Atomkraftwerke als Klimaretter? (Teil 2)

Letzten Monat hatte ich schon einmal zum Thema Atomkraft und Klimaschutz gebloggt, nun ist die Diskussion schon wieder aktuell. Nach Großbritannien steht jetzt nämlich auch in Schweden der Atomausstieg offenbar wieder zur Debatte, da die schwedischen Liberalen den Ausbau der Atomkraft zum idealen Ausweg aus der Klimakrise erkoren haben.

Während die Zentrumspartei zum Schutz des Klimas den weiteren Ausbau von Windkraftanlagen an der schwedischen Küste bevorzugt, argumentieren die Liberalen für eine stärkere Nutzung der Atomkraft. Damit stellen sie sich erstmals gegen die Ergebnisse einer Volksabstimmung, die vor nunmehr 28 Jahren stattfand und bei der sich eine große Mehrheit der Schweden für einen langsamen Ausstig aus der Atomkraft aussprach. Der wegen dieser Abkehr entbrannte heftige Streit zwischen den Koalitionspartnern beschäftigt heute sogar den Klimarat in Stockholm, der sich am Abend treffen und über den “Ausstieg aus dem Ausstieg” diskutieren wird.

Dass Atomkraftwerke keine klimaneutrale Energie produzieren, ist inzwischen hinreichend bekannt. Warum die Idee, man könne durch die Förderung von Atomkraftwerken die Umwelt schützen, immer wieder in Politikerkreisen hochkocht, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären. Ein zynischer Beobachter könnte vermuten, dass hier vielleicht eine Energielobby für positive Stimmung gesorgt hat – denn wie man mit dem Klimawandel noch Geld verdienen kann, darüber denken bekanntlich viele nach.

Ein gutes Beispiel hierfür sind die Finanzberater der Taipan Publishing Group, die sich für den nachfolgenden, hochprofessionell produzierten Videobeitrag verantwortlich zeichnen (Vorsicht, Ironie), in dem uns ein freundlicher Anlageberater erklärt, wie man aus dem “Umweltboom” noch ein wenig Geld schlagen kann. So zumindest liest sich der bei YouTube eingestellte Werbetext: “Unter dem Klimawandel könnte zwar die deutsche Automobilindustrie schwer leiden, Investoren können aber auch profitieren.” Also eigentlich doch eine feine Sache. Sogar für die Automobilindustrie haben die Taipan-Anlageberater noch gute Nachrichten. Denn, so verkündet unser Anlageberater achselzuckend, die Chinesen interessieren sich beim Autokauf nicht für den CO2-Ausstoß. Was für ein Glück!



Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man solche Beiträge glatt unter “Comedy” verbuchen. Politiker, die wirklich etwas zum Klima- und Umweltschutz beitragen wollen, wären übrigens gut beraten, nicht so sehr auf die Einflüsterungen der Kernenergie-Lobby zu hören, sondern das für den weiteren Ausbau der Atomkraft benötigte Geld lieber in innovative Projekte wie dieses zu investieren:

Kommentare

  1. #1 Jaggard
    20. Februar 2008

    Hallo Herr Reinbolth,

    ich bin vollkommen anderer Meinung, auch nachdem ich ihren vorherigen Blog und auch die angegebenen Quellen gelesen habe.
    Das Atomkraft nicht ganz CO2 neutral ist stimmt. Aber auch die alternativen Energien sind es nicht.
    Hier die Zahlen aus ihrer Quelle (Öko-Institut)
    AKW: 32 g/kWh
    Solar: 27-101 g/kWh
    Wind: 23 g/kWh
    somit steht die Kernkraft recht gut da.
    Hinzu kommt das die anderen Energiearten nicht Grundlastfähig sind. Berechnet man eine Speicherung mit ein, z.B. als Wasserstoff, verschlechtert sind die Bilanz für Solar und Wind dramatisch. (http://de.wikipedia.org/wiki/Wasserstoffwirtschaft)
    Wind und Solarenergie stehen dann wesentlich schlechter da als AKWs.
    Bleibt Wasserkraft. Jedoch sind die sinnvollen Standort für Wasserkraft in Deutschland praktisch ausgeschöpft sind. Den Stand wird in nächster Zeit auch landgebundene Windkraft erreichen. Auf nachwachsende Rohstoffe würde ich auch nicht zu sehr setzten. In den Ländern Südamerikas kommt es jetzt schon aufgrund des Anbaus von Energiepflanzen zu sozialen und ökologischen Problemen. Das Material was anfällt soll genutzt werden, (z.B. könnte man Kläranlagen energetisch Unabhängig machen) aber den Beitrag den nachwachsende Rohstoff zur Energieerzeugung leisten können, ist sehr begrenzt. Da man aus nachwachsenden Rohstoffen Methan oder Methanol erhalten kann würde ich diese Rohstoffe auch lieber für die Herstellung von Kraftstoffen für die Mobile Anwendung sehen.

    Der Schön-Rechnung der Ergebnisse durch Kraft-Wärmekopplung kann ich nicht nachvollziehen. Die Wärmeenergie wird nicht immer benötigt, z.B. gibt es starke saisonale Unterschiede. Strom hingegen muss relativ gleichmäßig bereit gestellt werden. Somit kann die Wärme nicht vollständig genutzt werden.
    Außerdem könnte man bei der günstigen CO2-Bilanz der AKW auf die Idee kommen, einfach elektrisch zu heizen. Sebst wenn die dann insgesamt doppelt soviel Strom produzieren müßte, würde der CO2 Ausstoß mit Heizung auf 64 g/kWh steigen und nicht auf die extrem hohen Werte durch Gas oder Ölheizung. Diese 64 g/kWh sind immer noch besser wesentlich besser als jede Verstromung von fossilen Energieträgern und vieler alternativer Energiearten.
    Darüber hinaus gehe ich davon aus, dass die benötigte Energie für Heizung in Zukunft durch Niedrigenergie- und Passivhäuser sowie Sanierungen stark sinken wird. Es ist mit heutiger Technik denkbar, das man auf Heizen fast ganz verzichten kann. Das Warmwasser sollte dann über solartermische Anlagen hergestellt werden.
    Auf der anderen Seite wird der Bedarf an Strom weiter zunehmen, z.b. durch Elektroautos oder aufladbare Hybridfahrzeuge.
    Die Kraft-Wärme-Kopplung ist sinnvoll, wenn die Wärme sinnvoll genutzt werden kann. Aber die gesamt Stromproduktion, als gut ausgenutzte Kraft-Wärme-Kopplung, kann ich mir nicht vorstellen.

