Alarmsignal für den Naturschutz: Im Wirtschaftsministerium ist man offenbar der Meinung, Naturschützer würden Vorkommen seltener Tiere „erfinden”, um Straßenbauprojekte zu blockieren. Eine ministeriale Verschwörungstheorie?

Der Focus (Print-Ausgabe 3/2009, Seite 116) berichtet:

Um Investitionen zu beschleunigen, will Bundeswirtschaftsminister Michael Glos den Naturschutz überdenken: Teure, Zeit raubende Umweltverträglich-keitsprüfungen, die Gefahren für Tier und Pflanze aufspüren sollen, würden zum Missbrauch einladen. Jedermann könne „mit nicht nachgewiesenen Behauptungen auf Vorkommen seltener Spezies insbesondere Verkehrs- investitionen” blockieren. Beliebte Phantomtiere seien dem Vernehmen
nach die „sehr scheue Haselmaus”, Feldhamster und Mopsfledermaus.

Deutlicher kann man es kaum ausdrücken: Im BMWi glaubt man, das Vorkommen seltener Spezies von einzelnen Naturschützern und/oder ganzen Organisationen gefakt werden, um Straßenbaumaßnahmen zu blockieren. Konkrete Hinweise auf ein solches Verhalten werden im Artikel nicht benannt, dafür spricht aber die Wortwahl Bände („Phantomtiere”, „die sehr scheue Haselmaus”). Eine Verschwörungstheorie von ganz weit oben?

Fast scheint es so, der Pessimist in mir befürchtet jedoch etwas ganz anderes. Denn wie wahrscheinlich ist es, dass Herr Glos hier vorpresscht und über seine Pressestelle derartige Behauptungen in den Medien streuen lässt, wenn nicht wenigstens ein konkreter Beispielfall für ein Fehlverhalten vorliegt, den man bei Bedarf wie ein Kaninchen hervorzaubern kann?

Natürlich wäre es selbst angesichts eines solchen Falles ein absolutes Novum, wenn ein Gesetz nur deshalb außer Kraft gesetzt würde, weil “es zum Mißbrauch einlädt”. Auf Anhieb würden mir da vom Gleichstellungsgesetz über die Pendlerpauschale bis hin zu diversen Sahnestücken der Steuergesetzgebung etliche Vorschriften und Gesetze einfallen, die in sehr viel größerem Maß “zum Mißbrauch einladen” und deren Abschaffung trotzdem nie jemand ernsthaft fordern würde…

Und so bleibt das Gefühl, dass hier versucht werden soll, mit äußerst dubiosen Argumenten quasi “durch die Hintertür” die Verträglichkeitsprüfung als ein wesentliches Element des Umweltschutzes auszuhebeln, um so den Weg für Straßenbauprojekte frei zu machen, die sowohl ökologisch als auch ökonomisch in die Sackgasse führen. Sowas geht – da bin ich mir sicher – nur in autoverrückten Deutschland. Denn wie stellte Solarblogger Franz Alt schon vor fast zehn Jahren treffend fest:

Ökologische Verkehrswende heißt Abschied nehmen von einer Verkehrs-politik, die sich als Autopolitik versteht. Die Monokultur Auto ist so wenig lebensfreundlich wie jede Monokultur. Sie zerstört unsere Überlebens- elemente Wasser, Luft und Boden und die Nerven der Menschen. Und sie führt exakt in die Immobilität. Manchmal sind im Radio die Staunachrichten schon länger als die Weltnachrichten.

Jahr für Jahr gibt es neue Rekordmeldungen für Autostaus. Der bisherige Spitzenwert liegt bei 140 Kilometer Stau zwischen Hamburg und Flensburg. Der deutsche Mensch verbringt am Ende dieses Jahrhunderts mehr Stunden im Stau (67) als beim Sex (40) pro Jahr. Welch armselige Lebensqualität!

Die Abkehr von der Autopolitik – noch lässt sie wohl auf sich warten, wie Straßenbau-Konjunkturprogramm und Abwrackprämie überdeutlich zeigen. Wenn nun aber auch noch im Fahrwasser der Kreditkrise sozusagen als Förderung der Straßenbau-Branche neue Regeln für Verträglichkeitsprüfungen durchgedrückt werden sollen, dann ist das Ende der Fahnenstange wirklich bald erreicht. Es existieren weiß Gott auch noch ganz andere Möglichkeiten zur Konjunkturförderung als Straßenbau um jeden Preis – und das weiß man auch im BMWi.

