Atomkraftwerke als Klimaretter?

In den letzten Wochen berichtete die deutsche Presse sporadisch von
einer hochinteressanten und richtungsweisenden Debatte, die zur Zeit in
Großbritannien geführt wird: Schützen Atomkraftwerke das Klima?


Die britische Regierung unter ihrem neuen
Premier Gordon Brown hat sich in energiepolitischer Hinsicht bislang
vor allem dadurch hervorgetan, dass man ein ernsthaftes Bemühen
erkennen ließ, die Versorgung der Insel langfristig umweltschonender zu
gestalten – beispielsweise durch den massiven Neubau von küstennahen Windkraftanlagen. In letzter Zeit sind aus dem Regierungslager aber auch immer öfter Stimmen zu vernehmen, die einen Ausbau der britischen Atomwirtschaft
fordern. Nur auf diese Weise, so argumentieren die Befürworter dieses
Vorschlags, seien die strengen Klimaschutzziele der EU überhaupt
einzuhalten. Denn im Gegensatz zu Kohle- oder Gaskraftwerken wird bei
der Stromproduktion in Atomkraftwerken kein CO2 freigesetzt, welches
unter Klimaforschern als wesentlicher Katalysator des anthropogenen
Treibhauseffektes gilt.

Umweltschutz mit Atomkraftwerken? Dies
klingt auf den ersten Blick nach einer eher abstrusen Idee – und auch
bei genauerem Hinsehen bleibt ein schaler Beigeschmack. Wie aktuelle Zahlen
des Bundesumweltministeriums belegen, führen die Amerikaner zur Zeit
mit 20,3 Tonnen CO2 pro Kopf und pro Jahr die Weltrangliste der
Klimabelastung an. Gleichzeitig gibt es kein Land auf der Welt, das so
viele Atomkraftwerke betreibt wie die USA, nämlich ganze 103 von 435
weltweit. Würden Atomkraftwerke besonders umweltfreundlichen Strom
produzieren, wären die Amerikaner ausgesprochene Umweltengel – und dies
lässt sich leider (noch) nicht ernsthaft behaupten.

Die
Vorstellung, dass Atomkraftwerke besonders klimafreundlichen Strom
herstellen, geht auf eine zu beengte Betrachtungsweise zurück. So ist
beispielsweise eine Energiesparbirne, die fünf mal weniger Energie
verbraucht als eine herkömmliche Glühbirne, nicht automatisch fünf mal
so klimafreundlich. Denn wenn für die Herstellung dieser Birne dreimal
so viel Energie verbraucht wird, wie für die Herstellung der
konventionellen Glühbirne, so ist auch dieser Umstand bei der
Beurteilung des Umwelteffektes zu berücksichtigen. Die gesamte
Energiebilanz – von der Herstellung bis zur Entsorgung – ist
entscheidend.

Ähnlich ist es bei Atomkraftwerken: Wenn man die
Energie berücksichtigt, die für den Aufbau, den Unterhalt und den
irgendwann nötigen Rückbau des Atomkraftwerkes benötigt wird, die
Energie, die bei der Förderung und dem Transport von Uran verbraucht
wird, sowie die Energie, die für die Absicherung der Anlagen und der
Atommülltransporte sowie die sichere Endlagerung des Atommülls von
Nöten ist – wenn man all dies berücksichtigt, dann sieht die
Energiebilanz eines Atomkraftwerkes schon nicht mehr so günstig aus.

Als
besonders umweltfreundlich lassen sich Atomkraftwerke deshalb beim
besten Willen nicht bezeichnen. Dazu kommt noch, dass neben der
Energiebilanz und dem CO2-Ausstoß auch andere Faktoren zu
berücksichtigen sind, wenn die Umwelt- und Klimafreundlichkeit solcher
Kraftwerke diskutiert werden soll. Denn eins ist unbestreitbar:
Atomkraftwerke sind und bleiben gefährlich. Wie die im letzten Jahr
durch die Medien gegangenen Zwischenfälle in Krümmel und Forsmark verdeutlicht haben, geht von jedem Atommeiler eine nicht zu unterschätzende Gefährdung aus. Auch die kürzlich veröffentlichte Studie
zum Thema Leukämieerkrankungen bei Kindern zeigt, dass die Meiler
offenbar nicht nur dann gefährlich sind, wenn ein Störfall auftritt,
sondern dass von jedem Kraftwerk eine permanente Gesundheitsgefährdung
auszugehen scheint – auch wenn die genauen Wirkmechanismen noch nicht
geklärt werden konnten (was mich persönlich eher noch mehr beunruhigt).

