Einem Autor muslimisch-kreationistischer Bücher ist es gelungen, Dawkins Webseite wegen “blasphemischer Inhalte” durch ein türkisches Gericht sperren zu lassen.

Der britische “Guardian” berichtet:

A Turkish court has banned internet users from viewing the official Richard Dawkins website after a Muslim creationist claimed its contents were defamatory and blasphemous. Adnan Oktar, who writes under the pen name of Harun Yahya, complained that Dawkins, a fierce critic of creationism and intelligent design, had insulted him in comments made on forums and blogs.

Bereits zuvor war es Oktar zweimal gelungen, mißliebige Webseiten zensieren zu lassen:

It is the third time Oktar and his associates have succeeded in blocking sites in Turkey. In August 2007 Oktar persuaded a court to block access to WordPress.com. His lawyers argued that blogs on WordPress.com contained libelous material that the company was unwilling to remove. Last April, he made a libel complaint about Google Groups, which was subsequently blocked.

Wer sich noch nicht genug gruselt, kann gerne noch auf Oktars persönlicher Webseite seine Gedanken zu “Judentum und Zionismus” nachlesen:

Adnan Oktar stellte nach seiner Recherche die Tätigkeiten der Zionisten in unserem Land fest, und sah das diese von seinem geheimen Orden, die Freimaurerei durchgeführt wird. Es existierte ein geheimer Einfluß der Freimaurerei auf einem sehr großen Kreis wie Staatsangehörigen, Akademikern, Bürokraten, Politikern und Medienkonzernen. Ihre Hauptaufgabe war die moralischen und religiösen Werte unseres Volkes stufenweise zu zerstören; und sie, wie es in einer Verse der abgeänderten Thora angegeben ist, zu “Feldtieren” umzuwandeln.

Dass so jemand vor einem türkischen Gericht erfolgreich eine Zensur von Dawkins einfordern kann, spricht wahrlich Bände…

…Wir entschuldigen die Unterbrechung und geben wieder zurück zur üblichen “Wie böse evangelikale Christen den Biologieunterricht bedrohen”-Diskussion…

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Kommentare (18)

  1. #1 isnochys
    19. September 2008

    Hat das wohl Konsequenzen auf die Eingliederung in die EU?
    Gitbs in der EU Länder, die so massiv Zensur betreiben?

  2. #2 ali
    19. September 2008

    …Wir entschuldigen die Unterbrechung und geben wieder zurück zur üblichen “Wie böse evangelikale Christen den Biologieunterricht bedrohen”-Diskussion…

    Warum war dieser Zusatz nötig? Die Existenz gefährlicher Idioten bei der einen Gruppierung ändert nichts an der Existenz der Idioten in der anderen. Auch nicht wenn du dich den einen näher fühlst als den anderen.

    Ich vermute er steht da, wegen deines ist Eindrucks, dass alle auf den Christen rumhacken, aber niemand die Muslime aufs Korn nimmt.

    Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass dieser Zusatz einem Artikel folgt, der die Sperrung einer Website zum Thema hat, die den Atheismus propagiert.

    Oktar ist ein gefährlicher Idiot aber dies gilt auch für fundamentalistische Christen die Schöpfungsmythen zu Wissenschaft deklarieren wollen. Da sind wir uns ja wohl auch einig. Warum die einen gegen die anderen ausspielen? Für mich macht es keinen Unterschied welcher Aberglaube zur Rechtfertigung herangezogen wird, egal ob Hasenpfoten, Koran oder Bibel. Ist das bei dir auch so oder hast du eventuell Präferenzen?

    P.S.: Entschuldige, dass die evangelischen Christen in diesem Thread doch zum Thema werden wo es doch um einen muslimischen Kreationisten geht, aber das hast du wohl dieses Mal dir selber zuzuschreiben.

