Sieben Jahre ist es nun her, dass die gesamte Welt wie gebannt auf Amerika starrte – und Angst vor einem Krieg bekam, dessen Auswirkungen wir heute in fast allen politischen, ökonomischen und sozialen Bereichen spüren können.

Auch ich habe in meinem Leben nie so viel ferngesehen, wie in diesem September:

Wenn ich die alten TV-Berichte heute erneut betrachte, kann ich mich des Eindruck nicht erwehren, dass sich in der Welt der Medien einiges verändert hat seit diesem 11.09.2001. Rückblickend empfinde ich es schon fast als surreal, dass den spontanen Feiern und Freudenbekundungen in den Palästinensergebieten vor sieben Jahren tatsächlich soviel Sendezeit eingeräumt wurde. Würde sich ein vergleichbarer Anschlag heute noch einmal ereignen, würde vermutlich sehr viel mehr Zeit darauf verwendet werden, Fehler in der israelischen Siedlungspolitik oder in der US-Außenpolitik aufzulisten, als zuviel Augenmerk auf diejenigen zu richten, die den Tod ihrer Mitmenschen auf offener Straße feiern.

Ich bin jedenfalls froh darüber, dass das Mediengeschäft vor sieben Jahren noch ein anderes war – denn sonst wüsste heute kaum noch jemand, wie überaus föhlich nach dem Fall der Twin Towers in den Straßen von Ost-Jerusalem gefeiert wurde:

Der Glaube an eine übernatürliche Quelle des Bösen hat sich als überflüssig erwiesen, der Mensch ist auch ohne Hilfe zu jeder Schandtat fähig.

– Joseph Conrad

The world is a dangerous place to live, not because of the people who are evil, but because of the people who don’t do anything about it.

– Albert Einstein

Kommentare (13)

  1. #1 ali
    11. September 2008

    Ich bin mir nicht so sicher worauf du hinaus willst. Unterstellst du den Medien eine Selbsstzensur zugunsten von politischer Korrektheit? Die Fernsehbilder der feiernden Palästinenser suggerierten damals mehr, als dass sie belegten (genau so wie der leichenblasse und zitternde Arafat nur ein Indiz für ein gegenteiliges Volksgefühl war). So gesehen war es naiv die Sendezeit mit diesen Bildern zu füllen.

    Damit hier aber keine falschen Ideen betreffend meines Kommentars aufkommen: Die (in meinen Augen durchaus verfehlte) Politik Israels ins Feld zu führen ist genau so falsch und Israel kann aufgrund dieser Politik nicht als Rechtfertigung für irgendwas benutzt werden.

    Abgesehen davon hatten diie Attentate auf die Twin Towers sowieso nichts direkt mit der Situation in den besetzten Gebieten zu tun. Die Motivation der Attentäter war eine andere. Alles andere wurde erst nachträglich geschaffen.

    Menschen begehen Grausamkeiten und die sollen als solche verurteilt werden. Warum mit dem Finger auf Kollektive zeigen? Das schlimmste an der politischen Situation in den besetzen ist doch, dass keine Seite bereit ist, das Leid, dass sie bei der Gegenseite schafft anzuerkennen (oder zumindest einzusehen, dass das eigene Leid keine Rechtfertigung dafür ist).

    Aber vielleicht habe ich deinen Eintrag falsch verstanden. In diesem Fall bitte ich um dich um Klärung.

  2. #2 florian
    11. September 2008

    Am 11.9.2001 hab ich gar nicht ferngesehen (bzw. nicht können). Da war ich gerade beim österreichischen Bundesheer :( Genau in der Einheit (Katastrophenschutz) die für solche Sachen zuständig war. Da konnte man die Ineffektivität des österreichischen Heeres live beobachten 😉 Ich war (als Schreiber) in ner Besprechung mit der obersten Führung des österreichischen Katastrophenschutzes – und erfahren haben die von der Sache nur, weil die Frau des Chefs in anrief und ihm erzählte, was sie grade im Fernsehen gesehen hat. Daraufhin lief die Besprechung noch ein paar Stunden weiter. Erst am nächsten Tag hat man sich entschlossen, den USA anzubieten eine Einheit als Hilfe hinzuschicken. Ich durfte dann auch bei der ganzen Mobilisierung dieser Einheit mitmachen. Als wir damit fertig waren (2 Tage später) und alle abflugbereit gewesen wären, konnten wir noch im Fernsehen sehen, wie die deutsche Bundeswehr ihre Unterstützungseinheit wieder auflöste. Die waren schon längst mobilisiert und fast auf dem Weg nach NY als sie die USA wieder ausgeladen haben…
    War eine interssante Erfahrung 😉 Und ich war froh, dass ich einen Monat später diesen Verein wieder verlassen konnte…

