An manchen Tagen fällt es einem schwer, seinen Augen zu glauben. Zum Beispiel heute. Denn: Das Bistum Paderborn hat zugegeben, dass in Deutschland noch immer (heimliche) Exorzismen stattfinden. Und: Eine großangelegte Studie dänischer und amerikanischer Wissenschaftler scheint zu beweisen, dass Verhaltensstörungen bei Kindern durch Handynutzung während der Schwangerschaft begünstigt werden.

Im Grunde Stoff genug für mindestens zwei Blogbeiträge, da ich aber heute noch einen ganzen Haufen LED vermessen muss (Farbortbestimmungen nach der “HarzOptics-Methode”), reiße ich beide Geschichten an dieser Stelle nur kurz an.

Die gruselige zuerst: Wie die Süddeutsche Zeitung heute berichtet, hat der Pressesprecher des Erzbistums Paderborn, Ägidius Engel, Journalisten gegenüber durchblicken lassen, dass im Bistum in den letzten acht Jahren mindestens drei Exorzismen durchgeführt wurden. Auslöser dieser Offenlegung war der Bericht des Bayerischen Rundfunks über einen dieser Fälle. Im Rahmen der Recherche war zutage gekommen, dass das Erzbistum einen bayerischen Exorzisten offiziell als Teufelsaustreiber für die Region Paderborn beschäftigte.

Auch das Augsburger Ordinariat hat inzwischen auf Anfragen der Süddeutschen Zeitung bestätigt, dass in der Bundesrepublik auch heute noch Teufelsaustreibungen vorgenommen würden. Über konkrete Einzelfälle war natürlich nicht viel zu erfahren. Von den drei Exorzismen im Bistum Paderborn sollen immerhin zwei erfolgreich gewesen sein – der dritte Exorzismus musste nach Angaben von Pressesprecher Engel allerdings abgebrochen werden.

Bei solchen Meldungen läuft es einen doch kalt den Rücken runter. Wenn mir der katholische Stadtpfarrer das nächste Mal über den Weg läuft, muss ich unbedingt mal fragen, ob man solche Exorzismen auch in Sachsen-Anhalt bestellen kann, oder ob Fälle von Besessenheit nur in überwiegend katholischen Gegenden vorkommen….

Dies bringt mich auch gleich zur zweiten Meldung des Tages – denn auch vom Handy sind bekanntermaßen viele Jugendliche geradezu besessen. Eine großangelegte gemeinsame Studie von UCLA und Uni Aarhus scheint nun zumindest darauf hinzudeuten, dass die regelmäßige Nutzung von Mobiltelefonen während der Schwangerschaft sich auf die Gesundheit des Kindes auswirken kann.

Den Angaben der Forscher zufolge steigt vor allem das Risiko, dass Verhaltensstörungen wie Hyperaktivität auftreten. Ebenfalls negativ auf die Entwicklung von Kindern soll es sich auswirken, wenn diese vor Vollendung des siebten Lebensjahres selbst regelmäßig mobil telefonieren (das wiederum ist aus meiner Sicht keine große Überraschung…).

Befragt wurden die Mütter von über 13.000 Kindern, die in den 90er Jahren zur Welt kamen. Da Mobiltelefone zu dieser Zeit noch nicht flächendeckend verbreitet waren, fanden sich ausreichend Mobiltelefon-freie Probanden, um eine Kontrollgruppe bilden zu können. Die Ergebnisse sind mehr als erschreckend:

“They found that mothers who did use the handsets were 54 per cent more likely to have children with behavioural problems and that the likelihood increased with the amount of potential exposure to the radiation. And when the children also later used the phones they were, overall, 80 per cent more likely to suffer from difficulties with behaviour. They were 25 per cent more at risk from emotional problems, 34 per cent more likely to suffer from difficulties relating to their peers, 35 per cent more likely to be hyperactive, and 49 per cent more prone to problems with conduct.”

