Insekten-Riesen, ein Weltrekord und ein Kochbuch

Ich hatte mir zwar fest vorgenommen, in meinem ersten Jahr bei den ScienceBlogs mindestens jede Woche etwas zu berichten, aber dann kam leider doch viel zu viel dazwischen. Im letzten Monat war ich mit mehreren Projekten, Reisen und einer guten Dosis Forschung beschäftigt. Aber jetzt wo die Motten ihr Futter, die Fledermausgesänge die richtige Sampling Rate und ich etwas mehr Zeit habe, will ich einmal genauer schauen was im letzten Monat denn eigentlich alles so los war. Und weil das so gut in mein Spezialgebiet passt, widme ich mich dabei ausschließlich den Insekten. Dort ist so einiges passiert …

Die größten Hoden der Welt

bushcricket.jpgFalls es jemand noch nicht in der Zeitung gelesen hat, die weltweit größten Hoden gehören einem Insekt. Natürlich relativ zur Körpergröße – sonst müssten die Tiere wirklich eine Menge mit sich herumschleppen. Der Gewinner ist eine Laubheuschrecke namens Platycleis affinis, die südliche Beißschrecke. Der Heuschrecken-Herr lebt im Mittelmeerraum und ist laut einer Studie in Biology Letters etwa 1 Gramm schwer. Seine Hoden wiegen aber jeweils ca. 70mg. Zusammen machen sie also fast 14% des Körpergewichtes aus. Die Studie verglich das Gewicht der Hoden von vielen Laubheuschreckenarten mit den aus Literatur bekannten Daten zum Sexualverhalten und konnte bestätigen, dass Hodengröße mit dem Grad an Polyandrie (ein Weibchen hat bis zu 23 Männchen) steigt, die Masse des Ejakulats aber mit steigender Hodengröße abnimmt. Zur Spermienzahl im Ejakulat hingegen konnten die Autoren keine Korrelation finden.

Zum Vergleich: das Gewichtsverhältnis von Hoden und Körper beim Menschen beträgt gerade mal eine Promille.

Meganeura Park: Aufzucht der gigantischen Libellen

Die Geological Society of America hat Ende Oktober bekannt gegeben, dass sie ein Jurassic Park für Entomologen gebaut haben. Na ja, genauer gesagt, sie zogen Insekten in Luft von unterschiedlichem Sauerstoff-Gehalt auf. Schon lange wird angenommen dass die gigantischen Insekten der Urzeit, allen voran die Riesenlibelle Meganeura mit einer Flügelspannweite von bis zu 70cm, auf Grund des vielen Sauerstoffs so groß werden konnten. Insekten haben Tracheen statt Lungen, die es ihnen erlauben den Sauerstoff direkt aus der Luft über ihre Körperoberfläche an alle Orte des Körpers zu bringen; doch genau dieses System stellt heute ein Limit für ihr Wachstum dar. Die Wissenschaftler nutzten für ihr Experiment die Plastizität in der Entwicklung verschiedener Insektengruppen und zogen Libellen, Kakerlaken und andere Insekten in Luft mit 12 bis 40% Sauerstoff auf. Das Ergebnis? Libellen wuchsen tatsächlich schneller und wurden größer wenn der Sauerstoffgehalt groß war. Bei 10 der untersuchten 12 Insektengruppen hingegen war das Gegenteil der Fall – die Insekten wurden kleiner. Allerdings wurden auch die Tracheen kleiner und es wird angenommen, dass diese Ersparnis im Aufbau des Atmungsapparats zur Verbesserung der Reproduktions- und Verdauungsorgane genutzt werden könnte.

Apropos Sauerstoff, es sieht so aus als ob das wertvolle O2 schon länger in großem Maße in der Erdatmosphäre vorkommt als bisher angenommen. Laut einer Studie aus dem Journal Nature wurden in 1,2 Milliarden Jahre alten Gesteinsschichten aus Schottland Hinweise auf Aktivität von Bakterien gefunden, die eine relative große Menge Sauerstoff benötigt haben mussten. Dieser große Anstieg an O2 wurde bisher auf einen Zeitpunkt vor 800 Millionen Jahre datiert und wird allgemein als der Ursprung mehrzelligen Lebens gesehen.

Und blinde Fliegen konnten sehen!