    Da die Verbrennung von fossilen Energieträgern nicht so weiter gehen kann, bleibt nur die Kernenergie.
    Das Argument das der Brennstoff Kernkraftwerke auch nicht mehr lange reicht, stimmt so übrigens auch nicht. Durch Brut-Technologien kann man die Reichweite drastisch steigern. Darüber hinaus lässt sich beispielsweise auch Thorium verwenden. Davon gibt es deutlich mehr. Damit kommt man auf Brennstoff für etwa 20.000 Jahre und nicht 50 Jahre wie es oft ließt. Quelle: Jischa, Herausforderung Zukunft (der Mann ist übrigens Ehrenvorsitzender des Club of Rome und kein Atomlobyist)

  2. #2 Christian Reinboth
    20. Februar 2008

    @Jaggard: Mal sehen, ob ich in Kürze auf alle Ihre Argumente eingehen kann (Sie haben sich ja viele Gedanken zum Thema gemacht, wofür ich mich erst mal bedanken möchte), oder ob es sich mehr lohnt, die Diskussion in einem weiteren Blogpost zu verarbeiten. Ich werde es aber auch jeden Fall erst mal im Kommentarbereich versuchen:

    Wie die Zahlen aus dem Öko-Institut zeigen, ist die CO2-Bilanz der Atomkraft signifikant schlechter als die von Windkraft und Wasserkraft. Bei der Solarenergie ist das Bild gespalten, da manche Solartechnologien in der Herstellung einen hohen CO2-Aufwand verursachen und dieser sich aufgrund geringer Effizienz nicht gut auf kWh umlegen lässt. Wenn man sich aber ansieht, in welchem Ausmaß die Effizienz von Solaranlagen in den letzten Jahren gestiegen ist und wohin diese Kurve deutet, wird klar, dass die für die nächsten Jahre zu erwartenden Effizienzsteigerungen die Solarenergiegewinnung insgesamt mindestens auf Augenhöhe heben werden. Schon jetzt sind ja 27g/kWh möglich, wie Sie selbst schreiben, also schon mal 5g/kWh weniger als bei Atomstrom.

    Während die CO2-Bilanz von regenerativen Energieanlagen sich aufgrund deren steigender Effizienz also in letzten Jahren kontinuierlich verbessert hat und auch während der nächsten Jahre noch ständig weiter verbessern wird, kann sich bei der CO2-Bilanz von Atomkraftwerken nichts mehr bewegen. Es ist daher sinnvoll, die Gelder, die für den Ausbau der Atomkraft nötig wären, in die weitere Forschung im regenerativen Energiebereich zu stecken und die Effizienz dieser Systeme noch weiter zu steigern, dann dürfte der CO2-Bilanzvergleich schon in wenigen Jahren noch viel deutlicher zu Gunsten der regenerativen Energien ausfallen.

    Das Problem der mangelnden Grundlastfähigkeit ist in der Tat Ernst zu nehmen. Auch hier muss die Forschung vorangetrieben werden, um sinnvolle, umweltschonende Möglichkeiten zu finden, überschüssige Energie für Stoßzeiten zu sparen, wie dies beispielsweise heute schon in Pumpspeicherkraftwerken geschieht. Eine Versorgung, die zu 100% auf der Basis regenerativer Energien erfolgt, halte ich aber gerade aufgrund der mangelnden Grundlastfähigkeit in naher Zukunft für ausgeschlossen – was aber nicht bedeutet, dass man an der Atomkraft festhalten sollte, da es ja außer regenerativen Energien und Kernkraft noch andere Möglichkeiten gibt, um Energie zu produzieren. Konventionelle Kraftwerke können beispielsweise so hochgerüstet werden, dass deren CO2-Ausstoß auf ein Minimum sinkt (unter anderem durch eine Speicherung von CO2 im Boden, ein Verfahren, dessen Risiken zugegebenermaßen noch nicht endgültig geklärt sind, die aber keinesfalls mit den Risiken der Atomkraft mithalten können).

    Eine große Chance sehe ich außerdem noch in der Steigerung der Energieeffizienz (z.B. durch innovative neue Beleuchtungsformen) und der Energieeinsparung (z.B. durch den konsequenten Verzicht auf überflüssigen Energieverbrauch). Wenn hier Erfolge erzielt werden, sinkt die abzudeckende Grundlast wodurch sich gleichzeitig das Problem der mangelnden Grundlastfähigkeit verringert, auch wenn es natürlich auf diese Weise nicht vollkommen beseitigt werden kann.

    Die Schön-Rechnung durch Kraft-Wärme-Kopplung geht schon in Ordnung. Erstens kann die Wärme auch in der Industrie genutzt werden und nicht nur in privaten Haushalten – und dort braucht man sie das ganze Jahr über. Zweitens gibt es nun mal auch Zeiten, in denen die Wärme optimal genutzt werden kann – ebenso wie es Zeiten gibt, in denen das nicht klappt. Deshalb kann man sie aber als Positivfaktor nicht gleich komplett aus der Rechnung streichen. Sie würden ja auch kein geschenktes Geld ablehnen, nur weil es in unregelmäßigen Abständen überwiesen wird ;-)

    Bei den Elektroautos bin ich etwas anderer Meinung als Sie. Der aktuelle status quo des Individualverkehrs kann meines Erachtens nach aufgrund des hohen Energiebedarfs nicht aufrecht erhalten werden. Jedes herkömmliche KfZ durch ein Elektroauto ersetzen zu können, damit der Individualverkehr in genau der jetzigen Höhe aufrecht erhalten werden kann, das kann und sollte keine Lösung sein. Statt dessen ist eine stärkere Nutzung des ÖPNV notwendig – und wieviel Energie man spart wenn man statt 50 Elektroautos einen Elektrobus oder statt 300 Elektroautos einen Elektrozug betreibt, das kann man sich sicher vorstellen. Der Individualverkehr und das gesellschaftliche Paradigma der hundertprozentigen Mobilität sind pures Gift für die Öko-Bilanz einer Gesellschaft. Hier muss ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden – geschieht das nicht, werden Sie Recht behalten und man wird über kurz oder lang wieder auf die Atomkraft zurückfallen müssen.