Den Forschern, die nach eigenen Angaben selbst erstaunt über die Zahlen sind, gelang es nicht, sie auf andere Weise zu erklären – ebensowenig wie sie allerdings einen konkreten biologischen Wirkmechanismus ausfindig machen konnten. Die Ergebnisse der Studie werden in der Juli-Ausgabe der medizinischen Fachzeitschrift “Epidemiology” veröffentlicht werden und sorgen schon jetzt für erhitzte Diskussionen unter den Experten. Für Eltern oder solche die es werden wollen, heißt es daher wohl: Abwarten und dranbleiben.

Kommentare (11)

  1. #1 L. Carone
    19. Mai 2008

    Na, das ist ja Wasser auf die Mühlen der Handyhysteriker. Handystrahlen sind nichts anderes als Radiowellen und denen sind wir jetzt seit Jahrzehnten ausgesetzt, ohne dass irgendetwas nachgewiesen wurde.

    Also:
    1. Korrelation heißt nicht unbedingt Kausalität. Selbst wenn sich ein Zusammenhang bestätigt, dann könnte es auch ein dritter Faktor sein, der es dann letztendlich verantworten könnte. Vieltelefonierer, die aus beruflichen Gründen immer erreichbar sein müssen, könnten einfach “nur” erhöhtem Stress ausgesetzt sein. Dann wären aber sowohl der exzessive Handy wie auch eventuelle Schäden Symptome der gleichen Ursache.
    Na, das ist ja Wasser auf die Mühlen der Handyhysteriker. Handystrahlen sind nichts anderes als Radiowellen und denen sind wir jetzt seit Jahrzehnten ausgesetzt, ohne dass irgendetwas nachgewiesen wurde.

    Also:
    1. Korrelation heißt nicht unbedingt Kausalität. Selbst wenn sich ein Zusammenhang bestätigt, dann könnte es auch ein dritter Faktor sein, der es dann letztendlich verantworten könnte. Vieltelefonierer, die aus beruflichen Gründen immer erreichbar sein müssen, könnten einfach “nur” erhöhtem Stress ausgesetzt sein. Dann wären aber sowohl der exzessive Handy wie auch eventuelle Schäden Symptome der gleichen Ursache. Und nicht das Handy an sich die Quelle allen Übels.

    2. Ist der Befund reproduzierbar, d.h. kann diese Studie woanders wiederholt werden und zeigt sie das gleiche Ergebnis. Dann könnte das Ergebnis nämlich Zufall sein, insbesondere wenn kein Wirkmechanismus festgestellt werden kann.

    Fakt ist doch, dass immer wieder versucht wird mit aller Gewalt ein Zusammenhang zwischen Handys und allen möglichen Störungen zu finden. Da wundert es nicht, wenn zwischendurch auch mal zufälligerweise ein Zusammenhang gefunden wird, der dann aber beim genaueren Hinsehen verschwindet.

    Lars Fischer hat darüber eine ganze Serie verfasst, in der zu folgendem Schluss kommt. Es ist eher die Berichterstattung, die krank macht.

    http://fisch-blog.blog.de/2007/08/13/gesundheitsgefahrdung_durch_mobiltelefon~2802262

  2. #2 Christian Reinboth
    19. Mai 2008

    Die Möglichkeit, dass gerade junge Kinder durch den Handygebrauch Verhaltensstörungen entwickeln, halte ich zumindest nicht für ausgeschlossen. Dass dies nicht unbedingt (biologisch gesehen) etwas mit den Mikrowellen zu tun haben muss versteht sich von selbst…..

    Interessant finde ich auf jeden Fall, dass etliche andere Faktoren, die zu einer Scheinkorrelation hätten beitragen können, im Gegensatz zu vielen anderen Studien offenbar tatsächlich untersucht und ausgeschlossen wurden:

    “The scientists say that the results were “unexpected”, and that they knew of no biological mechanisms that could cause them. But when they tried to explain them by accounting for other possible causes – such as smoking during pregnancy, family psychiatric history or socio-economic status – they found that, far from disappearing, the association with mobile phone use got even stronger.”