  3. #3 Christian Reinboth
    19. September 2008

    @ali: Das war mir schon klar, dass dieser eine Satz mir verbale Schelte einbringt. Ich habe ihn trotzdem in den Post aufgenommen, und zwar genau aus dem Grund, den Du schon vermutest. Allein schon wenn ich daran denke, was für teils hysterische Artikel es zur hessischen Ex-Kultusministerin Woff gab, die lediglich geäußert hatte, sie fände es nicht grundfalsch, wenn eine konfessionell-christliche Schule im Biologieunterricht in einem Nebensatz auf die Schöpfungsgeschichte hinweist. Vom Kreationismus hatte sie sich damals noch im gleichen Atemzug distanziert und sich erbeten, an den Schulen kein kreationistisches Gedankengut zu vermitteln.

    Das Rücktrittsgeschrei hat damals keine zwei Tage auf sich warten lassen. Ich sehe immer noch die SpOn-Artikel vor mir, mit Headlines wie “Kultusministerin bedient sich der Sprache der Kreationisten” oder “Kreationismus auf dem Vormarsch – bald keine Evolution mehr an deutschen Schulen?”. Der totale Wahnsinn und in etwa vergleichbar mit der hysterischen Überreaktion der Presse zum LHC-Start…

    Auf der anderen Seite herrscht Schweigen im Blätterwald, wenn ein türkisches Gericht erst wordpress, dann Google Groups und jetzt Richard Dawkins zensiert, weil ein türkischer Kreationist (und Holocaust-Leugner) sich dadurch verunglimpft sieht, dass ihm jemand öffentlich seine Fehler nachweist. Zur Zeit arbeitet der Mann übrigens daran, auch Dawkins Bücher in der Türkei verbieten zu lassen. Eine diesbezügliche Headline auf SpOn oder FOCUS ist mir bis jetzt entgangen.

    Nun könnte man sagen, dass dies etwas damit zu tun hat, dass sich solche Vorgänge nicht im eigenen Land abspielen. Dagegen spricht, dass Vorstöße von Kreationisten in den USA der deutschen Presse in der Regel immer eine Headline wert sind. Die Tatsache, dass in einem EU-Beitrittskandidaten solch massive Zensur vor sich geht, sollte unserer Presse zumindest so viel Aufmerksamkeit wert sein wie die Ergebnisse irgendeiner Schulvorstandssitzung in Ohio. Den Aufschrei, der durch die Presse gehen würde, würde ein US-Bundesgericht die Dawkins-Webseite aufgrund der Klage eines Evangelikalen zensieren, möchte ich mir gar nicht ausmalen. Ich finde, hier wird mit zweierlei Maß gemessen – und genau das wollte ich mit dem Satz auch andeuten…

  4. #4 student_b
    19. September 2008

    Naja, imho ist die USA und die Türkei nicht vergleichbar.

    Mir fällt auf die Schnelle keine Idee auf, die in den letzten 50 Jahren aus der Türkei in Westeuropa importiert wurde. Hingegen kommen viele Entwicklungen die in der USA passieren über kurz oder lang zu uns.

    Sei es die Terror-Panikmache, Überwachungsstaat oder eben die Kreationisten. Und ob die Türkei wirklich einmal der EU beitreten wird ist ja auch äusserst umstritten.

    Klar wäre es wünschenswert wenn unsere Presse ihren Blick auch etwas in den Osten wirft, und nicht immer nur nach Westen, aber wenn’s um den Einfluss geht den die beiden Länder schlussendlich auf Westeuropa haben, ist die USA viel dominanter.

  5. #5 Thilo
    19. September 2008

    Daß sich die deutsche Presse über Äußerungen der hessischen Kultusministerin stärker echauffiert als über Ereignisse in der Türkei ist doch wohl normal. Übrigens hatte Frau Wolff in dem Interview keineswegs von “Nebensätzen im Biologieunterricht” gesprochen, sondern von “fächerübergreifenden und -verbindenden Fragestellungen”. Als hysterisch kann man die Reaktionen darauf wohl nur bezeichnen, wenn man ignoriert, welche Eigendynamik solche Debatten in den USA ja offensichtlich schon bekommen haben. Es ist ja wohl auch kein Zufall, daß Frau Wolff für ihre angeblichen “Nebensätze” viel Zuspruch von Radikalen erhielt (während etwa vom örtlichen katholischen Bistum ein Protestbrief kam, man wünsche keine Religion im Biologieunterricht, und die Ev.KHN als Reaktion klarstellte, die biblische Schöpfungslehre sei “keine wissenschaftliche Theorie” und ihre unmittelbare Einbeziehung in den Biologieunterricht “nicht sinnvoll”).

