Die Idee, durch die Umverteilung von Besitz eine gerechtere Gesellschaft zu kreieren, ist nicht neu. Die Idee, dieses Ziel durch die Umverteilung von Bildung zu erreichen dagegen schon. Und sie kommt unter einem unschuldig klingenden Namen daher: Gesamtschule.

In kaum einem anderen westlichen Land sind die Chancen auf eine gute Bildung und damit auch gute Chancen im späteren Berufsleben so eng an Bildung und Einkommen der Eltern gebunden wie in Deutschland. Dieser Zustand erscheint uns inhärent ungerecht zu sein, denn ein Kind aus einem Arbeiterhaushalt startet bei gleichen Veranlagungen quasi “automatisch” mit schlechteren Chancen ins Bildungsleben, als ein Kind aus einem Akademikerhaushalt. Die Tatsache, dass unser Schulsystem für Kinder aus allen Bildungsschichten gleichermaßen offen steht, hat an der starken Korrelation zwischen elterlichem Bildungsstand und Bildungschancen der Kinder scheinbar wenig geändert, weshalb man in der Politik im Namen der Wiederherstellung gesamtgesellschaftlicher Gerechtigkeit von Zeit zu Zeit lobenswerterweise nach neuen Lösungsansätzen sucht.

Dabei wird immer wieder darauf verwiesen, wie unbarmherzig das dreigliedrige Schulsystem vermeintlich daherkommt, da es Kinder nach der vierten oder spätestens der sechsten Klasse in Leistungsgruppen aufteilt und “aussortiert”. Zwar ist es auch später noch möglich, von der Haupt- in die Realschule oder von der Realschule aufs Gymnasium zu wechseln – aber natürlich ist so ein Wechsel mit sehr viel Mühen und Anstrengung verbunden und damit schwer zu schaffen. Was liegt also näher, als dieses Dreiklassensystem endlich abzuschaffen und die Gesamtschule einzuführen?

Auch wenn ich schon seit Jahren unterrichte, bin ich kein Experte für Pädagogik (meine Studenten würden das auf Nachfrage sicher gerne bestätigen). Aus diesem Grund kann und will ich mir über die theoretischen Vor- und Nachteile der Gesamtschule kein abschließendes Urteil erlauben, sondern kann nur aus eigener Erfahrung sprechen bzw. meine persönliche Meinung kundtun. Als Wissenschaftler weiß ich, dass hierin eine gewisse Gefahr liegt – denn nicht ohne Grund wird “eigene Erfahrung” auch als “Statistik der kleinen Zahlen” bezeichnet, also als eingeschränkte und zutiefst subjektive Betrachtungsweise. Dennoch halte ich es für vernünftig, auch solche subjektiven Betrachtungen zuzulassen, da diese in jedem Fall dazu geeignet sind, die Debatte über eine wichtige Frage stets wieder neu zu entfachen: Wie definieren wir als Gesellschaft eigentlich Bildungsgerechtigkeit – und wie erreichen wie diese?

Das kleine Gymnasium, auf dem ich neun Jahre meines Lebens zugebracht habe, teilte sich mittags einen Bus mit der örtlichen Hauptschule. Schon an der Bushaltestelle ging es hoch her: Da flogen die Kippen, es wurde mit Schraubenziehern und ähnlichem Gerät um sich gefuchtelt, die Busfahrpläne wurden aus den Schaukästen gerissen und obszöne Sprüche an jeden freien Fleck im Wartehäuschen geschrieben, welches übrigens in den neun Jahren mehrfach der Brandstiftung zum Opfer fiel. Im Bus ging es dann munter weiter: Die Beleidigungen flogen nur so hin und her, es wurde gespuckt, gegrölt, getreten und so mancher Schraubenzieher dazu mißbraucht, die Sitzreihen zu “verschönern”. Gelegentlich endete das Verhalten in einem Wut- und Schreianfall des Busfahrers und bisweilen sogar im Rauswurf von Schülern an der nächsten Haltestelle. Das Gros der Gewalt war sozusagen “internalisiert”, doch gelegentlich entlud sich das Gewaltpotenzial auch auf uns Gymnasiasten, die wir ohnehin ein beliebtes Ziel von Häme und Spott waren. Kurzum: Ich war stets froh, wenn ich aus dem Bus endlich wieder aussteigen durfte.

Mein ganz persönliches Fazit aus diesen neun Jahren, dass mir aufgrund der ideologischen Aufgeladenheit der Thematik bestimmt den einen oder anderen negativen Kommentar einbringt: Wenn ich mir einfach mal vorstelle, dass man die beiden Schulen damals zusammengelegt und in einer Gesamtschule vereint hätte – die Zeiten, in denen ich morgens unbefangen den Weg in die Schule angetreten hätte, wären wohl vorbei gewesen. Natürlich ist mir klar, dass es in einer Gesamtschule nach Leistung gestaffelte Klassenverbände gibt, dennoch verbringen die Schüler einen Großteil der Zeit zusammen – und genau das soll ja letztendlich auch erreicht werden.

Gemeinsamer Sport-, Kunst- und Musikunterricht, gemeinsame Pausen, gemeinsames Mittagessen, gemeinsame An- und Abfahrt mit dem Schulbus… Das mag jetzt nicht sozial ausgewogen klingen, aber für Kinder, die Freude am Lernen haben und die zur Schule gehen wollen, muss diese einen Raum bieten, in dem sie ihren Bildungshunger möglichst ungestört entfalten können. Jeder weiß, dass gerade schulisch engagierte und leistungsstarke Kinder schon innerhalb ihrer “peer group” genügend Repressalien ausgesetzt sind – und es bedarf keiner besonderen Vorstellungskraft um sich klar zu machen, dass es auf einer Gesamtschule vermutlich nicht mehr viele “Streber” geben wird.

Die Einführung einer Gesamtschule käme einer gesellschaftlichen Umverteilung von Bildung gleich, wie es sie in dieser Form noch nie gegeben hat. Die einen müssen nicht mehr auf die Hauptschule und erhalten ein wenig bessere Bildungschancen, die anderen können nicht mehr aufs Gymnasium und ihre Bildungsaussichten verschlechtern sich. Die einen lernen etwas mehr als zuvor, die anderen etwas weniger. Ganz im Sinne einer ausgleichenden Gerechtigkeit, da nun diejenigen besser gestellt werden, die unfairerweise mit schlechteren Chancen in die Bildungswelt gestartet sind, während die Kinder aus “Vorteils”-Haushalten nun mit einem kleinen Nachteil leben müssen. Gerecht und ungerecht zugleich.

Denn worin besteht eigentlich Bildungsgerechtigkeit? Und wann haben wir diese erreicht? Wenn jedes Kind ein Abitur oder einen “Einheitsabschluss” in der Tasche hat und niemand mehr besser gestellt ist? Welchen Wert soll dieser Abschluss dann noch haben? Ist mit Gerechtigkeit wirklich eine Gleichheit im Ergebnis gemeint – oder doch eine Gleichheit in den Voraussetzungen? Anders formuliert: Ist das Bildungssystem dann gerecht, wenn jeder Abitur machen könnte, oder tatsächlich erst dann, wenn es auch jeder hat?

Ich behaupte: Die Gesamtschule würde nicht dabei helfen, die deutsche Bildungslandschaft gerechter oder ausgeglichener zu gestalten, sie würde ganz im Gegenteil erst recht zur Entstehung einer gefährlichen Zwei-Klassen-Bildungsgesellschaft führen. Zur Untermauerung dieser Behauptung möchte ich zwei Beispiele anführen.

Für ein Kind aus einem einkommenschwachen Arbeiterhaushalt mit Freude an der Schule und viel Interesse am Forschen und Entdecken bedeutet die Einführung der Gesamtschule effektiv “game over”. Dieses Kind, welches das “Zeug” zum Abitur gehabt hätte, das etwas hätte erreichen können, was aus der Familie vielleicht noch niemandem gelungen ist, würde ungeachtet der besseren Leistungen und Voraussetzungen auf genau die gleiche Gesamtschule gehen, wie alle anderen Kinder auch. Das Kind wäre während seiner gesamten Schullaufbahn nie von anderen Kindern getrennt, die kein Interesse an Schule und Bildung haben – und wenig Verständnis für “Streber”.