    Inwiefern der Befund reproduzierbar ist, ist schwer zu sagen. Eine Befragung von mehr als 13.000 Personen, die wissenschaftlichen Gütekriterien entspricht, ist eine aufwändige Sache. Darüber hinaus hat die Nutzung von Mobiltelefonen so stark zugenommen, dass es problematisch sein könnte, ausreichend große Kontrollgruppen zusammenzubekommen. Eine brauchbare Alternative wäre meiner Einschätzung nach eine vergleichbare Erhebung über die 90er-Geburtenjahrgänge in einem anderen Staat, beispielsweise in Deutschland, wo Mobiltelefone in den 90er Jahren ähnlich weit verbreitet waren wie in Dänemark.

  3. #3 Monika
    22. Mai 2008

    Yepp…..das sind ja gleich zwei verschiedene Infos in einem Beitrag 😉

    @ Paderborn + Exorzismus
    …womit bewiesen wäre, dass wir stellenweise immer noch nicht das finstere Mittelalter überwunden haben….

    @ Handystrahlenuntersuchung
    & Ludmilla – kann mich da nur anschließen…Korrelation heißt gar nichts….

    oder wer möchte das glauben:
    Bildzeitung vom 18.09.1975- Zitat:
    Wissenschaftler entdeckte Bazillus der Dummheit
    Der Bazillus der Dummheit ist gefunden – berichtet Professor Dr. John Sever vom Nationalen Gesundheitsinstitut der USA in Bethseda
    Der Arzt untersuchte die Kinder von 60.000 Frauen, die während der Schwangerschaft eine Harnweg-Infektion durfchgemacht hatten. Ergebnis: Alle Frauen, bei denen die Infektion nicht behandelt worden war, bekamen kleinere Babys als normal. Und im Alter von vier Jahren waren diese Kinder dümmer als Gleichaltrige ihr Intelligenzquotient lag deutlich zu niedrig.
    Professor Sever: ” Also kann man den Erreger dieser Krankheit als Bazillus der menschlichen Dummehit bezeichnen.” Harnleiter-Infektionen entstehen fast immer durch Kolibakterien.
    Quelle: Sprache der Statistik, R. Haack-Wegner, Ingrid Lange, Diesterweg, 1978

  4. #4 Monika
    22. Mai 2008

    Eigentlich wollte ich im Beitrag nicht soviel in “Fett” haben….irgendwie wurden die closed -tags nicht so richtig verarbeitet….oder ich hab sie falsch gesetzt…Tschuldigung 😉

  5. #5 Christian Reinboth
    22. Mai 2008

    @Monika … wobei ich zwischen einem Bericht aus der Bild-Zeitung und einem Artikel aus “The Independant” aber auch noch einen kleinen Unterschied sehe. Wenn es nach der Bild-Zeitung ginge, wäre der Planet doch schon ein dutzend Mal untergegangen 🙂

  6. #6 Monika
    22. Mai 2008

    …wobei auch hochrangige Professoren des öfteren Korrelationen und Ursache-Wirkungsbeziehungen miteinander vertauschen….. Ludmilla hat hier zu Recht auf einen immer wiederkehrenden Interpretationsfehler in der Statistik hingewiesen, nämlich dass Korrelationen mit Ursache-Wirkungsbeziehungen verwechselt werden. Es gibt z.B. auch eine Korrelation zwischen Schuhgröße und Einkommen ;-).

    Leider – und das fällt mir auf – beherrschen zwar viele den Computer und statistische Erhebungen….für die Interpretation braucht es dann doch das jeweilige Fachwissen…und da müssen in diesem Falle die Mediziner/Biologen scheitern, denn der Hintergrund ist – wie man sieht – eher in der klinischen Psychologie zu suchen resp. zu finden. Eigentlich hat das alles Ludmilla in ihrem Kommentar ja schon dargestellt……

    Solange die Forscher nicht, wie Du selbst schreibst:

    Den Forschern, die nach eigenen Angaben selbst erstaunt über die Zahlen sind, gelang es nicht, sie auf andere Weise zu erklären – ebensowenig wie sie allerdings einen konkreten biologischen Wirkmechanismus ausfindig machen konnten

    die Ursachen ausmachen können, ist es eine Korrelation ohne nähere Bedeutung und hat dann durchaus dasselbe Niveau wie die von der Bild Zeitung anno 1975 zitierte Studie….