Solange natürlich jeder Politiker sich im Kampf für neue Straßen und niedrigere KFZ-Steuern zum Volkshelden stilisieren lassen kann, solange ist das Incentive einfach zu groß, immer wieder nach Schema X zu fördern und zu fordern. Dass nun aber auch Verschwörungstheorien von Phantomtieren und bösen Umweltschützern in die Welt gesetzt werden, das eröffnet leider ganz neue Dimensionen. Da kann man wirklich nur hoffen, dass dieser offensichtliche Profilierungsversuch nicht über das Larvenstadium hinaus gedeiht…

Kommentare (18)

  1. #1 Fischer
    19. Januar 2009

    Ich glaube ich kann dich beruhigen: Mit erfundenen Tieren lässt sich hierzulande denn doch kein Bauprojekt stoppen, dazu ist das ganze Verfahren viel zu aufwendig, mit Gutachten, Gegengutachten und Antigegengutachten…

    Glos ist einfach ein sehr schlichtes Gemüt. Erinner dich mal an den Anfang seiner Amtszeit, als er so offensichtlich ahnungslos dahergekommen ist, dass sich alle über ihn lustig gemacht haben.

  2. #2 Christian Reinboth
    19. Januar 2009

    @Fischer: Allein schon die Aussage, in Deutschland würden “Phantomtiere” erfunden, um den Straßenbau aufzuhalten, ist meines Erachtens aber ein genaues Hinsehen wert, unbenommen vom Realitätsgrad des Statements. Es zeigt doch deutlich, mit welchen Bandagen man offenbar zu kämpfen bereit ist, wenn es um die Verteidigung des Straßenbau-Konjunkturplans geht. Und es ist schon starker Tobak wenn hier quasi ein ministerialer Pressesprecher die Vorstellung in die Welt setzt, Naturschützer würden Vorkommen bedrohter Tiere auch gerne mal erfinden, um der Wirtschaft zu schaden…

  3. #3 Fischer
    19. Januar 2009

    Naja, er behauptet ja nicht, dass das passiert, sondern nur dass man es seiner Meinung nach kann. Ansonsten wären die Ministeriumsjuristen wahrscheinlich auch im Dreieck gesprungen.

    Und dass Tierschützer in Pressemitteilungen durchaus gerne mal Dinge erzählen, die sich, sagenwirmal, mit der Realität nicht völlig decken, habe ich in den letzten Monaten mehrfach erfahren müssen. Siehe unter anderem hier.

    Aber dreist ist das schon, eine derartige Unterstellung so offen und demonstrativ zu instrumentalisieren. Erinnert mich ein bisschen an “Shock Doctrine” von Naomi Klein. Da geht’s u.a. darum, wie die Industrie Krisen nutzt um unliebsame Gesetze loszuwerden.

  4. #4 Christian Reinboth
    19. Januar 2009

    Naja, er behauptet ja nicht, dass das passiert, sondern nur dass man es seiner Meinung nach kann.

    Prinzipiell richtig. Aber wie vielen Lesern eines solchen Artikels wird dieser feine aber juristisch bedeutsame Aspekt auffallen. Beim durchschnittlichen Leser kommt bei dieser Wortwahl doch nur an “Naturschützer erfinden Tiere um den Straßenbau aufzuhalten”. Und genau das soll vermutlich auch ankommen…

    Das gelegentliche “Übertreiben im Dienste der guten Sache” halte ich im übrigen für brandgefährlich. Auch Klimaskeptiker freuen sich über nichts mehr, als wenn im TV wieder mal versucht wird, jedes Gewitter und jeden Schneefall auf den Klimawandel zu schieben. Alles nur Wasser auf die Mühlen derjenigen, die gerne das gesamte Thema als Unsinn abstempeln würden. Ebenso verhält es sich mit Übertreibungen auf anderen Gebieten, wie beispielsweise dem Tierschutz. Deswegen gleich die Vorschriften ändern zu wollen, ist natürlich hahnebüchen…

  5. #5 Wolfgang Flamme
    19. Januar 2009

    Also zumindest für Mainz ist das Vorkommen zahlreicher Phantomtiere bestätigt:
    http://www.wiesbadener-kurier.de/politik/objekt.php3?artikel_id=2753553

    Zu den Echsen: Im Budenheimer Steinbruch, wo es ja seit langem eine stabile Population gibt, sind die zahllosen Neuankömmlinge sicher furchtbar herzlich von ihren Artgenossen empfangen worden. Und falls dieses Jahr eine Bestandsschätzung durchgeführt wird, muß man natürlich die 600 Tiere, die ja inzwischen hinzugekommen sein müssen, addieren.