Ganz anders geht es dem Kind aus einem einkommenstarken Akademikerhaushalt. Da die Eltern es sich leisten können, würde dieses Kind selbstverständlich ein privates Gymnasium oder ein anderes Internat besuchen, sollte das staatliche Gymnasium als Schulform abgeschafft werden. Da ein Verbot von Privatschulen nicht mit der Verfassung vereinbar ist, dürfte es sie weiter geben – und im Falle der Abschaffung der öffentlichen Gymnasien käme mit Sicherheit ein großer Boom. Wer es sich leisten kann, sorgt bei seinen eigenen Kindern schon für gute Zukunftsaussichten.

Ein gutes Beispiel hierfür liefert uns Frau Ypsilanti, die hessische SPD-Spitzenfrau, die ja zur Zeit mit dem Ausspruch “Wortbruch kann viele Facetten haben” medial hochpräsent ist. Obwohl Ypsilanti eine Vorkämpferin für die Einführung von Gesamtschulen in Hessen ist, besucht ihr eigener Sohn ein kostenpflichtiges Privatgymnasium – da es nur so möglich sei, die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu vermeiden. So jedenfalls begründet die sonst eher als umweltfreundlich bekannte Politikerin ihre Schulentscheidung. Als dieser Umstand im Wahlkampf thematisiert wurde, konterte man mit dem Argument, dass es “unanständig” sei, ihr Kind für politische Zwecke mißbrauchen zu wollen.

Niemand gönnt dem Kind eine gute Schulbildung mehr als ich. Aber sollten wir nicht hinterfragen, warum eine Politikerin, die bei jeder Gelegenheit das Versagen des dreigliedrigen Schulsystems und die Überlegenheit von Gesamtschulen betont, ihr eigenes Kind nicht auf eine solche Schule schicken möchte? Meine Vermutung: Weil auch Politiker Menschen sind und für ihre Kinder natürlich nur das Beste wollen – und das kann man ja nun wirklich niemandem verübeln. Das Ganze ist übrigens ein guter Benchmark für alle politisch interessierten Eltern: Wenn Sie die Wahl haben zwischen einem Gymnasium und einer Gesamtschule und alle anderen Faktoren (Kosten, Entfernung, Leistung) außer Kraft gesetzt wären, so dass Sie in die Lage versetzt werden, nur nach dem Wohl ihres Kindes zu entscheiden – auf welche Schule würde / sollte Ihr Kind gehen?

Für mich zeichnet sich ein unschönes Bild für die “Gesamtschul-Zukunft” ab: Begabte Kinder einkommenschwacher Eltern werden auf der Gesamtschule landen, begabte Kinder einkommenstarker Eltern statt dessen in privaten Schulen, wo sie, da bin ich mir sicher, eine bessere Ausbildung erfahren würden als ihre Kameraden auf den Gesamtschulen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal mit dem neuen Gewaltpotenzial “herumschlagen” müssten. Die Einführung der Gesamtschule macht politisch aber nur dann Sinn, wenn alle anderen staatlichen Schulformen abgeschafft werden. Genau dieser Schritt würde eine Elitenbildung fördern und gesellschaftliche Gräben vertiefen. Die Chance auf den Besuch eines Gymnasiums mag zwar momentan hoch mit Bildungsstand und Einkommen der Eltern korrelieren, dennoch findet auf den Gymnasien eine begrüßenswerte und dringend benötigte gesellschaftliche Durchmischung statt. Mit der Einführung der Gesamtschule würde dieser positive Effekt schlagartig abgewürgt – denn ob ein Kind auf die Gesamtschule oder ein privates Gymnasium ginge, würde dann von nichts anderem mehr abhängen als vom Geldbeutel der Eltern.

Damit hätte man genau das Gegenteil von dem erreicht, was man eigentlich erreichen wollte. Nun werden viele fragen: Was ist mit Finnland, was mit Schweden? Dort gibt es doch ausschließlich Gesamtschulen – und die PISA-Ergebnisse dieser Länder liegen weit vor den unsrigen.

Nun – waren Sie schon einmal in Schweden oder in Finnland? Bildung und Lernen haben dort einen ganz anderen Stellenwert. Der Wert einer guten Allgemeinbildung wird in den meisten Haushalten von den Eltern an die Kinder vermittelt, und diese wiederum machen sich wegen guter Leistungen in der Schule nicht gegenseitig das Leben zur Hölle. Bildung ist dort nicht ein notwendiges Übel zur Erreichung eines gewissen Wohlstands, sondern hat einen Wert für sich. Hätten Schweden und Finnland ein dreigliedriges Schulsystem und wir das Gesamtschulsystem – in der PISA-Studie würden sie trotzdem noch vor uns liegen. Das Erfolgsgeheimnis liegt nicht im Schulsystem selbst, sondern in der gesellschaftlichen Akzeptanz und Förderung von Leistung.

Dazu gehört übrigens auch, dass wir es Kindern ermöglichen, sich über gute schulische Leistungen von anderen abzugrenzen. Wem das Wort nicht gefällt: Durch den Wechsel von der B-Mannschaft in die A-Mannschaft kann sich ein Kind mit guten sportlichen Leistungen von weniger sportlichen Kindern abgrenzen – und niemand sieht darin ein Problem. Das gilt nicht nur für den Sport sondern auch für die Kunst, die Musik und viele weitere Bereiche, die im Leben eines Kindes einen wichtigen Raum einnehmen können. Überall gestattet die Gesellschaft eine positive Abgrenzung, eine Abgrenzung durch Leistung – nur bei der Bildung erscheint vielen dies ungerecht zu sein. Gute Leistungen auf anderen Gebieten werden aber gerade durch positive Abgrenzung gefördert – nichts anderes geschieht beispielsweise in sportlichen Wettkämpfen – gute Leistungen in der Bildung glauben wir dagegen erreichen zu können, indem wir genau die gleichen Mechanismen positiver Abgrenzung immer mehr schwächen und außer Kraft setzen. Dieser Gedankengang kulminiert in der Gesamtschul-Idee, hinter der sich der gefühlte Gerechtigkeitsausgleich durch Bildungs-Umverteilung versteckt, der in diesem Land im Interesse unserer Zukunft hoffentlich niemals bildungspolitische Realität werden wird.

Denn – mal ehrlich – lassen sich solche Probleme wie im nachfolgenden Filmbeitrag durch das „Modell Gesamtschule” lösen – oder sollten wir unsere Energie nicht lieber darauf verwenden, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen, Bildung und Wissen wieder erstrebenswert zu machen und wegzukommen von einer Kultur der Verrohung und – leider auch – Verdummung?

Kommentare (20)

  1. #1 Kil
    6. März 2008

    Die Frage ist, ziehen die schlechten die guten runter oder ziehen die guten die schlechten hoch. Aber es gibt auch noch ein anderes Problem. Studien haben ergeben, dass Kinder aus Arbeiterhaushalten, wesentlich mehr Leistung bringen müssen um auf ein Gymnasium zu kommen, als ein Kind mit Eltern die Akademiker sind. Selbst bei relativ schlechten Leistungen bekommen diese Kinder eine Empfehlung fürs Gymnasium. Prof. Dr. Rainer Geißler hat dazu einiges erforscht.

    Es geht also weniger um die Frage ob jeder aufs Gymnasium kommt, sondern eher darum, ob jemand entsprechend seiner Leistungen beurteilt wird oder aufgrund seines sozialen Hintergrundes. Da kommen nämlich erschreckende Ergebnisse bei Experimenten zu Tage.

    Ansonsten geb ich dir recht, Leistung muss gefördert werden. Ich habe es selbst erlebt, was passiert, wenn man lernen will aber nie gefördert wird und eher auf Hindernisse als auf Unterstützung trifft. Auch bekannte von mir müssen sich anfeinden lassen, weil sie studieren. Leider dauern gesellschaftliche Veränderungen eine Weile. Wobei meiner Meinung nach solche Neiddebatten ja von Politikern gerne geführt werden. Beispielsweise beim Thema Studiengebühren. Da wird dann gerne das Bild des faulen Langzeitstudenten benutzt um die Fordrungen durchzusetzen.

  2. #2 Kil
    6. März 2008

    Sorry für den doppelten Kommentar, beim ersten Versuch kam nur ne Fehlermeldung.

  3. #3 Christian Reinboth
    6. März 2008

    @Kil: Kein Problem, habe mir erlaubt den doppelten Kommentar zu löschen….