    Dies sollten wir uns aber nicht wünschen, denn mit der Atomkraft sind auch erhebliche Risiken verbunden, die man in keiner Rechnung unterschlagen sollte. Wenn Sie sich allein mit Frosmark 2006 und Brunsbüttel 2007 auseinandersetzen, wird schnell klar werden, dass auch moderne, “westliche” Reaktoren keineswegs 100%ig sicher sind. Erhöhte Kinderkrebsrate, das Riskio schwerer bis katastrophaler Unfälle, die ungeklärten Probleme der Endlagerung, die gefährlichen Transporte, die Gefahr terroristischer Anschläge auf Atomkraftwerke – all das müssten Sie noch in Ihre Rechnung einfaktorisieren. Meines Erachtens nach sollten wir als Gesellschaft lieber darauf bauen, die regenerativen Energien durch verstärkte Forschung noch weiter konkurrenzfähig zu machen und uns ansonsten darüber Gedanken machen, wo man effizienzer mit Energie umgehen oder sogar mal ganz auf etwas verzichten könnte (z.B. auf ein Auto…). All das ist mühsam und wird nicht immer jeden zufrieden stellen, verglichen mit den Risiken und Nachteilen der Kernkraft ist es jedoch die weitaus bessere Alternative.

    Was übrigens das Uran angeht – das reicht in der Tat nur noch für 40 oder 50 Jahre. Es sei denn natürlich man setzt, wie Sie richtig bemerken, schnelle Brüter zur Aufbereitung des Materials ein. Diese Anlagen sind aber noch mit wesentlich mehr Risiken behaftet als “herkömmliche” Kernkraftwerke. Wenn Sie sich die Liste der weltweit verfügbaren schellen Brüter einmal ansehen, werden sie feststellen, dass einige dieser Anlagen inzwischen nach Unfällen wieder geschlossen wurden bzw. (wie im Falle von Kalkar, der einzigen deutschen Anlage dieser Art) aufgrund von schweren Sicherheitsbedenken nie in Betrieb gegangen sind. Die Brut-Technologien scheinen mit daher aufgrund des Gefahrenpotenzials keine viable Lösung des Energieproblems zu sein.

  3. #3 Jaggard
    20. Februar 2008

    Hallo Herr Reinboth

    vielen Dank für die zügige Anwort. Aber zu ein paar Punkten möchte ich doch nochmal Stellung beziehen.
    Zu der CO2 Bilanz: Wir müssen uns mal klar machen in welchem Bereich wir uns bewegen. Ein Kohlekraftwerk emittiert rund 1000 g/kWh. Wir reden also gerade darüber ob wir 97% oder 97,5 % einsparen. Das würde ich nicht als Signifikat bezeichnen. Darüber hinaus verbessert sich bei beiden Energiearten die CO2 Bilanz, wenn die Energie für die Produktion der Anlagen selber CO2 freundlich ist, siehe AKW in Frankreich 8 g/kWh. An der CO2 Bilanz der AKWs kann sich also sehr wohl eine Menge ändern, aber wie gesagt, wir reden gerade über die letzten 3% gegenüber Kohleverstromung. Einigen wir uns auf ein Unentschieden in diesem Punkt weil in beiden Fällen das CO2 nicht ins Gewicht fällt.

    Zur Speicherung der Energie. Das mit den Pumpspeicherwerken hat Prof. Heinloth (Die Energiefrage) mal durchgerechnet. Selbst wenn man auf alle Berge Pumpspeicher setzten würde, würde das nicht reichen. Wasserstoff ist auch kaum möglich. Über den Prozess Elektrolyse-Speicherung-Brennstoffzelle, gehen etwa 80% der Energie flöten. Solarenergie ist in Ländern die viel weiter südlich liegen, über wenig bestehende Infrastruktur verfügen und einen vergleichsweise geringen Verbrauch haben sehr sinnvoll.

    Zur Kraft-Wärme-Kopplung: wie gesagt, wo es sinnvoll machbar ist soll es gemacht werden. Nur wie es in der Rechnung gemacht wurde, damit die Anlagen nachher Kopf-an-Kopf mit einem AKW in Sachen CO2-Ausstoß liegen, finde ich schon fast etwas unseriös. Und nebenbei, der CO2 Ausstoß (unter Berücksichtigung der Wärmeproduktion) von Wind und Solarstrom, würde sich um den selben Betrag erhöhen wie bei AKWs, die aber wurden in der Liste weggelassen.

    In Sachen CO2-Speicherung Stimme ich ihnen zu. Die Speicherung in der Erde könnte kurzfristig helfen, aber die Gefahren und auch die Haltezeiten eines solchen Speichers muss man sehr gründlich testen. Die Speicherung im Meer halte ich noch für viel gefährlicher. Da greift man sehr stark in den Säure-Base-Haushalt des Meeres ein. Davon sollte man die Finger lassen.
    In Sachen Entlagerung bin ich mal wieder anderer Meinung. Da kenne ich Expertenmeinungen aus erster Hand. An der TU Clausthal (ich bin also auch Harzer) wo ich studiert habe, sitzen Professoren die selber an Prospektionen von Endlagern teilgehabt haben. Ihr Meinung ist: “Das ist ein politisches und kein technisches Problem.”

    Was die Reaktortechnologie angeht. Die Reaktoren in Deutschland sind technischer stand von vor 40 Jahren. Auch da hat sich eine Menge getan. Es wird wirklich langsam Zeit, dass sie vom Netz gehen, solange die nicht gegen Kohlekraftwerke ersetzt werden. Beispielsweise gibt es Konzepte für moderne Hochtemperaturreaktoren, die auch mit Thorium arbeiten können und Uran erbrüten. Die sind inhärent sicher gegen Kernschmelze, da die Energiedichte deutlich geringer ist. Ein Unfall wie in Tschernobyl ist da vollkommen ausgeschlossen. Auch bei einem Terror-Anschlag könnten keine großen Mengen Radioaktivität freigesetzt werden. Außerdem würde diese Reaktortechnologie durch die hohen Prozesstemperaturen eine effektiven Alternative in der Wasserstoffproduktion darstellen, den man für mobile Anwendungen und chemische Prozesse braucht.

    Noch mal zum Thema Risiko. Eine neue Reaktorgeneration wäre nochmal deutlich sicherer. Nicht 100%ig, aber das ist keine Technologie. Selbst bei Windenergie kann man durch ein abbrechenden Rotor erschlagen werden. Risiko ist Schaden mal Eintrittswahrscheinlichkeit. Da der Schaden bei einen Unfall, gleich welcher Art nie Null ist und die Eintrittswahrscheinlichkeit immer größer Null, hat man immer ein Risiko. Menschen neigen dazu Risiken von seltenen, schlimmen Ereignissen höher einzuschätzen, als häufige Ereignisse, mit einem kleinen Schaden, auch wenn das Risiko das selbe ist.

    Zum Thema Forschung. Ich finde es sehr bedauerlich das die Gelder für den Fusionsreaktor ITER so zusammen gestrichen wurden. 6 Mrd Euro über 20 Jahre. Das sind pro Bürger aller beteiligten Länder gerade einmal ca. 30 Cent pro Jahr. Die Kohleförderung in Deutschland sind pro Kopf mehr als 100 mal höher. Ich finde, die Aussicht auf eine unerschöpfliche Energiequelle sollte den Menschen schon etwas mehr Wert sein, zumal Kernfusion ein funktionierendes Prinzip ist. Das Problem besteht im Upscaling, damit man einen Energiegewinn hat und in der Wirtschaftlichkeit. Allerdings gibt es keine Erfolgsgarantie für das Projekt.