  6. #6 Anna
    20. Januar 2009

    und dann waren da noch die Kiebitze, die den dreispurigen Bau des Mainzer Rings vor etlichen Jahren verhindert haben, die aber nie einer gesehen hat.
    Und heute geben die Naturschützer zu, dass es wohl keine Population je gab, nur mal einen einzelnen Kiebitz auf Durchreise….
    Grüne wollten sich profilieren und haben es geschafft. Und 20 jahre lang jeden tag Stau für die Pendler, denen man natürlich auch nur bezahlbare Unterkunft im Umland anbot.

  7. #7 Christian Reinboth
    20. Januar 2009

    @Wolfgang Flamme: Keine wirklich guten Gegenbeispiele, denn offenbar existieren die Tiere ja in beiden Fällen und wurden nicht “erfunden”. Die Frage, wie viel Geld man in eine Umsiedlungsaktion steckt, ist doch eine ganz andere als die, ob geschütze Tierbestände grundsätzlich irgendwie “gefakt” werden. Wobei auch nicht vergessen werden sollte, dass, wenn es um die Verschwendung von Steuergeldern geht, noch ganz andere Größenordnungen existieren.

    Vielleicht kann man sich ja darüber streiten, ob 200.000 Euro für den Schutz von Mauerechsen eine zu hohe Summe sind – ein besonders krasses Beispiel von Steuerverschwendung ist es jedoch mit Sicherheit nicht. Bei mir um die Ecke sind z.B. in den letzten drei Jahren 10 Millionen Euro in drei staatlichen Casinos (d.h. Zockertempeln) versenkt worden, in die praktisch niemand geht und die daher vermutlich immer wieder neues Geld brauchen werden. Dagegen sind 200.000 Euro für die Umsiedlung von Mauerechsen doch Peanuts.

    Außerdem ist das Geld gar nicht schlecht angelegt, denn Mauerechsen bzw. Mauereidechsen (die, nehme ich mal an, gemeint sind) stehen auf der Roten Liste, sind also stark gefährdet und haben laut Bundesartenschutzverordnung den Status “besonders geschützt”.

  8. #8 Christian Reinboth
    20. Januar 2009

    @Anna: Natürlich gibt es in den Mainwiesen Kiebitze (Schultheisweiher!). Da mir nicht ganz klar ist, wo genau der Mainzer Ring verläuft, kann ich leider nicht sagen, wie dicht das an den Beständen dran ist, bzw. konnte zu den Schlagworten “Kiebitz” und “Mainzer Ring” auch keinen Zeitungsartikel finden. Dem Kommentar entnehme ich aber, dass man offenbar geprüft hat, ob im betroffenen Gebiet eine Population existiert und dann zu dem Schluss gekommen ist, dass dies nicht der Fall ist. An dieser Vorgehensweise kann ich prinzipiell nichts falsches erkennen – oder sollte man vielleicht erst mal mit dem Bau beginnen und dann nachschauen, ob man vielleicht gerade geschütze Tiere ausmerzt? Und was dann? Bricht man dann das Bauprojekt ab? Wer wollte die Kosten dafür übernehmen?

    Der einzige Grund so zu verfahren ist doch der, dass den Autofahrern mit auf diese Weise beschleunigten Projekten Unannehmlichkeiten erspart werden. Die zentrale Frage scheint mir daher zu sein, ob uns der Naturschutz diese Unannehmlichkeiten wert sein sollte oder nicht. Das möge jeder für sich selbst entscheiden, ich jedenfalls halte es mit Franz Alt: Solange wir statt einer Verkehrspolitik in weiten Teilen noch eine reine Autopolitik betreiben, verschließen wir uns selbst den Weg in die verkehrspolitische Zukunft.

  9. #9 Wolfgang Flamme
    20. Januar 2009

    @Christian

    Gute Beispiele, die ein Nichtvorkommen einer Tier- oder Pflanzenart belegen, sind naturgemäß äußerst schwer zu finden. Zuletzt kann man ja immer argumentieren, daß sich ohne den Eingriff irgendwann einmal bestimmt ein seltenes Lebewesen eingefunden hätte – oder daß Lebewesen, die derzeit als häufig eingestuft werden, künftig womöglich selten werden, so daß ein Eingriff, der derzeit unproblematisch erscheint, sich zukünftig als nachteilig erweisen könnte.