    Aber erst Mal vielen Dank für den Kommentar an sich. Es ist leider wahr, dass die Entscheidung, welche Kinder aufs Gymnasium dürfen und welche nicht, nicht immer nach den richtigen Kriterien getroffen wird, wobei die Eltern aus den Akademikerhaushalten oftmals auch mehr Druck auf die Schule ausüben und sich für die Gymnasialempfehlung engagieren – und mit Engagement von elterlicher Seite kann man eben auch manchmal etwas erreichen….

    Wenn Schüler aus Arbeiterhaushalten trotz guter Leistungen (und guter sozialer Fähigkeiten, wobei das ja meist Hand in Hand geht) nur aufgrund ihrer Herkunft keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen, ist das zutiefst ungerecht und ein Skandal. Leider kommen solche Entscheidungen trotzdem vor und jeder Fall ist ein Fall zuviel. Dennoch gibt es auch genügend Fälle, in denen ein “Arbeiterkind” den Sprung aufs Gymnasium schafft – und gerade diese Kinder sollten besonders gefördert und unterstützt werden, da sie für eine gute Bildung oft mehr “kämpfen” müssen. Das Gymnasium ganz abzuschaffen und diesen Kindern damit die Perspektive zu nehmen, halte ich daher für grundfalsch. Erfolgserlebnisse sind wichtig und gerade der Sprung aufs Gymnasium ist ein solches Erfolgserlebnis. Erzwungene Gleichmacherei hilft in der Bildung einfach nicht weiter – und wer sich ohnehin – wie Du schon richtig anmerkst – wegen seiner Interessen und seines Engagements “anfeinden” lassen muss, dem sei ruhig ein wenig Förderung und positive Abgrenzung gegönnt.

    Als spätere Leistungsträger geben gerade die “Streber” auch viel an die Gesellschaft zurück, was bei den von Dir angesprochenen “Neiddebatten” und den Diskussionen um das Bildungssystem leider viel zu häufig vergessen wird….

  4. #4 Thilo Kuessner
    6. März 2008

    Ich weiß nicht, ob es nun wirklich notwendig ist, 30 Jahre alte Debatten immer neu aufleben lassen. Meines Wissens steht es in keinem Bundesland zur Debatte, Gymnasien völlig oder auch nur überwiegend durch Gesamtschulen zu ersetzen. Wer als Schüler nicht auf eine Gesamtschule gehen will, wird dies (jedenfalls wenn seine Eltern sich seiner Meinung anschließen) auch in Zukunft nicht tun müssen. Also worum geht es dann eigentlich bei dieser Diskussion??

    Die eigentlichen Fragen sind heute doch andere:
    1. mit einem Hauptschulabschluß kann heute niemand mehr irgend etwas anfangen. Das wirft natürlich die Frage auf, ob man die Hauptschule nicht abschaffen (d.h. mit der Realschule zusammenlegen) sollte. Man würde ja schließlich auch nicht, wenn ein Beruf nicht mehr nachgefragt wird, die entsprechende Berufsausbildung immer weiterführen.
    2. nach allen Studien hat Deutschland ein großes Problem (nicht nur im Vergleich zu Schweden und Finnland, sondern im Vergleich zu allen vergleichbaren Industrieländern) bei der Korrelation zwischen Herkunft und Bildungschancen. Das hat nicht zwangsläufig etwas mit dem dreigliedrigen Schulsystem zu tun, aber vielleicht schon damit, ob der Übergang bereits nach der 4.Klasse oder später erfolgt, und sicher auch damit, nach welchen Kriterien Lehrer Empfehlungen aussprechen.
    Und das wiederum ist nicht in erster Linie eine Umverteilungsfrage, sondern eine Frage der Nutzung menschlicher Ressourcen. Die bisher beste von mir (mit)betreute Diplomarbeit stammte von einem Studenten, der eigentlich nur einen Hauptschulabschluß hatte und aufgrund dieser Biografie erst mit 24 das Studium aufnahm. Man könnte jetzt versuchen nachzurechnen, wie groß der ökonomische Schaden durch die 5 verlorenen Jahre für die Gesellschaft ist. (Ich weiß natürlich auch, daß dieses Beispiel nicht der Regelfall ist.)

  5. #5 Monika
    6. März 2008

    @ Thilo Kuessner
    So denke ich auch – die Schulformdebatte lenkt ansich von den eigentlichen Problemen ab und führt dazu, dass sich Politik in Sachen Bildung immer nur an der “Oberfläche” bewegt und unnötige ideologisch gefärbte Grabenkämpfe stattfinden.
    Das genannte Beispiel ist eines, welches in den Kategorien “Lehrerausbildung” und “Lehrer-Schüler-Verhältnis”, sowie “Schülerfördermaßnahmen” angesiedelt ist. Insbesondere das unzureichende psychologische Verständnis von Intelligenz und Begabung führt zur Fehlansicht, dass die schulische Leistung “immer” Ausdruck der Intelligenz des Schülers sei. Hinzu kommt, dass Förderressourcen erst in Anspruch genommen werden können, wenn sich so große Defizite zeigen, dass die Fördermaßnahme bei einem demotivierten Schüler oft nicht mehr greifen. Zu große Klassen, die Arbeitsüberlastung der deutschen Lehrkräfte…….
    Wenn man hier beginnt, dann schreibe ich noch morgen früh……….

    Zusammenfassung:
    Neue Zielsetzungen erforderlich:
    Verbesserung Lehrerausbildung, Einsatz für den Lehrerberuf geeigneterer Personen, Verbesserung der Unterrichtssituation, mehr Zeit für Schüler und Unterrichtsvorbereitung, weniger Bürokratie, Entstressung des Lehreralltags, an der Praxis orientierte Lern- und Entwicklungspsychologie als Hauptfach in der Lehrerausbildung, Abschaffung der Repressivität Schulverwaltungssysteme kontra Lehrkräfte, Schulung von Teamfähigkeit während der Lehrerausbildung, Zusammenarbeit der Lehrkräfte als systemimmanenter Aspekt, Unterrichtsstunden für soziales Miteinander der Klasse verwenden dürfen usw. usw.

  6. #6 Christian Reinboth
    7. März 2008

    @Thilo (&Monika): Was die Frage nach den “30 Jahre alten Debatten” angeht, da wäre ich wirklich froh wenn ich Ihnen uneingeschränkt beipflichten könnte. Leider ist es durchaus so, dass die komplette Abschaffung aller anderen Schultypen zugunsten der Gesamtschule politisch noch nicht vollkommen vom Tisch ist. Ich zitiere hierzu einmal den Bundesvorsitzenden des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger bzw. seine Pressemitteilung vom 21.01.2008:

    “Es ist schlichtweg untragbar, dass sich SPD und Grüne in den laufenden Landtagswahlkämpfen nicht oder nur verschwommen zur Zukunft der Gymnasien in einer von ihnen geführten Landesregierung äußern. Es bleibt ein unauflösbarer Widerspruch zwischen dem erklärten Wahlkampfziel der Spitzenkandidaten beider Parteien, die Gemeinschaftsschule als eine die bisherigen Schularten ersetzende Gesamtschule durchzusetzen, und einzelnen Äußerungen, das Gymnasium nicht abschaffen zu wollen”, erklärte der Verbandsvorsitzende in Berlin.

    Meidinger äußerte die begründete Befürchtung, dass in beiden Parteien bereits konkrete Pläne in der Schublade lägen, das Gymnasium finanziell auszuhungern bzw. von innen her auszuhöhlen. Als Beispiele nannte der DPhV-Vorsitzende Verordnungen, wonach Gymnasien gezwungen würden, alle Schüler aufzunehmen und diese ohne Sitzenbleiben zur Mittleren Reife oder zum Abitur zu führen. Der Verbandschef dazu: “Dann steht zwar noch Gymnasium auf dem Türschild, im Inneren hätten wir aber die reinste Gesamtschule!”

    Er kritisierte auch das rot-grüne Vorhaben, viel Geld in die Umgestaltung der Schulstruktur hin zu Gemeinschaftsschulen zu stecken, das dann den bestehenden Schulen des gegliederten Systems fehlen würde. “Die Wähler und insbesondere die Eltern von Gymnasiasten haben vor dem Wahltermin ein Recht darauf, von allen Parteien genau zu erfahren, was mit den Gymnasien in ihrem Bundesland passieren würde, falls diese Partei Regierungsverantwortung übernehmen würde!”, betonte Meidinger und verwies auf eine Forsa-Umfrage von Ende November 2007, wonach 89 Prozent der Bundesbürger und auch über 80 Prozent der Anhänger von SPD und Grünen gegen eine Abschaffung der Gymnasien votieren.

