Der Grund, warum bisher im FlugundZeit-Blog nichts über den Absturz der Piper Saratoga mit Unister-Gründer und -Chef Thomas Wagner stand, war, dass bisher offiziell nur viele Gerüchte und wenige Fakten bekannt sind. Das rechtfertigt keine Stellungnahme in diesem Umfeld.

Mehrere persönliche Anfragen und die darauf folgenden privaten Konversationen mit FlugundZeit-Lesern aber interessieren vielleicht auch andere. Zudem sollte einiges von der Gerüchteküche richtiggestellt und/oder eingeordnet werden.

Die Fakten zusammengefasst (sie wurden in der allgemeinen Presse genügend breitgetreten):

Am 14.7.2016 crashte Unister-Chef Thomas Wagner mit zwei weiteren beruflich bedingten Passagieren in einem gecharterten Flugzeug in den Bergen Sloweniens (Ajdovščina, Goriška). Der Flug startete in Venedig und sollte in Leipzig enden. Am Absturzort wird ein Koffer mit einer großen Anzahl an Geldscheinen gefunden.

Pilot war ein 73jähriger Fluglehrer aus Bonn-Hangelar.
Das Flugzeug, eine Piper 32RT Saratoga ist in den USA als N710CC registriert. Es wurde 2004 hergestellt und 2008 über den Atlantik geflogen.

(RT: R steht für Einziehfahrwerk, also ein sogenanntes High Performance Kleinflugzeug, T für Turbolader – steigert die Leistung von Verbrennungsmotoren in großen Höhen).

Anmerkungen zu den öffentlich diskutierten Schlussfolgerungen…
(…während die unabhängige Flugunfalluntersuchung ihre Arbeit macht, auch ohne dass die Öffentlichkeit ihren Senf dazu gibt.)

Zu den technischen Aspekten

Das einmotorige Flugzeug mit seinem Einziehfahrwerk (für die bessere Performance während des Reisefluges) und Turbolader (Steigflugleistung), zählt zum oberen Range der “Kleinflugzeuge”. Nichts desto trotz ist es mit einem primären Geschäftsflugzeug wie einer turbinengetriebenen Zweimot nicht zu vergleichen. Das wäre aber auch eine komplett andere finanzielle Klasse und auch die Anforderungen an die Lizenz und den Piloten (etwa medizinisch) sind da höher.

Enteisungsanlagen an Kleinflugzeugen sind mit ihren Pendents an Airlinern nicht vergleichbar. Letztere sind tatsächlich wirkungsvoll und effizient und hilfreich. Müssen sie auch sein.

Es ist (mir) nicht bekannt, ob diese Saratoga überhaupt mit einer Enteisungsanlage ausgerüstet war und wenn ja, welcher Art.

Die einfache Technik bei Kleinflugzeugen ist so, das die Vorderkante der Flächen mit einer Gummiwulst bedeckt ist, durch die man das Eis mit Luftgegendruck absprengt. Aktiviert man dies zu früh, wirkt es nicht effizient. Wartet man zu lange, ist es zu spät. Die Enteisung ist also mehr ein Good Will als eine verlässliche Lösung. Sie erniedrigt durch das schlechtere Flügelprofil deutlich die Flugleistung, und das stets, auch wenn sie nicht gebraucht wird. Diese Enteisungsanlage ist eher für den unbeabsichtigten Einflug in Vereisungsbedingungen gedacht, als für einen absichtlichen Einflug in diese Bedingungen (De-Ice System).

Es gibt für die Saratoga auch eine bessere Variante, die für den beabsichtigten Einflug in Vereisungsbedingungen zugelassen sein kann. (Anti-Ice System). Sie besteht nach Herstellerangaben aus Laser-gedrillten Titan Paneelen mit 800 kleinen Löchern je Quadratzoll, aus denen bei (möglichst rechtzeitiger Aktivierung) Enteisungsflüssigkeit austritt.

Die Saratoga N710CC war US-amerikanisch zugelassen und hat noch die Werbung für eine Firma namens Cay Clubs am Heck, deren Gründer im Februar 2016 zu 40 Jahren Gefängnis wegen Betruges verurteilt wurde.

