Wie die Sueddeutsche heute in ihrer Online-Ausgabe berichtet, will die Korruptionseinheit der Staatsanwaltschaft in Stockholm die Vergabe des Nobelpreises an den deutschen Mediziner Harald zur Hausen (HPV-Virus) untersuchen.

Hinter der Preisvergabe vermutet man offenbar handfeste materielle Interessen:

In die Kritik geriet seine Auszeichnung, weil zwei Mitglieder des Nobelkomitees enge Verbindungen zum Pharmakonzern Astra Zeneca haben, der viel Geld mit Impfstoffen gegen HPV verdient.

Auch gegen andere Juroren wurden Vorwürfe wegen Bestechlichkeit laut: Die Staatsanwaltschaft Stockholm leitete in dieser Woche eine Voruntersuchung wegen Korruption ein, bei der es um China-Reisen von Mitgliedern der Jurys für die Preise in Medizin, Physik und Chemie geht.

Mir fällt es momentan eher schwer zu glauben, dass an den Vorwürfen etwas dran sein soll. Enge Verbindungen zu Pharmakonzernen sind bei fachkompetenten und international bekannten Juroren im Medizin-Bereich per se vermutlich nicht ungewöhnlich. Ich wage außerdem zu bezweifeln, dass sich ein Impfstoff wegen der Vergabe des Nobelpreises an den Entdecker der zugehörigen Krankheit bedeutend besser verkauft. Die Krankheit existiert schließlich auch ohne Nobelpreis…

Man wird abwarten müssen, was die Untersuchung der Stockholmer Beamten zu Tage fördert. Hoffentlich kommt es in den deutschen Medien nicht gleich zu einer Vorverurteilung – Storys über die “Pharma-Mafia” und ihre Vernetzungen kommen ja bekanntlich immer ganz gut an – und da in diesem Fall auch noch das sensible Impf-Thema berührt wird…

Die Impfgegner jedenfalls dürften sich über diese Meldung freuen. Ich sehe schon die Threads in den einschlägigen Foren: “Pharma-Mafia besticht das Nobelkomitee zwecks Werbung für HPV-Impfung” – natürlich mit mindestens fünf Ausrufezeichen…

Kommentare (10)

  1. #1 Chris
    19. Dezember 2008

    Ich wage außerdem zu bezweifeln, dass sich ein Impfstoff wegen der Vergabe des Nobelpreises an den Entdecker der zugehörigen Krankheit bedeutend besser verkauft.
    Contra. Die Krankheit existiert unabhängig, klar. Aber die Bekanntheit, die Verbindung Virus macht Krebs, das ist ein entscheidender Punkt, der bei der Kundschaft kommuniziert werden muss. Und hier hat der Nobelpreis sicherlich maßgeblich dazu beigetragen.
    Ungeachtet der Fragestellung, ob und was von wem gezielt beeinflusst wurde.

  2. #2 Christian Reinboth
    19. Dezember 2008

    @Chris: Die “Kundschaft” für Impfstoffe sind doch aber eigentlich eher die Mediziner und nicht die breite Öffentlichkeit. Letztere wird sicher durch die Nobelpreis-Vergabe eher auf den Zusammenhang Virus -> Krebs aufmerksam – aber spielt das wirklich eine große Rolle? Die meisten Menschen wissen doch vermutlich auch kaum etwas über Polio oder TBC (mich eingeschlossen), und lassen sich auf Empfehlung ihres Arztes trotzdem dagegen impfen, bzw. der Arzt empfiehlt die Impfung nicht erst auf Nachfrage des Patienten…

    Oder ist wirklich davon auszugehen, dass der Nobelbreis für einen Arzt ein stärkeres Incentive darstellt, eine Impfung zu empfehlen, als der bereits zuvor von zur Hausen erbrachte Beweis des Zusammenhangs zwischen Virus und Krebserkrankung?

    Gibt es eigentlich eine HPV-Impfstatistik? Eventuell bin ich ja auf dem Holzweg und man kann im Nachgang der Nobelpreis-Vergabe wirklich einen Anstieg in der Zahl der Impfungen erkennen…

  3. #3 Thorsten Zantis
    19. Dezember 2008

    @Christian: Gerade diese Impfung, die sich an Mädchen bis ca. 13 richtet, wird von besorgten Eltern wohl bei ihren jeweiligen Ärzten schon angefragt werden, was die Zielgruppe doch erheblich vergrößert. Und während ich finde, daß es zu früh ist, um sie uneingeschränkt empfehlen zu können, hat mein Hausarzt ein Werbeposter dafür im Wartezimmer hängen. Hm…