    Quelle: http://bildungsklick.de/pm/57952/gymnasien-abschaffen-finanziell-aushungern-von-innen-her-aushoehlen-oder-auf-oberstufe-verkuerzen/

    Solange der Philologenverband nicht von Verschwörungstheoretikern übernommen wurde, steht die Frage nach Plänen für eine völlige Abschaffung anderer Schultypen zumindest im Raum. Abgesehen davon: Selbst wenn die Gymnasien nicht abgeschafft werden würden – es ist doch nicht ernsthaft davon auszugehen, dass es im finanziell ausgehungerten Bildungssystem möglich sein könnte, zwei Plätze für jeden Schüler vorzuhalten – einen auf der Gesamtschule und einen in einem anderen Schultyp. Es wird in jedem Fall auch bei Beibehaltung der Gymnasien zu einer Reduktion der Platzzahlen dort kommen, so dass es eben nicht allein die Entscheidung der Eltern oder des Schülers wäre….

    Ansonsten sehe ich sowohl in Ihrem als auch in Monikas Kommentar sehr vieles, bei dem ich auch nur nicken kann. Im Grunde widersprechen wir uns aber nicht: Die Probleme an unseren Schulen sind eben nicht die Folge des Schulsystems an sich, sondern Ergebnis von Problemen in der Lehrerausbildung und im Lehreralltag, fehlenden finanziellen Mitteln, mangelnder Akzeptanz von Bildung usw. usf. Da gibt es viele Gründe – und mich stört es einfach, wenn die Lage von Seiten mancher Politiker einfach so dargestellt wird, als ob der Übergang zum Gesamtschulsystem schlagartig alle Probleme lösen würde. Dies ist nämlich eben nicht der Fall, denn die Ursachen sitzen viel tiefer und sind deutlich vielschichtiger.

    Damit ist natürlich auch klar, dass durch das reine Festhalten am bisherigen System (welches ich ja favorisiere) auch kein Problem gelöst wird – aber wenigstens werden nicht noch neue geschaffen…. Insgesamt muss sich vieles ändern: In der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern, in der Ausstattung von Schulen mit finanziellen Mitteln, in der “Vergesellschaftung” von Bildung und Wissenschaft etc.pp. All dies lässt sich nicht einfach durch eine “Gesamtschul-Lösung” ausräumen, sondern es ist viel eher damit zu rechnen, dass sogar noch neue Probleme hinzukommen – nichts anderes wollte ich mit meinem (diesmal ja eher anekdotischen) Beitrag unterstreichen.

  7. #7 Thilo
    9. März 2008

    Ich kann aus eigener Erfahrung zu diesem Thema wenig beitragen, da ich an der Uni von den Auswirkungen der Schulpolitik nur indirekt betroffen bin.
    Deshalb muß ich auch die Frage, ob es beim Philologenverband Verschwörungstheoretiker gibt, einfach mal unkommentiert stehen lassen :-)

    Weil es einigermaßen zum Thema paßt und in Deutschland anscheinend wenig beachtet wurde,
    will ich kurz (als Beispiel für die absurde Eigendynamik, die solche Diskussionen entwickeln können)
    eine Debatte erwähnen, die in Frankreich Ende 2005 von dem Mathematiker Laurent Lafforgue angestoßen wurde.
    (Um Mißverständnisse zu vermeiden: das ist jetzt nicht als Reaktion auf den recht ausgewogenen letzten Kommentar gemeint, aber zeigt doch die Sinnlosigkeit mancher Diskussionen.).

    Es ging dort natürlich nicht um die Frage Gymnasien vs. Gesamtschulen, aber um den ähnlich gelagerten angeblichen “Konflikt” katholische vs. staatliche Gymnasien.

    Lafforgue ist einer der weltweit führenden jüngeren Mathematiker (Fields-Preis 2002) und einer von drei Direktoren des Pariser IHES (entspricht dem deutschen Max-Planck-Institut).
    Ende 2005 initiierte er einen ‘Appel pour la refondation de l’ecole’, verlinkt auf
    http://www.refondation-ecole.net/ , der immerhin über 11500 Unterschriften bekam.
    Der Original-Text des Aufrufs ist eine allgemein formulierte Kritik an der heutigen Schule. Die Autoren haben aber in vielen Interviews und Presseerklärungen klargemacht, daß sie ihre Vorwürfe ausschließlich auf die staatlichen Schulen beziehen.

    Bekanntlich ist es ja unter französischen (vornehmlich linken) Intellektuellen sehr verbreitet, häufig für oder gegen diverse Themen Unterschriften zu sammeln. Irgendwie drängt sich der Verdacht auf, daß auch Lafforgue einfach mal wie viele seiner Kollegen mit einem nicht-wissenschaftlichen Thema in die Presse kommen wollte. Manche seiner Aussagen erweckten jedenfalls den Eindruck, daß es eher um maximale Aufmerksamkeit als um reale Schulpolitik ging.
    Zum Beispiel regte er in einem Interview an, daß als dritte Fremdsprache neben Griechisch und Latein nicht Englisch, sondern Hebräisch gelehrt wird, damit die Kinder die Bibel im Original lesen können.

    Die Sache kulminierte dann darin, daß er nach einigen unbedachten öffentlichen Äußerungen (‘propos violents’ hieß es in der offiziellen Erklärung)
    aus dem Haut Conseil de l’Education (dem Französischen Bildungsrat) zurücktrat, vermutlich nicht ganz freiwillig.

    Eine ausführliche Darstellung der Diskussionen, mit mehreren Dutzend Thesenpapieren, findet man auf seiner eigenen Homepage http://www.ihes.fr/~lafforgue/

    Natürlich stellen die Texte auf Lafforgue’s Homepage die Diskussion aus seiner eigenen Sicht dar. Er zitiert, neben den 11500 Unterschriften, auch manchen Zuspruch, z.B. Leserbriefe pensionierter Lehrer mit dem Tenor, daß in den Schulen alles abwärts geht.
    NICHT unterstützt wurde er offenbar von offiziellen Vertretern der (von ihm immer sehr gelobten) kirchlichen Schulen.
    Auch seine eigenen Texte vermitteln den Eindruck, daß er nicht glaubt, durch die Debatte irgendetwas bewegt zu haben. Allerdings ist mir (jedenfalls nach flüchtigem Anklicken einiger Texte) nicht recht klar geworden, WAS er überhaupt konkret erreichen wollte.

  8. #8 Oliver
    9. März 2008

    Das Problem liegt schon in der Überschrift: Es wird eine Umverteilung postuliert. Dies besagt implizit, dass jemand weniger bekommt. Das ist aber weder Teil der propagierten Modelle noch irgendwie andersartig belegt.

    Der Punkt der meisten derartigen Modelle ist doch ein ganz anderer, nämlich der, dass jeder genau die Förderung bekommt, die ihm das optimale Ausnutzen seiner individuellen Möglichkeiten erlaubt. Damit aber wird eine Schubladensortierung überflüssig.

    Hier den Philologenverband zu zitieren ist etwas abwegig. Als Interessensverband von Lehrer an solchen Schulen, die zum Abitur führen, fühlt der sich selbstverständlich durch derartige Diskussionen bedroht. Von “Verschwörungstheoretikern” muss also gar nicht die Rede sein. Es handelt sich schlicht um das verständliche Anliegen eines Interessensverbandes, die Interessen seiner Mitglieder zu vertreten. Nur ist es irrig anzunehmen, diese müssten auch die Interessen der Gesellschaft (oder der Schüler) sein.

  9. #9 Christian Reinboth
    9. März 2008

    @Oliver: Den Philologenverband habe ich vor allem deshalb zitiert, um den zuvor geäußerten Vorwurf zu entkräften, die Idee der vollständigen Abschaffung der Gymnasien wäre schon seit Jahrzehnten “vom Tisch” – denn gerade ein Interessenverband wird sich nicht wegen imaginären Plänen so ereifern…

    Die Idee mit der Förderung der individuellen Fähigkeiten ist prinzipiell großartig – das bestreite ich auch gar nicht, ich zweifle nur stark daran, dass sie umgesetzt werden kann. Zunächst einmal gilt es zu prüfen, wie man die Gewaltprobleme an den heutigen Hauptschulen in den Griff bekommen kann, bevor man deren Schüler mit Schülern anderer Schulformen in eine gemeinsame Lern- und Lebensumgebung integriert.