Der direkte Flugweg Venedig-Leipzig führt nicht über Slowenien. Will man aber die höchsten Gipfel auf der direkten Strecke vermeiden, fliegt man einen Umweg, in diesem Fall rechts herum. Für die gewählte Strecke könnte es genauso andere Gründe gegeben haben.

 

Zur Gefahr des Ausreizens

Man kann mit einer viersitzigen Cessna (das hier war der Konkurrenzhersteller Piper) ohne Einziehfahrwerk und ohne Enteisungsanlage über die Alpen fliegen. Kann man. Habe ich schon mehrfach gemacht. Allerdings bei guten Wetterbedingungen und nur mit zwei Personen an Bord. Also unter technisch nicht ausgereizten Bedingungen.

Man kann mit einem Flugzeug auch am oberen Gewichts-Limit (für Menschen plus Spritmenge) abheben. Wenn die Landebahn lang genug ist und während des Fluges keine besonderen strukturellen Anforderungen an das Flugzeug gestellt sind. Fliegt man über die Alpen, dann ist immer auf der einen Seite der Aufwind, und auf der anderen der Abwind, je nach meteorologischer Großwetterlage. Dazwischen, also über den Bergspitzen gibt es die mächtigen Turbulenzen, die auch bei Schönwetter die Stabilität des Flugzeugs stark beanspruchen.

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Kommentare (7)

  1. #1 2xhinschauen
    19. Juli 2016

    Danke für die Fakten – Technik, Rechtliches, Procedures, wie immer! Selten, dass Du so ausführlich auf die Begleitspekulationen eingehst. Muss Dich schon sehr geärgert haben 😉

  2. #2 Aveneer
    20. Juli 2016

    Mit 73 Jahren – da könnten auch gesundheitliche Aspekte eine Rolle spielen?

    • #3 Helga Kleisny
      21. Juli 2016

      Könnten.

      Piloten sind – auch wenn die Presse oft anderes behauptet – vermutlich die best untersuchteste Menschengruppe. Weil sie auch ohne Verdacht auf gesundheitliche Probleme ihre in diesem Fall vermutlich mindestens jährliche gründliche Flugmedizinische Untersuchung haben.

      Bei Führerscheininhabern würde man sich diese gründliche Überprüfung manchmal wünschen…

  3. #4 RPGNo1
    21. Juli 2016

    Ich stelle mal ketzerisch in den Raum: Wenn der Passagier nicht ein bekannter Star der deutschen Internetunternehmerszene gewesen wäre, dann hätte es wahrscheinlich nur eine kurze Dreizeilen-Meldung in den Medien (ob online oder nicht) zum Unglück gegeben ohne jede weitere Spekulation zu den Unglücksursachen. So jedoch …

    • #5 Helga Kleisny
      21. Juli 2016

      Ja. Und?
      Wenn ein Normalo heiratet, interessiert das auch die Presse nicht. Spielt er aber in der Nationalmannschaft, können die Leser nicht genug Berichte darüber kriegen.
      Der Ball ist rund. Ja, und?

  4. #6 RPGNo1
    21. Juli 2016

    Sorry, ich habe mich wohl schlicht zu kurz ausgedrückt.
    Mir geht es darum, das bei dem Unfall einer bekannten Person immer wieder sehr viele Spekulationen ins Kraut schießen. In diesem Fall sind die Untersuchungen noch im Gange sind und die endgültige Ursache steht noch gar nicht fest. Trotzdem ergießen sich alle möglichen (teils seltsamen) Theorien in den Medien. Beim Unfall einer “normalen” Person hätte es eine simple Unfallnachricht in den Medien gegeben und später nach Abschluss der Untersuchungen dann eine Kalrstellung.
    In diesem Sinne ist die nüchterne Darstellung der Fakten in diesem Artikel natürlich ein volltuender Gegenbeweis.
    Ich hoffe mein Standpunkt ist jetzt etwas klarer.

    • #7 Helga Kleisny
      21. Juli 2016

      🙂 Ja.
      Ich denke, dass der transportierte Geldkoffer vor allem die Spekulationen anheizt…
      (Der ist zumindest in meiner fliegerischen Umgebung eher unüblich.)

      Aber again: Das ist nicht Thema dieses Blogs.
      Hier muss es um die Fakten gehen und nicht um Mutmaßungen.