    Aber:
    Ludmilla hat hier schon eine mögliche und sehr plausible “Ursache” gefunden , welche den Interpretationsfehler der Forscher meines Erachtens zutreffend erklärt: Vieltelefonierer, die aus beruflichen Gründen immer erreichbar sein müssen, könnten einfach “nur” erhöhtem Stress ausgesetzt sein.
    Und da wiederum aus der Forschung zur klinischen Psychologie bekannt ist, dass gestresste Mütter auch vermehrt gestresste Kinder haben, ist diese Korrelation logisch, die Erklärung der Wissenschaftler vermutlich falsch.

    In diesem Falle hätten sich jene Forscher lieber mal vorher mit Ludmilla unterhalten, dann wäre ihnen dieser peinliche Fehler nicht unterlaufen……..

  7. #7 Christian Reinboth
    22. Mai 2008

    @Monika:

    Ich begegne allen neuen Studien zwar grundsätzlich ebenfalls mit einer gesunden Menge an Skeptizismus; aber generell davon auszugehen dass hinter allem das Problem “Korrelation ungleich Kausalität” zu vermuten ist, halte ich auch für übertrieben, da es in genügend Fällen eben auch nicht so ist. Der Fehler, Korrelation und Kausalität miteinander zu verwechseln, ist zwar durchaus beliebt und weit verbreitet, dies ändert aber nichts daran, dass Korrelation und Kausalität (logischerweise) auch oft genug Hand in Hand gehen.

    Wenn Ludmilla hier auf das Problem hinweist, im gleichen Satz aber den Begriff des “Handyhysterikers” verwendet, dann sagt dies doch auch etwas darüber aus, wie sie Studien dieser Art vermutlich generell bewertet. Ich bin dagegen der Ansicht: Bloß weil über Handystrahlung auch schon jede Menge an pseudowissenschaftlichem Mist in Umlauf gebracht wurde, bedeutet dies noch nicht, dass jede neue Studie automatisch auch in diese Kategorie gehört.

    Aus meiner Sicht sprechen zumindest zwei Dinge dafür, das Erscheinen des Artikels (immerhin auch peer-reviewed) erst einmal abzuwarten, bevor man die Sache verreißt:

    1) Eine der Studienleiterinnen, Professor Leeka Kheifets, sitzt im Epidemiologie-Ausschuss der ICNIRP (http://www.icnirp.de/), einer WHO-nahen Organisation, die Strahlungsobergrenzen für Mobilfunkgeräte weltweit festlegt (und an deren Empfehlungen auch das deutsche Bundes-Immissionsschutzgesetz ausgerichtet ist). Bei Prof. Kheifets, die etliche Jahre lang die Strahlenschutzkommission der WHO geleitet hat, handelt es sich aber nicht nur um eine Expertin, sondern auch um eine Skeptikerin, die in verschiedenen Artikeln vor der Studie explizit ihrer Meinung Ausdruck verliehen hat, dass sie Mobiltelefone prinzipiell nicht für gefährlich hält. Die Tatsache, dass sie diese Meinung nun revidiert hat, sollte zumindest Grund genug sein, sich mit den Ergebnissen der Untersuchung real auseinanderzusetzen.

    2) Dem Bericht des Independant entnehme ich zudem folgendes:

    “The scientists say that the results were “unexpected”, and that they knew of no biological mechanisms that could cause them. But when they tried to explain them by accounting for other possible causes – such as smoking during pregnancy, family psychiatric history or socio-economic status – they found that, far from disappearing, the association with mobile phone use got even stronger.”

