    Oktober 28, 2009

    Nette Clay Bennett Karikatur zum Thema:

    http://www.timesfreepress.com/news/2009/oct/27/cell-phones

    Scheint so als wäre das auch in den USA ein Thema.

  21. #21 Redfox
    Oktober 29, 2009

    “Und wieso wird bitte schön immer so getan, als ob die ach so natürliche Welt frei von EM-Strahlen, Röntgenstrahlung und Radioaktivität wäre. Das ist sie nicht.”

    Man denke nur an die Strahlung von Radon-Zerfallsprodukten.

    “Für ungefähr 10 % aller Bronchialkarzinome ist Radon verantwortlich.”
    http://de.wikipedia.org/wiki/Radon-Zerfallsprodukte

    “Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit hatte im März 2005 einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Grenzwerte für die Radonkonzentration in Gebäuden festlegen sollte. Als Zielwert waren 100 Becquerel pro Kubikmeter Luft für Neu- und Altbauten geplant. Wegen der vorgezogenen Bundestagsneuwahl am 18. September 2005 konnte das Gesetzesvorhaben nicht beendet werden, und in der folgenden 16. Legislaturperiode wurden hierzu keine Regelungen beschlossen.”
    http://de.wikipedia.org/wiki/Radonbelastung

  22. #22 Thomas Schreier
    Oktober 29, 2009

    @Marc Scheloske:

    Zum (Haupt-)Autor des “Kommentar zur Interphone-Studie” (DÜRRENBERGER) ist anzumerken, dass dessen “Neutralität” zumindest insofern angezweifelt werden darf, als er, bzw. die “Forschungsstiftung Mobilkommunikation” ja (auch) von der Schweizer MOBILFUNKINDUTRIE (!) mitfinanziert, also “bezahlt” wird.
    Diese Unternehmen treten dort auch ganz “offiziell” als “STIFTER” und “SPONSOREN” auf:
    http://www.mobile-research.ethz.ch/sponsoring.htm

    @”Dr. Glukose”:

    Das Wissen darüber, dass “Handystrahlung” auch über NIEDER-frequente (!) Signalkomponenten verfügt, scheint noch immer nicht allgemein bekannt zu sein (…), kann aber zB hier nachgelesen werden:
    http://www.fgf.de/publikationen/newsletter/newsletter07-04d.pdf
    Zum EFL-Bereich existiert sogar (…) ein “spannendes” WHO-Dokument mit dem Titel:
    Extremely Low Frequency Fields – Environmental Health Criteria – Monograph No.238, es kann hier nachgelesen werden:
    http://www.who.int/peh-emf/publications/elf_ehc/en/index.html

    @Ludmila Carone:

    Nur mal so als Info: Zellen bestehen auch “nur” aus Atomen. Und wenn die Energie einer Welle nicht ausreicht, um die Atome dieser Zellen in irgendeiner Weise anzuregen, weil die Energie nicht passt, dann passt sie nicht. Das hat nichts mit “Es kann nicht sein, was nicht sein darf zu tun”. Es hat was mit Naturgesetzen zu tun, die sich dummerweise nicht in Luft auflösen werden, nur weil man es gerne hätte.

    Das ist so weit schon klar, ABER, NUR mit den (Natur-)Gesetzen der “TOTEN” (!) Physik können nun mal nicht SÄMTLICHE Vorgänge in “offenen”, rückgekoppelten, selbst organisierenden und v.a. LEBENDEN (!) biologischen Systemen” (Mensch-Tier-Pflanze-Zelle) “erklärt” werden!
    Sogar in der so schön berechenbaren (…) “Welt der Physik” scheint es – leider – auch noch immer “unerklärliche Phänomene” zu geben und auch die “lösen sich nicht in Luft auf” (…):
    http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/hintergrund/296020.html
    http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/296739.html

    …dann “darf” es solche (für manche “unpassenden”…) “Phänomene” doch auch in anderen (Wissens- und Forschungs-) Bereichen geben, oder?

  23. #23 Wolfgang Flamme
    November 10, 2009

    Die ‘richtige’ Interpretation der Ergebnisse ist natürlich der entscheidende Punkt. Denn die Gruppen der Viel- und Wenig-Mobiltelefonierer dürften über das Telefonierverhalten hinaus recht inhomogen sein. Und die Effektstärke dürfte über die physische Wirkung hinaus auch noch weitere nichtlineare Effekte aufweisen, zB nutzen dauertelefonierende Geschäftsleute wohl schon aus Bequemlichkeitsgründen häufiger Freisprecheinrichtung/Headset als Wenigtelefonierer usw. Wer will das alles sauber herausrechnen, ohne daß die ohnehin schon geringen Fallzahlen mit noch höheren Unsicherheiten befrachtet werden?

    Wird also ausgehen wie das Hornberger Schießen. Mein praktisches Fazit bleibt erstmal: Mobiltelefonieren ist – besonders im Straßenverkehr – gesundheitsschädlich. Nicht, weil sich das Risiko erhöht, an einem seltenen Tumor zu erkranken, sondern weil es sich deutlich verringert.

  24. #24 Andrea N.D.
    November 10, 2009

    “Mobiltelefonieren ist – besonders im Straßenverkehr – gesundheitsschädlich. Nicht, weil sich das Risiko erhöht, an einem seltenen Tumor zu erkranken, sondern weil es sich deutlich verringert.”

    Köstlich!

    Das wäre als Schlagzeile wesentlich neutraler als das bedeutungsschwangere, verbrauchte “Mehr Tumore durch Handys?”.

  25. #25 JS
    Januar 22, 2010

    Ok, ich bin sehr spät drann mit dem Kommentar, aber trotzdem kurz:

    Hab ich das richtig verstanden, dass Hirntumorpatienten im Nachhinein über ihr Telefonierverhalten befragt wurden?
    Wenn ja, dann sehe ich da ein grundsätzliches Problem. Ein Mensch der mittelmäßig viel (was auch immer das heißen mag) telefoniert wird, wenn er gesund ist eher sagen: “Naja, ich telefoniert eigentlich nicht sehr viel.” Einer der an einem Hirntumor erkrankt ist und nach seinem Telefonierverhalten gefragt wird, wird bei gleichem Verhalten wohl eher sagen: “Naja, eigentlich hab ich schon recht viel telefoniert…”

  26. #26 Ulrich Berger
    Januar 22, 2010

    @ JS:

    Das Problem nennt sich recall bias und ist bei retrospektiven epidemiologischen Studien wohlbekannt. Nicht alle diese Studien arbeiten aber mit Befragungen.