    Dieser Ansatz ist nicht praktikabel, deshalb kann es also nicht um reines Vorkommen/Nichtvorkommen gehen, sondern darum, wie stark der Eingriff sich auswirkt. Nach diesem Kriterium macht es sehr wohl einen Unterschied, ob auf einem potentiellen Baugelände 80 oder nur 20 Hamster behauptet werden.

    Was hier deutlich zu erkennen war: Daß die Naturschutzbehörden das Gelände für erheblich feldhamstergeeigneter hielten als es die Hamser selbst taten. Wenn also selbst die Experten keinen Schimmer haben, wie ein feldhamstergeeignetes Territorium aussieht, wie will man dann effektiven Naturschutz betreiben, vor einem Hintergrund aus Ahnungslosigkeit und eklatanten Fehleinschätzungen?

    Vor diesem Hintergrund sehe ich auch die Umsiedlungsaktion der Mauereidechsen. Wer seine Nase gelegentlich in den Wind reckt, findet sie hier. Wo es trocken und sonnig ist und zerklüftetes, deckungsreiches Gelände vorliegt, kann man sie mit etwas Muße finden. An den steinigeren Stellen unserer Weinberge, in den Steinbrüchen, in den Hangabbrüchen am Laubenheimer Hang, in den kleinen Bauschuttrestflecken direkt neben dem Edeka-Parkplatz in Laubenheim. Es ist ganz trivial: Die Echsen sind so häufig oder selten wie die geeigneten Biotope. Man kann die Häufigkeit der Echsenvorkommen anscheinend erhöhen, wenn man hier eine Wagenladung Schottersteine auf eine sonnige Trockenwiese kippt. Aber man kann ihre Häufigkeit nicht dadurch erhöhen, daß man eine Wagenladung Echsen in ein bereits von Echsen besiedeltes Biotop kippt. Auch nicht, wenn’s eine viertelmillion Euro kostet und sich so naturschützerisch-wohltuend anfühlt.

  10. #10 Christian Reinboth
    20. Januar 2009

    @Wolfgang Flamme: Meinem Kenntnisstand nach fallen Mauereidechsen unter die höchste Schutzstufe. Wenn Sie in der Ecke um Mainz noch in größeren Stückzahlen vorkommen, ist das natürlich erfreulich. Der Schutzstatus bemißt sich aber nicht an der Frage, wie viele Eidechsen es im Umfeld einer bestimmten Stadt gibt, sondern wie viele bundesweit noch existieren. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet nehme ich an, dass die Schutzeinstufung der Eidechse schon seinen Grund haben wird.

    Ergo kann man ein von Eidechsen besiedeltes Biotop nicht einfach zerstören, ohne sich um die Echsen zu kümmern. Die bestmögliche Lösung zur Umgehung dieses Problems wäre es (a) auf die Baumaßnahme ganz zu verzichten oder (b) an bislang ungeeigneter Stelle ein geeignetes Biotop zu schaffen und die Echsen dorthin umzusiedeln.

    Beides wäre vermutlich mit noch höheren Kosten verbunden, als die jetzt gewählte, sicherlich nicht optimale Lösung (da mir nicht sicher zu sein scheint, ob nicht zwischen den Echsen sofort eine Art Verdrändungswettbewerb einsetzt und man die Population damit schädigt). Wenn die Alternative aber darin besteht, ein Biotop an anderer Stelle zu schaffen und die Echsen dann umzusiedeln, fallen die Kosten für die Umsiedlung von 200.000 Euro immer noch an, zusätzlich aber auch Kosten für die Neuschaffung ggeigneten Lebensraumes von 500.000 Euro, 600.000 Euro, 700.000 Euro?

    Aus Sicht des Naturschutzes wäre das natürlich eine bessere Lösung – dies direkt nach der optimalen Lösung, das ursprüngliche Biotop gleich ganz in Ruhe zu lassen. Aber – Hand aufs Herz – welche dieser beiden Lösungsansätze wäre Ihnen denn wirklich lieber?