    Danke für die freundliche Diskussion.

  4. #4 Monika
    20. Februar 2008

    Lieber Christian,
    schade, dass man die 8 Sterne nicht mehrfach verteilen darf.(http://www.wissenschafts-cafe.net/blogportal/2008/01/erneuerbare-energie-christian-reinboth/
    - Link zur Bewertung dieses Blogs!) Für mich waren dies wieder 8 Sterne. Besonders gut finde ich, wie Du hier mit sachlichen Argumenten überzeugst. Das ist für mich Wissenschaftsblogging in elegantester Form. Danke! Schön ist, wie hier durch das Kommentar von Jaggard und die Stellungnahme von Dir, sehr deutlich wird, dass man als Laie mit seiner “Anti-Atomkraft-Haltung” die Argumente wohl doch eher auf seiner Seite hat ;-))
    LG Monika

  5. #5 Christian Reinboth
    20. Februar 2008

    @Monika: Vielen Dank für die Blumen, auch wenn sie vom Gefühl her mal wieder unverdient sind. Die Sachlichkeit auch bei “ideologisch aufgeheizten” oder kontroversen Themen zu wahren, ist mir in diesem Blog sehr wichtig. Akademische Besserwisserei oder unschönes Gezanke vermitteln, glaube ich, einen schlechten Eindruck vom Wissenschaftsblogging allgemein – besonders das grundsätzliche Abqualifizieren aller kritischen Kommentatoren bzw. Kommentare stößt mir, wenn ich es bemerke, immer sehr negativ auf. Deshalb sind solche Sachbeiträge wie die von Jaggard auch so eine schöne Bereicherung für einen Blogartikel, da sie es gestatten, die Diskussion über den eigentlichen Inhalt des Blogposts hinaus fortzuführen.

    Man sollte aus meiner Antwort aber nicht den Schluss ziehen, dass ich Jaggard nun “wiederlegt” hätte – das habe ich nämlich keineswegs. Die Diskussion um das Thema Atomkraft wird nun schon mehrere Jahrzehnte geführt und auf beiden Seiten gibt es gute Argumente, von denen er ja auch einige ins Feld führt. Im Grunde läuft es auf die Frage hinaus, wie groß das Restrisiko einer weiteren oder sogar verstärkten Nutzung der Atomkraft tatsächlich ist und ob wir als Gesellschaft dazu bereit sind, uns auf dieses Risiko einzulassen, um den momentanen status quo des Verbrauchs zu halten.

    Viele Wissenschaftler, die von der Atomkraft durchweg mehr verstehen als ich, schätzen dieses Risiko als zu groß ein, es gibt aber durchaus noch andere, die es für vertretbar halten. Ich persönlich halte es für zu groß, was übrigens weniger an der Technik an sich liegt, die im Grunde recht sicher betrieben werden könnte, sondern mehr an der Art und Weise, wie im Sinne der “Geiz ist geil”-Mentalität selbst in den KKW noch an allen Ecken und Enden gespart und dann bei Vorfällen wie 2007 in Brunsbüttel auch noch die Öffentlichkeit falsch informiert wird. Solche Beobachtungen führen mich zu dem Schluss, dass auch deutsche KKW in der Realität sehr viel störanfälliger sind als “auf dem Papier” und dass das Risiko eben doch zu hoch ist, um noch mit gutem Gewissen an der Atomkraft festzuhalten.

    Insgesamt werden wir das Problem des Klimawandels und der fortschreitenden Umweltzerstörung ohnehin nur in den Griff bekommen, wenn wir bereit sind an unserem Lebens- und Konsumstil Veränderungen vorzunehmen (wie beispielsweise im Zusammenhang mit dem Individualverkehr angerissen). Leider wird keine Technik, und sei sie auch noch so fortschrittlich, uns von der Verantwortung entbinden, die wir nachfolgenden Generationen gegenüber tragen müssen.

  6. #6 Christian Reinboth
    20. Februar 2008

    @Jaggard: Ohje, ein Ingenieur :-) Diskussionen mit Ingenieuren über das Pro und Contra von fortschrittlicher (und damit reizvoller) Technologie sind ja immer ein schwere Sache, aber ich werde mich trotzdem mal bemühen…

    Der zitierten CO2-Bilanz des Atomkraftwerkes würde ich mich nur begrenzt anschließen, auch wenn sie sehr gut ausgearbeitet ist (und ich ja selbst darauf verwiesen habe), da ich mir nicht sicher bin, ob wirklich alle “Nebenkosten” mit eingeflossen sind, wie beispielsweise der enorme Sicherheitsaufwand, der um die Atommülltransporte gemacht wird und andere “externe Kosten” die bei einem KKW noch anfallen. Außerdem wird auch vergessen, dass der “Ersatz” von Kohlekraftwerken durch Kernkraftwerke einen ganz enormen Einsatz voraussetzen würde, da zahllose neue Kraftwerke gebaut werden müssten. Ich darf dazu mal einen Satz von Frau Harms, MEP, zitieren, die im Europäischen Parlament für den Energieausschuss tätig ist:

    “[Der] Anteil [der Kernenergie] an der Endenergie weltweit ist dafür mit etwa 2 Prozent viel zu gering. Selbst in Frankreich, dem Mekka der Atomindustrie, werden gerade einmal 15 Prozent des Endenergieverbrauchs durch Atomkraftwerke gedeckt. Fast 10Milliarden Kilowattstunden Kohlestrom hat das Atomland letztes Jahr außerdem aus Deutschland bezogen. Die Zahl der Reaktoren weltweit stagniert seit Ende der achtziger Jahre und wird mittelfristig eher zurückgehen. In der EU laufen heute bereits 25 Anlagen weniger als 1989. Laut Wiener IAEO sind derzeit 28 Meiler im Bau, darunter 10, die bereits seit 19 bis 31 Jahren durch die Statistik geistern. Selbst wenn China bis zum Jahre 2020 zwanzig neue Blöcke bauen würde, könnte das die Abschaltungen aus Altersgründen nicht auffangen.”