  3. #3 isnochys
    11. September 2008

    Tja, ich konnte damals mitbekommen, wie schnell doch das Netz zusammenbricht.
    Bzw. die Server der Nachrichtenseiten;)
    Trotz Rechenzentrumszugang und direkter anbindung an Backbone war weder heise noch spiegel und cnn sowieso nicht zu erreichen.
    Denke allerdings nicht, das heute die medien anders berichten würden…

  4. #4 Christian
    11. September 2008

    @ali:

    Menschen begehen Grausamkeiten und die sollen als solche verurteilt werden. Warum mit dem Finger auf Kollektive zeigen?

    Auch das öffentliche Feiern eines Massenmordes ist in meinen Augen eine Grausamkeit und und damit auch des Fingerzeigens würdig. In den Medien findet dies meines Erachtens nach zu wenig bzw. zu einseitig statt. Die kritische Auseinandersetzung der Presse mit der Situation in den besetzten Gebieten bzw. mit der Dynamik gegenwärtiger geopolitischer Auseinandersetzungen lässt in meinen Augen zu wünschen übrig. Würden Israelis den Abriß einer palästinensischen Siedlung oder die Tötung eines Hamas-Anführers durch die IDF stundenlang auf offener Straße feiern, wäre ihnen die Aufmerksamkeit der Weltpresse gewiss. Über die regelmäßigen Feiern auf palästinensischer Seite nach “erfolgreichen” Selbstmordanschlägen oder über dort stattfindende, gewaltverherrlichende Propaganda-Veranstaltungen wird dagegen nur minimal – wenn überhaupt – berichtet. Dies trägt zu einer ungesunden Verklärung des Konfliktes bei, die ich nicht gutheißen kann.

    Die Probleme, mit denen Palästinenser in den besetzten Gebieten tagtäglich konfrontiert werden, sind mir durchaus bekannt, und auch ich halte es für einen Fehler der israelischen Politik, dass das in den Gebieten verursachte Leiden der zivilen Bevölkerung offenbar noch immer nicht voll anerkannt wird. In dem Bemühen um eine ausgewogene Berichterstattung wird von vielen internationalen Medien meines Erachtens nach dennoch regelmäßig übersehen, dass zwar Menschen beider Seiten unter dem Konflikt leiden müssen, dass dieses Leid aber nur von Menschen einer Seite regelmäßig gefeiert wird. Dies mag kulturelle Hintergründe haben, die sich mir nicht erschließen, für berichtenswert halte ich es aber allemal…

    Abgesehen davon hatten diie Attentate auf die Twin Towers sowieso nichts direkt mit der Situation in den besetzten Gebieten zu tun. Die Motivation der Attentäter war eine andere. Alles andere wurde erst nachträglich geschaffen.

    Dass die Drahtzieher andere Motive hatten ist klar, aber weiß das auch jeder Berichterstatter? Denkst Du, dass den Menschen in der West Bank das auch bewußt ist? Woher wissen wir, was die Attentäter motiviert hat?

    Soweit es den leichenblassen und zitternden Arafat betrifft – den halte ich für einen Menschen, der in eine westliche TV-Kamera etwas vollkommen anderes sagen konnte, als bei einer Kundgebung in der West Bank oder in Jerusalem:

    http://de.youtube.com/watch?v=zqFLNJEiclM

    Was die Selbstzensur zugunsten von politischer Korrektheit anbelangt – die existiert leider tatsächlich, und das nicht nur bei den Medien. Beispiele finden sich zuhauf:

    Beschwichtigung gegenüber extremen Islamisten ist dort eher die Regel denn eine unerfreuliche Ausnahme. Beinahe zur Norm geworden ist es an britischen Universitäten, akademische Freiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung preiszugeben, sobald sich muslimischer Protest regt. Und der regt sich bekanntlich schnell und systematisch.