    Wenn dies nicht gelingt, dann wird es in der Tat zu einer Umverteilung kommen, da die besseren Förder- und Bildungsmöglichkeiten der dann “ehemaligen” Hauptschüler mit einem ungünstigeren Bildungsumfeld für die “ehemaligen” Gymnasiasten erkauft werden. Ein solches “Geschäft” scheint mir prinzipiell eine ungerechte Sache zu sein, die auch durch die vermuteten Ergebnisse nicht nachträglich legitimiert wird. Wenngleich es nicht als sicher gelten kann, dass das zunehmende und von keiner Seite mehr abzustreitende Gewaltpotenzial an vielen Haupt- und leider auch einigen Realschulen in die Gesamtschulen “mitgenommen” werden würde, so besteht aus meiner Sicht jedoch zumindest die Gefahr, dass dies passiert. Dies sollte man im Interesse der leistungsbereiteren Schüler gründlich prüfen, bevor man sich auf grundlegende Änderungen im Schulsystem einlässt. Die Zukunft von Kindern ist kein “Experimentierkasten” und alle möglichen Probleme, die im Vorfeld einer Änderung im Schulsystem bereits erkennbar sind, sollten pinzipiell erst einmal Gegenstand der öffentlichen Diskussion sein, bevor man solche Änderungen ernsthaft in Betracht zieht.

    Auch kritische Stimmen wie den Philologenverband sollte man da nicht ignorieren – und bloss weil solche Verbände bestimmte Interessengruppen vertreten, ist nicht automatisch alles falsch, was aus deren Richtung kommt. Die Gefahren der Umweltzerstörung oder des Klimawandels können wir ja auch nicht nur deshalb verwerfen, weil sie vom Vertreter einer Solar- oder Windlobby geäußert werden. Wichtig ist nicht nur der Bote, sondern eben auch die Botschaft selbst….

  10. #10 Monika
    9. März 2008

    “Da gibt es viele Gründe – und mich stört es einfach, wenn die Lage von Seiten mancher Politiker einfach so dargestellt wird, als ob der Übergang zum Gesamtschulsystem schlagartig alle Probleme lösen würde. Dies ist nämlich eben nicht der Fall, denn die Ursachen sitzen viel tiefer und sind deutlich vielschichtiger.”

    Ja, genau ;-)) Das würde ich sofort unterschreiben – der Beweis wäre spätestens dann angetreten, wenn man dies einfach so versuchen würde 😉 Es ist nicht ein Problem des übergeordneten Systems (im Übrigen gibt es hierzu auch Belege aus entsprechenden Studien).

    Für die ausgedünnte Hauptschule müssen sich Politiker tatsächlich Gedanken machen, da diese von den “Bürgern” schlicht so nicht mehr akzeptiert wird. Hier wären Schulen mit hauswirtschaftlich-handwerklicher Ausrichtung sicherlich eine ganz gute Sache. Diese könnte als Vorbereitung in diese Berufsgruppen konzipiert sein. Der hohe Ansehensverlust der Hauptschule ist m.E. auch ein “hausgemachtes” Problem. Da man bereits seit mehr als einem Jahrzehnt von dort ständig Ressourcen abzieht, Lehrer fast durchgehend fachfremd unterrichten lässt und die Schüler mit ihren sozialen und schulischen Probleme alleine lässt…. Ein berühmt gewordenes Beispiel, dass mit “Ressourceneinsatz” chaotische Hauptschulen zu “Vorzeigeobjekten” werden können, ist ja die “Rütli- Hauptschule”

    Gerade die im Moment überzogene Reformfreudigkeit führt zu weiterem deutlichen Qualitätsverlust in den Schulen. Man braucht sich da vor Ort nur mit Lehrern und Schulleitern unterhalten. Die haben alle Hände voll zu tun, um irgendwelche reformerischen Schnellschüsse umzusetzen 😉

  11. #11 Oliver
    10. März 2008

    “Die Idee mit der Förderung der individuellen Fähigkeiten ist prinzipiell großartig – das bestreite ich auch gar nicht, ich zweifle nur stark daran, dass sie umgesetzt werden kann. Zunächst einmal gilt es zu prüfen, wie man die Gewaltprobleme an den heutigen Hauptschulen in den Griff bekommen kann, bevor man deren Schüler mit Schülern anderer Schulformen in eine gemeinsame Lern- und Lebensumgebung integriert.”

    Die Gewaltprobleme existieren an einzelnen Schulen. Daraus ein generelles Problem zu machen ist abwegig. Im Übrigen existiert es eben deshalb an Hauptschulen, weil sich dort bestimmte Milieus herausbilden können, die bei einer stärkeren Integration wegfallen.

    Die individuelle Förderung funktioniert an etliche Modellschulen sehr gut, gleichzeitig wird auch noch soziale Kompetenz gefördert, weil Schüler Verantwortung für andere Schüler übernehmen. Wie bitte will man das “Gewaltproblem” in den Griff bekommen, wenn nicht durch Herausbildung sozialer Kompetenz?

    “Die Zukunft von Kindern ist kein “Experimentierkasten” und alle möglichen Probleme, die im Vorfeld einer Änderung im Schulsystem bereits erkennbar sind, sollten pinzipiell erst einmal Gegenstand der öffentlichen Diskussion sein, bevor man solche Änderungen ernsthaft in Betracht zieht.”

    Mit Verlaub, das Argument ist reichlich gewagt. Soll heißen: Wir akzeptieren lieber, dass wir versagen, bevor wir anders versagen? Soll heißen: Experimentieren ist böse, in vollem Wissen den Kindern die Zukunft zu verbauen ist gut?

    @Monika

    “Ein berühmt gewordenes Beispiel, dass mit “Ressourceneinsatz” chaotische Hauptschulen zu “Vorzeigeobjekten” werden können, ist ja die “Rütli- Hauptschule””

    Vorzeigeobjekt? Für Hauptschulen, ja. Ändert nichts daran, dass diese Kinder auf lange Sicht extrem unbefriedigende Zukunftsaussichten haben.

    “Gerade die im Moment überzogene Reformfreudigkeit führt zu weiterem deutlichen Qualitätsverlust in den Schulen. Man braucht sich da vor Ort nur mit Lehrern und Schulleitern unterhalten. Die haben alle Hände voll zu tun, um irgendwelche reformerischen Schnellschüsse umzusetzen ;-)”

    Sorry, aber derart mit anekdotischen “Beweisen” zu argumentieren zeugt nicht von Qualitätsbestrebungen. Eher davon, dass man keine Lust hat, die Daten seriös auszuwerten, weil dabei etwas herauskommen könnte, was einem nicht passt.

    Schaut euch mal um: Und wenn die Hauptschule noch so gut ausbildet, auf lange Sicht werden die Arbeitsplätze, zu denen sie qualifiziert, immer weniger werden. Das heißt nicht mehr und nicht weniger als das wir gerade in diesem Bereich dafür sorgen müssen, dass jeder einzelne Schüler so weit kommt wie es sein individuelles Potential erlaubt und nicht durch den Deckel “Hauptschulabschluss” ggf. kurzgehalten wird. Alles andere heißt schlicht Schüler zu Arbeitslosen heranziehen -wie das ja an einigen Schulen sogar schon praktiziert wird!

    Ist das Eure Vorstellung von den Aufgaben einer Schule?

    Ja, es muss sich noch eine ganze Menge mehr ändern -aber indem ich Trägheit fördere und dem “Haben wir immer schon so gemacht” das Wort rede werde ich das ganz bestimmt nicht erreichen.