    Da “Vieltelefonierer, die aus beruflichen Gründen immer erreichbar sein müssen” in der Regel eher gut bis sehr gut bezahlten Berufen nachgehen, hätte sich eigentlich ein verdeckter Zusammenhang mit dem sozio-ökonomischen Status zeigen müssen. Die Tatsache, dass die Forscher die Möglichkeit eines solchen Zusammenhangs offenbar einkalkuliert haben, aber zu dem Schluss gekommen sind, dass kein solcher existiert, gibt mir immerhin zu denken….

    Kurz gesagt: Ich befürchte man macht es sich zu einfach, wenn man pauschal annimmt, dass das Ergebnis bloss wieder eine weitere Folge in der Serie von Studien ist, in denen Korrelation und Kausalität verwechselt wurden. Die beiden erwähnten Punkte (skeptische Fachfrau als Projektleiterin und Untersuchung aller möglichen Ursachen für Scheinkorrelationen, inklusive eben auch der beruflichen Situation) lassen es zumindest möglich erscheinen, dass an dem Projekt etwas dran sein könnte.

  8. #8 Monika Armand
    22. Mai 2008

    “Ich befürchte man macht es sich zu einfach, wenn man pauschal annimmt, dass das Ergebnis bloss wieder eine weitere Folge in der Serie von Studien ist, in denen Korrelation und Kausalität verwechselt wurden.”

    Das geht über eine pauschale Annahme hinaus:
    1.) Die Autoren wissen ja tatäschlich nichts über die Ursache, wie sie selbst sagen, also steht die Korrelation einfach so im Raum
    2.) Alleine Vertreter “wissenschaftlicher Autoritäten” zu sein, spricht auch noch nicht dafür, dass Studien per se ..fundiert sind. Jedoch brauchen wir das ja eigentlich gar nicht diskutieren, da hier wohl eine Studie veröffentlicht wurde, deren Ergebnisse für die Forscher auch nach Veröffentlichung nicht erklärbar sind.
    3.) Was ich persönlich kenne und worauf ich meine Annahme begründe sind die Studien aus der Stressforschung und Studien zur Entwicklung von Verhaltensstörungen bei Kindern. Sie legen o.g. Vermutungen nahe.

    4.) Um wirklich die Ursachen für die Korrelationen zu ergründen müssten die Forscher einzelne Variablen untersuchen:
    a) Wie lange waren die täglichen Nutzungszeiten der Handys?
    b) Welche individuelle Lebenssituation, welche Einkommenssituation, welche Peer Group-Zugehörigkeiten hatten jene Handynutzerinnen…
    c) Gibt es Persönlichkeitsmerkmale jener Handynutzerinnen – immerhin gehörten sie angeblich zur ersten Generation ?
    d) Welchen materiellen Hintergrund hatten jene Handynutzerinnen?
    e) Welchen “Bildungshintergrund” hatten die Handynutzerinnen?
    f) Was verstanden die Forscher unter den Verhaltensproblemen der Kinder und wie wurden diese gemessen?
    g) Da “nur” etwas über die Hälfte der handynutzenden Frauen Kinder mit Verhaltensproblemen hatten, stellt sich durchaus immer noch die Frage ob das Ergebnis zufällig zustande gekommen war. Denn wäre tatsächlich eine biologische Ursache anzunehmen, wäre doch zu fragen, warum 46 Prozent keine Kinder mit Verhaltensstörungen bekamen?
    h) Da Verhaltensstörungen bei Kindern auch das Resultat erzieherisch inkompetenter Eltern sein können, stellt sich die Frage ob ggf. erziehungskompetentere Mütter auch bei der Handynutzung, wie auch bei anderer Mediennutzung sich zögerlicher und zurückhaltender verhalten?
    i) Wie hoch war der Prozentsatz von Frauen mit psychischen Störungen bei den Handynutzerinnen?
    j) Welches Kommunikationsverhalten hatten die handynutzenden Frauen mit ihren Kindern?
    k) Wie unterschieden sich die Frauen in ihrer erzieherischen Kompetenz?
    l) ……..etc.
    m)………etc.