  11. #11 Christian Reinboth
    20. Januar 2009

    Es ist ganz trivial: Die Echsen sind so häufig oder selten wie die geeigneten Biotope. Man kann die Häufigkeit der Echsenvorkommen anscheinend erhöhen, wenn man hier eine Wagenladung Schottersteine auf eine sonnige Trockenwiese kippt.

    Ohne jetzt viel von den Anforderungen dieser Echsen zu verstehen, wage ich doch zu bezweifeln, dass die Lösung so trivial ist. Wenn es nichts weiter bräuchte als eine Wiese und ein paar Steine, stünden die Tiere sicher nicht auf der roten Liste. Hier bei mir vor Ort wird beispielsweise schon seit Jahren daran gearbeitet, die Bachforelle wieder in allen Gewässern heimisch zu machen. Das wiederum ist nicht so trivial, da es hierfür auch mehr braucht, als “ein bisschen Wasser und ein Kiesbett”. Tatsächlich stellt die Forelle nicht nur hohe Anforderungen an die Wasserqualität, sondern auch an die Beschaffenheit des Grundes, außerdem müssen Fischaufstiege gebaut und gewartet werden etc. pp.

    Keine Ahnung, wie das bei den Eidechsen ist, aber deren Platz auf der rosten Liste lässt mich doch zumindest vermuten, dass Steine und Gras nicht die einzigen Voraussetzungen sind, die man für ein geeignetes Biotop benötigt…

  12. #12 Wolfgang Flamme
    20. Januar 2009

    Nun, die Sache ist natürlich nicht so trivial, wie Sie sie darstellen müssen, um sich darüber lächerlich machen zu können. Andererseits ist sie auch nicht sehr viel schwieriger. Ein allgemein mildes und sonnenreiches Klima ist natürlich eine Rahmenbedingung. Reichlich frostfreie, tiefe Klüfte und Spalten zum Überwintern und Verstecken, gute Entwässerung ohne Staunässe, Sonnenplätze und niedriger bis spärlicher Bewuchs. Deshalb ist das Gleisbett bei den Tieren als Lebensraum so beliebt, weil die Tiere und die Bahn da ganz ähnliche Interessenslagen haben.

    Der Populationsrückgang hat natürlich Gründe; früher war man gezwungen, auch steile, eher karge Hanglagen zu bewirtschaften und regelmäßig zu entbuschen oder zu beweiden. Mit den herausgeklaubten Steinen wurden Grenz- und Stützmauern errichtet, die den Tieren Unterschlupf boten. Diesen Mauern setzt natürlich die Erosion und der Bewuchs mit der Zeit zu, die Ritzen verschlammen, es bilden sich Eiskeile, dann muß ausgebessert und verstärkt werden. Heute macht sich kaum jemand mehr diese Mühe und wenn, dann wird die Sache stabil und dauerhaft zementiert. Von größeren Rodungen, die Wärmeinseln im Wald schufen, ist man auch abgekommen, ebenso vom Betrieb der zahllosen kleinen Steinbrüche unweit der Dörfer, die Buschwerk und Wald inzwischen zurückerobert haben. Auf- und Abbrüche an Steillagen und Böschungen werden heute gesichert, befestigt oder dicht bepflanzt, um der Erosion keinen Vorschub zu leisten, dazu kommen die homogenisierenden Flurbereinigungen der letzten Jahrzehnte, wildernde Hauskatzen, Rückgang der Bejagung von Fuchs, Wildschwein, Dachs im Kulturraum sowie Vogelschutzmaßnahmen für zB Krähen und Elstern, Kraniche und Störche.

    Wundern muß man sich über den Rückgang also eigentlich nicht. Andererseits ist es auch nicht allzu schwer oder kostspielig, an klimatisch geeigneten Standorten Abhilfe zu schaffen.

  13. #13 Wolfgang Flamme
    20. Januar 2009

    Aber noch einmal eine Frage zu ‘Euren’ Forellen (nehme ja mal an, es sollen Bachforellen sein): Vom Hörensagen kam mir zu Ohren, daß es mit Besatz oftmals klappt, daß aber die Reproduktion regelmäßig ein Problem ist, weil dazu das Gewässer sehr heterogen strukturiert sein muß. Wie sind denn da die aktuellen Erkenntnisse?