    Aber auch sonst verstehe ich den letzten Satz nicht. Sollen jetzt hier auf scienceblogs Koalitionen zwischen Evangelikalen und Atheisten zur gemeinsamen Abwehr des Islam geschmiedet werden? Oder was soll das? (BTW: wieviele Muslime gibt es eigentlich in Sachsen-Anhalt?)

  6. #6 ali
    19. September 2008

    Ich finde dieses “wenn ‘wir’ [und darum geht es dir ja vermutlich] das gleiche tun, dann hacken alle auf ‘uns’ rum” Argument nicht sehr fruchtbar. Kontrafaktuale werden mich von nichts überzeugen, wenn wir uns über die Grundannahmen nicht einig sind. Es kann sein, dass mit zwei Ellen gemessen wird. Es kann aber genau so gut sein, dass du einem confirmation bias unterliegst. Du scheinst aber nur eine der beiden Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, dies dafür mit Überzeugung. Auch Anekdoten bringen uns da nicht weiter.

    Mich erinnert das ein wenig an die Rechte in den USA (und übrigens auch teilweise in der Schweiz) die den Medien pauschal vorwirft links zu stehen und davon inzwischen weite Kreise der Bevölkerung überzeugt hat. Jetzt ‘weiss’ man einfach ‘dass das so ist’.

    Mich würde es ehrlich interessieren, wie du meine Frage beantwortest:

    Für mich macht es keinen Unterschied welcher Aberglaube zur Rechtfertigung herangezogen wird, egal ob Hasenpfoten, Koran oder Bibel. Ist das bei dir auch so oder hast du eventuell Präferenzen?

    Noch zum EU Beitritt: Gemäss meinem Verständnis ist die Durchsetzung von Presse- und Meinungsfreiheit und gewissen Rechststaatlichen Prinzipien eine Bedingung für die Türkei um in die EU aufgenommen zu werden. Das ist auch Recht so. So zu tun als ob solche Einschränkungen der Freiheit ignoriert würden wenn es um den Beitritt geht, stimmt schlicht nicht und genau das Gegenteil ist der Fall.

    Ich weiss nicht was du so liest, aber in den Publikationen die ich konsumiere kriegt die Türkei einerseits und die Islamisten andererseits durchaus ihr Fett ab (NZZ, Economist, BBC, NYT).

    Ansonsten stimme ich student_b zu was die Unmittelbarkeit der ‘Bedrohung’ angeht.

  7. #7 Christian Reinboth
    19. September 2008

    @Thilo: Mir ist schon bewusst, dass Ereignisse in Hessen in der Berichterstattung eine größere Rolle spielen (müssen) als solche in der Türkei. Dies ändert nichts daran, dass es seit Jahren regelmäßig Presseberichte über “school boards” im US-Hinterland gibt, wenn diese über Evolution vs. Kreationismus debattieren. Auf der anderen Seite wird in einem EU-Beitrittsland aufgrund von Beschwerden eines Kreationisten munter eine Webseite nach der anderen zensiert (WordPress.com mit all den gehosteten Blogs und Google Groups haben ja einen gewissen Umfang) ohne dass es die Presse für berichtenswert hält. Dies halte ich für bedenklich und wollte es mit dem bewußt spitz formulierten Schlusssatz vermitteln, was mir ja offenbar auch gelungen ist.