    http://www.zeit.de/online/2007/12/islamismus-universitaet-leeds

    Die stellvertretende Herausgeberin Elizabeth McGuire hatte in der Zwischenzeit einige “Islamexperten” zu Rate gezogen sowie auch den Sicherheitsbeauftragten des Verlages. Man war zu dem Schluss gekommen, die Veröffentlichung meines Romans “auf unbestimmte Zeit” zu verschieben. Und zwar nicht, wohlgemerkt, weil man terroristische Anschläge befürchte, sondern weil ein Klima der Bedrohung durch solche Anschläge zu befürchten sei. Mit anderen Worten: Man hatte Angst.

    http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/1581566_Am-Boden-zerstoert.html

    Kurz darauf kritisierte die Bundesregierung die Entscheidung der Oper: Wenn Sorge vor Protesten “zur Selbstzensur führt”, gerate die freie Rede in Gefahr, sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Kunst und Medien müssten Gegensätze in einer Gesellschaft benennen. Dafür brauche es Toleranz “auch gegenüber unbequemen Meinungen”. CDU-Kulturexperte Wolfgang Börnsen: “Das schadet der Freiheit der Kunst.” Kunst brauche die Freiheit zu kritisieren und zu provozieren. Jetzt drohe “ein Kniefall vor radikalen Muslimen”. Peter Ramsauer, CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, sprach von “purer Feigheit”. Wenn die Kultur so zurückweiche, mache sie sich erpressbar. Das sei ein einmaliger, “ungeheuerlicher Vorgang”.

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,439212,00.html

    Inzwischen gibt es solche Beispiele leider wie Sand am Meer – es würde fast schon für ein eigenes Blog mit täglichen Meldungen reichen. Aber wer würde das schon lesen wollen?

  5. #5 Thilo
    11. September 2008

    Ja, beim Israel-Palästina-Konflikt weiß man eigentlich nicht mehr, was man dazu noch sagen soll. Mein Eindruck von Gesprächen mit manchen israelischen Mathematikern (palästinensische sind mir noch nicht begegnet) ist, daß es häufig nur noch um eine Diskussion der Schuldfrage geht, und nicht mehr darum, wie man den Konflikt eigentlich lösen will.
    Ich finde es eigentlich nicht besonders hilfreich, das Verhalten der Palästinenser wie im letzten Kommentar mit deren ‘kulturellem Hintergrund’ zu erklären. (Und die angeführten Beispiele haben auch allenfalls indirekt mit Palästina zu tun.) Der Grund, warum manchen Palästinensern Menschenleben (auch das eigene) nicht viel Wert sind, liegt doch wohl nicht im kulturellen Hintergrund, sondern in der extremen Perspektivlosigkeit der Leute dort (fehlende Wirtschafts- und Infrastruktur, Korruption usw.) und den ständigen alltäglichen Demütigungen. Man kann es natürlich so sehen, daß Israel für die Zustände in den Autonomiegebieten nicht zuständig oder nicht verantwortlich ist. Aber so wird der Konflikt sicher nicht gelöst werden. (Wobei mir natürlich bekannt ist, daß Israel und die EU die Verwaltung dort durchaus unterstützen und manches von dieser Unterstützung wohl in dunklen Kanälen versickert.)
    Schwieriges Thema und vermintes Gelände. @ Ali: Gibt es eigentlich Politik-Blogs, wo dieses Thema sachlich erörtert wird?

  6. #6 Christian
    11. September 2008

    @Thilo: Vermientes Gelände, in der Tat….

    In der Schuldfrage traue ich mir selbst auch kein Urteil zu, dazu ist der Konflikt nach so vielen Jahren einfach zu verworren. Die Feststellung, dass nur auf einer Seite über Tote offen gejubelt wird bleibt jedoch bestehen – eine Tatsache, der, wie ich finde, gelegentlich etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen sollte.

