Von zwielichtigen Promotionsberatern und windigen Diplomarbeits-Ghostwritern ist man ja einiges gewohnt, diese freche Werbeanzeige bei Facebook hat mich dann aber doch fast umgehauen: “Wir schreiben Ihre wissenschaftliche Arbeit!”

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Geht’s noch?

Wie wäre es statt dessen mal mit “Wir fälschen Ihre Kassenbelege”, “Wir betrügen Ihre Versicherung” oder “Wir helfen bei Ihrer Steuertrickserei”?

Ach nein…das wäre natürlich illegal. Aber so ein wenig akademischer Betrug ist hierzulande ja nicht so schlimm. Geradezu ein Kavaliersdelikt. Wer will noch mal, wer hat noch nicht?

Über die Folgen macht sich natürlich kein Mensch Gedanken. Wen sollte es auch stören, wenn die Grundschullehrerin der Tochter ihre Examensarbeiten aus dem Internet gezogen hat oder der Psychologe, auf dessen Couch man sich begibt, für seine Doktorarbeit einen Ghostwriter bemüht? Alles halb so schlimm in einem Land, in dem der Internet-Handel mit allen möglichen Arbeiten – vom Aufsatz über die Zellmembran in der zehnten Klasse bis hin zur Promotion – so richtig schön blüht.

Immerhin hat der Spiegel schon vor drei Jahren “copy & paste” zum neuen Trendsport an deutschen Universitäten erklärt, während wir aus der Welt wissen, dass neun von zehn Studenten prinzipiell dazu bereit wären, eine nicht selbst verfasste Arbeit als die eigene auszugeben. Angesichts dessen ist “Wir schreiben Ihre wissenschaftliche Arbeit” nichts weniger als ein Tiefschlag gegen den gesunden Menschenverstand.

Wer schaltet denn solche Anzeigen?

Ein Klick auf das Werbebanner brachte mich auf Hausarbeiten24.com. Dort verspricht man allen Studenten, Diplomanden oder Doktoranden erstklassige Akademiker als “Berater”, die sich “ausnahmslos durch Ihre Leidenschaft für die Wissenschaft” und “ihr elementares Verlangen nach Wissen und Forschung” auszeichnen. Wie man sieht, kann man dem Betreiber wahlweise eine ziemliche Dreistigkeit oder eine gehörige Portion Selbstironie attestieren, denn natürlich würde kein Akademiker sich für einen solchen “Service” hergeben, wenn ihm die Forschung auch nur einen feuchten Kehricht wert wäre.

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Ein Blick auf die Webseite offenbart dann auch sofort, worum es eigentlich geht:

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Die Diplomarbeit als käufliches Produkt – ein Trauerspiel.

Organisiert wird es übrigens von der EPSnet -Internetstores- Dirk Bocklage, Daniel Ridders GbR in Münster, d.h. einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit einer Doppelspitze, die nicht einmal davor zurückschreckt, sogar auf XING nach neuen “freien Mitarbeitern” für “wissenschaftliche Ausarbeitungen” zu suchen. Wer also schon immer wissen wollte, wie eigentlich so ein “Ghostwriting-Service” genau funktioniert, findet in Dirk Bocklage und Daniel Ridders zwei kompetente Ansprechpartner.

Wieso um alles in der Welt ist das erlaubt?

Die Frage ist berechtigt, denn eigentlich gehören solche “Services” natürlich verboten. Um einer Abmahnung durch die EPS GbR zu entgehen, möchte ich an dieser Stelle trotzdem kurz die famose Gesetzeslücke erläutern, auf die sich die meisten dieser Dienstleister berufen. Ein “akademischer Betrug” geschieht nämlich eigentlich erst dann, wenn ein Student eine fremdverfasste Arbeit unter eigenem Namen einreicht. Dies passiert aber außerhalb des Verantwortungsbereiches der GbR, d.h. der Dienstleister stellt dem Studenten die Arbeit lediglich als “Vorlage” zur Verfügung, was dieser dann damit macht, geht auf dessen Konto:

Wir erstellen anhand konkreter Frage- und Aufgabestellungen Texte, die ambitionierten Studentinnen und Studenten als Mustervorlagen und Orientierungshilfen zur Ausschöpfung ihres eigenen Potentials dienen.