    Gegen Zuspruch von “Radikalen” kann sich übrigens niemand wehren. Beispiel: Sowohl Castro als auch die Hamas haben sich offen für Barack Obama ausgesprochen. Was sagt das über Obama als Kandidaten aus? Genau so ist es auch zu beurteilen, wenn Wolff Beifall aus der falschen Ecke bekommt. Soweit mir das bekannt ist, hat sie lediglich die Auffassung verteidigt, dass eine Schule in christlicher Trägerschaft das Recht haben sollte, im Biologieunterricht auf die Schöpfungslehre hinzuweisen, sie aber weder zu unterrichten noch kreationistische Schulbücher zu verweden. Ich halte das für einen nicht undiplomatischen Ansatz. Dass die Idee auch bei vielen Kirchenvertretern durchgefallen ist, ist mir bekannt, nicht zuletzt deshalb wurde sie ja auch verworfen. Die reißerischen Schlagzeilen, die einen fast befürchten ließen, die Evolutionslehre werde in Hessen bald abgeschafft, waren dennoch überflüssig.

    Dass sich ausgerechnet Scienceblogs für die “Schmiedung eine Koalition zwischen Evangelikalen und Atheisten zur gemeinsamen Abwehr des Islam” eignen würde, halte ich für eine ziemlich gewagte Vermutung. Die Frage “Wieviele Muslime gibt es eigentlich in Sachsen-Anhalt?” ist auch überflüssig, denn sie impliziert zumindest indirekt, dass man sich nur auf Basis persönlicher Erfahrungen eine Meinung bilden kann. Das erinnert mich an einen Studenten, der unseren VWL-Prof in einer Vorlesung zum Thema Effekte des Mindestlohns auf die Beschäftigung glatt gefragt hat, wie viele Arbeitslose er eigentlich persönlich kennt. Als dem Professor keine einfielen, wurde ihm von etlichen Studenten spontan das Recht abgestritten, über das Thema Arbeitslosigkeit überhaupt eine eigene Meinung haben zu dürfen 😀

    Oder wieviele Evangelikale gibt es in Münster? 😀

  8. #8 Christian Reinboth
    19. September 2008

    @ali: Tatsächlich geht es mir in keinster Weise ums “wir”, denn ich gehöre nicht zu den Evangelikalen und kann mit evangelikalen Standpunkten in der Regel nur sehr, sehr wenig anfangen. Im Gegensatz zu einigen meiner Kollegen gehöre ich aber auch nicht zu denen, die sich ausgerechnet von den Evangelikalen ständig verfolgt fühlen und befürchten, diese würden nichts lieber tun, als wissenschaftliches Arbeiten zu verbieten.

    Was den bias betrifft gebe ich Dir Recht. Zur Sicherheit habe ich nochmal Spiegel, Focus, Sueddeutsche, Faz und Zeit abgecheckt – und keine hatte die Dawkins-Story. Ich kann daher an dieser Stelle nur wiederholen, dass ich es stark zu bezweifeln wage, dass dies auch so wäre, wenn ein US-Gericht ähnlich entschieden hätte. Du bist offensichtlich anderer Meinung – und da wir kaum einen Versuch durchführen können, um einen der beiden Standpunkte zu belegen…

    Ich gebe allerdings zu bedenken, dass es mir um deutsche Medien ging, und Du als Kontrapunkt vier ausländische Medien (NYT, NZZ, BBC, Economist) genannt hast. Widerlegt sehe ich mich dadurch nicht unbedingt…

    Was Deine Frage betrifft: Zunächst einmal handelt es sich bei Koran und Bibel nur um Bücher, die für sich genommen noch keinen “Aberglauben” konstituieren können, daher vermute ich einfach mal, dass Du mich eigentlich fragen wolltest:

    Für mich macht es keinen Unterschied welcher Aberglaube zur Rechtfertigung herangezogen wird, egal ob Islam oder Christentum. Ist das bei dir auch so oder hast du eventuell Präferenzen?

    Dazu kann ich nur sagen, dass ich weder Islam noch Christentum als Aberglaube abqualifizieren würde, da ich “Aberglaube” für ein ebensolches Totschlagargument halte wie “das hat Gott mir persönlich gesagt”. Gegen beides kann man sich nicht mehr verteidigen: Wenn Gott es gesagt hat, dann ist es eben so und der andere hat automatisch Unrecht. Gleichfalls gilt: Wenn jemand einem Aberglauben anhängt, ist er eben ein verwirrter Idiot und kann ebenfalls unmöglich Recht haben.