    Damit die Atomkraft einen ernsthaften Beitrag zu einer zukünftigen Energieversorgung leisten kann – wenn man von der Kohle wegmöchte – müsste eine ganz enorme Zahl an neuen Kraftwerken gebaut werden. Alle jetzt schon existenten Probleme – Störfälle, gesteigerte Krebsraten, Sicherheitsprobleme beim Transport und beim Schutz gegen Terroranschläge – würden sich geradezu exponentiell vermehren, was man sich ja im Grunde nicht wünschen sollte. Dazu kommt noch, dass die Uranvorräte endlich sind. Nun bin ich zwar kein Geologe und muss mich daher auf das verlassen, was in der Fachpresse zu finden ist, aber nach meinem Kenntnisstand ist das zu wirtschaftlichen Konditionen förderfähige Uran in 40 bis 50 Jahren aufgebraucht – beim jetzigen Verbrauch. Wenn mehr Kraftwerke gebaut werden würden, wäre natürlich schon deutlich früher Schluss.

    Aber weiter im Text: Dass Pumpspeicherkraftwerke das Problem der mangelnden Speicherfähigkeit von regenerativ gewonnener Energie nicht lösen können ist klar. Das Beispiel sollte eigentlich nur verdeutlichen, dass an der Grundlasproblematik ja bereits gearbeitet wird, und dass es durchaus umweltfreundliche Möglichkeiten gibt, überschüssige Energie (sozusagen auf kinetische Art und Weise) abzuspeichern. Ich rechne damit, dass zukünftig noch weitere Möglichkeiten dazukommen (Wasserstoff wurde ja schon angesprochen, auch wenn die Effizienz noch nicht besonders hoch ist). Wie schon gesagt wird es aus meiner Sicht auch notwendig sein, die Grundlast insgesamt zu verringern – beispielsweise durch eine Steigerung der Energieeffizienz oder durch die Veränderung unserer Lebensgewohnheiten.

    Ein Kohlekraftwerk mit KWK wird in der CO2-Bilanz sicher nicht an ein KKW herankommen, stellt dafür aber auch ein deutlich geringeres Gesundheitsrisiko dar. Insgesamt ist die KWK schon eine gute Lösung, auch wenn sie vielleicht nicht immer optimal eingesetzt werden kann. Das Argument mit dem CO2-Ausstoß bei Einbeziehung der Wärmeproduktion konnte ich leider nicht auf Anhieb nachvollziehen.

    Die CO2-Speicherung halte ich prinzipiell für eine gute Idee, die weiterverfolgt werden sollte, wobei in jedem Fall noch weitere Forschungen zu den Risiken durchgeführt werden müssen. Ich kann mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, dass die massenhafte Ablagerung von CO2 im Boden nicht auch irgendwann einmal negative Konsequenzen nach sich ziehen sollte, lasse mich aber gerne davon überzeugen, wenn entsprechende Langzeit-Simulationen vorliegen. Bis jetzt ist mir noch nichts derartiges bekannt, so dass ich mir meine Skepsis erstmal bewahren werde.

    Dass Professoren in der Regel sehr viel unaufgeregter über ein “heißes Eisen” wie die Endlagerung diskutieren können ist mir schon bewußt. Sprechen Sie mal mit einem Professor Ihrer Wahl über seine Ansichten zur Erderwärmung, dann werden Sie feststellen, dass es hier zwar durchaus einen Konsens gibt, dass in der Regel aber von den allerschlimmsten, medienwirksamsten Szenarien auch Abstand gehalten wird. Eine akademische, unaufgeregte und unpolitische Sichtweise eben, die ja im Grunde auch gut und wichtig ist. Ich komme aber nicht umhin zu erwähnen, dass ich es für gefährlich halte, gerade solche Sachverhalte, bei denen in der Bevölkerung ein allgemeines Interesse besteht, nur aus dem “Elfenbeinturm” heraus zu bewerten.

    Die meisten Wissenschaftler die ich persönlich kenne, sind ziemliche Idealisten. Die wenigsten von ihnen würden in eine Sacheinschätzung z.B. zur Sicherheit einer Endlagerstätte oder eines KKW noch andere Überlegungen einfließen lassen, als theoretische, technische Aspekte. Den Menschen, die neben einer solchen Einrichtung leben / leben müssen, wissen aber durchaus, dass es nicht nur zu schwerem menschlichen Versagen kommen kann, sondern dass auch mit gefährlichen Sparmaßnahmen zur Profizmaximierung zu rechnen ist. Ich bin mir sicher, dass die wenigsten dieser Anlagen in der Realität genauso sicher sind wie auf dem Papier. Wenn Sie sich einfach mal mit der Art und Weise auseinandersetzen, wie Vattenfall mit den Störfällen in Krümmel und Brunsbüttel im letzten Jahr umgegangen ist, oder sich die Aussagen der IPPNW zur Sicherheit in Biblis durchlesen, werden Sie meinen Standpunkt hierzu sicher besser einordnen können. Ich verweise einfach mal auf:

    http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/2008/02/willkommen-in-der-todeszone.php

    Auch wenn es schmerzt das zuzugeben, aber zur Alternative Thorium kann ich nicht wirklich qualifiziert Stellung beziehen, da mir das Hintergrundwissen hierzu fehlt. Da Sie sich scheinbar für das Thema begeistern können, kann ich Ihnen nur anbieten, einmal einen Gastbeitrag über Thorium-Reaktoren für diesen Blog zu verfassen, der dann natürlich auch unter Ihrem Namen erscheinen würde. Auf diese Weise hätten wir die nötige “Infusion” an Hintergrundwissen um den Diskurs sinnvoll fortsetzen zu können, wobei ich mir natürlich vorbehalten würde, mich auch nach kritischen Quellen umzusehen :-)

    Insbesondere Aussagen zur Sicherheit dieser Technologie wären interessant, wobei ich schwer bezweifle, dass man das Risiko bei aller Sicherheit mit dem eines abbrechenden Windkraft-Rotors ernsthaft vergleichen könnte. Und selbst wenn – auch hier muss ich wieder auf Biblis und die menschliche Unvernunft hinweisen: Dort werden immer noch Wasserstoff-Rekombinatoren zum Abbau von Wasserstoff im Falle einer Kernschmelze eingesetzt, obwohl diese Anlagen in Fachkreisen höchst umstritten sind, da sie unter ungünstigen Umständen eben auch eine Explosion herbeiführen könnten, die sonst vielleicht nicht eintreten würde. Nicht alles was sicher und technisch richtig ist wird ja auch 1:1 so umgesetzt…und da ließen sich noch viele weitere Beispiele finden.