    PS:
    Gerade gefunden; dieser Herr hier behauptet ähnliches:
    http://www.wasserkraft.org/aktuelleinfo_seite27.htm

  14. #14 Klima-Fraktal
    22. Januar 2009

    @Wolfgang Flamme

    Das Lösungen zur Ansiedlung von Mauereidechsen doch manchmal sehr trivial sind und nicht aufwendig und kostspielig sein müssen, kann ich Ihnen nur bestätigen.

    In einer aufgeschichteten Naturstein-Trockenmauer und einer Naturstein-Teicheinfassung alles in sonniger Lage haben sich bei uns ungewollt seit ca. 3 Jahren schon einige Mauereidechsen, Zauneidechsen und Kammmolche angesiedelt.
    Ich hoffe nur, dass Naturschutzämter nicht darauf aufmerksam werden und mir einen Uhu an den Zaun hängen.

  15. #15 Christian Reinboth
    22. Januar 2009

    @Wolfgang Flamme: Wo mache ich mich denn über irgend etwas lustig? Wenn das so rübergekommen sein sollte, war dies nicht meine Absicht. Mir ging es lediglich darum, dass man bei einer Tierart, die auf der Roten Liste geführt wird, eigentlich generell davon ausgehen kann, dass geeignete Biotope rar sind und nicht ohne großen Aufwand künstlich geschaffen werden können. Sollte es im Falle der Mauereidechsen tatsächlich so sein, dass die Schaffung neuer Lebensareale doch eher einfach zu bewerkstelligen ist, dann stellt sich in der Tat die Frage, warum die Tiere in ein Areal umgesiedelt werden, in dem bereits Mauereidechsen existieren, anstatt neue Habitate zu schaffen und die Tiere dorthin umzusiedeln.

    Ein durchaus legitimer Kritikpunkt, wobei mir allerdings nicht ganz klar ist, wie die Schaffung neuer Habitate und die Umsiedlung dorthin je kostengünstiger sein könnten, als die Umsiedlung in bereits existierende Habitate. Und die hohen Kosten (Stichwort: Geldverschwendung) waren doch der eigentliche Kritikpunkt, oder habe ich das falsch in Erinnerung? Ist Ihre Kritik an der Aktion denn jetzt, dass sie zu viel kostet, dass sie zu wenig kostet oder dass man sie professioneller hätte durchführen können? Und – ganz abgesehen davon – spricht doch der “Mauereidechsen-Fall” per se nicht dafür, die Verträglichkeitsprüfungen auszuhebeln. Die Frage lautet hier doch eher, wie mit den Ergebnissen umgegangen werden sollte, nicht ob die Prüfungen selbst einen Sinn machen.

    Was die Fische angeht: Mein Kenntnisstand ist, dass die Durchgängigkeit ein wesentlicher, nicht aber der allein ausschlaggebende Faktor für den Anstieg von Wildfisch-Beständen ist. Im Fall der Bachforelle, für die ich aber kein Experte bin, existieren meines Wissens nach fünf wesentliche Faktoren: die ökologische Durchgängigkeit des Gewässers, die Qualität des Wassers (Verschmutzungsgrad, Einträge der Landwirtschaft, Sauerstoffgehalt…), keine Regenbogenforellen (ein im Grunde nicht-einheimischer Konkurrent), das allgemeine Nahrungsangebot sowie das Vorhandensein von “Strömungsnischen” im Flußbett, d.h. insbesondere von größeren Steinen und /oder Nischen am Uferrand, in denen die Fische stehen können, ohne zu sehr der Strömung ausgesetzt zu sein. Letzteres deckt sich prinzipiell ganz gut mit der Forderung aus dem verlinkten Text nach Jungfischhabitaten und geeigneten Laichplätzen, wobei strömungsgeschütze Stellen.

  16. #16 Wolfgang Flamme
    25. Januar 2009

    @Christian Reinboth

    Meine Kritik an dieser und ähnlichen Aktionen ist ziemlich umfassend. Ich will – weil es gerade so schön zu Ihrer Stellungnahme paßt – mit folgendem beginnen:

    Die Kostendimension, der betriebene Aufwand und die aufwendige Professionalisierung, Verwaltung und mediale Verwertung dieser und ähnlicher Aktionen hinterlassen wohl Spuren. Ich will nicht gleich von Gehirnwäsche sprechen aber steter Tropfen höhlt den Stein.