  12. #12 Christian Reinboth
    14. März 2008

    @Oliver: Dass die Gewaltprobleme nur an einigen, wenigen Schulen existieren, kann ich mir nicht so richtig vorstellen. Ich habe Freunde und Bekannte, die an ganz unterschiedlichen Schulen in ganz unterschiedlichen Gegenden arbeiten, und alle berichten von einer Zunahme an Gewalttaten. Auch die Polizeistatistiken bestätigen diese Vermutung, beispielsweise hier zitiert in einer Meldung des Tagesspiegels aus dem vergangenen Jahr: “Gewalt an Schulen nimmt zu – Zahl der Körperverletzungen verdoppelte sich”:

    “Im Jahr 2006 registrierte die Polizei eine Zunahme um 40 Prozent gegenüber 2005 bei Schulgewalt. Einen noch stärkeren Anstieg hatte die Bildungsverwaltung kürzlich bei dem Vergleich der beiden letzten Schuljahre festgestellt […]. Nach Ansicht von Fachleuten kann diese Verdopplung nicht nur auf die höhere „Anzeigebereitschaft“ der Schulen zurückgeführt werden, sondern auch auf eine größere Skrupellosigkeit. Die zeigt sich etwa darin, dass manche Taten nur deshalb verübt werden, um sie mit dem Handy zu filmen („Happy slapping“)”

    Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/;art270,2193693

    Inwiefern wir im “vollen Wissen” den Kindern die Zukunft verbauen, nur weil wir uns nicht auf das “Experiment Gesamtschule” einlassen, kann ich auch nicht erkennen. Ganz im Gegenteil: Meines Erachtens nach wird durch die Gesamtschule gerade den Kindern der Weg in die Zukunft erschwert, denen sonst der Weg ins Gymnasium offengestanden hätte. Auch diesen Kindern gegenüber haben sowohl der Staat als auch die Gesellschaft an sich eine Verantwortung – und nicht nur gegenüber Problemfällen, so sehr man sich auch um diese bemühen möchte und sollte.

    Nein, die Gewaltprobleme an den Hauptschulen müssen auch dort gelöst werden. Die Idee, dass die Probleme verschwinden indem man die Schüler “mischt” halte ich gelinde gesagt für gewagt – und gerade darin besteht meiner Ansicht nach das “Experiment”. Einfach mal probieren zu wollen, welche Auswirkungen ein Systemwechsel hätte, ist nichts anderes als “Social Engineering”. An so etwas sollte man sich erst dann heranwagen, wenn man sich sicher sein kann, dass es auch wirklich funktioniert. Dies ist angesichts der momentanen Gewaltprobleme an manchen Schulen meines Erachtens nach noch lange nicht gegeben.

    Was die Frage nach dem “Heranziehen von Arbeitslosen” angeht – welche Möglichkeiten gäbe es denn Ihrer Meinung nach, dies zu verhindern? Die Zahl der Arbeitsplätze mit geringem Qualifikationsbedarf sinkt nun mal bereits seit Jahren und wird auch in Zukunft noch weitersinken. Für die Betroffenen eine furchtbare Situation, weshalb man sich sowohl von Seiten der Politik als auch von Seiten der Bildung um eine Lösung bemühen sollte (und ja auch kräftig danach sucht). Aber wie sollte die in Bezug auf die Gesamtschule aussehen? Ändert sich die Gesamtsituation nur dadurch, dass Gesamtschulen eingeführt (und andere Schulen eventuell abgeschafft) werden? Was sollte dies Ihrer Meinung nach bewirken? Eine bessere Qualifikation per fiat, weil die Gesamtschulen einfach per definitionem “besser” sind als Haupt- oder auch Realschulen? Aus der Debatte um “Elite-Unis” sollte doch klar geworden sein, dass man Qualität und Anspruch nicht einfach verordnen kann….

  13. #13 Amélie
    15. März 2008

    „Einfach mal probieren zu wollen, welche Auswirkungen ein Systemwechsel hätte, ist nichts anderes als “Social Engineering”. An so etwas sollte man sich erst dann heranwagen, wenn man sich sicher sein kann, dass es auch wirklich funktioniert.“ – Ich bin der Meinung, dass Schule kein Forschungsfeld ist, auf dem perfekt gesicherte Ergebnisse erzielt werden können, die dann auch noch auf jede beliebige Schule oder Schulform übertragbar sind, sondern dass ein Umbau von Schule ein ständiges Ausprobieren, Reflektieren und Auslesen von Nichtbewährtem sowie Würdigen des Erprobten ist. Und jede Schule muss ihren eigenen Weg gehen.

  14. #14 Marcus
    15. Mai 2008

    Genau darum geht es doch. Das die Kinder zumindest der Mittelschicht gezwungen werden auf die gleichen Schulen zu gehen, wie die Kinder der Unterschicht.

    Damit die Mittelschicht überhaupt ein Interesse an den Schulbedingungen der sogenannten “bildungsfernen” Haushalte hat. Ein Grund für die massive Vernachlässigung der Hauptschulen in den meisten Bundesländern ist doch, daß die allermeisten “Normalbürger” berechtigt davon ausgehen dürfen, daß ihre Kinder oder Enkelkinder eine solche Bruchbude niemals von innen sehen werden.

    In Privatschulen oder “bessere” Wohnbezirke werden sich die wohlhabenderen in jedem System verziehen. In den USA zum Beispiel gibt es diese Tendenz ja trotz einer einzigen Schule für alle eines Altersjahrgangs. Aber in Deutschland wird es den Bessergestellten besonders einfach gemacht sich aus der Verantwortung zurück zu ziehen.

    GLauben sie die von ihnen beschriebenen Verhältnisse hätten ihre Eltern an einer von ihnen besuchten Schule dauerhaft zugelassen? Es wäre ein Sturm der Entrüstung ausgebrochen, der wahrscheinlich nicht zuletzt auch für die ehemaligen Hauptschüler die Schulbedingungen massiv verbessert hätte.

    Und ja…die Lernbedingungen für die guten oder besser gestellten Schüler würden sich wohl verschlechtern. Aber ist nicht genau das der Sinn einer Gesellschaft überhaupt? Eine solidarische Gemeinschaft zu sein? Bei der die schnellsten und stärksten ihre überlegenen Kräfte auch oftmals zu Gunsten der Allgemeinheit einschränken oder umleiten lassen statt ausschließlich auf die Maximierung ihres eigenen Vorteils zu achten?

    Sollte es uns nicht nachdenklich stimmen, daß die Schulsysteme in Finland oder auch Schweden, die gerade besonders egalitär sind und in denen es eine selbstverständlichkeit ist, daß alle Schüler die gleichen Schulen besuchen, besonders gut abschneiden?

    In Schweden zum Beispiel durchlaufen fast alle Schüler eine 12 jährige Schulzeit also vergleichbar dem, was hierzulande nur Abiturienten erleben. In unserer heutigen komplexen Gesellschaft ist es einfach unangemessen einem großen Teil der Schüler bereits viele Jahre vor anderen zu verstehen zu geben, daß sie bereits genug gelernt haben und sie gefälligst endlich ihren Platz als moderne Arbeitssklaven einnehmen sollen.

    Die Schulbildung ist weder eine Berufs- noch eine Studiumsvorbereitung. In einem modernen Staat ist sie die Hinführung junger Menschen zu einem aufgeklärten Bürgertum und diese einem Großteil der Bevölkerung zu verweigern ein Irrweg.

    Was für eine menschenverachtende Logik ist das eigentlich, daß gerade die, deren Leistungen und Lernumfang geringer ist, weniger lang die Ausbildung an einer Schule genießen dürfen? Prinzip gewogen und für zu leicht befunden? Zurück in den Topf, du Knopf?

  15. #15 Christian Reinboth
    15. Mai 2008

    @Marcus:

    Verstehe ich Sie richtig – Sie möchten die Lern- und Lebensbedingungen sowie die Zukunftsaussichten von tausenden Kindern sogenannter Mittelschichts-Haushalte ganz bewußt durch staatlichen Eingrif verschlechtern, um die Eltern dieser Kinder zu incentivieren, sich stärker für Kinder sogenannter “bildungsferner” Schichten zu engagieren? Oder um es anders zu formulieren: Sie möchten die Lebenssituation vollkommen unschuldiger Menschen (und dann auch noch Kinder) absichtlich verschlechtern, um auf diese Weise gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken?

    Da das Stichwort “Social Engineering” hier bereits mehrfach in den Kommentaren gefallen ist, brauche ich mich darüber ja eigentlich nicht weiter auszulassen. Es bleibt mir nur festzustellen, dass Ihre Vorschläge zum Social Engineering der schlimmsten Kategorie gehören: Umerziehung durch Abstrafung. Glauben Sie mir, wenn es Ihre Kinder wären, die man in der neuen Gesamtschule jeden Tag treten und anpöbeln würde und die auch plötzlich wesentlich weniger lernen könnten, dann würden Sie solche Vorschläge ganz anders beurteilen….

  16. #16 Marcus
    19. Mai 2008

    Ja…na dann schaffen wir doch am besten auch gleich die erhöhten Steuern für “Besserverdienende” ab. Ist doch wohl völlig unfair die “Lern- und Lebensbedingungen sowie die Zukunftsaussichten von tausenden Kindern” dadurch zu verschlechtern, daß ihre Eltern wegen überproportional hoher Steuern weniger Nachhilfe oder Privatschulen bezahlen können.