    Als Protestant habe ich gelernt, meinen Glauben mit meiner Arbeit in Einklang zu bringen, und lebe damit sehr gut. Ich sehe auch prinzipiell keinen Grund dafür, warum Wissenschaftlichkeit und Glaube sich ausschließen müssten. Für die Fundamentalisten beider Seiten dürfte dies nicht gelten, und Oktar gehört hier sicherlich zu den gefährlicheren. Die Frage ist meines Erachtens nach immer, welchen Einfluss man ihnen zugesteht. Wer alles Mißliebige gerichtlich wegzensieren lassen kann, hat davon sicher mehr als jemand, der einfach nur eine Meinung über den Schulunterricht öffentlich vertritt – egal wie unsinnig die auch sein mag. Will sagen: Wenn es dem ersten Evangelikalen geligt, in Deutschland ein Bio-Lehrbuch wegen Blasphemie gerichtlich verbieten zu lassen, dann fange ich an, mir darüber ernsthaft Sorgen zu machen. Bis dahin ist es mir sicher gestattet, meinen Blick auch dorthin schweifen zu lassen, wo eine solche Zensur tatsächlich stattfindet.

  9. #9 Thilo
    19. September 2008

    Also, ehrlich gesagt, verstehe ich schlicht und einfach nicht, was Du uns eigentlich sagen willst. Die Auseinandersetzungen zwischen Kemalisten und Islamisten, in die ja vermutlich auch dieser Gerichtsentscheid einzuordnen ist, sind sicherlich ein wichtiges Thema, dem sich auch Wissenschaftsblogs widmen sollten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das Dein Anliegen war.

  10. #10 ali
    19. September 2008

    Tatsächlich geht es mir in keinster Weise ums “wir”, denn ich gehöre nicht zu den Evangelikalen und kann mit evangelikalen Standpunkten in der Regel nur sehr, sehr wenig anfangen.

    Warum meinst du denn, sie in Schutz nehmen zu müssen?

    und da wir kaum einen Versuch durchführen können, um einen der beiden Standpunkte zu belegen…

    Meine Rede. Du stelltest jedoch diese Behauptung wiederholt auf, wie sie ein Faktum wäre (hier zumindest implizit). Genau so könnte ich jetzt sagen, die Meldung wurde nur nicht aufgenommen, weil es sich um einen Atheisten handelt. Wäre es eine christliche Website gewesen hätten sich alle darauf gestürzt. Doch bei so einer Behauptung würdest du wohl (zu recht) zumindest Indizien verlangen die in diese Richtung weisen.

    Dass du die Geschichte bei den von dir zitierten Medien nicht gefunden hast belegt wenig. Vielleicht war die Story zu unwichtig? Hast du zum Beispiel irgendwas über die Anklage (durch einen Staatsanwalt!) in Italien wegen Papstbeleidigung gelesen? Oder vermutest du, dass ist weil man die Katholiken schont und wären es Evangelikale in den USA gewesen, hätte man sich darauf gestürzt?

    Ich sehe auch prinzipiell keinen Grund dafür, warum Wissenschaftlichkeit und Glaube sich ausschließen müssten.

    Das sei im Privaten jedem selbst überlassen. Probleme entstehen normalerweise, wenn jemand das eine mit dem anderen mischen will. Die beiden Konzepte funktionieren aber grundverschieden.

    Wer alles Mißliebige gerichtlich wegzensieren lassen kann, hat davon sicher mehr als jemand, der einfach nur eine Meinung über den Schulunterricht öffentlich vertritt – egal wie unsinnig die auch sein mag.

    Diese Meinung vor allem von einer Person in öffentlicher Funktion, ist unsinnig und sie wurde anscheinend entsprechend dafür angegriffen. Da habe die Medien ja ihre Funktion als vierte Gewalt wahrgenommen. Wo liegt denn für dich das Problem? Hätte man jedes mal noch auf Paragraph 301 des türkischen Strafgesetzbuchs hinweisen sollen?