    Was die dunklen Kanäle angeht hast Du leider Recht. Eine der größten Tragiken im Nahost-Konflikt liegt meines Erachtens darin, dass die Palästinenser (vor allem die in den Camps) mit voller Absicht in Armut und Perspektivlosigkeit gehalten werden, um sie als Druckmittel einsetzen zu können. Die massiven Gelder, die USA, EU und auch Israel selbst jährlich in die Autonomiebehörde pumpt, werden offenbar nur zu einem geringen Teil für die dringlichste Aufgabe ausgegeben, nämlich die Verbesserung der Lebensumstände der palästinensischen Bevölkerung (die mit Sicherheit zu einer Abnahme von Hass und Gewalt beitragen würde).

    So schätzt beispielsweise Forbes das Vermögen des verstorbenen Arafat auf “mehrere hundert Millionen Dollar”, die über Auslands-Geheimkonten verteilt sind:

    Das Vermögen Arafats wird auf mehrere hundert Millionen Dollar geschätzt. Auf der Rangliste der reichsten Staatschefs der Welt rangiert Arafat laut “Forbes” auf Rang neun. Ein Teil des Geldes soll in Immobilien in Großbritannien und Spanien angelegt sein. Er soll in Handy-Konzerne in Algerien und Tunesien angelegt haben sowie in Fluggesellschaften auf den Malediven. Auch Briefkastenfirmen auf den Cayman-Inseln sollen Arafat-Geld gebunkert haben. Ein früherer Vertrauter habe die Schattenwirtschaft Arafats gegenüber dem US-Sender CBS bestätigt, schreibt die “Süddeutsche Zeitung”.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,327027,00.html

    Die vielen Millionen, die jedes Jahr in gutem Glauben an Arafats Behörden geflossen sind, sind also offenbar zu großen Teilen in seinen Taschen gelandet – und sicher nicht nur in seinen. Das Volk haust derweil in erbärmlichen Flüchtlingscamps und wird mit Almosen abgespeist. Würde man allein die paar hundert Millionen aus Arafats Privatvermögen in menschenwürdige Wohnanlagen, Straßen, sanitäre Einrichtungen und den Aufbau einer funktionierenden Wirtschaft stecken, wäre es mit Armut und Perspektivlosigkeit schnell vorbei. Da dann aber nicht mehr viele verzweifelte Menschen übrig bleiben würden, die sich bei Bedarf eine Bombe um den Bauch schnallen, wird das Geld lieber in den Caymans investiert.

    Was die “kulturellen Hintergründe” angeht, habe ich mich vielleicht falsch ausgedrückt, wobei ich ja eigentlich geschrieben habe, dass ich, falls dies denn die Ursache für besagte Freudenfeieren sein sollte, es ohnehin nicht nachvollziehen kann (ich bin auf dem Gebiet schließlich ein Laie). Ich glaube aber, dass man es sich zu einfach macht, wenn man hier “nur” an – wie Du schreibst – Perspektivlosigkeit und Demütigungen denkt. Auch anderswo auf diesem Planeten (und in der teils doch sehr unrühmlichen Geschichte der Menschheit) wurden Menschen gedemütigt oder sahen sich extremer Perspektivosigkeit gegenüber. Mir fällt dennoch spontan kein Fall ein, in dem sich solche Freudenszenen wegen des Todes “gegnerischer Zivilisten” abgespielt hätten. Allein die Feiern nach der Bulldozer-Amokfahrt in Jerusalem waren in dieser Hinsicht geradezu spektakulär. Hierin liegt meines Erachtens eine der historischen Einmaligkeiten dieses Konflikts, die neben Perspektivlosigkeit und Armut (die sicher auch eine Rolle spielen) einfach noch andere Ursachen haben muss…

  7. #7 ali
    12. September 2008

    @Christian
    Danke für deine ausführliche Reaktion. Ich muss zugeben, ich bin diese Diskussion etwas leid und ich weiss nicht wie lange ich hier durchhalten werde (das hat nichts mit dir oder dem Blog hier zu tun).

    Immer wieder finde ich mich in einer Position wieder in der ich den Islam verteidige, etwas dass ich eigentlich gar nicht will (da ich damit genau so wenig anfangen kann wie mit jeder anderen Religion auch).

    Aber nun zum eigentlichen Thema (welches ntaürlicht nur zum Teil den Islam betrifft).