Auch
wenn mancher dies vielleicht gerne hätte – Atomkraft ist und bleibt
keine Lösung. Da kann man nur hoffen, dass auch die Entscheider auf der
Insel dies irgendwann einsehen und ihren Kurs revidieren, bevor dies
aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr möglich ist. Denn eins ist klar
– wenn die neuen Kraftwerke erst einmal gebaut sind, dann werden sie
sicher nicht so schnell wieder heruntergefahren und abgeschrieben….

Wer
sich übrigens mit der Thematik näher auseinandersetzen will, findet
eine umfassendere Darstellung der Problematik in einem 2007 vom
Darmstädter Öko-Institut herausgegebenen Arbeitspapier,
in dem die Energiebilanz der Atomstromerzeugung detaillierter erläutert
wird. Übrigens: Auch in Deutschland werben die Befürworter der
Atomkraft inzwischen mit der Klimaschutz-Hypothese für
Laufzeitverlängerungen – beispielsweise unter der Web-Adresse: http://www.klimaschuetzer.de.

Kommentare

  1. #1 Beatrice Lugger
    25. Januar 2008

    Auf dem DLD war u.a. auch Shai Agassi, der unter dem Titel “Green Transportation” viel versprach. Ich erwartete zuviel. Alles, was er in der Tasche hatte, ist sein Projekt Better Place für das er allerdings mit viel Überzeugung warb. Alle Autos sollen Elektroautos werden, mit austauschbaren Batterien. Alle Parkplätze sollen Steckdosen haben und so soll überall und immer _grüne_ Mobilität möglich sein. Erstes Projektziel ist Israel mit seinen engen Grenzen (Zitat: “nach 200 Kilometern fährt man im Kreis”). Und Israel setzt vor allem auf Atomstrom (neben ein paar tollen Solarprojekten). Für Agassi ist offenbar klar, dass Atomstrom green ist.

  2. #2 Christian Reinboth
    27. Januar 2008

    Das ist leider genau das Problem: Während Elektroautos prinzipiell eine tolle Sache sind, kann der Individualverkehr in der jetzigen Form nicht aufrechterhalten werden – dies erfordert einfach viel zu viel Elektrizität. Wenn es am Ende darauf hinausläuft, dass Atomstrom zu “grünem” Strom umdeklariert wird, dann bekommen wir “grünen” Straßenverkehr, der in Wirklichkeit keiner ist. Eine bessere Lösung bestünde in der stärkeren Förderung des ÖPNV – wobei Projekte wie Better Place natürlich populärer sind, da sie die Beibehaltung des verkehrstechnischen Status Quo versprechen.

  3. #3 Albert Reymann
    21. Mai 2008

    Was oft übersehen wird ist die forwährende entwicklung der Atomindustrie. Die “third generation reactors”, die allerneusten und besten, schließen die Gefahr eines Unfalls wie Chernobyl fast aus. Das Risiko ist absolut minimal. Auch interessant ist die möglichkeit von Deuteriumreaktoren und Kernschmeltzungs-Reaktoren. Ein Deuteriumreaktor ist nicht radioaktiv, produziert keine gefährlichen Abfälle und verbrennt/zerstört Plutonium (das für Waffen verwendet werden könnte). Atomstrom sollte auf jeden Fall weiter in erwägung gezogen werden.

  4. #4 Beck Jürgen
    23. Juli 2008

    ich finde die debatte an den haaren herbeigezogen, wir taschen treibhausgase gegen hitzentwickelden müll, der sich nicht lagern, sonden nur unter technischen aufwand beherschen läßt, das für lächerliche 100000 jahre…
    plemm plemm land läßt grüßen
    zudem sind die teile mit vierzig jahren laufzeit auch jetzt schon ein wahnwitziges risiko..
    wir legen die zukunft unserer kinder in die hände der bildzeitung

    gute nacht zusammen

  5. #5 Dong-woon Lee
    22. Januar 2010

    “Plemm plemm Land lässt grüßen”?

    Wer sich so ausdrückt verdient keine Beachtung in diese Debatte. So ein Sensationalismus ist hier fehl am Platz.

    Kaufen Sie die Bild um von ihresgleichen zu lesen.

    Zeit aufzustehen Herr Jürgen.