    FAZIT:
    Verhaltensstörungen bei Kindern sind das Ergebnis komplexer, multifaktoriell bedingter Ursache-Wirkungsverhältnisse, welche klinische Psychologen bereits mit Isolierung einzelner Faktoren im Detail untersucht haben. Insofern ist die Annahme eines einzelnen Verursachungsfaktors – hier: das Handy – bereits durch die Ergebnisse vorangehender Studien aus der Klinischen Psychologie / Entwicklungspsychologie ausgeschlossen.

    Rein spekulativ und “unwissenschaftlich” ;-):
    Selbst wenn ich hier unterstellen würde, dass Handystrahlen auf Funktionen des Gehirns einen Einfluss haben könnten, stellt sich die Frage, wie denn jener “Dachschaden” 😉 auf die Kinder hätte übertragen werden können? Durch genetische Mutationen etwa? Aber an der Stelle einer solchen Spekulation müsste ich – wegen unzureichender eigener Fachkompetenzen – die Beurteilung den entsprechenden Experten (Biologen) überlassen 😉

  9. #9 Monika Armand
    22. Mai 2008

    Nachtrag zu @ Peer Reviewed……
    Da auch die Personen, welche den Peer Review machen keine weitergehenden Fachkompetenzen in Sachen “verhaltensgestörte” Kinder, gestresste Mütter hatten, erstaunt es kaum, dass die Studie aufgenommen worden war…..

    An dieser Stelle zeigt sich nur, dass das Peer-Review-Verfahren auch nur eine Methode mit begrenzter Reichweite innerhalb einer Wissenschaftsdisziplin ist.

    Und sicher wäre es viel zu kosten- und zeitaufwendig um ein interdisziplinär ausgerichtetes Peer-Review-Verfahren einzurichten…….

  10. #10 Christian Reinboth
    23. Mai 2008

    @Monika:

    Ich kann nicht erkennen, was Dich zu der Annahme bringt, dass die von Dir genannten durchaus wichtigen Faktoren nicht untersucht worden sind. Solange die Studie noch nicht veröffentlicht wurde, kann man da natürlich nur spekulieren, aber der Artikel im Independent sagt doch ganz eindeutig aus, dass sowohl der sozio-ökonomische Status als auch die psychologische Geschichte der Familienmitglieder untersucht wurden. Damit dürften die von von Dir genannten Punkte Bildungsgrad, Jobstress, materieller Hintergrund, Einkommenssituation und psychische Störungen der Mütter vermutlich sämtlich abgedeckt worden sein. Zur Frage, welche Verhaltensstörungen untersucht und wie diese gemessen wurden, kann ich auch nur auf den Artikel verweisen, in dem von Hyperaktivität, emotionalen Problemen und Beziehungsstörungen die Rede ist. Wie man diese messen kann ist mir als Nicht-Psychologe nicht bekannt, ich nehme aber an, dass es zumindest für Hyperaktivität klare Diagnosekriterien geben dürfte.

    “Denn wäre tatsächlich eine biologische Ursache anzunehmen, wäre doch zu fragen, warum 46 Prozent keine Kinder mit Verhaltensstörungen bekamen?” Dieses Argument kann ich nicht unterstützen – die Aussage der Forschergruppe ist doch, dass möglicherweise (mit unbekanntem biologischem Wirkprinzip) die Wahrscheinlichkeit für die Ausbildung einer Verhaltensstörung steigt, nicht, dass es eine absolute Sicherheit für die Ausbildung einer Verhaltensstörung gibt. Um es mal an einer “sichereren” Sache als Beispiel festzumachen: Nicht jeder Raucher wird automatisch lungenkrank, die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung erhöht sich durch langanhaltenden Zigarettenkonsum aber definitiv.