    Ich kann mich dem Eindruck nicht verwehren, dass es dir eben gar nicht um die Zensur geht, sondern darum mit dem Finger auf einen Islamisten zu zeigen um dann zu sagen, “die unseren sind gar nicht so schlimm”. Daran störe ich mich weil ich dieses Argument für müssig und irrelevant halte.

    Noch zu meinem Gebrauch des Worest ‘Aberglaubens’: Ich habe das Wort bewusst benutzt weil ich sehe qualitativ keinen grossen Unterschied, habe aber angenommen, dass du einen siehst. Ich vermute in genau dieser Befangenheit das Problem. Für mich ist das alles dasselbe (das mit den Büchern war wohl etwas salopp dahingeschrieben, ich benutzte sie einfach als Symbole für die Religionen).

  11. #11 Tobias
    20. September 2008

    Und ich finde diese Stellvertreterdebatte hier müssig und irrelevant, ums mit Alis Worten zu sagen. So viele Kommentare wegen diesem einen Satz?
    Tatsache ist: Internetzensur ist nicht ok. Wenns in China passiert regen sich alle drüber auf und machen sich Gedanken, ob das mit dem olympischen Gedanken noch vereinbar ist. Wenn das in einem Land geschieht, dass gerne der EU beitreten möchte, ist das auf jeden Fall ein Aufschrei wert. Auch in Deutschen Medien.

  12. #12 Christian Reinboth
    20. September 2008

    @ali: Seufz. Dabei wollte ich gar keine Endlos-Diskussion darüber anzetteln, welche Religion die schlimmeren Vertreter zu bieten hat, sondern einfach nur darauf hinweisen, dass die Meldung über die Dawkins-Zensur meines Erachtens nach zu wenig mediale Aufmerksamkeit erfährt (von wegen EU-Beitritt und so) und dass ich mir gewünscht hätte, dass SpOn & Co die Geschichte ebenso würdigen wie z.B. diese hier:

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,379334,00.html
    (Museumsdirektor veröffentlicht kreationistisches Buch)

    oder diese hier:

    http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,395948,00.html
    (11 Eltern verlangen Kreationismus-freien Unterricht in Lebec, CA)

    oder auch diese hier:

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,508204,00.html
    (Richard Dawkins wütend über Interview für den Film “Expelled”)

    Alle diese Geschichten sind SpOn eine Meldung wert gewesen, die dreifache Zensur des Internets durch Kreationisten aus der Türkei ist es nicht. Das schlägt jetzt sicher meine subjektive Wahrnehmung durch, aber auch die kann ich ja durchaus mal vertreten 🙂

    Was die anderen Aspekte Deines Kommentars betrifft, bin ich zu müde, um mich jetzt noch zu einer langen Antwort hinreißen zu können – das wird bis Montag warten müssen… Ich erinnere aber mal an eine Deiner Aussagen aus einer anderen Diskussion (noch gar nicht so lange her):

    Immer wieder finde ich mich in einer Position wieder in der ich den Islam verteidige, etwas dass ich eigentlich gar nicht will (da ich damit genau so wenig anfangen kann wie mit jeder anderen Religion auch).

    Vielleicht geht es mir mit den Evangelikalen ja ähnlich 🙂

  13. #14 Thilo
    20. September 2008

    Offtopic: das Frühjahr über gab es hier auf dem Blog ja immer sehr interessante Beiträge über Wind- und Solarenergie.
    Auf dem Gebiet gibt es eigentlich auch in letzter Zeit viel berichtenswertes, z.B. die Offshore-Windparks, die Diskussion um neue Kohlekraftwerke, die Krise der spanischen Solarindustrie, natürlich auch die Rolle des Themas im US-Wahlkampf.
    Das bringt vielleicht nicht so viele Kommentare und Seitenaufrufe wie Islamkritik oder Richard Dawkins, ist aber eigentlich viel interessanter, finde ich.