    Da festigt sich allmählich die Überzeugung, daß effektiver Naturschutz für billiges Geld eben nicht zu haben sei, daß der geschützte Wert den Aufwand, der zu seinem Schutz betrieben wird, ganz bestimmt rechtfertigt, daß angesichts der offenbaren Dimension und Komplexität solche Naturschutzaufgaben nur hoheitlich (ggfs in Zusammenarbeit mit NGOs) und mit höchster fachlicher Kompetenz zu stemmen sind und noch einiges mehr.

    Und davon beeindruckt, ja überwältigt vergessen anscheinend viele, wie u.a. dieses Echsenhabitat überhaupt entstanden ist: In einen drainierten Auenbereich kippte ein Unternehmen jede Menge Schotter ab und verlegte darauf Bahngleise. Alle paar Jahre wurden Pflanzenvernichtungsmittel gespritzt und das Gelände ausgeputzt, um der Verbuschung entgegenzuwirken.

    Im Budenheimer Steinbruch wurde aus einem Hang Kalkstein herausgebrochen. Da sich das schon länger nicht mehr lohnt, deponiert man im unteren Teil des Bruches Abfälle. An den oberen Hängen leben die Eidechsen, in den Bauschutthalden der Deponie womöglich auch.

    Also, wieviel geballte naturschtzutzfachliche Kompetenz, Expertisen und naturschutzgebundene Ausgaben benötigte man denn damals, um diese eidechsengeeigneten Habitate zu schaffen und zu besiedeln? Und wieviel braucht man dann heute?

    Mir drängen sich solche Fragen sofort auf, Ihnen nicht?

  17. #17 Christian Reinboth
    3. Februar 2009

    @Wolfgang Flamme: In einem Punkt sind wir uns vermutlich einig – guter Naturschutz ist auch für billiges Geld zu haben. Das ist vor allem dort der Fall, wo er von Privaten und NGOs betrieben wird (ich denke da nur an die Krötenwanderungen). Wenn aber eine Behörde einen entsprechenden Schutzauftrag umsetzt, führt in vielen Fällen kein Weg an Experten vorbei, um der behördlichen Sorgfaltspflicht Genüge zu tun. Und die arbeiten nun mal nicht für lau oder für wenig Geld. Von einem promovierten Biologen kann man sicher nicht erwarten, dass er eine Expertise zum Thema Habitatumsiedlung für ein Taschengeld verfasst. Und einen Laien, der (in einfachen Fällen) vermutlich zu den gleichen Schlussfolgerungen kommen würde, kann vielleicht eine NGO beschäftigen, nicht aber eine Behörde. Was passiert denn in einem fachlich eher komplizierten Fall, der eingangs auch simpel zu sein scheint, wenn man einen Laien ranlässt? Und welche Behörde sollte dieses Risiko auf sich nehmen wollen?

    Was die generellen Arbeitsweisen deutscher Behörden angeht, ließe sich bestimmt manches optimieren – ich denke, auch da sind wir uns einig. Darauf zielt jedoch der Vorschlag von Glos nicht ab, denn hier geht es darum, die bisherigen Vorschriften auszuhebeln, um Straßenbauprojekte aus dem Konjunkturpaket schneller voran zu treiben. Und da man schlecht öffentlich zugeben kann, dass die Umsetzung des Konjunkturplans aus Sicht des BMWi Vorrang vor Interessen des Naturschutzes hat, fällt man auf unbelegte Behauptungen zurück.

    Will sagen: Über die Kosten solcher Projeke kann man sicherlich reden – das tut aber der generellen Kritik am BMWi-Vorschlag keinen Abbruch…

  18. #18 Flash
    9. Februar 2009

    Wo Rauch ist, soll ja meistens auch Feuer sein. Nehmen wir nur die Waldschlößchen brücke. Wie ich von einer tierschützenden Bekannten erfuhr, wurden die angeblich dort lebenden Mopsfledermäuse in Wirklichkeit von ganz woanders hergeholt. Sie war darüber übrigens sehr empört.

    Die umweltpolitischen Einflußnahmen bei Bauprojekten sind auf jeden Fall grotesk übertrieben, weil die entspr. Lobbys es geschafft haben, den Ballon aufzublasen. Eine oder zehn Straßen mehr oder weniger haben keinen Einfluß auf Gesamtpopulationen von Tierarten. Wo eine Brücke entsteht, kann danach ebenfalls wieder Fleder- und Haselmaus existieren, denen ist die Brücke wurscht.

    Wo ist denn der evolutionäre Impetus, daß sich die Tierarten an neue Lebensräume anpassen? Gibts das heute nicht mehr?