    Zu ITER: Mit den 6 Milliarden EUR könnte man aber auch in der regenerativen Energietechnik mehrere Hürden überspringen, so dass ich durchaus auch argumentieren könnte, dass sie dort besser angelegt wäre. Insgesamt ist es bedauerlicherweise so, dass für Forschungsprojekte gleich welcher Art in der Regel zu wenig Geld zur Verfügung steht, wenn keine unmittelbare wirtschaftliche Nutzung erkennbar ist (was ja bei ITER ebenfalls der Fall ist). Ein Großteil der Forschungs- und Subventionsprogramme im akademischen Bereich ist inzwischen darauf ausgerichtet, innerhalb weniger Jahre einen “Return on Investment” sowie eine Zunahme an Arbeitsplätzen zu erzielen. Wer das nicht bieten oder garanieren kann, bekommt wenig oder gar kein Geld – und das obwohl viele wissenschaftliche Entdeckungen in der Vergangenheit, die zu viel Wachstum und Wohlstand beigetragen haben, ohne wirtschaftlichen Hintergrund gemacht wurden…

    Die Kohleförderung wird in diesem Land übrigens eindeutig zu stark subventioniert. Aus der Sicht des Wirtschaftswissenschaftlers ist jede Branche verdächtig, die ohne Suventionen sofort komplett zusammenbrechen würde, wie dies im Falle der Kohleförderung der Fall ist. Auch dies hat natürlich politische Gründe – die ein wissenschaftlich denkender Mensch nicht verstehen muss…. Oder erklären Sie mir mal, warum für Diesel und Benzin welches von Bussen und Bahnen verbraucht wird die Ökosteuer zur 100% fällig ist, Flugbenzin aber von der Besteuerung ausgenommen wird?

    In diesem Sinne beste Grüße nach Clausthal. Die TU ist mit ihrem Männerüberschuss ja als Ausflugsziel für den Frauenüberschuss unserer HS bestens bekannt und bei einigen meiner Studentinnen äußerst beliebt :-)

  7. #7 Monika
    20. Februar 2008

    Als ich mein Kommentar geschrieben hatte, war die Replik von Jaggard noch nicht zu lesen ;-)) Ja, ich merke hier durchaus, als absoluter Laie in solchen Fragen, dass die Gewichtung der Argumente auf einer fiktiven Waage hier einem Gleichgewicht wohl nahe kommen…..

    Deiner Feststellung:

    “Ich persönlich halte es für zu groß, was übrigens weniger an der Technik an sich liegt, die im Grunde recht sicher betrieben werden könnte, sondern mehr an der Art und Weise, wie im Sinne der “Geiz ist geil”-Mentalität selbst in den KKW noch an allen Ecken und Enden gespart und dann bei Vorfällen wie 2007 in Brunsbüttel auch noch die Öffentlichkeit falsch informiert wird.”

    stimme ich “voller Inbrunst” zu. Das “menschliche” Risiko ist – angesichts auch der historischen Erfahrungen (Hiroshima, Reaktorunfälle, Umgang mit genverändertem Saatgut, usw.) einfach sehr hoch. Daher muss das vorhandene Oberflächlichkeits-, Fehler- und Aggressionspotential des “nutzenden” Menschen mit ins Kalkül gezogen werden. LG Monika
    P.S.: Solche Blumen “verdient” auch nicht wer Recht hat ;-)), sondern wer’s so gut wie Du versteht die Dinge sachlich zu analysieren und diskutieren….dann aber zu Recht

  8. #8 Jaggard
    21. Februar 2008

    Hallo,

    erstmal Gruß zurück in den Harz, aber nicht aus Clausthal, da wohne ich nicht mehr, sondern aus Kyoto.
    Kurz nochmal zusammen gefasst, wir sind uns einig, dass wir deutlich Energie sparen müssen und diese Energie klimafreundlich erzeugt werden muss. In der Diskussion ist rausgekommen, das Kernkraft in Bezug auf CO2-Ausstoß nicht schlechter da steht als alternative Energie wie Wind, Wasser oder Solar und besser als fossile Energieträger.

    Uneinig sind wir uns in den Punkten Brennstoffvorrat und Sicherheit. Der erste Punkt ist meiner Meinung nach durch effektivere Nutzung und andere Elemente zur Spaltung lösbar, zumindest für einen aus menschlicher Sicht langen Zeitraum.
    In dem zweiten Punkt kann man unterschiedlicher Meinung sein. Du hast ganz richtig festgestellt, dass es eine soziale und politische Dimension gibt, die von Wissenschaftler oft nicht erfasst werden. Bei Risiken nutzen Abwägungen kann man durch minimale Unterschiede in den Annahmen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Risikoeinschätzung von Menschen sind sehr stark von der subjektiven Wahrnehmung geprägt.

    Besten Dank für die Diskussion.

    P.S.: eine Sache ist mir in ihrem Blog noch aufgefallen. Und zwar der Zusammenhang Kernkraftwerk-Krebsfälle. Letztes Jahr ging ja der Bericht durch die Medien, dass in der nähe der Kraftwerke eine erhöhte Anzahl von Leukämie auftritt. Es ist nicht geklärt, ob es wirklich daran liegt, das es ein Kernkraftwerk ist. Es gibt auch andere Erklärungsmöglichkeit, die mindestens genau so plausibel als Ursache sind, wie Strahlung. Z.B. hat man in anderen Studien einen Zusammenhang zwischen Hochspannungsleitungen und Krebs festgestellt. http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=050603044
    Allerdings ist auch hier nicht geklärt, warum das so ist.
    In dem Fall, dass die Stromleitungen Auslöser sein, müsste die Erhöhung der Krebsfälle bei allen Kraftwerkstypen auftreten. Aber ein Vergleich mit anderen Kraftwerkstypen war nicht Bestandteil der Studie.

  9. #9 Christian Reinboth
    21. Februar 2008

    @Jaggard: Naja, ich würde ja eher sagen wir sind uns fast einig. Weniger Energie muss auf jeden Fall verbraucht werden, außerdem muss der Anteil an klimafreundlich erzeugter Energie steigen, ich denke daran besteht kein Zweifel. Bezüglich des CO2-Ausstoßes steht die Kernkraft sicher besser da als Kohlekraftwerke (wenn man KWK und die theoretische CO2-Speicherung mal außen vor lässt), KKW sind aber keineswegs “klimaneutral” – d.h. Null CO2 – und gerade das wird ja häufig so vermittelt. Wenn man zuätzliche CO2-Kosten die hauptsächlich durch die Absicherung entstehen noch in die Bilanz mit einrechnet, stehen KKW zwar unter den oben genannten Umständen noch immer besser dar als herkömmliche Kohlekraftwerke, aber auch nicht so gut wie manche regenerative Energietechnik, insbesondere die Wasserkraft.