    Andere der von Dir genannten Faktoren werden sich vermutliuch nicht ermitteln sondern maximal schätzen lassen (Stichwort: Tägliche Handynutzungszeiten der 13.000 Probanden – in den 90er Jahren).

    Die Aussage, dass die Forscher mit dem Handy einen einzelnen Verursachungsfaktor für Verhaltensstörungen gefunden zu haben glauben, wird in dem verlinkten Artikel auch nicht getroffen – ich denke, das würde auch niemand ernsthaft vermuten, denn selbstverständlich spielen auch psychologische Faktoren hier eine wichtige Rolle. Um aber auch hier mal wieder das (nicht ganz passende) Raucher-Beispiel zu bemühen: Obwohl durch Rauchen die Wahrscheinlichkeit für Lungenerkrankungen steigt, existiert noch eine ganze Reihe anderer Faktoren, welche die Ausbildung von Lungenerkrankungen begünstigen können. Ebenso verstehe ich die Aussagen der Forscher – durch die Handynutzung könnte die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung steigen – dies schließt natürlich nicht aus, dass es noch dutzende anderer Faktoren (auch wichtigere) geben könnte.

    Was den Peer-Review-Prozess betrifft, darüber kann man sicher diskutieren. Würde man aber grundsätzlich nur einen interdisziplinären Peer-Review akzeptieren, dann hätte die Welt der Wissenschaft natürlich ein Problem…. 🙂

  11. #11 Monika
    28. Mai 2008

    Da die Entstehung von Verhaltensstörungen in der klinischen Psychologie recht gut erforscht sind und diese Studie 1. von Medizinern und 2. mit einer linearen eindimensional begründeten Ursache-Wirkungsannahme endet würde ich sogar mit Dir eine Wette eingehen, dass diese Studie auf ziemlich “tönernen” Füßen steht.

    Psychologen differenzieren zwischen leichten, mittleren, schweren, Verhaltensstörungen. Dann gibt es noch Differenzierungen zwischen verschiedenen Arten von Verhaltensstörungen. Bei all dem gibt es klar definierte Items, welche – je Verhaltensstörung! -zutreffen müssen, damit die Arten der Verhaltensstörungen zugeordnet bzw. voneinander abgegrenzt werden können. => es lässt sich bereits aus dem Abstract ablesen, dass hier nicht zwischen verschiedenen Formen von Verhaltensstörungen differenziert wurde (behavioral problems – difficulty with behavior).

    Wie wurde z.B. bei den Müttern das Ausmaß der Handynutzung gemessen? Per Befragung? Per Beobachtung? Schätzungen der Frauen? Wie wurden die Verhaltensstörungen gemessen? Wer eine solche Studie genau betreibt hat einen wahnsinnigen Auswertungsaufwand (Arbeitszeit, Kosten). Denn alleine zur objektiven Erfassung der kindlichen Verhaltensstörungen müssten Psychologen aufwendige Testverfahren und Beobachtungsstudien durchziehen. Mediziner wären hierfür überhaupt nicht ausgebildet. Und wer würde eine solche aufwendige Studie finanzieren?

    Wie “dünn” die meisten medizinischen Studien – insbesondere, wenn diese mit einem fremden Fachgebiet vermengt sind – tatsächlich sind, lässt sich auf sehr amüsante und gut begründete Weise bei Hans-Hermann Dubben und Hans-Peter Beck-Bornholt nachlesen:”Der Hund der Eier legt” und “Mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit” –

    Ja es stimmt, dass die Forscher eigentlich “nur” die Ergebnisse der Korrelation berichten. Insofern ist es schon absolut schwach und aus meiner Sicht alles andere als eine wissenschaftliche Vorgehensweise, wenn man eine Korrelationsstudie präsentiert, ohne überhaupt Ursache-Wirkungsbeziehungen einer Korrelation erklären zu können. Denn ohne eine Theorie ist so eine Korrelationsstudie völlig wertlos. Da haben wir dann nur noch Pearsons “random walk” oder das Simpson Paradox und ähnliche Phänomene……