    Wer sagt ihnen eigentlich, daß es nicht meine Kinder sind, die dort jeden Tag getreten und angepöbelt werden? Was ist denn mit den Kindern, die jetzt schon diese Bedingungen auf einer Hauptschule haben?

    Es ist wirklich entlarvend, daß sie nicht etwa die schlimmen Zustände an Hauptschulen beklagen, sondern nur ihre eigenen Pfründe bzw. die ihrer Schicht gewahrt wissen wollen. Das es solche Schulen gibt ist offenbar überhaupt kein Problem für sie…solange ihresgleichen damit nichts zu tun haben. Genau das ist die ekelhafte Einstellung der Eliten, die dieses Land im Moment auf das mehr als grauslige Niveau der USA herab zieht anstatt es Schweden oder Dänemark nachzumachen.

    “Bildung ist dort nicht ein notwendiges Übel zur Erreichung eines gewissen Wohlstands, sondern hat einen Wert für sich. Hätten Schweden und Finnland ein dreigliedriges Schulsystem und wir das Gesamtschulsystem – in der PISA-Studie würden sie trotzdem noch vor uns liegen. Das Erfolgsgeheimnis liegt nicht im Schulsystem selbst, sondern in der gesellschaftlichen Akzeptanz und Förderung von Leistung.”

    Wie kommen sie zu dieser Behauptung? Fakt ist ersteinmal, daß Deutschland weit abgeschlagen hinter zum Beispiel Schweden liegt und zwar sowohl was die Kenntnisse der Schüler als auch die Herkunfsunabhägnigkeit ihrer Zukunftschancen angeht. Und das beide Länder ein grundsätzlich unterschiedliches Schulsystem haben, wobei in dem einen Land fast alle Schüler gemeinsam 12 Jahre zur Schule gehen, während in dem anderen 3 Klassen (sic!) von Schulen geschaffen werden und etwa 50% der Schüler gesagt wird, daß sie als zukünftige Unterklasse ja mit 9 oder 10 Jahren Bildung ausreichend versorgt sind und besser gleich arbeiten gehen sollten.

    Gesellschaftliche Akzeptanz und Förderung von Leistung? Nirgendwo auf der Welt wird diese wohl so hoch gehalten wie in den USA. Siehe Elite Universitäten und High Schools mi ausgeklügelten Verfahren zur Verteilungen auf eben diese Colleges.

    Und was ist das Ergebnis? Eine hinsichtlich des Wohlstandes tief zerrissene Gesellschaft. Mit Slums, die einem dritte Welt Land würdig wären. Fahren sie einmal von Manhatten in die Bronx und dann sagen sie mir, ob sie in so einem Land leben wollen. Oh Verzeihung…sie bestimmt. Denn sie würden natürlich in einem Penthaus in Manhattan leben und ihre Kinder hätten ja nichts mit Metalldetektoren am Schuleingang am Hut.

    Die Forderung nach der Gesamtschule ist vor allem die Forderung nach einer besseren Hauptschule und nicht nach einem schlechteren Gymnasium. Aber schon Bertolt Brecht wußte, daß man nicht einem geben kann ohne einem anderen etwas weg zu nehmen:

    “Reicher Mann und armer Mann
    Standen da und sahn sich an.
    Und der Arme sagte bleich:
    Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.” Gedicht Alfabet, 1934

    Ach und da so ein Modewort wie “Social Engineering” hier viel…früher nannte man sowas Nächstenliebe. Ist wohl irgendwo zwischen Radio, Fernseher und Internet abhanden gekommen.

  17. #17 Christian Reinboth
    19. Mai 2008

    @Marcus:

    es tut mir leid, Ihnen das so deutlich sagen zu müssen, aber Sie scheinen mir unter einer Art von “sozialem Verfolgungswahn” zu leiden. Zumindest machen Sie den Eindruck, als ob Sie ernsthaft annehmen würden, dass eine ganze gesellschaftliche Schicht sich gegen Sie und Ihre Angehörigen verschworen hat und Sie künstlich “klein halten” möchte. Das Land in dem Sie leben, ist der freieste und offenste Staat, der jemals auf deutschem Boden existiert hat. Er bietet seinen Bürger mehr Möglichkeiten des wirtschaftlichen und sozialen Aufstiegs als alle Staatsgebilde zuvor.

    Unzweifelhaft ist, dass es auch in diesem Staat noch zu sozialen Benachteiligungen kommt, deren Beseitigung eines der wichtigsten gesellschaftlichen Ziele sein sollte. Unzweifelhaft ist auch, dass gerade im Bildungsbereich solche Benachteiligungen existieren und dass diese das berufliche und gesellschaftliche Fortkommen junger Menschen behindern. Ich kann Ihnen aber garantieren, dass Sie dieses Problem nicht dadurch lösen, dass Sie die Bildungssituation für einige Kinder verschlechtern um sie für andere Kinder zu verbessern. Mit dem gleichen Recht, mit dem Sie mir unterstellen, ich wolle hier nur “meine Schicht” schützen (was auch immer für eine marxistische Klassenkampf-Idee hinter dieser Aussage stecken sollte), könnte ich Ihnen ebensogut vorwerfen, die Benachteiligungen, die sich aus der Gesamtschul-Idee unzweifelhaft ergeben würden, nur deshalb akzeptieren zu wollen, weil sie wiederum die Kinder “Ihrer Schicht” nicht betreffen (um mal kurz bei dem albernen Klassenkampf-Vokabular zu bleiben).

    Sozial gerecht sind aber nur solche Lösungen, bei denen sich die Bildungschancen für viele verbessern und für niemanden verschlechtern, nicht solche, bei denen sich für manche Schüler Vorteile und für andere Nachteile ergeben. Ganz sicher ist jede Lösung inakzeptabel, hinter der Umverteilungsgedanken und von der Geschichte längst überholte Klassenkampf-Ideen von der finsteren Verschwörung irgendwelcher “Eliten” gegen das arbeitende Volk stehen. Das ist – mit Verlaub gesagt – großer Blödsinn und zeigt, dass Sie keine Ahnung haben, wie die von Ihnen verteufelten angeblichen “Eliten” tatsächlich leben und arbeiten. Falls Sie sich darüber für die Zukunft beser informieren möchten, empfehle ich Ihnen übrigens dringend den folgenden Blogbeitrag:

    http://www.scienceblogs.de/planeten/2008/04/uns-fallt-die-decke-auf-dem-kopf.php

    Zu Ihren sonstigen Argumenten: Wie kommen Sie auf die absurde Idee, dass ich der Ansicht bin, unser Bildungssystem sollte sich an den USA ausrichten? Die USA haben kein dreigliedriges Schulsystem sondern zunächst einmal eine “High School” für alle! Dass es dort Metalldetektoren an manchen Schuleingängen gibt ist im übrigen ein völlig anderes Problem, welches mit der Debatte ums deutsche Schulsystem nichts zu tun hat. Dass die Forderung nach der Gesamtschule aus Ihrer Sicht in allererster Linie die Forderung nach einer besseren Hauptschule und nicht nach einem schlechteren Gymnasium ist, glaube ich Ihnen sofort (auch wenn es, wenn Sie mal ganz ehrlich zu sich selbst sind, aus Ihrer Sicht sicher auch nicht schaden würde, wenn die Kinder dieser wiederlichen Penthouse-Unterdrücker-Elite auch mal einen Nachteil wegstecken müssten). Dies ändert aber nichts daran, dass sowohl die bessere Hauptschule als auch das schlechtere Gymnasium eine Konsequenz wären. Und hier scheiden sich unsere Wege, denn ich kann beim besten Willen kein Projekt gutheißen, bei denen die Zukunftschancen von Kindern absichtlich verpfuscht werden, nur um die anderer Kinder zu verbessern. Der einzig akzeptable Weg ist eine Lösung, mit der die Situation auf den Hauptschulen verbessert wird ohne zugleich die Situation auf den Gymnasien zu verschlechtern.

    Und was das Social Engineering betrifft, da empfehle ich Ihnen Karl Popper, der von Social Engineering (das eben nicht das gleiche ist wie Mitgefühl) auch nicht viel hielt. Popper war zeitlebens ein scharfer Kritiker der Idee, man könnte sich eine ideale Gesellschaft vorstellen (der Kommunismus lässt grüßen) und dann mit staatlichen Sanktionen versuchen, dieses Ideal umzusetzen. Nichts anderes aber ist Social Engineering, weshalb es auch mit demokratischen Grundprinzipien unvereinbar ist.