    Ich habe nicht das Feiern eines Massenmordes verteidigt. Es liegt mir auch nichts ferner als die Meinungsfreiheit irgendwelchen religiösen Fanatikern zu opfern oder Selbstzensur zu fordern. Ich habe nichts solches behauptet und du hast da wohl bei diesen Argumenten vergebens in die Tasten gehauen.

    Unsere Differenz liegt bei der Bewertung der Fernsehbilder. Wenn du 20, 30 oder meinetwegen auch 50 Idioten findest die in der Strasse tanzen, nachdem ein Massaker stattgefunden hat, ist dass zwar spektakulär für die Kamera, lässt aber keine Rückschlüsse zu, was die palästinensische (oder gar arabische) ‚Strasse’ fühlt (ein sowieso nicht wirklich brauchbares Konzept). Genau das wird aber mit solchen Bildern suggeriert und genau das ist mein Problem. Ich verneine nicht die Existenz solcher Leute (soweit reicht mein Idealismus nicht) aber ich wehre mich gegen die Interpretation wen oder was sie repräsentieren. Du kannst Bilder von feiernden zeigen, wenn solche Feiern mehr oder weniger weit verbreitet waren und genau da habe ich meine Zweifel (belegen kann ich dir das aber nicht, da ich auch nur die Bilder gesehen habe, die du gesehen hast).

    Vielleicht klärt eine Analogie meinen Standpunkt: Du wirst auch einfach solche Ansammlungen von unsympathischen Zeitgenossen finden, die in den USA der Meinung sind, dass die ‚Rapture’ bevorsteht oder Gott die USA in den Irak geschickt hat. Das sind aber nicht ‚die Amerikaner’ (obwohl das häufig so rüberkommt in den Medien hier). Wenn irgendwo in Deutschland eine Demo von Rechtsextremen stattfindet, würdest du auch nicht einverstanden sein, wenn dies als ‚Reaktion in Deutschland auf Einwanderung’ dargestellt würde (vielleicht passiert das irgendwo, ich kann dich beruhigen, in den Schweizer Medien ist mir das noch nie begegnet).

    Nun zur Faktenlage: Fast alles was du vorbringst ist Spekulation und Behauptungen die wir beide nicht wirklich überprüfen können: Die Medien ‚würden heute nicht mehr so berichten’. Arafat würde sich ganz anders an ein internes Publikum richten (ich spreche kein Arabisch, ich weiss nur, dass dies gerade weil es schwer zu überprüfen ist, ein häufiger propagandistischer Vorwurf ist). Ich weiss nicht was ‚die Menschen in der West Bank’ über die Attentate dachten um deine Frage aufzugreifen. Du aber auch nicht. Dasselbe gilt für die wahre Motivation der Atttentäter (daher müssen wir uns wohl auf Verlautbarungen stützen). Das sind alles Dinge worüber ich bestenfalls spekulieren kann (so wie du) und wir scheinen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangt zu sein. Die Art und Weise wie du die Fragen aber offen stellst suggeriert eine Antwort. Man kann sich vorstellen, wie die Menschen in der West Bank’ denken. Ich vermute du hast die Mehrheit hinter deiner Position und darum funktioniert das. Aber das funktioniert auch bei Verschwörungstheorien und ich weiss, dass das nicht dein Stil ist. Ich behaupte nicht einmal, dass deine Einschätzung falsch ist. Ich weiss es ganz einfach nicht und behaupte du auch nicht.

    So, jetzt ist es spät und ich geh schlafen. Wir können dann morgen weiter diskutieren.

    P.S.: Noch ein Disclaimer: Ich bin überzeugter Atheist und kulturell in erster Linie protestantisch geprägt und habe mit dem Islam wohl abgesehen von meinem Namen so wenig am Hut wie die meisten anderen hier. Mir gefällt aber die Stimmung nicht die in der Öffentlichkeit geschürt wird. Ich krieg das halt zu spüren, da mein Vorname häufig schon für ‚Sippenhaft’ reicht.