  4. #4 Chris
    19. Dezember 2008

    Die “Kundschaft” für Impfstoffe sind doch aber eigentlich eher die Mediziner und nicht die breite Öffentlichkeit.
    Nochmal Contra. Warum laufen die Werbespot mit Testimonials wohl zur Primetime im Fernsehen? Weil dort die ganzen Ärzte zu vermuten sind? Das wäre ein großer Streuverlust. Werbung wird eigentlich so geschaltet, dass sie die Zielgruppe möglichst effektiv abdeckt. Wären die Ärzte die Zielgruppe, dann würde die Werbung nur in den Ärtzeblättern stattfinden. Das Ziel ist etwas überspitzt: Mutter sieht die Werbung und will ihre Tochter schützen. Geht zum Arzt: “Ich habe da gehört, dass….können sie das mal machen”

  5. #5 Christian Reinboth
    19. Dezember 2008

    @Chris: Da ich aus Prinzip über keinen Fernseher verfüge, ist diese Kampagne an mir vorbeigegangen… TV-Spots lassen ja aber in der Tat keinen anderen Schluss zu, als das Werbung bei den Patienten betrieben wird. Das Modell würde doch aber trotzdem nicht funktionieren, wenn die Ärzte selbst nicht von der Wirksamkeit überzeugt wären. Sonst würde die Antwort ja lauten: “Nee, das lassen wir besser…”. Und wenn die Ärzte erst mal überzeugt sind, dann sollten sie die Impfung doch auch von sich aus empfehlen…

  6. #6 Marcus
    19. Dezember 2008

    mhm, schwieriges Thema.
    Ob an der Sache was dran ist, muss sich erst noch erweisen. Ungeschickt war es auf jeden Fall.

    Wenn es um Meinungsführerschaft geht, weil die Daten die meisten sowieso nicht verstehen, ist das Gewicht eines Nobelpreisträgers sicherlich ein Pfund. Und mit der Zielgruppe hat Chris sicher recht. Werbespots mit Jette Joop im Vorabendprogramm, die über ihre Tochter spricht oder Sätze wie: “Entscheiden Sie sich für das Leben”, sind ja nicht auf die Ärzteschaft gemünzt. Da ist schon viel Druck erzeugt worden, was sehr ungewöhnlich war.

    Hat sowas mal jemand für die Masernimpfung gesehen?

    Aber wie gesagt, es muss sich erst mal erweisen, ob an der Sache was dran ist (so schwer das auch ist). Es entsteht aber wie so oft ein G´schmäckle. Ich finde es schade für zur Hausen, weil seine Entdeckung wirklich eine tolle Sache ist.

    Ärgerlich das.

  7. #7 Jane
    19. Dezember 2008

    @Chistian: Volle Zustimmung zu Deinem Artikel, v.a. was die Impf-Spinner angeht.
    Allerdings war im Zuge dieser Korruptions-Ermittlungen einiges zu lesen, was einen doch nachdenklich macht, z.B. über gesponsorter Reisen des Nobel-Komitees nach China etc. Vor dem Hintergrund ist es vielleicht ganz gut, wenn da mal genauer hingeschaut wird.

  8. #8 Marcus
    19. Dezember 2008

    kurze Korrektur meinerseits zu meinem Kommentar oben:
    bitte austauschen: “Entscheiden Sie sich für das Leben” durch “Liebe Mutter, dies zu wissen, kann das Leben Ihrer Tochter retten!” ich habe wohl die kampagnen verwechselt. Der zweite Satz stammt von Plakaten und Infobroschüren für Gardasil, die in Apotheken u.ä. aushingen/auslagen (Quelle: arznei-telegramm). Der erste Satz habe ich zwar irgendwie unter HPV abgespeichert, aber ich finde die Quelle nicht mehr. Um also korrekt zu bleiben, muss man das korrigieren.

    Ob der zweite Satz besser ist als der zweite, darüber kann man streiten. Ich geh jetzt aber in Weihnachtsurlaub.

  9. #9 Benedict
    6. Januar 2009

    “Pharmakonzern Astra Zeneca […] der viel Geld mit Impfstoffen gegen HPV verdient”…
    ich kenne nur 2 HPV-Impfstoffe: Gardasil/Silgard von Merck und Cervarix von GlaxoSmithKline.
    Wenn ich jetzt auf die Seite von Astra Zeneca schaue finde ich nichts zu einem HPV-Impfstoff.
    Bitte um Aufklärung.

  10. #10 Christian Reinboth
    6. Januar 2009

    @Benedict: Astra Zeneca hat laut Medical News Today im Jahr 2007 ein kleineres Unternehmen aufgekauft, welches wiederum Patente für die Produktion einer Komponente hält, die in beiden HPV-Impfstoffen eingesetzt wird:

    http://www.medicalnewstoday.com/articles/133985.php

    Ob damit allerdings schon viel Geld wurde, sei mal dahingestellt. So stand es jedoch in der Süddeutschen, aus der ich hier angesichts der Diskussion über den Skandal oder eben auch Nicht-Skandal zitiert habe.