  18. #18 Marcus
    1. Juni 2008

    Es geht um Gerechtigkeit, mehr nicht. Und zwar nicht Gerechtigkeit im Sinne der Sozialschwafler. Sonder reale Gerechtigkeit der Macht. Leider sind viel zu viele Menschen in diesem Land zu ungebildet, uninformiert oder anderweitig nicht in der Lage ihre Interessen zu erkennen und zu vertreten.

    Die Politik besonders der letzten Jahrzehnte wird von vielen gewählt, nützt aber nur wenigen. Genauso wie die große Mehrheit keine wirksame Lobby, die geschickt im Hintergrund arbeitet (INSM läßt grüßen), hat. Bild ist immernoch die meisterkaufte Tageszeitung, was zeigt wie sehr sich die Mehrheit von der Oberschicht manipulieren läßt.

    Eine Folge davon sind unsere Schulen und auch Universitäten.

    Es geht mir nicht um irgendein “Social Engineering”. Es geht darum, daß alle Interessengruppen in diesem statt ihre Interessen im Rahmen ihrer Macht auch wirklich durchsetzen und sich nicht durch perfide, hintergründige Propaganda manipulieren lassen eine Politik zu unterstützen, die ihre Interessen gar nicht vertritt.

    Ich war eigentlich auch ein Anhänger der ganzen geforderten Veränderungen im Rahmen der Globalisierung. Freier Markt, freie Bürger. Über die Freiheit, wozu auch die Abschaffung jeglicher Subventionen egal in welche Richtung gehört und keine staatliche Umverteilung, zu mehr Wohlstand und Lebensqualität für alle.

    Das ganze Gerede waren aber nur Lügen. Nur ein Deckmäntelchen für die geplante Bereicherung der Oberschicht auf Kosten der Unterschicht. Man hat die einfachen Leute (die 75 Millionen der unteren Einkommens- und Vermögenshälfte…) schlicht und einfach um ihren Anteil betrogen.

    Die “Reichen und Mächtigen” spielen nun mal nicht fair. Das haben sie nie und werden sie nie tun. Darum müssen die “Armen” genauso unfair spielen und ihre Macht durch Zahlen in der Demokratie an der Wahlurne umsetzen, damit sie sich über die Staatsgewalt ihren Anteil holen. Ihren Anteil an guten Schulen, ihren Anteil an Wohlstand.

    Mir geht es überhaupt nicht um eine Veränderung irgendeiner Gesellschaft. Mir geht es darum, daß die große Mehrheit dieser Gesellschaft ihre Interessen genauso knallhart wahrnimmt, wie es eine kleine Minderheit auch tut.

    Und nein. Fortschritt ist nicht nur dann, wenn es auf jeden Fall allen zumindest etwas besser geht. Fortschritt ist auch dann, wenn es 90% besser geht und 10% etwas schlechter.

    Zu den Eliten empfehle ich mal der Autorin des Buches “Gestatten: Elite” zuzuhören. Sehr aufschlußreich, was ihre doch naiv simplen Recherchen so ergeben haben. Die stimmen übrigens genau mit meinen Erfahrungen aus dem Studium mit den entsprechenden Leuten überein.

    Und wenn ich mir diesen Blog, den sie da verlinkt haben ansehe, scheint es mir wir reden aneinander vorbei. Wenn ich von Eliten spreche, rede ich nicht von den Wissenschaftlern in ihrem Elfenbeinturm. Die sind nur Manipuliermasse und den Entscheidungs- und Machteliten völlig egal. Geht es mit Deutschland wirtschaftlich oder technologisch bergab betrifft das diese so gut wie gar nicht. Sie können entweder mehr oder ganz im Ausland leben oder sich per Reichtum der Misere entziehen. Es gibt sicher auch in Somalia einige Menschen, die keinen modernen Luxus entbehren müssen.

    “Gleichzeitig fantasieren sich einige Leute etwas vom wahnsinnig großen Einfluss des wissenschaftlichen Establishments zusammen.”?

    Habe ich je vom wissenschaftlichen Establishment geredet? Das sind genauso wie in den Weltkriegen (Giftgas-Erfinder und Raketenbauer) nur Handlanger der Strippenzieher. Leider allzuoft willfährige Handlanger, die oft ebend ob ihres Elfenbeinturmdaseins gar nicht begreifen wofür sie benutzt werden.

    Bestes Beispiel sind die vielen Wirtschaftswissenschaftler, deren Erkenntnisse in den letzten Jahren dafür benutzt wurden, massive Umverteilungen unter dem Deckmäntelchen der freien Marktwirtschaft durchzuführen. 1 Euro Jobs oder gigantische Steuersenkungen für Superreiche hat sicherlich niemand für wirtschaftswissenschaftlich richtig gehalten. Genauso wie alle Experten auf dem Gebiet der Steuer eine grundsätzliche Reform des deutschen Steuerrechts für unbedingt erforderlich halten.

    Die Mächtigen nehmen sich davon nur, was sie für ihre Propaganda gebrauchen können, deren einziges Ziel es ist sich selbst noch mehr materiellen Reichtum, politische und wirtschaftliche Macht zu sichern. Stichwort Riesterrente, die nur zur Bereicherung der Versicherungskonzerne führt und deren Gesetztestexte ebend direkt in jenen Konzernen geschrieben wurde.

    Sie fragen jetzt vielleicht, was das alles mit Schulen zu tun hat? Na dann hören sie doch das nächste Mal genau hin, wenn es nach all diesen Umverteilungen zu Gunsten der Wohlhabenden wieder heißt es ist kein Geld da für mehr Lehrer und somit kleinere Klasse, individuelle Betreuung sowohl unterdurchschnittlicher als auch überdurchschnittlicher Schüler oder einfach nur um Schul- oder Universitätsgebäude in einwandfreiem Zustand zu erhalten.

    Gerade die Erfahrungen der Autorin dieses erwähnten “Gestatten: Elite” zeigen wie gut diesen selbsternannten Eliten eine gemeinsame Schulzeit mit den “Verlierern”, wie diese sich ausdrücken, unserer Gesellschaft tun würde. Kleiner Realitätsschock hat noch niemandem geschadet.

    Das dreigliedrige Schulsystem ist ein grauenhaftes Relikt aus den Tagen der Kaiserzeit und gehört endlich abgeschafft. Sie ist nicht zuletzt ein Produkt des damaligen Klassen- und Standesdenkens (mal “Der Hauptmann von Köpenick” gelesen?). Individuelle Förderung für individuelle Schüler. Nicht Masseneinteilung nach oben und unten.

  19. #20 Minotaurus
    70569 Stuttgart
    18. März 2013

    In der Diskussion werden zumindest zwei Dinge behauptet, die sich in der Zwischenzeit als falsch herausgestellt haben:

    @ Marcus:
    Schweden hat bei PISA 2009 gar nicht gut
    abgeschnitten, wesentlich schlechter als Deutschland.
    Nur Finnland ist immer gut. Dänemark und Norwegen
    liegen ebenfalls hinter Deutschland.
    In Schweden wird derzeit diskutiert, ob man nicht die
    abgeschafften Noten (bis Klasse 8) wieder einführen solle.
    Frankreich hat Gemeinschaftsschulen und Ganztagsschulen
    dazu, hat aber bei PISA 2009 auch schlechter als
    Deutschland abgeschnitten.

    @Thilo Kuessner: “…in keinem Bundesland zur Debatte,
    das Gymnasium abzuschaffen…”

    Damals vermutlich wahr, heute nicht mehr:
    Auf der Homepage der Grünen in Niedersachsen
    (die ja mitregieren)

    http://www.ina-korter.de/schule/das-gruene-abc-zur-schulpolitik-in-niedersachsen.html

    steht unter Buchstabe S (Schulstruktur):

    “Nur solange es einen entschiedenen Elternwillen für die Gymnasien gibt, bleibt diese Schulform zu erhalten. Auf lange Sicht gehen wir davon aus, dass sich das Modell der gemeinsamen Schule durchsetzt.”

    Also immerhin ! Der Anfang des Abschaffens der
    Gymnasien ist gemacht. Es steht zur Debatte !
    Das hat sich vor ein paar Jahren halt noch niemand
    träumen lassen (ich nicht, offenbar auch Thilo nicht).
    Aber es rückt näher ….
    Wir können Wetten abschließen, wann es soweit sein wird.
    Wer macht den Anfang ?