  8. #8 ali
    12. September 2008

    @Thilo
    Grundsätzlich stimme ich dir zu was das ‚kulturell’ betrifft. Es kann aber natürlich sein, dass nicht die Gewalt oder deren Verherrlichung kulturell ist, sondern die Tatsache dass man in den Strassen feiert. Dies würde natürlich eher von der Kamera eingefangen als die Feier am Familientisch. Eine solche kulturelle Erklärung für die Asymetrie wenn sie denn existiert würde ich akzeptieren können (was aber das Feiern von Grausamkeiten an und für sich immer noch nicht rechtfertigt).
    Gute Frage wegen den Blogs. Ich kenne keinen. Ich muss mich mal auf die Suche machen. Ich wollte sowieso schon lange einmal etwas zum Thema schreiben.

  9. #9 ali
    12. September 2008

    @Christian & Thilo
    Ich habe Christians Antwort erst jetzt gesehen. Daher nur noch ein schneller Kommentar:
    Obwohl ich der Feststellung zustimme, dass die Lebensbedingungen in den besetzten Gebieten desolat sind (und die arabischen Staaten spielen da auch häufig ein unsauberes Doppelspiel), finde ich auch, dass dies trotzdem das meiste nicht rechtfertigt. Es gibt viele Leute die Arm sind oder ohne Perspektiven und trotzdem weder Gewalt feiern noch verherrlichen. Ich glaube aber auch nicht, dass das ein Massenphänomen ist. So jetzt habe ich allen widersprochen, jetzt geht es mir besser 😉

  10. #10 Christian
    12. September 2008

    @ali: Ich hatte nicht den Eindruck, Dich irgendwie in eine Situation gedrängt zu haben, in der Du den Islam verteidigen musst oder sollst. Schon gar nicht wegen des Namens. Wenn Du Dir die Aufgabe aber selbst auferlegst, habe ich da auch kein Problem :-)

    Wenn du 20, 30 oder meinetwegen auch 50 Idioten findest die in der Strasse tanzen, nachdem ein Massaker stattgefunden hat, ist dass zwar spektakulär für die Kamera, lässt aber keine Rückschlüsse zu, was die palästinensische (oder gar arabische) ‚Strasse’ fühlt (ein sowieso nicht wirklich brauchbares Konzept). Genau das wird aber mit solchen Bildern suggeriert und genau das ist mein Problem.

    Wenn man bei uns 20, 30 oder meinetwegen auch 50 Idioten suchen würde, die den nächsten Brandanschlag auf ein Asylantenheim auf der Straße feiern würden, würde das sicher auch keine Rückschlüsse auf die Befindlichkeiten der Bevölkerung zulassen. Der Unterschied ist nur, dass bei uns keiner lange unbehelligt tanzen würde, weil weder der Staat noch der Rest der Bevölkerung dies zuließe. Dass nicht die “arabische Straße” so denkt, weiß ich auch. Dass aber der Staat solche Feiern sanktioniert und der Rest der Bevölkerung dies stillschweigend hinnimmt (oder auch abnickt), das ist es was mich stört.

    Arafat würde sich ganz anders an ein internes Publikum richten (ich spreche kein Arabisch, ich weiss nur, dass dies gerade weil es schwer zu überprüfen ist, ein häufiger propagandistischer Vorwurf ist).

    Das kann ich natürlich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, denn ich kannte ihn nicht persönlich. Wie würdest Du aber das folgende Video interpretieren:

    http://de.youtube.com/watch?v=zqFLNJEiclM

    Dass es sich hier um Arafat handelt, daran habe ich wenig Zweifel. Und ich bilde mir ein, die Bilder zumindest teilweise interpretieren zu können – auch ohne Arabisch-Kenntnisse. Selbst ohne die Untertitel versteht man doch, dass hier nicht gerade der Friedensnobelpreisträger spricht…

    Die Art und Weise wie du die Fragen aber offen stellst suggeriert eine Antwort. Man kann sich vorstellen, wie die Menschen in der West Bank’ denken. Ich vermute du hast die Mehrheit hinter deiner Position und darum funktioniert das. Aber das funktioniert auch bei Verschwörungstheorien und ich weiss, dass das nicht dein Stil ist. Ich behaupte nicht einmal, dass deine Einschätzung falsch ist. Ich weiss es ganz einfach nicht und behaupte du auch nicht.