So einfach kann die Welt sein. Ganz unabhängig von der vorgeschobenen Erklärung, nur “Vorlagen” verfassen zu wollen, kann die auf Facebook geschaltete Werbeanzeige “Wir schreiben Ihre wissenschaftliche Arbeit!” meines Erachtens nach natürlich trotzdem als Einladung zum Betrug verstanden werden. Aber auch dafür wird es – da bin ich mir sicher – eine juristisch wasserdichte Ausrede geben. Der Satz “Wir unterstützen Sie bei der Erarbeitung einer Vorlage für eine akademische Arbeit, die Sie natürlich nicht einreichen dürfen oder sollen” wäre für ein 136 x 216-Banner ja auch viel zu lang gewesen…

Wem akademische Standards zumindest noch ein wenig am Herzen liegen, wird mir sicher beipflichten: Es besteht offenbar ein dringender Handlungsbedarf in Sachen “Diplom-Ghostwriting” und “Promotionsberatung”. Was aber kann man tun? Eine Petition einreichen? Eine Gesetzesinitative starten? Engagierte Akademiker finden, die das Thema in alle politischen Parteien tragen? Wie offensichtlich und destruktiv müssen solche Angriffe auf akademische Standards noch werden, bevor etwas passiert?

Kommentare (11)

  1. #1 Jörg Rings
    14. Februar 2009

    Na also wenn sie nur Mustervorlagen erstellen, dann ist “Wir schreiben Ihre Arbeit” wenigstens irreführend, oder?

  2. #2 Hans-Dieter Zimmermann
    14. Februar 2009

    Die Koferenz ‘Lernede Bibliothek 2009’ mit dem Thema ‘Wissensklau, Unvermögen oder Paradigmenwechsel? Aktuelle Herausforderungen für die Bibliothek und ihre Partner im Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens’ adressiert den Kontext dieses Posts. Beiträge sind herzlich willkommen! Link: http://www.lernendebibliothek2009.ch

  3. #3 Stephan
    17. Februar 2009

    Die meisten Lehrstühle haben eine Software, die wissenschaftliche Arbeiten scannen und mit anderen Texten aus dem Internet auf Ähnlichkeiten überprüfen. D.h. Copy & Paste wird dadurch schwierig.

    Wenn man sich die gesamte Arbeit aber individuell anfertigen lässt wird es schwierig das nachzuweisen. Dafür gibt es dann nur die so genannte “Verteidigung” bei der man so etwas mündlich überprüfen kann. Damit werden aber niemals alle Fälle aufgedeckt.

  4. #4 Tanja
    18. Februar 2009

    Ich verstehe gar nicht, warum sich jemand freiwillig um den Spaß bringt, eine solche Arbeit zu verfassen.

    OK, ich kann nur auf eine Magisterarbeit zurückblicken, aber die war auch stressig und manchmal wusste ich nicht weiter. Aber ich möchte keine Sekunde dieser Zeit missen. Und ich habe jedes Wort mit meinem eigenen Blut äh Verstand geschrieben.

    Das ist eine tolle Erfahrung und darauf freiwillig zu verzichten, finde ich ziemlich dumm.

  5. #5 Engywuck
    18. Februar 2009

    😀
    Hätte was, das Original der Arbeit handgeschrieben mit eigenem Blut abzugeben 🙂 Dummerweise bestehen diese blöden Prüfungsordnungen leider meist auf getippten Texten und einem Tintenstrahler Blut beizubringen dürfte wohl aufgrund gewisser Blutbestandteile schwierig werden…

  6. #6 Tanja
    18. Februar 2009

    @Engywuck
    Ich wette, meinem Prof hätte das gefallen. Der hätte das als besonderen Eifer gewertet 😀

  7. #7 Titel Blender
    4. September 2009

    Die ganzen Titelkauf Aspiranten sollten sich mal bei http://www.titel-kaufen.de/ informieren, vielleicht würden sie dann von ihrer Idee Abstand nehmen… wobei ich glaube, dass ein gewisser Teil der Leser gar nicht checkt, dass es Satire ist ^_^

  8. #8 Thilo Kuessner
    4. September 2009

    Eine Webseite, bei der man sogar das ‘Lieferdatum’ im Formular festlegen darf, kann doch keine Satire sein.

  9. #9 Dr. mult. Kleinschmid
    7. September 2009

    Naja, warum sollte man denn bei einem Titelkauf ein Lieferdatum angeben? Ist ja nicht so, daß man da dem Handwerker die Tür öffnen müsste. Obwohl – vielleicht um einige Schrauben im Hirn des Bestellers wieder festzuziehen …

  10. #10 Felix
    24. Dezember 2009

    für diesen Knaben wäre ein Ghostwriter sicherlich hilfreich gewesen: http://multipunkt.blog.de/2009/12/18/plagiat-7603334/ – ist entweder alles geklaut oder alles falsch…

  11. #11 peter lustig
    17. Juni 2014

    HEULT DOCH 😀 😀 😀

    ES GIBT HALT LEUTE DIE NOCH WISSEN DAS LEBEN ZU GENIEßEN STATT ES STREBERHAFT BEIM BÜFFELN AN SICH VORBEIZIEHN ZU LASSEN.

    IHR TUT MIR ECHT LEID 😛