    Inwiefern der Brennstoffvorrat noch durch andere Elemente zur Spaltung ergänzt werden kann, dies kann ich fachlich nicht vernünftig beurteilen – aber das hatte ich ja schon geschrieben. Aufgrund des zweiten Punktes, bei dem Uneinigkeit besteht – der Sicherheit – halte ich die Atomkraft aber so oder so für nicht zukunftsfähig. Die soziale und die politische Dimension des Problems müssen meiner Meinung nach berücksichtigt werden – und wenn man diese Variablen mit in die Überlegung aufnimmt, stellt sich die Atomkraft als deutlich weniger zukunftsfähig dar, als sie vom rein technischen Standpunkt aus anzusehen ist. Ich würde mir persönlich ja auch wünschen, dass KKW absolut sicher und umweltfreundlich wären, denn dann hätten wir etliche Probleme weniger. Ganz so einfach wird die Energiewende aber leider nicht werden, sondern sie wird auch mit Entbehrungen verbunden sein.

    Die Hypothese mit den Hochspannungsleitungen ist mir auch bekannt. Insgesamt ist die Studie problematisch, da sie zwar einen Zusammenhang aufzeigt, der Wirkmechanismus aber ungeklärt bleibt. Dazu hatte ich im Dezember schon mal etwas geschrieben, als die Studie veröffentlicht wurde:

    http://erneuerbareenergie.wordpress.com/2007/12/10/warum-die-atomkraft-keine-losung-ist/

    Insgesamt scheint es mir zwei mögliche Wirkmechanismen zu geben. Entweder die Nähe zu den KKW ist für die Leukämirate verantwortlich – auch wenn dies strahlungstechnisch nicht nachgewiesen werden konnte – oder aber es existiert noch ein weiterer Faktor – möglicherweise eben die Hochspannungsleitung – durch den die höhere Rate begünstigt wird. In beiden Fällen sind Nachfolgestudien mehr als dringend erforderlich. Insbesondere der mögliche Zusammenhang zwischen gesundheitlichen Problemen und elektromagnetischer und hochfrequenter Strahlung (durch Hochspannungsleitungen, Mobiltelefone, WLAN, Mobilfunkmasten etc.) wird meiner Meinung nach viel zu wenig beachtet und untersucht. Auch hier fehlt leider wieder das Geld sowie das wirtschaftliche Interesse, da eine nähere Untersuchung im besten Falle zu keinem (wirtschaftlichen) Resultat führt und im schlechtesten Falle ein Wirtschaftszweig unter den Ergebnissen leiden müsste….

    Den Dank für die Diskussion kann ich übrigens nur zurückgeben, es hat mir viel Freude gemacht mich mit Ihnen auszutauschen und ich hoffe mal, dass Sie mir als (zumindest gelegentlicher) Blogleser erhalten bleiben.

  10. #10 Fischer
    24. Februar 2008

    Im aktuellen Spektrum der Wissenschaft beschreiben drei amerikanische Forscher einen Plan, den größten Teil der Energieversorgung der USA bis 2050 auf Solarenergie umzustellen. Das ist ganz spannend, den Artikel kann man dort kostenlos runterladen:
    http://www.spektrum.de/artikel/940406

    In der zugehörigen Debatte geht’s dann um die Frage, ob man Atomkraft als Übergangslösung nehmen kann, bis so ein Plan umgesetzt ist.

    Da frag ich mich aber: Wie steht’s eigentlich mit den Uranreserven? Ich erinnere mich vage, dass die beim gegenwärtigen Verbrauch noch ca. 200 Jahre halten, also noch genug da ist. Wenn wir nun im ganz großen Stil auf Atomkraft setzen, dürfte das die Kalkulation erheblich beeinflussen und vor allem die Kosten massiv hochtreiben. Gibt’s da Zahlen, wie das mit Förderung und Reserven aussieht, wenn wir 50 % unserer Energie nuklear erzeugen?

  11. #11 Christian Reinboth
    25. Februar 2008

    @Fischer: Soweit mir bekannt ist, reichen die Uranreserven beim gegenwärtigen Verbrauch noch etwa 40-50 Jahre, wobei man ja zwischen Reserven und Ressourcen unterscheiden muss. Die zu wirtschaftlichen Konditionen förderbaren Uranmengen dürften aber im Falle eines massiven Atomkraft-”Hikes” unterhalb der 50 Jahre aufgebraucht werden. Außerdem müsste man darüber nachdenken, wie viele Atomkraftwerke man überhaupt benötigen würde, um deren Anteil an der Stomerzeugung nennenswert zu steigern und wann und wo man diese errichten will. Frau Harms hatte ich ja weiter oben schon mal dazu zitiert:

    “[Der] Anteil [der Kernenergie] an der Endenergie weltweit ist dafür mit etwa 2 Prozent viel zu gering. Selbst in Frankreich, dem Mekka der Atomindustrie, werden gerade einmal 15 Prozent des Endenergieverbrauchs durch Atomkraftwerke gedeckt. Fast 10Milliarden Kilowattstunden Kohlestrom hat das Atomland letztes Jahr außerdem aus Deutschland bezogen. Die Zahl der Reaktoren weltweit stagniert seit Ende der achtziger Jahre und wird mittelfristig eher zurückgehen. In der EU laufen heute bereits 25 Anlagen weniger als 1989. Laut Wiener IAEO sind derzeit 28 Meiler im Bau, darunter 10, die bereits seit 19 bis 31 Jahren durch die Statistik geistern. Selbst wenn China bis zum Jahre 2020 zwanzig neue Blöcke bauen würde, könnte das die Abschaltungen aus Altersgründen nicht auffangen.”

    Jaggard hatte ja aber weiter oben schon auf die Alternative Thorium als Brennstoff für zukünftige KKW verwiesen, womit die potenziellen Brennstoffressourcen natürlich ansteigen würden. Aufgrund der vielen Unwägbarkeiten führ meines Erachtens aber langfristig kein Weg am Ausstieg aus der Atomkraft und am Umstieg auf eine nachhaltige Energiewirtschaft vorbei.

    Als “Übergangslösung” taugt die Atomkraft allerdings vermutlich wenig, da die Bewilligungsverfahren und die Bauzeit so viele Jahre in Anspruch nehmen, dass mehr als die Hälfte der Übergangszeit bereits abgelaufen wäre, wenn die ersten neuen KKW in Betrieb gehen könnten. Dazu kommt noch, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass die KKW dann nach 10 oder 15 Jahren wieder vom Netz genommen werden würden, wenn breite Solar- oder andere Lösungen zur Verfügung stünden – wenn die Anlagen erst mal gebaut sind, werden sie auch bis zum Auslauf der Abschreibungszeiten genutzt werden sollen….