    Das habe ich ehrlich gesagt nicht verstanden (ist vermutlich schon zu spät dafür). Dass die Mehrheit (der Bevölkerung?) hinter meinen Positionen steht, wage ich aber doch zu bezweifeln :-)

    Mir gefällt aber die Stimmung nicht die in der Öffentlichkeit geschürt wird. Ich krieg das halt zu spüren, da mein Vorname häufig schon für ‚Sippenhaft’ reicht.

    Es fällt mir schwer, mir das tatsächlich vorzustellen, auch wenn ich Deine Erlebnisse natürlich nicht anzweifeln möchte. Ich habe bisher eher das genaue Gegenteil (tatsächlich das ganz genaue Gegenteil) erlebt. Vielleicht ticken die Uhren in der Schweiz ja doch anders?

    Obwohl ich der Feststellung zustimme, dass die Lebensbedingungen in den besetzten Gebieten desolat sind (und die arabischen Staaten spielen da auch häufig ein unsauberes Doppelspiel), finde ich auch, dass dies trotzdem das meiste nicht rechtfertigt. Es gibt viele Leute die Arm sind oder ohne Perspektiven und trotzdem weder Gewalt feiern noch verherrlichen.

    Immerhin – in diesem Punkt sind wir tatsächlich genau einer Meinung (siehe auch meinen vorletzten Kommentar):

    Ich glaube aber, dass man es sich zu einfach macht, wenn man hier “nur” an – wie Du schreibst – Perspektivlosigkeit und Demütigungen denkt. Auch anderswo auf diesem Planeten (und in der teils doch sehr unrühmlichen Geschichte der Menschheit) wurden Menschen gedemütigt oder sahen sich extremer Perspektivosigkeit gegenüber. Mir fällt dennoch spontan kein Fall ein, in dem sich solche Freudenszenen wegen des Todes “gegnerischer Zivilisten” abgespielt hätten. Allein die Feiern nach der Bulldozer-Amokfahrt in Jerusalem waren in dieser Hinsicht geradezu spektakulär. Hierin liegt meines Erachtens eine der historischen Einmaligkeiten dieses Konflikts, die neben Perspektivlosigkeit und Armut (die sicher auch eine Rolle spielen) einfach noch andere Ursachen haben muss…

    Womit die Frage wieder offen wäre, woran es denn nun tatsächlich liegt. Ich würde auf den “Feind” de-humanisierende Propaganda tippen, da ich aber – wie schon festgestellt – kein Arabisch kann, bin ich da natürlich auf die Arbeit von Watchgroups angewiesen, die sicher auch ihre eigene Agenda verfolgen. Beim Betrachten der nachfolgenden Bilder kann ich mir aber zumindest vorstellen, wie denn genügend Hass zustande kommen könnte, dass auch solche “Freudenfeiern” vorstellbar sind:

    http://de.youtube.com/watch?v=6WHdWgES-Uw

    Ich vermute, dass könnte man mit Menschen überall auf der Welt machen. Genügend Propaganda und das Endresultat ist (leider) vorhersehbar…

  11. #11 ali
    12. September 2008

    @Christian
    Keine Sorge du hast mich nirgendwo reingedrängt. Ich argumentiere mich immer selber wieder in diese Position weil ich Gegengewicht geben will und habe mir das selber zuzuschreiben. Ich ärgere mich trotzdem.

    Wenn man bei uns 20, 30 oder meinetwegen auch 50 Idioten suchen würde, die den nächsten Brandanschlag auf ein Asylantenheim auf der Straße feiern würden, würde das sicher auch keine Rückschlüsse auf die Befindlichkeiten der Bevölkerung zulassen.

    Auch da sind wir uns also einig.

    Der Unterschied ist nur, dass bei uns keiner lange unbehelligt tanzen würde, weil weder der Staat noch der Rest der Bevölkerung dies zuließe. Dass nicht die “arabische Straße” so denkt, weiß ich auch. Dass aber der Staat solche Feiern sanktioniert und der Rest der Bevölkerung dies stillschweigend hinnimmt (oder auch abnickt), das ist es was mich stört.

    Hier sind wir schon nah beieinander 😉 . Es gibt eben schon solche Fälle wo eine Minderheit ein schlechtes Licht auf die grosse Mehrheit wirft. Die Frage ist nun wie repräsentativ und weitverbreitet waren diese Freudenkundgebungen im Gazastreifen (und gab es auch solche im Westjordanland)? In der moralischen Bewertung dieser Ereignisse sind wir uns zweifelsohne wieder vollkommend einig.