  14. #15 ali
    20. September 2008

    @Tobias
    Wenn es um die Kritik an (islamischer) Internetzensur gehen würde und darauf hingewiesen werden sollte, hätte ich vermutlich nicht reagiert. Hier wurde aber eine andere Behauptung eingeschmuggelt. Die Geister die Christian rief…

    @Thilo
    Ich finde Islamkritik durchaus interessant. Ich wünschte mir diese aber auf der Basis von Fakten und nicht auf der eines Bauchgefühls der Benachteiligung.

    @Christian
    Na dann bis am Montag. Ich wünsche ein erholsames Wochenende. Nur noch eine Anmerkung: Ich habe geschrieben, dass ich es Leid sei den Islam zu verteidigen nicht die Islamisten. Du verteidigst aber Evangelikale nicht das Christentum (oder eben doch, womit wir dann wieder beim ‘wir’ angelangt wären). Ich tue dies widerwillig, weil es mir um Toleranz, Religionsfreiheit und die Bekämpfung von Vorurteilen geht, nicht weil diese Leute etwas mit mir teilen.

  15. #16 Thilo
    20. September 2008

    @ Ali: So war es natürlich auch gemeint.
    Im konkreten Fall: die politischen Entwicklungen in der Türkei sind natürlich ein sehr wichtiges Thema. Wobei (in der Türkei) andere Themen dabei offensichtlich eine größere Rolle spielen als Debatten über Dawkins. Also etwa (bisher nicht realisierte) Forderungen aus der Regierungspartei nach Gebetsräumen in Schulen, nach Strafgesetzen gegen Ehebruch oder übrigens auch nach Internetcafe-Verbot für Minderjährige. Worüber in den deutschen Medien ja auch oft berichtet wird.

    @ Christian: Mich würde mal interessieren, was passierte, wenn deutsche Medien NICHT mehr über rechte Fundamentalisten berichten. Dann hieße es vermutlich, die Medien schweigen unliebsame Meinungen tot, das ganze ist eine große Verschwörung usw.

  16. #17 Thilo
    22. September 2008

    Inzwischen folgt sogar Spiegel-Online den Themenwünschen der scienceblogs:
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,578838,00.html
    Ging ja recht schnell 🙂
    Wobei das Interview m.E. vor allem zeigt, daß es unabhängg vom kulturellen Hintergrund eine starke Tendenz gibt, die Wirklichkeit dem eigenen Weltbild anzupassen. Besonders skurril ist natürlich Oktars Versuch, Bin Laden zum Materialisten und Darwinisten umzudefinieren.
    Zitat: “Diese Leute sind nicht immer so, wie sie in ihrer Jugend erscheinen. Wenn man sie auf ihren echten Glauben überprüft, erkennt man, dass sie im Grunde Materialisten und Darwinisten sind. Für einen Menschen, der Allah fürchtet, ist es unmöglich, Terrorakte durchzuführen. Solche Taten werden von Leuten begangen, die im Ausland studiert haben und eine darwinistische Erziehung hatten, die Darwin verinnerlicht haben und sich später Muslime nennen.”
    Erinnert irgendwie an deutsche Debatten über Filbinger & Co oder Baader & Co.

  17. #18 ali
    23. September 2008

    @Thilo

    Bin Laden von der Evolutionslehre getrieben? Wow, der zeigt aber viel Einsatz beim Zurechtbiegen der Realität. Irgendwie finde ich dafür seine Haltung zu ID irgendwie konsequent. Wenn schon Stuss, dann richtig.

    Sehr gut gefällt mir auch das Ende des Interviews:

    SPIEGEL ONLINE: Im Mai dieses Jahres wurden sie aber von einem türkischen Gericht dafür verurteilt, eine illegale Organisation gegründet zu haben – zum Zweck Ihrer persönlichen Bereicherung.

    Adnan Oktar: Ja, ich wurde in der Tat beschuldigt, Chef einer kriminellen Organisation zu sein. (..) Aber das muss erst noch vom Berufungsgericht bestätigt werden. Es existieren keine Beweise, die ich für akzeptabel halte.

    Justiz scheint für ihn genau so zu funktionieren wie Biologie: Er alleine entscheidet was als Fakt zu gelten hat und was nicht.