  12. #12 Bernhard Knoll
    11. April 2008

    Hallo,

    zum Thema Uranreserven sollten Sie mal einen Blick auf folgenden Link werfen:
    http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~mplenert/reichtweite_uran.htm

    Beim Thema Uran aus Meerwasser ist man IMHO inzwischen bei einem Förderpreis von 250$/kg angekommen. Des weiteren hängt die Uranreichweite auch von den verwendeten Reaktoren ab, deutsche und französische benötigen beispielsweise nur etwa die halbe Menge an Natururan für die gleiche Menge Strom wie amerikanische. Zusätzlich vervielfachen sich durch Wiederaufbereitung und Brütertechnologie die Uranreichweiten noch einmal erheblich (z.B. um den Faktor 50), so das THEORETISCH trotz Ausbau der Kernenergie der Brennstoff für Jahrhunderte zur Verfügung stünde, selbst ohne Thorium. Brütertechnologie ist allerdings derzeit nicht konkurrenzfähig; neben vergleichsweise hohen Kosten ist die Technologie, trotz einiger seit jahrzehnten laufenden Reaktoren, nicht wirklich ausgereift, beispielsweise wurde der französische Superphenix wegen (nichtnuklearen) Korrosionsproblemen des Natriumkühlkreislaufs vom Netz genommen.
    Was Sie mit unter “der Absicherung dienende” CO2-Emissionen verstehen, ist mir nicht ganz klar; falls Sie Castortransporte meinen: Die sind zwar recht publikumswirksam, aber bezogen auf die gelieferte Menge an Strom Peanuts (deutlich unter 1g/kWh). Endlagerung und Rückbau werden in (ordentliche) Studien miteinbezogen.
    Zum Thema Wasserkraft: Die Klimaemissionen sind hier stark situationsbezogen. Neben dem Aufwand beim Erbau können erhebliche CO2- und Methanmengen freigesetzt werden, falls die Bildung eines Stausees zur Verrottung von organischem Material führt. Des weiteren ist Wasserkraft in Deutschland weitgehend ausgebaut.
    KWK macht sicher in einigen Fällen Sinn, ist aber nicht die Lösung all unserer Probleme. Dänemark hat einen Anteil von etwa 50% aus KWK erzeugtem Strom (und 20% Windkraft). Wie sieht die CO2-Bilanz pro Kopf aus?
    Dänemark 12,6 t/a
    Deutschland 12,3 t/a
    Frankreich 9,3 t/a
    Wie schon geschrieben wurde, Strom- und Wärmebedarf passen nicht unbedingt zusammenpassen, und dann wirkt sich der geringe Wirkungsgrad kleinerer Kraftwerke aus. Im Haus der Zukunft, gut isoliert und mit Solarkollektoren bestückt, fällt ohnehin kaum Wärmebedarf an – KWK würde paradoxerweise zur Verschwendung von Brennstoff führen. Wesentlich effizienter wäre es, sich in diesem Fall die Wärme mittels Wärmepumpe aus Boden/Grundwasser zu beschaffen. Für den Einsatz in der Industrie fällt die Wärme aus KWK übrigens auf zu niedrigem Niveau an.
    Bei KWK mit Kohle oder Holz als Brennstoff kommt ein weiteres Problem hinzu: Die Feinstaubemission in unmittelbar Nähe zum Menschen. Weltweit sterben laut WHO JÄHRLICH 500 000 Menschen durch die Auswirkungen des Feinstaubs. Dagegen nehmen sich selbst die etwa 25 000 Tote durch Tschernobyl INSGESAMT niedlich aus.
    Zum Zitat von Frau Harms: Kernenergie deckte 2005 15% des weltweiten Strombedarfs.
    Wasserkraft, Wind und Photovoltaik liefern auch nichts anderes. (Wobei es durchaus KKW mit KWK gibt, was aber im Normalfall aufgrund der Transportverluste und Leitunskasten über große Strecken unrentabel ist.)
    Was das Risiko von Atomunfällen angeht frage ich mal ganz frech: Wissen Sie, in welcher Größenordnung dieses Risiko liegt? Falls nein: Würde es für ihre Argumentation eine Rolle spielen, wenn diese eine Größenordnung höher oder niedriger lägen? Sind Sie sicher, das hier die Psychologie keine Rolle spielt?
    Was die Störfälle in Forsmark, Brunsbüttel oder Krümmel betrifft, rate ich dringend zur Lektüre der Wikipedia, wo die Vorfälle relativ sachlich dargelegt werden. Von der Freisetzung von Radioaktivität gescheige denn einem schweren Unfall war man nun wirklich weit entfernt.
    Zur Leukämie bei Kindern: Wie sind die Leukämiecluster zu erklären, die weder mit Atomtechnik noch mit Nähe zu einem Kraftwerk (Überspannungsleitungen) in Verbindung gebracht werden können? Wieso tritt eine signifikante Häufung von Leukämiefällen nicht in Gebieten mit erhöhter natürlicher Radioaktivität auf (die natürlichen Unterschiede machen über das 100fache der Belastung durch KKWs aus)? Ich finde es faszinierend, festzustellen, dass die Autoren der Leukämiestudie ausdrücklich sagten, dass die Häufung nicht mit erhöhter Strahlung erklärt werden kann – aber einige Monate später im Kopf des gemeinen Bürgers nur noch die Assoziation Atomkraftwerk->Kinderläukämie übrig geblieben ist.
    Die Investitionen in ITER möchte ich auch kurz in die richtige Relation setzen: Allein für die in Deutschland bis 2007 installierten Solarzellen werden bis zum Ablauf der Vergütungsfrist 23,3 Milliarden Euro gezahlt worden sein – für einen vernachlässigbaren Anteil an der Stromerzeugung (unter 1%). Mir wäre es WESENTLICH lieber, dieses Geld würde in Forschung gesteckt werden, gerne auch im regenerativen Sektor. So wie das Geld derzeit ausgegeben wird, kann man sicher keine “Hürden überspringen”!
    Die entscheidende Frage bei regenerativen Energien (außer Wasserkraft) ist, wann sie zu vergleichbarn Kosten wie fossilen Kraftwerke produzieren, und bei PV und Wind, wie das Speicherproblem gelöst wird. Ansonsten werden Länder wie Deutschland zwar viel Geld aus dem Fenster werfen, aber Länder wie China, das derzeit etwa 60 GW an Kohlekraftwerken JÄHRLICH baut, diese Bemühungen zu nichte machen. Und für Länder wie Deutschland, das über wenig Sonne, wenige Standorte für Wind (sowie relativ teure Offshorestandorte), keinen Platz für Biomasse (Deutschland ist Nahrungsmittelimporteuer) und bereits ausgebaute Wasserkraft verfügt, ist Kernkraft, sachlich betrachtet, allemal eine Option.