    Zu dem Arafat Clip. Den kannte ich sogar. Ich verstehe nur ‘Al-Kuds’ (für Jerusalem), nicht gerade hilfreich. Rückschlüsse vom Tonfall würde ich keine schliessen, arabisch klingt (in meinen Ohren zumindest) häufig aggressiv. Ist aber auch egal, denn ich glaube durchaus, dass die Übersetzung korrekt ist. Ich kann sie aber weder kontextualisieren, noch kulturell interpretieren (Sprache muss immer auch kulturell verstanden werden). Ich weiss auch nicht ob dies einfach anekdotenhaft ist. Die Frage lautet wieder: Inwiefern repräsentieren diese Bilder etwas typisches oder inwiefern sind sie singulär (vielleicht ist ihm damals einfach eine Sicherung durchgebrannt, kommt bei Politikern durchaus vor). Last but not least pflegte Arafat wohl die unter Politikern weitverbreitete Tradition, das zu liefern, was das Publikum hören will. Umgekehrt könnte ihm also vorgeworfen werden intern auf ‘Falke’ zu machen aber eigentlich kompromissbereit zu sein gegen Aussen und Jerusalem zu ‘opfern’. Aber wir wollen hier kaum das politische Erbe von Arafat diskutieren (die Bilanz wäre wohl durchaus durchzogen).

    Das habe ich ehrlich gesagt nicht verstanden

    Mmh, da war auch etwas viel Copy-Paste. Das Problem lag nicht bei dir, es ist tatsächlich alles andere als klar. Ich versuchs nochmals:

    Du schriebst:

    Denkst Du, dass den Menschen in der West Bank das auch bewußt ist? Woher wissen wir, was die Attentäter motiviert hat?

    Dass sind Fragen die gar nicht beantwortet werden können. Daher wäre mein Ansatz, dass man ohne Indizien nicht darüber spekulieren sollte, da wir sowieso eine Tendenz haben würden, unsere Meinungen zur Sache zu bestätigen.

    Was die ‘Mehrheit der Bevölkerung’ betrifft und die geschürte Stimmung: Wohl wieder etwas wo wir einfach unterschiedliche Perzeptionen haben. Ich kann natürlich auch keine allgemeinen Schlüsse aus meinen persönlichen Erfahrungen ziehen. Vielleicht ist es in der Schweiz tatsächlich anders, da mehr politische Debatten öffentlich stattfinden und man da ziemlich viel unappetitliches und schlicht dummes sich anhören muss (ein Post zur unsäglichen Minarettinitiative. ist geplant).

    Ich würde auf den “Feind” de-humanisierende Propaganda tippen

    Auch da sind wir uns einig. Ich bin sogar naiv und idealistisch genug zu glauben, dass es solche indoktrination braucht um Menschen dazu zu bringen anderen Menschen Leid zuzufügen. Genau dies ist meine Sorge wenn ich hier von der ‘geschürten Stimmung’ schreibe. Der Islam oder die arabische Kultur wird als ‘gewalttätig’ dargestellt. Sie ist dies aber nicht mehr aber auch nicht weniger als andere Kulturen und Religionen. Ich stelle eine Tendenz fest, eine gewisse Überlegenheit zu konstruieren und darum reagiere ich auch sensibel wenn solche Bilder gezeigt werden und allgemeingültigkeit suggeriert wird. Die Medienkompetenz der meisten Menschen geht nicht sehr weit und ich glaube nicht, dass viele fähig sind, solche Bilder korrekt einzuordnen.

  12. #12 adviser
    15. September 2008

    Ein “schwarzer Montag” und einer der dramatischsten Tage der Wall-Street-Historie. Mehr als ein Jahr nach Ausbruch der Kreditkrise erlebt die US-Finanzlandschaft laut Experten ihre dramatischste Umwälzung seit der Großen Depression.

  13. #13 Filmriss
    25. Oktober 2010

    Sehr feige von diesem Blog, keine Stellung zu der “Verschwörungstheorie” 9/11 zu beziehen.