Es ist keine entomologische Variante der biblischen Geschichte vom Blinden, der am See Genezareth das Augenlicht wieder bekam. Stattdessen haben Forscher der University of California San Francisco herausgefunden, wie Fliegen, von denen man dachte dass sie blind seien, trotzdem sehen konnte. Die Bolwig-Organe sind Licht empfindliche Zellen am Kopf von Fliegenmaden, die es ihnen erlauben in gammeligem Obst ihren Weg nach draußen zu finden. Doch auch Tiere ohne dieses Organ finden ins Freie. Mutanten von Drosophila melanogaster-Larven, denen diese Organe fehlten, fanden auch ihren Weg zum Licht. Es stellte sich heraus dass sie Nervenzellen über ihren gesamten Körper verteilt haben, die UV-Licht, blaues und violettes Licht registrieren können. Nicht eine Zelle ist dabei überflüssig; die Anordnung erlaubt es den Larven genauestens die Unterschieden an Licht zu bestimmen und verlieren so nie die Orientierung.

Handlungsreisende Hummeln

Bombus.pngEin berühmtes Problem in der Mathematik ist das Problem des Handlungsreisenden: Der Reisende macht eine Reise durch lauter Orte und versucht dabei, die möglichst kürzeste Strecke auszuwählen. Dabei ist es leichter eine gute Lösung zu finden, als die optimale. Mittlerweile helfen Computer dabei, auch Tausende von Orten optimal zu verbinden. Die Erdhummel, Bombus terrestris, kann das aber schon lange. Um Energie zu sparen, fliegt sie grundsätzlich die kürzeste Distanz. Mit Computer-kontrollierten Blumen wurde dies jetzt getestet – die Hummeln flogen die Blüten nicht in der Reihenfolge an, wie sie sie entdeckten, sondern wählten bei jedem Flug die optimale Route. Wenn zwischendurch eine neue Blüte in die Strecke eingefügt wurde, nahmen sie den neuen „Ort” einfach kostengünstig in ihre Streckenplanung auf. Zu lesen war das im American Naturalist.

Apropos Hummeln …

Da ich in den letzten Wochen ja nicht untätig war, kann ich nun erwähnen dass meine erste (ehrlich, die erste!) Publikation soeben offiziell angenommen wurde. Wir haben in den letzten Jahren nämlich die nordamerikanischen Hummelarten genauer untersucht, um zu schauen, in wie weit die dort tatsächlich vom Aussterben bedroht sind. Unsere Ergebnisse sind leider eher deprimierend. Was genau dort los ist, kann ich aber erst erzählen wenn die Proceedings of the National Academy of Sciences den Artikel zu Beginn des nächsten Jahres veröffentlichen. Juhuu!

Aber das nicht genug. Vor ein paar Wochen erschien auch May Berenbaums neustes Buch – ein Kochbuch rund um die Honigbiene. Darin wimmelt es nur so von Rezepten, die Honig benutzen, oder solchen, die ausschließlich Früchte von Bienen bestäubter Pflanzen verwenden. Das Highlight ist wahrscheinlich Mays preisgekrönte Apiscotti.

Ich durfte dafür das Cover designen und ein paar Illustrationen beisteuern und habe das Buch dafür letzte Woche in der Post gehabt. Wer möchte, kann bei Amazon einmal drin blättern. Ich denke es lohnt sich. Und wer ein Set typisch amerikanischer Measuring Cups zu Hause hat, der kann sich das Buch jetzt auch bei Amazon.de bestellen.

Tja, das hätte mir mal vor Jahren jemand sagen sollen – dass meine erste Publikation ein Kochbuch werden würde …

honeycookbook.jpg

Kommentare

  1. #1 Nils
    November 18, 2010

    Als kleine Ergänzung: über unsere Forschung in den USA und die weiteren Pläne zum Schutz der Hummeln gibt es jetzt auch einen kleinen Artikel bei Nature, frei zugänglich aber auf englisch: Plight of the bumble bee

  2. #2 Biologe
    November 22, 2010

    Ein PNAS-Paper als erstes Paper überhaupt? Nicht schlecht, wahrlich nicht schlecht ;)

  3. #3 KerstinH
    November 22, 2010

    Glückwunsch!
    PNAS, Nature und ein Buch-Cover in einem Monat – große Klasse!
    Bin sehr gespannt auf eure Ergebnisse in Sachen US-Hummeln – und auf die ersten Kochproben natürlich auch. Wohlan!

  4. #4 Nils
    November 22, 2010

    Danke. Ich freu mich auch. Ich muss aber zugeben, das mit dem PNAS Paper ist weniger aufregend als es sich zuerst anhört. Wir haben in einem echt großen Team 3 Jahre lang gemeinsam an dem Projekt gearbeitet. Jetzt publizieren wir alle unsere Daten gemeinsam. Sowas kommt bei PNAS immer gut an. :-)